Schwelender Zorn

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Jael'Zeerith
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Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Zyn’tuin war zäh. Das war gut.
Sie war schneller. Das war besser.

Sie hatte sich ihre erste Begegnung nach diesem verhängnisvollen Abend in der Taverne anders vorgestellt. Lauter. Explosiver. Offener. Ein Aufflammen, an dem er sich hätte abarbeiten können.

Stattdessen bekam sie Ruhe.
Ausgeglichenheit. Kontrolle.

Und genau das machte es schwerer.

Sie blieb auf der Hut, jederzeit bereit, die Beine ein weiteres Mal in die Hand zu nehmen. Jeder Schritt, jede Bewegung war darauf ausgelegt, im nächsten Augenblick zu verschwinden. Doch es kam nichts. Keine Spitze. Keine Provokation.

Nur dieser wachsame Blick.
Zu gefasst. Zu aufmerksam.

Zyn’tuin war kein Letharf, der vergaß, wenn man ihn benutzte.
Und schon gar keiner, der es leichtfertig verzieh.

Das Schweigen zwischen ihnen war demnach kein Zufall, sondern ein kalkuliertes Abwarten.
Sie wusste, dass Zyn’tuin Geduld hatte. Mehr, als ihr lieb war.

Als er sie schließlich ansprach, geschah es ohne Vorwarnung. Kein erhobener Ton, kein scharfer Blick. Nur ihr Name, ruhig ausgesprochen, als wäre nie etwas gewesen. Verschiedene kleine Aufträge folgten sachlich, fast schon beiläufig. Aufgaben wie jede andere, formuliert in klaren, knappen Sätzen.

Doch dann: Eine Saat des Zorns. Schwelend. Nicht sofort, nicht sichtbar. Und das Tier, es müsse leben. Unversehrt. Bis zu dem Moment, an dem die Wirkung einsetzte.

Kein Warum. Kein Wozu.
Nur das Wie. Und selbst das nur in groben Linien.

Sie hörte zu.
Stellte keine weiteren Fragen.

Nicht, weil sie keine hatte.
Sondern weil sie verstand, dass sie in diesem Moment keine Rolle spielten.

Doch was sich ihr noch stärker eingeprägt hatte als die eigentlichen Anweisung, war der Moment danach.

Er war näher getreten. So nah, dass kein Zweifel blieb, dass er wusste, wie sehr er in ihren Raum trat. Und dass er es genau so wollte. Sein Atem streifte ihren Hals, gleichmäßig und ruhig. Viel zu kontrolliert für das, was zwischen ihnen lag. Sie nahm seinen Geruch wahr — scharf und schwer, mit einem bitteren Unterton, der sie an das Labor erinnerte, an beschichtete Nadeln und offene Phiolen. Darunter ein leiser Rest von Haut und Wärme, von Körper, von etwas, das nichts mit Kampf zu tun hatte und doch an ihm haftete. Ein Geruch von Bewegung, von Gewalt, von Dingen, die nicht lange zurücklagen.

„Ich vergesse nicht“, flüsterte er.
Nicht laut. Nicht für andere bestimmt. Nur für sie.

Sie hatte nichts erwidert.

Dann war er zurückgetreten.
Der Moment war vorbei, als wäre er nie gewesen.

Doch das warme, zitternde Gewicht des Kaninchens in ihren Händen blieb.
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Zyn'tuin
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Zyn'tuin »

Er hatte den Moment kommen sehen, lange bevor sie ihn bemerkte.

Dieses kurze Innehalten, als sich ihre Blicke kreuzten. Das kaum merkliche Zurückweichen, Schritt um Schritt, bereit zur Flucht, noch ehe er ein Wort sprach. Zyn ließ sie gewähren. Er blieb stehen, ruhig, gesammelt, ließ die Stille arbeiten.

Sie erwartete etwas anderes. Das spürte er.
Und für einen Moment hatte er selbst damit gerechnet, ihr genau das zu geben.

Wut. Lärm. Eine Entladung.

Stattdessen bekam sie Kontrolle.
Seine.

Vaters Hass, Jael.

Kein Zorn lag in seiner Stimme. Nur Gewissheit.

Er streckte sich langsam. Unter der Kapuze zeichneten sich getrocknetes Blut und Kratzer auf seiner linken Wange ab, Spuren, die er beinahe beiläufig mit der Hand berührte, als wären sie Teil von ihm.

Ich habe später eine Aufgabe für dich,
und du wirst dabei die neue Sagotrae einbinden. Sie kann das Wissen gut gebrauchen.

Dann setzte er sich in Bewegung. Schritt für Schritt verringerte sich der Abstand zwischen ihnen. Kein Hast, kein Zögern. Als kaum noch Raum blieb, griff er in seinen Beutel.

Ich habe nicht vergessen, was in der Taverne passiert ist, Lethra.

Ein leises Knurren begleitete die Worte. Ruckartig zog er etwas hervor und hielt es dicht vor ihr Gesicht – leere Flaschen, harmlos und doch falsch genug, um Erwartung zu erzeugen.

Hol mir Wasser, Lethra.

Als sie zurückkehrte, nahm er die gefüllten Flaschen entgegen und hielt sie gegen das fahle Licht der Höhle. Einen Moment prüfend, dann legte er ihr die Hand auf den Kopf, ein beiläufiges Tätscheln, weder freundlich noch spöttisch.

Er ließ sie für einen Moment mit dem Nachhall der Begegnung allein.

Als Zyn die Treppe wieder herabkam, folgte ihm ein Panther. An den Ohren hielt das Tier einen Hasen im Maul, der sich panisch wand, bevor der Panther sich neben ihm auf den Boden setzte.

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Ich will, dass du etwas entwickelst, das dafür sorgt, dass die Saat des Zorns in ihm wächst. Er darf nicht sterben.

Mehr sagte er nicht. Nochmals durchbrach er die Grenzen ihres Raumes und sog langsam ihren Geruch durch die Nase ein - warm, lebendig. Und fremd. Wie kein anderer zuvor.

Dann wandte er sich abrupt ab.

Der Auftrag blieb.
Und mit ihm das Tier in ihren Händen.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

„Wie du es dir vorstellst, wird es nicht funktionieren.
Nicht mit einem Schritt.
Nicht mit einem Stoff.
Ich muss anders denken.“

Dann schnitt ein scharfes, metallisches Zischen durch die Luft, dicht an ihrem Gesicht vorbei. Der Dolch schlug mit wuchtiger Präzision in die Werkbank ein. Der Luftzug traf ihre Wange, kalt und schneidend, vermischte sich mit seinem Atem in ihrem Nacken. Holz splitterte unter der Wucht, Stein vibrierte dumpf, als hätte der Schlag sich tiefer fortgesetzt, als man sehen konnte.

