Tausend goldene Stimmen

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Zayn Javeed Ryzan
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Registriert: Samstag 24. Juni 2023, 15:06

Tausend goldene Stimmen

Beitrag von Zayn Javeed Ryzan »

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~* Der erste Tag *~
  • Zayns geschundene, nackte Füße schlurften langsam, mühselig, durch den brennenden Wüstensand, zurück in Richtung der goldenen Stadt. Es war schwer, durch den Nebel an roten Schmerzen einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt, doch zumindest sein Ziel war klar: Das kleine Haus hinter dem Anwesen seiner Familie, der Schakale. Manchmal blubberte eine Frage aus den Tiefen seines Bewusstseins empor; Fragen, auf die er zumindest im Moment keine Antworten hatte. Begann die genannte Frist von drei Tagen mit Verlassen der Burg der Hadcharim, oder mit Sonnenuntergang? Auch wenn er keinen Hakim an die Verletzungen lassen durfte, wie stand es um eigene Bemühungen? Würde er überhaupt die Nacht überstehen? Dunkel erinnerte er sich an eine Bemerkung Sahids, irgendwas von einer punktierten Lunge…

    Mit einem verwirrten Blinzeln starrte er auf seine eigene Eingangstür. Wie lange war er bereits hier gestanden, verloren in den eigenen Windungen seines Gehirns? Träge und verwundert hob er den Kopf, um seinen Fokus über den kleinen Innenhof schweifen zu lassen, doch auch hier fand er nichts als Stille vor. Vielleicht ein kleiner Segen der Weisen der Oase selbst, dass keine Patrouille ihn auf dem Weg durch die Stadt aufgehalten hatte, kein Kind hatte ihn mit neugierigen Fragen gelöchert. Ob Sahid wohl auch damit etwas zu tun hatte, eine kleine Geste des Mitleids…wohl kaum. Viel hatte er von jenem Maleem zu erwarten, doch ‘Mitleid’ gehörte mit ziemlicher Sicherheit nicht dazu.

    Ein leises, mühseliges Durchatmen, begleitet von Schmerzen im Bereich seines Torsos, ehe er kurz, verharrend, die Augen schloss. Es war ein Versuch, sich auf die Ruhe in seinem Inneren zu besinnen, den Schmerz auszublenden, der dort mit einer Wut von tausend Nadeln wütete. Als er die Lider wieder anhob, fand er sich am Boden seines Wohnbereiches wieder, zwischen grünen Samtkissen und fein gewobenen Teppichfransen. Irgendwo hörte er das Echo der Stimme seines Radeh, gesprochen im Ton, teilnahmsloser, wissenschaftlicher Analyse. “Er verliert immer wieder das Bewusstsein. Entweder Blutverlust, vielleicht innere Verletzungen, oder eine Gehirnerschütterung. Wenn er die Nacht übersteht, sehe ich es mir genauer an. Andernfalls hätte ich ohnehin wenig tun können.”
    Es war stets ein Fluch und ein Segen gewesen, als Spross einer Familie von Heilern aufzuwachsen. Manchmal ist es eine Gnade, nicht alles zu wissen.
~* Der zweite Tag *~
  • Sein Magen knurrte, wie ein hungriger Schakal nach einer erfolglosen Jagd. Ein Problem, das unter normalen Umständen einfach zu bewältigen gewesen wäre - wenn der Ryzan nicht die letzte Stunde damit verbracht hätte, sich langsam in eine sitzende Position hoch zu kämpfen. Nun stand er vor der Frage, wie er es in den Stand schaffen sollte, ohne dabei vor Schmerz direkt wieder umzukippen. Vielleicht wäre es am gestrigen Tag die bessere Wahl gewesen, den Weg ins Familienhaus einzuschlagen, doch zumindest konnte Zayn nun den Instinkt sterbender Tiere nachvollziehen, die sich für ihre letzten Stunden in irgendwelche entlegenen Ecken verkrochen. Wenn man dahinsiechte, am Rande seiner eigenen Existenz, war Einsamkeit der einzige Begleiter. War dies eine der Lektionen, die es zu lernen galt? Alle Bande und Verbindungen gesprengt, neu geboren aus den eigenen Schmerzen? Zumindest seine Gedanken waren ein wenig klarer nach der ersten Nacht, wenn auch ungewohnt philosophisch in ihren Bahnen.

