Der Pfad zur Academia Arcana, unweit von Bajard, lag still im sanften
Licht des Morgens. Angelica schritt zwischen uralten Bäumen dahin,
ihr Umhang streifte das taunasse Gras am Wegrand. Sonnenstrahlen
fielen durch das Blätterdach, malten flimmernde Muster auf den Boden.
In den Ästen spielten Eichhörnchen, jagten sich kreischend und mutig von
Zweig zu Zweig. Angelica blieb kurz stehen, betrachtete das Spiel mit einem
Lächeln. Die Welt schien friedlich, beinahe zu vollkommen. Der Duft von
feuchtem Moos und blühender Wurzel nahm sie wie eine Decke auf. Doch tief
in ihr flackerte etwas – ein Gefühl, dass dies mehr war als ein einfacher
Morgen. Etwas wartete. Etwas rief.
Ein Rascheln ließ Angelica aufblicken. Zwischen den Zweigen saß ein
Eichhörnchen – doch nicht wie zuvor. Sein Fell war tiefschwarz, glänzte wie
feuchter Stein. Es regte sich nicht, starrte sie mit leeren, dunklen Augen an.
Dann, eines nach dem anderen, tauchten mehr auf. Überall. Aus dem
Unterholz, den Baumkronen, den Schatten. Dutzende. Hunderte. Alle von
derselben unnatürlichen Schwärze durchdrungen. Ein Druck legte sich auf
ihre Brust.
Dann kamen die Schreie. Zuerst fern, verzerrt – fremde Stimmen, voller
Panik. Doch mit jedem Herzschlag wurden sie deutlicher. Sarah, Amelio,
Salia... Stimmen von Schülern, von Magiern, die sie in der Academia gelehrt
hatte. Schmerzensschreie, Todesschreie.
Die Tiere bewegten sich. Näher. Lautlos. Die Dunkelheit am Boden waberte,
kroch wie Nebel in die Welt. Angelica konnte sich nicht rühren. Die Schwärze
griff nach ihr, kalt und schwer wie flüssiger Stein. Glühende Augen starrten
sie an, dann verschlang sie die Finsternis.
Nur noch Dunkelheit. Und die Stimmen derer, die einst waren – zerreißend,
sterbend, in den Schatten - jahrelang. Etwas schrie in ihr. Und zerbrach.
Angelica fuhr hoch, der Schrei noch auf den Lippen, während ihr Herz gegen
die Rippen trommelte wie ein verzweifelter Vogel im Käfig. Die Dunkelheit des
Raumes war dicht, doch nicht wie jene im Traum – keine glühenden Augen,
kein Flüstern in den Schatten. Nur die stille Nacht, durchbrochen vom Klang
ihres eigenen Atems.
„Angelica…“
Zephirinas Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch, doch voller
Sorge. Ihre Arme lagen schon um sie, hielten sie fest. Sie musste
längst wach sein. Wie so oft. Angelicas Haut war feucht, das Nachthemd
an Rücken und Hals durchgeschwitzt.
„Der Traum?“ fragte Zephirina, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
Angelica nickte stumm. Ihre Kehle war trocken, die Worte blieben
irgendwo tief in ihr gefangen – dort, wo die Dunkelheit eben noch
gelebt hatte. Sie vergrub das Gesicht an Zephirinas Schulter.
„Sie sterben...“ flüsterte sie. „Immer wieder. Und ich kann nichts tun.“
Das 'Nichts' ist immer bei mir
- Angelica Mondstein
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Der Strand von K’awi lag friedlich vor ihr. Das Meer rauschte leise gegen
die knorrigen Wurzeln der Mangroven, während warme Luft nach Salz und
Blüten duftete. Tom und Kael lachten am Ufer, Mera wiegte ihre kleine
Tochter im Arm, Nephele winkte ihr aus der Ferne, und Ignatius ging mit
Linnea Hand in Hand die Brandung entlang. Zephirina stand dicht bei ihr, ihre
Augen voller Wärme, als gäbe es keinen Ort auf der Welt, der schöner sein
könnte.
