Über die Konsequenz
Lange warst du noch den matschigen Pfad von der Taverne fort gefolgt. Du hattest das Gefühl, es sei Abstand nötig. Zwischen dir und den Menschen, dir und der Taverne, vielleicht auch dir und dem Bier. Irgendwann hattest du trotzdem dein kleines Lager aufgeschlagen, dich um wenige Momente Schlaf bemüht. Der Himmel war gnädig, und der Regen hatte mit deinen letzten Schritten für die Nacht gestoppt.
Ein Feuer knisterte in dieser Nacht nicht, und Kälte bohrte sich während deines Ausharrens immer mehr in den stumpfen Körper. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die kleine Lichtung brachen, packtest du bereits deine Habseligkeiten zusammen, richtetest dich und begabst dich zurück auf den Pfad, der Richtung, aber kein Ziel war. Die Landschaft hatte etwas Beruhigendes. Noch immer tropfte ab und an Wasser von den Ästen, fiel zu Boden und schuf hier und da bemerkenswerte Pfützen. Vor einer besonders prächtigen hieltest du inne, betrachtetest dein Spiegelbild darin.
Du hattest in der Taverne gesprochen, und trotzdem hattest du nichts gesagt. Deine Worte hatten Dinge verlautbart, über die du dich doch eigentlich bereits erhoben haben wolltest. Du wolltest Ruhe und hattest Unruhe gebracht. Keine Ordnung, keine Klarheit, sondern Gelaber. Binden Worte nicht minder als Taten? Ist das nicht die Schwere, die im Wort liegt? Nicht, dass es trifft, sondern dass es bleibt und tiefer schneidet, als es eine Klinge kann. Du löstest dich von der Pfütze und deinem Spiegelbild, nicktest dir sanft zu. Bewegung würde guttun, Bewegung würde mit dem Stillstand brechen, und Bewegung würde dir Mut geben, wieder Ordnung innerhalb deines umtriebigen Geistes zu schaffen.
Je mehr dein Weg dich weiter forttrug, desto schlechter wurde der Nachgeschmack des Bieres, der zwei Schlucke, deiner schuldhaften Einverleibung nach Wärme strebend. Es war ein Fehler, ja. Es war vielleicht aber auch ein Fehler, den du machen musstest. Deine linke Hand dankte es dir nicht. Sie war immer die erste, die sich meldete, zitterte, dir deinen Fehler aufzeigte. Der Kopfschmerz, auch wenn es nur zwei Schlucke waren, schloss sich nahtlos der Zittrigkeit an.
Die Stimmen des Abends ließen dich nicht los. Das Lachen. Das Schweigen danach. Die plötzliche Verschiebung im Raum, als du gesprochen hattest. Die Blicke, die Worte des Wirts, der Zocker, dein Abtritt. Du hattest keine Furcht vor einer etwaigen Konsequenz. Du hadertest eher mit dir selbst. Würde es jemals wieder Wärme in deinem Leben geben, die weder im Zwang noch in Sucht ihren Ursprung fand?
Gegen Mittag hörtest du das Nähern von Hufen. Drei Reiter überholten dich, beschauten dich und mühten sich um Distanz. Nur wenige Schritte später, an einer Kreuzung, hatten sie ihre Körper von den geschundenen Tieren geschwungen und … warteten. Auf dich?
Sie waren keine Jäger, Kämpfer, Krieger – eher Bauern, Landstreicher, ein seltsames Trio, das dennoch deinen Schritt verlangsamte. In einer Entfernung, die dir sowohl die Möglichkeit zur Flucht als auch zum Angriff bot, endete schließlich dein Schritt. Nicht aus Furcht, mehr aus Vorsicht und mehr aus dem Hintergedanken, einen unnötigen Konflikt vermeiden zu können.
„He, Arschloch!“
Die Stimme war plump laut, dabei viel zu bubenhaft, um drohend zu sein. Viel zu zittrig, um aus Überzeugung dir eine Beleidigung entgegenzubringen.
