Wo das Grollen verstummte [MMT]

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Rago Getwergelyn
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Wo das Grollen verstummte [MMT]

Beitrag von Rago Getwergelyn »

Die Frostklamm schlief nie wirklich.

Selbst in den Stunden, in denen andere Orte in Stille versanken, lag hier ein leises Klingen in der Luft, ein fernes Zittern von Metall auf Stein, das durch die gewaltigen Gänge des Berges wanderte wie der ruhige Atem eines alten, unbeugsamen Wesens. Die Glutadern in den Essen warfen ihr warmes, bernsteinfarbenes Licht an die gewölbten Decken, während der Rauch träge unter dem Fels hing und den Geruch von Eisen, Schweiß und Erinnerung mit sich trug.

Rago stand an der steinernen Brüstung oberhalb der Sippenhalle und ließ seinen Blick schweifen. Von hier oben konnte er jedes Detail erkennen. Die Werkbänke waren sauber gereiht, die Ambosse glänzten vom stetigen Fleiß geduldiger Hände, Kisten voller Erz standen ordentlich gestapelt entlang der Wände. Es fehlte nicht an Disziplin, nicht an Ordnung, nicht an Handwerk. Die Getwergelyn waren keine Sippe, die dem Verfall anheimfiel.

Und doch spürte er, dass etwas fehlte.

Sein Blick verweilte an der Stelle, an der Baraffar einst gesessen hatte, den Rücken breit wie eine Mauer aus Granit, das Lachen tief und rollend, als könne selbst der Berg darüber schmunzeln. Nun stand dort nur eine leere Bank. Daneben der Amboss, an dem Buruffur seine Axt geschärft hatte, bis Funken wie ein Schwarm wilder Sterne über den Boden tanzten. Die Kerben im Stein waren noch sichtbar, doch die Stimmen, die einst zwischen den Pfeilern widerhallten, waren verstummt.

Viele Winter waren vergangen, seit diese Halle vom Grollen echter Krieger erfüllt gewesen war. Von Brüdern, die mit ihm auszogen, die das Donnern im Blut kannten und wussten, dass ein Zwerg nicht allein am Feuer der Schmiede besteht, sondern auch im Feuer des Gefechts. Damals war der Klang der Hämmer nicht nur das Geräusch von Arbeit gewesen, sondern das Versprechen von Stärke.

Neue waren gekommen, junge Getwergelyns mit ehrgeizigem Blick und geschickten Händen. Sie lernten schnell, arbeiteten hart, hielten die Halle am Leben. Rago verachtete das nicht. Handwerk war die Wurzel jeder Sippe, und ohne es würde selbst der stärkste Krieger bald mit stumpfer Klinge dastehen.

Doch kaum einer unter ihnen war ein richtiger Krieger.

Zu oft war Rago allein von draußen zurückgekehrt. Von Grenzwarth, wo der Wind scharf über die Mauern schnitt und selbst gestandene Zwerge prüfte. Von Wetteraui, wo Rauch und Blut sich vermischten und der Feind nicht nach Rang oder Titel fragte, sondern nur danach, wer stand und wer fiel. Von entlegenen Außenposten, wo Stahl ehrlicher sprach als Worte.

Und jedes Mal empfing ihn dieselbe Stille.

Er hatte seine Pflichten erfüllt. Er hatte die Sippe geführt, Streit geschlichtet, Entscheidungen getragen, die schwerer wogen als Erz. Er hatte Listen geführt, Absprachen getroffen, Verantwortung übernommen, wenn andere zögerten. Niemand konnte ihm nachsagen, er habe sich gedrückt.

Doch mit jedem Jahr wurde ihm klarer, dass dies nicht der Kern seines Wesens war.

Er war Wühler.

Kein Verwalter von Pergamenten. Kein Hüter endloser Absprachen. Sein Herz schlug nicht schneller beim Ordnen von Erzlieferungen oder beim Abwägen diplomatischer Worte, sondern dort, wo der Boden bebte und der Hammer in seiner Hand auf Widerstand traf. Dort, wo Brüder Schulter an Schulter standen und das Donnern ihrer Schritte wie ein Versprechen klang.

Seine Hand fuhr langsam durch den geflochtenen Bart, blieb an den Metallringen hängen. Die Narbe an seiner Wange spannte sich leicht, als er den Kiefer mahlte. Die Jahre hatten Spuren hinterlassen, nicht nur im Fleisch, sondern in Gedanken, die er lange beiseitegeschoben hatte.

