15.03.269 - Berchgard, lausig kalt
Die kalte Luft in den Stallungen roch nach Heu, feuchtem Holz und diesem unverwechselbaren, beißenden Geruch nach Tier, der Fainche normalerweise sofort den Magen umdrehte. Allerdings war ihr an diesem Tag schon vorher flau im Magen gewesen, und der Geruch, der mit so vielen unangenehmen Erinnerungen verbunden war, mischte sich recht nahtlos in ihr allgemeines Unbehagen.
Vor ihr stand Marius‘ Rappstute. Noch so eine Erinnerung. Nicht an die Stute selbst, auch wenn sie bereits einmal über den Pferdekopf abgestiegen war. Aber an den Besitzer des Tiers. Den vorherigen Besitzer des Tiers – korrigierte sie sich in Gedanken. Das Tier war ein massiver, muskelbepackter Schatten in der Dämmerung der Box. Es schnaubte leise, ein Geräusch, das in Fainches Ohren ohrenbetäubend laut widerhallte.
Jeder Atemzug war ein brennender Riss. Die frischen Nähte unter ihrem Schulterblatt spannten grausam bei der kleinsten Bewegung, und ihr Schädel fühlte sich an, als würde der Schildschlag, der sie vor ein paar Tagen von den Beinen geholt hatte, noch immer im Sekundentakt gegen ihre Schläfen donnern. Die Welt verschwamm an den Rändern, das Licht schmerzte, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie blinzelte die Übelkeit der Verletzung stur weg.
Nur ein Schritt. Sie zwang ihren rechten Fuß nach vorn. Im selben Moment stieg die Panik in ihr hoch – dickflüssig und erstickend. Plötzlich war da wieder der Geschmack des Knebels im Mund. Das Gefühl des Metalls, das ihre Handgelenke unbarmherzig an den Sattelknauf geschnürt hatte. Die absolute, lähmende Ohnmacht aus der Kindheit und aus der Nacht vor nur wenigen Tagen verschmolzen zu einer Eisdecke, die ihre Gliedmaßen einfrieren ließ. Das Herz hämmerte ihr bis zum Hals, wilder als der Kopfschmerz. Ihr Instinkt schrie sie an, sich umzudrehen und zu rennen.
Doch Fainches rechte Hand steckte tief in der Tasche ihres Mantels. Ihre Finger schlossen sich unerbittlich um einen kleinen, scharfkantigen Stein, den sie vom Hof aufgelesen hatte. Sie presste zu. Härter. Die spitzen Kanten gruben sich in ihre Handfläche, durchschnitten die Taubheit der Panik mit einem glasklaren, stechenden physischen Schmerz.
Der Schmerz erdete sie. Er war real. Er war hier. Er holte sie aus der Erinnerung an ihre Handlungsunfähigkeit zurück in die Gegenwart.
Sie atmete zischend durch die Zähne ein, den Blick starr auf den muskulösen Hals der Stute gerichtet. Du bist nicht wehrlos. Du bist keine verdammte Fracht.
Noch ein Schritt. Das Holzmehl knirschte unter ihren Stiefeln. Die Stute drehte den massigen Kopf, die dunklen Augen fixierten Fainche, und die Ohren spielten nervös. Fainche blieb stehen, den Stein so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten und Blut unbemerkt zwischen ihren Fingern hervorrann. Sie ließ dem Tier Zeit, ihre Anwesenheit zu akzeptieren, und sich selbst die Zeit, nicht vor dem warmen Atemhauch des Pferdes zurückzuschrecken.
Quälend langsam hob sie die linke Hand. Die Bewegung riss an der Wunde auf ihrem Rücken, als würde die Haut direkt zerreißen. Ein stummes Keuchen entwich ihren Lippen, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer ohnehin blassen Stirn. Ihr Arm zitterte unkontrolliert – teils vor körperlicher Erschöpfung, teils vor der nackten, rohen Angst, die in ihren Adern tobte.
Als ihre Fingerspitzen schließlich das raue, warme Fell am Hals der Rappstute berührten, hielt Fainche den Atem an.
Das Tier schnaubte, senkte den Kopf ein wenig und ließ die Berührung zu. Fainche schloss die Augen. Die Anspannung in ihrem Körper war so gewaltig, dass ihre Knie weich wurden, doch ihre Hand blieb auf dem Hals des Pferdes liegen. Ein streichelnder, starrer Kontakt. Es war ein winziger, hochgradig ungeschickter Moment, der sie mehr Kraft kostete als ein stundenlanger Kampf. Aber sie stand. Und sie wich nicht zurück.
Der Anfang anzufangen
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
- Helisande von Alsted
- Beiträge: 4067
- Registriert: Mittwoch 8. Mai 2013, 05:42
Pferde, Knaben und ein Mädchen
"Jungs! Langsam! Leise!! Ihr kennt die Regeln..." Brüllte die dazugehörige Mutter mit beachtlicher Kasernenhoflautstärke als sich Conrad und Rikkard raufend und zeternd gen Stall bewegten. Mocca antwortete mit einem Schnauben, er hatte die Stimmen erkannt. Diese Stimmen bedeuteten meist etwas Gutes. Futter, Wasser, Apfel, Striegel oder Bewegung und manchmal auch nur Kraulen. Die Rappstute nahm die freudige Stimmung des älteren, braunen Wallachs auf und schnaubte leise ab. Ansonsten hielt sie still. Als würde das Tier die Zerbrechlichkeit des Mutes der jungen Frau bei sich ahnen.
Helisande trat ein und nahm die Szene wahr. Die Jungen wurden angewiesen ihren Stallpflichten möglichst still und konfliktfrei nachzugehen vor der Reitstunde. Sie selbst näherte sich Fainche und der Rappstute leise. "Ein erster Schritt, mh?" Die Stimme sanfter als die Jungen sie eben gehört hatten. "Ich hoffe du hast dir einen Namen für sie überlegt." Ein sanftes Geräusch wehte von ihr gen der Stute, die sogleich antwortete. Das Tier erkannte zweifelsohne einen Menschen, der verstand.
"Sie braucht Heu, Wasser und Hafer. Aber gib ihr nicht zu viel Hafer, der ist sehr gehaltvoll. Davon kann sie krank werden."
Fainche hatte einen Schritt gemacht. Doch auf die Koppel führte Helisande die Rappstute, Mocca trottete hinterher. Still stand sie bei dem Mädchen und schaute mit ihm den Pferde auf dem noch winterlichen Schlammfeld zu. Toben und Wälzen. Das bedeutet Striegeln und abreiben. Die Jungen ritten Kreise auf ihren Pferden. Das Leben war in diesem Moment gut. Friedlich.
Helisande trat ein und nahm die Szene wahr. Die Jungen wurden angewiesen ihren Stallpflichten möglichst still und konfliktfrei nachzugehen vor der Reitstunde. Sie selbst näherte sich Fainche und der Rappstute leise. "Ein erster Schritt, mh?" Die Stimme sanfter als die Jungen sie eben gehört hatten. "Ich hoffe du hast dir einen Namen für sie überlegt." Ein sanftes Geräusch wehte von ihr gen der Stute, die sogleich antwortete. Das Tier erkannte zweifelsohne einen Menschen, der verstand.
"Sie braucht Heu, Wasser und Hafer. Aber gib ihr nicht zu viel Hafer, der ist sehr gehaltvoll. Davon kann sie krank werden."