Eine schwarze zähe Flüssigkeit rann vom Griff über den Stahl, tropfte langsam auf die Oberfläche und fraß sich in das Material, als wäre sie lebendig. Ein leises Zischen setzte ein, kaum hörbar, aber sichtbar genug, als das Holz unter der Klinge nachgab und sich verfärbte.

Sie zuckte nicht.

Erst als sich das Gift seinen Weg suchte, senkte sich ihr Blick. Nicht aus Furcht, sondern um die Klinge zu lesen. Um zu verstehen, womit er drohte. Und womit nicht.

Die Stille danach war dichter als der Schlag selbst. Der Dolch steckte noch immer im Holz, unbeweglich, während das Gift weiterarbeitete, sich tiefer fraß, als müsse es beweisen, wie schnell Zerstörung sein konnte, wenn man sie ließ.

„Ungeduld zerstört alles, was wir brauchen.“

Der Satz blieb zwischen ihnen hängen. Eine Feststellung, so nüchtern wie ein Befund.

Zyn’tuin war jung. Nicht unerfahren, aber noch nah genug an diesem inneren Drängen und dem Wunsch, Dinge zu erzwingen, statt sie wachsen zu lassen. Sein Körper trug Spannung, sogar im Stillstand. Eine Energie, die nach Entladung verlangte. Nach Handlung und nach unmittelbarer Wirkung.

Sie kannte diesen Zustand. Er war gefährlich. Nicht etwa, weil er schwach machte. Sondern blind.

Er antwortete nicht. Stattdessen nahm er sich Raum. Legte etwas auf den Tisch, zerteilte es mit derselben Klinge, die eben noch im Holz gesteckt hatte. Achtlos. Besitzergreifend. Als müsse er zeigen, dass nichts unberührt blieb, nichts ihr gehörte.

Ihr Blick löste sich vom Dolch und fand seine Hände.

Es war kein Schreck.
Es war Missfallen.

Als seine Bewegung schließlich ihre Arbeit berührte, griff sie zu. Präzise und ohne Zögern. Ihre Hand schloss sich um sein Handgelenk. Nicht um zu gewinnen, sondern um zu stoppen.

„Ich dulde dich hier. Aber nicht das.“

Der Moment dehnte sich. Körper gegen Körper. Wille gegen Wille. Der Druck nahm zu, der Schmerz war da. Deutlich genug, um ihn wahrzunehmen, aber nicht genug, um nachzugeben.

Sie wich nicht aus. Nicht hier, in diesem Raum. Nicht aus Trotz oder Herausforderung. Sondern weil dieser Ort mehr war als Stein und Werkzeug. Hier lag ihre Ordnung. Alles, was sie sich nicht hatte geben lassen, sondern selbst aufgebaut hatte. Jeder Tisch, jede Klinge, jede Essenz folgte Regeln, die sie kannte und beherrschte. Wer diesen Raum betrat, trat in etwas ein, das funktionierte, weil sie es zusammenhielt. Und dessen ließ sie sich nicht berauben.

Als er sie fragte, woher sie sich dieses Recht nahm, hob sie das Kinn nur einen Hauch. Kein Stolz darin. Keine Bitte. Nur Gewissheit.

„Von diesem Ort.
Von meiner Arbeit.“
Und von dem, was ich hier erschaffe.“

Ihre Worte waren kein Anspruch auf Macht. Sie waren eine Feststellung.

Seine Antwort kam kühl. Rang. Ordnung. Nutzen. Er respektiere, was funktioniere. Mehr nicht.

Dann erreichten seine Zähne ihre Haut. Ein scharfer, klarer Schmerz. Kein wildes Reißen, sondern ein kontrollierter Biss. Für einen Atemzug spannte sich alles in ihr, ein kurzes Aufflammen, dann folgte Wärme, die sich ausbreitete. Blut trat hervor, dunkel gegen ihre Haut. Nicht viel. Aber sichtbar.

Er löste sich von ihr. Eine Bewegung aus dem Handgelenk, beiläufig genug, um wie Zufall zu wirken. Und doch zu genau, um einer zu sein. Die Klinge glitt an ihrer Hand entlang, streifte die frische Wunde nur kurz. Doch mehr brauchte es nicht. Die schwarze Substanz, die eben noch am Stahl haftete, verteilte sich auf der offenen Haut. Kalt zuerst, fast taub. Dann brennend und tiefer ziehend, als würde sie sich erinnern, wofür sie gemacht war. Ein Abschiedsgruß.

Sie zog die Hand nicht zurück. Verbot sich jeglichen Laut. Sie sah ihm nicht nach. Ihr Blick haftete auf der Stelle, an der Stahl, Blut und Gift sich vermischt hatten.

Nicht viel.
Nicht tödlich.

Aber eindeutig.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Das Wasser tropfte noch von den Haarspitzen, als sie wieder an ihrer Werkbank saß. Einzelne Strähnen klebten dunkel an ihrem Nacken und zogen kühle Linien über warme, noch nicht ganz zur Ruhe gekommene Haut. Die Feuchtigkeit roch nach Dampf, nach Nähe, nach etwas, das sich noch nicht ganz von ihr gelöst hatte. Sie hatte die Haare nicht abgebunden, nicht getrocknet, nur das Gröbste abgestreift. Ordnung wartete. Sorgfalt nicht.

Die Werkbank war vorbereitet. Tücher lagen ausgebreitet, glattgezogen bis in die Ecken und an den Rändern beschwert, damit nichts verrutschte. Daneben lagen die Werkzeuge — nicht viele, aber die richtigen: eine feine Pinzette, ein schmaler Spatel, ein Messer mit frisch gereinigter Klinge. Kleine Schalen aus dunklem Stein standen bereit. Alles war ausgerichtet, nicht dekorativ, sondern zweckmäßig. Der Abstand war gewahrt, die Linien klar. Nichts berührte etwas, das es nicht berühren sollte. Alles hatte seinen Platz, noch bevor es gebraucht wurde.

Drei Phiolen lagen getrennt voneinander, mit ausreichend Abstand, um jede Verwechslung auszuschließen. Keine übertriebene Vorsicht, sondern gelebte Erfahrung. Die meisten Stoffe verrieten sich bereits im Stillstand, wenn man ihnen Raum ließ. Auch hier, noch ohne Berührung oder Eingriff, unterschieden sie sich deutlich.

