Gregor hatte aufgehört, die Tage zu zählen, weil sie ihm ohnehin abgezählt wurden. Der Kerker war nicht mehr nur Stein und Gitter - er war ein Rhythmus geworden. Morgens die Schritte. Abends die Schritte. Dazwischen das Licht der Kohlepfanne. Und jeden Tag dieselbe Litanei, als würde man ihm einen Tropfen nach dem anderen auf den Schädel prallen lassen: dunkle Seite, Lehren des Panthers, Maßstäbe, Zorn, Kontrolle, Gehorsam als Wahl.
Am Anfang hatte er dagegen gesprochen, mit Stolz, mit Spott, mit den Worten aus dem Osten, die wie ein Schild vor ihm standen. Dann sprach er weniger. Sie hatten Ihn nicht überzeugt - aber er merkte, wie die Predigt arbeitete, gerade wenn man sie nicht beantwortete. Wie Wasser, das nicht schlägt, sondern sickert.
Es war längst nicht mehr nur ein Verhör... Sie schliffen ihn. Wie tausende Fußtritte einen Pflasterstein rundeten.
"Steh auf."
"Bleib stehen."
"Sitz erst, wenn man es erlaubt."
Selbst das Essen war kein Essen. Es war ein Maßstab mit Kruste. Ein Stück Brot, das nicht nährte, sondern prüfte. Ein Schluck Wasser, der nicht löschte, sondern erinnerte: Du bekommst, was wir dir zugestehen.
Und irgendwo zwischen Hunger, Schlafmangel und dem täglichen Gift aus frommen Sätzen hatte Gregor begonnen, das Buch nicht mehr nur anzustarren. Er hatte gelesen. Nicht aus Hingabe - sondern um den Feind zu kennen.
An diesem Abend roch der Gang nach Rauch und bitterem Kaffee, noch ehe er die Schritte hörte. Tanara trat an das Gitter, sachlich wie immer. Die Tempeldienerin hielt die Schale mit Brot so, dass er sie sehen musste. Es war kein Angebot. Es war ein Reiz.
Drin’belrak stand daneben wie ein roter Schatten aus Stahl - das Tier, das nicht reden musste, weil seine Anwesenheit das Reden ersetzte.
Und dann kam die "Schwester".
Die Lethra löste sich aus dem Dunkel, lautlos, mit dieser unheimlichen Ruhe, als wäre Gregor keine Person, sondern ein Zustand. Ihr Blick ging nicht zu seinen Augen, um ihn zu verstehen. Er glitt über ihn, als würde sie prüfen, ob ein Gerät noch läuft.
"Ausgezehrt. Aber…"
Sie suchte nach dem Wort, als sei es eine technische Bezeichnung.
"Er funktioniert."
Gregor spürte, wie ihn diese zwei Silben trafen. Er funktioniert. Nicht: Er lebt. Nicht: Er hält durch. Nur das.
Als Drin’belrak befahl, er solle stehen bleiben, war es, als würde etwas in Gregor knacken - nicht der Körper, sondern das letzte Stück Würde, das sich noch wie ein Mantel um ihn legte. Er hielt sich aufrecht, ja. Aber nur, weil man es ihm sagte. Nur, weil Brot an dieser Haltung hing.
Tanara sprach von Maßstäben. Standhaftigkeit. Kontrolle. Verantwortung. Drei Finger, drei Wörter, drei Ketten, die wie Tugenden klangen. Gregor konterte, so gut er konnte, aber seine Stimme war heiser, dünn vom Mangel. Und der Mangel machte jede Ironie stumpf.
Er spürte, dass sie auf etwas wartete.
Nicht auf Einsicht. Auf Reaktion.
Als die Schritte von oben kamen, änderte sich die Luft. Nicht durch Magie - durch Präsenz. Die Tempeldienerin verbeugte sich tief, Tanara ebenso. Ein Wort fiel: Tetrarchin.
Aliyahna.
Gregor hob den Blick. Er sah eine Frau, die nicht laut sein musste, weil die anderen bereits leise wurden. Ihr Urteil stand wie ein Messer im Raum, selbst als sie nur fragte:
"Wieso sieht der Gefangene noch so gut aus?"
Es war nicht die Frage an sich. Es war das Prinzip dahinter: dass sein Zustand eine Beanstandung war. Dass zwei Wochen Kerker und tägliches Predigen aus ihrer Sicht noch nicht genug waren, solange er noch irgendwie… aussah.
Tanara erklärte, redete von Funken, etwas das sieh sah.. in ihm. Aliyahna überlegte laut, ob man ihn nicht einfach hinrichten solle, den Kopf als Botschaft. So nüchtern, als spräche man über einen Sack Getreide.
Und Gregor merkte, wie sein Inneres an einer Stelle warm wurde, die seit dem ersten Tag kalt gewesen war.