Fainche hatte einen Schritt gemacht. Doch auf die Koppel führte Helisande die Rappstute, Mocca trottete hinterher. Still stand sie bei dem Mädchen und schaute mit ihm den Pferde auf dem noch winterlichen Schlammfeld zu. Toben und Wälzen. Das bedeutet Striegeln und abreiben. Die Jungen ritten Kreise auf ihren Pferden. Das Leben war in diesem Moment gut. Friedlich.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Der Anfang anzufangen ist nah an Todessehnsucht
Der plötzliche, über den Hof hallende Kasernenton ließ Fainche unwillkürlich zusammenzucken. Der Schmerz schlug wie ein eiserner Vorschlaghammer gegen ihre Schläfen, und sie widerstand nur mühsam dem Impuls, sich stöhnend die flache Hand gegen die Stirn zu pressen. Doch das dumpfe Poltern von Conrads und Rikkards Stiefeln, gepaart mit dem vertrauten, halbstarken Gezeter, ließ die drückende Blase ihrer Angst platzen – effektiver als jede von Cecilias Tinkturen. Es war laut, es tat in den Ohren weh, aber das Chaos dieser beiden bedeutete eine seltene, idiotensichere Normalität.
Als Helisande näher trat und ihre Stimme auf diese ungewohnt weiche, fast behutsame Lautstärke senkte, ließ Fainche die Hand rasch vom Hals der Stute sinken. Sie wischte die Handfläche flüchtig an ihrer Hose ab, als wolle sie die Beweismittel vernichten, dass sie das verdammte Tier gerade tatsächlich gestreichelt hatte.
„Ein erster Schritt“, knurrte Fainche leise, die Stimme noch immer ein wenig rau. „Oder reine Todessehnsucht. Die Grenzen sind an guten Tagen fließend.“
Auf die Frage nach dem Namen versteifte sie sich kurz. Sie betrachtete die Stute, die auf Helisandes sanftes Gurren mit einem ruhigen Schnauben reagierte.
„Morijin“, sagte Fainche schließlich. Die Stimme war leise, das kratzige Knurren fehlte für einen Moment völlig. „Eine alte Geschichte, die ich irgendwann mal aufgeschnappt habe. Eine Geisterkönigin, die sich in eine Krähe verwandeln konnte. Stand angeblich für Schönheit und Eleganz, aber eben auch für Krieg und jede Menge Blutvergießen.“ Sie schwieg einen Moment, der Blick ruhte auf dem schwarzen Fell. „Passt zu ihr. Und zu dem, was Marius mit ihr wohl schon erlebt hat.“
Fainche nahm Helisandes Anweisung bezüglich des Futters mit einem knappen, steifen Nicken entgegen. Heu, Wasser, wenig Hafer. Klare Regeln. Außerdem erschien es ihr ohnehin ratsam, dem schwarzen Ungetüm nicht noch mehr Energie anzufüttern, als absolut notwendig war.
Als Helisande ihr die Führarbeit abnahm und die Pferde auf die winterliche Koppel lenkte, folgte Fainche in sicherem Abstand. Sie lehnte sich schwer auf den Holzzaun. Der kühle Wind linderte das Hämmern in ihrem Kopf zumindest so weit, dass sie wieder klar denken konnte. Ihr Blick wanderte von Morijin zu Helisandes Schulter, die vermutlich immer noch bandagiert war – und in diesem Moment sickerte eine glasklare, seltene Erkenntnis in Fainches pochenden Schädel.
Sie wusste genau, warum sie heute nicht davongerannt war. Weder freundliches Zureden, geschweige denn sämtliche Dienstvorschriften hätten sie in diese Box zwingen können. Es war dieses unsichtbare Sicherheitsnetz, das sie in den letzten Wochen hier erfahren hatte. Von zweien, die – auch wenn sie sich vehement hütete, das Wort laut auszusprechen – sich unaufhaltsam in ihr Bewusstsein eingruben. Als Familie. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wusste Fainche mit absoluter Sicherheit, dass diese beiden Menschen sie auffangen würden, wenn sie stürzte, anstatt sie im Dreck liegen zu lassen. Und paradoxerweise war genau dieses unverschämte Wissen, dass sie hier Schwäche zeigen durfte, der einzige Grund, warum sie überhaupt den Mut fand, sich in die Nähe dieses Hufschlagtods zu wagen. Verdammte Idioten, dachte sie und schluckte hart, während ein raues, kaum merkliches Schmunzeln ihre Mundwinkel zucken ließ.
Auf der Koppel ließ sich Morijin in genau diesem Moment mit einem tiefen, genüsslichen Schnauben zu Boden fallen und wälzte sich ausgiebig im noch winterlichen Matsch. Die stolze, elegante Geisterkönigin verwandelte sich binnen Sekunden in ein verkrustetes, braun-schwarzes Schlammungetüm.
Fainches Schmunzeln erstarb auf der Stelle. Ihre Hand glitt unwillkürlich in Richtung der schmerzenden Nähte an ihrem Rücken. Den groben Striegel in der Box ein paar Mal über den Hals zu kratzen war die eine Sache. Aber ein komplettes Pferd von dieser massiven Dreckschicht zu befreien, würde sie heute physisch in die Knie zwingen – und mental war ihr Kontingent für diese Bestien für heute ohnehin restlos aufgebraucht.
Ihr Blick fiel auf Conrad und Rikkard, die noch immer auf dem Platz herumwuselten, randvoll mit überschüssiger Energie, die Helisande bis zum Abendessen sicher noch einige Nerven rauben würden. Fainches Augen verengten sich zu schmalen, berechnenden Schlitzen. Zwei nützliche Ressourcen, die nur motiviert werden mussten.
„He! Ihr zwei Rabauken!“, rief Fainche über den Zaun. Die Lautstärke verpasste ihrem Schädel einen neuen Tritt, aber sie legte mühelos ihren besten, herausforderndsten Tonfall auf. Die Jungs hielten inne und sahen zu ihr herüber.
„Glaubt ihr, ihr könnt nur hübsch im Kreis reiten?“, stichelte sie, verschränkte die Arme auf dem obersten Balken und nickte abfällig in Richtung der völlig verdreckten Morijin. „Das da ist kein Pferd mehr. Das ist ein wandelnder Schlammhaufen. Wer von euch halben Portionen hat eigentlich den Mumm, nach dem Reitunterricht den Dreck aus diesem Fell zu bürsten, ohne dabei selbst heulend im Mist zu landen?“
Es war ein simpler, billiger Köder, aber bei Jungs in dem Alter funktionierte er todsicher. Conrad und Rikkard blickten sich an, der brüderliche Konkurrenzkampf loderte sofort auf. „Ich übernehme die linke Flanke, Rikkard die rechte!“, tönte es lautstark zurück, und die beiden setzten sich in Bewegung.
Fainche nickte mit todernster Miene, verbarg das triumphierende Zucken ihrer Mundwinkel und warf Helisande einen flüchtigen, verschwörerischen Seitenblick zu. Sie hatte sich die unmögliche Bürstarbeit gespart und die Jungs würden am Abend vermutlich im Stehen einschlafen.
Als Helisande näher trat und ihre Stimme auf diese ungewohnt weiche, fast behutsame Lautstärke senkte, ließ Fainche die Hand rasch vom Hals der Stute sinken. Sie wischte die Handfläche flüchtig an ihrer Hose ab, als wolle sie die Beweismittel vernichten, dass sie das verdammte Tier gerade tatsächlich gestreichelt hatte.
„Ein erster Schritt“, knurrte Fainche leise, die Stimme noch immer ein wenig rau. „Oder reine Todessehnsucht. Die Grenzen sind an guten Tagen fließend.“
Auf die Frage nach dem Namen versteifte sie sich kurz. Sie betrachtete die Stute, die auf Helisandes sanftes Gurren mit einem ruhigen Schnauben reagierte.
