[MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm hält

Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

[MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm hält

Beitrag von Jynela Dhara »

*Das Buch lag auf dem massiven Tisch, die Seiten gestrafft, aber durch Kälte und Lagerfeuchtigkeit leicht wellig. Eine einzelne Kerze flackerte im Windzug, ihr Licht zeichnete zitternde Schatten über das Papier und die der Zeltstangen.

Jynelas Finger waren steif, die Kälte zog bis in die Knochen. Die Feder kratzte hart über das Papier, die Buchstaben kantig, eckig, aber akkurat genug, um jeden Befehl, jede Beobachtung festzuhalten. Ein Tropfen Wachs landete am Rand, wurde mit dem Handrücken abgewischt – Disziplin vor Chaos.

Sie schrieb weiter. Nicht schön, nicht elegant – militärisch akkurat. Wahr. Vollstreckbar.
Das war alles, was zählte.


Feldtagebuch
06. Hartung 269

Aufbau des Feldlagers:

Aufbruch bei Schnee und anhaltender Kälte. Ausrüstung geprüft, unnötige Last zurückgelassen.
Marsch nach Grenzwarth ohne Zwischenfälle, danach Weiterzug zum vorgesehenen Lagerplatz am Berg.

Lageraufbau angeordnet: Offizierszelt im Schutz des Hanges, Material und Heilstube nördlich, Unterkünfte dahinter, Verpflegung im Westen.
Mannschaft reagierte größtenteils diszipliniert, einzelne Unsicherheiten wie erwartet.
Schnee geräumt, Feuer vorbereitet, Zelte stehen vor Einbruch der Dunkelheit. Wachdienste sind eingeteilt. Das Lager ist gesichert.
Der erste Tag verlief ruhig – genau so, wie er verlaufen sollte.

Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.


Bild

Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers


Bild



~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~




Der erste Tag

Schnee ist ehrlich.
Er kündigt nichts an, er droht nicht – er liegt einfach da und wartet darauf, dass jemand einen Fehler macht.

Jynela wusste das, noch bevor sie den Hof der Kommandatur betrat. Der Winter hatte sich in der Nacht weiter ausgebreitet, still und gründlich, und die Kälte hing bereits in den Mauern, als würde sie prüfen, wer heute schwächeln wollte. Sie ließ wenig später den Blick über die Kameraden schweifen, die sich zum letzten Mal im Warmen sammelten, überprüfte Haltungen, Gesichter, Hände.

Ausrüstung sagt viel über einen Menschen.
Noch mehr sagt aus, was er vergessen hat.

Taschenkontrolle war kein Misstrauen.
Es war Notwendigkeit.
Was unnütz war, blieb zurück. Was verboten war ebenso. Was fehlte, würde draußen sehr schnell auffallen – und der Winter war kein geduldiger Lehrmeister. Einige hörten aufmerksam zu. Andere blickten so, als hätten sie den Winter bereits persönlich besiegt. Diese Einschätzung würde sich draußen korrigieren.

Nicht alle hatten Erfahrung mit Tagen im Feld. Noch weniger mit Nächten.
Jynela erklärte das nicht weiter. Kälte erklärt sich selbst.

Der Marsch verlief ruhig. Grenzwarth lag wie gewohnt zwischen Ordnung und Vergessen, Pferde wurden abgegeben, Blicke gewechselt, dann ging es weiter. Der Lagerplatz am Berg war gut gewählt: Schutz im Rücken, freie Sicht nach Westen, genug Raum für Zelte und Feuer. Kein Ort für Romantik, aber ein brauchbarer Platz, um nicht zu erfrieren.

Aufgaben wurden verteilt. Material hier, Unterkünfte dort, Verpflegung im Westen. Das Offizierszelt im Schutz des Hanges – nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil jemand den Überblick behalten musste, während andere sich mit Schnee und Leinwand beschäftigten.
Freiwillige fanden sich.
Freiwillige finden sich immer, wenn Arbeit anfällt, die sichtbar ist.

Bevor jedoch auch nur ein Zelt aufgestellt wurde, stellte Jynela eine Frage.
Eine einfache. Die Wichtigste.

Die Antworten kamen zögerlich. Wachen. Palisaden. Ordnung. Alles richtig – nur nicht zuerst.
Erst als jemand den Schnee erwähnte, der alles durchnässte, was man achtlos darauf legte, und ein anderer das Feuer, das mehr war als Wärme, nickte sie.
Schnee weg.
Feuer an.
Dann alles andere.

Der Rest des Tages bestand aus Ziehen, Schlagen, Fluchen und Arbeiten.
Zelte standen vor der Dämmerung. Feuer brannten. Niemand hatte sich ernsthaft verletzt, niemand war verloren gegangen, und alle lebten noch – ein Erfolg, den man im Winter nicht gering schätzen sollte. Eine Kugel wurde abgefeuert. Ein Schneemann zum Leben erweckt. Heißes Wasser getrunken und mehr als nur ein Glimmstängel angezündet.