„Was drohst du in der Krähe? Der aaaarme Josip. Wollte in Ruhe zechen, und son Hund wie du raubst ihm mit deinem Gefasel den ganzen Spaß!“, mühte sich der Kerl zu weiteren, mutigen, unmutigen Worten.
Die anderen zwei grinsten schief, lachten, hatten die Hände verdächtig verborgen.
„Ich bring dich auch nich‘ um, aber… Josip, ne? Der will den unlustigen Abend bezahlt haben, ehm… am besten gibst du mir einfach alles, was du hast, he?“
„Ich bin Josip nichts schuldig“, mühtest du dich in ruhiger, rauer Entgegnung.
Und dennoch hatten deine Augen und Ohren bereits die Arbeit aufgenommen. Krieg, Kampf, das Taktieren lagen dir zu tief im Blut verwurzelt. Du prüftest ihre Hände, ihre Blicke, ihren Fußstand, ihre Gürtel und Beutel. Sie wollten nicht nur reden, sie wollten nicht nur deine Habseligkeiten an sich reißen. Ihre Haltung, ihre Atmung, ihr Blick untereinander verrieten sie. Sie hatten Durst, den wohl nur dein Blut stillen könnte.
„Weder ihm noch euch. Verschwindet“, ergänztest du.
Deine Stimme war fest, und einer der drei Kerle schien klüger als die anderen. Er erkannte, dass keinerlei Furcht ob der Überzahl in deiner Stimme noch in deiner Haltung lag. Dennoch hielt er seine Kameraden nicht auf, dennoch stand er wie angewurzelt. Dennoch ließ er den kleinen Kläffer weitere Worte an dich richten:
„Sieh’s als Lektion deines Herrn! Letzte Chance oder wir schlitzen dich auf.“
„Worauf wartet ihr?“ Mehr brauchte es von dir nicht.
Diesmal hattest du deine Worte klug gewählt. Sie zwangen die drei in Aktion, nicht dich. Sie schmähten sie bewusst, öffneten Raum für Unbedachtheit, für Fehler.
Der Kläffer stieß den Bären aus der Mitte voran, der sich natürlich nicht schamvoll zurückhalten wollte und den dicken Bauch zu dir voran schob. Seine rechte sauste durch einen einfachen Ausfallschritt von dir am Ziel vorbei, und dein Knie hob sich in seine Magengrube. Damit war die Luft aus dem Körper. Erst donnerte in der Folge deine linke Faust auf seine Schläfe, dann fand sein Bewusstsein mit einem unmittelbaren Kinnhaken deiner rechten ein jähes Ende. Der Bär sackte zu Boden und schlief sogleich friedvoll, blutend im Matsch der Straße.
Der Kluge stand wie angewurzelt. Der Kläffer jedoch hatte nichts verstanden. Er zückte, was sein Leben kurze Zeit später beenden würde. Einen kleinen Dolch in der Hand setzte er auf dich zu.
Wieder war nur eine kurze, geübte Bewegung notwendig, wieder sauste der erste Hieb des Kontrahenten ins Leere. Diesmal jedoch fand nicht deine Faust ihr Ziel. Du führtest seine eigene Hand mitsamt Klinge zu ihm zurück, in seinen eigenen Leib, sein eigenes Antlitz. Eure Blicke trafen sich, Blut fand den Weg von seiner Lippe, damit von seinem Innersten nach draußen. Es bedürfte keiner weiteren Aufmerksamkeit mehr, sein Leben war mit dem einen Hieb nicht nur angezählt, sondern bewusst beendet.
„Leck...mich...“, waren die letzten Worte seines Lebens.
Der Schlaue, Ängstliche schluckte schwer. In seinen Augen lag ein Zittern und eine Furcht vor dem, was sich mit Entschlossenheit zwei Schritte auf ihn zumachte.
„Geh. Und bete, dass wir uns nicht wiedersehen.“
Sein Opfer war kein notwendiges. Sein Opfer diente keinem Zweck. Leise Hoffnung machte sich in dir breit, dass dein Beispiel Wurzel in ihm finden würde, dass er den wahren Glauben und die wahre Stärke des freien Willens erkennen könnte. Er floh.