Ein Zwerg braucht Stein unter den Füßen, ja. Aber er braucht auch Schultern neben sich. Schultern, die das gleiche Gewicht tragen. Nicht nur Lehrlinge, die kommen und gehen, nicht nur ehrbare Handwerker, so wertvoll sie sind, sondern Brüder, die bereit sind, mit ihm in dieselbe Dunkelheit zu treten, ohne zu fragen, wer vorne steht.

Er war älter geworden. Nicht schwach, nicht müde im Arm, aber bewusster. Er spürte, wie das Alleinsein ihn langsam abschliff wie Wasser den Fels, nicht mit einem lauten Bruch, sondern mit stetiger, leiser Erosion. Eine Sippe ist mehr als eine Halle, mehr als ein Name über einem Tor. Sie ist Gemeinschaft im Risiko, geteilte Last im Kampf. Wenn der Sippling allein steht, dann stimmt etwas im Gefüge nicht mehr.

Lange hatte er gehofft, dass neue Krieger kommen würden. Dass das alte Grollen zurückkehren würde, dass wieder Hammerschwinger durch diese Halle schreiten würden, mit Blicken, die nicht nur Glut im Ofen sahen, sondern das Feuer im Gefecht.

Heute jedoch wich das Hoffen einer klaren Erkenntnis.

Rago richtete sich langsam auf, die Dornenrüstung knarzte leise im Schein der Glut. Sein Blick ruhte ein letztes Mal auf der Halle, auf Stein, Werk und dem Erbe der Getwergelyn. Er würde nicht fliehen, nicht im Stillen verschwinden wie einer, der sich schämt.

Die Sippe würde zusammengerufen werden. Jeder, der noch diesen Namen trug, sollte erscheinen. Es war Zeit, offen zu sprechen, über Zukunft, über Führung, über das, was diese Halle wirklich tragen sollte.

Und danach würde er zum Rat gehen.

Nicht als Zweifler, nicht als einer, der sich von seiner Pflicht drückt, sondern als Zwerg, der verstanden hatte, dass sein Weg wieder dorthin führte, wo Stahl auf Feind trifft und nicht nur auf glühendes Eisen.

Mit ruhigen Schritten wandte er sich von der Brüstung ab und stieg hinunter in die Tiefe der Halle.

Es war Zeit, die Sippe zu versammeln.
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Rago Getwergelyn
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Re: Wo das Grollen verstummte [MMT]

Beitrag von Rago Getwergelyn »

Frostklamm. Die Halle wird zur Versammlung gerufen.
  • ᚱᚨᚷᛟ ᚷᛖᛏᚹᛖᚱᚷᛖᛚᛁᚾ


    An alle, die den Namen Getwergelyn tragen.

    Viele Winter sind vergangen, seit unsere Halle vom Grollen der Hammerschwinger-Krieger erfüllt war. Wir haben gearbeitet. Wir haben gebaut. Wir haben unseren Namen bewahrt.

    Doch eine Sippe ist mehr als Werkbank und Amboss.

    Zu oft wurden Wege allein gegangen.
    Zu oft kehrte einer aus Kampf und Auftrag zurück, während die Halle still blieb.

    Das ist kein Tadel.
    Aber es ist eine Wahrheit.

    Darum rufe ich euch alle zusammen.

    Jeder Getwergelyn, ob Lehrling, Handwerker oder Hammerschwinger, hat in der Halle zu erscheinen.

    Wir werden sprechen über den Weg unserer Sippe.
    Über Führung.
    Über Verantwortung.
    Und darüber, was die Getwergelyn künftig sein sollen.

    Eine Halle voller Werk.
    Oder eine Sippe, deren Name auch außerhalb des Berges Gewicht trägt.

    Erscheint zur festgesetzten Stunde.


    ᚱᚨᚷᛟ ᚷᛖᛏᚹᛖᚱᚷᛖᛚᛁᚾ


    Zhad Cirmias’
    Bild
Tazgrim Getwergelyn
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Re: Wo das Grollen verstummte [MMT]

Beitrag von Tazgrim Getwergelyn »

Mit einem lauten Poltern wirft Tazgrim, der sich gerade über ein neues Stück Gestein beugen wollte, seinen Hammer zur Seite. Ein tiefes Brummen entfährt ihm, während seine buschigen Brauen sich zusammenziehen. Ragos Worte haben ihn getroffen, so tief, dass er es kaum fassen kann. Das nagende Gefühl, das ihn schon so lange begleitet, der Gedanke an seinen eigenes zurückziehen, der Gleichgültigkeit, die ihn in den letzten Wochen erfasst hatte.
Er schluckt schwer und danach entweicht ihm ein tiefes Seufzen, das sich langsam in ein kurzes, trockenes Lachen verwandelt.

