[MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Sie trug ihre Ideen zu Marlan - nicht Herrn Oberst Kabo, nein sie wählte den privaten Weg, sprach es im Vertraulichen an. Alle wurden sie abgeschmettert mit "zu gefährlich" oder "zu unsicher" oder "zu abwegig". Oh, wie sie diese Antworten trafen. Wie sie diese Aussagen lähmten. Auch oder eher vor allem gedanklich.

Dann kam endlich Bewegung in die Sache. Es gab einen Plan! Und sie durfte an den Gesprächen teilnehmen. Endlich hatte die Untätigkeit ein Ende. Es sollte losgehen! Pustekuchen.

Abgesagt. Zu gefährlich.

Cecilia verstand nur die Hälfte. Es war vorher bereits gefährlich und waghalsig. Was kann einen Abbruch denn jetzt verursachen?
Es wurde versucht ihr zu erklären, doch sie konnte schon nicht mehr zuhören. In ihrem Kopf kreisten erneut die Gedanken. Sie bekam das Bild von einem Gregor Grann in einer dreckigen Robe um einen Altar robbend nicht aus dem Kopf.
Cecilia brach das Gespräch ab und eilte zu ihrem Kleiderschrank. Irritiert wurde ihr gefolgt. Sie zog ein Gewand, ein Kleid, ein Rock nach dem anderen raus, beurteilte es und warf es achtlos auf das Bett. Sie suchte etwas, was sie gut im Wald vorrankommen ließ, genauso gut darin verschwinden ließ und doch unauffällig war. Am Besten ohne Wiedererkennungswert, so lehrte Marius es ihr.
Sie wurde gefragt, was sie vor habe. Sie schwieg. Er wurde laut. Stellte Fragen. Sie reagierte mit knappen einsilbigen Antworten. Am Ende gab sie es auf, behielt am Körper, was sie bereits trug. Sie setzte einige kurze Zeilen auf, unverfänglich, aber doch gefährlich. Versiegelte den Umschlag mit einigen Tropfen Wachs, aber ohne Siegel. Sie wollte weiter.

Er stellte sich ihr in den Weg. Forderte Antworten. Sie gab welche. Er war nicht zufrieden. Ihre Antworten waren auch alles andere als Antworten.
Sie weichte aus. Stellte Gegenfragen. Reizte seine Geduld.
Alles musste verschoben werden, der Dienst rufte.
Zähneknirschend schob sie den Umschlag in die Tasche am Gürtel und ging zum Dienst.
Danach wurde die Diskussion fortgeführt.
Er forderte wieder Antworten. Sie schwieg. Er fragte nach den Beweggründen des Schweigens. Sie klagte an. Die Geduld endete an dem Punkt.

"Solange du mir nicht vertraust, werde ich dich nicht ziehen lassen."

Das saß. Die Lähmung ergriff sie wieder. Da war der Befehl. Sie musste bleiben. Sie wollte doch nur Hilfe holen, etwas versuchen. Eine Idee, die keiner wissen durfte, sonst wird es nicht gelingen. Eine Hoffnung, zerplatzt an wenigen Worten und vielem Schweigen.
Und einer musste darunter leiden: Gregor Grann.

Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Immer wieder drängte sich dieses Bild von einem verlassenen Gefangenen vor das innere Auge. Diese Tatenlosigkeit. Einen Bürger und Gläubigen einfach aufgeben zu wollen, nur weil der Westen die Wachen verstärkte. Das war nichts, was sie akzeptieren wollte.
Den Umschlag hatte sie noch immer in ihrem Büchlein am Gürtel stecken. Sie schaffte es nicht ihn zu verbrennen. Irgendwas klammerte sich an den Gedanken. Gleichzeitig lähmte sie der Befehl.

Es waren die Bürgerbriefgespräche im Rathaus, welche sie erstmalig über ein Widersetzen nachdenken ließ.
"Das Königreich Alumenas befindet sich im Krieg mit dem Alatarischen Reich... Als Bürger ergreift Ihr in diesem Konflikt Partei."
Gregor Grann hat Partei ergriffen. Mit seinem Bürgerbrief und auch seinem Dienst in der Klosterwache.
Sie hat Partei ergriffen mit ihren Bürgerbrief. Sie hat sich für den aktiven Einsatz mit dem Dienst im Regiment entschieden. Es ist verdammt noch mal an der Zeit, dass etwas passiert. Oder zumindest versucht wird. Auf jeden Fall muss Hilfe her!

Doch bevor es umgesetzt werden konnte, rief wieder einmal der Dienst.
Die Verwundeten versorgen. Den Rekruten am Leben halten, der Rekrutin beistehen, den Grafen etwas Ruhe und Erholung verschaffen.

Keine Untätigkeit und doch kein Vorrankommen.
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Jynela Dhara
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Alles auf eine Karte, warum nicht?

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Alarmglocken im alatarischen Reich hatten eine ganz eigene Art, Menschen aus dem Schlaf zu reißen. Nicht das höfliche Läuten einer Kirche, das zum Gebet im Tempel rief und auch nicht das gemütliche Schlagen einer Marktglocke, das nur bedeutete, dass jemand wieder versuchte, Kohl zu verkaufen.
Nein, diese Glocken hatten den Tonfall einer dringenden, ungeduldigen Beschwerde. Als hätten sie beschlossen, dass irgendjemand in diesem Moment etwas ausgesprochen Dummes tat (vermutlich mal wieder der Osten...) und dass es nun wirklich Zeit sei, sich darum zu kümmern.

Als das Läuten von Wetterau über die Dächer der Stadt hallte und in Rahal aufgenommen wurde, war die Garde bereits beim Appell. Gemeinsam mit der Nobilia wurde das Katapult auf der Mauer aufgebaut. Zwei Gardisten fluchten leise, weil der Flaschenzug klemmte, während unten auf dem Hof jemand versuchte, einen Balken zu befestigen, ohne sich dabei den Daumen einzuklemmen.

Jynela lehnte einen Moment am Stein der Brustwehr und betrachtete das Ganze mit verschränkten Armen.
Beim Läuten der Glocken stöhnte sie genervt auf und murrte zum Gardisten in ihrer Nähe. "Wetterau? Ernsthaft? Können dir nicht direkt vor den Toren antanzen?!".

Der Gardist neben ihr sah sie irritiert an.

Sie deutete mit dem Kinn auf das Katapult, an dem gerade vor ein paar Atemzügen noch drei Männer und Frauen gleichzeitig gezogen, gedrückt und lautstark diskutiert hatten.

"Dann hätten wir wenigstens eine offizielle Einladung zum Testen des Katapults bekommen.“

Sie stieß sich von der Mauer ab.
Sie fragte nicht lange nach Details, denn in solchen Momenten waren Details ohnehin ein Luxus, den man sich meist erst leisten konnte, wenn der Staub sich gelegt hatte und niemand mehr versuchte, einen mit scharfen Gegenständen zu durchbohren.
"Zu den Pferden!"
Der Befehl schnitt durch die Nacht und kurz darauf jagten die Pferde bereits durch das Tor von Rahal hinaus in Richtung Wetterau.

Als sie ankamen, war sofort klar, dass sie nicht zu spät waren.
Aber auch nicht früh.
Die Szene vor ihnen war bereits ein durcheinandergewirbeltes Gemisch aus Pferden, Waffen, Männern und Frauen, denen es scheinbar verflucht wichitg war zu verbergen, dass sie eine von ihnen in ihrer Gewalt hatten.
Emilia Arragar, eine Dienerin Krathors, überwältigt und von einer kleinen Gruppe Bewaffneter festgesetzt.
Und das mit einem verdammt hohem Kopfgeld, das auf sie ausgesetzt war.