Zorn.
Nicht der Zorn, den man spielt. Nicht der, den man zur Schau trägt. Der, der aus der Tiefe kommt, wenn etwas längst Überlebtes plötzlich wieder da ist.
Als Tanara ihn nach Grenzen fragte, nach dem, was genommen wurde, fiel zum ersten Mal wieder der Name, den Gregor sonst nur im Stillen berührte: sein Vater. Und Tanara sagte "fiel", als wäre es ein ehrenvoller Sturz im Kampf.
Gregor hörte sich selbst antworten, bitter: "Ein Wort, das Ehre verspricht, wo keine war."
Dann, ganz allmählich, trat Aliyahna näher. Nicht an sein Gitter, sondern an seine Wunde.
"Warum nimmst du nicht deinen Zorn… und lenkst ihn auf die Schuldigen?"
"Du musst doch Rachgelüste haben."
Und während sie sprach, geschah etwas, das Gregor nicht greifen konnte - kein Druck an der Schläfe, kein stechender Schmerz. Eher wie ein Finger, der eine alte Narbe findet und genau dort beginnt, daran zu ziehen. Etwas in ihm wurde umgedreht, als hätte man eine Glut im Aschebett freigelegt.
Die Welt wurde enger.
Ein Wort aus der Finsternis pochte in seinem Kopf... Ein Gefühl als gieße man Öl ins Feuer: Handle.
Gregor spürte seine eigene Atmung laut, sein Herz in den Ohren. Er hörte noch Worte - Eier, Schalen, Gleichheit, Menschen seien gleich - aber es klang, als käme es aus einem Nachbarraum. Das Einzige, das noch wirklich war, war dieses Bild, das er nie hatte sehen müssen und doch immer gesehen hatte: der Körper seines Vaters - nicht geehrt, nicht verabschiedet - sondern irgendwo im Dreck.
Er griff nach der Wasserschale, und bevor er wusste, dass er es tut, flog sie gegen die Wand. Wasser spritzte, Stein schluckte es. Ein armseliger Trotzakt, aber endlich ein Akt.
Aliyahnas Augen blitzten, und sie stocherten weiter. Sie legten es frei. Sie gaben ihm Worte dafür - und das machte es schlimmer, weil es plötzlich Form bekam.
Und dann brach es aus ihm heraus, roh, unhöflich, unmenschlich laut in diesem engen Kerker:
"Sie haben ihn verscharrt!"
Die Stimme riss, aber er drückte sie durch.
"Wie ein Stück VIEH!"
Der Satz hing in der Zelle, als wäre er etwas Materielles. Etwas, das man hätte aufheben können.
Gregor schlug mit der Faust gegen die Wand.
Einmal.
Der Schmerz kam sofort, grell. Er brüllte, als ein Knochen nachgab - und schlug trotzdem noch einmal zu, weil der Körper lieber zerbricht, als diese Schande wieder hinunterzuschlucken. Blut lief über seine Finger. Warm. Wirklich. Lebendig.
Aliyahna wiederholte es kalt: "Verscharrt wie einen Hund."
Sie sprach nicht nur von Zorn. Sie benutzte ihn. Sie hatten ihn nicht zufällig wütend gemacht. Sie hatten ihn gezielt an die Stelle geführt, an der sein Glaube dünn wird und sein Menschsein schreit.
Als das "Pieksen" in seinem Inneren nachließ, blieb er keuchend zurück, die Augen glasig vor Schweiß und Tränen. Zorn hatte ihn nicht befreit. Er hatte ihn nur entblößt.
Tanara sprach wieder ruhig: Zorn sei kein Feind. Nur ungezügelter Zorn.
Und Gregor verstand plötzlich, wie perfide das war: Sie gaben ihm recht - aber nur, um ihn in ihre Begriffe zu pressen. Als wäre sein Schmerz ein Werkzeug, das man nur richtig halten müsse.
Er sank an der Wand hinunter, die blutige Faust vor sich, unfähig zu begreifen, wie schnell er von stiller Standhaftigkeit zu einem schreienden Tier geworden war.
Da reichte Tanara ihm - fast beiläufig - Fleisch. Wie eine Belohnung. Wie ein Klick im Training.
Gregor starrte darauf, abwesend fast.
Als sie gingen, blieb nur das Rascheln der Roben, der bittere Kaffeegeruch - und in Gregors Kopf dieses eine Wort, das nun nicht mehr wie eine fremde Predigt klang, sondern wie eine Versuchung, die seine Stimme kannte:
Handle.
Und das Schlimmste war: Ein Teil von ihm - klein, beschämt, erschrocken - wusste nicht mehr sicher, ob dieser Ruf von ihnen kam…
…oder aus ihm selbst.