    Als der Soldat nun versuchte herauszufinden wie lange er hier in Ohnmacht auf dem Boden seiner eigenen Behausung verbracht hatte, drang unweigerlich das Klappern von Töpfen, das aufgeregte Fegen und Wuseln fleißiger Natifahs an seine Ohren. Töne, die ihn wie ein Donnerschlag trafen, riefen sie doch in unangenehmer Klarheit den heutigen Abend in Erinnerung: Das erste Fest der anerkannten Familien Menek’Urs, eine neue Tradition, die vom Blut der Schakale eingeleitet werden durfte. So sah er sich für einen Moment gefangen zwischen seiner Pflicht als Oberhaupt jener Familie und den Befehlen seines Maleems. Ein Herzschlag nur kämpften jene beiden Seiten in ihm, eh sie sich zu einer einfachen, pragmatischen Lösung verbanden. Es fehlte ihm an Kraft und Willen, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, als den nächsten Atemzug. Tatsächlich fehlte es ihm sogar an Kraft, Schrecken zu verspüren über die möglichen Reaktionen auf sein Äußeres, oder Scham über die Mischung aus verkrustetem Blut und Erbrochenem, die zusammen mit dem Dreck immer noch an ihm klebte.

    Vielleicht fühlten sich Aussätzige so, die geschundenen Bettler in den dunklen Bereichen des Baed’Madiner Hafens. Allgegenwärtig, umgeben von Leid und Schmerz, gehüllt in eine widerwärtige Hülle, und doch schlicht dem eigenen Schicksal ergeben. Näher an der Unendlichkeit, als je zuvor.
~* Der dritte Tag *~
  • Wo er die Kraft hergenommen hatte, das Treffen der Familien zu bewältigen, war ihm selbst nicht ganz klar. Eine Portion Trotz, ein Funke im Inneren, genährt vom eigenen Schmerz. Die Blicke der Anwesenden hatte er zwar bemerkt, doch schienen sie selten wirklich in sein Inneres vorzudringen. Weder das Mitleid erreichte ihn, noch Missbilligung oder gar Ekel. Trotz des Stechens bei jedem Schritt und obwohl inzwischen sein halbes Gesicht angeschwollen war und ihm die Sicht des rechten Auges raubte, hatte er sich selten so klar gefühlt. Klar und leer, wie ein reines, frisches Gefäß aus Ton. Eine seltsame Ironie, wo doch alleine seine Anwesenheit und der Gestank, der an ihm haftete, ausreichen sollten, damit Gäste des Festes den Raum verließen, um nach frischer Luft zu schnappen.

    Am nächsten Morgen, als die Gedanken an ihm vorbeigezogen waren wie Wolken an einem Frühsommertag, war es seltsamerweise kein Stolz gewesen, der ihn getrieben hatte, mehr eine Art unbändiger Befehl. Er war noch nicht am Ende. Nicht hier, nicht auf diese Weise. Dieser Fakt lag klar auf seiner eigenen Zunge, und so verblieb nur der Weg nach vorne. Wenn dies nicht seine letzten Tage waren, warum sollte er dann verweilen? Im Gegenteil, war es nicht schlicht und ergreifend seine Pflicht, vor der All’Mara, sich voran zu kämpfen, durch das Dickicht seines eigenen Elends? Stets hatte er geschworen, dass er alles geben würde. Für seine Familie, für sein Volk, für das Blut der Omar und den Erhabenen in seinem strahlenden Glanz. Nun, viel einfacher hätte sein Auftrag daher nicht sein können.

    Er hatte noch nicht alles gegeben.
    Nicht, solange sein Herz schlug und seine Brust sich mit jedem Atemzug hob und senkte.
    Es gab zu tun.
Zuletzt geändert von Zayn Javeed Ryzan am Samstag 11. Mai 2024, 15:10, insgesamt 1-mal geändert.
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Zayn Javeed Ryzan
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Näher an den Sternen

Beitrag von Zayn Javeed Ryzan »

