Der Weg ist das Ziel

Geschichten eurer Charaktere
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

"Dir zu dienen heißt sich im Kampfe zu schulen, denn jene unbelehrbaren Ketzer werden zur Ankunft deines Reiches auf Erden gerichtet werden."





Sie hatte die Gebote erst kennengelernt, als sie nach Gerimor gekommen war. Die Gesetze und der Glaube in ihrer Heimat war ein anderer, einer dem sie sowieso nie gefolgt war.
Dennoch war dies nur eines der Gebote, die sie schon damals befolgt hatte. Einfach weil es das Richtige war, weil es sich richtig für sie anfühlte.
Dieser Ehrgeiz, der sie manchmal vielleicht sogar ein wenig zu weit getrieben hatte, war am Ende dafür verantwortlich, dass sie nun zu der Person geworden war. Mit ihren Stärken, sicher auch mit ihren Schwächen.
Aber auch wenn sie nun Scharfschützin war, dieses eine Ziel erreicht hatte, wartete da doch noch deutlich mehr auf sie.
In den letzten Monden war ihr bewusst geworden, dass ihr Name vielleicht im Augenblick keine Rolle spielte. Aber vielleicht würde sich dies irgendwann ändern und selbst wenn nicht, der Angriff des Elfen auf Lingor war nur ein weiterer Vorfall, der ihr bewusst machte, wie schnell man in Schwierigkeiten geraten konnte. Ihre Rüstung, der Mantel. Das alles war nur der Anfang.
Ihre Waffen beherrschte sie, aber was wenn sie einmal nicht in der Lage war, eine davon zu benutzen? Selbst wenn sie niemals ganz ohne Waffe das Haus verließ. Eine Garantie würde es nicht geben.
Schon seit sie von Arix Plänen erfahren hatte, spukte ihr der Gedanke im Kopf herum.
Das Lilyth sich dem anschließen würde, überraschte sie so gar nicht. Sie waren sich gerade in dieser Hinsicht sehr ähnlich.
Was Lingor davon halten würde, wusste sie nicht genau. Aber das würde sie sicherlich früh genug erfahren.

Und nun standen sie hier vor dem Ring, zogen ihre Stiefel aus, legten die Bandagen an, um die Hände zu schützen und nahmen am Ende Stellung. Sie hatten sich beide nicht sonderlich darauf vorbereitet besondere Kleidung anzuziehen, um ehrlich zu sein war es ihr selbst sogar recht die Übungen genau so zu machen, wie sie gerade gekleidet war. Im Ernstfall konnte sie auch nichts dagegen tun.
Es begann alles mit ein paar recht einfachen Übungen, dem richtigen Stand, wie man richtig zuschlug, Deckung nicht vernachlässigen. Arix war ein guter Lehrer, er bewegte sich langsam, zeigte sorgfältig worauf es ankam und sie konnten es ihm nachmachen. Es gab kein Signalwort, wenn man unterlegen war, würde man abklopfen müssen.
Arix ahnte aber wohl in jenem Moment noch nicht, wen er sich an diesem Abend in den Ring geholt hatte. Es war nur so ein Gefühl, aber irgendwie wusste sie, dass Lilyth nicht abklopfen würde. Genauso wenig wie sie. Das würde sie aber Arix sicherlich nicht auf die Nase binden.

Zum warm machen gab es ein kleines “Spiel”. Jeder sollte versuchen dem anderen auf die Stirn zu tippen, ohne dabei selbst erwischt zu werden und auch wenn es sich im ersten Moment tatsächlich eher spielerisch anhörte, war es in Wirklichkeit durchaus anstrengend. Körperlich in erster Linie, aber man musste sich auch ziemlich konzentrieren, durfte keine Bewegung übersehen und musste strategisch vorgehen.
Am Ende musste sie dann doch beinahe lachen, als sie gen Ende noch das Klatschen von Lilyths Hand auf Arix Stirn sogar hörte, während sie selbst ihn im gleichen Moment erwischte.


Die Steigerung der Übung waren dann die “sanften Ohrfeigen”, die Arix aber wohlweislich nur den beiden Frauen überließ. Spätestens jetzt dürfte ihm allerdings klar geworden sein, dass sie beide diese Sache durchaus ernst nahmen.
Hier im Ring war die Freundschaft zu Ende, es gab kein Mitleid und es gab kein Nachsehen.
Dennoch blieb das Grinsen, als das erste Klatschen auf die Wange zu hören war. Und es blieb auch bestehen, bis Arix den Kampf für beendet erklärte.
Beide wussten, dass es ein Übungskampf war, beide wollten sich verbessern, ihr Ziel erreichen. Aber genauso war es ihnen auch egal, ob es am Ende einen Sieger gab. Solange sie nur etwas mitnehmen konnten. Und vielleicht waren sie gerade deshalb das perfekte Paar in dem Ring.
Arix Rufen zum Ende, drang nicht einmal wirklich zu ihnen durch, so sehr waren sie in ihren Kampf vertieft und mussten sich danach seine kleine Rüge deswegen anhören.

Danach übten sie noch ein wenig die richtige Schlagtechnik, erst nur in der Luft, dann an der Puppe. Es war nicht schwierig, das sicher nicht, aber dennoch stellte sie sich in Gedanken die Frage, ob sie im wirklichen Kampf noch an diese einstudierten Bewegungen denken würde.
Am Ende sprachen sie sogar noch kurz darüber, wie es sein würde, wenn man in einem echten Kampf einen Gegner hatte, der sich auch wehren würde und nicht nur wie die arme Puppe jeden Schlag einsteckte.
Mittendrin sah sie kurz aus den Augenwinkeln, wie Lilyth den Gürtel von ihrem Hemd löste, es über den Kopf strich und auf die Seile war.
In diesem Moment sah sie die Narbe zum ersten Mal richtig. Lilyth hatte sie erwähnt, sie wusste auch, dass ihre Freundin ab und an mit Schmerzen zu kämpfen hatte, wenn das Wetter sich änderte. Das Gefühl kannte sie nur zu gut. Bisher hatte sie die verheilte Verletzung aber weder richtig zu Gesicht bekommen, noch wusste sie, wie sie entstanden war. Es genügte zu wissen, dass Lilyth sie nicht gerne zeigte, um sie abzuhalten zu viele Fragen zu stellen. Sie selbst verbarg ihre eigenen Narben immer. Es war ein gutes Zeichen, dass sie sich scheinbar hier mit ihnen so sicher fühlte, um eben jenen Panzer fallen zu lassen. Vielleicht war es doch an der Zeit es noch einmal anzusprechen….

Arix riss sie mit seiner Bemerkung aus ihren Gedanken. Die Grundsubstanz hatten sie gelernt, aber als Arix nun verkündete, dass sie vielleicht noch eine kleine Übung machen würden, dann aber der Unterricht für den Abend beendet war, konnte weder Lilyth noch sie selbst ihre Enttäuschung verbergen.
Für sie war Unterricht schon immer etwas gewesen, bei dem man am besten sofort anwandte, was man lernte, sich ausprobierte, an die Grenzen ging und vielleicht auch manchmal darüber hinaus.

Sie würden also kämpfen und sie musste doch ein wenig Schmunzeln, als Arix erneut das abklopfen erwähnte und Lilyth ihn nur trocken darauf hinwies, dass er dazwischen gehen soll, falls der Kampf ausarten würde.
Als wüsste sie genau, wohin es führen würde.

Lilyth zögerte nicht und griff sofort an. Für den ersten Moment konzentrierte sie sich selbst einfach nur darauf, sie zu beobachten, ihre Bewegungen zu verfolgen und den Schlag abzuwehren. Als sie jedoch sah, wie Lilyth aus dem Ausfallschritt zurückwich, nutzte sie die Gelegenheit für eine Revanche. Sie musste beinahe Schmunzeln, als sie merkte, dass Lilyth genau das gleiche tat, sie beobachtet, dafür sorgte, dass sie stets vor ihr stand und nicht unbedingt aus dem Hinterhalt angreifen konnte. Die volle Aufmerksamkeit der Wölfin ruhte auf ihr.
Der Kampf war noch relativ ruhig, die ersten Schläge trafen zwar ihr Ziel, aber noch waren sie beide darauf bedacht, das eben gelernte irgendwie auch anzuwenden. Doch mit jedem Moment der verstrich, schien eher ihr Instinkt zu übernehmen.
In jenem Moment als es ihr gelang, Lilyth ein wenig zurück zu drängen und sie gegen die Puppe stieß, bot sich dieser eine Wimpernschlag, in welchem sie den Kopf drehte. Sie traf mit voller Wucht, nur um im nächsten Moment das leise Knurren zu vernehmen, als sie mit ebenso viel Wucht durch Lilyths Schulter nach hinten gerammt wurde. Als sie Lilyths Blick begegnete, das Blut sah, welches von ihrer aufgeplatzten Lippe lief, die sich zu einem Grinsen anhob, musste sie ebenso Grinsen.

Die Lehrstunde war vorbei.

Der Kampf begann nun richtig.

Ihr Brüllen hallte kurz durch den Keller und wäre sie nicht so sehr auf das vor sich liegende konzentriert gewesen, hätte es sie beide sicherlich köstlich amüsiert, wie Arix vor Schreck zusammen zuckte.

“Heilige Scheiße, die Weiber meinen das Ernst….”

Sie hatte nicht wirklich die Zeit sich zu fragen, was er denn von ihnen erwartet hatte, oder sich darüber weiter Gedanken zu machen. Ein Angriff folgte auf den nächsten, sie wichen aus, hoben die Hände zum Schutz, versuchten sich abzudrängen.
Nachdem sie sich nach einem gut gezielten Schlag in den Magen zusammen krümmte, riss sie dennoch die Faust noch einmal hoch um Lilyth am Kinn zu erwischen. Ein kurzes Durchatmen, aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie Lilyth sich einen Augenblick auf einem der Pfosten abstützte und schon ging es weiter. Nicht eine der vorherigen Übungen war noch für die beiden Kämpfenden greifbar, am Ende ging es nun nur darum zu treffen und nicht getroffen zu werden. Jede Lücke, jeder kleine Fehler wurde genutzt, nur um dem anderen eine weitere Lektion mitzugeben.
Einen weiteren Treffer konnte Lilyth durch eine Drehung ihres Gesichts zwar noch ablenken, aber dadurch bekam sie den Schlag auf die Schläfe ab und in jenem Augenblick, zog sie dann die Hand zurück. Ihrer beider Atem ging leise keuchend als die postwendende Antwort gegen ihren Magen sie beinahe in die Knie zwang. Gerade noch schaffte sie es so weit zurück zu weichen, um nicht die volle Wucht abzubekommen. Allerdings sah sie die Faust noch kommen, die sie dann mit Wucht am Kinn traf. In dem Moment als auch sie Blut schmeckte, ertönte ein lauter Pfiff von Arix.

Der Kampf war zu Ende und verdammt nochmal es war ein richtig Guter gewesen.

Auch wenn ihnen beiden das Blut übers Kinn lief, das Gesicht vom Schweiß glänzte und wahrscheinlich beiden die Muskeln brannten, grinsten sie sich noch kurz an, als sie den Ring verließen.
Das hier würde erst der Anfang sein.



Bild

Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 16:17, insgesamt 2-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

Mit einem Ruck öffneten sich ihre Augen und sie war wieder einmal hellwach. Kein Laut war über ihre Lippen gekommen, keine Reaktion, sie war einfach wach geworden.
Wieder der gleiche Traum und sie spürte noch den Hauch von etwas. Als würde noch ein leises Fauchen in der Stille der Nacht nachhallen.
Kein wirklicher Albtraum, eher ein Traum, der zum Nachdenken anregte und dafür sorgte, dass er sie nun seit einiger Zeit mitten in der Nacht weckte und sie danach nur schwer wieder in den Schlaf zurück fand.
Sie kannte das bereits.
Sie neigte dazu Dinge, die ihr wichtig waren, mit in den Schlaf zu nehmen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

Wahrscheinlich hatte es schon damals begonnen, als man sie von ihrer Familie, von ihrem Zuhause weg gezerrt hatte. Die Jahre im Armenhaus hatten ihr Übriges dazu getan. Es war nicht so, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten, wie es oft war, wenn sie eine schlimme Vorahnung hatte, nein, es war eher so, als würde ihr jemand mit einer Feder durch den Nacken streichen.
Ein Gefühl, das sie warnte und das vielleicht DIE beste Voraussetzung dafür war, den Weg einzuschlagen, den sie gegangen war.

Manchmal waren es nur Geräusche, manchmal war es nur ein Schatten im Augenwinkel. Aber manchmal waren es auch Personen, denen sie begegnete.
Worte, die sie hörte.
Szenen, die auf den ersten Blick vollkommen harmlos erscheinen, aber in Wirklichkeit deutlich mehr bedeuteten.
Oder einfach eine kleine Veränderung in einer Mimik.
Sie war sich selbst nicht sicher, ob das nun eine Stärke oder eine Schwäche war.
Wahrscheinlich beides.
Ein leises Seufzen kam über ihre Lippen und der Blick glitt zu der schlafenden Gestalt neben sich. Einen Augenblick überlegte sie, ob sie aufstehen sollte, ein wenig an die frische Luft, aber am Ende würde sie ihn noch wecken. Also blieb sie liegen.

Ihr Blick glitt wieder einmal zur Wand zu ihrer Linken. Ihr Bogen hing dort, die Vorrichtung hatte Lingor entwickelt und hergestellt und sie machte es ihr möglich, nicht nur ihren Bogen anständig aufzubewahren, sondern auch ihren Köcher aufzuhängen.
Sie hatte ihn eben im Traum noch in der Hand gehabt. Es war ihr Bogen, den sie damals selbst gebaut hatte, aber dennoch nicht mehr der Gleiche. Dieses Bild verfolgte sie nun lange genug, dass sie beschlossen hatte, sich damit auseinanderzusetzen.
Es wurde nun wirklich Zeit.




~*~Monate vorher…~*~

Bild


Mit einem leisen Seufzen legte sie kurz das Schnitzmesser ab und streckte die Schultern durch. Auf ihrem Arbeitstisch lagen verschiedene Zeichnungen, Skizzen, ihre ganzen Planungen und daneben unterschiedliche Holzstücke.
Für jemanden, der sich die Arbeit mit Holz nicht zum Beruf gemacht hat, hatte sie in den Jahren mehr als genug gelernt, um endlich einen perfekt ausbalancierten Bogen zu bauen..
Ihre Ausbildung würde sich irgendwann dem Ende nähern und dann musste ihr Bogen fertig sein. Nach dem Unterricht bei Ennika, als sie gemeinsam einen Bogen gebaut hatten, ließ sie der Gedanke nicht mehr los, endlich selbst loszulegen.
Allerdings hatte sie damals eher klein begonnen, mit einem Reiterbogen.
Der Unterricht mit KalOshra war ein Auslöser dafür gewesen. Sie hatte ihn in das berittene Bogenschießen eingeführt und gleichzeitig einiges über die Rashar und ihre Reittiere gelernt. Außerdem hatten sie sich an jenem Abend ausgetauscht über ihre Bögen, die Köcher, die Art zu schießen und dabei viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Schon immer hatte sie selbst immer eher kürzere Bögen bevorzugt und dafür versucht, mit Kraft einiges an fehlender Reichweite hereinzuholen.


Es war keine Pflicht mehr für einen angehenden Scharfschützen, den Bogen selbst zu bauen. Aber sie sah es für sich selbst als unabdingbar, dass die Waffe, mit der sie für Alatar in den Krieg ziehen würde, aus ihrer eigenen Hand stammte.
Sie wollte sie kennen, sich darauf verlassen, dass alles, was sie damit anging, in ihrer Verantwortung lag.


Dass dieser eine Bogen ein Doppelbogen werden würde, stand außer Frage. Zum einen weil sie die Möglichkeit hatte, einzelne Teile zu erneuern, wenn es nötig sein sollte, zum anderen weil er in seiner Nutzung deutlich effektiver war, als ein normaler Langbogen.
Ihr Ziel war es, eine kleinere Waffe zu bauen, die dennoch eine hohe Spannkraft haben würde und sich für einen Reiter ebenso eignete. Eine Waffe, die sie nicht mit einer Größe, die sie selbst überragte, behinderte, sondern die es ihr auch weiterhin ermöglichte, wendig zu bleiben.
Ihre Augen glitten wieder einmal über die Zeichnungen und Pläne
Das Holz würde die Tiermaterialien tragen und weil Horn deutlich belastbarer ist als Holz, würde sie somit eine geringere Schichtdicke erreichen. Am Ende würden die Bogenarme also elastischer sein und weniger Gewicht mit sich bringen.
Der einzige Nachteil war, sie würde den Bogen noch besser pflegen müssen, als jeden vorher. Aber daran war sie gewöhnt. Sie erinnerte sich noch gut an den Unterricht des Senators, als es um die Pflege des Bogens ging, darum, wie wichtig eben jene war. Mit der Zeit war ihr das ins Blut übergegangen und sie hatte keine Zweifel, dass sie diesen Bogen mit all der Sorgfalt behandeln würde, die er benötigte.

Wichtig war ihr vor allem eines:

Ein langlebiges und stabiles Griffstück, das sie im besten Fall nicht nur mehrere Jahre, sondern sogar Jahrzehnte begleiten konnte. Sie wollte es so gestalten, dass sie am Ende eine optimale Handstellung erreichen würde. Dadurch würde sich ein präziser und wiederholbarer Schuss deutlich erleichtern. Bei der Pfeilauflage würde sie horizontal und vertikal abrunden, um eine möglichst geringe Auflage des Pfeiles zu erhalten.


Irgendwann stand der Plan.

Schon nach dem Unterricht bei Ennika hatte sie begonnen sich um das Holz zu kümmern, Dämonenhorn und Knochen gesammelt und Lederreste gelagert.
Die Phasen der Trocknung hatte sie effektiv genutzt, um die genauen Pläne zu überprüfen, anzupassen, einen Zeitplan zu arbeiten, der sich jeweils den Trockenphasen anpasste.
Über die Wochen hatte sie nach dem Dienst und zwischen den Unterrichten immer wieder Zeit in der Werkstatt verbracht. Nachdem sie den Holzkern gesägt, gehobelt und am Ende geraspelt hatte, wurden die Holzteile über heißem Dampf in Form gebracht.
Sie achtete bei der Holzauswahl penibel darauf, dass sie dem Faserverlauf folgte und keine davon trennte.
Vor dem Kleben passte sie die Oberflächen perfekt an.
Sie verfluchte diese Zeit regelrecht, denn nach einigen Stunden Arbeit mit dem Ziehklingenhalter spürte sie jeden Muskel in ihren Armen und Schultern.
Durch die von Lingor angefertigte Lösung, die ihre Finger reinigte und entfettete, so gut es ging, wurde ihre Haut spröde und trocken. In dieser Zeit hatte sie mehr als einmal blutige Stellen an den Händen.
Einfach war es sicherlich nicht, aber in jener Zeit waren es bereits die ersten Träume gewesen, die ihr Stärke gegeben hatten. Als würde ihr jemand bei ihrer Arbeit über die Schulter blicken. Als wären die Schmerzen nur eine Prüfung und jeder vergossene Tropfen Schweiß die Bezahlung für den am Schluss auf sie wartenden Lohn.

Als sie am Ende auch den Bogenrücken in die richtige Form gebracht hatte, kümmerte sie sich um seine Verstärkung mit einem festen Sehnenbelag aus Drachensehnen.
Mit ihrem Rohling war sie bereits zufrieden, doch die wirkliche Arbeit lag noch vor ihr.

Die Feinarbeit.

Schon Shea hatte ihr damals beigebracht, dass man beim Tillern lieber weniger, als zu viel entfernt. Jede einzelne steife Stelle im Bogen bearbeitete sie sorgfältig, erst durch schnitzen, dann nur noch durch Schmirgeln und am Ende nutzte sie nur noch Hitze für die wirklich letzten Feinarbeiten. Vermutlich war es auch ihr Einfluß, der dafür sorgte, dass sie am Ende einen eher schlichten Bogen ohne große Verzierungen an die Senatoren zur Prüfung überreichte.
Weil sie bereits früher gelernt hatte, dass es um das Innere ging, dass die Perfektion im Material und im Bau lag und nicht in Bildern.
Sie hatte ihr Bestes gegeben, ihre Ausbildung laut den Senatoren mit Bravour und Zielstrebigkeit zu Ende gebracht. Er hatte ihr damals gesagt, dass sie mit jedem Tag ihrer Ausbildung gewachsen war, aus dem Boden, dem Willen Alatars.

Und genauso war es mit ihrem Bogen gewesen.

Dann war es soweit ihn aus den Händen zu geben. Er musste der Prüfung der Senatoren, oder eher des Scharfschützen im Senat Stand halten, bevor sie ihn zurückbekommen würde.
Und in dem Augenblick als der Senator ihr beim Abschluss ihrer Ausbildung den Bogen dann endlich final in die Hand legte, spürte sie, wie sich von dem Holz über ihre Fingerspitzen eine leichte Wärme ausbreitete.

Als wäre er ein Teil von ihr.



~*~In den letzten Wochen...~*~

Dieses Gefühl war geblieben. Jedes Mal, wenn sich ihre Finger um den Bogen schlossen, war es wieder da und gab ihr eine Ruhe und Sicherheit, die sie in ihrer Aufgabe benötigte.

Und nun, noch nicht einmal ein Jahr später, verfolgte sie dieser eine Traum.
Wieder der unwirkliche Wald.
Wieder diese Geräusche, keine Angst, nichts, vollkommen Zufriedenheit und das Wissen, genau dort zu sein, wo sie hingehörte..
Und dann der Schatten, der Blick, der auf ihr ruhte.



Und jedes Mal, wenn sie dann auf ihren Bogen hinsah, den sie in der Anwesenheit ihres einzigen Herrn gesenkt hatte, war dort dieses Bild.
Wie eine Momentaufnahme, eingebrannt.
Und es ließ sie nicht mehr los.

Also begann sie erneut zu planen.
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 16:18, insgesamt 3-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

Dieses Mal war es allerdings vollkommen anders.

Sie war nun keine Schülerin mehr, auch keine Rekrutin, sondern Scharfschützin. Der Bogen diente ihr nun schon eine ganze Weile und sie würde sich niemals freiwillig von ihm trennen.
Das, was nun bevorstand, war eher der künstlerische Aspekt des Ganzen. Das Problem dabei war nur: Sie war keine Künstlerin und sie würde sicherlich niemals eine werden.
Aber sie verstand das Handwerk, das mit ihrer Berufung verbunden war. Sie konnte zeichnen und auch wenn die Zeichnungen nicht perfekt waren, mit dem stetigen Bild vor Augen, begann sie mit den ersten Skizzen.
Mit den ersten 100 Skizzen wohl eher.
Hier ging es nicht darum, ein einfaches Bild zu schaffen, sondern hier ging es darum, einen Moment festzuhalten und zwar in dem sie es schaffte, eben jenes Bild in die dünne Platte zu schnitzen, die schon seit Monden in ihrer Kiste lag.

Obwohl sie nicht genau sagen konnte warum, sprach sie lange nicht über ihr Vorhaben. Stattdessen nutzte sie ihre freie Zeit, die sich Dank den Pflichten in der Garde und der Bruderschaft, wie auch in der Loge, als nicht sonderlich viel erwies, und arbeitete an der Skizze.
Irgendwann war sie dann zufrieden.

Dennoch ließ sie sich noch ein paar Tage Zeit, bevor sie die Mappe erneut öffnete. Die letzten Male war ihr immer wieder etwas aufgefallen. Kleinigkeiten, die nicht perfekt erschienen. Aber dieses Mal war da nichts mehr und sie spürte, wie sie leicht zu Lächeln begann.
Genau dieses Bild würde ihren Bogen zieren.



Bild


Nun wartete jedoch die nächste Herausforderung:

Die Einlegearbeit musste fertig sein, bevor sie in den Bogen eingesetzt wurde.
Sie konnte nicht wochenlang auf ihn verzichten. um genau zu sein wollte sie das eigentlich nicht mal wenige Stunden, also war der Zeitplan ziemlich genau und eng.
Unter allen Umständen musste sie sich daran halten. Also würde sie in Ruhe mit dem Schnitzen beginnen und erst wenn sie komplett fertig war, die Platte einsetzen und ihr Werk vollenden. Die Arbeit würde sich noch einmal auf einen Tag belaufen und die Nacht zum Trocknen. Anschließend würde der Bogen wieder einsatzbereit sein.

Das Holz für die Platte hatte sie schon vor langer Zeit gewählt. Da sie nur ein kleines Stück benötigte, hatte sie nicht gezögert. Die Reste des alten Bogens ihres Bruders lagen in Stoff gehüllt immer noch tief in ihrer Truhe. Die Vorbehandlung hatte einiges an Zeit in Anspruch genommen, aber irgendwann lag die Platte wie ein Stück Pergament vor ihr. Es war ihr Weg die einzige Verbindung zu der Familie, die sie irgendwann einmal gehabt hatte, mit in die Gegenwart zu nehmen. Jener Bogen war ihr erster gewesen, zu groß, zu unhandlich für ein Kind, zwischendurch verloren geglaubt, wiedergefunden und am Ende nach all den Jahren geborsten.
Die Narbe die zurückgeblieben war sah man kaum, nur wenn man es wusste und selbst dann musste man danach suchen.
Aber all das, all jene Erinnerungen, die Geschehnisse, die Geschichten die dahinter verborgen lagen, würden nun ewig ein Teil sein und sie begleiten.
Dann griff sie nach ihrem Werkzeug, legte alles bereit.

Sie konnte mit dem Schnitzen beginnen.



Bild


Seltsamerweise ging ihr die Arbeit schnell von der Hand. Deutlich schneller als gedacht und sie spürte, dass sie die Stunden beinahe genoss und ihre Euphorie nur anstieg, je näher sie dem Ende kam.
Irgendwann blieben ihr nur noch die letzten Verzierungen.
Vermutlich war es tatsächlich ein wenig verrückt, vermutlich würden die Steine auch nicht ewig halten und sie würde jene irgendwann ersetzen würden. Aber sie konnte einfach nicht widerstehen und wählte zwei kleine Bernsteine aus, um die Augen des Panthers zu vollenden. Sie passten perfekt zu der goldenen Einfassung, die sich im gesamten Griffstück wiederfand.


Sie wählte einen ruhigen Abend, um ihr Werk endgültig zu vollenden. Es war still im Haus und sie hatte einige Laternen und Kerzen entzündet, um genug Licht zu haben.
Vollkommen konzentriert setzte sie endlich die Platte in das Griffstück ihres Bogens ein und glättete letzte Kanten.
Mit einem tiefen Atemzug sank sie dann in ihrem Stuhl zurück und ihr Blick ruhte noch eine ganze Weile auf dem Bogen.
Zufrieden, vermutlich auch stolz, aber vor allem erleichtert.
Es war endlich geschafft und auch wenn das Ergebnis wahrscheinlich nicht perfekt war, war es alleine ihr Werk. Selten hatte sie etwas geschaffen, was ihr so wichtig war.

Als das Licht kurz flackerte, schien es beinahe so, als würden die Augen des Panthers aufleuchten und ihr Herzschlag beschleunigte sich kurz.

Dann hoben sich ihre Mundwinkel zu einem zufriedenen Lächeln.



Bild
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 17:06, insgesamt 2-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

Dir zu dienen heißt sich im Kampfe zu schulen,
denn jene unbelehrbaren Ketzer
werden zur Ankunft deines Reiches auf Erden
gerichtet werden.

Sie musste sich ein wenig strecken, um nach ihrem Seesack zu greifen. Doch als ihre Finger das alte Leder berührten, zog sie ihn zu sich hinab und betrachtete ihn einen Augenblick prüfend.
Dann schob sie ihn allerdings noch einmal zurück in den Schrank.

Vermutlich war es nicht die beste Idee, wenn Lingor ihn zu Gesicht bekam, bevor sie nicht mit ihm gesprochen hatte. Seine Begeisterung über ihre Abreise würde sich wahrscheinlich in Grenzen halten.

Das Pergament lag auf ihrem Schreibtisch und an sich wäre sie nicht sonderlich überrascht gewesen, wenn nicht die letzten Zeilen gewesen wären.
Sie kannte Tero seit ihrer ersten Reise nach Weidenheim und vielleicht würde noch Zeit bleiben, seine Familie kennenzulernen.
Aber am Ende war seine Nachricht eher verwirrend als eine Aufklärung.
Der letzte Satz.
Es war der letzte Satz, der sie unruhig machte.

Mit einem leisen Seufzen begann sie zu packen.





~*~Einige Tage später…~*~



Sie blickte sich nicht mehr um, als sie über die Planken auf das Schiff ging. Der Seesack war ziemlich schwer, sie hatte ihre Rüstung nicht angelegt und musste sie nun herumschleppen. Ansonsten reiste sie wie immer eher mit wenig Gepäck.

Der Abschied am Hafen war ihr erspart geblieben. Sie hasste diese Szenen in der Öffentlichkeit und war froh, dass Lingor sich für einen privaten Abschied bereit erklärt hatte. Das sie am Ende einfach ging, war sicher nicht in seinem Sinn gewesen. Aber es war so eine wunderbare, freie und schöne Stimmung gewesen, dass sie nicht eine Sekunde vor hatte, jene durch eine Abschiedsszene zu zerstören. Sie hoffte inständig, dass ihre Zeilen ihn besänftigen würden...

Der Abend war ein besonderer Abend für sie gewesen. Nach all den Monaten, in denen sie Konrad ausgebildet hatte, nach seiner Ernennung zum Scharfschützen, hatten sie nun endlich die Zeit gefunden, ihren Schwur von Waffenschwester zu Waffenbruder mit Blut zu binden.
Über Monate hatte sie ihn nicht mit dem Vornamen angeredet, obwohl sie mit ihm mehr als genug Zeit bei den Unterrichten und außerhalb verbracht hatte. Aber nun waren sie auf einer Ebene. Beide Scharfschützen vorm Herrn. Allerdings hatte sie sich tatsächlich so sehr an das “Vylen” gewöhnt, dass sie nicht sicher war, ob sie das wirklich ablegen würde.

Es hatte gut getan, noch einmal alle zu sehen und am Ende hatte sie vor allem das Gefühl, dass Lingor von den Gedanken ein wenig abgelenkt war. Er würde ihr unendlich fehlen.