Als die Dunkelheit kam, legte sich eine ruhige Müdigkeit über das Lager. Die Art von Erschöpfung, die ehrlich ist und nicht nachfragt. Jynela stand einen Moment abseits und betrachtete das Ergebnis.

Kälte machte keinen Unterschied zwischen Rang und Erfahrung.
Aber Vorbereitung machte einen.

Der erste Tag war überstanden.
Das Lager stand.
Der Winter war noch da.

Und morgen würde er prüfen, ob sie es ernst meinten.

Bild
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Das Buch lag immer noch auf dem Tisch, an derselben Stelle, als hätte es sich über Nacht keinen Fingerbreit bewegt. Nur die Seiten hatten mehr Falten bekommen, der Einband war kälter als am Vortag. Die Kerze brannte niedriger, ihr Licht ruhiger, fast müde.
Jynela atmete langsam aus, bevor sie die Feder aufnahm. Die Kälte war nicht gewichen, sie hatte sich eingenistet. In den Gelenken. In den Gedanken. Die Finger gehorchten dennoch. Immer.
Die Schrift setzte gleichmäßig ein, fester als am Vortag. Weniger Zögern, mehr Gewissheit. Die Feder kratzte leise, als wolle sie erinnern, dass jedes Wort Gewicht trug.
Dies war kein Ort für Ausschmückung.
Nur für Feststellung.

Tag zwei bedeutete nicht Beginn.
Tag zwei bedeutete Fortsetzung.

Sie schrieb.
Nicht, um festzuhalten, was gewesen war – sondern um Ordnung zu schaffen für das, was noch kommen würde.



Feldtagebuch
07. Hartung 269
Überleben in der Wildnis:

Ausbildung unter Leitung von Grundausbilder Melia
Einteilung in zwei Trupps:

Überleben im Winter – Nahrung (Sammeln, Jagd, Zubereitung eines Eintopfs).

Ausrüstung – Schneeschuhe (Materialbeschaffung und Bau einfacher Gestelle).

Disziplin im Lager zufriedenstellend.
Alkohol weiterhin offiziell untersagt.
Besuch von Ahad Shasul während der Ausbildung, Lagebericht gegeben, keine Unterbrechung angeordnet.

Trupps sind planmäßig ausgerückt.
Witterung weiterhin kalt mit Schneefall, Gelände schneereich.

Unvorhergesehener Vorfall: Ein Rudel Wölfe kamen dem Lager gefährlich nahe. Sie mussten und konnten jedoch durch gezielte Aktion beseitigt werden. Die Felle wurden abgezogen, die Kadaver entfernt um weitere Wildtiere fern zu halten.

Unerwartetes Erscheinen eines Wanderbarden:
Name: Baldur
Augenblicklich wohnhaft in der Herberge in Berchgard:
Einwirken auf das Lagergeschehen begrenzt, keine Unterbrechung der Ausbildung. Nach Aufklärung und eindringlicher Warnung wurde der Barde über die Grenze begleitet. Mit einer Rückkehr ist nicht zu rechnen, die Konsequenzen sind ihm bewusst.

Rekrutenübung Sayer:
Aussetzen in der Wildnis mit verbundenen Augen, Aufgabe musste abgebrochen werden, falsche Richtung durch Drehung des Windes, Eingreifen unumgehbar als Banditen angriffen.
Weitere Übung wird folgen.

Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.


Bild

Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers

Bild





~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~




Der zweite Tag im Feldlager begann lange, bevor jemand den Mut hatte, ihn offiziell zu benennen. Der Hauptmann war einer der Ersten, die wach wurden. Nicht, weil sie musste, sondern weil Schlaf für sie kein Zustand war, auf den man sich verließ. Der Schnee lag still, das Lager atmete langsam, und irgendwo in den Zelten schnarchten Kameraden mit jener Hingabe, die nur Menschen entwickeln, die sich sicher fühlen.

Am Feuer traf sie auf Lioras. Auch er wach, auch er still genug, um das Lager nicht zu wecken. Sie wechselten ein paar leise Worte, die mehr aus Blicken als aus Sprache bestanden. Über die Rationen. Über den kommenden Tag. Und über das Schnarchen einiger Gardisten, das selbst Alatar vermutlich als Prüfung verstanden hätte. Es war keine Böswilligkeit. Eher das stille Einvernehmen zweier Menschen, die wussten, dass Disziplin nicht bedeutet, keinen Humor zu haben. Und eben diesen Humor, den er oft so sehr zu verdrängen versuchte, wusste sie durchaus zu schätzen.

Soiradur kam wenig später hinzu, noch bevor das Feuer richtig gefasst hatte. Wortlos zunächst und in Eile um den dringendsten Bedürfnissen nachzukommen. Dann mit einem knappen Gruß. Der Morgen ließ Gespräche nur in kleinen Dosen zu und niemand versuchte, mehr daraus zu machen. Als sich die ersten Bewegungen im Lager abzeichneten, nutzte Jynela die Gelegenheit, sich zu entziehen.