Die erste Phiole wirkte schwer, als trüge ihr Inhalt ein eigenes Gewicht. Die Flüssigkeit lag zäh im Glas und folgte selbst kleinsten Regungen nur verzögert. Nichts floss freiwillig. Es schien, als müsse sich die Substanz jedes Mal neu entscheiden, ob sie dem Gesetz der Bewegung überhaupt folgen wollte.

Die zweite Probe erschien zunächst klar und unauffällig, doch dieser Eindruck hielt nicht stand. Selbst in Ruhe kam ihr Inhalt nicht vollständig zur Stille. Feine, beständige Strömungen zogen sich durch das Glas, als würde sich im Inneren etwas fortwährend neu ordnen, ohne je anzukommen. Sie beobachtete es länger als nötig gewesen wäre.

Die dritte Phiole machte gar nicht erst den Versuch, ihren Charakter zu verbergen. Ein scharfer, reizender Geruch lag in der Luft, unverkennbar in seiner Präsenz, aggressiv und klar in seiner Wirkung. Er schnitt durch den Raum, so direkt, dass ihr Atem für einen Herzschlag langsamer wurde.

Die Phiolen blieben, wo sie lagen. Sie nahm keine zur Hand, öffnete keinen Verschluss und entnahm keinen Tropfen. Stattdessen rückte sie sie nur minimal zurecht, verschob Abstände um Haaresbreite, bis die Linien wirklich stimmten. Dann ließ sie die Hände sinken. Manche Stoffe verlangten nach Zeit, nicht nach Zugriff. Was sie jetzt zeigen konnten, taten sie bereits von selbst.

Dann wandte sie sich den gesammelten Pilzproben zu.

Sie öffnete die Beutel einen nach dem anderen und verteilte ihren Inhalt vorsichtig auf die dunklen Steinschalen. Kappen, Stiele und angeritzte Gewebe wurden sauber voneinander getrennt. Nichts wurde einfach abgelegt, jede Probe erhielt ihren eigenen Platz. Sie betrachtete sie nicht mit Werkzeugen, sondern zunächst mit Haltung und Blick, nahm Farbe, Feuchtigkeit und Spannkraft wahr, prüfte, wo Gewebe nachgab und wo es Widerstand hielt, ob sich Sporen bereits gelöst hatten oder noch festsaßen. Es war ein stilles Lesen, kein Eingriff.

Zwischendurch strich sie sich mit dem Handrücken eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. Das Wasser zeichnete einen dunklen Streifen auf ihrer Haut, der blieb. Sie ließ ihn.

Erst dann nahm sie das Messer auf. Die Klinge setzte sie sparsam ein, nur dort, wo das Innere sichtbar werden musste. Es war kein Zerteilen, kein Aufbrechen um des Aufbrechens willen. Es waren kleine, präzise Schnitte - gerade ausreichend, um das Innere freizulegen. Ein Öffnen, kein Verletzen. Sobald der Zweck erfüllt war, legte sie die Klinge beiseite, reinigte sie sorgfältig und nahm sie aus dem Arbeitsfluss heraus, als hätte sie ihren Teil für diese Nacht getan.

Einige der Pilze ließ sie unangetastet liegen, so wie sie gesammelt worden waren. Andere deckte sie leicht ab, schützte sie vor Zugluft und dem direkten Licht der Lampe. Wieder andere ließ sie bewusst offen, als müssten sie reagieren dürfen, sich zeigen, vielleicht verändern. Sie brachte keine Zeichen an, schrieb nichts nieder. Die Anordnung selbst war Aussage genug, jede Lage, jeder Abstand ein stilles Vermerken.

Zwischendurch wanderte ihr Blick immer wieder zu den Phiolen zurück, als wolle sie sich vergewissern, dass alles noch an seinem Platz war. Der scharfe Hauch der Säure lag weiter in der Luft und traf auf die Wärme, die ihr noch anhaftete. Für einen Moment war beides zugleich da, ohne sich zu stören oder zu erklären.

Als sie schließlich innehielt, lag alles bereit. Die Proben waren ausgelegt und vorbereitet, ohne dass eine von ihnen wirklich befragt worden wäre. Nichts war entschieden. Doch alles befand sich an einem Punkt, von dem aus es sich zeigen konnte.

Die restliche Nacht blieb still.
Und sie ließ sie das auch bleiben.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Die Ratte lag auf dem Tisch, klein genug, dass eine Hand sie fast vollständig hätte umschließen können. Das Fell war bereits stumpf geworden und doch hielt sich darunter noch ein Rest Wärme, der sich nur langsam verlor. Sie hatte das Tier auf den Rücken gedreht und die schmalen Hinterläufe mit zwei kleinen Gewichten fixiert.

Ihr Blick ruhte einen Moment auf dem leblosen Körper. Dann erst setzte sie die Spitze der Klinge an.

Der Stahl glitt durch das Fell, zuerst kaum spürbar, dann mit einem leisen Nachgeben des Gewebes. Der Schnitt begann tief unter dem Kinn und zog sich als schmale Linie bis zum Bauch hinab. Die struppigen Haare wichen zur Seite und gaben helle Haut frei, die im Licht der Öllampe matt schimmerte.

Mit der Pinzette fasste sie die Schnittkante und hob sie leicht an. Das Messer folgte flach darunter, gerade tief genug, um die dünne Haut von der darunterliegenden Faszie zu lösen. In kurzen, kontrollierten Bewegungen trennte sie die feinen Faserzüge, die Haut und Muskulatur verbanden. Nach und nach schabte sie die Haut vom Körper, bis sie sich nach beiden Seiten zurückklappen ließ und die blass-rötliche Muskulatur frei gab. Sie war noch leicht gespannt, als hielte sie eine letzte Erinnerung an Bewegung.

Mit einem präzisen Schnitt eröffnete sie auch diese Schicht. Dann legte sie das Messer beiseite und betrachtete das Innere.

Die Leber lag dunkel und glatt unter dem Brustkorb. Das Herz, kaum größer als eine Haselnuss, war still geworden, doch seine Form verriet noch immer die letzte Anstrengung, mit der es gearbeitet hatte. Die Darmschlingen ruhten eng gezogen im Bauchraum, als hätte der Körper bis zuletzt versucht, seine Ordnung zu halten.

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So war es bei den letzten Tieren immer gewesen.

Sie nahm einen Spatel und hob das kleine Herz vorsichtig an. Das Gewebe fühlte sich fest an, fast schon zu fest für einen Körper dieser Größe. Sie drehte es leicht zwischen den Fingern, dann ließ sie es wieder in den Brustraum sinken.

Zu schnell.

Die erste Mischung hatte kaum Zeit gelassen. Ein kurzes Zittern, ein Anstieg der Muskelspannung, dann war der Körper einfach zusammengebrochen.