Der Weg zurück begann leise. Diesmal war da kein Schwur, nur eine klar formulierte Bitte, ein Entschluss. Gedämpft plätscherte das warme Wasser im Badehaus der goldenen Stadt, während draußen die Nacht noch schwer auf Menek’Ur lastete. Nasser Nebel hing zwischen den steinernen Säulen wie ein milchiger Schleier, trug den Duft von Kräutern, Ölen und altem Marmor, und für einen Moment hatte Zayn das seltsame Gefühl, als sei er in eine nächtliche Traumvision getreten. Langsam löste er die Schnallen und Gurte seiner Kleidung. Leder und Stoff glitten zu Boden, leise, beinahe ehrfürchtig, bis er schließlich nackt vor dem Becken stand, allein mit dem Körper, der ihn so viele Jahre getragen und im letzten Jahreslauf doch so oft verraten hatte. Narben zeichneten sich auf seiner Haut ab, manche hell, manche dunkel, einige kaum noch sichtbar, andere roh und präsent, als weigerten sie sich, Teil der Vergangenheit zu werden. Erinnerungen an frühere Verletzungen, aber auch an harte Mühen und bestandene Prüfungen. Ohne Hast trat er die ersten Schritte ins Wasser. Wärme schloss sich um ihn, kroch über Knöchel, Waden und Oberschenkel, legte sich schließlich wie ein schwerer Mantel um seinen gesamten Leib. Ein leiser Atemzug entwich seinen Lippen, dann sank er langsam auf die Knie und senkte den Kopf, während das Wasser über Schultern und Nacken rann. Nicht alles ließ sich fortspülen wie der Sand der Durrah. Manche Dinge, die dunkelsten Gedanken, blieben oft zurück. Egal wie oft man sich wusch, wie oft man versuchte, neu zu beginnen. Doch in diesem Moment ging es um den Weg voran. Es ging darum, sich selbst wieder zu spüren, unter all dem Schmutz, dem Blut, dem Staub des letzten Jahres. Als er sich schließlich erhob und das Becken verließ, fühlte er sich weder rein noch erlöst – aber wach und gesund. Und Wachheit war ein Anfang.

Noch vor dem ersten Grau des Morgens band der Wüstensohn die Trainingsgewichte an Arme und Beine, so wie Sahid es ihm geheißen hatte. Das Metall war kalt, ein starrer, unmissverständlicher Kontakt zur Wirklichkeit. Jeder festgezogene Riemen war eine stumme Bestätigung dessen, was er bereits erahnt hatte: sich jene Würde wieder zu verdienen, die Ehre der Ausbildung, sollte kein einfacher Weg sein. Die Tore Menek’Urs lagen still, als er sie passierte, abgesehen von den Kameraden im Nachtdienst. Hinter ihm verblassten die goldenen Kuppeln der Stadt zu dunklen Umrissen, doch vor ihm breitete sich die Durrah aus, endlos und vermeintlich leer, von einer Schönheit, die ebenso erhaben wie grausam war. Der Sand schimmerte blass im letzten Sternenlicht, feine Körner knirschten unter seinen Stiefeln. Die Nachtluft war scharf und kühl, biss ihm in die Haut, kroch durch Stoff und Leder, als wolle sie prüfen, ob sein eigenes Herz warm genug loderte um hier bestehen zu können. Die Wüste war in diesen Stunden ein anderer Ort, nicht brennend vor Hitze, sondern still und eisig.[/list]

Sein Atem stieg als schwacher Dunst vor seinem Gesicht auf, während er die ersten Schritte setzte. Anfangs fühlten sie sich harmlos an, fast trügerisch leicht, aber schon bald meldeten sich Muskeln und Gelenke, zunächst als dumpfes Ziehen, dann als stetig wachsender Druck, der sich mit jedem Meter tiefer in seinen Körper grub. Zayn ließ den Blick über den Horizont gleiten, über sanfte Dünenkämme, scharfkantige Felsformationen und dunkle Senken, in denen sich die Nacht sammelte wie stehendes Wasser. Die Durrah wirkte reglos, doch er wusste, dass sie lebte. Unter dem Sand kroch und lauerte es, kriechendes Getier hinterließ feine Spuren, die im Mondlicht kaum sichtbar waren, und hin und wieder huschte ein Schatten davon, lautlos und wachsam. Als das erste fahle Licht den Himmel berührte, unter dem er schwerfällig rannte, begann die Kälte langsam zu weichen. Die Hitze kam jedoch nicht abrupt, nein, sie kroch heran. Sie legte sich auf seine Haut, sammelte sich in der Luft, machte jeden Atemzug schwerer, zäher. Schweiß rann ihm in die Augen, brannte, verschleierte seine Sicht, doch er lief weiter, Schritt um Schritt, bis selbst das Brennen in den Muskeln zu einem gleichförmigen Hintergrundrauschen wurde. Erst als die Sonne deutlich ein wenig über dem Horizont stand, wandte er sich um. Der Rückweg war ein verschwommener Korridor aus Sand, Schmerz und Willen.