Sie lief.
Nicht aus Trainingsgründen, oder zumindest nicht nur – sondern um Gedanken zu ordnen. Der Atem dampfte in der kalten Luft, der Schnee gab unter den Stiefeln nach. Später wusch sie sich am See, das Wasser eisig genug, um jeden Rest von Müdigkeit fortzuspülen. Es war kein Luxus, sondern ein Ritual. Etwas Eigenes, bevor der Tag sie wieder beanspruchte. Unter anderen Umständen wartete morgens der Parkour, Abends der Tempel. Hier lief das Leben für eine Woche in anderen Bahnen.

Noch bevor die Ausbildung begann, nutzte das Lager eine jener seltenen Pausen, in denen niemand laut etwas verlangte. Eine trügerische Ruhe, die sich nur einstellt, wenn alle wissen, dass sie nicht lange währen wird. Darios hatte sich zum Fluss aufgemacht – angeln, sagte er. Versorgung. Eine Tätigkeit, die nach Abstand klang. Jynela ließ ihn nicht lange allein.

Sie folgte ihm nicht aus Pflicht. Sondern aus Instinkt. Jene leise Stimme, die einem Hauptmann sagt, wann Führung Nähe braucht und wann Abstand gefährlich wird.

Der Fluss führte kaltes Wasser in den See, trug das Geräusch des Lagers fort und ließ nur eine frostige Stille zurück. Darios warf die Leine aus, konzentriert, ruhig. Zumindest bis sie auftauchte und er beinahe im Wasser landete. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Jynela blieb stehen, den Blick über das Eis und das Ufer gerichtet. Sah zu wie der Fisch entkam. Lange sprach keiner von beiden. Es war kein verlegenes Schweigen, sondern ein arbeitendes. Eines, das Raum schuf.

Es waren ihre unerbitterlichen Fragen, die ihn dazu zwangen zu sprechen. Zunächst stockend. Über Vergangenes. Über Verluste, die nicht laut waren, aber dauerhaft. Über Entscheidungen, die notwendig gewesen waren und trotzdem Narben hinterlassen hatten. Sie drängte ihn nicht, um Erleichterung zu finden. Sondern weil manches Gewicht leichter wird, wenn es ausgesprochen ist.

Sie hörte zu. Unterbrach nicht. Und als sie antwortete, tat sie es ohne Beschönigung. Sie sprach von Pflicht. Davon, dass sie nicht rettet, sondern trägt. Dass sie einem erlaubt, weiterzugehen, selbst wenn man innerlich stehen geblieben ist. Auch sie sprach von Verlust. Nicht in Bildern, sondern in Feststellungen. So nüchtern, dass gerade darin die Wahrheit lag. Zu mehr war sie nicht fähig, wenn es um ihr eigenes Schicksal ging, nicht, wenn sie Haltung wahren musste, nicht wenn Tränen sicher am falschen Ort und zur falschen Zeit waren.

Sie erkannte Gemeinsamkeiten, ohne sie zu suchen. Nicht im Erlebten, sondern im Umgang damit. Beide wussten, wie es ist, weiterzumachen, obwohl man innerlich längst bezahlt hatte. Es war kein Gespräch, das heilte. Aber eines, das ordnete. Und Ordnung ist manchmal die einzige Form von Frieden, die einem zusteht.

Als sie zurückkehrten, lag zwischen ihnen kein Versprechen. Aber etwas Belastbares. Vertrauen, nicht aus Nähe geboren, sondern aus Verständnis. Für Aufgaben im Namen Alatars war das von unschätzbarem Wert. Unter Kameraden, ein Geschenk.

Wenig später sammelte sich die Garde zum Appell. Lingor übernahm mit jener selbstverständlichen Lautstärke und Souveränität, die keinen Zweifel daran ließ, dass nun gearbeitet werden würde.
Jynela stand etwas abseits, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt, der Blick wach, aber nicht ungeduldig. Ein Hauptmann, der seine Leute beobachtete, nicht um sie zu kontrollieren, sondern um sie zu verstehen. Sie ließ ihn erklären, einteilen, motivieren. Und sie nahm wieder einmal mit voller Zufriedenheit wahr, wie konsequent und geordnet er seiner Aufgabe nachkam. Nahrungstrupp hier. Schneeschuhe dort. Überleben in einem Gelände, das keine Fehler verzieh und keine Ausreden akzeptierte.

Sie hielt sich mit Einwürfe zurück, als Hauptmann lernte man schnell, wann sich die Gelegenheit bot durchzuatmen und die Arbeit anderen zu überlassen. Diese Pausen, waren Gold wert.
Die Trupps nahmen ihre Aufgaben an.
Niemand murrte. Zumindest nicht laut...
Auch das war eine Form von Erfolg.

Der Abend brachte Bewegung ins Lager. Schneeschuhe wurden gebaut, gebogen, verworfen und neu gedacht. Der Nahrungstrupp kehrte zurück – mit Wild und mit dem stillen Stolz von Menschen, die wussten, dass sie heute mehr beigetragen hatten als bloße Anwesenheit. Der Eintopf wurde angesetzt. Er roch nach Wärme und Zweckmäßigkeit, was im Feldlager als kulinarischer Triumph galt.

