~*~
Shevon, 250 n.GK.
~*~
Von der Geburt eines Mannes, der Ruhe im Sturm fand.
Nicht, weil er wollte oder es frommer war, sondern weil
die Not es forderte.
Verantwortung ist ein schweres Gut und deine Haltung ent-
scheidet darüber, ob sie dich in die Tiefe zwingt oder ankert.
Der Eisbruch gibt sich alle Mühe, mir diesen Tag schwerer zu machen als er ohnehin schon ist. Winde peitschen mir Haare ins Gesicht, zerren an Stoffen. Frost beißt mir in jedes freie Stück Haut und als ich sehe, wie Linus und seine Eltern den Friedhof betreten, erschaudere ich erneut. Doch diesmal kommt die Kälte von innen. Dicht gefolgt von einem heißen Strom, der vom Magen aus hoch in die Brust zieht. Fast so, als wolle er ihnen trotzen. Diesen Heuchlern, die es nicht einmal für nötig hielten, an
ihrem glücklichsten Tag im Leben aufzuschlagen. Zu beweisen, dass Familie auch dann Bestand hat, wenn Meinungen auseinander gehen und Wege sich trennen. Spannend, wie sich Annahmen ändern, wenn Endgültigkeit eintritt. Wenn sie einem vor Augen führt, was man verkackt hat, als man es noch hätte klären können.
Ich will sie nicht hier haben. Will nicht sehen, wie sie trauern um etwas, das sie erst verloren haben, nachdem sie es schon lange abgeschrieben hatten. Aber ich muss. Das gebietet die Gerechtigkeit. Meine Version der Gerechtigkeit, die in Familie nicht bloß Blutsverwandtschaft, sondern Bündnis sieht. Die anerkennt, dass auch schlechte Menschen leiden. Manchmal vielleicht sogar mehr als gute, weil sie tief in sich drinnen wissen, dass sie Fehler begangen haben und ihr Schmerz sie nun richtet - zurecht. Ich würde nicht wollen, dass jemand, den ich kenne, geht und ich nicht einmal davon erfahre, geschweige denn die Chance erhalte, mich von ihm zu verabschieden. Also habe ich Linus geschrieben und ihm gesagt, was los ist. Keine Einladung. Kein Beileid. Beides hat er nicht verdient. Nicht nach allem, was er
ihr und mir angetan hat. Aber Wissen und die Verantwortung, selbst zu entscheiden, was er damit tut.
„Lioras, nimm mal Luisa, bitte.“ Die Stimme meiner Mutter lässt mich aufmerken.
Meine Bewegungen sind träge, viel zu schwer. Ich kann nicht verleugnen, dass Schlaf zu einem Fremdwort für mich geworden ist. Noch ehe ich etwas entgegnen kann, reicht meine Mutter mir Luisa. Behutsam, aber mit einer Bestimmtheit, die mich noch im Anflug vergessen lässt, dass ich verweigern will. „Warum? Du weißt ganz genau, dass ich nicht ruhig bleiben werde.“
„Ja, aber bleib wenigstens bei ihr.“ In ihren Augen spiegelt sich eine Weitsicht, die mir den Magen verdreht. Sie braucht keine Pause vom Großmutter-Sein. Nicht mal eben eine freie Hand. Sie will, dass ich Luisa im Arm halte.
„Sie soll das nicht ertragen müssen. Das hat sie nicht verdient“, protestiere ich, während ich dennoch schützend meine Arme um dieses zerbrechliche Bündel aus Windeln und Wolldecke lege. Mein Blick schwenkt zu ihr runter. Eisblaue Augen blinzeln mich müde an, werden bei jeder verstohlenen Schneeflocke, die ihren Weg in ihr Gesicht findet, zusammengekniffen.
„Richtig. Sie hat einen Vater verdient, der weiter denkt als bis zum Jetzt. Der mehr sieht als seinen Zorn.“ Mutters Worte sind mehr ein Hintergrundrauschen als ein Dialog, den ich mit ihr führe. Ich spüre ihren strengen Blick auf mir. Sie kennt mich zu gut. Sie weiß, dass ein falsches Wort von Linus reichen würde, um mich zur Weißglut zu treiben.
Der Grat zwischen Schmerz und Zorn ist verflucht schmal. Ich merke es seit Tagen und mit jeder Nacht, die schlaflos verstreicht, wird es schlimmer. Ich bin noch nicht ganz darüber hinweg, dass der Herr mir diesen Schmerz zumutet. Dieses Leben - Luisas Leben - als Bürde. Ich weiß, ich sollte so nicht von ihr denken. Nicht von einem jungen Leben und erst recht nicht von dem Einzigen, was mir von
ihr geblieben ist. Nur weiß ich nicht, ob ich will, was ich habe. Ich weiß nicht, ob ich das halten kann. Ob ich
sie halten kann. Jeden Tag mit dem Blick in ihre unschuldigen Augen daran erinnert werden, was mir genommen wurde. Was ich ertrage, nur um mir nicht vorwerfen lassen zu müssen, meine Familie im Stich gelassen zu haben.