Dein Weg führte dich weiter fort. Du dachtest über deine Tat nach. Über diese Automatik, die in deiner Reaktion lag. Dennoch auch über die Bedachtheit, die du deinen Worten zuteil werden ließest.
Der Leib war schneller als der Gedanke. Vielleicht war genau das der bitterste Kern deiner Natur: dass die Ordnung deiner Reaktion tiefer saß als jede nachträgliche Deutung. Dein Körper hatte längst gelernt, was der Geist sich noch zurechtlegen musste. Ein Schritt, eine Verlagerung, eine Bewegung der Schulter — und im selben Augenblick die Antwort. In deiner körperlichen Ordnung lag Stille, in deiner geistigen jedoch war noch viel Unklarheit.
Wieder war Blut geflossen. Wieder hatte das Wort nicht beim Wort bleiben dürfen. Wieder war zwischen Erkenntnis und Schlag kaum ein Raum gewesen, in dem ein anderer Ausgang hätte wohnen können. Das war es, was dich traf. Nicht Reue in jenem weichen, selbstbezogenen Sinn, der den Menschen bloß um seine eigene Unversehrtheit trauern lässt. Es war etwas anderes. Die harte, schneidende Erkenntnis, dass in dir Wort und Konsequenz zu eng beieinander lagen. Dass andere noch meinten, sie führten ein Gespräch, während du längst an dem Punkt standest, an dem Wirklichkeit ein Urteil fordert.
Die Worte hatten zur Tat geführt. Blut war nicht aus Hass oder Gier geflossen. Blut war aus überharter Konsequenz geflossen. Dein Blick hob sich zum Himmel.
Das Grau hatte sich nicht verändert. Keine Öffnung. Kein Zeichen. Nur diese dichte, unbewegte Decke, unter der die Welt weitermachte, als wäre nichts geschehen.
„Ich wollte sprechen – nicht richten“, sagtest du leise.
„Aber du, All-Einer, du gibst mir keine Wahl.“
War das Anmaßung? Vielleicht. War es Flucht vor dir selbst? Möglich. War es dennoch wahr? Auch das.
Denn was sollte ein Mensch mit der Erkenntnis tun, dass sein Weg ihn immer wieder an jenen Punkt führt, an dem Rede nicht genügt, obwohl er sie genügen lassen wollte? Vielleicht bestand deine Prüfung nicht darin, Gewalt zu meiden. Vielleicht war sie mit deinem Weg verbunden. Vielleicht war deine Prüfung viel simpler. Kein Suchen, sondern ein Tragen, ein Ertragen der Prüfung, wenn sie einen findet.
Nicht Vergebung war dein Weg. Nicht die Begleichung von Schuld. Der Weg war der Weg. Das Weitergehen, das Nichtstillstehen, vielleicht sogar die Übernahme von Verantwortung in einer Welt, die zwischen Licht und Dunkel im Zwiespalt stand.
Stunden später fandest du einen kleinen Hain. Der Boden dort war weich, mit Moos bedeckt, das den Schall schluckte. Die Stille war ehrlich und gab dir Raum für Klarheit deiner Gedanken. Das kleine Feuer vor dir flackerte, fast fröhlich, mindestens überaus lebendig.
Dein stierender Blick lag in der Dunkelheit. Deine Klarheit formte Gedanken, die sich bisher nicht in deinem Buch gefunden hatten.
9. Gebet
Über die Konsequenz
All-Einer,
bewahre mich vor der Feigheit,
die das Notwendige meidet.
Lass weder Zweifel noch falsche Milde
meinen Willen verderben.
Mach mich verlässlich gegen andere
und unerbittlich gegen mich selbst.
Denn nur wer die Folgen trägt,
verliert das Ziel nicht aus den Augen.
bewahre mich vor der Feigheit,
die das Notwendige meidet.
Lass weder Zweifel noch falsche Milde
meinen Willen verderben.
Mach mich verlässlich gegen andere
und unerbittlich gegen mich selbst.
Denn nur wer die Folgen trägt,
verliert das Ziel nicht aus den Augen.