Wolfsgeheul lag in der Ferne. Kein unmittelbarer Angriff. Nur eine Erinnerung daran, dass die Welt draußen wartete. Geduldig. Und selten gnädig. Sie hätte sich auch alleine darum kümmern können, aber dieses Mal hatte sie zum ersten Mal seit langem wieder ihren Waffenbruder an ihrer Seite.
Nicht weit von ihr bewegte sich Konrad Vylen, lautlos, die Pfeile bereit. Ohne ein Wort, nur durch eine schnelle Abfolge von Handzeichen, teilten sie die Positionen und Strategien miteinander. Die Sprache der Scharfschützen, stumm, präzise, tödlich. Mit ihm als Teil ihrer Seele, war das seit jeher möglich gewesen und sie hatte es schmerzhaft vermisst.

Sie konnte die Richtung der Wölfe nicht genau ausmachen, aber ihre Präsenz war deutlich spürbar. Die ersten Tiere waren bereits sichtbar, Pfotenabdrücke im Schnee wie gezackte Runen, die von Gefahr kündeten.
Sie teilte das Feld auf. Konrad südlich, sie selbst zog den Kreis über den Nord-Osten. Jeder Schritt, jede Bewegung war kalkuliert, ein Tanz auf dünnem Eis. Nur ein Tier kam ihr in die Quere. Dann der erste Schuss. Ein Pfeil schoss durch die kalte Luft, traf sein Ziel. Jynelas Herz pochte ruhig, methodisch, während sie weiterging. Es war wirklich nur einer, entfernt vom Rudel, das wie sie feststellen musste deutlich größer war, als befürchtet.
Es zog sich zurück, sie folgten mit Abstand. Aber am Ende war es nicht weit genug, um sicher zu sein.


"Schützen antreten!"
"Kampfbereitschaft!"



Ihre Befehle klangen durchs Lager wurden sofort von Melia aufgenommen und weitergegeben und nur wenig später waren sie unterwegs, dem Rudel hinterher.
Nur einige Schüsse später, färbte sich der Schnee tiefrot und doch war es keine blinde Raserei – Jynela und Konrad beobachteten, dirigierte, sorgten dafür, dass die Tiere einen schnellen Tod starben.

Es war ein stiller Triumph: kein Chaos, keine Panik, nur disziplinierte Effizienz. Als die letzten Tiere gefallen waren, legte sich Ruhe über die Schneelandschaft. Das Jaulen verstummte, der Wind trug nur noch die ersten Schneeflocken des herannahenden Abends.
Die Kadaver wurden sorgfältig abgezogen, Felle gerettet, Fleisch nicht verschwendet – genügend Wildtiere würden später davon profitieren, aber in sicherer Entfernung. Ihr Tod wäre an anderer Stelle nicht nötig gewesen, aber für den Schutz des Lagers unumgänglich. Die letzte Ehre, der Respekt, wurden dennoch erwiesen. So wie sie es gelernt hatte.
Jynela ließ einen kurzen Blick zu Konrad schweifen, Mundwinkel leicht hochgezogen. Trotz der Kälte, trotz des Geruchs von Blut und Schnee, hatte der Tag etwas Beruhigendes: die Kontrolle lag noch immer in ihren Händen.


Am Ende des Tages, als ungebeten Gäste verabschiedete und der Magen mit Eintopf gefüllt war, glitt ihr Blick über die müde und vermutlich auch frierende Truppe am Feuer. Gerade heute, wo an anderer Stelle die Worte an die Armee gefehlt hatten, war es ihr wichtig, noch einmal auszusprechen, was sie vor sich sah.

Sie sah Kameraden.
Sie sah Militär.
Sie sah die Legion.

Aber vor allem sah sie, wie Menschen wuchsen – nicht nur über sich hinaus, sondern auch in sich hinein. Dieser Anblick erfüllte sie mit einem tiefen Stolz, der sie mehr wärmte, als das lodernde Feuer.


Der Tag war lang gewesen. Der Abend ruhig. Und irgendwo zwischen Schnarcherei, einem kalten Fluss, einem stillen Gespräch am See und Schnee unter den Stiefeln hatte sich etwas gefestigt.


Nicht nur Mut.
Sondern Vertrauen.

Nicht Angst.
Sondern Stärke.

Nicht Zweifel.
Sondern Zusammenhalt.

Nicht Hoffnung.
Sondern Ordnung.


Und für heute, war das mehr als genug.


Bild
Benutzeravatar
Darios Soiradur
Beiträge: 33
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Darios Soiradur »

Der Plan war geschmiedet. Versagen: ausgeschlossen. Ylais hatte sich einmal mehr als nützlich erwiesen. Das Gespräch mit ihm in der Nacht am Feuer war eine tiefere Erkenntnis als Darios an Erwartung gewagt hatte – auf unterschiedlichen Ebenen.