Angelica sog das Bild in sich auf – doch etwas begann sich zu verändern.
Zuerst kaum merklich: Das Blau des Himmels wirkte flacher, das Türkis des
Meeres verlor seinen Glanz, das Grün der Mangroven stumpfte ab. Auch die
Stimmen ihrer Freunde klangen gedämpft, fern, wie durch Schleier getragen.
Sie wollte nach Zephirinas Hand greifen, doch zögerte. Etwas in ihr bebte.
Zögerlich hob sie die Hände – und erstarrte. Ein schwarzer Schimmer kroch
über ihre Fingerspitzen, schwer, flackernd wie flüssiges Nichts. Er wanderte
langsam ihre Arme hinauf, legte sich über das Licht, das sie umgab.
Die Frage, die sie am meisten fürchtete, bohrte sich wie ein Dolch in ihr Herz:
Bin ich wirklich dem Nichts entkommen? Oder bin ich selbst ein Teil davon?
Sie wollte schreien, wollte die Antwort greifen – doch es gab keine. Nicht hier,
nicht in diesem Traum, nicht in ihr selbst. Die Frage rollte wie ein dunkler
Stein in ihr, ließ ihr Herz stocken, ihre Gedanken zerbrechen. Die Schatten
krochen weiter, umfingen ihre Arme, ihr Gesicht, zogen sich um ihren Körper
wie kaltes Wasser. Die Welt verblasste immer mehr, Zephirina wurde zu
einem fahlen Umriss, Tom, Kael, Mera und die anderen lösten sich in graues
Nichts auf.
Die Dunkelheit wuchs, verschlang den Strand, das Meer, die Mangroven. Sie
fühlte das Gewicht des Nichts auf ihrer Brust, das flackernde Schwarz in ihr,
das nach mehr verlangte. Es zog, umschlang, drohte, sie ganz aufzusaugen,
bis nur noch das Flüstern ihrer eigenen Angst durch den Raum hallte – und
nichts weiter.
Angelica fuhr hoch, zitternd, ihr Körper noch vom Traum durchdrungen.
Sie presste sich an Zephirina, deren Arme sich schützend um sie schlossen,
während ihr Herz rasend gegen die Rippen hämmerte.
„Angelica…“
Zephirinas Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch, doch voller
Sorge. Ihre Arme lagen fest um Angelica, hielten sie, und sie spürte die
Angst noch immer in jedem Zittern ihres Körpers.
„Alles… alles in Ordnung?“
Angelica wimmerte nur leise, drückte die Stirn an Zephirinas Schulter,
suchte Halt in der Wärme und Nähe.
„Ich bin hier, Angelica. Du bist sicher. Ich lasse dich nicht los.“
Angelica presste sich noch fester an sie, spürte Zephirinas Herzschlag gegen
ihr eigenes, und konnte nur wimmern. Sie war hier. Bei ihr. Hoffte sie...
die knorrigen Wurzeln der Mangroven, während warme Luft nach Salz und
Blüten duftete. Tom und Kael lachten am Ufer, Mera wiegte ihre kleine
Tochter im Arm, Nephele winkte ihr aus der Ferne, und Ignatius ging mit
Linnea Hand in Hand die Brandung entlang. Zephirina stand dicht bei ihr, ihre
Augen voller Wärme, als gäbe es keinen Ort auf der Welt, der schöner sein
könnte.
Angelica sog das Bild in sich auf – doch etwas begann sich zu verändern.
Zuerst kaum merklich: Das Blau des Himmels wirkte flacher, das Türkis des
Meeres verlor seinen Glanz, das Grün der Mangroven stumpfte ab. Auch die
Stimmen ihrer Freunde klangen gedämpft, fern, wie durch Schleier getragen.
Sie wollte nach Zephirinas Hand greifen, doch zögerte. Etwas in ihr bebte.
Zögerlich hob sie die Hände – und erstarrte. Ein schwarzer Schimmer kroch
über ihre Fingerspitzen, schwer, flackernd wie flüssiges Nichts. Er wanderte
langsam ihre Arme hinauf, legte sich über das Licht, das sie umgab.