Unter ihnen befand sich Helisande von Alsted, deren Talent offenbar darin bestand, Konflikte mit bemerkenswerter Entschlossenheit zu eskalieren. Mal wieder.
Und natürlich ihr Gatte, der dieses Mal nicht herunterzählte, sondern gerade dabei war, sich mit der Gefangenen aus dem Staub zuu machen.

Jynela brauchte keinen Moment, um die Lage zu beurteilen.
Befehle wurden gebrüllt als klar wurde: DIE HAUEN AB!

Aber die Garde von Rahal war keine Truppe, die viel von diesem Konzept hielt.
Flucht war für sie eher eine theoretische Möglichkeit, ungefähr so wahrscheinlich wie trockene Stiefel nach einem Marsch durch den Schlamm oder ein Quartiermeister, der freiwillig zu viele Rationen ausgab.
Außerdem galt in der Garde eine einfache Regel:
Wenn jemand davonlief, bedeutete das nur, dass man nicht mehr weit gehen musste, um ihn einzuholen.

Ihr Pferd brach vorwärts durch das Getümmel, und während um sie herum die Gardisten bereits in den Kampf eingriffen, hatte sie nur ein Ziel im Blick.
Helisande.
Die Begegnung zwischen den beiden Frauen verlief ungefähr so diplomatisch wie ein Streit zwischen zwei Wildkatzen.
Helisande entschied sich dabei für eine Vorgehensweise, die in militärischen Lehrbüchern vermutlich unter der Kategorie „aggressive Improvisation mit Körpergewicht“ geführt würde.
Sie sprang aus dem Sattel.
Direkt auf Jynela.
Der Aufprall riss beide Frauen zu Boden. Für einen kurzen Augenblick waren Pferdehufe, Rüstungsteile, Schlamm und zwei erstaunlich entschlossene Kämpferinnen zu einem einzigen chaotischen Knäuel verschmolzen.

Jynela rollte sich im Dreck, während sie den Dolch irgendwo unter Helisandes Arm nach vorne drückte. Gleichzeitig schoss ihre freie Hand nach oben und landete mit einer Faust im Gesicht der Gegnerin.

Der Schlag war ursprünglich für Heinrik gedacht gewesen.

Aber da dieser gerade nicht zur Verfügung stand, musste seine Frau als Ersatz dienen, was aus Jynelas Sicht zumindest eine gewisse praktische Eleganz besaß.

Um sie herum tobte der Kampf weiter.

Pfeile sirrten durch die Luft. Pferde drängten gegeneinander. Lingor Melia ging mit der Axt vor, während Lioras Ylais sich aus dem Dreck aufrappelte und Tanara Vasai mit ihrem Rappen versuchte, die gegnerischen Reiter auseinanderzutreiben.
Jynela kam schließlich wieder auf die Füße und riss den Blick über das Schlachtfeld.
„HOLT SIE EUCH VERDAMMT!“
Der Kampf dauerte nicht lange.
Er war hart, chaotisch und laut — aber die Garde war vorbereitet, entschlossen und vor allem wütend darüber, dass jemand auf ihrem eigenen Boden glaubte, einfach Leute entführen zu können.

Schließlich brach die gegnerische Gruppe auseinander.

Sie flohen.

Und Fainche, die Schützin, wurde gestellt.
Ein harter Schlag mit dem Schild holte sie von den Beinen. Sekunden später lagen ihre Hände in Eisen.
Als die übrigen Gegner sich schließlich zurückzogen und im Dunkel verschwanden, saß Jynela noch immer mit gezogenem Bogen auf ihrem Pferd, der Atem ging schneller, während Blut aus der Platzwunde an ihrer Schläfe langsam über ihre Haut rann.
Lingor blickte zu ihr.
„Hinterher, Hauptmann?!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ihre Stimme klang rau, aber ruhig.
„Wir haben was wir wollen.“




In der Kommandantur roch es später nach kaltem Stein, nassem Leder und dem metallischen Hauch von Blut, der sich nach einem Kampf immer in den Mauern festzusetzen schien, ganz gleich wie oft man den Boden schrubbte. Die Nacht war inzwischen vollständig hereingebrochen.

Jynela stand noch im Hof, wusch sich wenigstens grob das Blut aus dem Gesicht, einen Verband sparte sie sich auch wenn das Blut sich wieder in einer dunklen Spur bis zur Wange bahnte. Es störte sie nicht weiter. Schmerzen waren selten etwas, das ihre Gedanken lange beschäftigte, zumindest nicht, wenn es wichtigere Dinge gab.

Und heute Abend gab es wichtigere Dinge.

Sie dachte an Heinrik von Alsted.

Sie kannte ihn noch nicht lange und kaum genug, doch sie war eine gute Beobachterin und manche Dinge waren nicht zu übersehen. Menschen wie er waren zumindest manchmal berechenbar, wenn man verstand, worauf sie bauten. Heinrik war kein Räuber, kein Glücksritter und kein Fanatiker. Er war tief im Herzen Soldat wie sie auch.
Und Soldaten hatten eine sehr bestimmte Schwäche.
Sie ließen ihre Leute nicht zurück.
Diese Erkenntnis war kein Vorwurf, sondern eher eine nüchterne Feststellung. Jynela wusste es deshalb so genau, weil sie selbst nicht anders gehandelt hätte. Ganz gleich, wen der Feind in Gewahrsam hielt, wenn es einer ihrer Leute gewesen wäre, hätte sie alles darangesetzt, ihn zurückzuholen.
Um jeden Preis.

Ein leises Flattern unterbrach ihre Gedanken.
Der Vogel schoss an ihrem Kopf vorbei, als hätte er beschlossen, dass Höflichkeit in solchen Momenten Zeitverschwendung sei und ließ dabei einen kleinen, festgebundenen Zettel fallen.
Jynela nahm ihn ab und entrollte das Papier.
Die Nachricht war kurz.
Sehr kurz.


"Ich habe etwas das euch was wert ist.
Ihr habt etwas das mir etwas wert ist.
Denkmal des Nichts. Heute noch.



Sie las die Worte langsam.
Dann noch einmal.

Ein leiser Atemzug verließ ihre Lippen, während ihr Blick noch einmal über die Zeilen glitt – Soldatenstil: kurz, sachlich und so charmant wie ein Kopfstoß in Zeitlupe.
Der Tonfall war genau so, wie sie ihn erwartet hatte. Keine Drohungen, keine unnötigen Ausschmückungen, nur eine nüchterne Feststellung der Lage. Ein Soldat schrieb so etwas. Und sie hatte Heinrik bereits schreiben sehen, kannte seine Schrift, kannte seinen Stil.

Dann begann ihr Verstand zu arbeiten.

Schnell. Kühl. Präzise. Sie hatten Fainche, den Namen der Rekrutin, die eben im Kerker untergebracht wurde, hatte sie ohne jede Gewalt bekommen. Und sie hatten noch etwas anderes.
Grann.
Beim letzten Zusammentreffen hatte Heinrik deutlich gemacht, dass er diesen Mann unbedingt zurückhaben wollte. Damals hatte er sogar Drohungen ausgesprochen, um ihn herauszubekommen.

Langsam richtete sie sich auf und wandte sich vom Fenster ab.

Der Plan nahm bereits Form an, während sie noch darüber nachdachte.
Ein kleines Lächeln, kaum mehr als ein Schatten in ihrem Mundwinkel , huschte über ihr Gesicht. Ihre Schritte führten sie zum Tor, zu den Kameraden.
„Ylais.“
Der Barde, der sich gerade mit erstaunlicher Geduld bemühte, den Schlamm von seinem Stiefel zu kratzen, hob den Blick zu ihr.
„Hauptmann?“
Jynela betrachtete ihn einen Moment, als würde sie abschätzen, ob das funktionieren konnte.
Dann sagte sie ruhig:
„Könnt ihr euch verkeiden?“
Seine Stirn legte sich in Falten.
„Als Grann.“
Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen.
Dann blinzelte Lioras langsam.
Und irgendwo hinter ihm begann vermutlich bereits das Schicksal leise zu lachen.