Bild

In großer Runde am Lagerfeuer hatte Darios eine Abmachung mit dem Hauptmann getroffen, die er später besser nicht reuen sollte. Gold wurde gesetzt und mehr noch an Einsatz, als ursprünglich angedacht wurde. Aber die Erhöhung des Ertrags für die Truppe war etwas, das nachwirken könnte. Etwas, das mit Steigerung des eigenen Einsatzes, des eigenen Risikos einherging. Etwas, das er sich wiederum als Ausgesetzter ständiger Prüfungen einfach auferlegen musste. Etwas, um eben seinen eigenen Mut zu prüfen. Und Ylais? Er glänzte mit ungeahntem Wissen übers Fischen. Brauchbar, belastbar, logisch. Ein Überraschungsmoment, dessen sich der Hauptmann am nächsten Tage ausgesetzt sehen würde.

Zuvor hatten sich die zwei erst über Belanglosigkeiten ausgetauscht, doch Nuancen verrieten Darios mehr über das Wesen seines Gegenübers. Sie verrieten mehr über Ylais Verhalten, sein handeln, seine Vergangenheit. Der Barde mit der Löwenmähne trägt mehr als nur Lieder in sich. Vergangenheit und Gegenwart, die Gewicht auf seinen Schultern besitzen. Darios lauschte, beobachtete, wie Ylais über die Tänzerin sprach, wie er über die Mutige sprach, die geblieben war, obwohl sie hätte gehen können – und die dann doch auf eine Weise ging, die niemand freiwillig wählte. Die zwei Männer unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, doch teilen Verbindungen über stillen Schmerz. Darios, als Mann weniger Worte holte Wasser, sie stießen an. Auf Ylais Vergangenheit, seine Gegenwart und auf etwas, das nur durch Momente wie diese entstehen konnte: Kameradschaft.

Vor jenen langen und aufschlussreichen Gesprächen am Lagerfeuer hatte der Grundausbilder und Tausendsassa Melia, der Wächter des vielzählig ersehnten Kaffees, zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Schuf mit ihren Händen etwas für den nächsten Tag, die anderen nahmen Leben für den heutigen Abend und für die hungrigen Mäuler der Legion und Gäste. Darios sah sich geeigneter für zweiteres und zog mit einer Gruppe auf die Hatz in den Wald. Neben im winterlichen Gerimor nur schwerlich entdeckbaren Pilzen, Knollen und sonstigen Grünartigkeiten verriet sich eine prächtige Wildsau anhand ihrer Spuren im Schnee. Am Rande bekam er mit, wie seine Kameraden das Tier einkesselten und letztlich zu Fall brachten. Konrad, eng mit dem Hauptmann vertraut und im Reich verdient, schützte gemeinsam mit der Truppe das Erlegte vor jaulenden, sich nähernden und allem voran hungrigen Gegnern. Die doch eher zuerst zierlich geschätzte Arragar erwies sich für Darios als Überraschung, als jene geschickt die Wildsau zerwerkte und ihm vielerlei brauchbares an Gedärm und Innereien für spätere Nützlichkeiten überlies. Zurück im Lager erwies Melia sich abermals als kreatives Oberhaupt, brachte Geschmäcker in Einklang und zauberte unter Unterstützung der Kameraden nicht nur nahr- sondern auch überaus schmackhaftes in den Suppentopf.

Die Erlebnisse des Nachmittags beschäftigten Darios nebst den vielzähligen Eindrücken, der Tiefe des Gesprächs mit Ylais noch am längsten, ließen ihn in dieser Nacht noch lange nicht in den Schlaf entschwinden, würden wohl noch in der Zukunft Nachwirkung zeigen. Es begann harmlos, beiläufig, seinerseits tollpatschig. Eine Frage zur Vergangenheit und seine Antwort: Krieg. Krieg als Berufung, der Tod als Begleiter. Es war das leichteste in diesem Gespräch was sie fragte. Es war das einfachste, lediglich diesen Gedanken zu teilen. Darios hatte nicht vor sich zu öffnen. Nicht dem Hauptmann, dem Grundausbilder, der Legion oder sonst wem. Seine Erfahrungen damit waren schlecht. Jene, denen er sich geöffnet hatte, waren schließlich nicht mehr. Worte, so lernte er früh, schlugen Wunden die tiefer dringen konnten, als es Waffen selbst vermochten. Und die Fragen des Hauptmanns, ihre Worte hatten eine Präzision, die mutmaßlich ihres Könnens mit dem Bogen gleichten. Erst als er selbst fragte, begann sich das Gewicht des Gesprächs zu verlagern. Nicht zu irgendeines Gunsten, sondern zum Ausgleich.