Nachdem sie ihre Sachen verstaut hatte, ging sie zurück an Deck. Die Unruhe hatte bereits begonnen, die Matrosen bereiteten das Ablegen vor und gerade als sie den Fuß an Deck setzte, setzte das Schiff sich in Bewegung.

Mit einem tiefen Atemzug trat sie an die Reling und blickte auf Rahal, das in der Dämmerung immer weiter in die Ferne rückte.
Es würde ihr fehlen. Vor allem ER würde ihr fehlen.



Bild



Jetzt blieb nur die Frage, wie lange sie unterwegs sein würde. Tage. Eine ganze Woche?
Sie hatte nur eine kurze Nachricht in der Bruderschaft hinterlassen. Konrad war informiert, Aresh ebenso. Ein kurzer Lichtblitz lenkte ihren Blick dann ab und als sie wieder gen Land blickte, war die Stadt bereits verschwunden.

Und dann passierte es.

Für einen Augenblickt spürte sie, wie sich die Härchen in ihrem Nacken aufstellten. Wie aus dem Nichts kam dieses ungute Gefühl, wie eine Warnung.
Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und das sie schon so oft in ihrem Leben gespürt hatte.
Das Gefühl, dass sie die Stadt eine ganze Weile nicht mehr sehen würde.

Es schauderte sie einen Moment.

Dann aber schloss sie kurz die Augen, presste die Finger der Hand zusammen bis der Schmerz des Schnittes sie einholte.
Morgen war auch noch ein Tag um darüber nachzudenken, was sie erwartete. Und mit jenem Gedanken wandte sie sich ab und kehrte dem Sonnenuntergang im Westen den Rücken zu.
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 17:13, insgesamt 3-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

Es regnete.

Wieder einmal in Strömen und auch wenn es der Regen des Frühlings war, der nicht ganz so grausam erschien, wie jener des Herbstes, der so oft mit eiskaltem Wind einherging, war es doch unangenehm nass.


Sie stand auf der Mauer wie eine Statue und ab und zu musste sie blinzeln, wenn ihr das Wasser über die Augen lief. Mittlerweile war sie komplett durchnässt und die Kälte wurde ungemütlich. Noch zitterte sie nicht, aber vermutlich würde es nicht mehr lange dauern.
Als Hauptmann war es nicht mehr ihre Pflicht, die Dienste auf der Mauer in dem Ausmaß wahrzunehmen. Im Gegenteil verbrachte sie mehr Zeit am Schreibtisch als vorher und ab und an fehlte ihr der Dienst auf den Straßen der Stadt.

Das machte die Wache aus.

Durch die vielen Patrouillen war ihnen allen das Pflaster Rahals mehr als vertraut. Vermutlich würde sie sich sogar blind ohne Probleme zurechtfinden.
Ein Teil der Garde zu sein, war genau ihre Bestimmung.
Als würde sie ihr Leben von früher weiterführen. Der einzige Unterschied war, dass sie nun jemandem diente, einem Glauben folgte, der mehr bedeutete als nur die Freiheit einer ungerechten Herrschaft einzelner, die alles nach ihrem Willen auslegten. Zumindest hatte sie noch die Hoffnung, dass es eben genauso war.


Während ihr der Regen über das Gesicht lief, konzentrierte sie sich auf ihren Atem und ihren Herzschlag. Übungen, die sie gelernt hatte und mittlerweile beherrschte. Übungen, die dazu führten, dass sie egal in welcher Situation die Ruhe bewahren konnte um am Ende einen perfekten Schuss abzuschießen.
Dafür hatte sie trainiert, dafür trainierte sie immer noch jeden Tag.


Bild




Bis die Unruhe gekommen war.

Seit sie vor einigen Wochen ihren Hass und auch die Wut und den Zorn in den Kristall gespeist hatte, war diese stetig gewachsen.
Ihr fehlte Schlaf.
Denn jede Nacht war nun neben den Albträumen, die seit sie denken konnte zu ihrem Leben gehörten, geprägt von leisem, unterschwelligem Flüstern.
Und jedes Mal wenn sie aufschreckte, das Bett verließ und versuchte zur Ruhe zu kommen, spürte sie deutlich, wie ihr Herz gegen die Brust hämmerte, spürte wie die Unruhe zunahm und mit jeder Nacht brauchte sie länger um wieder in den Schlaf zu finden.
Meistens gab sie es schlicht auf.
So auch heute.
Der Morgen graute noch nicht wirklich, aber es würde nicht mehr lange dauern und am Hafen und in der Stadt begann das Leben schon zu erwachen.



Ihr Kopf drehte sich, als sie unten das Tor hörte und wenig später der Wache entgegen blickte, die ihr ein versiegeltes Pergament reichte..
“Kam eben mit nem Boten von nem Schiff, Hauptmann. Wartet unten auf Antwort. Scheint wichtig.”, mit einem Nicken nahm sie die Worte ab und öffnete das Schreiben, ein leises Seufzen folgte.
“Gebt ihm Bescheid, ich bin in einem Stundenlauf am Hafen und nehme das nächste Schiff. Morgen bin ich zurück, der Ranghöchste übernimmt bis dahin. Informiert die Kameraden.”

Ihre Schritte beschleunigten sich, als sie die Mauer verließ. Ihr war verflucht kalt und ein Bad vor dem Aufbruch würde ihr gut tun.


Die Kälte des Morgens hing noch in der Luft, als sie nur einen Stundenlauf später an Deck des Schiffes trat. Die Segel waren bereits gehisst, und die Mannschaft war emsig damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für die Abfahrt zu treffen.
Das Bad hatte nicht viel geholfen, sie fror noch immer und konnte es nicht erwarten, unter Decke zu gehen.
In der Kabine nutzte sie die wenigen Stunden der Überfahrt für etwas Schlaf, tiefer Schlaf als gedacht.
Doch als es an ihre Kabine klopfte, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Hinter ihrer Stirn hämmerte der Schmerz, die Haut glühte regelrecht, aber nun war sie bereits vor Ort, abzubrechen wäre Blödsinn.
Es war ihre Pflicht ihre Aufgabe zu erledigen, sie würde nicht lange brauchen, würde sich dann für die Nacht ins Bett legen und ausruhen, bevor sie das Schiff für die Rückreise betreten würde.


Auf dem Weg in die Kommandantur kämpfte sie gegen die Wellen der Erschöpfung an, die sie überfluteten. Es kostete sie Kraft wirklich an Land zu gehen und die steinernen Straßen der Stadt zu betreten. Die Kommandantur lag nicht weit entfernt, und sie zwang sich, jeden Schritt zu nehmen, obwohl jeder Schritt wie ein Kampf gegen die Schwerkraft war.


Endlich erreichte sie die imposanten Mauern der Kommandantur und trat durch das eiserne Tor. Die Mauern waren erfüllt von der dumpfen Stille der Ruhe nach dem Mittag, als sie sich mühsam zu den Büros der Kommandeure begab. Ihre Termine verliefen schnell und effizient, doch je mehr sie sich bemühte, ihre Pflicht zu erfüllen, desto schwerer lastete das Fieber auf ihr.
Schließlich, als die letzte Aufgabe erledigt war, fühlte sie, wie ihre Kräfte sie langsam endgültig verließen. Und umso erleichterter war sie, als sie endlich ihr Zimmer für die Nacht betreten hatte. Sie schaffte es noch bis zum Bett, sank aber dann hinab und sofort umfing sie die Dunkelheit.


Irgendwann in der Nacht erwachte sie noch einmal. Die Dunkelheit umfing sie wie ein erstickender Schleier, als sie sich mühsam aus dem Bett erhob. Jeder einzelne Muskel in ihrem Körper schien zu schmerzen, als wäre sie von unsichtbaren Ketten gefesselt, die sie daran hinderten, sich zu bewegen.
Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrem Kopf, ein ständiges, unerbittliches Hämmern, das ihr den Atem raubte.
Ihre Haut glühte vor Hitze, als wäre sie in Flammen aufgegangen, und doch zitterte sie unkontrolliert, als würden eisige Finger sie durchdringen und ihr Innerstes erfrieren lassen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, und sie fröstelte, obwohl sie wusste, dass es nicht die Kälte war, die sie erzittern ließ, sondern das Fieber, das sie ergriffen hatte. Sie gab direkt auf und ließ sich wieder auf das Bett sinken, die Decke um sich ziehend.
Ihr Verstand fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt, ein Wirrwarr aus Gedanken, die sich langsam auflösten und wieder zusammenfügten, wie die Wellen des Ozeans. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch alles, was sie spürte, war eine dumpfe Leere, die sich in ihrem Kopf ausbreitete und jede Erinnerung an die Realität zu verschlingen schien.

Sie fiel wieder in einen tiefen Schlaf.


Am nächsten Morgen legte das Schiff ohne sie ab und machte sich auf den Rückweg nach Rahal. Noch ohne eine Nachricht, aber schon einen Tag später würde ein Schreiben die Kommandantur erreichen, dass der Hauptmann von Rahal aufgrund einer Erkrankung den Aufenthalt in Trigolsburg verlängern musste.

Bild
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 17:26, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Begegnungen...

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Tage seit der ersten Nachricht aus Weidenheim waren geprägt von Pflichtroutinen, Listen, Kontrolle und Wachplänen. Ihre Schritte waren ruhig, ihre Entscheidungen präzise. Jetzt blieb nur zu warten und darin war sie verdammt schlecht.

Dementsprechend waren ihre Schritte nicht so beschwingt und leicht, als sie an jenem Abend ihr Haus in der Oberstadt verließ und durch die Straßen von Rahal wanderte. Ab und an ging der Blick aus einfacher Gewohnheit prüfend in die Seitengassen, zu jenen dunklen Flecken die sie so gut kannte, weil sie bei der Patrouille immer ein besonderes Auge darauf hatte.

Rahal, Gerimor….eine Welt, in der Drachen eher ein Problem der Stadtverwaltung und der Garde waren als Fabelwesen und und das beständige Ärgernis der sich vermummten Personen – sei es aus Kälte, Schüchternheit oder schlichter Unachtsamkeit – die das Vorzeigen des Bürgerbriefes und den obligatorischen Gesichtsabgleich zum echten Geduldsspiel machten und mehr Zeit in Anspruch nahmen, als Wachstunden - war über die Jahre ihr Zuhause geworden.
Hauptmann der Garde, Scharfschütze, ein Name, der auf den Lippen derjenigen, die Ordnung und Gesetz schätzten, wie ein Flüstern der Zufriedenheit klang, und bei manchen Schurken hoffentlich wie ein Stoßgebet.
Auf den ersten Blick war sie hart, ja. Das Leben hatte sie so geformt, jede Entscheidung, jeder Pfeil, der sein Ziel traf, war ein weiterer Meißelschlag an ihrem Charakter.
Und es würde so bald auch kein Ende haben. Aber ihre wahre Familie wäre stolz auf sie gewesen.


Ihre Abreise stand vermutlich kurz bevor. Eine kryptische Nachricht aus einem kleinen Kreis, der sie gelegentlich für besondere Aufträge zu sich rief. Eine Gruppierung, die sie inspiriert hatte, in Rahal etwas Ähnliches zu beginnen. Weil sie wusste, wie effektiv sie handeln könnten, wenn es nötig war. Über die Grenzen hinweg.
Sie sprach nicht viel darüber, aber wenn man sie als Scharfschützin anforderte, war das bisher immer ein Zeichen dafür, dass die Lage ernst war. Eine neue Front, ein neuer Einsatz, ein neues Risiko. Vielleicht der letzte? Vielleicht aber auch nicht. Seit einigen Tagen bereitete sie sich vor – nicht hektisch, sondern mit jener Ruhe, die man entwickelt, wenn man weiß, dass jeder Handgriff der letzte vor einem langen Winter sein könnte. Sie hatte ihre Ausrüstung überprüfen lassen, erledigte das nötige Schriftwesen, vergrub ihren Abschied in klaren Anweisungen an die Gardisten, die keine Ahnung hatten, dass sie tief im Inneren immer damit rechnete, dass es ein Abschied für immer sein könnte. Niemand sollte die Sorge spüren, die sie selbst zu unterdrücken versuchte. Und dazu schob sie in all der Zeit den dunklen Schatten beiseite, der sie seit einigen Abenden verfolgte. Seit diesem einen Abend um genau zu sein…



~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~




An jenem Abend atmete sie tief durch, als sie aus der Kutsche stieg und verließ direkt den Weg, suchte wie immer das Abseits, Schatten zwischen den Bäumen, Ruhe und Stille. Ein dumpfes Zwitschern wehte durch das dämmernde Waldstück, als hätte der Wald beschlossen, heute besonders dramatisch zu flüstern. Die Luft war schwer vom Duft der Kiefernrinde, irgendwo knackte ein Ast – vermutlich ein Eichhörnchen mit schlechtem Orientierungssinn oder ein Drache mit Größenproblemen. Bei dem Gedanken hätte sie beinahe gelacht. Sie hatte allerdings nicht vor, es herauszufinden. Stattdesse öffnete sie wenig später eine knarrende Tür, nur um einen leeren Raum vorzufinden. Nun gut, so schwer würde es wohl kaum werden ihr Ziel zu finden.

Auch wenn es bereits dämmerte und die Schatten im Wald auf den ein oder anderen eher bedrohlich wirken dürften, hier war sie in ihrem Element. Ihre Sinne waren geschärft, jeder Atemzug der Natur verriet ihr etwas. Der Geruch von feuchter Erde und Kiefernnadeln, das ferne Krächzen eines Raben – alles fügte sich zu einem Bild zusammen. Die Luft war frisch, getragen von dem Duft moosbedeckter Bäume und dem leisen Rascheln der Blätter. Sie möchte diese Stunden zwischen Tag und Nacht – sie waren wie ein gezielter Pfeil: geschärft, ruhig, und voller potentieller Gefahr.
Und nunja, sie liebte die Gefahr. Ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart hatten sie geformt wie Feuer Stahl: hart, oft unbarmherzig und mit einigen wenigen Kratzern an der Oberfläche. Doch unter all der Disziplin, der ständigen Aufmerksamkeit, den undurchdringlichen Mienen und der so perfekten Haltung verbarg sich so vieles mehr. Die wenigsten gaben sich die Mühe es wirklich herauszufinden.

Und gerade verbarg sich dort in erster Linie ein brodelndes Chaos, das man in jedem ihrer Pfeile erahnen konnte, die sie zog, um ein paar Wegelagerer zu erledigen, bevor sie ihr Ziel fanden. Dieser Schatz an innerem Aufruhr war heute so präsent wie selten. Warum ließ dieser Abschied sie so verdammt zerbrechlich fühlen? Sie hatte versprochen, sich zu verabschieden, sie würde es tun, wenn es ihr möglich wäre, wenn auch ungern. Und sie würde Haltung wahren. Denn das war dringend notwendig, weil sie schlicht und ergreifend spürte, wie langsam aber sicher der Boden unter ihren Füßen nachgab, leise, kaum merklich – und doch unumkehrbar. Auf einmal geriet alles in Bewegung, selbst das, was sie für unverrückbar gehalten hatte.


Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie selbst es zugelassen hatte, dass die Mauer bröckelte. Begonnen hatte es bereits vor einer Weile, als sie wieder einmal der Schwäche nachgegeben hatte, nur um eine noch größere Last an Schuld auf die Schultern geladen zu bekommen. Und obwohl sie es in jenem Moment noch nicht wusste, denn der Abend war noch nicht zu Ende, würde es eben jetzt gipfeln.
Aber gerade waren ihr Gedanken noch bei ihrem Ziel: Sie wollte jemanden rekrutieren. Oder eher, sie wollte es wenigstens versuchen.

Sie hatte in ihrem Leben schon viele riskante und oft dumme Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel als sie an einem Abend, rein aus Jux und weil sie es konnte, Janosch provokant gefragt hatte, ob sein berühmter Eintopf mit den 4 geheimen Zutaten wirklich besser war, als ihrer mit 6. Dass er dadurch ungenießbar wurde, ignorierte sie damals und selten hatte sie so gelacht wie an diesem Abend am Feuer.
Oder an einem regnerischen Abend, als sie vollkommen überzeugt war, endlich stark genug zu sein, Tak, den Hünen mit Oberarmen groß wie Hammelhaxen zum Armdrücken herauszufordern. Sie hatte ihren Arm danach eine Woche nicht benutzen können.



Bild




Aber durch den Wald zu wandern auf der Suche nach jemandem, der vermutlich bereits lange aufgegeben hatte und dem sie wahrscheinlich keinen Schritt auf den Zehenspitzen trauen konnte, war gerade wahrscheinlich die dümmste Entscheidung von allen. "Weil," murmelte sie zu einer besonders alt und beinahe weise aussehenden Eiche, "es ist ja nicht so, als hätte ich wichtigere Dinge zu tun. Wie zum Beispiel mein Testament schreiben. Oder meine Pfeile ordnen. Oder darüber nachdenken, wie ich Lingor beim Abschied möglichst schonend erklären soll, dass ich möglicherweise nicht lebend zurückkomme."
Die Eiche schwieg diplomatisch. Bäume waren ausgezeichnete Zuhörer, hatte Jynela festgestellt. Sie widersprachen nie, gaben keine ungebetenen Ratschläge und versuchten definitiv nicht, einen auf andere Art und Weise abzulenken, wenn man gerade dabei war, sein Leben in die richtigen Bahnen zu lenken.

Der Herbstabend auf Gerimor war von der Sorte, die Dichter dazu inspirierte, melancholische Verse über vergängliche Schönheit zu verfassen, während praktisch veranlagte Menschen wie Jyn hauptsächlich daran dachten, dass es verdammt kalt wurde und sie hätte ihren Mantel anziehen sollen. Die Luft schmeckte nach frischen Blättern, Moos und dem ersten Hauch von Sommer, der sich noch nicht ganz traute, sich zu zeigen, aber schon mal seine Finger ausstreckte, um zu testen, wie die Stimmung war.
Sie folgte den Spuren durch das Unterholz mit der gleichen Präzision, mit der sie einen Pfeil abschoss. Gebrochene Zweige hier, ein Fußabdruck im weichen Boden dort, der verräterische Geruch von Parfüm, der sich zwischen den Bäumen verfangen hatte.
Sie fand ihn an einer kleinen Lichtung, die aussah, als hätte der Wald beschlossen, für einen Moment durchzuatmen. Ein bescheidenes Lagerfeuer knisterte zwischen ein paar aufgeschichteten Steinen, und die Flammen warfen tanzende Schatten auf die umstehenden Bäume, die wie eine Versammlung alter Freunde dastanden und dem Spektakel zusahen.

Er saß am Feuer, die Knie angezogen, ein Ast in der Hand, mit dem er gedankenverloren in der Glut stocherte. Das Licht des Feuers spielte auf seinem Gesicht, betonte die Konturen seiner Wangenknochen und warf lange Schatten unter seine Augen. Für einen Moment sah er nicht wie der gewohnte Casanova aus, sondern wie ein nachdenklicher Mann, dessen Blick in die Flammen tanzte, als würde er dort Antworten auf Fragen finden, die er sich weigerte zu stellen. Das Licht spielte über sein Gesicht und machte ihn für einen Moment fast verletzlich – fast, denn sobald er sie bemerkte, war das gewohnte, schiefe Grinsen wieder da.

Er war kein Mann, an dem man einfach vorbeiging und ihn nicht bemerkte – lässig, ein wenig nachlässig und so, als würde er jederzeit mit der nächsten Frau davonziehen, wie ein junger Wind, der nirgends Wurzeln schlagen wollte. Ein wandelndes Klischee, das sie normalerweise mit einem Nicken und einem mitleidigen Lächeln abgetan hätte. Sein Humor war so trocken, dass er selbst in einem feuchten Keller Schimmel verhinderte. Er war ein Rätsel, dem man wahrscheinlich eine Schicht nach der anderen abziehen musste, um zu sehen, ob darunter nicht doch etwas anderes lag als die erwartete Oberflächlichkeit. Jyn war das bewusst, sie konnte Menschen durchaus einschätzen, aber manchmal waren es eben jene, die auffielen, die am Ende in der Masse untergingen. Manchmal musste man sich zeigen, um zu verbergen.

Und genau aus diesem Grund suchte sie ihn.

Seine vagen Andeutungen, der hintergründige Humor, seine leichten Witze – alles Versuche, sich selbst zu verstecken, wahrscheinlich sogar vor sich selbst.
Sie wusste nicht, ob er wirklich von Nutzen sein würde oder ob sie sich irrte. Aber sie würde sich zumindest nicht davon abhalten lassen, es herauszufinden.
„Das war wirklich einfach“, stellte sie fest und ließ sich auf einen Baumstamm sinken. Ihre Stimme klang ruhig, aber innerlich pochte weiter die anhaltende Unruhe. „Verfolgst Du mich?“, fragte er, ohne aufzusehen. „Genau das, ja.“ Er blickte auf, leicht verspätet, wie jemand, der den Moment genießt, bevor er ihn verliert. Die Brauen zuckten, die Mundwinkel auch. "Is' ja auch nich' so, als würde ich mich verstecken. Aber hier? Was hat mich verraten?"
„Du warst nicht in deiner... nennen wir es Unterkunft. Das Gras. Vorher der Weg. War wirklich nicht schwer.“
„Nicht schlecht“, murmelte er. Eine gespielte Anerkennung, wie sie ihm zu eigen war. Doch Jynela wusste: Hinter jeder Maske, die zu oft getragen wurde, war irgendwann das Gesicht vergessen.
Es folgte das typische Wechselspiel – kleine Bemerkungen, charmantes Grinsen, ihre Worte stets einen Hauch kontrollierter als nötig, seine voller Schalk.
Sie parierte stets mit einem angedeuteten Lächeln – sein Spiel. Doch heute war sie nicht hier, um zu spielen. Das Gespräch, so beiläufig es auch schien, tastete sich an die Frage, wegen der sie gekommen war.
“Ich hätte da nämlich tatsächlich...vielleicht ein Angebot für dich gehabt.”
Sie brauchte nicht viel zu sagen, seine Antwort kam direkt und ohne zu zögern, so deutlich wie der Knall einer Peitsche nach Mitternacht.
“Vergiss' es.”
Sie hatte damit gerechnet. Sie hatte gehofft, sich geirrt zu haben. Tja.

Manchmal musste man sich geschlagen geben.


Bild




Und dann passierte es wie aus dem Nichts. Sie wusste nicht einmal mehr genau, was sie gesagt hatte, aber an die Worte, die dann kamen, denn sie brannten sich in ihre Erinnerung.
„Weißt Du Jynela... 's steht Dir nich' immer nur die Harte zu sein. Du wirkst erhaben. Überlegen. 'n Kerl der kein Ego hat, hätte ziemliche Probleme, neben Dir klarzukommen."
Da war es. Ein einfacher Satz, gesprochen mit einem Grinsen, aber er traf härter als jeder Pfeil, den sie je abgeschossen hatte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitzschlag, deutlicher als je zuvor. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es nicht ihre Stärke war, die gescheitert war. Wut loderte auf, unterdrückte Wut, vermischte sich mit einer Erkenntnis und der Wahrheit. Die Fassade bröckelte. Für einen Moment nur. Aber es reichte.

Stille. Nur das Knistern des Feuers.

Der Hauptmann der Garde, der Scharfschütze, stand am Rande des Abgrunds. Aber sie würde nicht zulassen zu fallen. Sie musste nur ihr Gleichgewicht finden, wie bei einem Seiltanz.
Sie rang mit sich, ihre Hände ballten sich zu Fäusten, ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Sie durfte nicht zerbrechen. Nicht hier und auch nicht jetzt.

Ein tiefer Atemzug. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, bis die Fassung, die sie so lange gepflegt hatte, sich wieder wie ein Schutzmantel um sie legte.

Und sie ging mit einer einfachen Erkenntnis: Nicht jeder, der dich sieht, sieht dich wirklich.
Es war leichter, über sie zu urteilen, als sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie wirklich fühlte, wer sie wirklich war. Ihre Stärke, aber auch ihre Verletzlichkeit, das Chaos unter der kontrollierten Oberfläche, all das war da. Aber nur wer wirklich hinsehen wollte, konnte es erkennen. Sie war nicht kompliziert, man musste nur bereit sein, sie zu verstehen und das eben auf allen Ebenen und nicht nur auf dem Hier und Jetzt. Zum ersten Mal fühlte sich der Gedanke nicht nach Schmerz, sondern nach Wahrheit an. Sie hatte sich nicht verbogen. Sie war immer sie selbst geblieben. Und das musste genug sein.
Und der leise Funke in ihrem Inneren brannte weiter, ein Funke, den niemand löschen konnte – außer ihr selbst. Aber wollt sie das überhaupt? Gerimor schlief viel zu ruhig, als sie die Bäume hinter sich ließ.
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 17:44, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Begegnungen...

Beitrag von Jynela Dhara »

Und immer noch keine Nachricht aus Weidenheim.
Kein Abruf.
Nichts.
Die Ungeduld zerrte an ihr und trieb sie auch in den kommenden Tagen herum.


Aber dieses Mal war sie nicht auf der Suche, sondern wollte lediglich etwas Ablenkung und fand sich am Ende bei Bajard wieder.
Dort lehnte sie sich eine Weile an einen der Bäume dicht am Lagerfeuer und nutzte die Ruhe, um sich umzusehen, wie immer die Umgebung in Augenschein zu nehmen, zu hören, zu riechen, zu wissen.
Schritte waren es am Ende, die von der Kutsche kamen und sie dazu brachten, den Kopf zu wenden.

"Ich kenne dein Gesicht.", der Gedanke schoss ihr sofort durch den Kopf, als der Mann ihr entgegenkam.
Einer der Streiter Temoras, er war in der Schlacht von Berchgard ihr Feind gewesen – wortlos, unerbittlich, wie ein lebendig gewordenes Stück aus der alten Zeit war er dort oben neben anderen Veteranen gestanden. Sie hätte ihn töten sollen. Doch wie das Schicksal es wollte, führte der Weg sie nun erneut zusammen. Vor Bajard. An einem Lagerfeuer, dessen Licht ihre Schatten seltsam verzerrte.

Wie alle anderen, die in Berchgard oben hinter der Palisade standen, hatte Jyn auch ihn beobachtet. Vielleicht war er kein schlechter Mann, sie war nicht verblendet genug, um das von jedem zu vermuten, sondern nur ein Mann mit einer anderen Wahrheit, der Falschen, der in ihren Augen feigen Wahrheit, aber vermutlich eben die, an die er glaubte. Aber was sie dort gesehen hatte – Entschlossenheit, Wehrhaftigkeit trotz aussichtsloser Lage – das war aufgefallen. Bei einigen wenigen, die dort oben standen. Kein Fanatismus. Keine Gnadenlosigkeit. Nur Überzeugung. Und ein Aufblitzen von einem Funken Hass, den sie voller Befriedigung wahrgenommen hatte.
Jetzt saß er hier in normaler Kleidung, ohne Rüstung, aber mit seinem Schwert. Sie brauchte nicht mehr als ein paar Blicke, um ihn grob zu lesen. Anständige Kleidung, aber sie saß locker, er hatte scheinbar einiges an Gewicht verloren. Die Haltung ruhig, aber, aber nicht entspannt. Auch wenn er sich Mühe gab, die Haltung in den Schultern war klar jene eines Militaristen. Der Blick, den er ihr zuwarf, war musternd, aber nicht feindselig. Wenn er sie erkannt hatte an ihrer Stimme, ihren Bewegungen, dann ließ er sich zumindest nichts anmerken. Das Schweigen, das sich kurz ausbreitete, war dicht, aber nicht unangenehm. Sie saßen dort, zwei Menschen im Schatten eines Feuers. Zwei Feinde, die sich unter anderen Umständen ohne zu Zögern umgebracht hätten.

Die Minuten verstrichen. Worte fielen, zogen Kreise, berührten beiläufig Themen, die in Wahrheit schwer wogen. Kein direkter Angriff, kein vorsichtiges Herantasten. Nur die Art von Gespräch, wie sie zwischen Fremden entsteht, die beide wissen, dass niemand hier zufällig ist.

“Lasst ihr es mich wissen,wie alt ihr seid, oder muss ich raten?”,
versuchte sie, ihn ein wenig aus der Reserve zu locken. “Versucht es einfach mal?” Nach außen zeigte sie nur ein schmales Lächeln, kaum mehr als ein Zucken in den Mundwinkeln. Doch innerlich zog ein feines, süßes Kitzeln durch ihre Gedanken – das war die Einladung, auf die sie gehofft hatte.

Ein Spiel.
Ein Test.
Und er hatte sie unabsichtlich zur Spielleiterin gemacht.



Bild




Er glaubte, sie raten zu lassen. Doch in Wahrheit war es jetzt sie selbst, die die Regeln schrieb. Jynela lehnte sich ein wenig zurück, die Augen wach, aber entspannt – wie jemand, der schon weiß, wohin das Gespräch führen wird, lange bevor das Gegenüber auch nur die Richtung ahnt.
“Ihr seid vermutlich nicht so alt, wie ihr ausseht. Was auch immer euch festgehalten hat, sonderlich gut scheint es euch nicht getan zu haben. Allerdings arbeitet ihr vermutlich ziemlich verbissen daran, wieder der Alte zu werden.”
Der Schmerz, der in seinen Augen aufglomm, der Blick, welcher sich verdunkelte, waren die ersten gewonnen Punkte. Die aufloderne Wut in seinen Augen der erste Schritt zum Gewinn.
“Und es verfolgt euch, wie es scheint. Losgelassen hat es euch nicht, im Gegenteil.”
Dann eine gekonnte Wendung.
“Ihr habt die Hände eines Kriegers. Hornhaut und Schwielen an der Innenhand. Ihr habt dauerhaft ein Schwert im Griff, einen Schild….es könnten auch nur die Zügel eines Pferdes sein, aber….”
Ein kurzes Vorbeugen, als hätte sie es wirklich nötig, sich seine Hände noch einmal anzusehen, als würde sie dort noch etwas finden, was sie nicht schon längst wusste.
“Ihr habt auch Schwielen an den Fingern....Mittel und Ringfinger....vom häufigen Umgreifen. Die Narben scheinen mir nicht alle von Schwertkämpfen zu sein, aber...sie zeigen, dass ihr kämpft. Allerdings nicht sonderlich gut, wenn irgendjemand es geschafft hat, euch festzusetzen?”
Und wieder ein Schachzug, provokant wie ein Springer, der sich dreist mitten ins Zentrum setzt, Gabel droht, gedeckt von nichts als ihrer Dreistigkeit und dabei König und Dame gleichzeitig angreift.
Er blieb allerdings ruhig in seiner Erwiderung: “Ich würde sagen, es gibt Mittel und Wege jeden festzusetzen, wenn das Ziel es als notwendig erachtet hat. Ich denke, da stimmt ihr mir zu?"
Natürlich stimmte sie ihm mit einem schlichten Nicken zu.
“Es gibt immer Mittel und Wege. Aber es gibt auch Mittel und Wege, vorbereitet zu sein. Also wart ihr es nicht, oder es war gar jemand, dem ihr vertraut habt. Unbekleidet wäre ich sicherlich präziser, aber die leicht asymmetrische Haltung....kommt vom Schwert, dass ihr vermutlich nur selten ablegt. Typisch für einen Krieger. Und ich vermute sogar, dass ihr einer Armee angehört. Söldner? Nein, eher nicht...zu saubere Fingernägel, zu edle Kleidung.”
Genug.
Er hatte seine Vorlage.

