Einen Monat.
Ein voller Mond war vergangen, seit das letzte Schreiben der Kaluren K’awi erreicht hatte. Oder vielmehr das von Chrom, denn anstelle einer Einladung zum Gespräch hatte man ihnen kurz danach ein Ultimatum überbracht – verbunden mit der unverhohlenen Drohung kämpferischer Handlungen, sollte sie diesen Forderungen nicht nachkommen.
Gewalt statt Worte.
Mehr als einmal hatte Angelica miterlebt, wie Spannungen zwischen den Völkern gewachsen waren, wie Misstrauen genährt und schließlich in offene Konflikte getragen wurde. Doch niemals zuvor war die Spirale der Eskalation so rasch, so entschlossen und vor allem so einseitig in Bewegung gesetzt worden – noch ehe überhaupt ein erstes Wort zwischen den Beteiligten gefallen war.
Und vielleicht war es gerade das, was schwerer wog als die Drohung selbst.
Enttäuschung.
Doch so unerquicklich die Lage auch war, Angelica gedachte nicht, sich ihr schlicht zu fügen.
Mit ruhiger Entschlossenheit zog sie Feder und Pergament heran. Wenn Worte bislang keinen Raum gefunden hatten, so war es an ihr, diesen erneut zu schaffen. Mit bedachten Strichen begann sie ein weiteres Schreiben aufzusetzen – gerichtet an Chrom, in der leisen, aber unbeirrbaren Hoffnung, dass der Dialog noch nicht vollends verstummt war.
Wissen und Weisheit, Chrom Felsschläger,
seit unserem letzten Austausch ist einige Zeit vergangen. Ich gehe davon aus,
dass Ihr Gelegenheit hattet, die Angelegenheit mit Morgosh Hammergrund
zu besprechen.
Umso mehr hat es mich erreicht, dass aus Eurer Gemeinschaft ein Ultimatum
an uns herangetragen wurde, dessen Nichterfüllung mit offener Gewalt
beantwortet werden soll.
Gerade vor dem Hintergrund der Kämpfe, die wir in der Vergangenheit Seite
an Seite bestritten haben, hatte ich gehofft, dass wir zunächst den Weg des
direkten Austausches wählen würden.
Es liegt mir fern, bestehende Spannungen weiter zu nähren. Vielmehr ist es
mein aufrichtiges Anliegen, durch ein persönliches Gespräch Klarheit zu schaffen,
bevor Entscheidungen getroffen werden, die sich nicht ohne Weiteres
zurücknehmen lassen.
Ich bin überzeugt, dass ein offenes Wort zwischen uns mehr vermag als jedes
Ultimatum.
Mein Angebot gilt weiterhin:
Nennt mir Ort und Zeit, und ich werde erscheinen.
Möge Weisheit unsere Schritte leiten.
Gezeichnet
Matriarchin der Akademie der arkanen Künste und Wissenschaften
sowie deren praktischer Anwendung zu K'awi