Die Zweite hatte länger gebraucht. Die Tiere waren unruhig geworden, hatten sich im Käfig gedreht, gegen die Stäbe gedrückt, als würde etwas in ihnen nach draußen wollen. Doch auch hier war der Zustand nicht gewachsen, sondern eskaliert.

Die dritte Flüssigkeit hatte am meisten Hoffnung gegeben: Die Nager hatten zähnefletschend nach ihren Handschuhen geschnappt. Für einen Moment hatte es gewirkt, als wäre der Punkt erreicht worden, an dem die Reizung nicht mehr nur zerstörte. Doch auch diese Herzen hatten schließlich aufgegeben.

Genau wie dieses hier.

Zyn’tuin hatte ihr die Tiere gebracht. Ratten, blinde Nager aus den Höhlenspalten, ein paar junge Hasen. Kleine Körper, leicht zu beschaffen, leicht zu ersetzen. Eigentlich hätte es Zys’siras Aufgabe sein sollen - Fallen stellen, Tiere fangen, Käfige säubern. Arbeiten, die weder Urteil noch Einsicht verlangten, nur Gehorsam und Regelmäßigkeit.

Doch die junge Lethra war verschwunden. Blut auf dem Boden des Labors. Das heisere Schnappen nach Luft. Und dieses eine kurze Aufblitzen eines gehässigen Grinsens zuvor – ein Ausdruck, der nie dorthin gehört hatte.

Sie schob die Erinnerung beiseite. Zys’siras Verlust war keine große Sache. Lediglich ein Ärgernis, denn ihre Aufgaben mussten nun anders verteilt werden. Auf Zyn’tuin, der die Tiere beschaffte. Und letztlich auf sie selbst, die sie mit Wasser und Nahrung versorgte, Kot und verdrecktes Stroh entfernte, um die Käfige zumindest so sauber zu halten, dass die Versuche nicht an solchen banalen Dingen scheiterten.

Sie hatte die Tiere beobachtet. Alle geöffnet. Und jedes Mal zeigte der Körper das Gleiche: Die Flüssigkeiten wirkten zu schnell. Sie reagierten, griffen an und lösten aus. Der Zorn, den sie hervorbrachten, war kein schwelender Zustand, sondern ein Schlag.

Mit einem Seufzen legte sie den Spatel zur Seite. Ihr Blick wanderte kurz zu dem Bereich der Werkbank, an dem die drei Phiolen standen.

Drei Wege.
Und keiner von ihnen führte weiter.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Eine Weile blieb sie einfach sitzen.

Sie starrte auf die Werkbank, auf das geöffnete Tier und die sauber ausgerichteten Werkzeuge, als hätten sich ihre Gedanken noch nicht ganz von der Arbeit gelöst. Der Geruch von Blut lag schwer in der Luft, warm und metallisch, vermischt mit dem öligen Rauch der Lampe und dem dumpfen, feuchten Erdton der Höhle. Alles war still geworden, bis auf das leise Knacken der Flamme im Glas.

Dann drang eine Stimme in diese Stille.

„Gibt es noch Ratten im Axorn oder liegen sie alle hier?“

Für den Bruchteil eines Augenblicks hob sie den Blick. Er blieb an ihm hängen, an diesem kleinen belustigten Zug in seinen Mundwinkeln. An der ruhigen Spannung seiner Haltung, an der Selbstverständlichkeit, mit der er dort stand.

„Es gibt noch wahrlich genug. Doch diese hier“, sie deutete kurz auf den geöffneten Körper vor sich, „diese sterben einfach zu schnell.“

Sie griff nach dem geöffneten Körper vor sich und fasste ihn am Kopf. Einen Moment später fiel der Kadaver mit einem dumpfen, weichen Geräusch in den Korb neben der Werkbank. Darin lagen bereits weitere kleine Leiber, übereinandergeworfen wie verbrauchtes Material. Einige noch steif, andere bereits schwer geworden vom Blut, das in ihr Fell gesickert war.

Der Korb nahm auch diesen auf. Ohne Unterschied.

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Sie nahm ein Tuch in die Hand und begann mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen die Arbeitsfläche zu reinigen. Blutreste wurden aufgenommen, der dunkle Glanz der Feuchtigkeit vom Holz gewischt, bis nur noch matte Sauberkeit zurückblieb. Die Instrumente folgten nacheinander: zuerst das Messer, dann Pinzette und Spatel. Jede Klinge wurde sorgfältig abgewischt, jede Oberfläche geprüft, bevor sie wieder exakt an ihren Platz gelegt wurde.

Zyn’tuin bewegte sich hinter ihr.

„Dann muss eine neue Idee her. Haben wir nur Flüssigkeit mitgenommen? Mir war, als hätten wir in der Höhle mehr gesammelt.“

Seine Worte blieben einen Moment im Raum hängen. Dann sah sie über den Tisch. Über Glas, Stein und Metall - bis sie an den flachen Steinschalen hängen blieb: Pilze. Dunkle Kappen. Aufgeschnittenes Fleisch. Helle, feuchte Schnittflächen.

„Ja. Pilze. Wir haben einige mitgenommen.“

Der Seitenblick, den sie ihnen zuwarf, war kurz und wenig überzeugt, als hätte sie sie bereits innerlich verworfen. Sie wollte sich schon wieder der Werkbank zuwenden, als die Bewegung stockte. Ihre Aufmerksamkeit blieb einen Moment länger auf den geöffneten Kappen liegen.

„Aber vielleicht …“

Der Satz verlor sich noch bevor er Gestalt annehmen konnte. Stattdessen zog sie langsam die Handschuhe von den Fingern und legte sie gefaltet neben die Werkzeuge. Dann griff sie nach einem der Pilze. Die Kappe fühlte sich fest an unter ihren nackten Fingern, leicht elastisch, das Gewebe darunter dicht und faserig. Sie drehte ihn ein wenig, prüfte seine Struktur, bevor die Spitze des Messers vorsichtig in das Fleisch glitt.

Als sie den Schnitt leicht auseinanderdrückte, löste sich etwas aus dem Inneren: Ein feiner Staub, kaum sichtbar. Nur ein matter Schleier im Licht der Lampe, der sich langsam in der Luft zwischen ihnen verteilte. Mit der Messerspitze strich sie noch einmal über das aufgeritzte Gewebe und hob die Klinge langsam ins Licht der Öllampe. Erst dort wurden die feinen Körner sichtbar, die sich auf dem Stahl gesammelt hatten.