Und da ist sie wieder, diese bleierne Schwere. Das Gefühl, nicht tief genug atmen zu können, um Luft zu bekommen. Um gegen diese Enge in meinem Brustkorb, gegen das träge, stete Poltern meines Herzens anzukommen. Die Bestattungszeremonie zieht an mir vorbei wie eisiger Wind, der einen Abhang runter und über einen hinwegfegt. Man sieht ihn kommen und doch lässt er einen zusammenfahren. Er ist nicht zu fassen, nicht umzulenken und wo er durchgerauscht ist, bleibt Verwüstung zurück.
Nicht weinen. Nicht weinen, sage ich mir immer wieder in Gedanken.
Du musst stark bleiben ... Sie darf nicht weinen.
Mit jedem leisen Laut von Luisa zucke ich zusammen, spanne mich mehr an, wiege sie unterbewusst hin und her und fast kommt es mir vor, als wollte ich mich selbst damit mindestens genauso beruhigen. Ich tue es sogar noch, als bereits alle weitergezogen sind. Vage erinnere ich mich noch an den ein oder anderen Schultertätschler ... Mitleidige Blicke ... Gebrochene Worte. Doch am Ende gingen sie alle und ließen mich. Sogar meine Mutter, die es scheinbar immer noch nicht für nötig hält, mir endlich wieder Luisa abzunehmen, damit ich verdammt nochmal durchatmen kann.
Langsame, schwere Schritte nähern sich mir, anstatt sich zu entfernen. Träge wende ich herum, ein Instinkt, und als ich sehe, wer vor mir steht, weiß ich plötzlich, wieso ich immer noch Luisa trage: Linus. Sein Gesicht röter als bloß von Kälte. Sein Blick kühler als dieser Winter. „Du hast sie auf dem Gewissen. Ich hoffe, das ist dir bewusst", sagt er so tonlos wie nie zuvor. „Nur wegen dir hat sie die Sicherheit und den Wohlstand unseres Hauses aufgegeben und sich damit ihrem Schicksal hingegeben.“
Hitze schießt wie Feuer durch meine Venen. Ich richte mich auf, starre ihn an, das Kinn leicht gereckt.
Das ist nicht sein verdammter Ernst. Ich schlag ihm die -
Wimmern lässt mich innehalten. Ich wage nicht, runterzuschauen. Will nicht sehen, dass mein Kind den Tränen nah ist. Sie strampelt unwillkürlich. Aber Linus ... Alles in mir spannt sich an - und dann: Weinen. Nicht leise. Hörbar. Für ihn, für mich, für alle, die eventuell noch weise genug sind, in der Nähe zu bleiben, um zu verhindern, dass ich -
Schnaubend sehe ich nun doch zu Luisa runter. Ihr Gesicht ist rot und verzerrt. Tränen rollen über ihre Wangen hinab. Sie wirkt so hilflos und ... überfordert.
Nun grollt Linus regelrecht und tritt noch einen Schritt auf mich zu, meint dann aber: „Du kannst so froh sein, dass du dieses Kind in den Armen hältst.“
Mein Blick legt sich erneut auf ihn. „
Dieses Kind ist deine Nichte, Arschloch. Und jetzt geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse.“ Meine Stimme klingt ruhig, zu ruhig - fremd gar. Ihre Heiserkeit verrät mir, wie kurz davor ich bin, für einen gefährlichen Augenblick zu vergessen, dass ich nun Vater bin und Verantwortung trage. Ich zittere, krampfe, aber ich versuche, es nicht zu zeigen, nicht zu fühlen. Luisa darf nicht leiden. Nicht unter ihm. Nicht unter mir. Unter niemandem.
Er sieht sie an und für einen Moment meine ich, trotz allen Zorns und Schmerz so etwas wie Bedauern in seinen stahlblauen Augen zu erkennen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ohne mir auch nur einen letzten Blick zuzuwerfen, wendet er sich ab und stiefelt durch den stetig tiefer werdenden Schnee zurück zu seinen Eltern. Zurück dahin, wo ich ihm und er mir nichts anhaben kann, obwohl wir uns beide vermutlich das Gegenteil wünschen. Aber es scheint fast, als wäre da ein stilles Abkommen zwischen uns: Nicht heute. Nicht vor Luisa. Nicht am Grab der Frau, die sich nie etwas sehnlicher gewünscht hat, als dass wir eines Tages miteinander auskommen würden.
Und auch ich gehe, weil bleiben keine Option mehr ist. Nicht für den Mann, der dieses zerbrechliche Leben in seinen Händen hält und nicht für den Vater in mir, der Luisa vor dem Leid der Erwachsenenwelt bewahren will. Denn wenn hier jemand keine Schuld trägt, dann ist es sie.