“Ich schätze, ihr seid vermutlich Anfang 40.”


Als er an der Reihe war, musste sie sich deutlich bemühen, ihr Amüsement nicht zu offen zu zeigen. Er war gut, aber nicht gut genug. Und er ließ sich blenden, ablenken.
“Wenn ich mir eure Haltung ansehe, die Kleidung, wie gut ihr um die Beschaffenheit von Kriegern wisst. Diese Beurteilungsgabe nd verzeiht mir die Voreingenommenheit: Die Farbe euer schicken Kleidung, guter Stil übrigens...legen mir Nahe, dass ihr aktuell mehr im Westen zuhause seid und die Männer die Krieger vermutlich eher Kämpfer Alatars, in welcher Form auch immer sind. Denn eure Stimme, ist recht markant. Was ich wirklich angenehm finde. Ihr habt euch wirklich gut unter Kontrolle, das sieht man dort auch nicht oft. Meisten schleichen die so komisch um einen herum. Da seid ihr ein erfrischendes Exemplar... aber die Stellung...ich bin unsicher.”

Und es war nur ein Atemzug der Stille zwischen ihnen. Nicht leer, sondern gespannt. Als wartete die Luft selbst darauf, dass einer der beiden sich entschied, den Funken fallen zu lassen.

Dann brach das Spiel.

Einer ihrer Gardisten, der neue Landsknecht, trat aus der Dunkelheit an das Feuer heran und verneigte sich knapp. “Scharfschütze Dhara.”
Der Vorhang war gefallen, es gab keinen Grund weiter zu spielen. Doch sie hatte vor jeden Moment der Zeit, die blieb zu nutzen.
Marlan Kabo.
Sicher nicht dumm, leider ziemlich erfahren, aber voller Emotionen die tief in seinem Inneren zu brodeln schienen. Er würde den Abend überleben, weil in ihm etwas brannte und weil sie selbst das Risiko liebte. Einem gebrochenen Mann einen Dolch in die Hand zu geben, den er vielleicht gegen sie wenden würde, das war ein Risiko. Es wog aber nicht schwerer, als das, was in den nächsten Tagen und Wochen auf sie warten würde. Sie nahm den Stillstand im Reich wahr und er gefiel ihr nicht. Sie durften nicht stillstehen, im Gegenteil. Es musste immer einen Schritt nach vorne gehen. Und sie ging die Schritte auf ihre eigene Art.

Und nun würde ein Weiterer folgen, das Ende, vielleicht ein Anfang, wer wusste das schon:

“Ihr grüßt mit dem Licht, folgt....Tugenden, eure Worte vorhin waren deutlich, voller Verachtung gegenüber den Menschen die im alatarischen Reich leben. Gegenüber meiner Herkunft, gegenüber dem, wofür ich stehe und kämpfe. Und vielleicht...vielleicht habt ihr Grund dafür. Man hat euch also festgehalten, vermutlich....gefoltert? Schmerz zugefügt? Gebrochen. Stück für Stück. Das hat in euch etwas zurückgelassen. Das hätte es in jedem. Aber es war kein Gebet. Ihr fühlt Hass. Nicht irgendeinen oberflächlichen Zorn, sondern etwas Tiefes, etwas Reines. Rohes.
Es durchzieht eure Gedanken, eure Haltung und....euren Blick.”


Sie konnte die Erwiderung bereits in seinem Blick sehen: “Jetzt fangt ihr aber mit dem Bekehren an.”

“Nein, das muss ich nicht, das will ich nicht. Aber ich führe euch etwas vor Augen. Der Hass ist existent. Ihr könnt ihn leugnen, ihr könnt ihn von mir aus Temora widmen oder als Sünde brandmarken....aber....ihr wisst genau, dass ihr ohne ihn nicht hier sitzen würdet. Hass....hat euch am Leben gehalten. Hat euch einen Zweck gegeben, als alles andere zerbrochen war.”

Er wollte sich wehren, sie konnte es spüren, wollte widersprechen und seine Worte kamen noch voller Sicherheit.
“Am Leben nicht, da schätzt ihr mich falsch ein.”

“Ihr seid hier. Ihr atmet....ihr sprecht. Entschlossen, klar. Und wenn ihr ehrlich zu euch selbst sein würdet, dann würdet ihr eines feststellen: Der Hass ist da. Er wird auch nicht gehen. Aber wenn man seinen Hass kontrolliert, dann kann man selbst entscheiden, was er bewirkt. Ob er einen zerfrisst - oder ob man ihn nutzt, um zu handeln. Präzise. Zielgerichtet. Am Ende...ist die Frage nicht, ob der Hass euch verändert, sondern nur: Was wollt ihr damit tun? Und diese Entscheidung ist bereits gefallen. Die Kinder des Einen formen auf ihre Art. Man muss es nicht gut finden, aber es kann niemand leugnen, wie effektiv es ist. Euch hat es vorangetrieben, gestählt, gehärtet.”

Und da war es, ein amüsiertes Schmunzeln, Worte, die bereits zeugten, dass er sich schuldig fühlte: “Wenn ihr so weiter macht, zwingt man mich nachher noch ins Kloster und ich hatte wahrlich anderes vor.”

Ihre Antwort war zwar eher trocken, aber sie hatte durchaus eine gewisse Wahrheit in sich: “Wenn ihr vorhabt zu beichten, verdammt, da würde ich gerne Mäuschen spielen.”

Der Abend hatte ihr mehr gebracht, als sie sich erhofft hatte. Ablenkung, Erkenntnisse und Möglichkeiten, die sie ausnutzen würde. Als sie sich erhob und ging, richtet sie noch letzte Worte an ihren Feind:
“Und wenn ihr klug seid....habt ihr immer euren Rücken geschützt, Marlan.”

Dann drehte sie sich um – langsam, voller Kontrolle, als gehöre ihr der Raum. Kein Zucken, kein Argwohn in der Bewegung. Sie bot ihm die Angriffsfläche, die kein Narr ihr bieten würde, und gerade darin lag ihre Botschaft. Es war kein Trotz, kein Leichtsinn – es war für diesen Moment Überlegenheit. Die Gelassenheit derer, die wissen, wer sie sind.


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~




Der Abend ein paar Tage später war bleiern.
Der Himmel über Rahals Hafen war wolkenverhangen. Die Luft war drückend still, wie ein Atem, der angehalten wurde. Möwen schrien über dem Wasser, dumpf und unbeteiligt, und unten im Hafenbecken schaukelten die Boote in trägem Rhythmus, als wüssten sie mehr als die Menschen an Land.
Jynela hatte sich auf der Brüstung abgestützt und die Augen glitten sicher zum hundertsten Mal über das Hafenleben, während die Sonne unterging. Nicht mehr lange und die Nacht würde hereinbrechen, ein weiteres Schiff würde laut Hafenmeister vor dem Morgengrauen nicht mehr anlegen. Zuhause stand ihr Seesack griffbereit an der Wand, seit Tagen schon. Sie hatte ihn mehrmals wieder geöffnet, wieder umgepackt, wieder verschlossen. Irgendetwas in ihr hatte gehofft, dass die Nachricht doch noch kommen würde – ein Bote, ein Zeichen, von ihr aus auch ein schlichter Code auf einem Bierdeckel im Klabauter unten. So wie immer. Doch dieses Mal: nichts.

Sie trommelte unruhig mit den Fingern der linken Hand auf ihrem rechten Unterarm herum. Jede Stunde, die verstrich, fühlte sich falsch an. Als würde sie etwas übersehen haben. Auf dem Weg zurück hielt sie kurz vor der Oberstadt inne. Sie musste ihn nicht sehen um zu spüren und schlug den Weg hinter das Ratshaus ein.
Im Schatten der Mauer stand er.
„Tero…“ Es war mehr ein Atemzug als ein Name und sicher eher eine Feststellung, als eine Frage.
Er sah genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte – nur ernster. Der Bart ein wenig länger, die Kleidung wie aus dem Schatten selbst geschnitten. Seine Augen musterten sie mit einer Mischung aus Dringlichkeit und Ungeduld.
„Wo zum Teufel hast du gesteckt.“, murmelte er und stieß sich ab. „Wir müssen los. Jetzt. Sie warten schon.“
Jynela blinzelte. „Wie wäre es mit einer Nachricht gewesen? Ner Vorwarnung?“
„Keine Zeit.“ Seine Stimme war knapp, leise, aber scharf wie Stahl und sie hörte darin die Anspannung. Das verhieß nichts Gutes. Teros Blick ließ keinen Zweifel: Es war kein Moment für Erklärungen. Es war ein Moment für Entscheidungen.

„Ich hole mein Zeug.“ Ein tiefer Atemzug und sie hielt noch kurz inne. „Ich muss Lingor etwas hinterlassen. Meine Versprechen muss ich halten.“
Tero zögerte, die Kiefer angespannt. „Wir haben keine Zeit.“
„Ich bin schnell genug wieder hier.“ Ihre Stimme schnitt fester als erwartet. „Du kennst mich.“
Er nickte knapp.

Sie hatte auch vor dieses Versprechen zu halten und so griff sie sich zuhause schlicht den Seesack, stopfte noch das darauf liegende Hemd hinein, nahm die Treppe mit großen Schritten, riss die Schublade des kleinen Schreibpults auf, fand zwischen Ölpapier und Kerzenstummel ein Stück Pergament. Nicht ideal – aber es musste reichen. Mit einem Griffel schrieb sie hastig einige Zeilen, faltete es zusammen und verließ das Haus.

An der Taverne gegenüber dem Rathaus saß ein barfüßiger Junge auf einer umgedrehten Fischerkiste und sah beinahe begierig auf, als sie auf ihn zuging. Sie kannte den Burschen und er wiederum wusste, wer sie war und dass er sich vielleicht ein paar Münzen verdienen konnte. „Du!“ flüsterte sie scharf. Der Junge sprang auf, ein Grinsen in den schmutzigen Zügen.
„Bring das zum Lilienhof. Gib es Melia. Sag, es ist vom Hauptmann. Nur ihm, hörst du?“ Sie warf ihm eine Münze zu.
Der Junge nickte mit übertriebener Ernsthaftigkeit, salutierte spöttisch – und war verschwunden, wie eine Ratte zwischen den Kisten.
Tero stand bereits an der Tür, angespannt wie ein gespannter Bogen.
„Bereit?“
Sie schluckte. „Nein. Aber ich gehe trotzdem.“

Sie bewegten sich zügig durch die Gassen zurück in Richtung Hafen, durch ein Labyrinth aus Gerüchen und Lärm – gebratener Fisch, nasse Seile, Öl und Schweiß. Der Händler auf dem Steg brüllte etwas von Orangen, doch seine Stimme war nur Lärm hinter Jynelas pochenden Gedanken. Zum Hafen, hinter der Kommandantur. Das war die Anweisung und so führte sie Tero durch Nebengassen, die nur ein Einheimischer kannte, vorbei an Katzen, Müllhaufen und misstrauischen Blicken hinter zerschlissenen Vorhängen.



Bild




Am Wasser lag ein kleines, unscheinbares Boot – unmarkiert, mit abgeblättertem Lack, nur zwei dunkle Gestalten an Bord.
„Spring“, sagte Tero.
Und sie sprang.
Zuletzt geändert von Jynela Dhara am Montag 19. Januar 2026, 17:49, insgesamt 2-mal geändert.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Beitrag von Jynela Dhara »

Am Rand der Stille



Vor drei Tagen:


Der Regen fiel in feinen Fäden vom nächtlichen Himmel, zog silbrige Spuren auf den dunklen Steinen der Mauer und perlte von der glatten Lederrüstung der Frau, die unbewegt auf dem Wehrgang stand. Die Sehne ihres Bogens spannte sich kaum merklich im Wind, doch sie ließ die Hand davon, als sei er nur ein Schatten ihrer Gedanken.

Unter ihr öffnete sich das mächtige Tor zur Stadt Rahal – ein schwarzes Maul eines Panthers im Bauch der Mauer. Im fernen Lichtschein flackernder Laternen glänzte nasser Stein, gezeichnet vom Atem des Meeres, das unablässig gegen die Klippen schlug. Die Stadt dahinter lag düster und schwer unter der Wolkendecke, kaum mehr als eine Silhouette aus Türmen, Zinnen und verwinkelten Gassen. Rahal schlief nie wirklich, aber jetzt fühlte es sich wieder einmal so an wie die große Stille vor dem Sturm.

Jynela stand allein. Der tiefrote Wappenrock klebte vom Regen an ihren Schultern. Das hier war ihr Lieblingsplatz auf der Mauer. Der Ort, den sie aufsuchte, wenn ihre Schicht sich dem Ende neigte und es war immer der letzte Blick auf das Reich, den sie sich hier gönnte. Die Kameraden kannten es, zogen sich zurück, ließen dem Hauptmann den Raum.


Bild




Zwei Tage.
Dann würde das Reich versuchen, die Dämonen zu besiegen, sie abzulenken, Zeit erkaufen für jene, die das Artefakt für Alatar bergen sollten. Die Kinder des Einen hatten nach Hilfe gefragt und zumindest sie selbst hatte nicht gezögert. Für sie gab es keinen Grund zu zögern, keinen Anlass für Diskussionen. Alles was sie an diesem Abend bei der Sitzung gehört hatte, gesehen hatte, waren Leute, die im Glashaus saßen und mit Steinen warfen.
Niemand von ihnen allen, die Garde und Bruderschaft eingenommen, konnten sich damit brüsten, dass sie immer sofort reagierten, dass sie alles teilten, was eigentlich zu teilen war.
Ob es die unerlaubte Beschwörung eines Dämons war, oder ein heimliches Abkommen mit dem Feind, ob es Wissen über Artefakte oder die Heiligkeiten waren.
Es gab immer Dinge, die nicht auf den Tisch kamen und manchmal mit gutem Grund, doch manche davon wogen schwerer als andere. Sie möchten auf einem guten Weg sein, aber sicher noch lange nicht am Ziel.

Sie wurde müde, wenn sie nur daran dachte. Egal wie sie es drehte und wendete, sie war in ihrem Inneren eine Kämpferin, ein Soldat. Ein Abend verschwendet für Diskussionen und das wirklich Wichtige, der Angriff, die Verteidigung, nicht einmal annähernd geplant.
Man würde sich also treffen und vermutlich ins Verderben rennen, oder eben auch nicht. Die sorgfältig angefertigte Karte, sinnlos. Niemanden schien es zu interessieren, dass es zwei Seiten zu verteidigen gab. Oder wo genau die wirkliche Brut saß. Welche Engpässe es zu vermeiden gab, wo man frei kämpfen konnte.
Sammeln.
Angreifen.
Sterben oder Überleben.
Um die Toten würde sich die Garde schon kümmern und sie zum Tempel bringen.

Ihre Augen glitten über das Land, zu den Höfen, bis hin zu den Wäldern in Richtung des Axorns. Die Bewegungen dort zwischen den Bäumen waren deutlich erkennbar, wenn auch der Regen die Geräusche etwas dämpfte. Dort unten wurden sie erwartet und in zwei Tagen würde das Rennen beginnen.
Ein Wettlauf gegen Wesen, die keine Gnade kannten, gegen einen Willen, der nichts als Verderben brachte. Es war nicht ihre erste Schlacht und würde nicht die letzte sein. Aber gerade hier und heute, in dieser Nacht, spürte sie die Müdigkeit, die Frustration.
Dennoch würde sie noch einmal im Hintergrund stehen, wie immer. Einen Pfeil nach dem anderen ziehen. Leben beenden, andere Leben hoffentlich retten.
Aber es war zu spät um nun noch zu leugnen, dass etwas anders war. Nicht der Feind. Nicht der Auftrag.
Sondern sie selbst.

In den letzten beiden Jahren war es eher schleichend geschehen. Etwas in ihr hatte sich gelöst, still, unbemerkt. Wie ein Seil, das zu lange gespannt war.
Sie wollte es nicht benennen, aber es war da – dieser leise Riss im Innersten, diese Frage, deren Antwort sie immer beiseite geschoben hatte, immer mit Hoffnung und die nun so klar und deutlich in ihren Gedanken widerhallte, dass man sie nicht mehr wegdenken konnte.

Wirklich begonnen hat es dann vor einem Jahr.
Und während sie den Regen aus den Augen blinzelte, kam die Erinnerung lautlos, wie ein Schatten im Nebel ihrer Gedanken und die Hand glitt wie von selbst an die Kehle. Ein Jahr war es her, und doch brannte diese eine Nacht wie frisches Feuer unter ihrer Haut. Der Tag, an dem das Letzte, was sie noch für unantastbar gehalten hatte, zerbrach. Zusammenhalt. Und irgendwo auch Vertrauen, das man schenken musste, wenn man das tat, was ihre Aufgabe war.
Sie wusste, dass sie nur die Augen schließen musste, um es vor sich zu sehen, wie das Mondlicht auf die nassen Pflastersteine von Bärentrutz fiel, als sei die Zeit eingefroren.





Der Auftrag damals war auf den ersten Blick unscheinbar gewesen. In erster Linie eine Beschattung, Informationen sammeln, das Ziel ausmachen und ausschalten. Das würde ihr Part sein. Für solche Aufträge verließ sie Rahal, unterstützte die Armee ein Weidenheim. Nichts, was sie aus der Ruhe gebracht hätte. Die Gruppe war klein, wie immer. Tero hatte sie zusammengerufen: drei im inneren Kreis, zwei stille Gesichter, die sie ebenso nun eine Weile kannte und die immer da waren, wenn sie etwas zu dritt nicht erledigen konnten. Jeder einzelne von ihnen war ein Teil des alatarischen Heeres. Jeder auf seine Art, jeder mit seiner Waffe. Jeder mit seinen Stärken und Schwächen. Sie müssen einander vertrauen, damit sie zusammenarbeiten können.

In dieser Nacht waren die Posten verteilt. Es war ihre Schicht und sie saß auf einem Mauerabschnitt über dem alten Wehrturm. Verborgen im Schatten und in ihrem Rücken mit Blick auf die andere Seite der Straße lehnte Valen. Er war der Dritte im Bunde. Eigentlich kam er aus dem Norden, war in jungen Jahren als Kundschafter ins Heer eingetreten und nun erledigte er genauso wie sie Spezialaufträge im Grenzland. Als Spurenleser war er verdammt gut und auch im Nahkampf nicht zu verachten. Er tötete schnell und aus nächster Nähe. Mehr als einmal hatte sie seine Waffe bewundert, ein gebogener Dolch, schwarzer Griff und die Klinge mit einem Dämpfungszauber versehen, er klirrte nicht mal, wenn er ihn zog.
Nicht weniger gefährlich war die kurze Sehne mit einigen kleinen Bleikugeln, die er zum lautlosen Ausschalten aus der Nähe benutzte. Und alleine weil sie weder blind noch dumm war und ihre Bebachtungsgabe ausgezeichnet, wusste sie von der vergifteten Nadel in seinem linken Ärmel.
Sie musste sich nicht umdrehen, um zu sehen, dass er locker an der Mauer lehnte, das Haar dunkel, fast schwarz und meist kurz geschoren. Die Augen stechend grau, aber wenn er mal grinste, waren da leichte Falten in den Augenwinkeln. Man sah ihn nur nicht oft lachen.
Er erinnerte sie ein wenig an Fergus, denn seine Bewegungen waren genauso flüssig und kontrolliert - als würde er nie einen Schritt zu viel machen. Er war keiner, der laut lachte oder lange redete und gerade deshalb wurde er oft übersehen oder auch unterschätzt. Seit sie ihn kannte, hatte sie selbst immer in kleinen eingearbeiteten Taschen Kräuter zur Geruchsmaskierung. Wenn er geht, riecht man alles mögliche, aber nicht ihn.
Er war nicht ihr Freund.
Aber er war immer da, wenn sie in Weidenheim unterwegs war. Verlässlich und wortkarg. Einer, dem man den Rücken zuwendet, weil man weiß, er wird ihn schützen. Bereits zweimal hatte er sie aus einer brenzligen Situation herausgeholt, ihr den Weg frei gehalten und sie hatte sich mindestens genauso oft revanchiert.
Er sprach wenig, aber wenn er sprach, war es ruhig, überlegt.
Man hatte das Gefühl, er wäge jede Silbe ab. Er war nicht der Typ für Ideale – aber er war loyal. Zumindest hatte sie das gedacht.

Der Wind zog etwas an ihrem eng anliegenden Mantel, aber ihr Blick blieb ruhig und konzentriert. Die Stille war es, in der sie sich zuhause fühlte, diese Momente der Beobachtung, das Abwarten, jene Augenblicke, in denen jeder Atemzug zählte und jeder Schatten mehr sagte als ein Wort.
Sie hatte schon immer ein gutes Gespür gehabt, konnte Dinge erkennen, die noch nicht einmal geschehen waren. Sie kannte das. Jene Momente, in denen die Haut kribbelt, weil etwas nicht stimmt. Und sie hatte überlebt, weil sie diesen Momenten vertraute.
Es war einer dieser Momente.
Denn da war auf einmal Stille. Eine Stille die nicht natürlich war, sondern gespannt, aufgeladen.
Das nächste war ein Schritt.
Kein Schleichen.
Kein Laut von oben, sondern von der Seite, aus dem Schatten des Wehrturms.
Sie wandte sich nicht um – noch nicht.
Machte den Fehler zu vertrauen.
Aber sie hörte den Atem und nahm die Veränderung in einem Wimpernschlag wahr. Flach. Schnell. Zu nah.
„Du siehst zu viel.“, waren die Worte, die er aussprach.
Flach.
Ohne Zorn.
Als wäre es eine Tatsache, kein Urteil. Aber etwas schwang in seiner Stimme mit, etwas, das sie nicht greifen konnte.


Bild



Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand es tat – sie duckte sich, riss die Schulter zur Seite. Und spürte im selben Augenblick das kalte Ziehen an ihrer Kehle. Metall. Haut. Fleisch.
Kein Schrei, nur ein Stöhnen – dumpf, keuchend. Sie taumelte gegen die Mauer, sah den Schatten vor sich fliehen.
Er brachte es nicht zu Ende.
Sie fiel auf die Knie. Ihre Hände an der Kehle. Warmes, dickes Blut rann zwischen den Fingern. Sie konnte nicht sprechen. Nur röcheln. Keuchen.
Keine Worte. Kein Befehl. Kein Name.
Ihr Körper hatte sich gewehrt, instinktiv, wild, aber der Schnitt war tief gewesen. Sie war gefallen – nicht in den Tod, sondern in das Dunkel dazwischen.
Es war kein heldenhaftes Gefecht gewesen. Kein verzweifelter Abwehrkampf. Nur ein Moment des Verrats. Und dann Schwärze.


Erst viel später hatte sie erfahren, dass Tero sie rechtzeitig fand. Ein Zufall mehr, der ihr das Leben rettete, sonst wäre sie dort oben im Turm verblutet. Er brachte sie schweigend und verzweifelt zu einem Heiler am Rand der Stadt. Nicht in die Kommandantur, denn dort war sie nicht sicher. Und dann kam der Liedkundige. Ein alter Mann mit blinden Augen, der nicht fragte, wer sie war oder warum man sie zum Schweigen bringen wollte.
Er hatte über ihr gesungen. Worte des Einen. Immer und immer wieder.



Bild




Oder vielleicht hatte es sich nur so angefühlt – wie ein ferner Klang, der sich durch die Watte ihrer Erinnerungen schob.
Seine Stimme war tief, weich wie Moos und scharf wie Glas. Angeblich ist alte Magie selten geworden. Genau das, was sie seit jeher eher von sich schob, weil sie Magie nicht traute und sie nur zuließ, wenn es wirklich nötig war. Das hier war aber nicht nur Magie. Es war Magie gepaart mit dem tiefen Glauben, der in ihr verwurzelt war. Und in jener Nacht rettete sie nicht nur ihr Leben, sondern etwas anderes, das ihr wertvoll war.
„Die Stimme ist mehr als Klang,“ sagte er zu Tero. „Sie ist der Weg zwischen Herz und Welt. Ich kann ihn nicht begradigen. Aber ich kann ihn offen halten.“

Als sie zum ersten Mal wieder sprach, war es… falsch.
Nicht einfach fremd – sondern zerstört, wie etwas, das nicht hätte gerettet werden dürfen. Ihre Stimme klang, als würde man sie über zerbrochenes Glas gießen – jedes Wort, ein Schnitt, scharf und Narben hinterlassen, ein kleiner Kampf, ein Sieg über den Schmerz.
Rauh. Brüchig.
Als wäre da etwas in ihr, das jeden Laut abwehrt, weil es zu viel kostete, ihn freizugeben.
Die Töne kamen dunkel, belegt, mit einem kratzenden Hall – als spräche sie aus einem alten, nassen Brunnen, irgendwo tief unter der Erde.
Manchmal vibrierte ein heiseres Zittern in ihren Sätzen, wie das Nachbeben eines Schreis, der nie ausgestoßen wurde.
Und wenn sie wütend war – oder wenn sie glaubte, niemand höre sie und sie versuchte lauter zu sprechen – dann versagte die Stimme gänzlich.

Aber sie begann zu heilen und aus den Tagen Aufenthalt wurden Wochen. Niemand stellte es in Frage. Die geschickten Berichte waren nichtssagend und mehr als einmal musste sie sich in einem Monolog Vorwürfe von Tero anhören, der von ihr verlangte, die Wahrheit zu schreiben. Wenigstens den einen zu informieren, der ununterbrochen in ihren Gedanken war.

In stillen Momenten – wenn der Schmerz nachließ, ebenso wie die Mittel, die man ihr gab und der Verstand aufklarte – wanderte ihr Blick manchmal zu den Pergamenten in der Ecke. Ein paar Worte nur, ein kurzes Schreiben – es wäre nichts gewesen.
Sie hätte ihm schreiben können und in den langen Nächten, wenn die Stimmen in ihrem Kopf leiser wurden als die Stille um sie herum, wollte sie es auch – nicht, weil sie glaubte, dass sich etwas ändern würde, sondern weil er ihr noch immer fehlte.

Valens Verrat hatte dem letzten Rest Vertrauen, der in ihr lebendig geblieben war, den tödlichen Stoß versetzt. Seine Klinge hatte nicht nur ihre Haut geöffnet, sondern auch etwas in ihr, das bis dahin noch geglaubt hatte, dass Nähe möglich war. Sie wusste, dass es töricht wäre, Lingor zu schreiben – dass es nichts leichter machen würde, sondern nur schwerer. Denn selbst wenn er käme, würde das Geschehene zwischen ihnen stehen wie eine Mauer aus unausgesprochenen Fragen, Schuld und Enttäuschung und Schmerz. Und wenn er nicht antwortete, wäre das auch ein Schnitt. Ein letzter.
So blieb der Brief ungeschrieben.
Nicht aus Trotz, nicht aus Stolz, sondern aus Erschöpfung – aus der tiefen Müdigkeit eines Herzens, das zu oft versucht hatte, stark zu bleiben. Und so schwieg sie.
Nicht weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil sie nicht mehr bereit war, etwas zu riskieren, das niemand festhielt, wenn es fiel.

Erst als sie sich so weit erholt hatte, dass eine Rückkehr überhaupt denkbar war, trugen die Nachforschungen Früchte, die Tero seit dem Angriff unermüdlich verfolgt hatte.
Valen – der stille, verlässliche Valen – war seit Jahren Teil eines Netzwerks innerhalb der Reichstruppen. Kein Fanatiker. Kein Brandredner.
Nur ein Mann, der überzeugt war. Ein Mann, der seine Befehle ausführte. Sein Auftrag in Weidenheim war klar gewesen:
Sie sollte verschwinden. Der Anschlag war geplant gewesen – kalt, präzise. Sie wussten nur nicht woher er kam, nur, dass es jemand aus den eigenen Reihen war.
Und doch…
Etwas daran stimmte nicht.
Sie wehrte sich lange gegen den Gedanken. Weigerte sich, ihn zu Ende zu denken. Aber so sehr sie wollte, dass der Verrat eindeutig, sauber, vollständig war –
es war nicht nur ihre Bewegung im letzten Moment, die sie rettete.
Es war auch sein Zögern.
Valen hätte sie töten können.
Er war nah genug gewesen.
Er hatte es nicht getan.
Und irgendwann würde sie ihn fragen, warum.
Aber wenn es so weit war – dann würde sie diejenige sein, die die Waffe in der Hand hielt.

Als sie schließlich zurückkehrte, verbarg sie die Narben. Sie rechnete mir Fragen, aber es kamen keine. Niemand sah sie wirklich an und das war ihr in jenem Moment nur recht. Denn sie hatte begriffen, dass es nicht nur ihre Stimme war, die sich verändert hatte.
Etwas in ihr war fort – etwas, das geglaubt hatte, dass es irgendwo einen Ort gab, an dem man wirklich sicher war. Wirklich zu Hause. Der Teil, der ihr für so lange Zeit vorgegaukelt hatte, dass sie angekommen war. Kameraden, denen man vertraute. Freunde, auf die man sich verlassen konnte.
Rahal war nicht mehr das, was es einmal gewesen war.
Und nachts, wenn sie alleine war, presste sie manchmal die Finger an die schmale, blasse Narbe an ihrem Hals.
Und fragte sich, ob der Schnitt sie nicht doch getötet hatte – nur langsamer als geplant.