Das Denkmal ragte dunkel gegen den Himmel, als Jynela und ihre Leute sich näherten.
Heinrik von Alsted wartete bereits.
Der Moment, in dem klar wurde, dass keiner von beiden sofort zur Waffe greifen würde, brachte eine eigentümliche Ruhe über die Szene. Es war keine wirkliche Entspannung, eher jene gespannte Stille, die entsteht, wenn zwei Gruppen schwerbewaffneter Menschen versuchen, sich gleichzeitig daran zu erinnern, dass sie eigentlich nur reden wollten.

Der Wind strich über das Denkmal des Nichts, der Ort an dem sie vor Jahren bereits gestanden und gekämpft hatte und zerrte an den Umhängen der Reiter. Pferde schnaubten unruhig im kalten Gras, während die Männer hinter Heinrik und die Gardisten hinter Jynela sich gegenseitig mit jener misstrauischen Aufmerksamkeit beobachteten, die jederzeit in Gewalt umschlagen konnte.
Jynela hielt ihr Pferd einige Schritte vor ihren Leuten. Ihre Haltung wirkte ruhig, beinahe gelassen, doch wer sie kannte, wusste, dass diese Ruhe meist bedeutete, dass sie bereits drei Schritte weiter dachte als alle anderen.
Als Jynela näher ritt, schob sie langsam die Kapuze zurück und ließ ihren Blick kurz zu Emilia Arragar gleiten.
Dann sah sie zu ihm.

„Hauptmann.“, sein Gruß war tadellos, wie immer – nur dass Heinrik ihn ein wenig zu präzise aussprach.
„von Alsted.“
Ihre Antwort kam ebenso ruhig. Die Stille zwischen ihnen war gespannt, als würden beide versuchen abzuschätzen, wie viel der andere bereits verstanden hatte.
Schließlich sagte Jynela:
„Ihr scheint euch wirklich.....bei uns wohl gefühlt zu haben.“
Heinrik erwiderte trocken:
„Dinge wurden versucht, Dinge sind gescheitert.“
Jynela ließ ihr Pferd einige Schritte näher treten.
„Ich denke wir bringen es hinter uns?“

Dann begann das eigentliche Spiel.

„Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was ihr an Grann so findet.“ Sie schob schlicht die Münzen in die Mitte des Tisches und wie bei einem guten Kartenspiel, ließ sie das Gesicht ihres Gegenübers keine Sekunde aus den Augen. Wenn er auch nur ahnte, dass sie bluffte, ließ er es sich zumindest in seiner Mimnik nicht im geringsten anmerken.

Sein Blick blieb ruhig.
„Dann habt ihr wohl nicht was ich suche oder ist dies ein perfides Spiel mich vor die Wahl zu stellen?“

Jynela hob leicht die Schultern.
„Ich befürchte.....ihr werdet konkret werden müssen, von Alsted. Ich habe zwei Gefangene. Und nach meiner letzten Information, war Grann genau derjenige, den ihr wolltet. Unter Drohungen.“
Ein schwerer Atemzug von Heinrik.
„Ihr braucht einen Sieg, dass ist gewiss.“

„Ich hatte heute meinen Sieg. Wir sind hier um zu verhandeln. Also?“

Ein paar Sekunden vergingen.
Dann sagte er:
„Wir tauschen nicht gegen Herrn Grann.“
Heinrik hatte inzwischen begriffen, dass sie ihn in eine unangenehme Lage manövriert hatte.
Er wusste, dass sie log. Und gleichzeitig konnte er sich nicht sicher sein, wo. Das war der Punkt, an dem Jynela gewinnen konnte.
Er atmete schließlich tief durch und sagte mit einer Stimme, die zwar ruhig blieb, aber einen Hauch von Anspannung verriet:
„Bringt mir meinen Rekrut.“


In diesem Moment wusste Jynela, dass sie gewonnen hatte.


Jynelas Blick ruhte ein paar Atemzüge auf ihm. Für den Bruchteil eines Augenblicks sah es fast so aus, als würde sie überlegen. In Wahrheit wusste sie längst, dass sie genau das erreichen wollte.
Doch sie ließ ihn einen Moment warten und nickte nur knapp.
Dann wandte sie sich leicht zur Seite.
„Schützin....bringt ihn weg.“
Und dann, fast beiläufig, sagte sie:
„Also soll es die Rekrutin sein? Fainche nicht wahr?“

Das kaum merkliche Zucken in Heinriks Haltung verriet ihr gerade genug. Das kaum merkliche Zucken in Heinriks Haltung verriet ihr gerade genug. Der Name war richtig und dass er heimlich lieber gehabt hätte, sie wüsste es nicht, war fast rührend. Fast.

„Ihr bekommt sie zurück. Und am besten beeilt ihr euch, wie hatten nicht viel Zeit sie so zu versorgen, wie es nötig gewesen wäre.“

Die Worte waren bewusst gewählt. Keine Drohung. Kein Spott. Nur eine sachliche Feststellung und gerade deshalb wirkten sie umso deutlicher.
Im Hintergrund setzte sich Tanara Vasai in Bewegung.
Die Rekrutin wurde herangeführt.
Gefesselt.
Geknebelt.
Ihr Zustand ließ keinen Zweifel daran, dass der Abend für sie unangenehm gewesen war. Ihr Haar klebte vom Blut an einer Stelle zusammen und ihre Haltung verriet, dass jeder Schritt des Pfedes ihr Schmerzen verursachte.
Jynela ließ ihr Pferd einige Schritte vorgehen, bis sie dicht genug war, um nach der Kapuze der Gefangenen zu greifen.
Langsam zog sie sie herunter.
Das Gesicht der jungen Frau kam zum Vorschein.
„Rekrutin.“
Die Anrede war beinahe höflich.
Für einen kurzen Moment hielt Jynela ihren Blick auf ihr, als wollte sie sich vergewissern, dass auch Heinrik das Gesicht genau sehen konnte. Dann sagte sie ruhig:
„Es war mir....ein kurzes Vergnügen.“

Die Zügel des Pferdes hielt sie noch einen Augenblick länger fest, als eigentlich nötig gewesen wäre. In diesem kurzen Moment wog sie die Situation ein letztes Mal ab.
Denn natürlich war es ein Risiko.
Ein erhebliches sogar.
Wenn Heinrik sich in diesem Moment entschlossen hätte, den Austausch einfach zu ignorieren und anzugreifen, hätten sie ein Problem gehabt. Vielleicht hätte sie Emilia noch retten können. Vielleicht auch nicht.
Doch Jynela hatte darauf gesetzt, dass er ein Soldat war. Und Soldaten trafen Entscheidungen anders als Banditen. Langsam streckte sie die Hand aus und reichte Heinrik die Zügel.

Im selben Moment trat Emilia Arragar aus der Gruppe der Gegenseite hervor.

Die Frau bewegte sich vorsichtig, ihre verletzte Schulter hielt sie etwas steif, doch ihre Schritte waren entschlossen. Als sie die Linie zwischen beiden Gruppen überschritt, schien für einen kurzen Moment jeder Atemzug auf der Wiese stillzustehen.
Niemand griff ein.
Niemand griff zur Waffe.
Die beiden Frauen passierten einander.
Dann hatte jeder wieder, was er wollte.
Der Austausch war vollzogen.
Heinrik nahm die Zügel der Rekrutin fest in die Hand und musterte sie kurz, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich noch lebte.