Dann, mit einem Entschluss, der in seinen Augen aufleuchtet, geht er zu seiner Werkbank, nimmt ein Stück Kreide zur Hand und schreibt groß und bestimmt auf die Schiefertafel, die für öffentliche Nachrichten herhalten muss. Wie es auch sei, er würde sich für die Sippe einsetzen




Mâhal Vetter Rago,

Akh, werd zur festgesetzten Stunde erscheinen.

Tazgrim Getwergelyn
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Rago Getwergelyn
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Registriert: Samstag 27. Januar 2018, 23:06

Re: Wo das Grollen verstummte [MMT]

Beitrag von Rago Getwergelyn »

Wo das Grollen verstummte – Fortsetzung

Die Halle der Getwergelyn war noch wach, als Rago das Sippenhaus betrat. Irgendwo in den hinteren Kammern arbeitete eine Schmiede, der schwere Atem eines Blasebalgs begleitete das rhythmische Schlagen eines Hammers. Der Geruch von heißem Eisen und Kohle hing träge unter den gewölbten Decken und vermischte sich mit dem würzigen Duft von Bhîr.

Rago trat mit schweren Schritten in den Thekenraum der Sippen-Halle. In seiner Hand hielt er eine Armbrust, deren Sehne er unterwegs immer wieder prüfend gespannt hatte. Für einen Wühler seines Schlages war das ein ungewohntes Werkzeug, doch in diesen Tagen dachte er öfter über Dinge nach, die früher kaum eine Rolle gespielt hatten.

An der Theke saß bereits Brogar.

Der Metallformer hatte sich breit auf der steinernen Bank niedergelassen und hielt einen Krug Bhîr in der Hand, aus dem noch der Schaum in seinen Bart tropfte. Als er Rago mit der Armbrust näherkommen sah, zog sich sein Gesicht zu einem breiten, zahnlückigen Grinsen.

„Was hast du da für ein Spielzeug?“ fragte er mit rauer Stimme.

Rago hob die Armbrust kurz an, als müsse er selbst noch einmal prüfen, ob sie wirklich so leicht wirkte, wie sie sich anfühlte. Dann winkte er mit einem schiefen Grinsen ab. „Für Übungszwecke.“

Brogar schnaubte leise. „Schlägst du damit zu?“

„Nein“, antwortete Rago und legte die Waffe schließlich auf die Theke. „Akh lerne damit den Fernkampf. Schießen und so.“

Der Metallformer musterte ihn einen Moment länger, dann zog sich sein Grinsen noch ein wenig breiter. „Wirst du müde auf deine alten Tage?“

Rago schüttelte nur den Kopf. „Nor. Akh arbeite an mir. Versuche mich weiterzuentwickeln.“

Seine Finger strichen kurz über das Holz der Armbrust, doch dann wurde sein Blick ernster. „Akh weiß nicht, ob dar das schon mitbekommen hast, aber derweil hab akh einen großen Groll auf die Kawianer.“

Brogar nickte langsam und zog dabei geräuschvoll die Nase hoch. „Nicht alles. Aber akh denke, dar meinst, weil sie mit den Pantherfotzen paktieren.“

„Ja“, antwortete Rago knapp. „Genau das.“

Sein Blick wurde härter, während er weitersprach. „Akh bereite mich darauf vor, die Kawianer – wenn es sein muss – von ihren hohen Mauern abzuschießen.“

Brogar nickte abfällig. „Akh denke, dass sie das noch bereuen werden. Vielleicht nicht heute und auch nicht morgen. Aber irgendwann wird ihnen das gehörig auf die Füße fallen.“

Rago ließ die Hand von der Armbrust sinken und atmete einmal tief durch, als müsste er etwas aus seiner Brust lösen, das sich über längere Zeit dort festgesetzt hatte. Schließlich legte er Brogar die schwere Hand auf die Schulter.