Der Wind auf der Mauer fuhr ihr ins Gesicht, trug den Geschmack und die Erinnerungen alter Tage mit sich und ihr Blick glitt zum Horizont, wo der Himmel langsam aufriss.
Die Narbe an ihrer Kehle war kaum noch sichtbar.
Aber sie spürte sie – nicht auf der Haut, sondern im Innersten.
Wie eine Erinnerung, die nicht heilt, weil sie zu tief reicht.
Vertrauen war seither ein fragiles Konstrukt.
Nähe ein Spiel mit Messern.
Bindung – ein Wort aus Geschichten, nicht aus ihrem Leben.
Und doch war sie weit gekommen.
Sie hatte überlebt, geführt, gekämpft.
Man nannte sie mit Respekt.
Man hörte auf sie, wenn sie sprach – selbst mit dieser gebrochenen Stimme.
Sie erinnerte sich nicht mehr wirklich an das Lachen ihrer Mutter, die Stimme ihres Vaters, das Gewicht der Hand ihres Bruders.
Diese Familie war längst fort.
Und doch hatte sie andere Wurzeln geschlagen.
Sie dachte an Merts Geschichten, an Janoschs Lieder, an Fergus' Nähe –
kurze Flammen, helle Momente.
Alle verglüht.
Sie hatte getragen, was andere längst abgelegt hätten.
Für das Reich. Für eine Gemeinschaft, die nie zurück fragte.
Für ein Ideal, das auf Pergament stärker war als in den Herzen.
Was blieb, war der Dienst.
Die Pflicht.
Und eine Müdigkeit, die nicht vom Alter kam – sondern von der Leere dazwischen.
Von dem ständigen Versuch, etwas aufrechtzuerhalten, das längst hohl geworden war.

Sie atmete tief, schob den Mantel enger um die Schultern. Bald würde man in Rahal zum Sammeln rufen. Noch einmal glitt der Blick über die Mauern zu den Türmen und weiter auf den dunkel werdenden Himmel.
Die Nächte vor der Schlacht war immer die längsten – und die letzte vorher die Leiseste.
Dann brach sie auf.



Bild
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: Der Weg ist das Ziel

Beitrag von Jynela Dhara »

Dieser Morgen roch nicht mehr nach Lagerfeuer und frisch gefallenem Schnee, sondern nach Eisen, Leder und kaltem Rauch der Stadt. Und dieser Geruch legte sich schnell wieder auf ihre Sinne, setzte sich fest in der Rüstung, in den Haaren, in der Kehle. Er war nicht unangenehm, auch nicht fremd, aber im Vergleich zur Zeit in der Natur viel zu dicht. Zu abgeschlossen. Wie etwas, das keinen Raum ließ, um auszuweichen.
Sie atmete tief ein – und spürte, dass die Luft nicht dieselbe war. Schwerer. Gebändigt. Als würde selbst der Morgen hier wissen, was von ihm erwartet wurde.

Sie blieb noch einen Moment stehen, im Türbogen, halb im Schatten, halb im Licht des erwachenden Hofes und gönnte sich diesen einen Moment der Ruhe und des Durchatmens. Vor ihr lag Rahal. Steinern. Laut. Und eindeutig im Begriff zu erwachen.

Der Alltag der Garde hatte sie wieder.

Ihre Schritte führten sie beinahe mechanisch weiter, bis sie den Durchgang durchquerte und fast auf der Straße stand, die Finger locker um den Riemen ihrer Tasche gelegt. Das Leder war kalt unter ihren Händen und hinter ihr lebte auch die Kommandantur langsam auf: Stiefel schlugen hart auf Pflaster, Stimmen hallten zwischen den Mauern wieder, kurz angebunden, befehlsgewohnt. Irgendwo klirrte eine Rüstung, jemand fluchte leise, Metall auf Metall, als würde er gegen die eigene Ungeschicklichkeit kämpfen.

Die Garde erwachte.
Strukturiert. Laut. Unausweichlich.
Sie liebte diesen Moment.

Dann atmete sie tief ein. Die Rüstung folgte der Bewegung ohne Widerstand, wie sie es immer tat – maßgefertigt, ausbalanciert, eher zweite Haut als Hülle. Sie hielt, stützte, schützte, ohne zu erinnern, dass sie da war. Jynela vergaß sie oft genug selbst. Für andere allerdings war sie offenbar so selbstverständlich Teil ihrer Erscheinung, dass gelegentlich erstaunte Blicke folgten, wenn man sie einmal ohne sie sah. Besonders dann, wenn jemand feststellte, dass der Hauptmann nicht nur eine Autorität, sondern – zu allgemeiner Verwirrung – auch tatsächlich eine Frau war. Jynela nahm das gelassen hin. Wenn eine Rüstung dabei half, Erwartungen zu ordnen, war das schließlich auch eine Form von Schutz.

An diesem Morgen trug sie noch die Wasserflecken der Schneeflocken, eingetrocknet an den Riemen, ein stiller Rest von draußen, den sie noch nicht hatte ablegen können. Oder eher, sie wollte es nicht. Als würde sie etwas mitnehmen wollen von der Zeit im Feldlager, das sie noch ein wenig begleitete. Eine Erinnerung, an die sie sich festklammerte. Einfach, weil es sich angefühlt hat wie damals. Wie ein Stück ihres alten Lebens.

Ein Karren rollte den Weg entlang, mechanisch nickte sie grüßend und sah ihm nach. Für einen Herzschlag lang fragte sie sich, wann genau sie diesen Übergang gelernt hatte.
Nicht, wann sie aufgehört hatte, an das alte Leben zu denken – das hatte sie nie –, sondern wann sie gelernt hatte, weiterzugehen, während es sie begleitete. Still. Beharrlich. Wie eine zweite Spur unter jedem Schritt.
Dann zog sie den Mantel enger um sich und marschierte hinaus.


Fünf Jahre.


In wenigen Wochen würde sich ihr Eintritt in die Garde zum fünften Mal jähren.
Ein Datum, das sich leise näherte, ohne Feierlichkeit, ohne Stolz. Kein Datum, das offiziell vermerkt war, kein Anlass für Glückwünsche. Aber für sie ein Punkt, an dem sie sicherlich inne halten würde - ob sie nun wollte oder nicht.
Denn am Ende bedeutete es im Strom der Zeit, in ihrer Welt, vor allem eines: Geblieben zu sein.
Es war nicht mehr wirklich ein Prüfstein, jenen hatte sie schon überschritten, sondern eher ein Meilenstein. Und er erinnerte sie daran, was aus ihr geworden war, dass sie durchgehalten hatte als eine der Wenigen. Und ebenso erinnerte es sie daran, wie viel Zeit vergangen war – und dass von der Person, die damals durch das Tor gekommen war, nur noch das übrig war, was stark genug gewesen war zu bleiben.


Fünf Jahre.


Die Zeit hatte vieles geändert. Freiwillig oder nicht.
Und es war nicht einfach nur der Weg gewesen, dieses: rechts oder links, das Abbiegen. Es war vor allem sie selbst. Ihre Entwicklung. Wie Elisabetha so schön geschrieben hatte, was aus dem frechen Gassenkind geworden war.

In Wirklichkeit dachte sie nur ungern an ihre Ankunft zurück. Es war Winter gewesen, bitterkalt und sie war mit kaum mehr als sich selbst angekommen. Zu dünn, ausgehungert, ohne Gold, ohne Rüstung, ohne irgendetwas von dem, was einmal ihr Leben gewesen war. Die Heimat verloren. Die Menschen, die sie geliebt hatte, ebenfalls. Sie war gestrandet – und wusste es. Hilfe hatte es gegeben, Angebote, vorsichtige Gesten. Aber sie hatte sie kaum annehmen können. Zu stur, zu stolz, zu sehr darauf bedacht, nichts zu schulden, was sie nicht zurückzahlen konnte. Also arbeitete sie. Nahm, was sie sich verdiente und lehnte ab, was sich wie Mitleid anfühlte.
Mit der Zeit fand sie Anschluss. Gesichter wurden zu Namen, Namen zu Vertrauten, einige sogar zu Freunden. Und doch blieb da etwas, ein leiser Abstand, als stünde sie immer einen Schritt neben dem Ort, an dem sie eigentlich hätte stehen sollen. Angekommen, ja – aber nie ganz zugehörig.

Bis zu ihrem Eintritt in die Garde.

Jenem Moment, als ihr damals Aresh die Rüstung überreichte, den Wappenrock und den Ring, den sie seitdem trug. Es war kein feierlicher Akt gewesen, kein Schwur vor versammelter Mannschaft, das kam erst später.
Nur ein nüchterner Vorgang, sachlich – und gerade deshalb unumkehrbar. Sie erinnerte sich, wie sie die Teile entgegennahm, eines nach dem anderen und erst begriff, was sie da tat, als sie begann, sie anzulegen.
Metall auf Haut, Gewicht auf Schultern, das Ziehen in den Gelenken bei jeder Bewegung. Sie wusste noch, wie sie stehen blieb, nur um Atem zu holen, wie das Klirren der Ketten lauter war als ihr eigener Mut.
Sie war Leder gewohnt , einfache Rüstungen, leicht, die sich anschmiegten und ihre Freiheit ließen. Vielleicht nicht schön, vielleicht zusammengeschustert – aber sie saßen.
Die Kettenrüstung der Garde lag schwer auf ihren Schultern. Und sie verzieh nichts. Sie war schwach gewesen. Nicht im Willen, aber im Fleisch. Jeder Kampf hatte ihr mehr abverlangt, als sie eigentlich geben konnte. Sie hatte nicht gekämpft, wie sie es kannte – fließend, sicher, mit dem Wissen, dass ihr Körper gehorchte. Stattdessen hatte sie gezählt: Schritte, Schläge, Atemzüge. Hatte sich behauptet, nicht weil sie stärker war, sondern weil Aufgeben keine Option gewesen war.
Nie.
Alles war anders gewesen als früher. Die Blicke der anderen – prüfend, abwägend. Stärke wurde nicht erklärt, sie wurde gemessen, jeden Tag neu. Ihr Körper hinkte hinterher. Sie musste lernen, ihn wieder zu lesen: wo er nachgab, wo er aufschrie, wo sie ihn trotzdem weitertrieb. Grenzen waren nichts Festes, sondern etwas, das man verschob, bis es riss. Oft unter Schmerzen.
Es gab Nächte, in denen sie die Rüstung mit zittrigen Händen ablegte, langsam, fast andächtig, weil jede hastige Bewegung bestraft wurde. Die Erleichterung hielt kaum an. Darunter warteten blaue Flecken, verhärtete Muskeln, Gelenke, die brannten, als hätten sie sich jedes einzelne Versagen gemerkt. Der Schmerz schlief mit ihr ein und wachte mit ihr auf. Und an manchen Tagen fragte sie sich, nicht ob sie stark genug war – sondern ob sie jemals wieder zu der werden konnte, die sie gewesen war, bevor ihr Körper gelernt hatte, wie es sich anfühlt, zu zerbrechen.

Und doch war sie geblieben. Hatte weitergemacht. Schritt für Schritt.
Nicht aus Hoffnung. Hoffnung war etwas für Menschen, die es sich leisten konnten, zu glauben, dass es besser wurde und dafür war der Schmerz damals noch viel zu präsent gewesen.
Sie war geblieben, weil Stillstand gefährlicher gewesen wäre.
Weil Aufhören bedeutet hätte, sich anzusehen – und sie wusste nicht, ob sie das überlebt hätte.
Es war nicht leicht. Nicht im Geringsten. Aber es war notwendig.

Und immer wieder diese Frage: Bin ich hier wirklich angekommen? Gehöre ich wirklich hierher?
Dieses Gefühl hatte sie seit dem ersten Tag begleitet. Anfangs war es lähmend gewesen, hatte ihr die Luft genommen, hatte sie nachts wachgehalten. Jetzt war es leiser. Beständiger. Ein Zweifel, der nicht mehr schrie, sondern nur noch manchmal flüsterte. Einer, der wie ein Schatten mit ihr ging, egal wohin sie trat.

Sie hatte sich das damals anders vorgestellt.
Nicht leichter – aber anders.

Die Rüstung saß mittlerweile perfekt. Sie drückte nicht mehr, scheuerte nicht, verlangte keine Aufmerksamkeit. Leder und Metall folgten jeder Bewegung, als hätten sie gelernt, mit ihr zu atmen. Oder vielleicht war es Jynela, die gelernt hatte, wie man sich darin bewegte. Wie man Gewicht zu einem Verbündeten machte.
Sie kannte ihren Körper jetzt. Wusste, wie viel Kraft ein Schritt brauchte, wie ruhig ein Atem sein musste, wann Stillhalten wichtiger war als Geschwindigkeit. Jahre des Trainings hatten ihr Geduld beigebracht – die Art von Geduld, die man braucht, um zu warten, zu beobachten, zu treffen. Kein unnötiger Impuls, kein Zögern. Nur Kontrolle. Präzise, erarbeitet, teuer erkauft. Denn Geduld war nie ihre Stärke gewesen.

Sie zog den Mantel enger, spürte das vertraute Gewicht auf ihren Schultern. Für einen Moment war es keine Last, sondern Halt. Ein Versprechen, dass sie trug, was sie sich verdient hatte. Dann trat sie hinaus auf die Straße. Der Klang ihrer Schritte ging im Lärm unter – so wie sie es gewohnt war.


Fünf Jahre.


Die Kommandantur war mehr zu einem Zuhause geworden als irgendetwas anderes. Auch wenn das Leben hier nicht einfach war.
Hier war nichts mehr abgefedert.
Befehl und Ausführung existierten noch – ja –, aber sie endeten, was die Garde betraf, bei ihr. Jede Entscheidung, jede Konsequenz, jeder Fehler lief irgendwann in ihren Händen zusammen. Sie war nicht Teil eines anonymen Systems. Sie war in der Kommandantur der Punkt, an dem es hielt oder brach.

Über ihr gab es Titel. Namen. Strukturen.
Doch wenn Entscheidungen Gewicht hatten, wenn Blut floss oder Zweifel laut wurden, blieb davon wenig übrig. Dann war niemand da, der eingriff. Niemand, der auffing.
Das musste sie tun.

Als Hauptmann und Scharfschütze wusste sie, was es bedeutete, den Überblick zu behalten. Nicht nur aus Distanz, sondern aus Verantwortung. Sie sah ihre Gardisten nicht als Namen in Reihen, sondern als Menschen, die sie in Bewegung setzte. Als Kameraden, die ihr folgten, weil sie darauf vertrauten, dass sie standhielt, wenn es ernst wurde.
Hier, vor ihren Kameraden, gab es niemanden mehr, hinter dem sie sich verstecken konnte.
Keine Entscheidung, die jemand anderes für sie traf.
Wenn einer von ihnen fiel, war es ihre Last.
Wenn einer zweifelte, war es ihre Aufgabe.
Und wenn sie sie an die Grenze führte oder darüber hinaus, dann tat sie es wissend, tragend, und mit dem festen Entschluss, selbst nicht zurückzuweichen.

Sie kämpften nicht für jene, die fern blieben.
Sie kämpften für Rahal.
Für die Alkas.
Und für den Einen, dessen Ordnung Bestand hatte, auch wenn Menschen daran scheiterten.
Die Garde war ihr Zuhause.

Und allein dieser Gedanke fühlte sich manchmal an wie Verrat – nicht an Rahal, nicht an Alatar, sondern an etwas, das früher gewesen war.
Denn es hatte einmal ein anderes Zuhause gegeben. Eines ohne Mauern, ohne Titel, ohne Sicherheiten. Eines, das sich nie richtig angefühlt hatte und doch wahr gewesen war. Ehrlich. Unverstellt. Ein Leben, in dem Nähe nicht gefährlich gewesen war, sondern notwendig.
Der Gedanke traf sie unerwartet und ließ sich nicht abschütteln. Er blieb, schwerer als ihr lieb war, hartnäckig genug, um Raum zu fordern.
Sie schloss für einen Moment die Augen.
Und der Hof verschwand.




<<Der Boden unter ihren Füßen war weich gewesen, feucht vom nächtlichen Tau. Kein Pflaster, das den Schritt zurückwarf, kein Hall, der sie verriet – nur Erde, die nachgab und Laub, das unter den Stiefeln leise raschelte. Jeder Schritt hatte sich echter angefühlt, unmittelbarer, als würde der Boden selbst zuhören.
Die Luft hatte nach Rauch gerochen, aber anders als in der Stadt. Nicht scharf, nicht abgestanden. Nach Holz, nach Harz, nach dem Essen vom Abend zuvor, das noch irgendwo in den Kleidern hing. Warm. Vertraut. Ein Geruch, der nicht vertrieb, sondern hielt.

Sie saßen im Kreis um das Feuer. Nicht geschniegelt, nicht ordentlich, aber wachsam auf eine Art, die keine Befehle brauchte. Niemand hatte Plätze zugewiesen, und doch wusste jeder, wo er saß. Nähe ohne Enge. Abstand ohne Kälte.
Fergus hockte auf einem umgestürzten Stamm, die Ellbogen auf die Knie gestützt. In seiner Hand drehte sich ein Stock, langsam, gedankenverloren, zog Linien in den Sand, die nichts bedeuteten und doch alles sagten. Er sah nicht auf, als er sprach.
„Wir haben zwei Möglichkeiten.“
Seine Stimme war ruhig gewesen. Zu ruhig vielleicht. Kein Befehlston, kein Pathos. Nur Klarheit. Die Art von Ruhe, die nicht beruhigte, sondern zwang, hinzusehen.
„Entweder wir umgehen den Posten. Dann verlieren wir Zeit – und die drei dort drinnen sind tot, bevor wir auch nur in Sichtweite sind.“
Ein kurzes Innehalten. Das Knistern des Feuers füllte die Lücke. Jemand schob einen Holzscheit nach, als könne Bewegung helfen, das Gesagte zu tragen.
„Oder wir gehen durch. Schnell. Hart. Und riskieren, dass jemand von uns nicht zurückkommt.“
Niemand hatte sofort geantwortet.

Jynela erinnerte sich an die Gesichter in diesem Moment. Müdigkeit, die tief saß. Dreck unter den Nägeln. Kalte Finger um Waffen, die längst nicht mehr neu waren. Und dieses unausgesprochene Wissen, das zwischen ihnen lag wie eine vierte Möglichkeit: Dass es keine richtige Entscheidung gab. Nur eine notwendige.
„Sie werden bei Sonnenaufgang hingerichtet“, hatte jemand leise gesagt. Fast beiläufig. Als würde Lautstärke etwas verändern.
Ein anderer hatte geflucht, kurz und gepresst, mehr Atem als Wort.
„Wir wussten, worauf wir uns einlassen“, hatte eine Stimme eingeworfen – mehr Rechtfertigung als Überzeugung, mehr Hoffnung, sich selbst zu glauben, als wirkliches Wissen.
Fergus hatte genickt, langsam und schwer, als würde er jedes Wort prüfen, bevor er es annahm.
„Das wussten wir“, hatte er gesagt. „Alle.“
Dann hatte er den Blick gehoben und war über jeden Einzelnen von ihnen gegangen. Nicht prüfend, nicht fordernd – sondern ehrlich, auf eine Weise, die wehtat, weil sie nichts ausließ.
„Und trotzdem ist es meine Entscheidung.“
Er holte tief Luft, ein Atemzug, der trug, nicht beruhigte.
„Wir sind hier, um Menschen da rauszuholen. Nicht, um bequem zu überleben.“
Die Stille danach war keine Leere. Sie war dicht, fast greifbar, ein gemeinsames Einverständnis, das niemand aussprach, weil es keiner aussprechen musste.
Dann sagte er:
„Wenn wir angreifen, besteht die Möglichkeit, dass einer von uns fällt.“
Er hatte das Wort Möglichkeit nicht abgeschwächt, nicht versteckt, nicht beschönigt.
„Das trage ich.“
Nicht stolz, nicht hart – einfach fest.

Und in diesem Augenblick hatte Jynela verstanden, was es bedeutete, Hauptmann zu sein.
Nicht, Befehle zu geben, sondern Entscheidungen zu treffen, die einem niemand abnahm – und danach mit den Folgen zu leben.>>




Bild



Ein scharfes Rufen riss sie aus den Gedanken. Jynela blinzelte, sah wieder den Hof vor sich. Gerade Linien. Feste Abläufe. Menschen, die sich bewegten, ohne sich anzusehen, weil sie wussten, was zu tun war. Jeder Schritt hatte seinen Platz, jede Bewegung ihren Sinn. Nichts war zufällig. Nichts blieb dem Moment überlassen.

Bei den Rebellen war es anders gewesen.
Lockerer, auf den ersten Blick. Ungeordneter. Und doch ernster auf eine Weise, die sich nicht messen ließ. Es hatte keine Uniformen gegeben. Keine Mauern, hinter denen man sich hätte verbergen können. Keine Sicherheit, die versprach, dass jemand anderes die Verantwortung trug. Jeder war sichtbar gewesen – mit seinen Stärken, mit seinen Fehlern, mit der Angst, die man nicht immer verbergen konnte.
Dafür hatte es Gespräche gegeben. Lange, leise, oft müde. Am Feuer, im Halbdunkel, wenn die Waffen gereinigt und die Wunden notdürftig versorgt waren. Gespräche, die nicht geführt wurden, weil sie angenehm waren, sondern weil man sonst nicht hätte schlafen können. Weil man wissen musste, wem man den Rücken anvertraute. Und wem nicht.
Die Übungen hatten sich manchmal fast wie Spiel angefühlt. Bewegungen, Wiederholungen, kleine Herausforderungen. Bis zu dem Moment, in dem einem klar wurde, dass jeder Fehler tödlich sein konnte. Dass es kein Netz gab, keinen zweiten Versuch, keine Absicherung. Nur Erfahrung – weitergegeben von denen, die länger überlebt hatten. Nicht aus Überlegenheit, sondern aus Notwendigkeit.
Kein Unterricht mit Namen und Rangabzeichen. Keine Tafeln, keine Befehlslisten. Nur das Wissen, dass jemand vor dir diesen Fehler gemacht hatte – und ihn überlebt hatte. Oder eben nicht.
Und vielleicht war es genau das gewesen, was sie dort gelernt hatte.
Nicht nur zu kämpfen.
Sondern zuzuhören.
Hinsehen zu müssen.
Zu begreifen, dass Führung nicht bedeutete, alles zu wissen – sondern zu erkennen, wann jemand kurz davor war, zu brechen.
Der Gedanke zog sie weiter, tiefer.
Fort vom Hof.
Fort von den Mauern.
Zurück an einen anderen Morgen.




<<Die Wiese lag noch im sanften Sonnenschein. Eine Sonne, die schon kaum mehr Kraft hatte, um wirklich zu wärmen. Feuchte Erde unter den Stiefeln, der Geruch von nassem Holz, Wald und Metall in der Luft. Die Zielscheibe stand in einiger Entfernung, grob gezimmert, die Ringe mit dem Blut eines Rehs aufgemalt. Zu viele Treffer dicht beieinander. Fast alle von ihr.
Jynela hatte den Bogen bereits gehoben. Die Sehne spannte sich, vertraut, selbstverständlich. Der Pfeil saß richtig. Haltung, Stand, Atmung – alles griff ineinander, wie es das immer tat.
Der Schuss löste sich.
Zu spät.
Der Pfeil traf. Sauber. Aber nicht dort, wo er sollte. Ein Fingerbreit neben dem Zentrum. Gut genug für andere. Nicht für sie.
„Verdammt“, zischte sie und griff bereits nach dem nächsten Pfeil.

„Noch einmal.“

Die Stimme kam ruhig von hinter ihr. Zu ruhig. Fergus stand ein paar Schritte entfernt, die Arme locker verschränkt, als wäre nichts geschehen. Kein Tadel. Kein Lob.
Jynela warf ihm einen kurzen Blick zu, die Stirn gerunzelt. „Ich hab getroffen.“
„Ja“, sagte er. „Aber nicht im richtigen Moment.“
Sie schnaubte, riss den Pfeil aus der Scheibe. „Der Wind—“

„—war egal“, unterbrach er sie ruhig. Nicht scharf. Einfach fest. „Du hast gezögert.“
Das saß.

Sie trat zurück, spannte neu an, schneller diesmal, fast trotzig. Der zweite Pfeil flog – traf das Zentrum. Ein perfekter Schuss.
Sie sah nicht zu ihm. „Siehst du.“
Fergus schwieg einen Moment. Dann: „Im Kampf bekommst du dafür keine zweite Gelegenheit.“
Jynelas Kiefer spannte sich. Sie atmete aus, hörbar, presste die Lippen aufeinander. Ärger flackerte in ihr auf, heiß und ungeduldig. Nicht auf ihn. Auf sich.
„Du hast nur diesen einen Moment“, fuhr Fergus fort, ruhig wie zuvor. „Im Kampf gibt es kein Vielleicht.“
Der Wind strich durch die Bäume, ließ die Blätter rascheln. Ein Geräusch, das leicht mit Bewegung zu verwechseln war. Mit einem Ziel. Jynela spürte, wie ihr Puls schneller ging, wie sich etwas in ihr zusammenzog – vielleicht Angst. Vielleicht nur Anspannung.
Fergus trat näher.
Sie spürte seinen Blick im Nacken, noch bevor er sprach.
„Schau mich an.“
Widerwillig tat sie es.
„Angst ist kein Fehler“, sagte er leiser. Ernster. „Sie heißt nur, dass du begreifst, was auf dem Spiel steht.“
Jynela wollte etwas erwidern. Wollte widersprechen. Wollte sagen, dass sie keine Angst hatte. Aber der Blick hielt sie fest.
„Aber stehenbleiben“, fuhr Fergus fort, „darfst du nicht.“
Die Worte trafen härter als jeder Tadel. Nicht wie ein Befehl. Wie eine Klinge, sauber geführt. Sie bohrten sich tief in sie hinein, brannten sich fest.
Nicht stehenbleiben.
Sie wandte sich wieder der Scheibe zu, hob den Bogen ein drittes Mal. Dieses Mal ohne Hast. Ohne Trotz. Ohne Zorn. Nur der Atem. Der Zug. Der Augenblick.
Der Pfeil traf die Mitte.
Jynela ließ den Bogen sinken, sagte nichts. Fergus auch nicht.
Er musste es nicht. Und dann wandte er sich ab.

Es waren harte Tage gewesen, sie wussten beide, was ihnen bevorstand. Alle litten unter der anhaltenden Kälte, der Winter näherte sich unaufhaltsam, aber noch schlimmer war der Druck, seitdem sie von den Gefangenen erfahren hatte. Er lastete auf ihnen allen.

Jynela hatte den Bogen bereits wieder gehoben. Sie machte weiter. Unerbittlich. Irgendwann brannte ihr Rücken und die Schultern wie Feuer, die Finger waren taub vor Kälte und Anspannung, aber sie blendete es aus. Haltung. Stand. Atmung. So, wie man es ihr beigebracht hatte. So, wie man weitermachte.
Der Pfeil traf. Nicht schlecht. Nicht gut genug.
Sie griff nach dem nächsten, ohne innezuhalten, merkte nicht einmal, dass das Licht langsam gewichen war. Dann noch einen. Und noch einen. Die Treffer begannen zu wandern, kaum sichtbar – ein Hauch zu tief, ein wenig zu weit links. Fehler, die sie ignorierte. Sie spannte schneller, atmete flacher.
„Jyns.“
Sie hörte es, aber sie reagierte nicht. Der Bogen hob sich erneut.
„Genug.“
Die Stimme kam wieder ruhig von hinter ihr. Fergus. Kein Scharfwerden. Kein Befehlston. Trotzdem blieb ihre Bewegung stehen, als hätte jemand die Zeit angehalten.
„Ich kann noch“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Zu schnell.
Fergus trat näher. Sie spürte ihn hinter sich, den Blick, der nicht auf die Scheibe ging, sondern auf sie. Auf ihre Schultern. Ihre Hände.
„Ich weiß“, sagte er. „Aber du solltest es nicht.“
Das traf sie unvorbereitet.
„Du bist müde“, fuhr er fort, leise. „Nicht im Körper. Hier.“
Er tippte sich mit zwei Fingern gegen die Schläfe.
Jynela schluckte. „Ich breche nicht.“
„Nein“, sagte Fergus ruhig. „Aber du bist kurz davor, es zu übergehen. Und das ist schlimmer.“
Der Wind strich durch die Bäume. Jynela stand reglos da, den Bogen noch immer erhoben. Plötzlich fühlte er sich schwer an. Nicht wie eine Waffe. Wie eine Last.
Fergus legte ihr eine Hand auf den Unterarm. Fest. Erdend.
„Führung heißt nicht, weiterzugehen, nur weil man kann“, sagte er. „Sondern zu erkennen, wann man anhalten muss. Bei sich. Und bei anderen.“
Langsam senkte sie den Bogen. Die Spannung wich aus ihren Schultern, und erst da merkte sie, wie nah sie gewesen war. Nicht am Versagen. Am Zerreißen.>>





Und Jahre später wusste sie noch immer, warum er es ihr gesagt hatte.
Nicht, um sie härter zu machen.
Nicht, um sie zu brechen – sondern um genau das zu verhindern.
Er hatte ihr beibringen wollen, dass Bewegung nicht immer bedeutete, weiterzumachen.
Manchmal bedeutete sie, innezuhalten. Den Blick zu heben. Zu erkennen, wann man selbst – oder jemand anderes – kurz davor war, zu zerbrechen.
Um dann den Mut zu haben, sich zu bewegen. Weg vom Stillstand. Weg vom Zerbrechen.

Jynela wusste, wie schwer sich diese Lektion in der Garde umsetzen ließ.
Hier, in der Garde, ging es um Abläufe. Um Ordnung. Um Kontrolle. Um das Funktionieren vieler Einzelner als ein Wille – getragen vom Willen des Herrn.
Jynela verstand, warum das nötig war. Nicht aus blindem Gehorsam, nicht aus bloßer Pflicht, sondern aus Erfahrung. Die Garde war kein Ort für Zögern, kein Raum für Zweifel, die laut wurden. Sie war das Bollwerk Rahals, der Schild des Reiches, dort, wo Worte längst nichts mehr galten und nur noch Handeln Bestand hatte.