Sie war ein Kind, das lernen musste zu kämpfen, lange bevor es eine Klinge hielt. Darios erkannte darin Vertrautes – nicht in den Umständen, doch aber im Ergebnis. Andere Wege und doch gleiche Narben. Sie stellte Fragen, die keine Rückzugsmöglichkeiten boten. Bohrte, wo der Schmerz unausgegoren ward. Wusste, wo sie selbst Grenzen ziehen konnte ohne einen Keil zu treiben. Ihre Rebellion ohne Lied von Heldentum. Sie fällte kein Urteil, keine Absolution. Sie erkannte seine unverzeihliche Entscheidung lediglich an. Schuld sagte sie, sei wie ein Stein im Wasser. Die Wellen an der Oberfläche trugen weiter, doch der Stein am Grund blieb. Die Schwierigkeit bestünde darin, mit jenem Gewicht auch umzugehen. Kraft entsteht nicht aus der Tat, sondern aus dem, was man danach zu schützen im Stande ist. Aus jedem einzelnen, jedem verdammten, jedem bewussten Schritt der folgt.

Von blindem Vertrauen war er weit entfernt. Vielleicht hatte er durch seine Taten diesen Zugang auch für immer verloren. Vielleicht gehörte es zur Prüfung, die es zu bestehen galt. Aber während er dort lag und in die Dunkelheit starrte, musste er sich eingestehen dass diese vielzähligen Erlebnisse des langen Tages etwas in ihm verschoben hatten. Etwas seltenes. Jemand hatte seine Narben gesehen – und nicht nach der Klinge zum abermaligen aufklaffen gegriffen. Und das allein war mehr gewesen, als er erwartet hatte.
Benutzeravatar
Lioras Ylais
Beiträge: 58
Registriert: Mittwoch 22. Oktober 2025, 16:09

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Lioras Ylais »

Tag drei des Biwaks war überstanden.
Zugegeben, er hatte sich das anstrengender vorgestellt. Sicher, der stramme Marsch von Rahal zur Lagerstelle war fordernd gewesen. Der Lageraufbau danach noch mehr. Doch danach folgten erstmal zwei Tage, die soweit so erträglich waren. Kälte, fehlender Komfort und fast fremde Menschen dicht an dicht am Schlafplatz waren dem Wanderbarden aus dem fahrenden Volk vertraut. Er hatte keine Scheu vor Nähe, keine Scham unter seinesgleichen, wenn es darum ging, sich zu waschen und umzuziehen. Selbst das Aufstehen nach wenigen Stunden Schlaf, nur um sich dann noch mal hinzulegen war etwas, das er als Vater nur zu gut kannte.
Der Vater in ihm kam tatsächlich sogar öfter raus als erwartet, bedachte er, dass seine Tochter bereits volljährig war. Morgens, wenn er als Lerche unter vielen Langschläfern aufstand, gehörte er zu denen, die das Lager vom Neuschnee befreiten, Herd- und Lagerfeuer anfachten und das erste Wasser zum Erhitzen in den Kessel schwappen ließen. Wenn Hauptmann Dhara begann, ungeduldig zu werden, weil der Vormittag anbrach und Kameraden noch die Eier in der Hose besaßen, weiter zu pennen, war es zumeist Lioras, der die anderen aus dem Bett holte, bevor Dhara es musste. Dann begann das Stoßlüften im Herrenzelt, das Ausschlackern der Schlafunterlagen und Decken. Vermutlich, so dachte Lioras sich, legt man diese Art der Verantwortung für die Jüngeren nie wieder so ganz ab. Selbst, wenn man es überhaupt nicht muss - wie es bei ihm als Landsknecht mit gerade einmal zwei Monden Dienstzeit der Fall war. Andererseits schadete es vielleicht nicht, Dhara und Melia zu zeigen, dass er belastbar war, wenn man es denn jemals brauchen sollte. Das war schließlich etwas, was er zuverlässiger abrufen konnte als körperliche Höchstleistungen und tödliche Kampfmanöver.
Letzteres bewies der Kampf gegen das Wolfsrudel, wo Lioras mehr nur fürs Alibi den Bogen gespannt und ausgerichtet hatte, jedoch tunlichst vermied, ins Getümmel reinzuschießen. Die Gefahr, einen Kameraden zu erwischen war einfach zu groß bei seinem geringen Erfahrungsschatz im Kampf. Ein einziger Pfeil versuchte sein Glück bei einem außen laufenden Wolf und streifte das Tier lediglich. Den Rest erledigte Scharfschütze Vylen mit einer - in dem Fall - beruhigenden Präzision. Niemandem fiel auf, dass der Barde wenig hilfreich gewesen war. Und wenn doch, dann erwähnte es niemand, worüber Lioras sehr froh war.
Der Unsicherheit gegenüber standen anregende Gespräche mit Schreiberin Falkhain und Trabant Soiradur, aber auch die kleinen Momente mit Hauptmann Dhara, die ihm zeigten, dass ihre Aufmerksamkeit zweifelsfrei auf ihm lag, jedoch nicht bedrohlich. Er merkte ja selbst, wann ihre Stimmung zu kippen drohte - und er merkte auch, wann sie tatsächlich mal stolz auf die Leistungen ihrer Truppe war. Der Umgang mit ihr war trotz allem immer noch eine Art Drahtseiltanz. Lioras spürte, dass er sich hier und da lockerer geben könnte. Manchmal wagte er es auch. Oft hielt er sich allerdings noch zurück, schlicht aus der Sorge heraus, sich zu früh zu viel auf seinem Verständnis für diese ambivalente Frau einzubilden.
Die seltenen Momente, in denen es Tee, Eintopf und zuletzt sogar Kaffee gab, würdigte der Barde still für sich. In Verbindung mit dem musikalischen Ausklang des dritten Abends sorgten sie für den dringend benötigten Kraftschub vor einem absehbar anstrengenden vierten Tag. Und nachdem die dritte Nacht wenig erholsam verlaufen war, da die Erinnerungen an seine Vergangenheit sich unerlaubterweise aufdrängten und ihn somit immer wieder aufs Neue darauf aufmerksam gemacht hatten, wie laut Soiradur neben ihm schnarchte, musste Nacht vier einfach besser werden. Auch ohne vorangegangene körperliche Verausgabung.
Der Herr mochte es fügen ...

