Wo der Wahnsinn kleine Schritte geht

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Gerihon

Wo der Wahnsinn kleine Schritte geht

Beitrag von Gerihon »

Er hatte sich immer sicher gefühlt, die Krankheit, die den Geist vieler seiner Vettern verdrehte, schien nie auch nur mit einem Staubkorn an ihm zu haften. Er hatte nie etwas bemerkt, er hatte sich so oft beobachtet, immer mit Bedacht, immer mit wachem Blick hatte er sich selbst begutachtet und wie er war, wie er handelte, wie er sprach. Nie war ihm etwas aufgefallen, nicht in einem Jahrhundert. Doch wie es so ist mit dem Wahnsinn, er ist längst Teil von einem und wie eine Legierung, zieht er sich über die eigene Seele, wird ein Teil von einem den man als sich selbst betrachtet.

Er war bereits seit Wochen auf dem Weg in die Tiefe, durch die ewigen Stollen des Nilzadan, die verborgenen Wege unter Tage die nur sehr selten Stiefel sahen. Die kleinen Plättchen aus Mithrill die in seinen Bart geflochten waren, klirrten melodisch und wundervoll in seinen Ohren.

Er wollte zu seinen Schätzen zurück, die er angehäuft hatte, das Gold, das Mithrill und all die vielen Münzen… die in Wirklichkeit nur Geröll und Staub waren. Doch für ihn glänzten sie so hell und rein wie das größte Meisterwerk.
Zurück in sein Zuhause voller Fell, großen Vorräten an Bier und einem Kamin so groß wie drei Bären…. Die in Wirklichkeit nur nackter Fels, ein Rinnsal eines Bergbachs und die Eiternarbe von etwas Magma waren. Doch sie hatten ihn immer gewärmt, innerlich.
Er wollt zurück zu seiner Frau Muriel, zu seinen beiden Kindern Artosch und Gallwy die sich tiefer in sein Herz gegraben hatten als der Glanz allen Reichtums.

Er hatte es schon vor seinem geistigen Auge, wie Muriel gerade den Tisch deckte, hier in ihrem Zuhause, in den tiefsten Stollen, dort, wo das Herz des Berges schlug. Ein Lied auf den Lippen vom Ruhm aller Bergleute, wie sie emsig und stoisch ihrem ehrenwerten Tagenachwerk nachgingen, kam etwas Tempo in seine müden Beine die ihn so weit getragen hatten.
Muriel war seit drei Dekaden tot. Seine Kinder hatte es nie gegeben. Doch für ihn war sie noch dort. Im Wahn sah er vor sich keine Leere, sondern die robuste Brücke aus Eisen und Holz, die direkt zu seiner Haustür führte, die er selbst gebaut hatte. Er sah Muriel am anderen Ende stehen, sie winkte ihm zu, ihre Arme weit geöffnet.

- Der erste Schritt: Er fühlte sich federleicht.
- Der zweite Schritt: Das Lachen seiner Liebsten in seinem Kopf verstummte und machte einer seltsamen Klarheit Platz.
- Der Fall: Die Realität kehrte für einen winzigen, grausamen Moment zurück, als er den Boden erreichte.

Er schrie nicht, während er in die endlose Schwärze stürzte. Er schloss er die Augen. Das letzte, was er fühlte, war nicht der Aufprall, sondern die Wärme von Muriels Hand in der seinen. Der Berg nahm ihn auf, wie er einst von seiner Sippe aufgenommen wurde – still, unerbittlich und für immer.

Gerihon war augenblicklich tot. Der tiefe Sturz hatte seinen Körper zerschmettert und nichts hätte ihm helfen können, nichts könnte ihn je wieder zurück bringen.
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