„Hm.“

Ohne den Blick davon zu lösen, hob sie eine Hand und wedelte grob in Richtung einer dunkleren Ecke der Höhle. „Das Buch. Da hinten.“

Zyn’tuin murrte leise, doch kurz darauf landete das schwere Werk mit einem dumpfen Laut auf der Werkbank. Die Seiten raschelten unter seinen Fingern.

„Hinten“, sagte sie knapp. „Pilze. Sporen.“

Das leise Umblättern der Seiten erfüllte für einen Moment den Raum. Dann begann er zu lesen.

Pilze vermehren sich durch feinen Staub, genannt Sporen. Dieser ist kaum sichtbar und wird durch Luft oder Berührung verbreitet. Gelangen Sporen in feuchte Erde, faulendes Gewebe oder in den Körper eines Tieres, beginnen sie dort zu wachsen. Oft bleibt dieser Prozess lange unbemerkt.

Langsam senkte sie die Klinge. Ein kaum merkliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen, wie das Aufleuchten einer Erkenntnis. Im selben Moment spürte sie Zyn’tuins Hände auf ihren Schultern.

Sie sagte nichts. Doch irgendwo zwischen dem feinen Staub auf der Klinge, den Worten aus dem Buch und der Stille des Raumes hatte sich ein Gedanke geschlossen.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Eine Weile hatte sie gearbeitet ohne aufzusehen. Das fahle Licht der Öllampe lag schwer über der Werkbank, sammelte sich in Glas und Metall und ließ die Schatten zwischen den Stalagmiten dichter erscheinen, als sie waren. Unter ihrer Hand löste sich das Material in gleichmäßigen Bewegungen, feine Späne, die in ein flaches Gefäß rieselten und sich dort zu einem unscheinbaren Häufchen sammelten. Der Raum war still bis auf das leise Kratzen des Werkzeugs und das gedämpfte Atmen der Höhle selbst.

Seine Bewegung kündigte sich an, bevor er wirklich sichtbar wurde. Schritte auf Stein, noch zu deutlich, um sich im Raum zu verlieren. Kein lautloses Gleiten, kein Verschwinden zwischen den Schatten. Stoff strich über Fels, Gewicht verlagerte sich hörbar, als hätte der Körper das Schweigen noch nicht vollständig gelernt.

„Vaters Hass.“

Sie reagierte nicht sofort. Nur ihr Atem veränderte sich minimal, kaum mehr als ein kaum sichtbares Anhalten zwischen zwei Bewegungen. Ihre Hand arbeitete weiter, führte den Schnitt zu Ende, ließ ein letztes Mal Material in das Gefäß rieseln, bevor sie es beiseiteschob. Erst dann hob sich ihr Blick ein Stück, nicht ganz zu ihm, nur so weit, dass er am Rand ihres Sichtfeldes Gestalt annahm.

Er kniete. Die Haltung war ruhig und gefasst, ohne Unsicherheit. Ein Körper, der inzwischen wusste, wohin er gehörte und begann, sich entsprechend in den Raum zu setzen. Noch nicht vollkommen. Noch nicht ohne Spur. Aber anders als zuvor. Sie betrachtete ihn einen Moment. Nicht lange, aber ausreichend, um diese Veränderung zu erkennen.

„Sprich. Warum bist du hier?“

Seine Antwort kam ohne Hast. Pilze. Der Auftrag. Er hatte sie gebracht.

Ein kaum merkliches Verengen ihrer Augen folgte, als würde sie jedes Wort auf sein Gewicht prüfen. Dann hob sie die Hand. Keine fordernde Geste, eher ein offener Raum, der einfach da war und darauf wartete, gefüllt zu werden.

Als er sich erhob und näher trat, verschob sich etwas in seiner Bewegung. Nur ein Hauch, ein leichtes Ungleichgewicht, das sich in den Schritt legte. Sie nahm es wahr, ohne es zu kommentieren. Als die Pilze in ihre Hand gelegt werden sollten, kippte ihre eigene Bewegung einen Moment früher ab. Sie nahm das Material an sich, entzog sich aber der Berührung.

Im Schein der Lampe hob sie einen Pilz nach dem anderen an, drehte sie zwischen den Fingern, prüfte ihre Struktur. Ein kurzer Druck auf die Kappe, ein präziser Schnitt an der Unterseite, ihr Daumen strich über das freigelegte Gewebe, tastete Feuchte und Widerstand ab. Einige legte sie ohne weiteres zur Seite, andere behielt sie einen Moment länger, als müsste sie sich ihrer Entscheidung vergewissern.

„Einige passen. Andere nicht.“

Damit war alles gesagt.

Erst später am Abend kehrte sie an die Werkbank zurück. Die Pilze warteten dort, wo sie sie zurückgelassen hatte. Der erste Pilz lag einen Moment in ihrer Hand. Ihre Finger prüften ihn kaum sichtbar, ein leichter Druck gegen die Kappe, ein kurzes Nachgeben, das mehr verriet als jede genauere Betrachtung. Dann legte sie ihn beiseite. Ungeeignet.

Der nächste hingegen blieb. Die Klinge glitt flach unter die Oberfläche, nicht schneidend im eigentlichen Sinne, sondern suchend. Sie hob das Gewebe an, öffnete es gerade weit genug, um das freizulegen, was darunter lag. Fein und dicht trat die Struktur hervor. Sie hielt kurz inne, ehe sie den Druck fortsetzte. Das Fleisch gab nach und etwas darin löste sich. Ein feiner Schleier, kaum mehr als ein Hauch, der sich im Licht der Lampe nur dann zeigte, wenn man ihn nicht direkt ansah. Er lag zwischen ihren Händen, ohne Gewicht und ohne feste Form, und doch war er da.

Sie ließ die Bewegung nicht los, sondern hielt sie. Genau so lange, bis sich die ersten Partikel auf dem Stahl der Klinge sammelten. Dann erst neigte sie das Messer. Die Bewegung war minimal, kaum mehr als ein bewusstes Nachgeben der Hand. Unter der Klinge wartete ein flaches Gefäß. Der Staub löste sich vom Stahl und sank hinein. Nicht als Fall, sondern als leises Übergehen, als würde er sich nur neu verteilen.

Sie wiederholte den Vorgang. Und noch einmal. Öffnen. Lösen. Sammeln. Mit jeder Wiederholung wurde der Vorgang ruhiger und sicherer. Der Staub entzog sich nicht mehr, er wurde gehalten. Erst als sich im Gefäß eine feine, graue Schicht gebildet hatte, hielt sie inne.

Neben ihr standen bereits mehrere vorbereitete Schalen.