Bild
Halt's Maul und tu was.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Das Feldtagebuch lag offen auf dem Tisch, beschwert von einem Dolch, damit der Wind die Seiten nicht wendete. Der Geruch von Rauch hing noch an dem Papier, als hätte selbst das Buch den Tag miterlebt. Die Kerze brannte niedrig, ihr Licht hart, ohne Gnade.
Jynela setzte die Feder an.



Feldtagebuch
08. Hartung 269
Zustand insgesamt stabil. Moral brauchbar.
Die Garde hält Belastung stand, trotz kurzer und unruhiger Nächte.

Am Morgen zusätzliche Versorgung durch erbeutete Vorräte.
Denholm und Sayer bereiteten einen starken Kaffeeaufguss. Wirkung auf Wachsamkeit und Stimmung der Truppe positiv.

Zustand der Garde:
Disziplin gegeben. Hygienestandard unzureichend.

Anordnung erteilt:
Zehn Minuten zur Lüftung von Ausrüstung. Anschließend Waschbefehl im Schnee.
Frische Kleidung ausgegeben. Verbrauchte Unterwäsche entsorgt.
Geringer Widerstand, Maßnahmen wurden akzeptiert.

Ergebnis:
Erhöhte Wachsamkeit und Konzentration. Erscheinungsbild der Truppe wieder angemessen.

Abend:
Kurzfristiger Alarm durch Ritter Drapenstein. Kein Feindkontakt.
Reaktion der Garde geschlossen und zügig.

Anschließend Gesang am Feuer (Hymne und Marschlied), angeführt durch Ylais.
Stimmung ruhig.

Bewertung:
Truppe einsatzfähig. Maßnahmen zeigen Wirkung.

Ausblick:
Weiter beobachten. Disziplin aufrechterhalten.
Ruhezeiten sichern. Kaffee rationieren.
Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.


Bild

Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers

Bild





~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~



Der dritte Tag im Feldlager begann wie alle guten Katastrophen: mit Hoffnung, Rauch und dem Geruch von etwas, das man nur dann „Frühstück“ nennt, wenn man im Sold ist.
Jynela Dhara hockte dicht neben dem Feuer, den Mantel enger um die Schultern gezogen, die Ellbogen auf die Knie gestützt. In ihren Händen drehte sie einen Becher mit lauwarmem Wasser. Verdammtes lauwarmes Wasser. Kein Kaffee. Verrat in flüssiger Form.
Sie starrte hinein, als könne reiner Wille die braune Wahrheit heraufbeschwören.

„Wenn mir noch einmal jemand sagt, Kaffee sei kein strategisch relevantes Gut“, murmelte sie, die Zähne zusammengebissen, „dann entziehe ich ihm das Rederecht. Dauerhaft.“

Das Pochen hinter ihrer Stirn war inzwischen kein höfliches Klopfen mehr, sondern ein ausgewachsener Protest. In genau diesem Moment bereute sie bitter, jemals mit Kaffee angefangen zu haben.
Früher hatte sie über Abhängigkeit gelächelt – jetzt spürte sie sie mit jeder Faser, wie ein Schleier über ihren Gedanken, der die Welt dumpfer, kantiger, unerträglich langsam machte. Die Müdigkeit war keine Erschöpfung, sondern Entzug, kalt und gnadenlos.
Ihre Geduld war dünner als das Zeltleinen nach drei Feldzügen.
„Ich schwöre, später“, sagte sie in die Glut hinein, mit gefährlich ruhiger Stimme, „organisiere ich Kaffee. Oder eine Meuterei. Je nach Verfügbarkeit.“
Das Feuer knackte zustimmend. Oder bildete sie sich das nur ein?