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Die Nahrung, die er an diesen Tagen zu sich nahm, war einfach - ganz, wie Sahid es befohlen hatte. Datteln und Feigen aus der Oase, Beeren, Wurzeln und Knollen aus der Durrah. Hin und wieder ein Skorpion oder eine Schlange aus der Wüste, gefangen mit tödlicher Präzision. Es waren keine ausschweifenden Mahlzeiten, zubereitet von den Händen wunderschöner Natifahs, doch diese Happen waren nahrhaft und, in gewisser Weise, waren sie auch rein, ohne unnötigen Schnickschnack. Irgendwie schien es sogar auf seltsame Weise vertraut, beinahe beruhigend, als hätte die Wüste selbst entschieden, ihn nicht verhungern zu lassen. Der Hunger wich jedoch nie ganz, ein nagendes Biest in seinem Inneren, das langsam stärker wurde und nach mehr forderte.

Während er Tagsüber seinem Dienst und sonstigen Werken nachging, brachten die Abende eine andere Art von Prüfung. Als die Sonne sank und der Himmel sich in Rot, Violett und dunkles Blau tauchte, legte Zayn erneut die Gewichte an. Sein Leib war müde, schwer, widerspenstig, doch nach einigen Tagen dieser Tortur sollte sich zumindest eine Art Rhythmus einstellen. Er wusste, dass Widerstand Teil des Weges war - kein Zeichen, ihn zu verlassen. Nie wieder. Mit dem Verschwinden der Sonne kehrte allerdings auch die Kälte zurück. Sie kroch aus dem Sand empor, legte sich über Muskeln, die ohnehin brannten und ließ diese ersteifen. Hin und wieder zitterte er, während er lief, ein Zittern, das nicht allein aus Erschöpfung geboren war. Manche Abende verliefen still, an anderen schien die Durrah zu flüstern. Der Wind strich über die Dünen und ließ den Sand in feinen Schleiern tanzen, formte für flüchtige Augenblicke Gestalten, die im nächsten Moment wieder zerfielen. Er lief weiter.

Der Aufstieg, der steile Pfad am Rande des Berges, wurde zum letzten Abschnitt an jedem Tag. Der Weg schlängelte sich zwischen hellen Felsen hindurch und kleine Steine lösten sich immer wieder unter seinen Stiefeln um klackernd in die Tiefe zu rutschen. Je höher er stieg, desto mehr öffnete sich der Himmel über ihm und die Sterne wurden, einer nach dem anderen, sichtbar. Vorbei an Statuen vergangener und lebendiger Priester. Oben angekommen, umfing ihn eine Stille, die anders war als jene der Wüste - tiefer und tragender, voller Erwartung. Der Tempel ruhte hier, wie ein alter Wächter aus Stein, seine Säulen vom Mondlicht silbern überzogen. Die Mauern der Durchgänge waren kalt unter Zayns Fingern, als er eintrat. Der Boden war kühl, fast tröstlich für seine geschundenen Füße. Er kniete und schloss die Augen. Lauschte, nach außen, nach innen. Dem eigenen Atem, dem leisen Pochen seines Herzens. Seine Gebete waren ein Flüstern, manchmal kaum mehr als Gedanken. Worte von Bitte und Hingabe, von Zweifel und Standhaftigkeit. Ein Flehen, doch er war sich nie sicher, ob er wirklich eine Antwort erhoffen sollte. Was bedeutete es zu glauben, im Angesicht realer Götter? Wie schwer sollte es wiegen, wenn jene erhabenen Wesenheiten ihm keine Antwort schenkten? Fragen, welche wohl nur die Priesterschaft dieser heiligen Hallen selbst beantworten könnte - womöglich war es an der Zeit, sie aufzusuchen. Gehörte dies zu einem geheimen Plan, den Sahid mit seinen Befehlen verfolgt hatte? Als jede Nacht zu Ende ging, der Morgen von Neuem mit einem Lauf durch die Durrah begrüßt wurde - Morgen um Morgen, mit wenig Schlaf doch starkem Willen - war Zayn Javeed Ryzan noch immer nicht würdig. Doch langsam wurde er wieder zu einem Mann, der Würde tragen konnte. Und vielleicht war genau das der erste Stein auf jenem Pfad, den Sahid ihm hatte zeigen wollen.
Vielleicht.
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Zayn Javeed Ryzan
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Re: Tausend goldene Stimmen