Sie war Hauptmann – nicht nur dem Rang nach, sondern mit Leib und Seele. Weil sie führen konnte. Weil sie tragen konnte. Weil sie es jahrelang vorgelebt bekommen hatte. Erst von Fergus, dann von Aresh. Weil sie verstand, dass Führung bedeutete, voranzugehen, wenn andere müde waren und stehenzubleiben, wenn andere weiter wollten. Sie war nicht immer gerecht gewesen, aber sie war immer ehrlich. Zu sich selbst. Zu ihnen.

Gerade deshalb hatte sie das Feldlager so sehr geschätzt.
Nicht trotz der Anstrengungen – sondern wegen ihnen.

Hier hatte sie einmal mehr gesehen, wie aus einzelnen Kämpfern eine Einheit geworden war. Wie Blicke genügten, wo früher Befehle nötig gewesen waren. Wie Vertrauen wuchs, nicht durch Schonung, sondern durch das gemeinsame Aushalten. Sie hatte sie an ihre Grenzen geführt. Manchmal darüber hinaus. Hatte Blut gefordert, wenn jeder Instinkt in ihr danach schrie, es nicht zu tun. Es hatte ihr wehgetan. Jedes Mal.

Aber sie wusste, warum sie es tat.
Weil Nachsicht hier draußen Tod bedeutete.
Weil Vorbereitung Leben rettete.
Weil sie für Rahal standen, für das Reich – und für Alatar, den einen wahren Gott, dessen Ordnung sie verteidigten. Nicht aus blindem Glauben, sondern aus der Gewissheit, dass etwas Größeres bestand, das Halt gab, wenn alles andere zerfiel.


Fünf Jahre.


Fünf Jahre Dienst, Wachen im Regen und in der Hitze, Nächte ohne Schlaf, Tage, die länger dauerten als sie sollten. Fünf Jahre, in denen sie gelernt hatte, was es bedeutete, zu bleiben, wenn andere gingen. Zu tragen, wenn es schwer wurde. Zu führen, auch dann, wenn niemand führen wollte.
Und doch war die Garde nie nur sie gewesen.
Sie war Hauptmann – mit Leib und Seele. Ja.
Aber sie wusste: Ohne die Menschen hinter ihr wäre dieser Rang nichts wert gewesen.
Sie hatte Männer und Frauen kommen sehen, zaghaft zuerst, unsicher, manchmal zu jung, manchmal schon gezeichnet. Sie hatte gesehen, wie sie wuchsen. Wie sie lernten, sich zu vertrauen. Wie sie einander hielten, wenn einer fiel – und weitermachten, weil jemand es musste.

Und sie hatte gesehen, was daraus entstanden war.
Eine Truppe, die nicht aus Pflicht zusammenstand, sondern aus Vertrauen.
Eine Garde, die nicht nur Befehle ausführte, sondern Verantwortung trug.
Menschen, die den Namen Rahal nicht nur verteidigten, sondern lebten.
Sie kämpften nicht für Titel.
Nicht für jene, die fern blieben.
Sie kämpften füreinander.
Für die Stadt hinter ihnen.
Für das Reich.
Und für Alatar.
Die Garde war mehr als eine Einheit.
Sie war ein Versprechen, das jeden Tag neu eingelöst werden musste.

Jynela hob den Blick über den Hof. Sah ihre Kameraden beieinanderstehen – ernst, müde, lachend, schweigend. Unterschiedliche Gesichter, unterschiedliche Geschichten. Und doch eine Linie, die sie verband. Eine Stärke, die nicht laut war. Eine Loyalität, die keine Worte brauchte.
Für einen Moment drehte sie sich zu ihnen um.
Sie sagte nichts.
Sie musste es nicht.
Der Stolz lag nicht in einem Befehl, nicht in einer Rede. Er lag in ihrem Blick. In der Art, wie sie stehen blieb, wie sie sie ansah – einen nach dem anderen – und wusste, dass ohne diese Menschen nichts von alldem existieren würde.
Nicht die Garde.
Nicht ihr Rang.
Nicht sie selbst.
Nichts davon stand für sich.

Der Zweifel war noch da, ebenso die Erinnerungen.
Aber sie hielten sie nicht mehr zurück. Sie gingen mit ihr, wie Narben es tun – nicht schmerzhaft, aber spürbar, untrennbar verbunden mit dem, was sie geworden war.

Jynela trat vor.
Kein Befehl folgte.
Kein Ruf.
Nur Bewegung.
Stiefel setzten sich in Gang, Körper richteten sich aus, Blicke fanden Halt.
Nicht, weil sie mussten.
Sondern weil sie es gewohnt waren, gemeinsam zu gehen.
Und in diesem Moment wusste Jynela, dass sie nichts mehr beweisen musste.
Nicht ihnen.
Nicht sich selbst.

Die Garde trug sie.
So wie sie die Garde trug.

Seit 5 Jahren.
Und weiter.




Bild





Der Abend legte sich langsam über Rahal.

Die Dächer aus dunklem Stein verloren ihre scharfen Konturen, wurden zu Schattenflächen, durchzogen von vereinzelten Lichtern. Rauch stieg aus Kaminen auf, vermischte sich mit dem kühlen Wind, der von den Mauern herab durch die Gassen strich. Die Stadt klang leiser jetzt – nicht still, aber gesammelt.
Als würde sie den Atem anhalten.

Von den oberen Fenstern der Kommandantur aus lag sie offen da.
Die Türme.
Die Mauern.
Das Bollwerk, das sie war – und das sie schützte.
Der Wind fand seinen Weg durch den Raum, ließ das offene Fenster leise knarren.
Die Kerze auf dem Tisch flackerte, ihr Licht tanzte über Stein und Holz, warf bewegliche Schatten an die Wand.

Auf dem Tisch lag ein Stück Pergament.

Worte aus einer anderen Zeit.
Nicht niedergeschrieben, nicht bewahrt in Tinte – sondern gesungen.
Einmal.
Am Feuer.
In einer Nacht, die nach Rauch roch und nach Angst. Mit rauer Stimme, die schon längst verstummt war, mehr Erinnerung als Lied.

Aber der Hauptmann hatte sie nie vergessen.

Sie hatten von den Rebellen gehandelt. Von denen, die blieben, wenn andere gingen. Von Händen, die hielten, auch wenn sie zitterten. Von einer Gemeinschaft, die nicht aus Rang bestand, sondern aus Vertrauen. Es war kein Bericht gewesen. Kein Schwur. Kein Kampflied.

Es war entstanden aus einer Erinnerung.

Aus einem Leben, das verloren gegangen war – und aus vielen, die bereit gewesen waren, es zu riskieren. Die Worte hatten Spuren hinterlassen. Tief genug, dass sie weitergegeben wurden. Nicht unverändert. Nicht leichtfertig. Sondern mit dem Wissen, was sie bedeuteten.

Und der Barde hatte zugehört.
Wirklich zugehört.
Und er hatte verstanden.

Er hatte die alten Worte genommen und sie neu gefasst. Nicht für die Rebellen. Nicht für das Feuer eines Lagers.
Sondern für Rahal.
Für die Garde.
Er hatte sie umgedichtet, behutsam, respektvoll – und daraus ein Lied gemacht.

Kein prunkvolles.
Kein lautes.
Eines, das man sang, wenn die Rüstungen abgelegt waren. Wenn der Dienst für einen Moment schwieg. Eine Hymne an die Garde – nicht an ihre Siege, sondern an das, was sie trug.

Die Kerze flackerte erneut, als würde sie zögern.
Der Wind strich über das Pergament, hob eine Ecke an, ließ es leise rascheln.

Die Worte warteten.
Nicht darauf, gelesen zu werden – sondern darauf, weitergetragen zu werden.

Draußen hielt die Garde von Rahal die Stellung.
Auf den Mauern, in den Gassen, in all den Nächten, die niemand zählte.
Und irgendwo zwischen Stein und Atem, zwischen Vergangenheit und dem, was noch kommen würde, zwischen Pflicht und Erinnerung, zwischen dem, was gewesen war und dem, was sie noch fordern würde, lebten die Worte weiter.

Bis in Ewigkeit.


Bild

[OOC: Frei nach "Finsterwacht" von Saltatio Mortis]
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: Der Weg ist das Ziel

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Tür schlug hinter ihr zu, doch das eigentliche Echo entstand nicht im Gang, sondern in ihrer Brust, als hätte jemand mit roher Gewalt gegen etwas geschlagen, das ohnehin schon Risse trug, genau dorthin an jene Stelle wo sie über Jahre hinweg gelernt hatte Regungen zu verschließen, bevor sie Form annahmen. Ihre Schritte trugen sie schneller die Treppe hinauf, als sie es beabsichtigt hatte, fast als müsse sie dem nachjagen, was ihr eben entglitten war.
Sie zwang sich zu ruhigem Atem, gleichmäßig und kontrolliert. Wie vor einem Schuss bei wechselndem Wind, wenn jede Unsicherheit die Flugbahn verfälschen konnte. Doch diesmal ging es nicht um Distanz, nicht um das präzise Berechnen eines Ziels.

Diesmal hatte sie sich selbst verschätzt. Der Zug war gesetzt, das Spiel entschieden und sie hatte erst im Nachhall begriffen, dass sie nicht mehr nur beobachtete, sondern Teil der Partie geworden war.
Schach und Matt.


Sie hatte geglaubt, sie könne sie beide auf Abstand halten, so wie sie es immer getan hatte. So wie sie es immer wollte.
Darios war nie leicht gewesen, nie berechenbar, nie ein Mann, der seine Gedanken offenlegte wie Karten auf einem Tisch. Sein Zorn war wie ein Schild, sein Glaube wie eine Mauer, beides Schutz und Angriff zugleich. Glaube als ein Bollwerk, hinter dem er sich verschanzen konnte, wenn es zu persönlich wurde. Und doch hatte sie in den Rissen dieser Mauer etwas gesehen. Nicht Schwäche, sondern eine rohe, ungeformte Kraft, die sich nur dann zeigte, wenn er für einen flüchtigen Moment nicht kämpfte. Sie hatte begonnen, ihm mehr zuzutrauen als bloße Loyalität. Mehr als bloße Pflichterfüllung.
Und Lioras.
Bei ihm war es anders gewesen. Ruhiger. Leiser. Seine Art hatte etwas von jener beständigen Wärme, die sie einst bei Janosch gespürt hatte. Ein Blick, der nicht urteilte, sondern wahrnahm. Eine Gegenwart, die nicht forderte, sondern trug. In seiner Nähe war sie nicht nur Hauptmann, sondern auch Mensch gewesen, ohne dass er es je ausgesprochen hätte.

Sie hatte begonnen, beide Dinge anzuvertrauen, die sie sonst nur in sich selbst bewegte: Gedanken über Politik, Zweifel, Strategien, die mehr Grauzonen enthielten, als sie öffentlich zugeben würde und Vergangenheiten, nach denen seit Jahren niemand gefragt hatte.
Und irgendwo zwischen diesen beiden Männern, zwischen dem rauen Widerstand des einen und der stillen Beständigkeit des anderen, war etwas entstanden, das sie nicht geplant hatte: ein Band. Keine Nähe. Nicht offen ausgesprochen. Aber Vertrauen. Sie hatte begonnen, sich auf sie zu verlassen. Auf Darios unbedingte Entschlossenheit im Kampf. Auf Lioras klugen Blick hinter die Fassade von Menschen und Situationen. Sie hatte begonnen, sich zu sorgen, wenn einer von ihnen nicht zurückkehrte, wenn ein Auftrag riskanter war als vorgesehen. Es war keine Schwäche gewesen, hatte sie sich eingeredet, sondern Führungsverantwortung.

Bis zu diesem Gespräch.

Sie hatte bei der Konfrontation mit der Bruderschaft mit vielem gerechnet, aber darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Auf jenen Moment, in dem sie aus seinen Worten etwas anderes las, als sie erwartet hatte. Nicht Ablehnung. Nicht Trotz. Sondern Klarheit.
Darios wollte seinen Weg allein gehen. Nicht aus Distanz, nicht aus Missachtung, sondern aus Überzeugung. Seine Loyalität galt Alatar, seinem Ehrbegriff, seinem eigenen Maßstab. Bindung war für ihn kein Halt, sondern eine mögliche Schwächung. Es kam ihr verflucht bekannt vor.
Und sie begriff, dass sie begonnen hatte, etwas anders zu gewichten. Nicht ihn. Sondern das Gefüge zwischen ihnen. Was zwischen ihr, Darios und Lioras entstanden war, war nie sentimental gewesen. Es war gewachsen aus Einsätzen, Gesprächen und gemeinsam getragenen Entscheidungen. Aus gegenseitiger Achtung. Aus Vertrauen.
Doch Vertrauen ist kein Besitz. Und in diesem Augenblick erkannte sie, dass sie es beinahe wie einen festen Anker behandelt hatte. Ein Fehler. Nicht, weil es nicht existierte.
Sondern weil es nicht bedeutete, dass jemand blieb.

Und in diesem Augenblick hatte sie verstanden, dass sie selbst einen Fehler gemacht hatte. Nicht, weil sie zu viel gefühlt hätte, sondern weil sie begonnen hatte, es zuzulassen.
Seit Fergus gefallen war, hatte sie sich geschworen, nie wieder zu vergessen, was Nähe bedeutete: Verwundbarkeit.
Damals hatte sie geglaubt, stark genug zu sein, den Verlust zu tragen. Sie hatte es auch getragen, nach außen hin mit Würde, mit Disziplin, mit jener kühlen Fassung, die man von ihr erwartet hatte. Doch innerlich war etwas verschoben worden, etwas, das sie fortan misstrauisch gegenüber jedem Band machte.
Und dennoch hatte sie es wieder getan.
Sie hatte Janosch vertraut, hatte Fergus vertraut, hatte Lingor vertraut, Lilyth, Aresh – und nun hatte sie begonnen, Darios und Lioras auf eine Weise zu vertrauen, die über bloße Kameradschaft hinausging. Sie hatte begonnen in ihnen nicht nur Soldaten zu sehen, sondern Verbündete, vielleicht sogar Anker in einem Geflecht aus Politik, Intrigen und göttlichem Machtspiel.
In ihrem Inneren zog sich etwas schmerzhaft zusammen, als sie sich das eingestand. Nicht weil sie sich lächerlich vorkam. Sondern weil sie begriff, dass Vertrauen in ihrem Leben stets einen Preis hatte und genau diesen Preis zahlte sie mit voller Münze – und jeder Schlag des pochenden Schmerzes erinnerte sie daran.

Diese Erkenntnis auf Darios Worte hin traf sie nicht wie ein Schlag, sondern wie kaltes Wasser, das langsam durch Stoff sickert und erst nach und nach bis auf die Haut dringt. Sie hatte sich eingeredet, sie sei vorsichtig gewesen. Sie hatte Abstand gehalten, hatte ihre Worte abgewogen, hatte jede Regung, die zu viel verraten könnte hinter Ironie und Schärfe verborgen. Doch irgendwo zwischen den Gesprächen, den Blicken, den Momenten, in denen sie herausforderte und gleichzeitig schützte, war etwas in ihr gewachsen, das sie nicht mehr kontrollierte.
Sie erinnerte sich an den Moment, als sie gesagt hatte, sie könne das nicht, ohne Vertrauen. Es war ihr entglitten, dieses Eingeständnis und sie hatte sofort gewusst, dass es zu viel gewesen war. Ein Hauptmann bittet nicht um Vertrauen wie um eine Gunst. Ein Hauptmann setzt es voraus oder ersetzt es durch Disziplin. Dass sie es ausgesprochen hatte, war ein Zeichen dafür, wie sehr sie innerlich bereits über eine Grenze gegangen war.
In ihrem Inneren tobte kein lauter Sturm, sondern ein stilles, zermürbendes Ziehen, das sich bis in ihre Glieder legte. Sie fühlte sich müde, nicht körperlich, sondern auf eine Weise, die schwer zu erklären war – als hätte sie über Jahre hinweg Mauern errichtet, nur um nun festzustellen, dass sie selbst dahinter gefangen saß. Sie wollte ihre Leute stärken und gleichzeitig verhindern, dass sie sich so weit von ihr entfernte, dass sie verloren waren.

Der Gedanke, dass blinder Zorn eines Tages einen von ihnen in den Tod auf einem Schlachtfeld treiben könnte, schnürte ihr die Kehle zu. Nicht aus taktischer Sorge. Nicht aus militärischer Kalkulation. Sondern aus der bitteren Erfahrung heraus, wie schnell Entschlossenheit in Selbstvernichtung umschlagen konnte.

Sie kannte diese Art von Feuer.

Darios trug es offen in sich – roh, lodernd, kaum gebändigt.
Lioras hingegen verbarg seine Glut tiefer, hinter Bedacht und Musik, hinter jener ruhigen Art, die vieles trug, ohne es je laut werden zu lassen. Doch auch in ihm lag ein Kern aus Überzeugung, der ihn bis an Grenzen führen konnte, wenn er es für richtig hielt.

Und sie stand zwischen diesen beiden Männern.
Nicht als Frau zwischen zwei Männern.
Sondern als Hauptmann zwischen zwei Willen, die sie begonnen hatte zu achten. Zu schätzen. Vielleicht zu sehr.

Sie hatte Darios Härte entgegengebracht, provoziert, ihn mit seinen Wunden konfrontiert und ihn angetrieben, ihn gezwungen, sich seinem Zorn zu stellen, weil sie wusste, dass er sich sonst daran verbrennen würde.
Und sie hatte Lioras in Gesprächen Dinge anvertraut, die sie sonst niemandem sagte, weil er zuhörte, ohne zu drängen und weil er fragte, sie ansah und vor allem, weil er sie sah und weil sein Blick nicht an der Fassade endete.
Beides war gefährlich.
Denn sie kannte dieses Gefühl. Das leise Einsetzen von Vertrauen.
Das langsame Entstehen eines Bandes, das nicht geplant war. Sie hatte es einst bei Janosch gespürt. Bei Fergus. Sie hatte es bei Lilyth zugelassen, bei Aresh und ebenso bei Lingor. Und sie wusste, wohin solche Wege führten
Sie durfte es nicht zulassen, dass Sorge ihre Urteile trübte.

Nicht bei Darios.
Nicht bei Lioras.

Doch der Gedanke eines Tages, wieder vor einem leblosen Körper zu stehen, wieder Haltung zu bewahren, während innerlich etwas brach — dieser Gedanke saß tiefer, als ihr lieb war.
Darum war sie hart.
Darum blieb sie kühl.
Nicht weil sie nichts empfand.
Sondern weil sie es sich nicht leisten konnte, weil sie es sich verdammt nochmal nicht mehr leisten wollte.

Sie würde ihnen auch weiterhin helfen, stärker zu werden. Sie würde Darios auf den Weg bringen, der ihn vielleicht eines Tages über Heinrik stellte, über seinen eigenen Zorn, über alles, was ihn jetzt noch fesselte. Und wenn dieser Weg nur auf Distanz stand, dann würde sie es ertragen. Sie würde Lioras ebenso den Rücken freihalten, wo seine Klugheit gebraucht wurde, ihn fordern, wenn er sich hinter Ruhe verbarg, und ihm vertrauen, wenn Entscheidungen Gewicht bekamen.
Sie war nicht da, um gehalten zu werden.
Sie war da, um zu führen. Denn sie hatte längst gelernt, dass Führung oft bedeutet, sich selbst zurückzustellen und dass Stärke nicht darin liegt, nichts zu fühlen, sondern darin, alles zu fühlen und dennoch aufrecht weiterzugehen.




Als sie wenig später gen Kommandantur lief, war sie von außen betrachtet nichts weiter als der Hauptmann der Garde, Scharfschütze des Reiches, kontrolliert, aufrecht, in sich geschlossen. Die Schritte fest, der Blick klar, die Schultern gerade. Eine Frau, die Männer anführte, die Befehle erteilte und Entscheidungen traf, ohne zu zögern.
Niemand, der sie jetzt gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass gerade etwas in ihr zerbrochen war, so leise und unspektakulär, dass es fast würdelos wirkte.
Doch Würde war ein Luxus, den sie sich ohnehin selten gestattete.

Die Nacht kam und mit ihr die Stille, die gefährlicher war als jedes Gefecht. In der Kommandantur brannten nur noch wenige Lichter, als sie zurückkehrte. Sie setzte sich an ihren Tisch, las Berichte, die sie bereits kannte, korrigierte Formulierungen, die keiner Korrektur bedurften, ordnete Schriftstücke neu, nur um sie wieder umzulegen. Jeder Handgriff war eine bewusste Entscheidung gegen das Denken.
Doch Gedanken ließen sich nicht verbieten. Sie warteten nur.
Als das Feuer in der kleinen Wandhalterung herunter brannte und die Schatten länger wurden, gab sie den Kampf gegen die Dunkelheit auf und wechselte den Ort des Widerstands. Sie sattelte ihr Pferd selbst, wortlos, ohne Begleitung und ritt hinaus aus Rahal, hinein in die kalte Nachtluft, die scharf genug war, um das Innere für eine Weile zu betäuben.



Bild



Der Wind brannte in ihren Lungen, der Rhythmus der Hufe übertrug sich auf ihren Körper, ließ das Pochen in ihrer Hüfte in einen gleichmäßigen Schmerz übergehen, der ehrlicher war als alles andere. Sie ritt schneller, als sie sollte, weiter, als es klug war, nicht um zu fliehen, sondern um nicht stehen zu bleiben. Bewegung war einfacher als Gefühl. Anspannung einfacher als Einsicht.

Sie kämpfte gegen sich selbst.

Als sie schließlich zurückkehrte, war der Himmel bereits heller geworden. Sie hatte nicht geschlafen. Nicht wirklich. Nur für wenige Atemzüge in einem Stuhl gesessen, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, ohne je loszulassen.

Der Tag nahm keine Rücksicht auf Müdigkeit.

Verhöre mit dem Gefangenen, dessen Schweigen zäh wie Pech war. Sie saß ihm gegenüber mit jener kühlen Geduld, die andere zermürbte, obwohl sie selbst spürte, wie ihre Gedanken immer wieder abschweifen wollten. Jedes Mal zwang sie sich zurück.
Dann der Ritt in den Osten, zum Rittersee in aller Eile um Dinge zu erledigen, die ebenso viel Fingerspitzengefühl wie Härte verlangten. Der Weg war lang, der Boden uneben, jede Erschütterung zog in ihre Hüfte wie ein stiller Vorwurf. Sie ließ es sich nicht anmerken. Niemand sollte sehen, dass sie an diesem Tag nicht nur einen Gefangenen, sondern auch sich selbst verhörte.

Bis zum Abend hatte sie das Gefühl, aus nichts als Disziplin zu bestehen.

Das dumpfe Pochen hinter ihren Schläfen, der Rücken schmerzte, die linke Hüfte brannte in einem dumpfen, stetigen Puls, der sie seit dem Ritt in den Osten begleitete wie ein mahnender Schatten. Die Wunde war sauber versorgt, sie heilte, doch sie war nicht verheilt und jede Erschütterung hatte sie daran erinnert, dass selbst ein trainierter Körper Grenzen kannte.

Und dennoch stand sie aufrecht, als die Reise nach Cabeza begann.

Der Hafen lag im rötlichen Licht der sinkenden Sonne, das Meer wirkte friedlich, beinahe trügerisch. Darios war da. Lioras ebenfalls. Lingor, mit ruhiger Wachsamkeit im Blick. Und Avani, aufmerksam dabei alles genau zu beobachten.
Sie begrüßte sie mit der gleichen ruhigen Autorität wie immer. Keine Spur der Nacht. Kein Schatten des inneren Ringens. Ihre Stimme war fest, ihre Anweisungen klar, ihr Blick offen und doch unnahbar.
Es kostete sie mehr Kraft, als sie je zugeben würde.
Nicht die Reise. Nicht die Wunde. Nicht der Schlafmangel.
Sondern die Entscheidung, sich nichts anmerken zu lassen.
Die Gedanken zu verdrängen, die Fragen nicht zu stellen, die Nähe wieder in jene Distanz zu verwandeln, die sie für notwendig hielt. Sie durfte nicht schwanken. Vor keinem.

Also stand sie da, als das Boot ablegte, der Wind fuhr ihr durch das kurze Haar, trug Salz und Kälte mit sich. Für gewöhnlich liebte sie diese Momente – die Klarheit, die das Meer brachte, die Reduktion auf Horizont, Wind und Ziel. Auf dem Wasser wurde alles einfacher. Linien waren deutlich. Entscheidungen eindeutig.
Doch heute blieb ein Gedanke hartnäckig.
Am kommenden Tag würde sie vor dem Ahad stehen und Darios Namen nennen.
Nicht aus Gunst. Nicht aus Hoffnung. Nicht, weil sie ihn drängen wollte. Sondern weil sie überzeugt war, dass genau dort sein Weg begann, oder vielmehr: dass er dort weiterging, wohin er längst unterwegs war. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass die Bruderschaft ihn formen konnte, dass Disziplin seinen Zorn bündeln würde, dass er größer werden konnte als das Feuer, das ihn jetzt noch trieb.
Daran gab es nichts zu rütteln.

Was sie jedoch nicht wusste, war, ob er erscheinen würde.

Ob er den Schritt wirklich ging. Ob er stehenblieb. Ob er, wie so oft, zwei Schritte zurückwich, wenn es darum ging, sich nicht nur dem Kampf, sondern sich selbst zu stellen.

Und genau das war der Punkt, an dem sie keine Macht besaß. Sie konnte seinen Namen nennen. Sie konnte eine Tür öffnen. Aber hindurchgehen musste er allein.
Kein Befehl würde ihn dazu bringen. Kein Drängen. Kein Gespräch.
Die Entscheidung lag vollständig bei ihm, und sie wusste, dass sie sie nicht beeinflussen durfte, wenn sie wollte, dass sie Bestand hatte.
Wenn er sich band, dann aus Überzeugung.
Und vielleicht war es genau das, was sich so widerständig in ihr regte.
Nicht, dass er Knappe werden sollte. Daran zweifelte sie keine Sekunde.
Sondern das Wissen, dass er keine Hand an seinem Rücken suchte. Er brauchte keine.
Keinen Halt. Kein leises „Ich stehe hinter dir“. Er würde kommen, oder nicht.
Aber wenn er kam, dann aus sich selbst heraus.
Und sie hatte begriffen, dass er genau das brauchte.


Der Wind fuhr ihr stärker ins Gesicht und riss sie aus den Gedanken. Sie ließ ihn gewähren. Es war richtig so, aber das machte es nicht leichter.


Zurück in Rahal trennten sich die Wege vor der Kommandantur. In ihrem Arbeitszimmer war es still. Der Wind bewegte die Karten auf ihrem Tisch, als wollte er sie an Aufgaben erinnern, die keine Pause kannten. Sie legte die Handschuhe ab, stellte Silberwispern zur Seite und verharrte einen Moment, die Hand noch auf dem Holz. Jetzt, allein, spürte sie, wie dünn die Linie zwischen Unerschütterlichkeit und Erschöpfung war.
Langsam ließ sie sich in den Stuhl sinken. Nicht theatralisch, nicht dramatisch. Einfach sinken. Die Schultern gaben nach, der Atem verlor für einen Moment seinen Takt. Ihre Hände zitterten kaum merklich, mehr vor Überlastung als vor Emotion. Sie presste die Finger gegeneinander, als wolle sie das Zittern neutralisieren.
Sie beugte sich vor, stützte die Stirn gegen die verschränkten Hände und schloss die Augen. Kein Schluchzen, kein Zusammenbruch. Nur ein tiefer, unregelmäßiger Atemzug, in dem Müdigkeit, Schmerz und Selbstzucht miteinander rangen.
Nach einem langen Moment richtete sie sich wieder auf. Mit ruhiger Bewegung strich sie sich über das Gesicht, zwang ihre Schultern zurück in jene Haltung, die ihr so vertraut war wie der Griff um ihren Bogen. Die Müdigkeit blieb, die Sorge ebenfalls – doch sie hatte wieder ihren Platz gefunden, hinter der Fassade.

Der nächste Abend würde kommen. So oder so.

Als sie die Kommandantur verließ, war nichts mehr von dem kurzen Nachgeben zu sehen. Nur die feste Silhouette einer Frau, die wusste, dass Stärke nicht bedeutet, nichts zu fühlen, sondern zu entscheiden, was man sich erlauben darf.

Und was nicht.



Bild
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: Der Weg ist das Ziel

Beitrag von Jynela Dhara »

Der Fehler geschah nicht laut. Er geschah in einem einzigen falschen Schritt.
Fergus wusste es in dem Moment, als die Gasse sich vor ihm verengte und der Wind anders roch als er sollte. Nicht nach freier Mauer und offenem Feld, sondern nach altem Stein und eingeschlossener Feuchtigkeit. Er hätte rechts gemusst. Er wusste es. Hatte es selbst erkundet. Doch die Schreie hinter ihm, das metallische Rasseln der Rüstungen, das kurze Aufblitzen eines Helms im Fackelschein, all das hatte seine Entscheidung um einen Herzschlag verschoben.
Und ein Herzschlag genügte.
Der Glockenturm erhob sich wie ein dunkler Finger in der Nacht, schmal, hoch, ohne Gnade. Die Tür stand einen Spalt offen, als habe der Turm ihn eingeladen. Er hatte keine Wahl. Drinnen schlug ihm kalte Luft entgegen. Die Treppe wand sich eng nach oben, hölzern, trocken, alt. Er rannte. Seine Hand strich über das Geländer, fühlte Splitter. Unter ihm krachte die Tür auf. Befehle wurden gebrüllt. Jemand lachte.

Er erreichte die Galerie unter der Glocke, trat hinaus in den offenen Ring aus Holz und Eisen. Mehrere Fenster ließ die Nacht herein. Von hier aus konnte man die Dächer der Stadt sehen und die Männer, die sich vor dem Turm sammelten.
Kein zweiter Ausgang. Nur Höhe.
Unten begann jemand Öl zu gießen. Der Geruch kroch die Treppe hinauf, noch bevor das Feuer sichtbar wurde. Fergus trat an das Geländer und blickte hinab, sah das erste Aufleuchten der Flammen, sah, wie das Holz die Hitze annahm, wie etwas längst Vertrautes.
Er legte die Stirn kurz gegen den kalten Stein des Fensters. Er war nicht wütend über den Tod. Er war wütend über die Dummheit. Darüber, dass er sie nicht mehr sehen würde. Dass sie zusehen musste, wie der Turm brannte.