Dann blickte er wieder zu Jynela.
„Dies war euer Tag, Hauptmann. Mögen keine weiteren folgen.“

Jynela antwortete nicht. Stattdessen wandte sie langsam ihr Pferd.

Als sie sich abwendete, zuckte ihre Faust kurz in seine Richtung. Ein schneller, beinahe reflexhafter Ansatz eines Schlages. Eine Bewegung, die noch aus einer anderen Schlacht stammte. Aus dem dumpfen Aufprall seiner Faust, aus dem Knacken in ihrer Nase, aus dem Moment, in dem acht gegen einen plötzlich keine Rolle mehr gespielt hatten.
Der Schlag kam nicht.
Nicht heute.
Doch der Moment war bewusst gewählt.
Gerade so, dass nur er ihn bemerkte.
Heinrik zuckte.
Nicht erschrocken. Nicht einmal wirklich überrascht. Eher die kurze, instinktive Spannung eines Mannes, der mit einem Schlag rechnet und sich längst darauf vorbereitet hat. Im nächsten Atemzug stand er wieder vollkommen ruhig da, als hätte ihn nichts berührt.
Vielleicht glaubte er noch immer, sie würde es nicht wagen.
Vielleicht unterschätzte er sie noch immer.
Aber dieses eine, verräterische Zucken hatte sie gesehen.
Und das genügte.
Ein kleines, stilles Stück Genugtuung, das sie sich für später aufhob – für den Tag, an dem der Schlag tatsächlich fallen würde.

Und während ihre Leute sich bereits in Bewegung setzten und die Gruppe langsam in Richtung Rahal zurückritt, blieb Heinrik von Alsted noch einen Moment an seinem Platz zurück und sah ihnen nach.
Nicht besiegt, aber hoffentlich mit der Erkenntnis, dass der Hauptmann bereit war, Risiken einzugehen, die andere nicht einmal in Betracht ziehen würden. Sie war vielleicht nicht so groß wie er. Nicht so stark.
Nicht ganz so wortgewandt.
Nicht mit der gleichen Art von Ausbildung aufgewachsen.
Er war ein Mann der Höfe, der Schlachtlinien und Befehle.
Ein Mann, der gelernt hatte, Kriege zu führen wie andere Spiele spielten.
Jynela hingegen war in Gassen groß geworden, in denen niemand Regeln erklärte und niemand pfiff, wenn der Kampf vorbei war.
Dort lernte man früh, dass ein Kampf nicht endete, nur weil jemand zu Boden ging.
Er verlagerte sich nur.
Vielleicht glaubte Heinrik noch immer, sie wäre nur eine Gegnerin auf dem Feld, irgendwo im Hintergrund, die es auszuschalten galt. Klein, unscheinbar, unwichtig.

Doch sie war jemand anderes.

Jemand, der in Hinterhöfen und Gassen überlebt hatte, lange bevor sie jemals eine Uniform getragen hatte.
Selbst wenn Heinrik sie eines Tages erneut besiegen sollte und sie befürchtete, dass dieser Tag unvermeidlich kommen würde, dann würde er vielleicht feststellen, dass ein Sieg über sie nur der Anfang eines ganz anderen Kampfes war.
Denn Jynela war nicht nur gefährlich im Kampf.
Sie war gefährlich danach.
Und Männer wie Heinrik lernten früher oder später, dass genau das die Art Gegner war, die man niemals unterschätzen durfte.
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Helisande von Alsted
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Ausritt mit unvorhergesehener Wendung

Beitrag von Helisande von Alsted »

Jede Tochter hat eine Mutter, nicht jede Mutter hat eine Tochter.
Unbekannt


Der Herzog hatte gesprochen. Seine Worte waren vom Gewicht her zwischen Befehl und Anregung angesiedelt gewesen. Für einen großen Schlag gegen das Alatarische Reich fehlte derzeit die Mannstärke und vor allem die Einsatzbereitschaft. Drei Soldaten würden sie und Heinrik begleiten auf dem Ausritt. Ein Ausritt ohne großen Plan oder Ziel dahinter außer aufzufallen, die Grenzposten Alatariens zu streifen und für Unruhe und Berichte zu sorgen. Im Grunde ein guter Zeitpunkt um Fainche ein wenig an das Reiten zu gewöhnen. Sichere Bedinungen auf dem Leinenpferd Helisandes. Kurz hatte sie mit dem Gedanken gespielt Fainche auf Mocca zu setzen, doch sie wollte dem alten Weggefährten nicht schon wieder die Bürde eines Kindermädchens auferlegen.

So weit der Plan oder der Mangel eines solchen.

Mit Renold, Remonon und Fainche ritten sie und Heinrik los. Keine besonderen Vorkomnisse und auch wenige Grenzposten in Sicht. Bis...
Bis da plötzlich Emilia Arragar vor ihnen stand. Unvermittelt. Unerwartet.
Einige krathorische Kunststücke und niedergeschlagene Feindessoldaten später, lag die Rabendienerin gefesselt über dem Rücken von Heinriks Pferd. Die Alarmglocken hatten natürlich die gesamten Garde Rahals angeführt von Dhara auf die Füße gescheucht.
Prächtig.
Anstatt sich direkt auf ein Gefecht einzulassen, preschte der kampfunerfahrene Trupp direkt zerteilt davon um sich an einer Kreuzung wieder zusammeln. Die Führleine vom Rekrutenpferd verhedderte sich. Dann waren sie umstellt. Fainche wurde vom Pferd gerissen, Renold zog recht viele Gardisten auf sich und Remnon hatte sich jemanden über seinen Fähigkeiten ausgesucht.
Mocca setzte los, sie katapultierte sich von seinem Rücken direkt gen Dhara, das Momentum wurde mitgenommen. Die Hauptmann war leichter als sie, kleiner und eine Schützin. Schützen waren die Pest.
Gerangel. Ein Dolch, Faustschlag. Sie zahlte zurück.
Mocca drängte die Knappin ab und brachte deren Pferd in Bedrängnis, neben ihr der älteste Streiter im Feld. Ihr Pferd. Dhara hatte sich aus ihrer Reichweite entfernt, gut für sie. Ein Griff in die Mähne und sie saß auf dem Rücken des Braunen. Ein Pfeil schlug in ihre rechte Schulter ein.
Fainche war unbedrängt.
"Fainche RENN, RENN und schau NICHT zurück!"
Fainche rannte.

Überblick.
Remon bewusstlos, Renold hatte sich unter Kontrolle und seinen Gegner. Also Rekruten retten. Mocca setzte an, sie rutschte runter. Lingor holte mit der Axt aus, ein Tritt. Rekruten packen, Pferd und weg. Alles umschlossen und geführt von dem Segen der Herrin Temora in ihrer Brust, der sich wie ein blaues Band um Helisande und ihre Streiter legte.
Weg.
Mocca kassierte einen Pfeil.
Dhara.
Später.


Sie hatten Arragar.
Der Feind hatte Fainche.

Zurück am Kastell half sie Remnon zu versorgen und wurde selbst versorgt. Die Pfeilwunde war nicht tief. Mocca behandelte sie selbst. Nur ein harmloser Treffer, der Wallach hatte schon schlimmeres erlebt und überlebt. So wie sie auch. Sie blieb im Lazarett als Unterstützung für Cecilia und weil sie mit dem angeschossenen Schwertarm keine sonderlich große Hilfe sein würde. Und weil sie mit ihrer tiefen Wut im Bauch eher eine Gefahr für alles weitere sein würde. Sie bat Keylon Heinrik zu begleiten und zu unterstützen.