Beitrag von Zayn Javeed Ryzan »

Der Staub des Übungsrings hatte sich längst wieder gelegt, als die Schritte des Charims hinter den schweren Toren der Ordensburg verklangen. Zayn saß bereits, die Beine gekreuzt im Sand, den Rücken aufrecht, die Hände locker auf den Knien ruhend. Unweit von ihm, wo sein Körper zuvor beim Übungskampf zu Boden gegangen war, zeichnete sich noch eine flache Spur im Staub ab - ein unscheinbares Zeichen all jener Momente, in denen er zu langsam gewesen war. Am Ende war es kein spektakulärer Fehler gewesen, kein dramatischer Zusammenbruch, sondern lediglich ein Augenblick der Unachtsamkeit, ein wahrnehmbares Stocken zwischen Befehl und Handlung. Doch genau in diesem winzigen Abstand lag die Lektion, und genau deshalb saß er nun hier.

Die Nacht hatte sich inzwischen über die Durrah gelegt und spannte ihr dunkles Gewölbe über die Mauern der Ordensburg. Sterne funkelten am Firmament, unzählbar und klar, während ein trockener Wind aus der Wüste herüberstrich um feine Schleier aus Staub über den Hof zu tragen. Der Talif jedoch konzentrierte sich auf den Boden vor sich, auf die unregelmäßigen Linien im Sand, die Spuren von Stiefeln und Bewegungen, die von zahllosen Übungen vergangener Tage erzählten.

Die Worte des Charims hallten noch immer in seinem Kopf nach. Er solle nachdenken, hatte Neriman gesagt, darüber, was eine Anweisung eines Vorgesetzten oder des Erhabenen für ihn bedeute. Der Befehl war ruhig ausgesprochen worden, und doch lag in ihm eine Schwere, die weit über die Strafe hinausging. Ein Befehl war keine Einladung zum Überlegen, keine höfliche Bitte, der man nach eigenem Ermessen nachkommen konnte. Ein Befehl war eine Entscheidung, die bereits gefallen war, eine Linie, die gezogen wurde. Zwischen diesen beiden Dingen – Wort und Handlung – durfte kein Raum entstehen, kein Zögern, kein tastendes Suchen.

Zayn ließ den Gedanken langsam durch seinen Geist wandern, während die Stunden der Nacht still über den Hof hinweg zogen. Mit der Zeit begann die Kälte aus dem Sand aufzusteigen, zuerst kaum spürbar, dann immer deutlicher, bis sie sich durch Stoff und Leder arbeitete und schließlich die müden Muskeln seines Körpers erreichte. Die Hitze des Trainings war längst verschwunden, der Schweiß getrocknet, zurück blieb nur die steife Müdigkeit eines Körpers, der lange gearbeitet hatte und nun gezwungen war, reglos zu verharren. Seine Knie meldeten sich mit einem dumpfen Druck, die Hüften begannen langsam zu schmerzen, und er kämpfte darum, sich nicht zu bewegen. Er musste sich ablenken, irgendwie - und so kehrte seine innere Stimme immer wieder zu derselben Frage zurück. Was bedeutete ein Befehl? In der Armee hatte er viele gehört, manche laut gebrüllt, andere ruhig gesprochen. Manche waren töricht gewesen, manche klug. Doch in allen lag dieselbe Forderung: handeln. Nicht überlegen, nicht abwägen, nicht abwarten. Handeln. Der Fehler des heutigen Abends hatte nicht im Stolpern gelegen, nicht in seiner anfänglichen Unfähigkeit. Der Fehler lag in diesem winzigen Augenblick, in dem sein Körper den Worten des Charims nicht sofort gefolgt war.