„Morijin“, sagte Fainche schließlich. Die Stimme war leise, das kratzige Knurren fehlte für einen Moment völlig. „Eine alte Geschichte, die ich irgendwann mal aufgeschnappt habe. Eine Geisterkönigin, die sich in eine Krähe verwandeln konnte. Stand angeblich für Schönheit und Eleganz, aber eben auch für Krieg und jede Menge Blutvergießen.“ Sie schwieg einen Moment, der Blick ruhte auf dem schwarzen Fell. „Passt zu ihr. Und zu dem, was Marius mit ihr wohl schon erlebt hat.“
Fainche nahm Helisandes Anweisung bezüglich des Futters mit einem knappen, steifen Nicken entgegen. Heu, Wasser, wenig Hafer. Klare Regeln. Außerdem erschien es ihr ohnehin ratsam, dem schwarzen Ungetüm nicht noch mehr Energie anzufüttern, als absolut notwendig war.
Als Helisande ihr die Führarbeit abnahm und die Pferde auf die winterliche Koppel lenkte, folgte Fainche in sicherem Abstand. Sie lehnte sich schwer auf den Holzzaun. Der kühle Wind linderte das Hämmern in ihrem Kopf zumindest so weit, dass sie wieder klar denken konnte. Ihr Blick wanderte von Morijin zu Helisandes Schulter, die vermutlich immer noch bandagiert war – und in diesem Moment sickerte eine glasklare, seltene Erkenntnis in Fainches pochenden Schädel.
Sie wusste genau, warum sie heute nicht davongerannt war. Weder freundliches Zureden, geschweige denn sämtliche Dienstvorschriften hätten sie in diese Box zwingen können. Es war dieses unsichtbare Sicherheitsnetz, das sie in den letzten Wochen hier erfahren hatte. Von zweien, die – auch wenn sie sich vehement hütete, das Wort laut auszusprechen – sich unaufhaltsam in ihr Bewusstsein eingruben. Als Familie. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wusste Fainche mit absoluter Sicherheit, dass diese beiden Menschen sie auffangen würden, wenn sie stürzte, anstatt sie im Dreck liegen zu lassen. Und paradoxerweise war genau dieses unverschämte Wissen, dass sie hier Schwäche zeigen durfte, der einzige Grund, warum sie überhaupt den Mut fand, sich in die Nähe dieses Hufschlagtods zu wagen. Verdammte Idioten, dachte sie und schluckte hart, während ein raues, kaum merkliches Schmunzeln ihre Mundwinkel zucken ließ.
Auf der Koppel ließ sich Morijin in genau diesem Moment mit einem tiefen, genüsslichen Schnauben zu Boden fallen und wälzte sich ausgiebig im noch winterlichen Matsch. Die stolze, elegante Geisterkönigin verwandelte sich binnen Sekunden in ein verkrustetes, braun-schwarzes Schlammungetüm.
Fainches Schmunzeln erstarb auf der Stelle. Ihre Hand glitt unwillkürlich in Richtung der schmerzenden Nähte an ihrem Rücken. Den groben Striegel in der Box ein paar Mal über den Hals zu kratzen war die eine Sache. Aber ein komplettes Pferd von dieser massiven Dreckschicht zu befreien, würde sie heute physisch in die Knie zwingen – und mental war ihr Kontingent für diese Bestien für heute ohnehin restlos aufgebraucht.
Ihr Blick fiel auf Conrad und Rikkard, die noch immer auf dem Platz herumwuselten, randvoll mit überschüssiger Energie, die Helisande bis zum Abendessen sicher noch einige Nerven rauben würden. Fainches Augen verengten sich zu schmalen, berechnenden Schlitzen. Zwei nützliche Ressourcen, die nur motiviert werden mussten.
„He! Ihr zwei Rabauken!“, rief Fainche über den Zaun. Die Lautstärke verpasste ihrem Schädel einen neuen Tritt, aber sie legte mühelos ihren besten, herausforderndsten Tonfall auf. Die Jungs hielten inne und sahen zu ihr herüber.
„Glaubt ihr, ihr könnt nur hübsch im Kreis reiten?“, stichelte sie, verschränkte die Arme auf dem obersten Balken und nickte abfällig in Richtung der völlig verdreckten Morijin. „Das da ist kein Pferd mehr. Das ist ein wandelnder Schlammhaufen. Wer von euch halben Portionen hat eigentlich den Mumm, nach dem Reitunterricht den Dreck aus diesem Fell zu bürsten, ohne dabei selbst heulend im Mist zu landen?“
Es war ein simpler, billiger Köder, aber bei Jungs in dem Alter funktionierte er todsicher. Conrad und Rikkard blickten sich an, der brüderliche Konkurrenzkampf loderte sofort auf. „Ich übernehme die linke Flanke, Rikkard die rechte!“, tönte es lautstark zurück, und die beiden setzten sich in Bewegung.
Fainche nickte mit todernster Miene, verbarg das triumphierende Zucken ihrer Mundwinkel und warf Helisande einen flüchtigen, verschwörerischen Seitenblick zu. Sie hatte sich die unmögliche Bürstarbeit gespart und die Jungs würden am Abend vermutlich im Stehen einschlafen.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Der Anfang anzufangen ist völlig lächerlich
In den Tagen nach ihrem Entschluss, sich mit diesen haarigen Katastrophen arrangieren zu müssen, stellte Fainche fest, dass der eigentliche Gegner gar nicht im Stall stand, sondern an ihr herunterhing: Ihre eigenen, bemerkenswert widerspenstigen Beine. Wann immer sie den Weg zum Stall entlang ging, wurde ihr Schritt zäher, als wolle der matschige Frühlingsboden sie festhalten. Die Luft roch nach nasser Erde, irgendwo tropfte ein Rest Schmelzwasser unaufhörlich von den Dachrinnen – eine Jahreszeit, die penetrant versprach, dass alles besser wurde. Fainche traute dem Braten nicht.
„Geht schon“, murmelte sie einmal trocken in Richtung ihrer Stiefel, als diese sich mitten auf dem Weg schlicht weigerten, auch nur einen weiteren Schritt auf den Stall zuzumachen. „Lasst euch ruhig Zeit. Vielleicht lösen die Biester sich in der Zwischenzeit ja in Luft auf.“ Taten sie natürlich nicht. Also ging sie weiter – nicht aus neu gefundenem Mut, sondern weil die Aussicht, vor einem übergroßen Grasfresser zu kapitulieren, ihren eigenen Starrsinn mittlerweile noch mehr beleidigte als ihre nackte Panik.
Die ersten Begegnungen beschränkten sich auf ein beidseitiges, angespanntes Anstarren. Fainche verharrte am Rand der Box, die Hände so tief und fest in den Manteltaschen zu Fäusten geballt, dass die Nägel in ihre Handflächen schnitten. Ähnlich wie bei der ersten Kontaktaufnahme, nur hatte sie diesmal auf den scharfkantigen Stein verzichtet. Vor ihr stand die Rappstute – ein schwarzer, von fürsorglicheren Händen als den ihren striegelglänzender Muskelberg, der in Fainches Augen vor allem eine hervorragend konstruierte Möglichkeit darstellte, sich sämtliche Knochen gleichzeitig brechen zu lassen. Als das Tier schnaubte und den massigen Kopf schwang, zuckte sie unwillkürlich zurück. Ein scharfes Zischen entwich ihr; ihr lädierter Rücken meldete sich sofort zu Wort und erinnerte sie gnadenlos an ihre schlechten Entscheidungen der letzten Wochen. „Wir werden keine Freunde“, knurrte sie das Pferd an. „Aber ich lass mich auch nicht von einem überdimensionierten Grasvernichter besiegen.“ Die Stute kaute unbeeindruckt weiter. Diese stoische Gleichgültigkeit konnte man nur als Arroganz interpretieren. Sie dachte wohl, dass sie im Recht sei. Wie alle.