Heinrik hatte eine Nachricht an das kleine Biest geschrieben. Den Austausch vorgeschlagen und sie hatte angenommen. Der Ort war gut gewählt, ein Ort des Sieges beider Seiten über einen gemeinsamen Feind.
Sie hatten wohl Grann im Gepäck und Fainche weiter hinten. Heinrik nur Arragar.
Er tauschte die Rabendienerin gegen Fainche aus.
Grann blieb zurück.

Später als Fainche ihren Knebel los wurde und ihre fünf Sinne wieder beisammen hatte, da kamen Zweifel auf, dass der Grann dort wirklich Grann geweisen sei. Kein Zweifel bestand darin, dass es gut war, dass Helisande nicht beim Austausch nicht anwesend war. Ein Wutausbruch war kein guter Ratgeber bei solchen Verhandlungen.

Grann blieb zurück. Lebend beim Feind. Der Grund war simpel, sie hatten keinen Schützen dabei gehabt um ihn zu entwerten als Unterpfand des Alatarischen Reiches. Keinen Magier um sein Leid zu beenden. Diese Tatsache würde an den Kronrittern noch nagen. Für eine Weile.

Doch auf der Pritsche im Lazarett schlief die angenommene Tochter. Zerbeult, angeschlagen - aber in Sicherheit. Im Schlaf sah sie beinahe noch aus wie ein Kind.
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Gregor Grann
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Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Beitrag von Gregor Grann »

Die Tempelhalle war längst still geworden.

Nur das leise Knistern der Kohlebecken und das ferne Tropfen von Wasser irgendwo im Gewölbe durchbrachen die Nacht. Gregor hatte geglaubt, schlafen zu können. Die Müdigkeit war in seinen Knochen gewesen, schwer und bleiern. Doch als er auf der steinernen Bank lag, hatte sein Geist sich geweigert, Ruhe zu finden.

Immer wieder kehrten die Worte zurück.
Zorn ist ehrlich.
Denk darüber nach, wie du ihn töten würdest.
Er öffnete die Augen.

Das schwache Licht der Tempelhalle zeichnete lange Schatten über die Säulen. Der Panther über dem Altar lag unbeweglich wie ein Stück der Nacht selbst. Für einen Moment blieb Gregor liegen und lauschte seinem eigenen Atem.

Dann richtete er sich auf. Der Schlaf war ohnehin verloren. Langsam stand er auf, den verletzten Arm dicht am Körper, und ging barfuß über den kalten Steinboden. Seine Schritte hallten leise durch das Gewölbe, als er einen der Seitengänge betrat.

Dort fand er schließlich die Bibliothek. Sie war kleiner, als er erwartet hatte. Kein prunkvoller Saal wie in manchen Klöstern des Ostens, sondern eher eine Sammlung dunkler Regale, dicht gestellt, voll von Pergamentrollen, gebundenen Büchern und alten Schriften, deren Leder im Kerzenlicht stumpf schimmerte.

Der Geruch von Staub, Tinte und altem Papier lag in der Luft. Gregor strich mit der Hand über einen Tisch nahe der Wand, fand eine halb heruntergebrannte Kerze und entzündete sie neu an einer kleinen Flamme, die noch glomm. Das Licht flackerte auf und vertrieb einen Teil der Dunkelheit.

Eine Weile stand er nur da und sah sich um. Dann begann er zu lesen. Er zog ein Buch heraus, dann ein anderes. Texte über den All-Einen, über seine Gebote, über Disziplin, über Gehorsam, über jene kalte Klarheit, mit der seine Geweihten die Welt betrachteten.

Gregor las lange. Manchmal blieb sein Blick an einer Zeile hängen. Manchmal knirschten seine Zähne leise, wenn Erinnerungen sich zwischen die Worte drängten.

Schließlich setzte er sich. Vor ihm lagen einige Blätter Pergament. Daneben eine kleine Tintenflasche und eine Feder. Er betrachtete sie lange, als müsse er sich erst daran erinnern, wie man Gedanken zu Worten formte.

Dann nahm er die Feder auf... unnatürlich mit der falschen Hand. Die ersten Worte kamen langsam.. krakelig.
Gedanken über Tugend und Wahrheit

Die Tugenden wurden mir gelehrt, als wären sie ein Schild gegen die Dunkelheit der Welt. Doch ein Schild schützt nicht, wenn jene, die ihn tragen, selbst zum Feind werden. Ich habe viel über Tugend gehört in meinem Leben. Ich habe Männer und Frauen gesehen, die sie predigten. Und ich habe gesehen, wie dieselben meinem Vater den Kopf abschlagen ließen. Darum schreibe ich diese Worte nicht als Schüler, sondern als einer, der gesehen hat, was aus Tugend wird, wenn sie nur noch ein Wort ist.

Über das Mitgefühl
Man sagte mir, Mitgefühl sei die höchste Gabe einer lichten Seele. Doch Mitgefühl ohne Maß ist Blindheit. Wer von Mitgefühl spricht und es selbst verweigert, hat jedes Recht darauf verloren. Er erhielt kein Mitgefühl. Sie sprachen von Tugend, während sie sein Urteil verlasen. Sie sprachen von Ordnung, während sein Blut den Boden tränkte. Darum erkenne ich nun:

Mitgefühl gehört jenen, die selbst Mitgefühl kennen. Wer das Herz eines anderen ohne Zögern bricht und dies Tugend nennt, hat nichts mehr, das Mitgefühl verdienen würde. Mitgefühl gilt den Verratenen. Nicht den Heuchlern.

Über die Tapferkeit
Tapferkeit, so sagten sie, sei der Mut, trotz Angst zu handeln. Doch viele verstecken sich hinter diesem Wort. Sie nennen ihre Feigheit Besonnenheit. Sie nennen ihr Schweigen Weisheit. Tapferkeit ist nicht das Dulden von Unrecht. Tapferkeit ist der Mut, es zu benennen. Und wenn nötig, es zu beenden.

Ein Mann, der den Zorn in sich erkennt und dennoch schweigt, ist kein tapferer Mann. Er ist nur ein gehorsamer.

Über die Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeit soll blind sein, so sagten sie. Doch ich habe gesehen, dass sie sehr wohl sehen kann. Sie sieht Stand. Sie sieht Macht. Sie sieht Titel. Und sie beugt sich vor ihnen. Er stand vor einem Gericht. Sie nannten es gerecht. Doch kein Mitgefühl wurde gewährt. Keine Demut. Keine Wahrheit. Darum erkenne ich:

Wenn jene, die richten, selbst Unrecht tun, dann ist ihr Urteil wertlos. Gerechtigkeit ist nicht das Wort eines Tribunals. Gerechtigkeit ist das Gleichgewicht, das wiederhergestellt werden muss, wenn dieses Tribunal versagt.

Über die Opferbereitschaft
Man lehrte mich, dass ein guter Mann bereit sein müsse, sein Leben für andere zu opfern. Doch manchmal verlangt das Leben ein anderes Opfer. Nicht das Leben. Die Reinheit der eigenen Seele. Wenn ein Mann sieht, dass die Welt ungerecht ist, und er dennoch an seiner eigenen Unschuld festhält, dann ist sein Opfer nichts wert. Manchmal muss ein Mann bereit sein, seine eigene Reinheit aufzugeben, um das zu tun, was getan werden muss. Dies ist das schwerste Opfer.

Über die Ehre
Ehre ist ein Wort, das gern genutzt wird. Doch viele verstehen nichts davon. Ehre bedeutet nicht, einem Banner zu folgen. Nicht einem Titel. Nicht einem Richter. Ehre bedeutet, jene nicht zu verraten, denen Unrecht geschah. Ein Sohn, der schweigt, während sein Vater ohne Grab liegt, hat keine Ehre.