Erst als der Himmel im Osten allmählich heller wurde, bemerkte er, wie viele Stunden vergangen waren. Die Nacht verlor langsam an Tiefe, das Schwarz wich einem blassen Grau, das sich hinter den Dünen der Durrah ausbreitete. Irgendwann fiel ein erster, schmaler Streifen Sonnenlicht über die Wüste und kroch langsam näher, bis er schließlich den Fuß des heiligen Berges Cantar berührte. Zayn hob den Kopf. Langsam richtete er sich auf - ein Versuch, der erst im zweiten Anlauf gelingen wollte. Seine Beine reagierten mit einem stechenden Ziehen auf die Bewegung, das Blut kehrte kribbelnd in Muskeln zurück, die zu lange still gehalten worden waren. Für einen kurzen Moment blieb er stehen, atmete langsam und tief, bis sich das Zittern gelegt hatte, dann ging er hinüber zum Wasserfass am Rande des Hofes. Das Holz fühlte sich kühl unter seinen Fingern an, als er eine bereitliegende Kelle anhob und sie mit Wasser füllte. Der erste Schluck war beinahe schmerzhaft. Kühl rann das Wasser über seine trockenen Lippen, den ausgedörrten Hals hinab, und es fühlte sich an, als würde der Körper jeden Tropfen gierig an sich ziehen. Er schluckte langsam, ließ den Geschmack von Staub und klarem Brunnenwasser auf der Zunge verweilen, bevor er ein zweites und schließlich ein drittes Mal trank. Dann stellte er den Becher wieder zurück an seinen Platz. Mehr war nicht erlaubt, und mehr brauchte es auch nicht. Der Tag begann.

Während die Sonne langsam höher stieg, trat Zayn durch die Tore der Burg in die Wüste hinaus. Die Luft begann bereits zu flimmern, und der Staub unter seinen Füßen fühlte sich trocken und leicht an, als er den Blick über die sandigen Dünen gleiten ließ. Die Worte des Charims kamen ihm erneut in den Sinn. Er solle an die Stellen und Techniken denken, hatte Neriman gesagt. Er solle sie üben – sehend und blind. So begann er, zuerst langsam, beinahe bedächtig, als würde er jede Bewegung neu ertasten. Die Drehung der Hüfte, die Stellung der Füße, die Positionen an Nacken, Kehlkopf, Nasenbein, selbst jenen Hieb am Solarplexus. Seine Schritte zeichneten Kreise in den Staub, während seine Arme die Techniken wiederholten, die ihm gezeigt worden waren. Immer wieder ließ er die Bewegungen durch seinen Körper laufen, suchte nach jenem Punkt, an dem sie mühelos ineinander griffen.

Nach einer Weile griff er nach der Augenbinde. Als der Stoff sich über seine Augen legte, verschwand die Welt hinter einem Schleier aus Grau, und plötzlich blieb nur noch der eigene Atem, das Gefühl des unsteten Bodens unter den Füßen und die Erinnerung an jede einzelne Bewegung. Der Sand raschelte leise bei jedem Schritt, die drückende Hitze presste auf seine Haut, während er weiter übte, langsam, konzentriert, den Körper durch dieselben Abläufe führend, bis die Techniken sich wie eine zweite Natur anfühlten.

So verging die Zeit langsam. Schweiß rann über seinen Rücken und sammelte sich unter seiner Rüstung. Doch Zayn hörte nicht auf. Immer wieder ließ er die Bewegungen durch seinen Körper laufen, sehend und blind, bis die Stunden davon flossen und die Schatten der Ordensburg sich zu strecken begannen. Erst dann ließ er die Arme sinken. Für einen Moment blieb er still stehen, während der Himmel sich langsam in rötliche Farben tauchte und die ersten Sterne wieder sichtbar wurden. Es war Zeit, auf den Übungsplatz zurückzukehren. Langsam ließ er sich wieder im Staub nieder, genau dort, wo er in der Nacht zuvor gesessen hatte. Die Beine gekreuzt, den Rücken gerade, die Hände ruhig auf den Knien. Über ihm begann die Nacht wieder ihr stilles Zelt über die Wüste zu spannen. Irgendwann würde der Charim zurückkehren, früher oder später. Vielleicht. Bis dahin blieb ihm nur eines.

Zayn Javeed Ryzan saß im Staub seiner Vorgänger und wartete.
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