Und sie sah es. Sie stand auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, der Bogen noch in ihrer Hand, der Atem ruhig, der Puls klar. Sie hatte die Verfolger gezählt, die Wege berechnet, hatte die Bewegungen ihrer Leute im Blick behalten. Und sie hatte gesehen, wie Fergus im falschen Winkel lief.
Sie wusste es in dem Moment, als er in der Gasse verschwand.
Der Turm war eine Falle und in jenem Moment lief sie los. Nicht aus Panik. Nicht aus Impuls. Sondern aus einer Entscheidung, die so selbstverständlich war wie der nächste Atemzug.
Sie lief.
Nicht zur Vorderseite, wo die Flammen bald hochschlagen würden und die Männer standen, die seinen Tod sehen wollten. Sie lief hinter den Turm, in den Schatten, dorthin, wo der Stein keine Zuschauer hatte. Der Turm war hoch, aber nicht glatt. Das wusste sie. Sie hatte vor Monaten schon einmal überlegt, wie man ihn erklimmen könnte, hatte aus reiner Gewohnheit jede Fuge gelesen, jede Auswaschung des Regens bemerkt. Für andere war es eine Wand. Für sie war es ein Muster.
Ihre Finger fanden Halt, noch vor ihre Gedanken. Ein schmaler Vorsprung, kaum mehr als eine Unebenheit, trug ihr Gewicht. Sie zog sich hoch, verlagerten das Gewicht, setzte den Fuß in eine dunkle Kerbe. Der Stein war kühl, feucht, lebendig unter ihrer Haut.
Unter ihr begann das Feuer zu brüllen.
Rauch quoll aus den unteren Fenstern und legte sich wie ein Schleier um den Turm. Sie kletterte weiter, schneller jetzt, aber nicht hastig. Jeder Griff saß. Jeder Zug war präzise. Ihr Körper kannte die Balance zwischen Nähe und Absturz.
Sie dachte nicht an den Fall. Sie dachte an ihn.

Der Rauch erreichte Fergus wie eine tastende Hand. Erst dünn. Dann dichter. Das Holz unter seinen Stiefeln begann zu knacken, ein leises, verräterisches Geräusch, das sich durch die Hitze fraß.
Er trat an das Fenster, rang nach Luft … und sah sie.
Zuerst glaubte er an einen Schatten, an eine Spiegelung des Feuers. Doch der Schatten bewegte sich gegen den Wind. Er kletterte. Sie kletterte.
„Nein“, murmelte er, und dann lauter: „Nein!“
Sie war fast auf Höhe des Fensters, die Finger in einer Fuge, die Arme angespannt, das Gesicht vom Rauch gezeichnet. Sie sah nicht nach unten. Sie sah nur nach oben.
„Bist du wahnsinnig?!“ brüllte er hinaus. Seine Stimme riss in der Hitze. „Geh zurück!“
Sie antwortete nicht.
„Jynela! Verschwinde! Das ist ein Befehl!“
Und einmal mehr, tat sie das, was ihn am meisten in den Wahnsinn trieb. Sie ignorierte seinen Befehl. Sie erreichte das Fenster, schwang sich mit einer fließenden Bewegung hinein, als sei der Turm nur eine weitere Übung, ein weiteres Hindernis in einer Trainingseinheit im Wald mit Janosch.
Der Rauch schlug ihr entgegen. Sie hustete nicht, sondern sah ihn an. Und in diesem Blick lag nichts von Überraschung. Kein Vorwurf. Kein Zweifel. Nur eine klare, ruhige Feststellung: Du lebst.

„Raus hier“, sagte er, rau vor Hitze. „Du stirbst hier NICHT mit mir. Du zuerst“
“Vergiss es!” Ihre Hand schloss sich fester um seinen Arm. „Ich kann klettern“, presste sie die Worte zwischen den Zähnen hervor. „Besser als du.“ Es war kein Spott. Es war eine Tatsache.
Er zwang sich durch das Fenster. Der äußere Vorsprung war schmal, kaum mehr als eine steinerne Lippe. Der Wind war heiß vom Feuer. Er presste sich gegen die Wand, suchte Halt, fand kaum welchen.
Drinnen krachte es. Zu lange. Sie war zu lange geblieben.

Ein Teil der Galerie brach unter ihr weg. Er hörte das Splittern, sah, wie ihr Körper ruckte, wie ihr Fuß ins Leere glitt. Für einen schrecklichen Moment verschwand sie aus seinem Blick.
„Jyns!“
Eine Hand am Fensterrahmen, der Körper frei über dem Abgrund. Unter ihr stürzten brennende Balken in die Tiefe. Funken stoben auf.
In ihrem Gesicht lag keine Panik.
Nur ein scharfes, wütendes Aufblitzen…. nicht gegen den Turm, nicht gegen das Feuer, sondern gegen die Schwäche des Holzes, gegen die Tatsache, dass es gewagt hatte, unter ihr nachzugeben.
Mit einem knurrenden Laut zog sie sich hoch, schwang sich hinaus auf den Vorsprung neben ihm.
„Beweg dich“, sagte sie.
Sie gingen seitlich am Turm entlang, langsam, gezwungen zur Präzision. Der schmale Vorsprung zog sich wie eine steinerne Narbe um das Mauerwerk, kaum breiter als eine Hand. Ihre Finger glitten in Fugen, tasteten nach Halt, während unter ihnen das Feuer tobte und die Hitze die Nacht verzehrte.
Sie begannen zu klettern.
Nach einer gefühlt ewigen Weile, die in Wirklichkeit nicht mehr als wenige Minuten war, erreichten sie eine Stelle, an der der Turm sich minimal veränderte. Eine alte umlaufende Zierleiste, verwittert und von Regen ausgewaschen. Der Vorsprung war hier breiter. Breit genug, um das Gewicht anders zu verteilen.
„Hier“, murmelte sie knapp.
Sie kniete sich halb auf die Leiste, presste die Hüfte gegen den Stein, suchte mit den Füßen eine Rille unterhalb des Absatzes. Sie machte sich selbst zum Anker und blickte hinab um das letzte Stück einzuschätzen. Fergus setzte den nächsten Schritt.

Und der Stein unter seinem Stiefel brach.

Es geschah nicht dramatisch. Kein lautes Krachen. Nur ein trockenes Splittern – und dann verlor sein Körper die Linie zur Wand. Sein Fuß glitt ab, sein Gewicht kippte nach hinten.
Die Welt drehte sich.
Er griff nach dem Stein … verfehlte ihn … und rutschte abwärts, nur noch gehalten von den Fingern seiner linken Hand, die eine Fuge streiften.
Sie warf sich flach nach vorne, riss seinen Arm mit beiden Händen zu sich, während sie gleichzeitig das Knie tiefer auf den Vorsprung presste. Ihr Rücken spannte sich, die Schultern arbeiteten, der Stein schnitt durch Leder und Haut, der Schmerz schoss durch ihr Knie.
Sein Körper hing unterhalb der Leiste, aber nicht frei im Nichts. Seine Füße schlugen gegen die Mauer, fanden kurz keinen Halt, dann drückte er die Stiefel hart gegen den Stein, suchte Reibung, suchte irgendetwas, das ihn nicht vollständig an ihren Armen zerren ließ.
Jetzt hing er schräg unter ihr, sein Gewicht an ihrem Griff, aber seine Füße stemmten sich gegen die Wand.
Für einen Moment war alles nur Kraft. Und sie sah ihn an. Nicht Angst. Zorn.
Ein Zorn, der nicht laut war, nicht blind, sondern konzentriert wie ein gespannter Bogen. Ein Zorn darüber, dass die Welt es wagte, ihn ihr nehmen zu wollen. Ein Zorn, der nicht gegen ihn gerichtet war, sondern gegen die Situation, gegen die Schwäche des Steins, gegen die lächerliche Möglichkeit, dass er ihr entgleiten könnte.


Bild




Ihre zweite Hand schloss sich um sein Handgelenk. Die Muskeln ihrer Arme traten hart unter der Haut hervor. Ihre Schultern spannten sich, der Atem ging stoßweise.
„Du bleibst hier“, sagte sie zwischen den Zähnen. Nicht laut. Nicht flehend. Bestimmend.
Sie verlagerte ihr Gewicht noch weiter nach hinten, zog ihn ein Stück hoch… nicht genug, um ihn zu retten, aber genug, damit seine Füße eine schmale Rille fanden. Er nutzte sie sofort, presste sich hoch, arbeitete mit.
„Drück dich ab“, befahl sie.
Er tat es.
Ihre Arme zitterten jetzt. Nicht vor Erschöpfung…vor Spannung. Jeder Muskel war angespannt bis zur Schmerzgrenze. Ihr Atem ging stoßweise durch die Zähne.
Er rutschte erneut ein Stück. Ihre Finger gruben sich tiefer in seinen Ärmel.
„Nicht“, presste sie hervor, dieses Mal hörbar. Kein Flehen. Ein Schwur. Mehr zu sich selbst.

Mit einem letzten, brutalen Ruck zog sie ihn hoch, während er sich mit den Füßen gegen die Wand stemmte und mit der freien Hand nach der Leiste griff. Mit der Erinnerung an jede Trainingseinheit. Mit der Sturheit, die sie nie hatte brechen lassen. Mit der Furcht, die sie nie für sich selbst empfand – aber für ihn.
Gemeinsam, mit einer koordinierten Bewegung aus Zorn und Überleben, schoben sie seinen Oberkörper über den Vorsprung. Er wurde gegen die Wand gerissen, prallte hart auf den Vorsprung zurück, rang nach Atem. Sie hielt ihn noch einen Moment fest, die Finger tief in seinem Ärmel verkrallt, als müsse sie sich vergewissern, dass er wirklich noch da war.
Er war es. Langsam löste sie den Griff. „Beweg dich“, sagte sie heiser.
Und in ihrer Stimme lag nichts von Erleichterung.
Nur die brennende, unversöhnliche Entschlossenheit einer Frau, die entschieden hatte, dass der Tod ihn nicht bekommen würde.

Sie kletterten weiter, erreichten die Rückseite des Turms, wo der Vorsprung breiter wurde. Von dort aus war der Weg nach unten leichter. Sie sprangen in den Schatten, rollten sich ab.
Hinter ihnen brannte der Turm wie ein Fanal gegen den Nachthimmel.
Fergus richtete sich auf, die Lunge brennend, die Hände noch immer zitternd von dem Moment im Nichts. Er sah sie an. Ruß zeichnete dunkle Linien über ihr Gesicht. Ihr Atem ging hastig, die Hände zitterten. Er wusste, was sie riskiert hatte.
„Du bist falsch abgebogen“, sagte sie schließlich. Kein Vorwurf. Nur eine Feststellung.
Und in ihren Augen lag nicht der Schatten dessen, was sie beinahe verloren hätte. Sondern die glühende, unerschütterliche Gewissheit, dass sie eher mit ihm gefallen wäre, als ihn allein fallen zu lassen.




Jynela ritt ohne Hast, aber auch ohne Zögern. Ihr Rücken war gerade, die Schultern ruhig, die Hand locker am Zügel, weil Cassian den Weg kannte und sie ihm vertraute. Von außen betrachtet, hätte man in ihr nichts als Konzentration gesehen. Doch unter dieser ruhigen Oberfläche arbeitete etwas. Sie war unterwegs in den Axorn. Und obwohl sie dort ein regelmäßiger Gast war, lag der letzte Besuch eine Weile zurück.
Die Letharen hatten sich zurückgezogen.
Nicht abrupt, nicht mit einer offenen Abweisung, sondern auf eine Weise, die schwerer wog als jedes ausgesprochene Wort. Nachrichten blieben aus. Begegnungen, die sonst beinahe selbstverständlich gewesen waren, fanden nicht mehr statt. Es war kein Bruch, der sich greifen ließ. Es war ein Entzug.
Und sie konnte nicht sagen, was schwerer auf ihr lastete: die Möglichkeit, dass sie sich getäuscht hatte, oder die Ahnung, dass etwas geschehen war, von dem sie nichts wusste.
Darios ritt einige Längen hinter ihr. Sie hatte ihn gebeten, sie zu begleiten. Nicht weil sie Schutz brauchte, sondern weil sie wusste, dass ein Gespräch mit Qy’lhor niemals nur ein Gespräch war. Zwischen Letharen und Menschen gab es keine beiläufigen Begegnungen. Jede war eine Entscheidung. Und als Anwärter auf eine Knappschaft war es besser, wenn er ihm eher als später begegnete. Denn sein Weg würde ihn zwangsweise in den Axorn führen.
Während ihr Pferd den unebenen Pfad entlangschritt, kehrten ihre Gedanken zu jenem Abend zurück, der inzwischen mehr als ein Jahr vergangen war.




Qy’lhor hatte ihr gegenüber gesessen, gefährlich ruhig wie immer und die Augen wie ein Raubtier, das nicht hetzt, weil es weiß, dass die Beute nicht entkommt, auf sie gerichtet, während Velvyr’tae in seinem Halbschatten verweilte, aufmerksam, aber noch schweigsam.
Vor einer ganzen Weile hatte ihr der Lethar einmal gestanden, dass sie damals eine von zwei Menschen war, die er freiwillig aufsuchte. Er tat es dennoch selten, weswegen ihr Weg sie meist in die Tiefe führte. Es war damals kein Lob gewesen, Qy’lhor lobte nicht - und doch war es mehr als Gleichgültigkeit. Bei den Letharen war Freiwilligkeit ein Wert, der selten verschenkt wurde.
Nicht lange später hatte sie ihn einmal eher aus einem Spaß heraus gefragt: „Wie viel muss ich dir bezahlen, damit du den ein oder anderen aus dem Weg schaffst und niemand erinnert sich mehr daran?“ Sie hätte es besser wissen müssen, dass ein Lethar keinen Spaß machte und sicher nicht erwiderte.
Er hatte keine Sekunde gezögert. „Dein Leben. Für mein Volk. Nicht mehr, nicht weniger.“
Damals hatte sie das Gewicht dieser Worte gespürt, aber sie hatte sich nicht zurückgelehnt und war nicht ausgewichen. Stattdessen hatte sie ihn lange angesehen, als prüfe sie, ob er selbst verstand, was er forderte.
„Denkst du nicht, dass du das bereits hast?“ Sie hatte es ruhig gesagt. Und doch war es kein leeres Wort gewesen.
Und er wusste es.

Es war das erste Mal, dass das Thema angeritzt wurde, wie ein Spielzug, der harmlos begann und doch das gesamte Brett veränderte.

Jynela saß aufrecht, als gehöre sie dorthin, als sei sie nicht Gast in einer Halle aus schwarzem Stein, sondern Teil eines Gesprächs, das längst begonnen hatte, bevor Worte fielen.
„Soll ich dir schmeicheln oder willst du es auf die letharische Art wissen?“, fragte er, doch das Wort „letharisch“ klang nicht wie eine Beschreibung, sondern wie eine Warnung.
Ein leises Schnauben entwich ihr, kaum mehr als ein Atemzug. Sie hatte damals erst eine Ratssitzung hinter sich gehabt. „Ich bitte dich, ich bin erst wieder auf der Schleimspur der Schmeicheleien ausgerutscht. Das ist das Letzte, was ich hören will.“
Ihr Blick blieb fest auf ihm ruhen, ohne Unterwerfung, ohne Provokation. „Ich denke, du siehst einen Zweck in mir. Etwas, das deinem Volk dienlich ist.“

Qy’lhor neigte den Kopf nur minimal. „Jeder Mensch ist meinem Volk dienlich. Und Vater.“ Seine Stimme war nicht spöttisch, sondern sachlich, beinahe nüchtern. „Der Großteil hat zumindest einen Nutzen als fleischliche Hülle.“
Für einen Moment lag zwischen ihnen jene kühle Distanz, die bei anderen Menschen Unbehagen ausgelöst hätte. Jynela jedoch verzog nicht einmal die Lippen.
„Davon würde ich gerne absehen“, erwiderte sie ruhig. „Ich war nie eine fleischliche Hülle, ich werde es nie sein.“ Ein Hauch von Selbstironie schimmerte durch. „Hoffe ich zumindest.“
Seine Augen verengten sich kaum merklich. „Du würdest dann auch nicht hier sitzen.“
Es war keine Widerrede. Es war eine schlichte Feststellung.
„In der Tat, warst du mir… und damit meinem Volk in der Vergangenheit bereits des Öfteren nützlich. Man könnte fast von etwas wie Loyalität sprechen. Und du hast gezeigt, dass die Marodierung des Glaubens, die sich wie ein Parasit durch das Reich frisst und jede noch so kleine Stütze anfällt, nicht in dich hinein gelangt ist.“
Das Wort Loyalität blieb im Raum stehen wie etwas, das geprüft werden wollte.
Velvyr’tae beugte sich nun doch ein wenig vor, ihre Stimme weicher, aber nicht minder klar. „Was Qy’lhor mit eindrucksvoller Wortgewalt sagen will: Es besteht bereits eine Verbindung zwischen dir und unserem Volk. Und eine persönliche. Zumindest sehe ich das so.“

Jynela spürte den Nachhall dieser Worte deutlicher, als sie es sich anmerken ließ. Seit den Kristallwesen, seit ihrem Kampf gegen den Riss, gegen das Ende der Welt, hatte sie gewusst, dass sich etwas verschoben hatte. Sie alle hatten sich zurückgezogen, jene, die eigentlich hätten kämpfen müssen. Es waren nur sie, ihre Kameraden …. und Qy’lhor. Unerbittlich war er an ihrer Seite gewesen und hatte in einem Maß dazu beigetragen, die Welt zu retten, dass niemand wirklich umgreifen konnte, WENN er nicht dabei gewesen war.
Und sie waren es nicht. Sie hatten sich in ihre verdammte, bequeme Sicherheit geflohen und abgewartet.
„Seit der Sache mit den Kristallwesen ist das Band da“, sagte sie schließlich. „Und es wird auch nicht mehr so einfach reißen.“
Qy’lhor betrachtete sie, als prüfe er nicht nur ihre Worte, sondern die Substanz dahinter. „Ich will deine Loyalität mit einem unzertrennbaren Band verewigen, welches selbst in Nileth Azur weiter Bestand hat.“
Ein Schwur. Ein Zeichen, das nicht verblasst. Nicht einmal, wenn das Ende kam.
Sie atmete ruhig ein, suchte nach einem Wort, das nicht banal klang zwischen diesen Mauern. „Ich versuche eben Worte zu finden, mit denen ich beschreiben kann, was das für mich bedeuten würde, ohne deine letharische Seele zu sehr zu verletzen.“

„Sprich es aus.“


Sie hob das Kinn leicht. „Es ist, denke ich, das größte Zeichen von Anerkennung, das ich mir wohl vorstellen kann. Das Wort Ehre war immer in meinem Wortschatz. Ich komme nicht von hier, das wisst ihr beide ja. Erst hier wurde mir erklärt, dass das Wort in diesem Reich nicht gerne gehört wird, weil der Osten es für seine ketzerischen Tugenden nutzt. Ehre und Stolz.“

„Das tun sie“, bestätigte Qy’lhor ruhig.

„Und ich nutze es dennoch“, fuhr sie fort. „Weil es für mich einfach aussagt, dass es eine Art von Anerkennung und Respekt mit sich bringt. Es steht für Selbstachtung und die eigene Würde. Ich weiß um meinen Wert, ich weiß um meine Prinzipien, die sich nach den Geboten richten. Und wenn ihr diesen Wert seht, als seine Kinder – dann ist das unvergleichlich.“

Velvyr’tae musterte sie lange. „Es spricht für dich, dass du dich nicht entschuldigst für etwas, hinter dem du aufrecht und in vollem Bewusstsein deines Wertes und deinem Platz in seiner Hierarchie stehst. Selbst wenn es gegen Traditionen verstößt. Wir sehen deinen Wert.“

„Nicht jeder tut das“, entgegnete Jynela leiser.

„Nicht jeder, der Augen hat, kann sehen“, antwortete Velvyr’tae ruhig. „Geblendet durch Stolz. Durch eigene, unbenannte Wünsche. Durch gekränktes Ego. Das Volk der Letharen sieht deinen Wert.“
Ein leises, raues Geräusch entwich Qy’lhor, beinahe zustimmend. Dann richtete er den Blick wieder direkt auf sie und der grünliche Schimmer seiner Augen wirkte intensiver im Halbdunkel.
Und dann kam der Preis.

„Du kennst meine Zunge. Du kennst meine Denkweise. Und du weißt, dass sie nicht immer passend sind … für die verweichlichten Ohren der meisten Gläubigen.“
Ein kaum sichtbares Zucken in ihren Mundwinkeln. Das wusste sie nur zu gut.
„Es ist also recht einfach“, fuhr er fort. „Dort, wo meine Worte von dem Anflug des Unmuts abgefangen werden, bevor sie das Hirn erreichen, werde ich dir meine Gedanken mitteilen, so dass du sie in verständliche Worte bringen kannst.“
Sie hob eine Braue. „Du willst also, dass ich so etwas wie ein Sprachrohr werde.“
Velvyr’tae lächelte kaum merklich. „Siehst du, es funktioniert jetzt schon.“
„Richtig“, bestätigte Qy’lhor.
Jynela lehnte sich einen Hauch zurück. „Es ist seltsam.“
„Seltsam?“
„Für mich war immer das siebte Gebot das Wichtigste. Die Sprache zu schulen. Und ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird, aber ich habe vor, meine Sprache in Zukunft auch weiterhin als Waffe zu nutzen. Mag sein, dass ich im Osten Blut geleckt habe. Aber es war befriedigend zu sehen, was manches Wort für einen Effekt haben kann. Ich habe genau das auch im Reich angeboten. Es wurde abgelehnt. Es gibt also sicherlich nichts, was mich abhalten kann. Ich kann allerdings nur versprechen, mein Bestes zu geben.“
„Das ist vorerst ausreichend“, sagte Qy’lhor.

“Was wird sonst von mir erwartet?”, die Frage kam durchaus mit ein wenig Anspannung in der Stimme.

Velvyr’tae nickte. „Du, dein Bogen, deine Hingabe an Alatar. Das ist ausreichend.“

Jynela spürte, wie das Atmen einen Hauch schwerer wurde, nicht aus Schwäche, sondern aus dem Gewicht dessen, was zwischen ihnen entstand. „Ich denke, mein Leben besteht nicht mehr aus viel mehr als den beiden Dingen und der Legion.“
Sie erhob sich langsam.
Qy’lhor tat es ihr gleich, ohne Hast. „Wir besiegeln so etwas mit einer Rune.“
Ein Band, dachte sie erneut. Kein loses Wort.
Er trat einen Schritt näher, sein Blick fest, unnachgiebig. „Beginne damit, nicht mehr zu bitten, in meiner Gegenwart. Fordere.“
Und in diesem Moment verstand sie, dass er ihr nicht nur eine Aufgabe übertrug.
Er hob sie auf Augenhöhe.
Nicht als Werkzeug.
Nicht als Hülle.
Sondern als jemand, dessen Leben Gewicht hatte.
Und vielleicht war genau das der Punkt, an dem sie zum ersten Mal ahnte, dass ein Leben, das sie selbst stets als Einsatz betrachtet hatte, für andere etwas war, das man nicht leichtfertig versprach und nicht einfach riskierte.





Diese Erinnerung lag nun wie ein Gewicht in ihr, während vor ihnen die Mauer zum Durchgang des Axorns auftauchte. Damals hatte sie geglaubt, ihr Leben sei längst in Bewegung gewesen, längst eingesetzt für Dinge, die größer waren als sie selbst. Sie hatte es nie wie einen Besitz behandelt. Nie wie etwas, das geschont werden musste. Sie dachte unwillkürlich an den Turm. Beinahe hätte sie den Rauch wieder gerochen. An die Hitze, die ihr die Haut versengte. An Fergus Gewicht, das an ihren Armen zog. An den Zorn, der stärker gewesen war als jede Angst.
Das leise Schnauben von Cassian riss sie zurück.
Sie hob den Blick, als zwischen den Bäumen das dunkle Gestein auftauchte, das den Eingang zu den Hallen verbarg und wenige später waren sie gemeinsam an den Wachen vorbei über die Schwelle getreten. Es war nicht das erste Mal, aber wie jedes Mal fühlte es sich an wie ein Schritt über eine unsichtbare Grenze.
Die Luft veränderte sich mit jedem Meter, den sie tiefer ging. Sie wurde wärmer, schwerer, dichter von einem Geruch aus feuchtem Gestein, mineralischer Glut und jenem schwer zu benennenden Hauch, der jedem Axorn eigen war. Eine Mischung aus Opferrauch, Pilzsporen und der beständigen Nähe zur brodelnden Essenz der Erde. Für einen Außenstehenden mochte es drückend wirken, beinahe feindlich. Für Jynela war es vertraut. Ihr Körper passte sich an, ohne dass sie bewusst daran denken musste. Der Atem wurde flacher, kontrollierter und ruhiger. Die Schultern blieben aufrecht, der Schritt gleichmäßig.

Neben ihr ging Darios schweigend.

Sie hatte ihn nicht angesehen, als sie die letzten Stufen nahmen, doch sie bemerkte es dennoch. Sein Atem ging ruhig. Kein kaum merkliches Räuspern, kein unbewusstes Anspannen gegen die Hitze, kein Zögern vor dem nächsten Schritt. Er bewegte sich wie jemand, der wusste, wohin er ging.
Nicht wie ein Fremder.
Ein feiner Zug legte sich für einen Moment um ihren Mundwinkel. Also war er hier gewesen. Mehr als einmal, wenn sie ihrem Instinkt trauen durfte. Sie fragte nicht. Noch nicht. Zwischen ihnen lagen genügend unausgesprochene Dinge.

Der Axorn öffnete sich vor ihnen in einer gewaltigen Kaverne, deren Decke im Halbdunkel verschwand. Exotische Pilze wucherten in schimmernden Clustern an den Wänden, ihre Kappen phosphoreszierend in sanftem Grün und Violett. Zwischen ihnen brachen Kristalle das Licht der Lavagrube, die im Zentrum des Gewölbes glühte wie das schlagende Herz eines gewaltigen Wesens. Immer wieder erzitterte der Boden leicht, wenn Magma in den Tiefen aufbrach und in sprühenden Fontänen gegen schwarzes Gestein schlug. Dann flackerte rötliches Licht durch den Raum, brach sich tausendfach in den Kristallen und ließ die Schatten tanzen wie lebendige Dinge.
Hier unten war nichts verspielt. Nichts ornamental. Alles hatte Zweck. Alles hatte Bedeutung.
Und dennoch lag eine ungewollte Schönheit in dieser Rohheit.

Jynela war oft hier gewesen in den vergangenen Jahren und jedes Mal faszinierte es sie wieder.
Qy’lhor war damals noch nicht Meister gewesen. Sie erinnerte sich an ihn jünger, schärfer vielleicht, weniger… vielstimmig. Sie hatte seine Wandlung miterlebt, hatte mit ihm gestritten, gelacht - so weit ein Lethar lachte, also eher nur sie alleine und seine Blicke - und Pläne geschmiedet, während das Reich über ihnen in Misstrauen und Halbherzigkeit versank. Sie hatte immer geglaubt, dass die Kinder Alatars und die Menschen gemeinsam stärker wären. Dass sie es sein mussten.
Denn Alatar war nicht nur ihr Gott. Er war ihr Auftrag.

Die Hitze legte sich wie eine zweite Haut über ihre Rüstung. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen und ließ das Beben unter ihren Füßen durch sich hindurchziehen.
Noch bevor sie den Tempel erreichten, trafen sie Qy’lhor im Halbdunkel der Bankhalle. Sein Blick ruhte ruhig auf ihr, als habe er sie längst erwartet. Sie bat nicht um ein Gespräch, sie forderte es ein. Wie er von ihr verlangt hatte.
Als sie den Tempelbereich erreichten, veränderte sich die Atmosphäre erneut. Hier war die Hitze weniger chaotisch, gebändigt durch uralte Steinbögen und die strenge Geometrie der Bauweise. Runen zogen sich über die Wände, in den Fels geschnitten wie Narben in Fleisch. Der Panther ruhte in schwarzem Basalt gemeißelt über dem Altar, wachsam und unerbittlich.

Sie konnte nicht anders, als die beiden einen Moment zu mustern, zu versuchen etwas zu sehen, etwas zu spüren. In Velvyr’taes Blick lag jene ruhige Intensität, die Jynela seit Jahren kannte. Keine überflüssige Regung, keine sichtbare Emotion und doch war da immer etwas, das tiefer ging als bloße Pflicht. Zwischen ihnen hatte sich über die Zeit ein stilles Einverständnis entwickelt. Respekt. Vertrauen. Vielleicht sogar so etwas wie Zuneigung…nur in einer Sprache, die nicht weich war, sondern aus Stahl bestand.

Darios saß neben ihr geradlinig wie eine gespannte Klinge. Sein Blick glitt kurz über die Statue des Panthers, dann zurück in den Raum. Er wirkte nicht verloren. Nicht fremd. Und in Jynela keimte eine leise, kaum greifbare Mischung aus Stolz und Unruhe.

Sie war gekommen, um Antworten zu verlangen. Um Qy’lhor zur Rede zu stellen, weil sich die Letharen zurückgezogen hatten, weil Gerüchte durch das Reich waberten, weil selbst die Alkas begannen, ihre Loyalität vorsichtig zu formulieren. Jynela hatte die Spannungen gespürt, hatte sie in Gesprächen gehört, in Blicken gesehen. Das Reich war brüchig. Und sie hatte sich geschworen, nicht tatenlos zuzusehen.

Alatar hatte ihr keinen einfachen Weg versprochen. Aber er hatte ihr einen gegeben.
Das Gespräch begann sachlich. Und dieser Zustand hielt viel zu kurz.
Worte wurden schärfer, Vorwürfe offener. Qy’lhors Stimme legte offen, was zwischen den Völkern gärte. Die Letharen fühlten sich geduldet, wenn ihre Klingen gebraucht wurden, aber übergangen, wenn es um Führung und Ideologie ging. Menschen erhielten Positionen, die den Glauben nur als Werkzeug betrachteten, nicht als Fundament.