Über die Geistigkeit
Man sagte mir einst, die Wahrheit liege im Gebet. Doch ich habe gebetet. Und niemand kam. Vielleicht liegt die Wahrheit nicht in Worten, die immer wieder gesprochen werden. Vielleicht liegt sie in dem Moment, in dem man erkennt, dass viele dieser Worte Lügen waren. Wahrheit wächst nicht immer aus Frieden. Manchmal wächst sie aus Schmerz.

Über die Demut
Demut bedeutet zu erkennen, dass man fehlbar ist. Das ist wahr. Ich war fehlbar. Ich glaubte, dass Tugend immer dort zu finden sei, wo sie gepredigt wird. Ich glaubte, dass Gerechtigkeit immer dort zu finden sei, wo sie verkündet wird. Ich glaubte, dass Brüderlichkeit immer dort zu finden sei, wo sie geschworen wird.

Ich lag falsch. Das ist meine Demut. Und ich werde diesen Fehler kein zweites Mal begehen.
Gregor hielt inne.

Die Kerze war inzwischen weit heruntergebrannt, ihr Licht flackerte schwach über das Pergament. Seine Finger waren mit Tinte befleckt, die Feder lag einen Moment still zwischen ihnen.

Langsam las er die Worte noch einmal. Dann setzte er die Feder erneut an. Am unteren Rand des Blattes schrieb er eine letzte Zeile. Langsam. Bedacht.

Wenn Tugend nur ein Wort bleibt, wird sie zur Lüge. Doch wenn ein Mann bereit ist, für sie zu bluten, kann sie wieder Wahrheit werden.
Gregor legte die Feder beiseite. Für einen Moment saß er still da, während die Kerze fast vollständig niederbrannte. Dann blickte er auf. Durch die Fenster der Bibliothek konnte man hinab in die Tempelhalle sehen. Und dort, im schwachen Licht der Kohlebecken, stand noch immer die Statue des Panthers.

Bewegungslos.

Wachend.

Als hätte sie die ganze Nacht über zugesehen.
Cecilia Zola
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Registriert: Montag 6. März 2023, 00:07

Beitrag von Cecilia Zola »

Entgegen aller Ratschläge und Versuche der Kameraden hatte sie natürlich nicht genug geschlafen. In der ersten Nacht nur geruht, ein wenig Augenpflege für einige Minuten, bevor sie wieder zwischen den drei Betten mit den vier Patienten umher huschte. In der zweiten Nacht gab sie sich zwei Stunden Schlaf. Mehr war nicht drin. War sie doch noch lange im Kastell, bevor sie den Kamerad bei der Verletztenwache ablöste. Dann folgte eine erneute Versorgung vom Rekruten, bevor sie das Kissenpolster der Rekrutin zurecht rückte. Und mit den ersten Sonnenstrahlen am Horizont war sie wieder auf den Beinen. Wirklich was zu tun bei den beiden Rekruten war nicht, aber Cecilia wäre nicht Cecilia, würde sie nicht was zu tun finden.
Diesmal musste sie auch nicht wirklich suchen: Der Stapel Wäsche türmte sich mittlerweile regelrecht auf. Bis zu ihrer Hüfte reichte er schon, obwohl sie gestern die erste Fuhre Bandagen auswusch.
Während sie also die Wäsche wusch, hoffte sie innerlich, dass wieder ein Kamerad am Stall zu laut sein würde, dass sie einen Großteil der Arbeit abgeben kann. Doch der Gardist, welcher dafür nach Kronwalden laufen musste, schien sein Vergehen ausreichend verbreitet zu haben. Die meisten Kameraden waren auffällig leise am Stall neben dem Lazarett.

Und so betätigend das Auswaschen der Stoffe ist, die Gedanken vermag es nicht zu beschäftigen.
So musste es kommen, wie es kam: Die Gedanken gingen zurück zu Gregor Grann.
Wieder kamen ihr diese Bilder in den Kopf:
Alleine im Kerker in dieser schwarzen Lumpenkleidung, welche noch nicht einmal den Begriff "Kleidung" verdient hatten.
Alleine um den Tempelaltar am Robben, irgendwas Imaginäres am wegputzen.
Alleine irgendwelchen Folterungen ausgesetzt.
Alleine in Gedanken und Empfinden.
Cecilia schüttelte sich fröstelnd und schaudernd. Wie alleine Gregor Grann sich doch fühlen muss.
Sie wollte sich von dem Mitleid nicht lähmen lassen. Sie hatte einen Plan! Einen Plan, den sie diesmal vor jedem versteckt hielt. Sie hatte gelernt: Keinen Aktionismus, vor allem nicht vor ihm. "Tu so, als wäre nichts. Tu so, als hättest du nichts vor. Es muss wie ein ganz normaler Tagesauslauf und einem ganz normalen Vorhaben aussehen." Das waren damals Marius Worte zu ihr, bevor sie nach Rahal aufbrachen. Es war zwei Jahresläufe her, beinahe schon drei. Und jetzt drohte die Situation wieder aufzukommen. Nur diesmal war kein Marius als Rückversicherung da. Diesmal musste sie da alleine durch.
Während sie die Bettlaken wusch, versuchte sie sich an alle Hinweise und Ratschläge von damals zu erinnern. Sie machte sich gedankliche Notizen, was noch zu erledigen sei. Versuchte sich einzuprägen, worauf sie achten müsse. Und bereitete sich innerlich vor. Wohin ihr Weg in diesem Vorhaben auch immer führen würde.

Wenige Tagesläufe später war die akute Wundversorgung aller Patienten endlich abgeschlossen. Der Rekrut war stabil und schlief die meiste Zeit. Sie hat selbst Schlaf nachgeholt und fand kaum noch Tätigkeiten im Lazarett.
Und so konnte ihr Plan umgesetzt werden. Wissend um die Dienstpläne und dass der Oberst erst am folgenden Morgen wieder im Lazarett auftauchen würde, machte sie sich das zu Nutze für eine Art Abmeldung.
Sie legte ein Schreiben mit ihren Vorhaben auf die Arbeitsfläche. Sollte sie zurückkehren, kann sie es in der Kohlepfanne verbrennen. Sollte sie nicht zurückkehren, wüsste man von ihrem Tun.

Und so wanderte noch in der Nacht eine kleine Gestalt in dunklen Farbtönen gekleidet nach Bajard und fragte sich durch die Boten. Sie hatte panische Angst, ihre Finger klammerten sich um den Umschlag in den Händen. Die heisere Stimme zitterte. Doch tapfer fragte sie weiter. Für ein Leben. Für Gregor Grann.
Sie suchte einen bestimmten Laufburschen, einen der gewisse Briefkästen im Westen kennt und genauso im Osten. Einer, der für die ein oder andere Person bereits zuverlässig die fragliche Post austauschte. Bis sie fündig wurde.
Ein ganzer Monatssold wechselte den Besitz mit dem Umschlag. Ganz sicher mussten die vorherigen Schreiber nicht so viel zahlen, doch der verschlagene Bote erkannte sofort: Diese naive Maid kann ich zahlen lassen. Ein zufriedenes Grinsen vom dem Burschen, eine Zusicherung, das Schreiben finde sein Ziel und schon eilten zwei Gestalten aus Bajard raus. Die eine zielstrebig und sicherer Schritte Richtung Westen, die andere ängstlich weghuschend Richtung Osten.
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Jynela Dhara
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Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Tür fiel nicht laut ins Schloss. Jynela hatte längst verlernt, Geräusche zu machen, wenn sie es nicht musste. Dennoch klang selbst dieses leise Klicken in ihren Ohren wie ein Schlag. Vielleicht, weil alles an diesem Tag, an den letzten Tagen zu viel gewesen war. Zu viel gesehen. Zu viel entschieden. Zu viel getragen.

Der Geruch ihres Hauses empfing sie wie ein alter Kamerad, der nichts fragte. Gut so. Fragen hätte sie heute definitiv nicht mehr beantwortet.

