Schweiß rann ihm über das Gesicht, den Hals, den Nacken.
Er wischte über seine Stirn und stand auf, schulterte seinen Beutel und lief zielstrebig zum Hauseingang. Seine Mutter wartete schon am Herd, um den Eintopf fertigzustellen mit dem Kochlöffel in der Hand. Taran reichte ihr den Beutel und wartete gespannt auf ihre Reaktion. Nervös rieb er sich an der Schläfe, die ein Feuermal zierte. Seine mausgrauen Augen beäugten den Beutel, der von ihr inspiziert wurde.
Einige Kräuter wurden auf ein Schneidebrett gelegt und der Rest in ein hohes Glas gefüllt. Zufrieden nickte sie. „Das sind genau die Kräuter, die ich haben wollte!“ meinte sie, mit ihrer lieblichen und melodischen Stimme und Taran grinste breit. Immer wieder schaute er ihr über die Schulter und sog jede Information auf, die sie ihm zu vermitteln versuchte.
-Wie man die richtigen Kräuter erkennt
-Woraus man die besten Heilsalben macht
-Wie man die Wunden versorgt
-Die schmackhaftesten Suppen und Eintöpfe
Doch war Taran mit seinen 10 Jahren nicht sonderlich gut im sich-Sachen-merken und er vergaß oftmals die Dinge, die ihm vor ein paar Augenblicken noch erzählt worden sind.
Taran Telian, der kleine dünne Junge mit seinen mausgrauen Augen, tiefroten Haaren, 150 Fingerbreit groß. Die Fröhlichkeit war ihm ins Gesicht geschrieben und seine Mutter konnte ihn nicht lange im Haus behalten. Er streifte durch die Gegend, immer auf der Suche nach neuen Pflanzen und Tieren im Wald. Über Stock und Stein lief er oft stundenlang, ohne, dass ihn seine Mutter sah.
Sie hatte aufgehört, sich Sorgen um ihn zu machen, er brachte immer wieder Verletzungen mit nach Hause, da mal ein Kratzer, hier mal ein blauer Fleck, nichts Ernstes, bis er sich humpelnd nach Hause schleppte.
Seitdem er geradeaus laufen konnte, war er ein guter Kletterer. Doch als er auf zwei dicken Ästen seines Lieblingsbaumes eingedöst war, drehte er sich so ungeschickt, dass er den Baum herunterfiel und auf seinem linken Knie landete.
Er versuchte aufzustehen, doch es gelang ihm nur schlecht. Der Schock steckte tief und zu dem Zeitpunkt verspürte er keine Schmerzen. Er sah sich die Wunde auch noch nicht an.
Da er trotzdem geschrien hat wie am Spieß, eilte seine Mutter sogleich heran und hat ihn in das Haus getragen. Er war noch nie besonders schwer, daher war das kein Problem.
Sie legte ihn auf eine provisorische Trage, die aus einem Tisch bestand, auf dem einige Kleidungsstücke und Laken gelegt wurde und gab ihm ein leichtes Mittel zur Beruhigung und gegen die Schmerzen, was es war, wusste er leider nicht und hat er auch nie wieder gefragt.
Dann zog sie ihm die Hose aus, murmelte was von “keine Diagnose, durch die Hose” und schaute sich das Bein an. Er blickte ebenfalls hinab und ihm blieb der Mund offen stehen. In dem Augenblick kamen die Schmerzen und ihm wurde regelrecht schwarz vor Augen. Er fasste sich aber bald wieder und er hat es dann doch nochmal angesehen.
Es war ein offener Bruch und der Knochen schaute heraus. Das Blut pulsierte aus der klaffenden Wunde.
Sie schien keine Miene zu verziehen und unter großem Geschrei seinerseits, richtete sie seinen Knochen wieder in Position, nähte die Wunde, indem sie mit chirurgischer Präzision den Ort der verletzten Ader fand, akribisch vernähte und zum Schluss die offene Wunde ebenfalls mit schwarzem Faden sicherte. Zu guter Letzt schmierte seine Mutter ihm eine Salbe auf das gesamte Bein.
Dann band Sie eine Schiene um das verletzte Bein um den Bruch wieder in richtiger Stellung heilen zu lassen und gab ihm einige Stöcke, mit denen er dann gut laufen konnte. Die Schmerzen waren bei jedem Schritt und jeder Berührung unerträglich schmerzhaft. Doch er biss sich durch und durch sein Alter heilte der Knochen schnell.
Immer wieder gab sie ihm Saft, den er trinken musste. Er bestand wohl aus einer Mischung mit Äpfeln, Fledermausflügeln und lila Trauben, er schmeckte süßlich, nicht angenehm, aber anscheinend half er gegen die Schmerzen und ein paar Wochen später konnte er wieder ganz normal gehen.
Immer wieder konnte seine Mutter die verschiedenen Verletzungen mit sehr einfachen Mitteln richten und heilen. An Verletzungen mangelte es ihm nie und jede Verletzung wurde mit ihrer ruhigen Art versorgt.
Keine Diagnose durch die Hose!