Die Frage, die sie am meisten fürchtete, bohrte sich wie ein Dolch in ihr Herz:
Bin ich wirklich dem Nichts entkommen? Oder bin ich selbst ein Teil davon?
Sie wollte schreien, wollte die Antwort greifen – doch es gab keine. Nicht hier,
nicht in diesem Traum, nicht in ihr selbst. Die Frage rollte wie ein dunkler
Stein in ihr, ließ ihr Herz stocken, ihre Gedanken zerbrechen. Die Schatten
krochen weiter, umfingen ihre Arme, ihr Gesicht, zogen sich um ihren Körper
wie kaltes Wasser. Die Welt verblasste immer mehr, Zephirina wurde zu
einem fahlen Umriss, Tom, Kael, Mera und die anderen lösten sich in graues
Nichts auf.
Die Dunkelheit wuchs, verschlang den Strand, das Meer, die Mangroven. Sie
fühlte das Gewicht des Nichts auf ihrer Brust, das flackernde Schwarz in ihr,
das nach mehr verlangte. Es zog, umschlang, drohte, sie ganz aufzusaugen,
bis nur noch das Flüstern ihrer eigenen Angst durch den Raum hallte – und
nichts weiter.
Angelica fuhr hoch, zitternd, ihr Körper noch vom Traum durchdrungen.
Sie presste sich an Zephirina, deren Arme sich schützend um sie schlossen,
während ihr Herz rasend gegen die Rippen hämmerte.
„Angelica…“
Zephirinas Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch, doch voller
Sorge. Ihre Arme lagen fest um Angelica, hielten sie, und sie spürte die
Angst noch immer in jedem Zittern ihres Körpers.
„Alles… alles in Ordnung?“
Angelica wimmerte nur leise, drückte die Stirn an Zephirinas Schulter,
suchte Halt in der Wärme und Nähe.
„Ich bin hier, Angelica. Du bist sicher. Ich lasse dich nicht los.“
Angelica presste sich noch fester an sie, spürte Zephirinas Herzschlag gegen
ihr eigenes, und konnte nur wimmern. Sie war hier. Bei ihr. Hoffte sie...
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Wie so oft in der Nacht fuhr Angelica im Bett hoch, Herz und Atem wild,
Schweiß klebte ihr an der Haut, das Nachthemd an Rücken und Hals. Die
Dunkelheit des Traums haftete noch an ihr wie kaltes Wasser. Die Stille im
Raum war schwer, drückend. Kein Rascheln, kein Atemzug, kein vertrautes
Murmeln. Anders als sonst. „Zephirina…?“ flüsterte sie, rau und zittrig. Keine
Antwort. Nur die Ruhe, die sich wie ein Mantel aus Blei um sie legte.
Vorsichtig setzte sie die Füße auf den kalten Boden. Jeder Schritt hallte leise,
tief und unheilvoll. Ihr Blick fiel auf einen Spiegel, den sie nie zuvor bemerkt
hatte. Hoch, schmal, mit Rahmen aus dunklem Holz, dessen Schatten zu
atmen schien. Sie trat näher. Ihr Spiegelbild war vertraut – und doch fremd.
Schatten lagen wie ein feines Netz über ihr Gesicht, die Augen glühten von
innen, lebendig, hungrig. Ein Zittern lief durch die Luft. Dann krachte der
Spiegel, Risse jagten durch das Glas, und schwarze Flüssigkeit quoll heraus,
zäh, glänzend, kroch wie lebendige Tinte über den Boden, suchend, hungrig.