Als Fainche in den nächsten Tagen beschloss, die Sache offensiver anzugehen, bewaffnete sie sich mit einem Striegel. Sie hielt das Ding, als wäre es eine angeschlagene Bolzengranate, und betrat die Box mit der peniblen Anspannung einer Einbrecherin in gut bewachtes Gebiet. Jeder Schritt vorsichtig. Jeder Muskel gespannt. Bereit, zu springen, zu fluchen oder zu sterben. In beliebiger Reihenfolge.
Aus der Nähe wirkte die Stute noch gewaltiger, doch Fainche zwang sich, stehen zu bleiben. Zentimeter für Zentimeter näherte sich der Striegel dem schwarzen Fell, bis die Borsten es schließlich berührten. Die Haut des Pferdes zuckte beiläufig, um eine Fliege zu vertreiben. Fainche erstarrte und wartete auf den Schlag, den Biss, das unvermeidliche Ende. Nichts geschah. Also zog sie das Holzstück in einer einzigen, steifen Bewegung nach unten und trat sofort den taktischen Rückzug an. „Reicht“, befand sie und verließ die Box, bevor die Welt sich entscheiden konnte, doch noch gegen sie zu arbeiten.
Die eigentliche Kapitulation vor ihrem eigenen Trotz folgte, als die Frühlingsluft bereits milder durch die Stallfenster wehte. Fainche ignorierte das milde Ziehen im Rücken und arbeitete sich nun in gleichmäßigen, beinahe mechanischen Zügen über die Flanke der Stute. Sie behandelte das Tier nicht wie ein Lebewesen, sondern wie eine komplexe Falle, die man nur entschärfen musste, indem man die richtigen Handgriffe stur wiederholte. Strich. Atmen. Strich. Atmen. Nicht nachdenken. Bloß nicht nachdenken. Doch je länger sie mit schmal zusammengepressten Lippen dort stand, desto unweigerlicher sickerte eine unbequeme Erkenntnis durch ihre absolute Konzentration: Das Pferd tat nichts. Es stand einfach nur da und ließ es geschehen. Und es war warm. Fainche hielt mitten in der Bewegung inne, blinzelte irritiert und pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Du willst mich gar nicht töten“, stellte sie leise fest, als hätte sie einen gravierenden Fehler im System entdeckt. „Das ist… fast enttäuschend.“ Dennoch blieb sie einen Moment länger stehen, als sie es sich selbst je zugestanden hätte.
Der nächste Schritt fühlte sich schließlich auf eine ganz neue Art lächerlich an. Fainche stand vor der Box, bewaffnet mit einer Möhre. Angespannt, als müsse sie sich mit dieser Bewaffnung einem Dämonen stellen. Was sich auch exakt so anfühlte. Wobei sie bei einem Dämonen noch nie vor Angst erstarrt ist. Sie hatte genau beobachtet, wie mühelos das funktionieren konnte: Flache Hand, Möhre drauf, Pferd frisst. Eine eigentlich idiotensichere Abfolge, die bei ihr jedoch rigoros am ersten Punkt scheiterte. Die flache Hand hinzuhalten bedeutete Kontrollverlust. Es hieß, die eigenen Finger einem Gebiss zu präsentieren, das Knochen wie trockene Zweige zermalmen konnte. Also verzichtete sie darauf - die potentielle Gefahr für ihre Finger nicht sehend. Als die Stute den Hals über die Boxentür streckte, machte Fainche einen kleinen, steifen Schritt nach vorn. Ihr Puls raste, doch sie hob die Hand. Statt das Gemüse jedoch offen darzubieten, hielt sie das dicke Ende in der fest geschlossenen Faust. Die Karotte ragte nach vorn wie die Klinge eines Dolches– exakt so positioniert, dass sie jederzeit zustechen oder die Waffe blitzschnell zurückreißen konnte.
„Hier. Nimm schon“, knurrte sie leise.
Die Stute blinzelte, als würde sie Fainches taktische Haltung kurz bewerten, dann schoben sich weiche, fast kitzelige Lippen über das orangefarbene Ende der vermeintlichen Waffe. Ein lautes Knacken ertönte, als das Pferd ein Stück abbrach und genüsslich zu kauen begann. Keine Zähne berührten Fainches Haut. Keine ruckartige Bewegung. Nur dieses stoische, zufriedene Mahlen.
Fainche starrte auf den abgebissenen Rest in ihrer Faust, als wäre es ein magisches Artefakt. Die Anspannung sackte so unvermittelt aus ihren Schultern, dass ihr Rücken leise protestierte, und ein kurzes, raues Lachen entwich ihrer Kehle – halb Unglaube, halb Erleichterung. „Das ist ja…“, schnaubte sie leise, „völlig lächerlich.“
Sie ließ den Möhren-Dolchgriff sinken, warf den Rest der Karotte in den Trog und wandte sich ab. Diesmal ohne Hast, aber immer noch mit einer gewissen Vorsicht, um das fragile Gleichgewicht nicht zu stören. „Schon gut, Morijin“, murmelte sie. „Aber bild dir nichts drauf ein.“ Ein kurzes Zögern, dann fügte sie kaum hörbar hinzu: „Nächstes Mal bring ich Rosenkohl mit. Mal sehen, wie mutig du dann bist.“
„Geht schon“, murmelte sie einmal trocken in Richtung ihrer Stiefel, als diese sich mitten auf dem Weg schlicht weigerten, auch nur einen weiteren Schritt auf den Stall zuzumachen. „Lasst euch ruhig Zeit. Vielleicht lösen die Biester sich in der Zwischenzeit ja in Luft auf.“ Taten sie natürlich nicht. Also ging sie weiter – nicht aus neu gefundenem Mut, sondern weil die Aussicht, vor einem übergroßen Grasfresser zu kapitulieren, ihren eigenen Starrsinn mittlerweile noch mehr beleidigte als ihre nackte Panik.
Die ersten Begegnungen beschränkten sich auf ein beidseitiges, angespanntes Anstarren. Fainche verharrte am Rand der Box, die Hände so tief und fest in den Manteltaschen zu Fäusten geballt, dass die Nägel in ihre Handflächen schnitten. Ähnlich wie bei der ersten Kontaktaufnahme, nur hatte sie diesmal auf den scharfkantigen Stein verzichtet. Vor ihr stand die Rappstute – ein schwarzer, von fürsorglicheren Händen als den ihren striegelglänzender Muskelberg, der in Fainches Augen vor allem eine hervorragend konstruierte Möglichkeit darstellte, sich sämtliche Knochen gleichzeitig brechen zu lassen. Als das Tier schnaubte und den massigen Kopf schwang, zuckte sie unwillkürlich zurück. Ein scharfes Zischen entwich ihr; ihr lädierter Rücken meldete sich sofort zu Wort und erinnerte sie gnadenlos an ihre schlechten Entscheidungen der letzten Wochen. „Wir werden keine Freunde“, knurrte sie das Pferd an. „Aber ich lass mich auch nicht von einem überdimensionierten Grasvernichter besiegen.“ Die Stute kaute unbeeindruckt weiter. Diese stoische Gleichgültigkeit konnte man nur als Arroganz interpretieren. Sie dachte wohl, dass sie im Recht sei. Wie alle.
Als Fainche in den nächsten Tagen beschloss, die Sache offensiver anzugehen, bewaffnete sie sich mit einem Striegel. Sie hielt das Ding, als wäre es eine angeschlagene Bolzengranate, und betrat die Box mit der peniblen Anspannung einer Einbrecherin in gut bewachtes Gebiet. Jeder Schritt vorsichtig. Jeder Muskel gespannt. Bereit, zu springen, zu fluchen oder zu sterben. In beliebiger Reihenfolge.