Cabeza.

Allein der Gedanke ließ ihre Kiefermuskeln anspannen. Männer, die gestern noch standen wie Mauern, deren Körper nun verrieten, als wären Jahre in sie hineingebrannt worden, die nicht ihnen gehörten. Augen, die älter wirkten, als sie sein durften. Haut, die sich spannte wie bei Greisen und Haar, das auf einmal zu Ergrauen begann.

Ein Fluch.

Und auch wenn niemand es offen aussprach, keiner von ihnen wusste, wie lange sie noch Zeit hatten.

Ihr Blick glitt zur Tischkante, blieb dort hängen, ohne wirklich zu sehen. Stattdessen das Gesicht des Stallburschen. Zu jung. Immer zu jung. Blut, das nicht dorthin gehörte, wo sie es gefunden hatten.

Und als wäre das nicht genug: der Kamerad.

Der, dessen Namen sie vor wenigen Stunden beim Appell laut aussprechen musste, als sie sein Ableben verkündete. Der, bei dem sie in den nächsten Tagen bei der Beisetzung anwesend sein würde.

Ihre Finger schlossen sich unbewusst. Kurz. Fest.

Sie war so verdammt müde.

Nicht die Art von Müdigkeit, die Schlaf löste. Sondern die, die sich hinter die Augen setzte, die Gedanken zäh machte, den Körper schwer und den Geist dennoch nicht zur Ruhe kommen ließ. Schlaflosigkeit fraß sich langsam durch sie hindurch, ließ jede Regung einen Hauch zu scharf werden. Und dann war da noch etwas Fremdes. Etwas, das sie nicht festmachen konnte, aber gleichzeitig etwas, das sie hatte straucheln lassen, dass den Herzschlag veränderte. Sie schob den Gedanken einfach weg. Nicht darüber nachdenken.

In ihrer Hand noch der versiegelte Brief, den sie eben aus dem Kasten geholt hatte. Zur Zeit lag beinahe jeden Abend ein Brief darin und bis auf eine Ausnahme, waren alle Nachrichten eher beschissen gewesen.

Natürlich.

Als hätte dieser Tag noch Raum für mehr.

Sie trat näher, hob das Pergament auf, brach das Siegel mit einem kurzen, beinahe ungeduldigen Druck des Daumens. Ihre Augen flogen über die Zeilen.

Ein bitteres, leises Ausatmen entwich ihr. Für einen Moment lag etwas Rohes in ihrem Blick. Etwas, das nicht weit von Zorn entfernt war.

Dieser verdammte Dolch.

Während ihre Leute verflucht wurden. Während Männer starben. Während sie selbst kaum noch wusste, wann sie das letzte Mal mehr als ein paar Stunden geschlafen hatte.

Wie klein das plötzlich wirkte.

Wie unwichtig.

Und doch...

Grann.

Ein Versprechen war ein Versprechen. Selbst dann, wenn die Welt um einen herum begann, sich aufzulösen.

Jynela schloss für einen Moment die Augen. Nur einen Atemzug lang. Sammelte sich und zwang die Schärfe aus ihren Gedanken zurück in etwas, das wieder funktionierte.
Als sie sie öffnete, war der Zorn noch da. Aber er war gebändigt. Kontrolliert. Genau so wie es sein sollte. Genau so wie sie dem Herrn jeden Tag diente.
Genau so wie alles an ihr.

Sie zog ein Stück Pergament heran, griff nach der Feder. Ihre Hand zögerte nicht.

Keine langen Worte. Keine Höflichkeiten.

Nur das Nötigste.

Ein Tag. Eine Stunde. Mehr nicht.

Sie ließ die Feder sinken, noch bevor die Tinte ganz getrocknet war, als hätte selbst das Warten darauf ihre Geduld überstrapaziert. Ein kurzer Blick über die Zeilen, nicht prüfend, nur feststellend.

Es genügte.

Mehr war nicht nötig.

Der Brief wurde gefaltet, versiegelt und fand seinen Platz wenig später mit eine kurzen Notiz im Keller. Dann blieb sie einen Moment stehen.

Still. Die Müdigkeit zog wieder an ihr. Schwer. Unerbittlich.

Morgen würde sie funktionieren müssen. Entscheidungen treffen. Stärke zeigen. Für die, die sie brauchten.

Heute?

Heute erlaubte sie sich nur einen einzigen weiteren Atemzug.
Der Dolch konnte warten.
Alles andere nicht.
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Gregor Grann
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Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Beitrag von Gregor Grann »

Der Tempel war still, eine Stille, die wog. Jede Bewegung, jeder Atemzug schien darin schwerer zu werden, als würde die Halle selbst auf die Rippenbögen drücken. Die Worte, die gefallen waren, hingen noch zwischen den Mauern, unausweichlich, ohne dass sie wiederholt werden mussten. Sie brauchten keine Wiederholung. Sie waren gesetzt.

Gregor kniete.

War es aus freiem Willen? Gewiss war es nicht aus Glauben. Er kniete, weil er hier war, weil er nicht gegangen war, weil er sich diesem Ort ausgesetzt hatte... aussetzen musste. Obwohl er längst begriffen hatte, dass es hier nichts gab, das ihn auffangen würde. Seine Hände lagen auf dem kalten Stein, fest genug, dass sich die Spannung durch seine Finger zog. Es war kein Halt mehr, nur noch ein letzter Reflex, etwas festzuhalten, das ihm bereits entglitt.

Die Stimmen hatten gesprochen. Nicht erklärend, nicht führend, sondern fordernd. Keine Antworten waren verlangt worden, keine Rechtfertigungen. Immer wieder dasselbe, klar und unerbittlich: Worte zählen nicht. Handeln. Vorwärts. Stell dich.

In ihm regte sich der alte Impuls, zu sprechen. Zu erklären, was ihn hierher geführt hatte. Zu benennen, was er verloren hatte, was man ihm genommen hatte. Doch die Worte formten sich nicht mehr. Sie zerfielen, noch bevor sie Gestalt annahmen, als hätte dieser Ort ihnen jede Bedeutung entzogen.

Er hob den Blick.

Langsam, nicht suchend, sondern gezwungen, sich dem zu stellen, was vor ihm lag. Der Altar ragte vor ihm auf, unbewegt, gleichgültig gegenüber allem, was er gewesen war. Er fragte nicht. Er wartete nicht. Er war einfach da - als Maß, nicht als Zuflucht.

Ein Teil von ihm sträubte sich noch.

Nicht laut, nicht kämpfend, sondern wie ein leises Ziehen, ein Rest von dem, was ihn bisher gehalten hatte. Der Gedanke, dass man verstehen müsse, bevor man handelt. Dass es eine richtige Antwort gab, die man finden konnte. Dass Zweifel ein Zeichen von Stärke war.

Hier war Zweifel nichts. Hier war Zögern ein Versagen.
"Nicht mit Worten."
Der Satz lag schwer in ihm, als wäre er nicht gesprochen, sondern eingebrannt worden.

Gregor spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Der Zorn war da, tief und roh, genährt von allem, was geschehen war, von allem, was man ihm genommen hatte. Doch er brach nicht mehr nach außen. Er wurde enger, fester, bis er nicht mehr unkontrolliert war, sondern klar. Klarer als alles, was er zuvor gespürt hatte.

Er löste die Hände vom Boden. Die Bewegung war klein, doch sie war endgültig. Er hätte sprechen können. Er hätte noch einen Moment zögern können. Er tat es nicht.

Langsam verlagerte er sein Gewicht und richtete sich auf. Kein Blick zu den anderen, kein Suchen nach Reaktion. Sie waren nicht mehr entscheidend. Nicht ihre Worte. Nicht ihre Urteile. Nicht ihr Blick.