In den Scherben flackerten Bilder: verlorene Freunde, fliehende Gestalten,
getaucht in das fahle Licht des Raumes. Alles drängte sich in ihre Gedanken,
schwer wie eine Woge aus Angst und Einsamkeit. Kälte kroch über ihre Füße,
schlängelte sich die Beine hoch, und ein tiefes, wummerndes Pochen erfüllte
den Raum, als wollte die Dunkelheit selbst sie umgreifen. Dann sah sie es –
in der letzten Scherbe: sich selbst als Kind, klein, verloren, hinter Schatten
gefangen. Die Augen weit, stumm schreiend, und aus der Dunkelheit dröhnte
ein einziger Ruf: „Wach auf!“
Angelica schrie, fuhr hoch, Herz rasend, jeder Muskel zitternd. Die Stimme
hallte zunächst fremd und bedrohlich nach, bis sie warme Hände spürte, die
sie hielten. Der Nachhall veränderte sich – Zephirina hatte sie aus dem
Alptraum geweckt. Angelica klammerte sich an sie, zitternd, während die
Schatten des Nichts in ihrem Traum hinter ihr verblassten und sie erkannte,
dass sie nun wirklich wach war.
Sanft wurde sie in die warme Umarmung gezogen, gehalten wie ein
verängstigtes Kind, der Kopf an die Schulter der Geliebten gelegt. Leise kam
Zephirinas Stimme, grub sich durch die Stille des Raumes, versuchte den
aufgewühlten Geist der Magierin zu beruhigen.
„Es ist vorbei, Nuxanti. Sie sind fort, du warst stärker als sie, du hast
überlebt. Ich bin bei dir. Die Dunkelheit des Raumes ist nur die warme Nacht
der Insel. Du bist sicher, ich halte dich.“
Sachte strich Zephirina mit den Fingern durch Angelicas Haare, über ihr
Haupt, während sie sich in die Umarmung flüchten konnte, die zumindest für
den Moment die Schatten der Vergangenheit vertrieb.
Schweiß klebte ihr an der Haut, das Nachthemd an Rücken und Hals. Die
Dunkelheit des Traums haftete noch an ihr wie kaltes Wasser. Die Stille im
Raum war schwer, drückend. Kein Rascheln, kein Atemzug, kein vertrautes
Murmeln. Anders als sonst. „Zephirina…?“ flüsterte sie, rau und zittrig. Keine
Antwort. Nur die Ruhe, die sich wie ein Mantel aus Blei um sie legte.
Vorsichtig setzte sie die Füße auf den kalten Boden. Jeder Schritt hallte leise,
tief und unheilvoll. Ihr Blick fiel auf einen Spiegel, den sie nie zuvor bemerkt
hatte. Hoch, schmal, mit Rahmen aus dunklem Holz, dessen Schatten zu
atmen schien. Sie trat näher. Ihr Spiegelbild war vertraut – und doch fremd.
Schatten lagen wie ein feines Netz über ihr Gesicht, die Augen glühten von
innen, lebendig, hungrig. Ein Zittern lief durch die Luft. Dann krachte der
Spiegel, Risse jagten durch das Glas, und schwarze Flüssigkeit quoll heraus,
zäh, glänzend, kroch wie lebendige Tinte über den Boden, suchend, hungrig.
In den Scherben flackerten Bilder: verlorene Freunde, fliehende Gestalten,
getaucht in das fahle Licht des Raumes. Alles drängte sich in ihre Gedanken,
schwer wie eine Woge aus Angst und Einsamkeit. Kälte kroch über ihre Füße,
schlängelte sich die Beine hoch, und ein tiefes, wummerndes Pochen erfüllte
den Raum, als wollte die Dunkelheit selbst sie umgreifen. Dann sah sie es –
in der letzten Scherbe: sich selbst als Kind, klein, verloren, hinter Schatten
gefangen. Die Augen weit, stumm schreiend, und aus der Dunkelheit dröhnte
ein einziger Ruf: „Wach auf!“
Angelica schrie, fuhr hoch, Herz rasend, jeder Muskel zitternd. Die Stimme
hallte zunächst fremd und bedrohlich nach, bis sie warme Hände spürte, die
sie hielten. Der Nachhall veränderte sich – Zephirina hatte sie aus dem
Alptraum geweckt. Angelica klammerte sich an sie, zitternd, während die
Schatten des Nichts in ihrem Traum hinter ihr verblassten und sie erkannte,
dass sie nun wirklich wach war.