Aus der Nähe wirkte die Stute noch gewaltiger, doch Fainche zwang sich, stehen zu bleiben. Zentimeter für Zentimeter näherte sich der Striegel dem schwarzen Fell, bis die Borsten es schließlich berührten. Die Haut des Pferdes zuckte beiläufig, um eine Fliege zu vertreiben. Fainche erstarrte und wartete auf den Schlag, den Biss, das unvermeidliche Ende. Nichts geschah. Also zog sie das Holzstück in einer einzigen, steifen Bewegung nach unten und trat sofort den taktischen Rückzug an. „Reicht“, befand sie und verließ die Box, bevor die Welt sich entscheiden konnte, doch noch gegen sie zu arbeiten.
Die eigentliche Kapitulation vor ihrem eigenen Trotz folgte, als die Frühlingsluft bereits milder durch die Stallfenster wehte. Fainche ignorierte das milde Ziehen im Rücken und arbeitete sich nun in gleichmäßigen, beinahe mechanischen Zügen über die Flanke der Stute. Sie behandelte das Tier nicht wie ein Lebewesen, sondern wie eine komplexe Falle, die man nur entschärfen musste, indem man die richtigen Handgriffe stur wiederholte. Strich. Atmen. Strich. Atmen. Nicht nachdenken. Bloß nicht nachdenken. Doch je länger sie mit schmal zusammengepressten Lippen dort stand, desto unweigerlicher sickerte eine unbequeme Erkenntnis durch ihre absolute Konzentration: Das Pferd tat nichts. Es stand einfach nur da und ließ es geschehen. Und es war warm. Fainche hielt mitten in der Bewegung inne, blinzelte irritiert und pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Du willst mich gar nicht töten“, stellte sie leise fest, als hätte sie einen gravierenden Fehler im System entdeckt. „Das ist… fast enttäuschend.“ Dennoch blieb sie einen Moment länger stehen, als sie es sich selbst je zugestanden hätte.
Der nächste Schritt fühlte sich schließlich auf eine ganz neue Art lächerlich an. Fainche stand vor der Box, bewaffnet mit einer Möhre. Angespannt, als müsse sie sich mit dieser Bewaffnung einem Dämonen stellen. Was sich auch exakt so anfühlte. Wobei sie bei einem Dämonen noch nie vor Angst erstarrt ist. Sie hatte genau beobachtet, wie mühelos das funktionieren konnte: Flache Hand, Möhre drauf, Pferd frisst. Eine eigentlich idiotensichere Abfolge, die bei ihr jedoch rigoros am ersten Punkt scheiterte. Die flache Hand hinzuhalten bedeutete Kontrollverlust. Es hieß, die eigenen Finger einem Gebiss zu präsentieren, das Knochen wie trockene Zweige zermalmen konnte. Also verzichtete sie darauf - die potentielle Gefahr für ihre Finger nicht sehend. Als die Stute den Hals über die Boxentür streckte, machte Fainche einen kleinen, steifen Schritt nach vorn. Ihr Puls raste, doch sie hob die Hand. Statt das Gemüse jedoch offen darzubieten, hielt sie das dicke Ende in der fest geschlossenen Faust. Die Karotte ragte nach vorn wie die Klinge eines Dolches– exakt so positioniert, dass sie jederzeit zustechen oder die Waffe blitzschnell zurückreißen konnte.
„Hier. Nimm schon“, knurrte sie leise.
Die Stute blinzelte, als würde sie Fainches taktische Haltung kurz bewerten, dann schoben sich weiche, fast kitzelige Lippen über das orangefarbene Ende der vermeintlichen Waffe. Ein lautes Knacken ertönte, als das Pferd ein Stück abbrach und genüsslich zu kauen begann. Keine Zähne berührten Fainches Haut. Keine ruckartige Bewegung. Nur dieses stoische, zufriedene Mahlen.
Fainche starrte auf den abgebissenen Rest in ihrer Faust, als wäre es ein magisches Artefakt. Die Anspannung sackte so unvermittelt aus ihren Schultern, dass ihr Rücken leise protestierte, und ein kurzes, raues Lachen entwich ihrer Kehle – halb Unglaube, halb Erleichterung. „Das ist ja…“, schnaubte sie leise, „völlig lächerlich.“
Sie ließ den Möhren-Dolchgriff sinken, warf den Rest der Karotte in den Trog und wandte sich ab. Diesmal ohne Hast, aber immer noch mit einer gewissen Vorsicht, um das fragile Gleichgewicht nicht zu stören. „Schon gut, Morijin“, murmelte sie. „Aber bild dir nichts drauf ein.“ Ein kurzes Zögern, dann fügte sie kaum hörbar hinzu: „Nächstes Mal bring ich Rosenkohl mit. Mal sehen, wie mutig du dann bist.“
- Helisande von Alsted
- Beiträge: 4067
- Registriert: Mittwoch 8. Mai 2013, 05:42
Re: Der Anfang anzufangen
Morijin. So hieß die Stute also, die Fainche geleichsam anzog und trotzdem in ein Heidenangst versetzte. Eine schwarze Schönheit mit ewig staubigem Fell und wachen Augen. Schon recht bald zeigte sich, dass das Tier genauso duldsam war wie Mocca. Die Jungen konnten quasi mit ihr machen, was sie wollten. Unterm Bauch herumkriechen, über sie krabbeln und sie auch an den empfindlichsten Stellen anfassen.
Die Stute hatte allerdings zu viel herumgestanden und einiges an Muskelmasse eingebüßt. Das galt es zu beheben. Auch wenn Fainche sicherlich kein Schwergewicht war oder jemals sein würde, das Tier würde Kraft und Kondition brauchen um das Mädchen zu schützen im Dienst. So wurde Morijin in die tägliche Rotation aufgenommen. Zunächst immer nur ein paar Minuten, vielleicht eine halbe Stunde auf der Koppel im Kreis traben lassen, dann kamen Stangen auf dem Boden hinzu. Schließlich schwang sich Helisande auf den Rücken der Stute.
"Sie hat weiche Gänge, Fainche. Sie tritt ganz sachte und umsichtig auf! Schau!" Schon glitt das Tier in einen Gallopp und die Reiterin oben wirkte völlig unbewegt darin, gleitend und weich. Nur eine minimale Verlagerung des Gewichtes und Morijin änderte die Richtung, Aufrichten des Oberkörpers und sie parierte durch.
"Gutes Mädchen, Morijin. Guuut gemacht." Langsam trabte das Tier aus und wurde noch einige Runden im Schritt abgeritten um den Körper abzukühlen. Kein Zügel, kein Sattel, nicht einmal ein Strick um den Hals. Die Aschenfelderin ritt so, es wirkte so selbstverständlich wie ein Spaziergang über eine Blumenwiese im Eluviar.
Der stille Blick heftete sich dann auf Fainche. "Sie wird gut auf dich aufpassen. Wenn du sie lässt und wenn du gut auf sie aufpasst. Wenn du willst, könnten wir morgen versuchen, dass du sie hier her führst? Mit Halfter und Führstrick, mh?"
Die Stute hatte allerdings zu viel herumgestanden und einiges an Muskelmasse eingebüßt. Das galt es zu beheben. Auch wenn Fainche sicherlich kein Schwergewicht war oder jemals sein würde, das Tier würde Kraft und Kondition brauchen um das Mädchen zu schützen im Dienst. So wurde Morijin in die tägliche Rotation aufgenommen. Zunächst immer nur ein paar Minuten, vielleicht eine halbe Stunde auf der Koppel im Kreis traben lassen, dann kamen Stangen auf dem Boden hinzu. Schließlich schwang sich Helisande auf den Rücken der Stute.