„Akh muss dir etwas Wichtiges sagen.“

Brogar sah kurz auf seinen leeren Krug, verzog das Gesicht und stemmte sich dann ächzend hoch. „Mit einem Krug Bhîr sagt sich alles besser.“

Wenig später standen zwei frische Krüge auf der Theke. Brogar reichte einen davon an Rago, und beide stießen kurz an, bevor sie einen tiefen Zug nahmen. Der Schaum blieb im Bart hängen, während Ragos Blick ruhig auf seinem Vetter lag.

„Akh kann die Verantwortung für die Getwergelyn so nicht länger tragen.“

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen wie ein schwerer Stein.

Rago sprach weiter und erzählte von Baraffar und Buruffur, von all den Hammerschwingern, die einst an seiner Seite gestanden hatten. Einer nach dem anderen waren sie gegangen und was geblieben war, waren ehrbare Kaluren, Metallformer und Handwerker, die das Werk der Sippe aufrechterhielten.

„Und was geblieben ist“, sagte er schließlich leise, „seid ihr Metallformer.“

Seine Finger schlossen sich fester um den Krug. „Akh sitze hier und führe Listen, ordne Werk und Schmiede. Doch akh fühle mich mehr wie ein Verwalter der Getwergelyn-Schmiede als wie ihr Oberhaupt.“

Brogar nickte langsam. „Mra. Akh verstehe, was dar meinst.“

Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Krug und stellte ihn dann schwer auf die Theke zurück. „Wir beide wissen, dass dar derzeit die gesamte Sippe allein trägst. Oder besser gesagt – dar bist derzeit die gesamte Sippe.“

Rago schwieg einen Moment, bevor er schließlich sagte: „Daher, mein mampfiger Vetter, werde akh den Rat einrufen.“

Brogar hob die buschigen Brauen.

„Akh werde dem Hohen Rat mitteilen, dass akh die Sippe der Getwergelyn verlassen werde und dich als meinen Nachfolger vorschlage.“

Die Worte klangen ruhig, fast nüchtern, als hätte er sie schon lange mit sich getragen.

„Und wenn Cirmias es so will“, fuhr er fort, „werde akh mich wieder stärker den kriegerischen Wegen unseres Volkes widmen und den Weg des Knochenbrechers gehen.“

Sein Blick verengte sich leicht. „So wie einst mein Bruder Rigo Hammergrund.“

Brogar sah ihn lange an. Dann kratzte er sich im Bart und fragte schließlich mit schiefem Grinsen: „Die Knochenbrecher… wirklich? Heiratest du eine von denen?“

Rago schüttelte langsam den Kopf. „Nor, Vetter. Um ein Knochenbrecher zu sein, muss man niemanden heiraten.“

Er erklärte ruhig, dass die Knochenbrecher eine Gemeinschaft von Kriegern seien, ein Titel, den jeder Kalur tragen könne, der sein Leben dem Kampf und dem Krieg widmete.

„Darum sagte akh“, schloss er, „den Weg des Knochenbrechers. Und wenn es mein Weg ist, dann werde akh mich den anderen Knochenbrechern anschließen.“

Brogar nickte schließlich langsam. „Akh verstehe dich, Rago, voll und ganz.“

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und tranken. Schließlich stellte Rago den Krug ab und brummte leise: „Über Jahre schon… aber irgendwann wird die Last so schwer, dass man sie nicht mehr tragen kann.“

Er sah seinen Vetter an. „Und die Liebe zu euch macht es nicht einfacher.“

Brogar winkte grunzend ab. „Dar weißt, dass dar immer einer von uns bleibst.“

Rago nickte ruhig. „Und so wahr mein Name Rago ist, werde akh immer ein Teil von euch bleiben. Komme, was wolle.“

Brogar klopfte ihm mit der schwieligen Pranke auf die Schulter, und ein schiefes Grinsen legte sich auf Ragos Gesicht, in dem sich Wehmut mit spürbarer Erleichterung mischte.

Schließlich fragte Brogar: „Willst dar den Rat einberufen, oder soll akh das tun?“

Rago schüttelte den Kopf. „Akh mach das. Zum Ende dieses Wochenlaufes. In zwei Tagen.“

Brogar nickte. „Gut. Akh werde da sein.“

Damit war alles gesagt.

Und während die beiden Zwerge ihre Krüge leerten und das Gespräch langsam in ruhigere Bahnen glitt, begann tief im Berg bereits die nächste Bewegung.

Denn wenn ein Kal Dar den Rat ruft, dann bleibt das im Stein nie lange ungehört.
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