Sanft wurde sie in die warme Umarmung gezogen, gehalten wie ein
verängstigtes Kind, der Kopf an die Schulter der Geliebten gelegt. Leise kam
Zephirinas Stimme, grub sich durch die Stille des Raumes, versuchte den
aufgewühlten Geist der Magierin zu beruhigen.
„Es ist vorbei, Nuxanti. Sie sind fort, du warst stärker als sie, du hast
überlebt. Ich bin bei dir. Die Dunkelheit des Raumes ist nur die warme Nacht
der Insel. Du bist sicher, ich halte dich.“
Sachte strich Zephirina mit den Fingern durch Angelicas Haare, über ihr
Haupt, während sie sich in die Umarmung flüchten konnte, die zumindest für
den Moment die Schatten der Vergangenheit vertrieb.
- Angelica Mondstein
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Re: Das 'Nichts' ist immer bei mir
Die Alpträume ließen sich dämpfen. Angelica wusste das aus Erfahrung. Es gab
zwei Wege, sie fernzuhalten: Betäubung oder Erschöpfung. Wildkraut, langsam
geraucht kurz vor dem Schlafen, legte sich wie Nebel über den Geist, ließ die Bilder
verstummen, noch bevor sie Form annehmen konnten.
Die Nächte blieben ruhig, traumlos, leer. Doch am Morgen fühlte sie sich nie
wirklich ausgeruht. Der Schlaf war flach, der Geist stumpf, als hätte sie ihn nur
abgeschaltet, nicht geheilt. Die Erschöpfung wich langsam, das Gefühl der Leere blieb.
Der Spaziergang über die Insel sollte helfen. Die warme Luft, das leise Rauschen des
Meeres in der Ferne, das Rascheln der Mangroven. Leia bewegte sich ruhig neben ihr,
die alte Puma-Dame mit dem gemessenen Schritt eines Tieres, das nichts mehr
beweisen musste. Angelica folgte dem vertrauten Pfad, ließ den Blick schweifen,
versuchte, den eigenen Körper wieder zu spüren.
Dann blieb Angelica stehen.
Zwischen den knorrigen Wurzeln der Mangroven, halb verborgen im Schatten, saß
ein Lemur. Regungslos. Sein Fell war tiefschwarz, unnatürlich dunkel, als würde es
das Licht verschlucken. Die Augen glänzten stumpf, auf sie gerichtet, ohne Neugier,
ohne Furcht. Es beobachtete sie. Unverwandt.
Angelicas Magen zog sich zusammen. Ihr Verstand griff sofort nach einer Erklärung.
Das war nicht real. Es durfte nicht real sein. Sie blinzelte, zwang sich, den Blick zu
lösen – und als sie wieder hinsah, war der Schatten leer. Der Lemur war verschwunden,
lautlos, als wäre er nie dort gewesen.
Leia ging ruhig weiter, schnupperte am Boden, schenkte dem Ort keinen Blick.
Angelica holte langsam Luft und setzte sich wieder in Bewegung. Die Insel lag friedlich
vor ihr, warm und vertraut, und doch ließ das Bild sie nicht los. Der unbewegte Blick.
Die Schwärze, die kein Licht kannte. Sie sagte sich, es sei Einbildung, Müdigkeit,
der Preis der traumlosen Nächte.
Doch der Gedanke wich nicht.
Er blieb bei ihr, den ganzen Tag über – ein leiser, nagender Begleiter.
Die Gewissheit, dass etwas, das nicht real sein konnte, sie dennoch gesehen hatte.
zwei Wege, sie fernzuhalten: Betäubung oder Erschöpfung. Wildkraut, langsam
geraucht kurz vor dem Schlafen, legte sich wie Nebel über den Geist, ließ die Bilder
verstummen, noch bevor sie Form annehmen konnten.
Die Nächte blieben ruhig, traumlos, leer. Doch am Morgen fühlte sie sich nie
wirklich ausgeruht. Der Schlaf war flach, der Geist stumpf, als hätte sie ihn nur
abgeschaltet, nicht geheilt. Die Erschöpfung wich langsam, das Gefühl der Leere blieb.