"Sie hat weiche Gänge, Fainche. Sie tritt ganz sachte und umsichtig auf! Schau!" Schon glitt das Tier in einen Gallopp und die Reiterin oben wirkte völlig unbewegt darin, gleitend und weich. Nur eine minimale Verlagerung des Gewichtes und Morijin änderte die Richtung, Aufrichten des Oberkörpers und sie parierte durch.
"Gutes Mädchen, Morijin. Guuut gemacht." Langsam trabte das Tier aus und wurde noch einige Runden im Schritt abgeritten um den Körper abzukühlen. Kein Zügel, kein Sattel, nicht einmal ein Strick um den Hals. Die Aschenfelderin ritt so, es wirkte so selbstverständlich wie ein Spaziergang über eine Blumenwiese im Eluviar.
Der stille Blick heftete sich dann auf Fainche. "Sie wird gut auf dich aufpassen. Wenn du sie lässt und wenn du gut auf sie aufpasst. Wenn du willst, könnten wir morgen versuchen, dass du sie hier her führst? Mit Halfter und Führstrick, mh?"
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Der Anfang anzufangen ist gar nicht so übel
Ausschnitt aus Fainches Tagebuch:
Wieder der Stall. Fainche gab nicht auf. Sie zwang sich jeden einzelnen Tag hierher und verfluchte sich ebenso zuverlässig jeden einzelnen Tag für diesen glorreichen Einfall.
Diesmal stand sie da, den rauen Führstrick in der Hand, als wäre das Ding ein ernstzunehmendes Verteidigungsmittel und nicht einfach nur ein Stück Seil, das im Zweifel eher sie umbrachte als irgendetwas anderes. Ihr Blick klebte an dem Problem. Ihrem Problem. Morijin. Ein schöner Name. Klangvoll. Bedeutend. Zumindest fand Fainche das. Selbst wenn die Stute vorher namenlos durchs Leben gegangen war – sie würde es schon überleben. Fainche hatte schließlich nicht vor, ihr den Namen ins Fell zu ritzen. Sie war ja kein völliger Idiot. Nur nah dran.
Die schwarze Stute schien von Fainches Anspannung mal wieder nichts zu ahnen. Sie döste. Sie kaute. Sie existierte einfach mit stoischer Gelassenheit vor sich hin, völlig unbeeindruckt davon, dass sie im Grunde ein wandelnder Berg aus Muskelmasse mit potenziell tödlichen Hufen daran war. Vier Hufe, jeder davon in der Lage, Fainche in ein sehr flaches Problem zu verwandeln – und das Tier wirkte, als wäre das größte Thema ihres Tages die Konsistenz von Heu.
Ein paar Schritte entfernt stand Helisande in der Stallgasse. Vermutlich hielt sie gerade die Jungs davon ab, sich gegenseitig in den Misthaufen zu werfen oder darin heimisch zu werden. Sie stand nicht zufällig in Reichweite. Natürlich nicht. Aber sie tat so, als wäre sie einfach nur… da. Es war diese demonstrativ unaufgeregte Art von „Ich bin da, aber ich misch mich nicht ein“. Ganz toll. Wirklich. Sehr beruhigend. Absolut gar kein Druck. Es lief gut. Eigentlich lief es verdächtig gut. Fainche verengte die Augen.
Warum, dachte sie, während sich ihr Kiefer fast schon schmerzhaft anspannte, ist das hier eigentlich so ein verdammtes Problem? Vor Kurzem hatte sie auf einer Feier inmitten von Magiern und Adeligen gestanden, hatte rohe Fische durch die Gegend geworfen, als wäre das eine gesellschaftlich anerkannte Kunstform, und nicht mal mit der Wimper gezuckt. Das war Chaos, das war ihr Revier. Da funktionierte sie. Irgendwie. Und Pferde stehlen war früher doch auch kein Problem gewesen. Es war kaum mehr als zwölf Monate her, da hatte sie im Schutz der Nacht Rösser mitgehen lassen. Einfach so. Strick lösen, Halfter greifen, raus, mitnehmen. Nicht geritten natürlich – sie war ja nicht völlig lebensmüde –, aber geführt. Leise und zielgerichtet, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Damals gab es Herzklopfen, Adrenalin und genau die richtige Dosis puren Wahnsinn. Da war schlichtweg keine Zeit für Panik gewesen. Angst war ein Luxus für Leute, die nicht gerade dabei waren, erwischt zu werden. Und jetzt? Jetzt stand sie hier in dieser abartigen Sicherheit und hatte plötzlich alle Zeit der Welt, sich daran zu erinnern, dass sie eigentlich nicht den blassesten Schimmer hatte, was sie hier tat. Ein wirklich blöder Fehler.
Morijin atmete. Ruhig und tief. Doch mit jedem Atemzug schien das Geräusch in Fainches Ohren unnatürlich laut zu werden. Viel zu laut. Sie spürte, wie ihr Puls unangenehm anzog und wie diese eklige, kriechende Kälte aus der Vergangenheit an ihren Nervenbahnen hochkletterte. Staub. Erdrückendes Gewicht. Harter Boden. Das Gefühl, nicht mehr aufstehen zu können. „Ach, halt die Fresse“, knurrte sie leise in ihren eigenen Kopf hinein, um die Erinnerung abzuwürgen.
Und genau da entschied das Universum, dass dies ein ganz hervorragender Moment für eine kleine humoristische Einlage war. Eine fette, schillernde Bremse landete mit einem satten Klatschen auf Morijins Flanke. Die Stute zuckte instinktiv zusammen. Der schwarze Schweif peitschte durch die Luft, und der massive Körper machte einen plötzlichen, ungeduldigen Ausfallschritt zur Seite. Direkt auf Fainche zu. Es war nichts Dramatisches. Kein Angriff, kein böser Wille. Einfach nur… sehr, sehr viel Pferd in abrupter Bewegung. Für Fainche jedoch war es eine absolute Katastrophe. Ihr Fluchtinstinkt brüllte auf. Sie wich zurück – viel zu schnell, viel zu fahrig –, trat blind gegen den schweren Holzeimer hinter sich und verlor das Gleichgewicht. Der Führstrick riss schmerzhaft durch ihre Handfläche, und dann—
—Boden.
Hart, staubig und absolut würdelos. Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen, als hätte jemand da oben beschlossen, dass sie die in diesem Moment ohnehin nicht brauchte. Eine dicke Staubwolke stob um sie herum auf. Über ihr schnaubte Morijin laut, der dunkle Kopf ruckte nervös hoch, und die Hufe scharrten unruhig auf dem Holzwerk. Es war dieses dumpfe, hohle und vibrierende Geräusch, das sich durch den Boden direkt in Fainches Knochen übertrug—
Und plötzlich war da kein friedlicher Stall mehr. Die Gegenwart riss mit einem brutalen Ruck entzwei, und sie war wieder damals. Der bittere Geschmack von Dreck und Blut auf der Zunge. Trampelnde Hufe. Der blendende, alles verzehrende Schmerz. Braunes Fell. Aggressives Schnauben. Dieses verdammte, gebrochene Bein. Und dieses stundenlange, ohnmächtige Warten. Fainche lag da, den Blick wie gebannt nach oben in Richtung des Heubodens und der Dachbalken des Stalls gerichtet, doch ihre Wahrnehmung hing in der Erinnerung fest. Ihr Körper beschloss kollektiv: Nö. Wir machen heute gar nichts mehr. Kein Aufspringen. Kein wehrhaftes Zurückschlagen. Nicht mal ein halbwegs vernünftiger Fluch schaffte es über ihre Lippen. Nur ein flacher, völlig unzureichender Atem und Augen, die panisch und viel zu weit aufgerissen waren.