Sie griff nach der ersten. Ein helles, feines Pulver aus gemahlenem Stein, vermischt mit Asche. Trocken, leicht und beweglich. Sie nahm mit der Messerspitze einen Teil des gesammelten Staubs auf und ließ ihn darüber rieseln. Mit kurzen, kontrollierten Bewegungen arbeitete sie ihn ein. Der Staub verschwand nicht, sondern verteilte sich und blieb als Teil des Pulvers erhalten, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Als sie das Gefäß leicht anhob, reagierte das Gemisch sofort. Ein feiner Hauch löste sich, kaum sichtbar, aber tragfähig.

Das zweite Gefäß war dünner. Ein kaum sichtbarer Film aus verdünntem Knochenleim zog sich über eine flache Steinplatte. Nicht dick genug, um etwas einzuschließen, nur ausreichend, um es zu halten. Sie ließ eine kleine Menge Sporen darauf sinken. Für einen Moment blieb alles still. Dann begann die Oberfläche zu trocknen und der Staub haftete. Nicht gebunden, nur festgehalten. Vorsichtig strich sie mit dem Finger darüber. Ein Teil löste sich sofort wieder, stieg als feiner Schleier in die Luft. Genug.

Das dritte Gefäß war dunkler. Ein dünnflüssiges Öl, ruhig in seiner Bewegung und schwerer als die anderen Träger. Sie ließ eine geringe Menge Sporen hineinfallen und rührte langsam. Hier verschwanden die Partikel nicht einfach, sie wurden aufgenommen. Einer nach dem anderen ging im Öl unter, verlor sich darin, bis kaum mehr zu erkennen war, wo der Staub geendet hatte und das Trägermedium begann. Nur ein feiner Rest blieb sichtbar, träge an der Oberfläche.

Drei Ansätze lagen vor ihr.
Drei Wege, denselben Ursprung zu tragen.

Erneut griff sie nach einem Pilz. Die Klinge setzte an. Das Gewebe öffnete sich.
Und wieder löste sich der Staub.

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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Die Kerze war weit heruntergebrannt und bestand nur noch aus einem unruhigen Rest Wachs und Docht, der das Licht flach und flackernd über die Werkbank zog. Es brach sich stumpf im Glas, verlor sich im Metall und versickerte in den Zwischenräumen, wo die Schatten dicht und weich ineinander lagen.

Ihre Hand ruhte auf dem geschlossenen Notizbuch. Die Finger darum gelegt, als hätte sie im letzten Moment Halt darin gesucht oder ihn gerade erst verloren. Ein flacher Atemzug. Und noch einer. Dann ein leichtes Nachgeben im Körper, ein kaum sichtbares Absacken, und im selben Moment riss sie die Augen auf. Die Luft schnitt scharf in ihre Lungen.

Sie bewegte sich nicht sofort. Ihr Blick fand keinen festen Punkt, sondern blieb zwischen den Dingen hängen, glitt über Kanten, über Flächen, ohne sie wirklich zu erfassen, als müsste er erst wieder lernen, wo er war.

Etwas war da gewesen. Ein leichter Druck auf ihrer Schulter. Nicht stark genug, um sie zu wecken, aber nah genug, um zu bleiben. Ein Atem, dicht hinter ihr, zu nah, um fremd zu sein, zu klar, um nur gedacht zu sein. Sie drehte den Kopf nur einen Hauch, als könnte sie den Moment noch einholen. Doch nichts. Nur Stein und Schatten. Keine Schritte, kein Rascheln von Stoff, keine Verschiebung in der Luft. Nur ihr eigener Atem, der sich langsam wieder in einen gleichmäßigen Rhythmus fand. Sie war allein.

Die Spannung löste sich nicht sofort. Sie blieb noch in den Schultern sitzen und in der Art, wie ihre Finger einen Moment zu fest auf dem Einband lagen. Dann erst ließ sie langsam nach. Ihre Hand glitt über das Notizbuch, strich flach über das raue Leder, mehr ein Abstreifen als eine bewusste Bewegung, als würde etwas daran haften, das nicht mitgenommen werden sollte.

Dann stand sie auf. Jeder Schritt setzte sich sauber in den Boden, wurde aufgenommen und verschwand wieder. Der Geruch verschob sich mit der Bewegung, weniger Metall, weniger Blut, dafür mehr von der feuchten Schwere des Steins.

Das Axorn lag still.

Die Gänge zogen sich ruhig und geschlossen durch das Gestein. Keine Stimmen, die sich in der Ferne verloren. Kein Echo von Bewegungen. Nur das gedämpfte, gleichmäßige Atmen der Höhle selbst, das durch den Stein wanderte und alles andere überlagerte. Manchmal lief etwas darin mit. Schritte, die sich nicht ankündigten und nicht blieben. Wachlethrixoren auf ihren Wegen. Ohne Eile ging sie hindurch.

Die Taverne öffnete sich wie ein etwas wärmerer Schnitt im Fels. Das Licht dort war dichter, lag schwerer in der Luft, ohne heller zu sein, und trug einen Hauch von altem Rauch und abgestandenem Alkohol, ein Ort, der sich vom Rest löste, ohne wirklich anders zu werden.

Der Absinth stand, wo er immer stand. Sie griff danach, kühl und glatt unter ihren Fingern, nahm die Flasche und ein leeres Glas mit einer Bewegung auf, die weder suchte noch zögerte. Ohne weiter zu verweilen, wandte sie sich ab und kehrte ins Labor zurück.

Dort angekommen löste sie den Korken mit einem leisen, trockenen Laut. Ein schmaler Schwall Flüssigkeit glitt in das Glas, klar und von einem kühlen Grün, das im flackernden Licht der Lampe unruhig brach und sich in feinen Verschiebungen bewegte. Noch während sie die Flasche abstellte, hob sie das Glas an.

Der erste Schluck war kühl, dann scharf. Er legte sich nicht, sondern zog sich durch den Mundraum, bitter, mit einer klaren, fast stechenden Note, die sich erst im Nachhall entfaltete. Kein Genuss. Eher ein sauberer Schnitt, der die Gedanken voneinander trennte. Sie stellte das Glas nicht sofort ab. Ein zweiter, kleinerer Schluck folgte, kontrollierter. Dann erst senkte sie die Hand, stellte es neben die Gefäße zurück, exakt dort, wo noch Raum war. Für einen Moment hielt sie inne.

Dann setzte sie sich und griff nach dem Notizbuch. Die Seiten nahmen die ersten Worte ohne Widerstand auf. Die Feder kratzte leise über das Pergament, während sich Gedanke an Gedanke fügte. Pulver, Leim und Öl – die Trägermedien waren nicht länger die Frage, sondern das, was darin wirken würde.