Der Spaziergang über die Insel sollte helfen. Die warme Luft, das leise Rauschen des
Meeres in der Ferne, das Rascheln der Mangroven. Leia bewegte sich ruhig neben ihr,
die alte Puma-Dame mit dem gemessenen Schritt eines Tieres, das nichts mehr
beweisen musste. Angelica folgte dem vertrauten Pfad, ließ den Blick schweifen,
versuchte, den eigenen Körper wieder zu spüren.
Dann blieb Angelica stehen.
Zwischen den knorrigen Wurzeln der Mangroven, halb verborgen im Schatten, saß
ein Lemur. Regungslos. Sein Fell war tiefschwarz, unnatürlich dunkel, als würde es
das Licht verschlucken. Die Augen glänzten stumpf, auf sie gerichtet, ohne Neugier,
ohne Furcht. Es beobachtete sie. Unverwandt.
Angelicas Magen zog sich zusammen. Ihr Verstand griff sofort nach einer Erklärung.
Das war nicht real. Es durfte nicht real sein. Sie blinzelte, zwang sich, den Blick zu
lösen – und als sie wieder hinsah, war der Schatten leer. Der Lemur war verschwunden,
lautlos, als wäre er nie dort gewesen.
Leia ging ruhig weiter, schnupperte am Boden, schenkte dem Ort keinen Blick.
Angelica holte langsam Luft und setzte sich wieder in Bewegung. Die Insel lag friedlich
vor ihr, warm und vertraut, und doch ließ das Bild sie nicht los. Der unbewegte Blick.
Die Schwärze, die kein Licht kannte. Sie sagte sich, es sei Einbildung, Müdigkeit,
der Preis der traumlosen Nächte.
Doch der Gedanke wich nicht.
Er blieb bei ihr, den ganzen Tag über – ein leiser, nagender Begleiter.
Die Gewissheit, dass etwas, das nicht real sein konnte, sie dennoch gesehen hatte.
- Angelica Mondstein
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Re: Das 'Nichts' ist immer bei mir
Die Nacht blieb still. Kein Traum hatte sie verfolgt, kein wummerndes
Pochen hinter den Rippen. Der Schlaf war leicht, aber gleichmäßig. Im
Schlafzimmer lag nur der sachte Schein einer kleinen, filigranen Laterne,
deren blaues Licht zwischen unzähligen Pflanzen schimmerte. Ranken
hingen von der Decke, breite Blätter warfen weiche Muster an die Wände,
und leise plätscherte der kleine Wasserfall im Raum – alles ruhig, alles vertraut.
Dann ein Zupfen. Ein kaum spürbares Ziehen an einer Haarsträhne. Angelicas
Augen öffneten sich abrupt. Für einen Herzschlag war sie noch im Dazwischen.
Das Licht wirkte schwächer, die Schatten der Pflanzen dichter. Zwischen den
Töpfen huschte eine Bewegung, niedrig, flink, wie ein Schatten, der sich vom
Licht lösen wollte.
Ihr Herz schlug schneller. Dort, zwischen den Blättern – schwarze Umrisse.
Klein, geduckt, unheimlich vertraut in ihrer Form. Angelica glaubte, die
geschwungenen Rücken schwarzer Eichhörnchen zu erkennen, das Zucken
schmaler Schwänze, ein Glimmen im Halbdunkel. Einer kletterte über den
Rand des niedrigen Bettes, huschte dicht an ihr vorbei. Zu viele. Zu nah.
Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken, und für einen Moment war sie
sicher, dass die Dunkelheit aus ihren Träumen ihr gefolgt war.