Dann schob sich ein Schatten zwischen sie und die Deckenbalken. Helisande. Ein ruhiger, kontrollierter Schritt. Ein tiefes, forderndes Schnalzen aus der Kehle. Und eine flache Hand, die sich bestimmt gegen Morijins breite Brust legte. Die Stute wich augenblicklich zurück und senkte den Kopf, als hätte sie sich schlagartig daran erinnert, dass sie eigentlich Manieren besaß. Die Gefahr war gebannt. Dann legte sich eine Hand auf Fainches Schulter. Schwer. Warm. Bleibend. Fainches erster, wilder Impuls war pure Gegenwehr: wegschlagen, hochstemmen, sich losreißen. Sie stemmte sich fahrig auf die Ellenbogen, fluchte heiser durch zusammengebissene Zähne— und blieb. Weil die Hand blieb.
Das Zittern kam trotzdem. Sie schlug sich eine schmutzige Hand vors Gesicht und wischte sich grob über die Augen. „Läuft ja hervorragend“, murmelte sie dumpf in ihre eigenen Finger hinein. Helisande sagte nichts und hielt sie am Boden der Tatsachen fest.
Genau in diesem Moment der betretenen, staubigen Stille erklang ein helles, gnadenlos ehrliches Kichern. „Hast du ihr Gesicht gesehen?!“
Fainche blinzelte irritiert durch ihre schmutzigen Finger. Über die hölzerne Abtrennung der Nachbarbox lugten zwei Wuschelköpfe. Die Jungs. Sie hingen halb über dem Holz, die Augen leuchtend vor amüsierter kindlicher Schadenfreude. „Wie ein Frosch!“, prustete Conrad und plusterte die Wangen auf, riss die Augen auf und ruderte wild mit den Armen, um Fainches wenig graziösen Abgang zu imitieren.
„He!“, knurrte Fainche, aber ihre Stimme hatte nicht den üblichen Biss.
Die beiden Jungs ignorierten sie ohnehin völlig. Stattdessen kletterten sie mit der flinken Selbstverständlichkeit von Eichhörnchen über die Boxentür. Ehe Fainche auch nur Luft holen konnte, um eine Warnung auszustoßen, wuselten die zwei halben Portionen bereits um Morijins Beine herum. Rikkard tauchte unbekümmert unter dem massiven Hals der Stute hindurch, während Conrad sich mit einem frechen Satz an den Stäben der Box hochzog, um Morijin kräftig hinter den Ohren zu kraulen. Das monströse, todbringende Biest, das Fainche gerade in eine regelrechte Schockstarre versetzt hatte, schnaubte wohlig ab, schloss halb die Augen und ließ sich von den zwei Kindern wie ein überdimensionierter, gutmütiger Hund bespaßen.
Fainche lag noch immer im Dreck. Sie sah zu dem gigantischen Tier auf. Dann zu den kletternden Jungs. Dann zu Helisande, deren Mundwinkel verdächtig zuckten. Die Diskrepanz zwischen ihrer eigenen, lähmenden Todesangst und diesen zwei unbeschwerten Jungs, die das Pferd gerade als lebendiges Klettergerüst missbrauchten, war so unfassbar gigantisch, dass in Fainches Kopf etwas knackte. Die Absurdität der ganzen Szene traf sie wie ein nasser Lappen. Das kalte, traumatische Zittern in ihren Knochen wurde von einer plötzlichen Welle heißer, beißender Ironie weggespült. Ein kurzes, ungläubiges Schnauben entwich ihr, dann ein zweites. Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen, starrte wieder an die Deckenbalken und stieß ein raues, trockenes Lachen aus, das mehr nach einem Husten klang, aber befreiend tief aus ihrer Brust kam.
„Na wunderbar“, krächzte sie, stemmte sich endgültig hoch und klopfte sich den Dreck von den Klamotten. „Von zwei Halbwüchsigen vorgeführt. Wenn ihr das rumerzählt, mach ich Fischfutter aus euch.“
Die Jungs lachten nur lauter, und selbst Morijin schien irgendwie amüsiert zu schnauben. Der Stall war wieder ein ganz normaler Stall. Und Fainche war immer noch hier und griff nach dem Führstrick, um Morijin endlich herauszuführen. Das Zittern ihrer Finger dabei war kaum wahrnehmbar.
Gar nicht so übel.
“Dann natürlich noch Pferde.
Weil der Tag ohne persönlichen Albtraum nicht komplett wäre.
Jeden Tag aufs Neue das gleiche Spiel.
Noch keine Lösung, aber immerhin die Erkenntnis: Sie hören nicht auf, nur weil man sie ignoriert.
Jetzt verfolgen sie mich schon im Schlaf.
Nachtmahr. Pferd.
Wer auch immer das benannt hat, wusste genau, was er tut.”
Wieder der Stall. Fainche gab nicht auf. Sie zwang sich jeden einzelnen Tag hierher und verfluchte sich ebenso zuverlässig jeden einzelnen Tag für diesen glorreichen Einfall.
Diesmal stand sie da, den rauen Führstrick in der Hand, als wäre das Ding ein ernstzunehmendes Verteidigungsmittel und nicht einfach nur ein Stück Seil, das im Zweifel eher sie umbrachte als irgendetwas anderes. Ihr Blick klebte an dem Problem. Ihrem Problem. Morijin. Ein schöner Name. Klangvoll. Bedeutend. Zumindest fand Fainche das. Selbst wenn die Stute vorher namenlos durchs Leben gegangen war – sie würde es schon überleben. Fainche hatte schließlich nicht vor, ihr den Namen ins Fell zu ritzen. Sie war ja kein völliger Idiot. Nur nah dran.
Die schwarze Stute schien von Fainches Anspannung mal wieder nichts zu ahnen. Sie döste. Sie kaute. Sie existierte einfach mit stoischer Gelassenheit vor sich hin, völlig unbeeindruckt davon, dass sie im Grunde ein wandelnder Berg aus Muskelmasse mit potenziell tödlichen Hufen daran war. Vier Hufe, jeder davon in der Lage, Fainche in ein sehr flaches Problem zu verwandeln – und das Tier wirkte, als wäre das größte Thema ihres Tages die Konsistenz von Heu.
Ein paar Schritte entfernt stand Helisande in der Stallgasse. Vermutlich hielt sie gerade die Jungs davon ab, sich gegenseitig in den Misthaufen zu werfen oder darin heimisch zu werden. Sie stand nicht zufällig in Reichweite. Natürlich nicht. Aber sie tat so, als wäre sie einfach nur… da. Es war diese demonstrativ unaufgeregte Art von „Ich bin da, aber ich misch mich nicht ein“. Ganz toll. Wirklich. Sehr beruhigend. Absolut gar kein Druck. Es lief gut. Eigentlich lief es verdächtig gut. Fainche verengte die Augen.
Warum, dachte sie, während sich ihr Kiefer fast schon schmerzhaft anspannte, ist das hier eigentlich so ein verdammtes Problem? Vor Kurzem hatte sie auf einer Feier inmitten von Magiern und Adeligen gestanden, hatte rohe Fische durch die Gegend geworfen, als wäre das eine gesellschaftlich anerkannte Kunstform, und nicht mal mit der Wimper gezuckt. Das war Chaos, das war ihr Revier. Da funktionierte sie. Irgendwie. Und Pferde stehlen war früher doch auch kein Problem gewesen. Es war kaum mehr als zwölf Monate her, da hatte sie im Schutz der Nacht Rösser mitgehen lassen. Einfach so. Strick lösen, Halfter greifen, raus, mitnehmen. Nicht geritten natürlich – sie war ja nicht völlig lebensmüde –, aber geführt. Leise und zielgerichtet, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Damals gab es Herzklopfen, Adrenalin und genau die richtige Dosis puren Wahnsinn. Da war schlichtweg keine Zeit für Panik gewesen. Angst war ein Luxus für Leute, die nicht gerade dabei waren, erwischt zu werden. Und jetzt? Jetzt stand sie hier in dieser abartigen Sicherheit und hatte plötzlich alle Zeit der Welt, sich daran zu erinnern, dass sie eigentlich nicht den blassesten Schimmer hatte, was sie hier tat. Ein wirklich blöder Fehler.