Und während die Flamme der Kerze weiter sank und sich der Absinth leerte, verbrachte sie den Rest der Nacht damit, das zuvor nur lose Nebeneinander in eine Form zu bringen, die bleiben konnte.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Die Nacht war bereits deutlich vorangeschritten, als sie zum anderen Ende der Werkbank aufblickte. Die Arme vor sich verschränkt, den Kopf darauf abgelegt, war Zyn’tuin dort eingenickt, als hätte die Höhle selbst ihn langsam zur Ruhe gezwungen. Die Zeichen des Fluchs waren von ihm gewichen. Sein Haar lag wieder dunkel und dicht, seine Züge hatten an Schärfe verloren und wirkten gefasster in der Stille – noch ungebrochen in ihrer Klarheit. Über seine Lippen zog sich eine feine Spur Blut, ein leiser Rest dessen, was zuvor zwischen ihnen gewesen war.

Ein paar Herzschläge zu lange blieb ihr Blick auf ihm liegen. Dann löste sie sich davon.

Sie griff nach den kleinen Töpfchen, die sie vorbereitet hatte, und stellte sie der Reihe nach vor sich auf. Mit dem Spatel löste sie die dunkle Masse aus der flachen Schale und setzte sie in die Gefäße um. Zäh gab sie nach, ließ sich portionieren, blieb dabei dicht und schwer. Jede Bewegung war gleich, ruhig geführt, bis sich ein Töpfchen nach dem anderen füllte.

Mit einer letzten, flachen Bewegung strich sie die Oberflächen glatt. Dann verschloss sie die Gefäße nacheinander und stellte sie beiseite, aus dem direkten Arbeitsbereich genommen.

Bitterextrakt. Bereit.

Ihre Hand griff unter die Werkbank und zog einen Beutel hervor. Der Stoff spannte sich unter ihren Fingern, an den Nähten verhärtet. Als sie die Öffnung löste, entwich nichts. Kein Laut, kein Rest von Bewegung. Nur das Gewicht, dumpf und gleichmäßig.

Khor’vath hatte den Auftrag gehabt, Tiere zu beschaffen. Sie hatten gequiekt, waren unruhig und es hatte ihn gestört. Nicht als bloßes Geräusch, sondern als etwas, das sich nicht ausblenden ließ. Ein kurzer Verlust an Kontrolle, ein Impuls, der nicht gehalten wurde. Das dringende Bedürfnis, die Störung zum Verstummen zu bringen. Der kräftige Schlag gegen den Stein hatte genau das getan.

Doch was er hinterlassen hatte, war kein Ende, sondern ein Zustand dazwischen. Kleine Körper, die unter der Gewalt nachgegeben hatten, ohne vollständig zu brechen. Noch nicht tot, aber auch nicht mehr lebendig, gefangen in einem unklaren Übergang, der weder zu gebrauchen noch zu führen war.

Sie hatte ihn angewiesen zu beenden, was er begonnen hatte. Jetzt lagen die Körper still genug.

Sie griff in den Beutel und zog den ersten heraus. Der kleine Leib hing schwer in ihrer Hand, nachgiebig, ohne Widerstand. Für einen Moment drehte sie ihn zwischen den Fingern, spürte das fehlende Leben darin, die bereits einsetzende Schwere, dann legte sie ihn auf eine der flachen Steinplatten neben der Werkbank.

Die Oberfläche war kühl, glatt, leicht feucht von der Luft der Höhle. Genau richtig. Sie richtete den Körper darauf aus und fixierte ihn. Dann setzte die Klinge an. Der Schnitt war klar geführt entlang des Bauches. Die Haut spannte sich kurz unter dem Druck, gab dann nach, und darunter trat das Innere frei – warm noch, feucht, bereits im Übergang begriffen.

Sie öffnete den Körper jedoch nicht, um zu entnehmen, sondern um ihn zugänglich zu machen. Mit den Fingern zog sie die Schnittkanten auseinander, nur so weit, dass Luft eindringen konnte. Kein gewaltsames Aufreißen, kein vollständiges Freilegen. Nur ein präzises Öffnen, das den Prozess einleitete, ohne ihn zu stören. Mit kleinen Nadeln fixierte sie die Ränder, hielt die Spannung, damit nichts sich wieder schloss. So blieb er liegen.

Sie griff zum Nächsten. Einer nach dem anderen wurden die kleinen Körper auf die Steinplatten gelegt, voneinander getrennt, ohne Berührung, ohne Überdeckung. Jeder Schnitt gleich gesetzt, jede Öffnung ähnlich geführt, bis sich die Fläche neben der Werkbank veränderte: Ein stilles Arrangement aus geöffnetem Fleisch, feuchten Oberflächen und beginnender Zersetzung.

Eine schwere, süßliche Note breitete sich aus. Langsam wachsend, dichter werdend mit jedem weiteren geöffneten Körper. Sie blieb im Raum hängen, setzte sich in die Luft, legte sich in den Atem, ohne sich aufzudrängen.

Sie reagierte nicht darauf. Ihre Hand bewegte sich weiter, ruhig und gleichmäßig, bis jeder Körper vorbereitet war – geöffnet, ausgerichtet, dem überlassen, was nun folgen sollte.

Erst dann hielt sie inne. Ihr Blick glitt über die Steinplatten, über das, was sie geschaffen hatte.

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Gewebesaft. Auf den Weg gebracht.

Damit waren zwei von drei Wirksubstanzen gesetzt.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Der schwere Geruch von Verwesung setzte sich zunehmend fest.

Längst blieb er nicht mehr zwischen den Wänden des Labors hängen, sondern kroch hinaus in die angrenzenden Gänge des Axorns. Er legte sich in feuchte Ritzen und raue Steinkanten, haftete an Stoff, Leder und Haut. Man trug unweigerlich einen Rest davon weiter, oft ohne es bewusst wahrzunehmen. Und selbst dort, wo die Luft kühler wurde und der Geruch schwächer erschien, blieb er bestehen - ein süßlicher Nachhall tief in der Nase, der sich nur langsam wieder verlor.

Die kleinen Körper veränderten sich.

Was zuvor nur geöffnet und vorbereitet worden war, begann unter Wärme, Luft und Zeit langsam nachzugeben. Die freigelegten Stellen wurden dunkler und weicher, sanken ein, wo das Gewebe zuerst nachgab. Dünne Flüssigkeit sammelte sich in den flachen Vertiefungen der Steinplatten, zog zähe Fäden zwischen Fleisch und kaltem Stein und glänzte stumpf im Licht der Lampe.

Etliche Nächte lang arbeitete sie schweigend zwischen ihnen.