Sie fuhr halb hoch, Herz wild, Muskeln angespannt. Neben ihr regte sich
Zephirina, noch ganz verschlafen. Kein Aufflammen von Magie, kein jäher
Ruck – nur eine ruhige Bewegung und eine Hand, die tastend Angelicas
Arm fand. „Angelica“, murmelte sie leise, nüchtern. „Das sind Kobolde.“
Die Worte holten sie zurück. Angelica blinzelte, zwang sich, genauer
hinzusehen. Das vermeintliche Schwarz war blasse Haut im warmen
Licht der Laterne. Dünne Finger, übergroße Ohren, einige mit leuchtend
bunten Haarsträhnen, die im Schein beinahe übermütig wirkten. Einer hatte
sich noch immer in ihrer Haarsträhne verfangen und verzog empört das
Gesicht, weil sie sich bewegt hatte. Keine glühenden Augen. Kein flüssiges
Nichts. Nur aufgeregte, wispernde Stimmen. Hastig trugen sie ihre Botschaft
vor. Zephirina setzte sich auf, strich sich das Haar aus dem Gesicht und hörte
mit einer Selbstverständlichkeit zu, als gehöre dies schlicht zum natürlichen
Lauf einer Nacht.
Einer nach dem anderen nickten die Kobolde zufrieden, als hätten sie ihre
Pflicht erfüllt. Zwei huschten zur Kellertreppe und verschwanden eilig nach
oben, ihre Schritte kaum hörbar auf den Stufen. Die übrigen lösten sich mit
einem leisen Knistern in der Luft auf – als hätte das Licht sie verschluckt.
Dann war es wieder still. Angelica ließ die Schultern sinken. Für einen
Moment hatte sie geglaubt, die Schatten hätten den Weg bis hierher gefunden.
Stattdessen war es nur das nächtliche Leben einer Schwester – und damit
nun auch das ihre.
Sie rückte näher an Zephirina heran, legte den Kopf an ihre Schulter.
„Ich dachte schon …“, murmelte sie leise. Zephirinas Hand strich beruhigend
über ihren Rücken. „Ich weiß, Nuxanti. Alles ist gut. Ich bin bei dir.“
Diesmal kehrte Angelica ohne Zittern in den Schlaf zurück.
Pochen hinter den Rippen. Der Schlaf war leicht, aber gleichmäßig. Im
Schlafzimmer lag nur der sachte Schein einer kleinen, filigranen Laterne,
deren blaues Licht zwischen unzähligen Pflanzen schimmerte. Ranken
hingen von der Decke, breite Blätter warfen weiche Muster an die Wände,
und leise plätscherte der kleine Wasserfall im Raum – alles ruhig, alles vertraut.
Dann ein Zupfen. Ein kaum spürbares Ziehen an einer Haarsträhne. Angelicas
Augen öffneten sich abrupt. Für einen Herzschlag war sie noch im Dazwischen.
Das Licht wirkte schwächer, die Schatten der Pflanzen dichter. Zwischen den
Töpfen huschte eine Bewegung, niedrig, flink, wie ein Schatten, der sich vom
Licht lösen wollte.
Ihr Herz schlug schneller. Dort, zwischen den Blättern – schwarze Umrisse.
Klein, geduckt, unheimlich vertraut in ihrer Form. Angelica glaubte, die
geschwungenen Rücken schwarzer Eichhörnchen zu erkennen, das Zucken
schmaler Schwänze, ein Glimmen im Halbdunkel. Einer kletterte über den
Rand des niedrigen Bettes, huschte dicht an ihr vorbei. Zu viele. Zu nah.
Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken, und für einen Moment war sie
sicher, dass die Dunkelheit aus ihren Träumen ihr gefolgt war.
Sie fuhr halb hoch, Herz wild, Muskeln angespannt. Neben ihr regte sich
Zephirina, noch ganz verschlafen. Kein Aufflammen von Magie, kein jäher
Ruck – nur eine ruhige Bewegung und eine Hand, die tastend Angelicas
Arm fand. „Angelica“, murmelte sie leise, nüchtern. „Das sind Kobolde.“
Die Worte holten sie zurück. Angelica blinzelte, zwang sich, genauer
hinzusehen. Das vermeintliche Schwarz war blasse Haut im warmen
Licht der Laterne. Dünne Finger, übergroße Ohren, einige mit leuchtend
bunten Haarsträhnen, die im Schein beinahe übermütig wirkten. Einer hatte
sich noch immer in ihrer Haarsträhne verfangen und verzog empört das
Gesicht, weil sie sich bewegt hatte. Keine glühenden Augen. Kein flüssiges
Nichts. Nur aufgeregte, wispernde Stimmen. Hastig trugen sie ihre Botschaft
vor. Zephirina setzte sich auf, strich sich das Haar aus dem Gesicht und hörte
mit einer Selbstverständlichkeit zu, als gehöre dies schlicht zum natürlichen
Lauf einer Nacht.