Morijin atmete. Ruhig und tief. Doch mit jedem Atemzug schien das Geräusch in Fainches Ohren unnatürlich laut zu werden. Viel zu laut. Sie spürte, wie ihr Puls unangenehm anzog und wie diese eklige, kriechende Kälte aus der Vergangenheit an ihren Nervenbahnen hochkletterte. Staub. Erdrückendes Gewicht. Harter Boden. Das Gefühl, nicht mehr aufstehen zu können. „Ach, halt die Fresse“, knurrte sie leise in ihren eigenen Kopf hinein, um die Erinnerung abzuwürgen.
Und genau da entschied das Universum, dass dies ein ganz hervorragender Moment für eine kleine humoristische Einlage war. Eine fette, schillernde Bremse landete mit einem satten Klatschen auf Morijins Flanke. Die Stute zuckte instinktiv zusammen. Der schwarze Schweif peitschte durch die Luft, und der massive Körper machte einen plötzlichen, ungeduldigen Ausfallschritt zur Seite. Direkt auf Fainche zu. Es war nichts Dramatisches. Kein Angriff, kein böser Wille. Einfach nur… sehr, sehr viel Pferd in abrupter Bewegung. Für Fainche jedoch war es eine absolute Katastrophe. Ihr Fluchtinstinkt brüllte auf. Sie wich zurück – viel zu schnell, viel zu fahrig –, trat blind gegen den schweren Holzeimer hinter sich und verlor das Gleichgewicht. Der Führstrick riss schmerzhaft durch ihre Handfläche, und dann—
—Boden.
Hart, staubig und absolut würdelos. Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen, als hätte jemand da oben beschlossen, dass sie die in diesem Moment ohnehin nicht brauchte. Eine dicke Staubwolke stob um sie herum auf. Über ihr schnaubte Morijin laut, der dunkle Kopf ruckte nervös hoch, und die Hufe scharrten unruhig auf dem Holzwerk. Es war dieses dumpfe, hohle und vibrierende Geräusch, das sich durch den Boden direkt in Fainches Knochen übertrug—
Und plötzlich war da kein friedlicher Stall mehr. Die Gegenwart riss mit einem brutalen Ruck entzwei, und sie war wieder damals. Der bittere Geschmack von Dreck und Blut auf der Zunge. Trampelnde Hufe. Der blendende, alles verzehrende Schmerz. Braunes Fell. Aggressives Schnauben. Dieses verdammte, gebrochene Bein. Und dieses stundenlange, ohnmächtige Warten. Fainche lag da, den Blick wie gebannt nach oben in Richtung des Heubodens und der Dachbalken des Stalls gerichtet, doch ihre Wahrnehmung hing in der Erinnerung fest. Ihr Körper beschloss kollektiv: Nö. Wir machen heute gar nichts mehr. Kein Aufspringen. Kein wehrhaftes Zurückschlagen. Nicht mal ein halbwegs vernünftiger Fluch schaffte es über ihre Lippen. Nur ein flacher, völlig unzureichender Atem und Augen, die panisch und viel zu weit aufgerissen waren.
Dann schob sich ein Schatten zwischen sie und die Deckenbalken. Helisande. Ein ruhiger, kontrollierter Schritt. Ein tiefes, forderndes Schnalzen aus der Kehle. Und eine flache Hand, die sich bestimmt gegen Morijins breite Brust legte. Die Stute wich augenblicklich zurück und senkte den Kopf, als hätte sie sich schlagartig daran erinnert, dass sie eigentlich Manieren besaß. Die Gefahr war gebannt. Dann legte sich eine Hand auf Fainches Schulter. Schwer. Warm. Bleibend. Fainches erster, wilder Impuls war pure Gegenwehr: wegschlagen, hochstemmen, sich losreißen. Sie stemmte sich fahrig auf die Ellenbogen, fluchte heiser durch zusammengebissene Zähne— und blieb. Weil die Hand blieb.
Das Zittern kam trotzdem. Sie schlug sich eine schmutzige Hand vors Gesicht und wischte sich grob über die Augen. „Läuft ja hervorragend“, murmelte sie dumpf in ihre eigenen Finger hinein. Helisande sagte nichts und hielt sie am Boden der Tatsachen fest.
Genau in diesem Moment der betretenen, staubigen Stille erklang ein helles, gnadenlos ehrliches Kichern. „Hast du ihr Gesicht gesehen?!“
Fainche blinzelte irritiert durch ihre schmutzigen Finger. Über die hölzerne Abtrennung der Nachbarbox lugten zwei Wuschelköpfe. Die Jungs. Sie hingen halb über dem Holz, die Augen leuchtend vor amüsierter kindlicher Schadenfreude. „Wie ein Frosch!“, prustete Conrad und plusterte die Wangen auf, riss die Augen auf und ruderte wild mit den Armen, um Fainches wenig graziösen Abgang zu imitieren.
„He!“, knurrte Fainche, aber ihre Stimme hatte nicht den üblichen Biss.
Die beiden Jungs ignorierten sie ohnehin völlig. Stattdessen kletterten sie mit der flinken Selbstverständlichkeit von Eichhörnchen über die Boxentür. Ehe Fainche auch nur Luft holen konnte, um eine Warnung auszustoßen, wuselten die zwei halben Portionen bereits um Morijins Beine herum. Rikkard tauchte unbekümmert unter dem massiven Hals der Stute hindurch, während Conrad sich mit einem frechen Satz an den Stäben der Box hochzog, um Morijin kräftig hinter den Ohren zu kraulen. Das monströse, todbringende Biest, das Fainche gerade in eine regelrechte Schockstarre versetzt hatte, schnaubte wohlig ab, schloss halb die Augen und ließ sich von den zwei Kindern wie ein überdimensionierter, gutmütiger Hund bespaßen.
Fainche lag noch immer im Dreck. Sie sah zu dem gigantischen Tier auf. Dann zu den kletternden Jungs. Dann zu Helisande, deren Mundwinkel verdächtig zuckten. Die Diskrepanz zwischen ihrer eigenen, lähmenden Todesangst und diesen zwei unbeschwerten Jungs, die das Pferd gerade als lebendiges Klettergerüst missbrauchten, war so unfassbar gigantisch, dass in Fainches Kopf etwas knackte. Die Absurdität der ganzen Szene traf sie wie ein nasser Lappen. Das kalte, traumatische Zittern in ihren Knochen wurde von einer plötzlichen Welle heißer, beißender Ironie weggespült. Ein kurzes, ungläubiges Schnauben entwich ihr, dann ein zweites. Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen, starrte wieder an die Deckenbalken und stieß ein raues, trockenes Lachen aus, das mehr nach einem Husten klang, aber befreiend tief aus ihrer Brust kam.
„Na wunderbar“, krächzte sie, stemmte sich endgültig hoch und klopfte sich den Dreck von den Klamotten. „Von zwei Halbwüchsigen vorgeführt. Wenn ihr das rumerzählt, mach ich Fischfutter aus euch.“
Die Jungs lachten nur lauter, und selbst Morijin schien irgendwie amüsiert zu schnauben. Der Stall war wieder ein ganz normaler Stall. Und Fainche war immer noch hier und griff nach dem Führstrick, um Morijin endlich herauszuführen. Das Zittern ihrer Finger dabei war kaum wahrnehmbar.
Gar nicht so übel.