Jynela hörte zu. Sie widersprach, aber nicht bei allem. Sie verteidigte nicht blind, nicht unreflektiert, sondern mit der Hartnäckigkeit einer Frau, die wusste, dass sie zwischen den Fronten stand. Die aber genauso wusste, dass hier in diesen Hallen bereits Pläne geschmiedet worden waren. Dass hier die Grundlage entstanden war, ihre Idee, die nun bereits in vollem Gange war und Ergebnisse lieferte. Sie hatte nicht vor aufzugeben, sicher nicht jetzt, nicht wo endlich alles in greifbare Nähe rückte.

„Ich kann nicht für euch einstehen, wenn ich nicht weiß, gegen wen ich kämpfe und wofür“, hatte sie gesagt, die Stimme ruhig, aber unter Spannung.
Und in diesem Satz lag alles.

Sie kämpfte nicht für sich. Nicht für Ruhm. Nicht für Einfluss. Sie kämpfte für ein Reich, das stärker sein konnte, als es sich selbst zugestand. Für eine Einheit, die nicht auf Angst basierte, sondern auf gemeinsamem Willen.

Ein Wort kam zum anderen, bis sie endlich verstand. Und dann war es Darios, der die richtigen Worte fand: „Es fehlt mir vielleicht an Wissen, vielleicht auch an Zusammenhang. Doch seit meiner ersten Zeit auf Gerimor scheint vieles zwischen den Kindern des All-Einen und uns Menschen geschehen zu sein, das vielleicht andere Perspektiven erlaubt und dennoch: Es gibt viele der unseren, die euch genau als das sehen, was ihr seid. Die Kinder des All-Einen. Und damit als diejenigen, die gemeinsam mit uns das Ziel des Herrn vorantragen.“

Velvyr’tae trat einen Schritt näher. „Du, Jynela, bist eine der vernünftigen Stimmen im Reich. Du besitzt unser Vertrauen.“
Jynelas Blick kehrte zurück zu Qy’lhor.
„Besitze ich es?“ fragte sie langsam. „Euer Vertrauen?“
Velvyr’tae schwieg.
Es war offensichtlich, wer diese Frage beantworten musste.

Qy’lhor musterte sie. „Wer solche Fragen stellen muss, zeigt Unsicherheit. Und du willst sicher nicht als eine solche Person gesehen werden.“

Da geschah etwas. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber klar. Sie richtete sich auf.
„Dann geh endlich den Schritt, es zu zeigen.“
Keine Bitte. Keine Rechtfertigung. Eine Forderung.
Sie erhob sich langsam, fließend und kontrolliert. Keine ruckartige Bewegung. Kein Trotz. Nur Entschlossenheit.
„Ich bin seit Monden bereit“, sagte sie. „Bereit, für einen Bund einzustehen. Bereit, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben. Und wir wachsen… Die Garde wächst. Die Bruderschaft…“
Ihr Blick glitt kurz zu Darios.
„…..wird wachsen.”
Ihr Blick hielt stand als sie weitersprach: “Es mag sein, dass ihr denkt, vor einer Mauer zu stehen. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass wir Mauern einreißen. Zur Not mit Gewalt. Denn ich habe nicht vor, stehen zu bleiben.”

Sie erwiderte das penetrant starrende Giftgrün von Qy’lhors Augen.

Seine Worte waren knapp und sagten alles was sie hören musste: “Vielleicht schafft du es, einige Köpfe zu verrücken, bevor deiner rollt.”

Und ebenso knapp war ihre Erwiderung: “Ich bin bereits dabei. Und wenn er rollt…..” und kurz ging ihr Blick erneut neben sich zu Darios “wächst ein neuer nach.”
Und in diesem Moment lag die Verantwortung nicht mehr nur bei den Letharen.
Sie hatte ihren Teil ausgesprochen.
Jetzt war er am Zug.

Und dann sprach er die Worte aus, die an diesem Abend ihr Leben für immer verändern würden: “Velvyr’tae, hol deinen Dolch. Wir treffen uns im Keller.”

Als Velvyr’tae wenig später den Obsidiandolch zog, trat Jynela vor, löste ruhig den Handschuh ihrer linken Hand und schob den Armling zurück. Ihre Bewegungen waren kontrolliert und würdevoll. Kein Schauspiel. Nur Entschlossenheit.

Und als Velvyr’tae die Klinge in Jynelas Haut senkte, brannte der Schmerz hell und klar. Sie zuckte nicht. Sie würde nicht zucken. Es waren die Letharen selbst durch Jyn’drarr, die sie gelehrt hatten, mit Schmerz umzugehen. Ihr Atem beschleunigte sich, ihre Muskeln spannten sich, aber ihr Blick blieb erhoben, gerichtet auf den Panther und die Runen an der Wand.
Velvyr’taes Stimme klang tragend durch den Raum, während sie mit einer eisernen Präzision die Klinge führte.
„Ist es dein Wille, Meister, die Verbindung der Kinder des Einen mit Jynela Dhara, Scharfschütze unter seinen Augen endgültig und unwiderruflich zu verankern? Sie auf ihre Haut zu schreiben und in ihr Fleisch?"

Sie sah das Nicken von Qy’lhor nur aus den Augenwinkeln.
“In Wort und Tat hast du diese Verbindung geehrt. Nun ehren wir sie auf unsere Weise. Dieser Bund wird selten geschmiedet. Unlösbar in beide Richtungen. Alatar, All-Einer Vater! Sieh, was wir knüpfen, in Blut und Entschlossenheit. Segne deine Tochter mit Schmerz, tränke sie in deinem Willen! Zorn und Loyalität. Verbunden, bis die Hülle zerbricht. Vaters Wille. Vaters Zorn. Glühe in ihrem Fleisch!“

Bild


Die Worte legten sich wie ein Gewicht auf Jynelas Schultern und zugleich wie eine Rüstung.
Sie hatte sich entschieden.
Für Alatar. Für das Reich. Für eine Zukunft unter seinem Willen, in der ihr Leben nicht nur Einsatz war, sondern ein Bindeglied zwischen Menschen und Letharen, zwischen Zweifel und Vertrauen. Für einen Bund, der mehr bedeutete als Zusammenarbeit: eine bewusste Wahl füreinander.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass Qy’lhor den Dolch übernahm und zu Darios trat.
Der Blick, den sie Darios zuwarf, war für einen Herzschlag lang ungefiltert. Überraschung. Vielleicht sogar ein Anflug von Entsetzen. Das hatte sie nicht gewollt.
Sie wusste um seine Geschichte. Um seine Abneigung gegen neue Bindungen. Um seine stille Furcht, wieder Verantwortung zu tragen, die ihm genommen werden könnte. Sie hatte ihn als Knappe vorgeschlagen, sie wusste, er würde den Weg gehen, ja – aber auf seine Weise, in seinem Tempo.
Nicht in diesem Moment.

Doch Darios sagte nichts.

Als Qy’lhor anschließend mit der blutigen Klinge Darios’ Stirn berührte und ihn zum Zeugen machte, spürte sie erneut dieses Ziehen in der Brust. Nicht wegen des Rituals. Sondern wegen der Bedeutung.
Sollte ihr Bund brechen, würde auch seiner berührt werden.
Sie hatte ihn hineingezogen.

Und doch, als sie später nebeneinander aus dem Tempel traten, die Hitze der Lavagrube hinter sich lassend, wusste sie, dass sie es nicht aus Eigennutz getan hatte.
Sie tat es, weil sie glaubte.
An ein Reich, das mehr sein konnte als Misstrauen und Neid einzelner.
An Letharen, die nicht nur Klingen waren, sondern Brüder und Schwestern im Glauben.
An Menschen, die lernen konnten.
Und an einen Gott, der nicht den leichten Weg verlangte – sondern den Richtigen.

Neben ihr ging Darios, still wie immer. Doch in der Art, wie er den Kopf trug, lag keine Flucht.
Vielleicht, dachte Jynela, während sie die Stufen hinaufstieg und den Schmerz der frischen Rune unter dem Leder pochen spürte, war dies nicht nur ihr Schwur gewesen. Vielleicht hatte an diesem Abend mehr als nur ein Bund Gestalt angenommen.
Sie ritten zusammen zurück nach Rahal, Seite an Seite, schweigend.


Bild


Jetzt würde es sich zeigen, ob sie jemals gelernt hatte, ihr eigenes Leben als Wert zu begreifen oder ob sie es immer nur als Mittel betrachtet hatte, um andere zu halten, wenn sie zu fallen drohten.
Damals war es ein einzelner Mensch gewesen. Ein Band, das nie ausgesprochen worden war und doch fester hielt als jedes geschworene Wort. Sie hatte ihr Leben gegen seines gestellt, ohne zu rechnen, ohne Rückhalt, ohne Zeugen. Nicht aus Heldenmut, sondern aus einer schlichten, unerbittlichen Entscheidung: Er würde nicht fallen, solange sie noch atmete.
Und nun stand sie hier.
Wieder bereit, ihr Leben zu riskieren.
Nicht aus persönlicher Bindung. Nicht aus Zorn. Sondern aus Überzeugung.
Für Alatar.
Für das Reich.
Für einen Bund, der nicht zwischen zwei Herzen bestand, sondern zwischen Völkern.
Damals hatte sie ihr Leben für einen Menschen eingesetzt, weil sie es als verhandelbar betrachtete.
Heute war sie bereit, es erneut einzusetzen. Doch diesmal bewusst. Für die Kinder des All-Einen. Für ein Ziel, das größer war als ihre eigenen Verbindungen. Für die Möglichkeit, dass Menschen und Letharen nicht getrennte Linien blieben, sondern eine gemeinsame Front.
Wenn ihr Leben je einen Wert gehabt hatte, dann lag er nicht darin, es zu bewahren.
Sondern darin, es dort einzusetzen, wo es etwas veränderte.
Und diesmal wollte sie nicht nur fallen, wenn es nötig war.

Sie wollte stehen – gemeinsam mit ihnen.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Der Schritt, der zwischen Leben und Tod liegt

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Nacht lag still über den Mauern von Rahal. Keineswegs friedlich, nicht wirklich ruhig, sondern auf jene gespannte Weise still, die Orte annahmen, wenn zu viele Menschen noch wach waren und versuchten, sich einzureden, dass Schlaf etwas ändern würde.

Einen Scheiß würde Schlaf.

Sie saß noch immer an ihrem Schreibtisch und auch in der Kommandantur war längst jene gedämpfte Stille eingekehrt, die sich über Gebäude legte, sobald die meisten Menschen sich in ihre Betten verzogen hatten. Noch war es nicht Mitternacht, aber sie hatte ein Versprechen gegeben, als ihr die dampfende Tasse überreicht worden war.
Sie würde um Mitternacht gehen.
Aber Schlaf?
Manchmal fragte sie sich wirklich, ob sie in ihrem ganzen Leben mehr als eine Handvoll Nächte erlebt hatte, in denen sie vollkommen ruhig, tief und wirklich entspannt geschlafen hatte.
Es war besser geworden, seit sie auf Gerimor war.
Sie fühlte sich hier so viel sicherer als damals im Lager der Rebellen.
Und dennoch lag noch immer ein Dolch unter ihrem Kissen.
Noch immer blieb ein Teil ihrer Aufmerksamkeit wach, selbst wenn der Rest ihres Körpers endlich nachgab.
Und die Albträume waren geblieben.
Seit Valen schlimmer als zuvor.
Allein deshalb schlief sie schon nicht gerne ein, weil es vermutlich niemand besonders beruhigend fand, jede zweite Nacht im Schlaf zu ersticken.
Meistens kam sie schnell wieder zu sich.
Manchmal fand sie sich im Garten kniend wieder, die Hände im Gras verkrallt, während sie verzweifelt nach Luft rang.
Sie versuchte gar nicht erst darüber nachzudenken, was die Nachbarn in der Oberstadt darüber dachten und hoffte einfach, dass sie selbst ruhig in ihren Betten lagen und nicht aus dem Fenster sahen.
Es gab Dinge, die selbst ein Hauptmann lieber niemandem erklärte.
Es war ihr verhasst.
Und dennoch hatte sie bisher keinen Weg gefunden, dem Ganzen Herr zu werden.

Jetzt war der Lenzing da.

Der Mond im Jahr, den sie verabscheute. Und je näher dieser eine besondere Tag rückte, umso deutlicher spürte sie jene Unruhe, die sie sonst so gut zu verbergen wusste.

Deine Schuld ist noch lange nicht beglichen, Jynela.

Immer und immer wieder. Ihr Leben lang dieselben Worte. Nein. Die Schuld würde erst mit ihrem Tod beglichen sein. Und keine Sekunde eher.
In manchen Jahren war es einfacher gewesen. In manchen härter.
Und auch wenn sie es nicht aussprach, wenn sie es nicht einmal vor sich selbst wirklich zugab: in diesem Jahr würde alles anders sein.
Nicht besser. Vermutlich eher schlimmer.
Denn zu allem anderen kam nun die bittersüße Erkenntnis, dass sie es nicht geschafft hatte, Abstand zu wahren.

Langsam ließ sie den Blick durch ihr Arbeitszimmer wandern.
Die Karten auf dem Tisch.
Der Stapel Berichte, den sie eigentlich noch hätte lesen müssen.
Der Wappenrock, der über der Lehne eines Stuhls hing.
Alles wirkte plötzlich seltsam still.
Sie lehnte sich im Sessel zurück, legte den Kopf kurz gegen das Lederpolster und schloss die Augen. Nur für einen Moment.
Die Stille im Raum war dicht.
Fast greifbar. Mit einem leisen Atemzug richtete sie sich wieder auf, stellte die inzwischen kalt gewordene Tasse zur Seite und erhob sich.
Der Mantel lag über dem Stuhl neben der Tür.
Sie griff danach, zog ihn sich über die Schultern und verließ das Zimmer, ohne noch einmal zurück zu sehen.
Draußen schlug ihr die Kälte entgegen.
Der Hof der Kommandantur lag im Halbdunkel, nur wenige Fackeln brannten noch. Ihre Schritte klangen leise auf dem Pflaster, während sie sich ihren Weg durch die schmalen Gassen bahnte.
Ein paar Gardisten nickten ihr zu. Niemand hielt sie auf. Sie war der Hauptmann.
Man gewöhnte sich daran, dass der Hauptmann nachts über die Mauern wanderte.
Rahal war in solchen Dingen ein erstaunlich toleranter Ort. Sie ging durch das Tor zur Wehrmauer hinauf, ließ die Wachen passieren und setzte ihren Weg fort. Nur ein Schatten zwischen den Türmen.
Der Wind zog über die Steine, während sie weiterging, bis die Häuser hinter ihr kleiner wurden und schließlich ganz verschwanden. Bis ans Ende von Rahal.
Dort, wo der letzte Turm über das Meer hinausragte.
Reglos stand sie dann dort, am äußersten Ende der Stadt und lehnte mit der Schulter gegen das kalte Gestein, während ihr Blick über das Meer wanderte und die Stadt auf der anderen Seite, die sich jenseits der Fackeln in ein schwarzes Meer aus Schatten verwandelte, in dem hier und da das matte Schimmern von Wasser oder der blasse Streifen eines Weges sichtbar wurde, wenn das Mondlicht gerade richtig fiel.
Der Wind war kühl.
Er trug den Geruch von feuchter Erde und Holzrauch herauf, doch Jynela bewegte sich kaum, als wäre sie ein Teil der Mauer geworden. Eine jener stillen Figuren, die schon so lange hier standen, dass sie irgendwann mehr Stein als Mensch geworden waren.

Unter ihr schlief die Stadt nicht wirklich.
Man hörte Schritte. Gedämpfte Stimmen. Das gelegentliche Klirren von Metall, wenn irgendwo ein Gardist seine Waffe zurechtrückte oder ein Torbalken bewegt wurde.
All diese Geräusche waren vertraut.
Für einen Moment schloss sie die Augen.

Bild

Nur einen Atemzug lang und ließ den Wind über ihr Gesicht streichen, während sie versuchte, die Gedanken in ihrem Kopf zu sortieren, die sich in den letzten Tagen immer wieder an denselben Punkt zurück geschlichen hatten.
Zu dieser einen Tür, die sie vor langer Zeit sorgfältig verschlossen und dann zugemauert hatte.
Jetzt war sie geöffnet worden. Und das Schlimmste daran war:
Mit einer einzigen, schlichten Frage.

Warum bist du traurig, Jyn?

So banal.
Und doch offenbar genauso wirkungsvoll wie ein Rammbock gegen eine schlecht gesicherte Tür.

Es war ein Geräusch, das sie schließlich aus ihren Gedanken riss. Nicht laut. Nur das leise Klacken von Metall. Irgendwo hinter ihr, auf einem der Türme, zog ein Gardist eine Armbrust nach, vermutlich um zu prüfen, ob die Sehne noch richtig saß.
Das Geräusch war kaum mehr als ein kurzes, trockenes Schnappen.
Doch in Jynelas Brust spannte sich etwas an.
Ihr Körper erinnerte sich schneller als ihr Verstand.
Für einen Augenblick sah sie nicht mehr die Mauern vor sich. Nicht die Landschaft. Nicht die Nacht. Sondern ein Fenster. Einen Schatten.
Jynela öffnete die Augen wieder.
Langsam.
Der Wind strich noch immer über die Mauer, als wäre nichts geschehen.
Aber in ihr stand die Tür einen Spalt offen. Jene Tür, die jedes Jahr im Lenzing in der Mauer erschien, die sie so mühsam aufgebaut hatte. Die einfach da war und wartete.
Und hinter dieser Tür lag eine andere Nacht.
Eine andere Stadt.
Und ein Mann, der zwischen sie und einen Bolzen getreten war, als wäre es das Natürlichste der Welt gewesen.



Fergus schlief schlecht.
Nicht auf die gewöhnliche Art auf die Männer schliefen, die zu viele Schlachten gesehen hatten oder zu lange auf harten Böden gelegen waren. Nein, es war eher jene andere, heimtückischere Weise, bei der der Körper zwar irgendwann erschöpft nachgab, der Geist jedoch nie wirklich zur Ruhe kam, sondern immer wieder an denselben Punkt zurückkehrte, als hätte sich dort etwas festgehakt, das sich nicht lösen ließ.
Seit jenem Abend war es so.
Seit dem Moment, in dem Janosch mit ihr auf dem Arm ins Lager zurückgekehrt war, als hätte er etwas Zerbrechliches getragen, das er kaum zu berühren wagte, obwohl jeder im Lager wusste, dass Jynela nicht zu den Menschen gehörte, die leicht zerbrachen.
Seit Fergus begriffen hatte, was geschehen war. Seit er den Namen gehört hatte.
Dechan.
Und noch mehr seit dem Augenblick, in dem Jynela den Kopf gehoben und ihn angesehen hatte.
Dieser Blick ließ ihn nicht mehr los.
Er war nicht laut gewesen, nein, nicht mal dramatisch, nicht einmal wirklich verzweifelt im offensichtlichen Sinn, denn Jynela war nicht jemand, der sich in Tränen verlor oder sich von Schmerz niederdrücken ließ. Doch in diesem einen Moment hatte etwas in ihren Augen gelegen, das Fergus bis dahin nie bei ihr gesehen hatte. Etwas Rohes, etwas erschütternd Ehrliches, das nicht aus Schwäche geboren war, sondern aus dem kurzen, grausamen Erkenntnis, die einen Menschen trifft, wenn jemand versucht hat, eine Grenze zu überschreiten, die niemals hätte berührt werden dürfen. Und wenn man für einen Atemzug begreift, wie nah man daran war, etwas zu verlieren, das sich nicht einfach wieder zusammensetzen lässt, selbst wenn man später glaubt, alles unter Kontrolle gebracht zu haben.
Und Fergus wusste sofort, dass er diesen Blick nie wieder sehen wollte.

Nicht bei ihr.

Nicht bei irgendjemandem, den er beschützen konnte.

Seitdem fand er keinen wirklichen Schlaf mehr.
Denn jedes Mal, wenn er die Augen schloss, kehrte dieser Moment zurück, als hätte sich sein Gedächtnis entschieden, ihn daran zu erinnern, dass er an jenem Abend nicht dort gewesen war, dass er nicht rechtzeitig eingreifen konnte. Dass es einen kurzen Abschnitt der Welt gegeben hatte, in dem Jynela allein und auch wenn sie es nicht zugeben würde, verdammt hilflos gewesen war.
Sie war stark. Zumindest tat sie so und das war absolut nichts Neues.
Sie bewegte sich weiterhin durch die Tage mit jener kontrollierten Selbstverständlichkeit, die sie immer ausgezeichnet hatte, sprach wie gewohnt, trainierte wie gewohnt. Sie beobachtete ihre Umgebung mit derselben scharfen Aufmerksamkeit, die sie schon als Kind gehabt hatte, als sie gelernt hatte, dass man Dinge sehen musste, bevor sie einen trafen.

Doch Fergus kannte sie zu gut. Er bemerkte die kleinen Veränderungen.
Die kaum sichtbaren Pausen zwischen zwei Atemzügen. Die Art, wie ihre Schultern sich manchmal unmerklich anspannten, wenn jemand sie zu plötzlich berührte. Der so viel häufigere Griff der rechten Hand an die Linke, den sie unbewusst immer dann ausführte, wenn sie in Gedanken oder unruhig war. Die Sekunden, in denen ihr Blick ein wenig zu lange in der Ferne hängen blieb, als würde sie gegen eine Erinnerung ankämpfen, die sich nicht ganz vertreiben ließ.
Etwas in ihr war angerissen. Zum Glück nicht zerstört und auch nicht gebrochen.
Doch beschädigt auf jene stille Weise, die gefährlicher war als offene Wunden, weil sie sich tief in einem Menschen verbarg und dort langsam arbeitete und wenn man Pech hatte einfach zu faulen begann.

Und jedes Mal, wenn Fergus in ihrer Nähe war, spürte er es. Nicht als offensichtliche Veränderung.
Sondern als ein leises, kaum greifbares Gefühl. Als hätte sich etwas zwischen ihnen verschoben, etwas, das vorher selbstverständlich gewesen war und nun plötzlich Gewicht bekommen hatte.
In den Wochen danach begann der Gedanke an Dechan sich in Fergus Kopf festzusetzen.
Zuerst war es nur ein flüchtiger Impuls gewesen, eine jener spontanen Vorstellungen, die auftauchten, wenn man einen Namen hörte, der mit Wut verbunden war.
Doch der Gedanke ging nicht wieder. Im Gegenteil. Mit jedem Tag wurde er klarer. Schärfer.
Fergus war kein Mann, der leichtfertig tötete. Gerade deshalb wusste er, dass es Menschen gab, deren Tod nicht aus Zorn geboren wurde, sondern aus einer einfachen, nüchternen Erkenntnis darüber, dass die Welt ohne sie ein besserer Ort wäre. Sein Tod würde niemals ein Verlust sein, sondern schlicht eine notwendige Korrektur. Oberst Dechan gehörte zu diesen Menschen. Schon seit Jahren stand er auf ihrer Liste und schon seit Jahren gelang es dem Arschloch, sich immer genau dort aufzuhalten wo sein Rang ihn unangreifbar machte und wo jeder falsche Schritt mehr zerstören würde als nur ihn. Es wurde so dringend Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Es gab Erinnerungen, die sich nicht wie Bilder verhielten, sondern wie Gerüche. Gerüche, die plötzlich in einem Raum standen, ohne dass man sagen konnte, woher sie gekommen waren und die sich hartnäckig in alles fraßen, in Kleidung, Gedanken, sogar in den Atem, bis man irgendwann merkte, dass man sie längst mit sich herumtrug, egal wohin man ging.
Für Fergus gehörte der Gedanke an Dechan inzwischen zu diesen Erinnerungen.
Nicht, weil er besonders häufig an ihn dachte, sondern weil der Mann sich in jene stille, dunkle Ecke seines Bewusstseins eingenistet hatte, in der Dinge lagen, die nicht verschwanden, nur weil man sie ignorierte. Die sogar im Gegenteil mit jedem Tag schwerer wurden, weil sie geduldig warteten.
Die Nacht, in der er erfahren hatte, was Dechan versucht hatte, war längst Monate her, doch die Zeit hatte nichts davon abgeschliffen, im Gegenteil hatte sie dem Gedanken nur mehr Schärfe verliehen, so wie ein Messer schärfer wurde, wenn man es lange genug über einen Stein zog.

Er wartete.

Nicht, weil er gelernt hatte, dass Geduld manchmal die einzige Form von Kontrolle war, die einem blieb. Doch jedes Mal, wenn er Dechan bei einem Auftrag in der Ferne sah, kehrte dieser Gedanke zurück. Der Gedanke daran, dass Jynela allein gewesen war. Der Gedanke daran, dass er nicht dort gewesen war. Der Gedanke daran, dass manche Dinge in der Welt nicht dadurch besser wurden, dass man sie ignorierte.

In solchen Momenten sah Fergus oft zu ihr hinüber.

Jynela bewegte sich durch die Welt wie etwas, das nie ganz stillstand. Selbst wenn sie scheinbar reglos war. Denn unter dieser Ruhe arbeitete immer etwas in ihr. Eine ungeduldige, wachsame Energie, die ihn manchmal an einen Pfeil erinnerte, der bereits gespannt im Bogen lag und nur darauf wartete, dass jemand die Sehne losließ.
Sie war kein Kind mehr. Das war ihm schon vor langer Zeit klar geworden.
Doch manchmal erinnerte er sich noch an das Mädchen mit den aufgeschürften Knien und den viel zu großen Augen, das ihm mit einem einfachen Wurf mit einem Apfel sein beschissenes Leben gerettet hatte und das er letzendlich aus einer Straße voller Dreck und Hunger gezogen hatte, ohne zu wissen, dass dieser Moment sein Leben verändern würde.
Sie war damals dünn gewesen wie ein Schatten und ebenso schwer zu greifen, weil sie bereits gelernt hatte, dass man in einer Welt wie dieser verschwand, wenn man nicht aufpasste.
Später hatte sie gelernt, schneller zu sein. Härter. Gefährlicher.
Und Fergus hatte sie dabei beobachtet mit einer Mischung aus Stolz und Sorge, die sich nicht trennen ließ, weil beides aus derselben Quelle kam.

Denn Jynela hatte eine Eigenschaft, die in dieser Welt selten war. Sie blieb nicht stehen. Sie lief. Immer.
Als würde sie gegen etwas Unsichtbares anrennen, das nur sie sehen konnte.
Fergus wusste nicht, was dieses Etwas war. Er hatte versucht es herauszufinden, doch jedes Mal wenn er dachte einen Fortschritt zu machen, verschloss sie sich bei einem falschen Wort wie eine Muschel, die bei Gefahr ihre Schale fest aufeinanderpresst und alles im Inneren verbirgt. Sie brauchte Zeit.
Und mit der Zeit hatte er doch gelernt, dass man jemanden wie sie nicht bremsen konnte, ohne ihn zu zerstören.
Also tat er das Einzige, was möglich war. Er blieb in ihrer Nähe. Nicht, weil sie es brauchte.
Sondern weil er wusste, dass er es brauchte.
Und tief in ihm hatte sich längst ein stiller Schwur festgesetzt: Wenn die Zeit kam, würde er derjenige sein, der für sie Gerechtigkeit suchte.





Als die Nachricht von den Hinrichtungen kam, erreichte sie Fergus wie die meisten Nachrichten in seiner Welt ihn erreichten: nicht in Form offizieller Botschaften oder gesiegelter Briefe, sondern als leises Murmeln zwischen zwei Atemzügen, als Worte, die in einer dunklen Ecke ausgesprochen wurden und sofort wieder verschwanden, als hätten sie Angst davor, zu lange gehört zu werden.
Hinrichtungen. Öffentlich. Natürlich.
Alles, was der Baron grausames tat, tat er öffentlich. Denn in Wahrheit ging es nie um die Toten, sondern um jene, die stehen blieben und zusahen. Um jene, die danach nach Hause gingen und ihren Kindern erklärten, dass man in dieser Welt eben still sein musste, wenn man atmen wollte.

Drei Gefangene. Und ein Junge. Vielleicht fünfzehn. Vielleicht jünger. Und alle würden wie so oft als Verräter gerichtet werden.

Fergus hörte zu, während sein Blick über den Raum wanderte, über die wenigen Dinge, die sie besaßen, über die Menschen, die müde waren und trotzdem hier saßen, weil Müdigkeit ein Luxus war, den man sich nicht leisten konnte.
Dann blieb sein Blick an Jynela hängen.
Sie stand ein paar Schritte entfernt, halb im Schatten. Klein, drahtig, unscheinbar für jeden, der nicht wusste, worauf er achten musste. Aber in ihrer Haltung leg etwas so Wachsames, dass man spürte, wie ihr Blick bereits begann Wege zu suchen, Möglichkeiten abzutasten, noch bevor jemand ausgesprochen hatte, was als Nächstes geschehen würde.
Und in diesem Moment wusste Fergus etwas mit jener klaren, bitteren Gewissheit, die sich nicht diskutieren ließ. Dechan würde wieder warten müssen.
Denn es gab Dinge, die dringender waren als Rache.
Auch wenn ein Teil von ihm sich wünschte, es wäre anders.

Als Fergus schließlich den Blick von Jynela löste, geschah das nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus jener stillen Disziplin, die er sich über viele Jahre angeeignet hatte. Ein Anführer, der zu lange an einem Gedanken hängen blieb, hörte irgendwann auf, die Dinge zu sehen, die wirklich vor ihm lagen. Und in einer Welt wie dieser war Blindheit kein Fehler, sondern ein Todesurteil, das nur manchmal ein wenig später vollstreckt wurde.

Die Planung begann ohne große Worte, weil niemand von ihnen das Bedürfnis hatte, so zu tun, als wäre dieser Einsatz etwas Besonderes. In Wahrheit waren sie alle längst an jene seltsame Mischung aus Hoffnung und Resignation gewöhnt, die sich einstellte, wenn man versuchte, Menschen aus den Händen eines Systems zu reißen, das seine Macht mit Galgen und Seilen demonstrierte, als wären Körper nichts weiter als Botschaften aus Fleisch.