Einer nach dem anderen nickten die Kobolde zufrieden, als hätten sie ihre
Pflicht erfüllt. Zwei huschten zur Kellertreppe und verschwanden eilig nach
oben, ihre Schritte kaum hörbar auf den Stufen. Die übrigen lösten sich mit
einem leisen Knistern in der Luft auf – als hätte das Licht sie verschluckt.
Dann war es wieder still. Angelica ließ die Schultern sinken. Für einen
Moment hatte sie geglaubt, die Schatten hätten den Weg bis hierher gefunden.
Stattdessen war es nur das nächtliche Leben einer Schwester – und damit
nun auch das ihre.
Sie rückte näher an Zephirina heran, legte den Kopf an ihre Schulter.
„Ich dachte schon …“, murmelte sie leise. Zephirinas Hand strich beruhigend
über ihren Rücken. „Ich weiß, Nuxanti. Alles ist gut. Ich bin bei dir.“
Diesmal kehrte Angelica ohne Zittern in den Schlaf zurück.
- Angelica Mondstein
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Re: Das 'Nichts' ist immer bei mir

Der Strand lag ruhig im hellen Licht des Vormittags. Die Sonne stand bereits
höher, ließ das Meer in klarem Blau schimmern, während die Wellen gleichmäßig
gegen die Küste liefen. Leia lag ein Stück entfernt im Sand, hin und wieder zuckte ein
Ohr im Wind, doch sie blieb liegen, ruhig und aufmerksam zugleich.
Angelicas Bogen glitt ruhig über die Saiten, ließ eine leise, klare Melodie entstehen,
die sich unaufdringlich in das Rauschen des Meeres legte. Zephirina stand dicht bei ihr,
ein Arm ruhig um sie gelegt. Ihr Blick lag auf dem Horizont, dort, wo in der Ferne bereits
die Silhouetten von Masten zu erkennen waren. Das Schiff würde bald auslaufen.
Siebenwacht.
Die Entscheidung hatte festgestanden, noch ehe sie ausgesprochen worden war.
Familie ließ sich nicht aufschieben, nicht verschieben, nicht vertrösten. Und so
ruhig Zephirina es gesagt hatte, so klar war gewesen, dass sie gehen musste.
Die Melodie hob sich noch einmal leicht, wurde für einen Moment heller, bevor
sie langsam verklang. Der letzte Ton blieb einen Atemzug lang bestehen, dann war
nur noch das Meer.
Angelica ließ den Bogen sinken, hielt die Geige noch einen Moment, bevor sie sich
vorsichtig aus Zephirinas Arm löste und sich ihr zuwandte. Sie griff in ihre Tasche
und zog einen kleinen Ankerstein hervor, den sie Zephirina in die Hand legte.
„Damit ich dich besuchen kann.“, sagte sie leise. „Wann immer ich kann.“ Mehr
brauchte es nicht. Der Stein war kein Symbol, sondern ein Weg. Die magische
Verbindung die sie stets nah beieinander halten würde.
Zephirinas Finger schlossen sich darum, hielten ihn einen Moment länger, als
wäre darin bereits die Distanz spürbar, die kommen würde.
Angelica trat wieder näher, lehnte sich gegen Zephirina, suchte die vertraute
Wärme. Zephirinas Arm legte sich wieder um sie, zog sie ein wenig fester an sich.
Die Zeit verging, ohne dass sich etwas veränderte – und doch rückte der Abschied
mit jedem Atemzug näher.
Und so standen sie einfach dort im hellen Licht des Tages, nebeneinander, während
das Meer ruhig weiter rauschte und der Moment langsam begann, sich aufzulösen.