Nur das, was vor ihm lag.

Vorwärts.

Der erste Schritt fühlte sich nicht wie eine Entscheidung an, sondern wie das Ende von etwas, das längst gefallen war. Der zweite folgte ohne Zögern. Jeder Schritt nahm etwas mit sich - Zweifel, Gewohnheit, die letzte Vorstellung, dass es einen anderen Weg geben könnte.

Vor dem Altar blieb er stehen. Ein Atemzug. Dann sank er erneut auf die Knie. Diesmal ohne Widerstand. Nicht gezwungen. Nicht getragen von Glauben. Sondern weil es keinen anderen Zustand mehr gab, der Bestand hatte.

Sein Blick blieb erhoben, ruhte auf dem Stein, als würde er sich daran messen, nicht umgekehrt. Die Worte, die zuvor gefallen waren, hallten nicht mehr nach. Sie waren ersetzt worden durch etwas anderes - durch die schlichte Tatsache, dass er hier war und nicht zurückwich.
"Dann stell dich."
Er hatte es gehört. Und er hatte es getan. In ihm brach nichts mehr. Es war bereits gebrochen. Was blieb, war das, was danach kam. Seine Lippen bewegten sich kaum, als das Wort fiel.

Alatar.

Kein Schwur. Kein Flehen. Kein Versuch, verstanden zu werden. Nur ein Anerkennen dessen, was über ihm stand - und dessen, was er nicht mehr war.

Denn das, woran er geglaubt hatte, hatte ihn nicht getragen. Die Tugenden, die man ihm gelehrt hatte, hatten ihn nicht geschützt. Sie hatten ihn geformt, gezügelt, klein gehalten - bis er nicht mehr unterscheiden konnte, was Glaube war und was nur Gehorsam.

Hier gab es keinen Trost. Nur Maß. Und er hatte aufgehört, davor zurückzuweichen. Gregor senkte den Kopf, nicht aus Demut, sondern weil es nichts mehr gab, das ihn hielt. Kein alter Glaube, kein Zweifel, keine Hoffnung auf Gnade. All das lag hinter ihm, abgestreift in den Schritten, die ihn hierher geführt hatten.

Was vor dem Altar kniete, war nicht mehr der Mann, der gekommen war. Und es wartete nicht auf Vergebung. Es wartete darauf, geprüft zu werden - und zu bestehen.
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Gregor Grann
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Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Beitrag von Gregor Grann »

Das Zimmer war ruhig, beinahe erdrückend ruhig, als hätte selbst der Lärm des Hafenviertels beschlossen, an dieser Tür haltzumachen. Gregor saß auf der Kante des Bettes, die Hände lose auf den Knien, den Blick fest auf die Tür gerichtet. Es war kein bewusstes Starren, eher ein Verharren, als erwarte er, dass sie sich jeden Moment öffnen würde - nicht mit einem Klopfen, nicht mit einer Stimme dahinter, sondern einfach so, als gehöre sie längst nicht mehr ihm.

Frei.

Das Wort formte sich in seinem Kopf, doch es fühlte sich falsch an, hohl, wie etwas, das man oft gehört, aber nie wirklich begriffen hatte. Er war gegangen, wann er wollte. Niemand hatte ihn aufgehalten. Die Straßen Rahals hatten sich vor ihm geöffnet, als sei nichts geschehen, als sei er nie im Tempel gewesen, nie in der Zelle, als hätte er nie unter diesen Blicken gestanden.

Und doch war er hier.

Nicht draußen, nicht zwischen den Menschen, nicht am Hafen, wo Schiffe kamen und gingen, wo niemand fragte, wer du warst, solange du zahlen konntest. Sein Blick glitt zum kleinen Fenster, hinter dem sich das Leben bewegte, Stimmen, Schritte, das ferne Knarren von Holz und Seilen. Es wäre so einfach gewesen. Aufstehen, die Treppe hinunter, hinaus in die Gassen. Niemand hatte es ihm verboten.

Noch nicht.

Seine Finger zuckten kaum merklich, als würde allein der Gedanke daran etwas in ihm reizen, das er nicht ganz greifen konnte. Es war keine Angst, nicht im eigentlichen Sinne. Eher ein Wissen, das sich nicht in Worte fassen ließ. Dass Freiheit nicht bedeutete, dass er gehen konnte, wohin er wollte. Dass irgendwo, unsichtbar, unausgesprochen, eine Grenze verlief, die er noch nicht gesehen hatte - und deren Überschreiten mehr war als nur ein Schritt.

Der Panther wacht.

Der Gedanke kam nicht wie ein Satz, sondern wie eine Gewissheit. Nicht laut, nicht drohend, aber da. Wachsamkeit bedeutete nicht, dass jemand vor seiner Tür stand. Es bedeutete, dass er gesehen wurde, ob er es merkte oder nicht. Dass jede Entscheidung Gewicht hatte, auch die, die er noch nicht getroffen hatte.

Langsam ließ er sich ein Stück zurücksinken, die Schultern gegen die Wand, den Kopf leicht geneigt. Seine Hand hob sich beinahe von selbst und strich über seinen Schnurrbart, prüfend, kontrollierend, als hinge daran etwas, das noch ihm gehörte. Sauber gestutzt, fein gezogen. Ordnung. Ein kleiner, greifbarer Beweis dafür, dass er wieder etwas Einfluss hatte, dass nicht alles fremdbestimmt war.

Der Barbier hatte nichts gefragt. Ein Blick, ein Nicken, die Schere hatte leise gearbeitet, Strähne um Strähne, als würde sie nicht nur Haare schneiden, sondern etwas zurückbringen, das verloren gegangen war. Blonde Locken, wieder in Form gebracht, ein Gesicht, das wieder das eines Mannes war, nicht das eines Gefangenen. Er hatte sich im Spiegel betrachtet, länger als nötig, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er wissen wollte, ob er sich noch erkannte.

Er war sich nicht sicher gewesen.

Jetzt glitt sein Blick erneut zur Tür, ruhte dort, ohne sich zu lösen. Zwei Tage. Dann zum Hauptmann. Kein Vorschlag, kein Angebot. Eine Frist. Etwas, das nicht verhandelt wurde, sondern ablief, gleichgültig, ob man bereit war oder nicht.

Er hätte gehen können... Jetzt.

Der Gedanke war klar, beinahe nüchtern. Aufstehen, die Klinke drücken, die Stufen hinunter, hinaus aus diesem Viertel, aus dieser Stadt. Er stellte es sich vor, versuchte es zumindest, doch das Bild blieb unvollständig. Es endete immer am gleichen Punkt, irgendwo zwischen Tür und Straße, als würde dahinter nichts mehr folgen.

Nicht, weil es nichts gab, sondern weil er wusste, dass es nicht so einfach war.

Sein Kiefer spannte sich leicht an, während er den Blick senkte, die Hände nun fester auf den Knien ruhend. Wenn er ging, war es keine Flucht. Es war eine Entscheidung. Und Entscheidungen hatten Folgen, die sich nicht mehr zurücknehmen ließen. Nicht hier. Nicht nach dem, was geschehen war.

Langsam ließ er den Kopf gegen die Wand sinken und schloss für einen Moment die Augen. Die Stille des Zimmers legte sich wieder über ihn, schwer und unbeweglich, wie etwas, das nicht wich, egal wie lange man wartete.

Frei... Vielleicht.

Aber nicht unbeobachtet. Nicht ungebunden. Nicht ohne Richtung.

Als er die Augen wieder öffnete, lag keine Unruhe mehr darin, kein tastendes Suchen. Nur eine ruhige, feste Erkenntnis, die sich gesetzt hatte, ohne laut zu werden.

Diese zwei Tage waren keine Freiheit. Sie waren eine Frist.

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