Fergus hörte den Stimmen seiner Leute zu, während sie Möglichkeiten abwogen, Wege vorschlugen und Risiken nannten. Während sie sprachen, ließ er den Blick durch den Raum wandern, ruhig und aufmerksam, als versuche er in jedem einzelnen Gesicht zu erkennen, wie weit dieser Plan sie tragen konnte, bevor die Wirklichkeit begann, ihn langsam zu zerreißen.
Als sein Blick schließlich wieder bei Jynela landete, stand sie noch immer dort. Leicht seitlich versetzt, den Kopf ein wenig geneigt, als würde sie den Raum aus einem Winkel betrachten, der für andere unsichtbar war. Fergus wusste, dass sie bereits weiter war als die meisten von ihnen, weil ihr Kopf längst begann, die Wege durch die Stadt abzuschreiten, die Fenster zu zählen, die Dächer zu prüfen und jene unscheinbaren Orte zu markieren, von denen aus ein Pfeil mehr Gewicht hatte als ein Dutzend Schwerter.
Er wusste auch, dass das genau das Problem war.

Dann stieß er sich ab, trat näher an sie heran und beobachetet, wie ihr Gesicht sich anhob und ihre Augen, ihre Aufmerksamkeit sich auf ihn richtete.
„Du bleibst bei mir“, sagte er schließlich in einem Ton, der weder hart noch weich war, sondern jene ruhige Festigkeit hatte, die keinen Raum für Missverständnisse ließ.
Jynelas Mundwinkel bewegten sich kaum sichtbar. „Ich bleibe in Reichweite“, antwortete sie und obwohl ihre Worte nach Zustimmung klangen, lag in ihnen jene feine Verschiebung, die Fergus inzwischen gut genug kannte, um zu wissen, dass sie nicht log, sondern nur eine Version der Wahrheit aussprach, die ihr in diesem Moment besser passte.
Fergus seufzte leise, und ein kurzer Anflug von Müdigkeit huschte über sein Gesicht, als hätte er gerade eine Diskussion geführt, die er bereits vor Jahren verloren hatte.
„Kein Alleingang“, fügte er hinzu, während sein Blick ihren festhielt. „Du weißt, worauf es ankommt.“
Jynela nickte, doch in ihren Augen lag dieses flüchtige Aufleuchten, das Fergus nur zu gut kannte, weil es immer dann erschien, wenn sie etwas sah, das andere noch nicht erkannt hatten. Er sagte nichts weiter. Nicht, weil er ihr vertraute. Sondern weil er wusste, dass Vertrauen in diesem Fall die einzige Währung war, die ihnen blieb.




Die Nacht, in der sie aufbrachen, war klar genug, dass selbst die Sterne scharf wirkten, als hätte jemand den Himmel polier und die Kälte in der Luft besaß jene trockene Schärfe, die sich durch Kleidung und Haut fraß, bis sie irgendwo in den Knochen ankam. Nachts ließ der Frühling im Lezing noch auf sich warten.

Jynela ging nicht vorne. Sie ging selten vorne.
Nicht, weil sie es nicht gekonnt hätte, sondern weil vorne der Ort war, an dem man gesehen wurde und Jynela war nie dafür gemacht gewesen, gesehen zu werden. Sie war dafür gemacht worden, zu sehen.

Der Weg zur Stadt war lang genug, dass die Geräusche ihrer Schritte irgendwann zu einem gleichmäßigen Rhythmus wurden, einem leisen, fast beruhigenden Begleiter, der sich mit dem Rascheln von Stoff und dem gelegentlichen Knacken eines Zweigs mischte, wenn jemand von ihnen den Fuß einen Fingerbreit zu weit setzte.
Jynelas Körper bewegte sich dabei mit jener mühelosen Präzision, die sich nicht aus Training allein ergab, sondern aus Jahren, in denen sie gelernt hatte, dass Lautlosigkeit der Unterschied zwischen Hunger und einem gestohlenen Stück Brot sein konnte. Zwischen einem Schlag und der Möglichkeit, im Schatten zu verschwinden.

Fergus beobachtete sie hin und wieder aus den Augenwinkeln.
Nicht auffällig.
Nicht so, dass jemand es als Misstrauen hätte deuten können.
Aber mit jener stillen Aufmerksamkeit, die ein Mann entwickelte, wenn er jemanden beschützte, der längst stark genug war, um sich selbst zu verteidigen. Er konnte nicht anders.
Er sah, wie sie den Kopf leicht hob, wenn ein Geräusch aus der Dunkelheit kam. Er sah, wie ihr Blick Wege abtastete, die andere nicht einmal wahrnahmen. Und er sah auch dieses kaum sichtbare Zucken in ihr, das sich immer dann zeigte, wenn sie zu lange stillstehen musste.
Jynela hatte eine merkwürdige Beziehung zur Zeit. Für sie bewegte sie sich nie gleichmäßig.
Sie sprang. Sie rannte. Sie stolperte manchmal. Doch sie blieb nie stehen.
Fergus hatte einmal darüber nachgedacht, ob sie vielleicht deshalb so schnell war.
Weil sie Angst davor hatte, dass die Welt sie einholte, wenn sie zu lange wartete.




Als sie die Stadt erreichten, lag der Himmel noch in jener tiefen, bläulichen Dunkelheit, die kurz vor dem Morgen entstand. Die Konturen der Häuser zeichneten sich wie schwarze Scherenschnitte gegen den Himmel ab, während in den engen Gassen jener Geruch hing, der immer dort entstand, wo Menschen zu dicht aufeinander lebten: feuchte Erde, kalter Rauch, altes Holz und der süßliche Rest von Dingen, die man lieber nicht zu genau benannte.

Sie hielten am Rand der Stadt. Dort, wo die letzten Zäune standen und wo die Straße sich zwischen niedrigen Schuppen hindurchschlängelte, deren Dächer so schief waren, als hätten sie längst aufgegeben, noch einmal gerade werden zu wollen. Fergus ließ sie in einem verlassenen Lagerhaus warten, dessen Wände vom Wetter dunkel geworden waren und dessen Dach so viele Risse hatte, dass das erste Licht des Morgens in schmalen, blassen Streifen auf den Boden fiel, als hätte jemand mit ruhiger Hand Linien aus Gold gezogen.
Fergus sprach leise mit den anderen und seine Stimme hatte jene ruhige Klarheit, die sie immer annahm, wenn er Pläne noch einmal durchging. Denn er gehörte zu jenen Männern, die nicht laut werden mussten, um gehört zu werden, weil in seinen Worten nie der Versuch lag, jemanden zu überzeugen, sondern nur die nüchterne Gewissheit, dass Entscheidungen manchmal einfach getroffen werden mussten. Auch wenn niemand im Raum behauptete, sie seien gut.
Jynela hörte ihm zu, während ihr Blick durch die dunklen Öffnungen des Gebäudes wanderte, über die Dächer hinweg, entlang der schmalen Gassen, die sich zwischen den Häusern zogen wie trockene Flussläufe. Und während sie so das Gelände in sich aufnahm, spürte sie jenes alte, vertraute Ziehen in ihrem Inneren, das sich immer dann meldete, wenn sie wusste, dass etwas beginnen würde, weil ihr Körper längst begriffen hatte, was ihr Kopf noch sortierte.

Fergus bemerkte es natürlich. Er bemerkte es immer.
Als er schließlich zu ihr hinüberblickte, lag in seinem Gesicht jener Ausdruck, den sie inzwischen gut genug kannte, um zu wissen, dass er gleichzeitig stolz und besorgt war, weil sie sich schneller bewegte als die meisten Menschen, die er kannte. Und weil Geschwindigkeit eine Eigenschaft war, die in dieser Welt ebenso oft rettete wie sie ins Verderben führte.

Als sie wenig später ihre Positionen einnahmen und sich durch die Straßen bewegten, lag über der Stadt noch immer jene eigenartige Ruhe, die kurz vor dem Morgen entstand.
Dann ein kurzes Verharren, während sie Fergus flache Atemzüge hinter sich hörte und irgendwo wenige Schritte entfernt auch Janosch stand, dessen Nähe sie nicht sehen musste, weil sie sie in der Luft spürte, im kaum wahrnehmbaren Gewicht einer vertrauten Präsenz, die sich in all den Jahren tief in ihre Instinkte eingeprägt hatte.
Von ihrer Position aus konnte sie den Platz sehen, auf dem die Hinrichtung stattfinden sollte. Während sie dort im Schatten der Mauer stand, den Bogen bereits gezogen, die Finger locker um das Holz gelegt, ließ sie ihren Blick über die Umgebung wandern, über Fenster, Dächer und Schatten. Sie spürte, wie sich in ihrem Inneren diese konzentrierte Ruhe ausbreitete, die sie immer überkam, wenn sie wartete.
Es war kein stiller Moment.
Nicht wirklich.
Denn irgendwo klirrte Metall, als würde jemand eine Kette bewegen und in einer der Gassen hörte man Stimmen, die leise miteinander sprachen, während Schritte über Pflaster hallten und all diese Geräusche fügten sich zu jenem unscheinbaren Hintergrund, der für die meisten Menschen bedeutungslos blieb, für Jynela jedoch ein Bild ergab, das sich ständig veränderte.

Ihr Blick wanderte weiter.
Über den Platz.
Zu den Fenstern der umliegenden Häuser. Zu den dunklen Öffnungen zwischen den Dachbalken. Und dann blieb er einen Augenblick zu lange an einer Stelle hängen. Nicht, weil sie bereits verstand, was dort war. Sondern weil etwas in ihr spürte, DASS dort etwas war.

Es war ein winziges Geräusch, kaum mehr als ein leises Rascheln, das vielleicht auch nur der Wind hätte sein können. Doch wenn das Leben ihr etwas beigebracht hattem dann dass der Unterschied zwischen Wind und einem Menschen manchmal nur darin bestand, wie lange ein Geräusch anhielt.
Sie hob den Kopf ein wenig. Ihr Blick suchte.
Und weil sie das Gefühl hasste, etwas nicht vollständig sehen zu können, bewegte sie sich einen Schritt nach vorn, gerade weit genug, um einen besseren Winkel zu bekommen.
Es war ein kleiner Schritt.
So klein, dass ein anderer Mensch ihn vielleicht nicht einmal bemerkt hätte.
Fergus bemerkte ihn. Er stand nicht weit entfernt, aber er sah nicht nur sie. Sein Winkel war besser. Er sah auch den Schatten im Fenster darüber.
Er sah die Bewegung eines Arms. Und er sah das kurze Aufblitzen von Metall, das im fahlen Licht des Morgens einen winzigen Funken fing.
Der Gedanke an eine Armbrust brauchte nicht einmal einen vollständigen Augenblick, um sich in Fergus Kopf zu formen, denn sein Körper hatte längst begriffen, was sein Verstand erst zu Ende denken wollte. Und während Jynela noch versuchte zu erkennen, was genau sie dort gesehen hatte, trat Fergus bereits zwischen sie und den Winkel des Fensters, als wäre es das Natürlichste der Welt genau an dieser Stelle zu stehen, obwohl er in Wahrheit genau wusste, was diese Bewegung bedeutete.

Der Bolzen traf ihn mit einer Wucht, die sich zunächst weniger wie Schmerz anfühlte als wie ein dumpfer Schlag von innen, als hätte jemand ihm mit einer schweren Faust gegen den Bauch gestoßen. Für einen kurzen, seltsam gedehnten Moment glaubte Fergus sogar, er habe vielleicht nur das Gleichgewicht verloren, weil sein Körper sich einen halben Schritt zurück bewegte und seine Hand automatisch nach der Mauer griff, um sich abzustützen.

Doch dann kam die zweite Erkenntnis.
Nicht als Gedanke. Als Gefühl. Als Wärme. Blut.

Es breitete sich unter seiner Kleidung aus. Zuerst langsam, dann schneller. Und während sein Atem sich plötzlich schwerer anfühlte, als hätte jemand unsichtbare Hände um seine Rippen gelegt, begriff Fergus mit jener nüchternen Klarheit, die manchmal in den schlimmsten Augenblicken auftauchte, dass dieser Treffer nicht zu jenen gehörte, die man mit zusammengebissenen Zähnen ignorierte, bis der Kampf vorbei war.
Jynela hörte zuerst das Sirren, sie hörte das Geräusche, sie wollte noch reagieren, aber es war zu spät. Und dann hörte sie Fergus Atem. Und der Klang dieses Atems war falsch.
Er war zu kurz. Zu schwer. Zu brüchig.
Als sie den Kopf zu ihm drehte, sah sie zuerst nicht das Blut, sondern seinen Blick. Und in diesem Blick lag für einen winzigen Moment etwas, das sie noch nie zuvor dort gesehen hatte.

Nicht Angst. Nicht Schmerz. Sondern eine Art ruhiger Überraschung.

Als hätte Fergus gerade begriffen, dass eine Rechnung anders endete, als er sie erwartet hatte.
In diesem einen Herzschlag, in dem sich ihre Blicke trafen, zog ein Gedanke durch seinen Kopf, der nichts mit der Armbrust zu tun hatte und auch nichts mit dem Einsatz, der noch immer um sie herum lief. Sondern mit einem Mann, dessen Gesicht sich plötzlich mit unerträglicher Klarheit in seine Erinnerung drängte.
Dechan. Oberst Dechan. Der Mann lebte noch. Dieser Gedanke war seltsam nüchtern.
Nicht wütend. Nicht verzweifelt. Nur klar.
Denn Fergus hatte sich in den letzten Monaten so oft vorgestellt, wie Dechan sterben würde, dass die Vorstellung irgendwann nicht mehr wie Fantasie gewirkt hatte, sondern wie ein Versprechen, das die Zukunft irgendwann einlösen musste.
Und nun stand er hier, spürte das Blut in seinem Bauch warm werden und begriff mit einer Bitterkeit, die sich kaum in Worte fassen ließ, dass er dieses Versprechen nie würde einlösen können.
Für einen winzigen Moment wollte etwas in ihm lachen.
Nicht laut und nicht einmal spöttisch.
Nur mit jener trockenen Ironie, die ein Mann entwickelte, der lange genug gelebt hatte, um zu wissen, dass die Welt selten jene Rechnungen beglich, die man ihr präsentierte.
Natürlich, dachte er. Natürlich lebt ausgerechnet er weiter.
Doch dieser Gedanke hielt nicht lange.

Denn fast im selben Augenblick sah Fergus wieder Jynela.
Und alles andere verlor an Bedeutung.
Er sah, wie sie verstand.
Nicht langsam. Nicht zögernd.
Sondern mit jener gnadenlosen Schnelligkeit, die sie schon immer ausgezeichnet hatte, wenn ihr Blick etwas erfasste, das andere erst Sekunden später begriffen.
Sie sah den Bolzen. Sie sah den Winkel. Und sie wusste sofort, was geschehen war.
Für einen Herzschlag bewegte sie sich nicht.
Sie stand einfach nur da, ihr Blick auf ihn gerichtet, als hätte die Welt für einen Moment vergessen weiterzulaufen.
Fergus wusste genau, was in ihr vorging. Er kannte sie zu gut. Er wusste, dass sie jetzt zu ihm kommen würde. Dass sie alles andere vergessen würde.
Den Plan. Die Gefangenen. Den Einsatz. Alles.

Und genau deshalb hob er die Hand.
Nicht hoch. Nicht dramatisch.
Nur genug, dass sie das Zeichen sehen konnte.
Weiter.

Es war dieselbe Bewegung, die er unzählige Male in Übungen und Einsätzen gemacht hatte, doch noch nie hatte sie so viel Gewicht getragen wie in diesem Moment, weil sie nicht nur eine taktische Anweisung war, sondern ein Befehl, der sie zwang, ihn zurückzulassen.
Jynela sah das Zeichen.
Und sie hasste ihn dafür.

Alles in ihr schrie danach zu ihm zu gehen, ihn zu stützen, das Blut aufzuhalten, die verdammte Armbrust zu vergessen und die Welt für einen Moment stillstehen zu lassen. Doch gleichzeitig wusste sie, dass Fergus dieses Zeichen nicht gegeben hätte, wenn er nicht sicher gewesen wäre, dass genau das jetzt geschehen musste.
Und weil sie ihn kannte, weil sie wusste, wie sehr er Menschen hasste, die sinnlos starben, tat sie das Einzige, was sie tun konnte.
Sie ging weiter.
Der Bogen hob sich in ihren Händen mit einer Ruhe, die sich fast unheimlich anfühlte. Als ihr Blick das Fenster fand, aus dem der Bolzen gekommen war, brauchte sie keinen zweiten Atemzug um den Mann dahinter zu erkennen. Ihre Finger hatten längst entschieden, was als Nächstes geschah.
Der Pfeil traf den Schützen noch bevor dieser einen neuen Bolzen einlegen konnte.
Der Mann fiel nach hinten.
Verschwand aus dem Fenster.
Und während der Einsatz sich um sie herum in Bewegung setzte, während Stimmen laut wurden, Ketten fielen und Menschen plötzlich begriffen, dass Hoffnung manchmal schneller kam als Angst, blieb in Jynelas Kopf nur ein einziger Gedanke: Fergus lebt noch. Er lebt noch. Und sie würde zu ihm zurückkehren.
Egal, was es kostete.




Als der Lärm des Einsatzes hinter ihr verblasste und sie sich abwandte, wurden ihre Schritte schneller. Jynela spürte kaum, wie sie den Weg zurücklief.
Ihre Füße fanden den Boden, ihre Hände hielten den Bogen, ihr Atem ging schnell. Doch all diese Dinge geschahen irgendwo am Rand ihres Bewusstseins, während in ihrem Inneren nur ein einziger Gedanke immer wieder gegen ihre Schläfen schlug, hartnäckig, unerbittlich, als hätte jemand einen Hammer angesetzt.
Er lebt noch.
Dieser Gedanke war kein Trost. Er war eine beschissene Frist.

Sie wusste, dass man ihn weggebracht hatte, denn ihre Augen blieben an dem dunklen Blutfleck hängen, der sich über die Steine zog. Genau dort, wo Fergus kurz zuvor noch gestanden hatte, bevor sein Körper unter dem Gewicht des Treffers nachgegeben hatte.
Im Lagerraum kniete Janosch neben ihm, das Gesicht bleich im schwachen Licht, während Fergus halb an die Wand gesunken war und sichtbar darum rang Worte hervorzubringen, als müsste er jeden Atemzug erst gegen den Schmerz durchsetzen, der sich bereits tief in seinen Körper gegraben hatte.
Der Bolzen steckte noch immer in seinem Bauch.
Doch als er sie sah, hob sich sein Blick.

Und für einen Moment lag darin etwas so vertraut Ruhiges, dass Jynela das Gefühl hatte, die Welt sei für einen Atemzug wieder in Ordnung.

Sie sank neben ihm auf die Knie. Nicht hastig. Nicht taumelnd. Sondern mit jener kontrollierten Bewegung, die sie sich über Jahre antrainiert hatte, weil sie wusste, dass Panik ein Luxus war, den man sich nur leisten konnte, wenn man nichts mehr zu verlieren hatte.
Und sie verlor gerade alles.
Ihre Hand fand seine. Sie war warm. Noch.
Doch unter dieser Wärme lag ein Zittern, das nicht von der Kälte kam.


Bild



Fergus betrachtete sie eine Weile, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich vor ihm saß. Während sein Atem schwerer wurde, lag in seinem Blick eine Ruhe, die fast widersprüchlich wirkte angesichts des Blutes, das immer noch aus der Wunde in seinem Bauch sickerte.
„Du bist zurück“, murmelte er schließlich und seine Stimme war so leise, dass sie eher wie ein Atemzug klang als wie Worte.
Jynela nickte.
Sie brachte nichts anderes hervor.
Denn sobald sie den Mund öffnete, wusste sie, würden Dinge herauskommen, die sie nicht mehr kontrollieren konnte. Kontrolle war im Moment das Einzige, was sie noch zusammenhielt.
Fergus spürte ihre Finger um seine und ein schwaches, beinahe entschuldigendes Lächeln huschte über seine Lippen, als hätte er gerade etwas erkannt, das gleichzeitig traurig und unausweichlich war.
„Die Gefangenen?“, fragte er dann aber doch noch mit jener Hartnäckigkeit, die ihn selbst jetzt noch dazu brachte, zuerst an andere zu denken.
„Sie sind frei“, antwortete Jynela leise.
Für einen Moment schloss Fergus die Augen. Er atmete aus. Langsam.
Und in dieser Bewegung lag eine Erleichterung, die so ehrlich war, dass sie fast weh tat.
„Gut“, flüsterte er.
„Dann war es das wert.“

Jynela spürte, wie sich etwas in ihrem Brustkorb zusammenzog, so fest, dass es beinahe körperlich schmerzte. Doch sie zwang sich ruhig zu bleiben, während ihre Hand sich fester um seine schloss, als könnte sie ihn allein mit dieser Berührung in der Welt halten.
„Wir bringen dich weg“, sagte sie schließlich und obwohl ihre Stimme leise war, lag in ihr eine Entschlossenheit.
Fergus sah sie an. Lange. Und in diesem Blick lag eine Sanftheit, die er sonst selten zeigte, weil sie etwas offenbarte, das er normalerweise hinter trockenen Kommentaren und ruhiger Autorität verbarg.
„Nein“, sagte er schließlich und während das Wort weich war, lag darin eine Gewissheit, die keine Hoffnung übrig ließ.
Jynela schüttelte sofort den Kopf, heftig genug, dass eine Strähne ihres Haares sich aus der Kapuze löste und ihr ins Gesicht fiel.
„Doch“, flüsterte sie, und jetzt zitterte ihre Stimme trotz aller Versuche, sie ruhig zu halten.
„Doch.“
Fergus’ Blick blieb auf ihr.
Und plötzlich lag darin etwas, das beinahe wie Stolz wirkte.
„Du warst schon immer schlecht darin“, murmelte er, während sein Atem flacher wurde, „zu akzeptieren, wenn etwas vorbei ist.“
Die Worte waren nicht hart.
Nicht einmal traurig.
Sie klangen eher wie eine alte Beobachtung, die er irgendwann einmal gemacht hatte und die ihm nun wieder einfiel.
Jynela spürte, wie sich ihre Finger noch fester um seine schlossen.
„Ich akzeptiere es nicht“, sagte sie leise. „Nicht heute. Niemals."

Fergus ließ einen schwachen Atemzug entweichen, der fast wie ein leises Lachen klang. Für einen Moment erinnerte er sich daran, wie sie als Mädchen gewesen war, dünn wie ein Schatten, voller Zorn und Hunger und mit jenem starrköpfigen Willen, der sie immer wieder aufstehen ließ, egal wie oft das Leben sie in den Dreck geworfen hatte.
Er hatte sie damals nicht gerettet. Das wusste er inzwischen. Er hatte nur zugesehen, wie sie sich selbst rettete.
„Jyns“, sagte er leise, und allein der Klang ihres Namens ließ etwas in ihr erzittern.
„Hör mir zu.“
Seine Hand bewegte sich ein wenig in ihrer. Nicht stark. Doch bewusst.
„Du gehst weiter.“, begann er, stockend, zwischen zwei Atemzügen. „Hörst du? Auch ohne mich.“
Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Sie schüttelte den Kopf, kaum merklich, als würde sie hoffen, dass er es nicht sah. Tränen brannten hinter ihren Augen, aber sie ließ keine zu. Noch nicht. Nicht jetzt.
Er atmete erneut ein, mühsam und für einen Moment glaubte sie, er würde nicht weitersprechen. Dann hob sich sein Blick wieder, suchte ihren, hielt ihn fest.
Jynela schüttelte erneut den Kopf und diesmal war die Bewegung langsamer, verzweifelter, als würde sie versuchen, eine Realität abzuschütteln, die sich längst um sie gelegt hatte.
„Du gehst weiter“, wiederholte Fergus, und diesmal lag ein Rest jener Autorität in seiner Stimme, die ihn so lange zu ihrem Anführer gemacht hatte.
„Auch ohne mich.“

Die Worte trafen sie härter als jeder Schlag.
Denn sie wusste, dass er recht hatte. Und sie wusste ebenso, dass sie ihn dafür hasste.
Ihre Stirn senkte sich gegen seine Hand. Ihre Schultern bebten. Doch sie ließ keinen Laut zu. Nicht hier. Nicht jetzt.

Fergus betrachtete sie eine Weile, während seine Augen schwerer wurden und irgendwo in seinem Inneren dachte er wieder an Dechan, an das Versprechen, das er nie würde einlösen können und an die seltsame Ungerechtigkeit der Welt, die ausgerechnet ihm diesen Moment nahm.
Doch als sein Blick erneut auf Jynela fiel, begriff er etwas anderes. Dechan lebte noch. Aber Jynela auch. Und plötzlich erschien ihm das wichtiger.

„Ich hab dich nie getragen“, sagte er schließlich mit leiser, brüchiger Stimme.
„Ich hab nur zugesehen, wie du läufst.“
Seine Finger bewegten sich schwach.
„Und ich habe jeden Augenblick davon geliebt.“
Jynela hob den Kopf. Ihre Augen waren feucht, doch sie blinzelte nicht. Ihr Gesicht war ihm so nah, dass ihr Atem seine Haut streifte. Und dann sagte sie etwas, das sie all die Monate nie ausgesprochen hatte, obwohl die Tatsache so deutlich war, dass sie es schon immer gewusst hatte – jede Sekunde, jeden Atemzug seit sie sich begegnet waren.

„Ich liebe dich.“

Die Worte waren leise und rau, kaum mehr als ein Flüstern, nur für ihn bestimmt.
Es war kein großes Geständnis. Es war einfach die Wahrheit, endlich ausgesprochen, viel zu spät und doch unausweichlich.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über seine Lippen. Seine Augen schlossen sich kurz, als würde er etwas loslassen, das er lange gehalten hatte. Und als sie sich öffneten, lag darin nichts mehr als Frieden.

Dann atmete er aus.

Und atmete nicht wieder ein.


Jynela blieb bei ihm.
Ihre Hand hielt seine noch lange, nachdem sie wusste, dass er sie nicht mehr spüren konnte.
Die Zeit stand nicht still. Sie floss weiter, unerbittlich. Aber für sie hatte sie ihr Gewicht verloren. Alles was blieb, war seine Hand in ihrer.
Irgendwo bellte ein Hund.
Irgendwo rief jemand einen Namen.
Doch sie saß einfach nur dort, den Kopf gesenkt, während sich in ihr eine Stille ausbreitete, die größer war als Trauer.
Denn in dieser Nacht verstand sie etwas, das Fergus immer gewusst hatte.
Dass sie weiterlaufen würde.
Nicht, weil sie wollte.
Sondern weil es keinen anderen Weg gab.
Aber ebenso lernte sie, was es kostete.
Und warum sie nie wieder zulassen würde, dass Nähe leicht wurde.
Und irgendwo, tief in ihr, wusste sie bereits, dass dies der Moment war, in dem sie begann, wirklich allein zu laufen.
Aber ebenso lernte sie, was es kostete.
Und warum sie nie wieder zulassen würde, dass Nähe leicht wurde.




Die Stadt unter ihr lag dunkel. Die Mauern zeichneten sich schwarz gegen den Himmel ab, kantig, gleichgültig, als hätten sie schon zu viel gesehen, um sich noch für ein weiteres gebrochenes Leben zu interessieren. Irgendwo schlug eine Tür und riss sie zurück aus den Gedanken.
Leben ging weiter.
Es tat das immer. Ohne Rücksicht.
Und ihre Füße bewegten sich noch ein Stück weiter.
Erst dort, wo das Licht der Fackeln schwächer wurde und die Schatten länger, blieb sie stehen. Nicht, weil sie wollte – sondern weil ihr Körper es verlangte. Sie war am Ende angekommen, unter ihr öffnete sich das Gitter zum Meer hin.
Der Atem kam stoßweise. Zu schnell. Zu flach.
Als hätte jemand ihr die Brust zugeschnürt, langsam, geduldig, ohne Eile. Sie beugte sich nach vorn, stützte die Hände auf den Knien ab und für einen kurzen, gefährlichen Moment glaubte sie, sie würde fallen.
Tat sie nicht.
Sie fiel nie.
Aber etwas in ihr gab nach.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Etwas, das sie seit Jahren zusammenhielt, ein inneres Gelenk, eine Spannung, die sie trug – es löste sich ein Stück.
Und da war er.

Fergus’ Gesicht trat vor ihr auf, ohne Vorwarnung, ohne Gnade.
Nicht sterbend. Nicht blutig.
Lebendig. Wach. Ruhig.

So, wie er sie angesehen hatte, in den Momenten, in denen er mehr wusste, als er sagte. In denen seine Augen etwas hielten, das sie damals nicht hatte lesen wollen – diese stille Gewissheit, dass manche Wege nur ein Ende kannten, auch wenn man sie gemeinsam ging.
Sie presste die Augen zu, als könnte sie ihn so zurückdrängen. Als könnte Dunkelheit schützen.

„Verdammt“, flüsterte sie.

Und es war kein Gebet. Es war ein Aufbegehren gegen eine Welt, die nie fair gewesen war und es auch nie sein würde.
Der Schmerz war nicht neu.
Das war das Schlimmste daran.
Er hatte sich nicht abgeschliffen mit den Jahren, nicht leiser gemacht, nicht stumpf. Er hatte sich nur verlagert. War tiefer gerutscht, hatte sich eingerichtet, wie ein Messer, das man irgendwann nicht mehr herauszog, weil man gelernt hatte, damit zu leben. Weil man wusste, dass das Ziehen tödlicher sein könnte als das Bleiben.
Sie erinnerte sich daran, wie sie nach seinem Tod geglaubt hatte, irgendwann würde es leichter werden. Wie man ihr gesagt hatte, Zeit würde helfen.
Zeit tat nichts. Sie machte nur Platz.
Sie blieb noch einen Moment stehen, atmete gegen den Druck an, bis ihr Blick wieder klar wurde. Bis die Welt sich wieder scharf zeichnete, wie sie es brauchte.
Scharf bedeutete Kontrolle.
Scharf bedeutete Überleben.
Dann richtete sie sich auf.
Der Schmerz durfte bleiben.
Aber er durfte sie nicht halten.

Nur noch zwei Tage.

Für diesen Moment lag die Welt wieder ruhig vor ihr.
Scharf. Klar. Beherrschbar.

Jynela glaubte, sie hätte ihr Gleichgewicht wiedergefunden.

Sie wusste nicht, dass ihr Weg längst an einer anderen Stelle entschieden wurde, dass ihr Schicksal in anderen Händen lag.

Und dass in zwei Tagen ein einziger Entschluss bestimmen würde, wohin dieser Weg sie wirklich führte.
Antworten