Mit einem flachen Werkzeug löste sie die weichsten Bereiche aus den geöffneten Körpern. Ein langsames und geduldiges Abschaben, als würde sie etwas aufnehmen, das sich längst selbst vom übrigen Gewebe trennen wollte. Die Masse fiel schwer und feucht in die bereitstehenden Gefäße. Nicht jeder Körper war brauchbar geworden. Manche waren zu schnell gekippt und in sich zusammengefallen. Andere hingegen hatten gehalten. Weich genug, um sich lösen zu lassen, aber noch stabil genug, um brauchbar zu bleiben. Diese nahm sie.

Nach und nach schöpfte sie den Saft ab und ließ ihn in schmale Phiolen fließen. Die Flüssigkeit bewegte sich nur langsam, fast schon widerwillig. Jeder Tropfen hinterließ einen dunklen Film, bevor er sich träge mit dem Rest verband. Der Saft zeigte keine klare Farbe. Kein eindeutiges Rot, kein richtiges Braun, sondern irgendetwas dazwischen.

Mit einem dumpfen, beinahe weichen Klirren fand auch die letzte Phiole ihren Platz neben den anderen. Der dunkle Inhalt schwappte noch einen Moment träge darin, bevor auch er wieder zur Ruhe kam.

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Gewebesaft. Bereit.
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Jael'Zeerith
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Re: Schwelender Zorn

Beitrag von Jael'Zeerith »

Die schmalen Phiolen standen sauber voneinander getrennt auf der Werkbank, jede einzeln beschriftet und für sich gehalten. Das Blut eines Templers, das eines Schattenwandlers, das eines jungen Säbelschwingers und ihr eigenes. Im kargen Licht der Öllampe unterschieden sie sich kaum. Dunkles Rot hinter klarem Glas, ruhig geworden nach den ersten Stunden des Stehens. Doch sobald sie begann damit zu arbeiten, offenbarte jedes Blut seine eigene Natur.

Das Blut des Lethoryx war schwer und träge. Es floss langsamer als die übrigen Proben, setzte sich dichter am Boden der Gefäße ab und hielt seinen Zustand nahezu gleich, selbst wenn Wärme oder Bewegung darauf einwirkten. Anfangs erschien ihr genau das vielversprechend. Doch je länger sie die Ansätze beobachtete, desto deutlicher wurde, dass diese Form der Stabilität keine Anpassung zuließ. Jede Veränderung wurde sofort gebunden und vollständig gedämpft, bis am Ende nur noch eine reglose Flüssigkeit im Glas verblieb.

Das Blut des Letherx verhielt sich genau gegenteilig. Dünner und beweglicher reagierte es sofort auf kleinste Abweichungen. Schon eine geringe Erwärmung ließ feine Schlieren durch die Proben ziehen, als würde sich darin ständig etwas neu ordnen und anpassen. Für kurze Zeit hielt dieser Zustand, doch dann begann das Blut sich wieder aufzutrennen. Die Bestandteile lösten sich voneinander, bis nur noch instabile Schichten zurückblieben.

Das Blut des angehenden Lethrixors brachte rohe Kraft, aber keine Kontrolle. Bereits kleine Mengen reagierten aggressiver als die übrigen Proben. Wärme sammelte sich in den Gefäßen, obwohl ihre Hände längst still waren. Manche Ansätze verdickten sich innerhalb weniger Augenblicke zu schwarzen Klumpen. Andere verloren plötzlich jede Struktur und kippten vollständig.

Und auch ihr eigenes Blut führte nicht zum Erfolg. Es verhielt sich ruhiger als die übrigen Proben, ohne dabei starr zu werden. Kleine Veränderungen wurden aufgenommen statt abgeblockt und selbst instabilere Ansätze hielten länger ihre Form. Doch die Reaktionen glätteten sich irgendwann selbst. Was blieb, war kein Zusammenbruch, sondern ein Zustand, der sich selbst zu stark ausglich.

Nacht für Nacht veränderte sie die Verhältnisse. Andere Temperaturen, andere Ruhezeiten. Mehr vom einen, weniger vom anderen. Tropfenweise tastete sie sich voran und beobachtete jede noch so kleine Veränderung im Glas: Verdickungen, frühe Gerinnung, feine Bewegungen unter der Oberfläche. Doch nichts brachte den gewünschten Erfolg.

So suchte sie erneut Tik’lerpox auf.

Der Stalljunge wartete in den Lagerhallen der Zucht, verborgen zwischen Kisten, Fässern und dem dumpfen Geruch feuchten Strohs. Das matte Licht der wenigen Lampen reichte kaum aus, um Gesichter klar zu erkennen. Weiter hinten, wo das Licht bereits wieder vollständig in Schatten überging, blieb Zyn’tuin zurück. Er sagte kein Wort, regte sich nicht und war nicht sichtbar genug, um Teil des Handels zu werden. Aber er war nah genug, dass nichts sich unbeobachtet bewegte.

Jael’Zeerith legte den kleinen Lederbeutel auf den kalten Stein. Bitterblattpulver, sorgfältig mit Wermutöl versetzt. Wertvoll genug, um keine Fragen zu provozieren. Der Stalljunge zögerte nur kurz, sein Blick glitt einmal über ihre Schulter hinweg in die Dunkelheit hinter ihr, bevor er die schmale Phiole unter seiner Kleidung hervorzog. Kein Wort fiel zwischen ihnen. Nur der Tausch.

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Zurück im Labor veränderte bereits der erste Versuch alles. Das Ara’thraxenblut blieb nicht einfach ruhig, es hielt Spannung, ohne dabei zu kippen. Selbst nach Stunden verlor die Probe weder ihre Struktur noch ihre Beweglichkeit. Die Flüssigkeit reagierte ohne zu zerfallen oder zu erstarren.

Doch auch hier führte zu viel sofort zum Scheitern. Hohe Konzentrationen machten die Ansätze aggressiv. Wärme staute sich im Glas, die Oberfläche begann sich zu kräuseln und einmal sprengte eine Probe ihren Korkverschluss und lief schwarz und dampfend über den Stein der Werkbank.

Also begann sie erneut. Mit kleineren Mengen. Langsamer in der Ausführung. Präziser in der Zusammensetzung. Wieder vergingen etliche Nächte, bis die Flüssigkeit zum ersten Mal den Zustand hielt, den sie gesucht hatte. Sie hob die Phiole gegen das Licht der Lampe. Das dunkle Rot darin wirkte dichter und schwerer als zuvor – und dennoch empfindlich genug, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Sie stellte die Phiole zu den anderen.

Blutextrakt. Bereit.
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