Vollkommen abgelenkt von ihrem Zustand nahm sie nicht wirklich wahr, wie Denholm und Sayer am Kessel hantierten, als würde sie ein geheimes Ritual vollziehen.
Dann verbreitet sich langsam der Geruch, als man ihr die Tasse entgegen reichte.
Nicht der übliche Geruch von nassem Leder, Rauch und Männern, die glaubten, „später“ sei ein valider Zeitpunkt für Körperpflege. Nein.
Das hier war… Hoffnung.
Dunkel, bitter, verheißungsvoll.
Sie hielt inne.
Erstarrte.
Riechend.
„Verflucht nochmal …“
Ein tiefer Atemzug.
„Danke für den … Tee?“
Es war Kaffee.
Einigermaßen starker, schwarzer Kaffee. Die Art Kaffee, die Dinge wieder ins Lot rückte. Die Art Kaffee, wegen der sie sofort einen Krieg führen würde, auch wenn sie das offiziell niemals zugeben würde. Beim ersten Schluck entwich ihr ein Geräusch, das in keinem militärischen Handbuch vorgesehen war und vermutlich mit gewissen Hintergedanken auch nicht komplett jugendfrei.

Der Kaffee war leer, als Lingor wenig später auftauchte, und Jynela hatte noch jedes einzelne seiner Worte im Kopf. Worte darüber, warum sie nicht genauso leiden sollte wie die anderen. Und ja, tief in ihrem Inneren sah sie es genauso: Dass Disziplin keine Ausnahmen kennt.

Alles sehr edel. Aber mit dem verfluchen Pochen in ihrem Schädel auch alles sehr falsch. Und vor allem alles ausgesprochen von jemandem, der offensichtlich gerade nicht litt.

Als er dann die Tonflasche hervorholte, starrte sie ihn an, als hätte er soeben gestanden, dem Feind eigenhändig Tee eingeschenkt, ihm die Hand geschüttelt und ihm den Weg durch das Lager erklärt.
Das Schlimmste daran war: Sie wusste, dass der Kaffee perfekt sein würde.
Nicht „brauchbar“.
Nicht „heiß“.
Sondern genau richtig.
Der innere Kampf dauerte deshalb nur so lange, wie ein Mensch braucht, um sich selbst glaubhaft zu versichern, dass er später darüber nachdenken würde.
Jynela nahm die Flasche.
Die Rache allerdings wurde nicht vergessen.
Sie wurde nur sorgfältig abgelegt.
Still.
Leise.
Und mit der Geduld einer Frau, die wusste, dass Feldlager viele Gelegenheiten boten.


Später am Tag stand der Hauptmann vor dem Zelt und betrachtete die Garde am Feuer mit dem Blick einer Frau, die schon mehr als eine Schlacht erlebt hatte und wusste, dass es selten die Schwerter waren, die entschieden – sondern Kälte, Erschöpfung und all die kleinen Dinge, die man gern übersah. Schnee lag überall. Auf Zelten, auf Stiefeln, auf der Moral. Letztere war allerdings erstaunlich stabil, was entweder für die Disziplin der Garde sprach – oder dafür, dass noch niemand laut ausgesprochen hatte, wie kalt es wirklich war.

Kurz darauf stellte sie sich vor die Garde. Jetzt wurde es ernst.
„Alle man antreten! Aufstellen!“
Stiefel knirschten im Schnee, die Reihe bildete sich. Jynela verschränkte die Hände auf dem Rücken und ließ den Blick über die Kameraden gleiten, bevor sie mit ihrer Ansprache begann. Ihre Stimme litt weiterhin unter der Kälte, war noch rauher als sonst, aber noch brach sie nicht weg.

„Wir sind jetzt den dritten Tag hier. Schnee, Rauch, kaltes Essen. Alles Dinge, mit denen ich leben kann.

Eine kurze Pause.

„Was ich allerdings nicht akzeptiere, ist, dass meine Garde riecht wie ein Ork, der in einer nassen Decke wohnt.“

Sie wanderte die Reihe entlang durch den Schnee, bewusst setzte sie einzelne Pausen, aber der Blick ging immer wieder zur Seite.

„Wir sind Soldaten. Keine wandelnden Warnzeichen für verdorbenes Fleisch.“

Einige senkten den Blick. Vermutlich eher um ein Grinsen zu verbergen, als irgendetwas anderes.

„Heute Abend lernt ihr, dass Wasser – in allen Formen – mit Seife und Disziplin erstaunlich gut zusammenarbeitet. Morgen will ich hier eine Garde sehen, die aussieht wie Krieger und riecht wie Menschen.“

Sie verschränkte die Hände auf dem Rücken.

„Ihr habt zehn Minuten, euer Zeug aus den Zelten zu holen und auszulüften. Abmarsch!“

Später folgte der nächste Befehl:

„Waschen. Im Schnee.“

Ein Raunen ging durch die Reihen, sie meinte sogar zu sehen, wie beim ein oder anderen ein Zucken des Körpers folgte. Sie verzog jedoch keine Miene.

„Ja. Schnee. Kalt. Weiß. Genau das Zeug, das hier überall herumliegt und erstaunlicherweise reinigt.“

Ein mahnender Blick, der jeden Kommentar, jeden Hinweis und jede Frage sofort im Keim erstickte.

“Bevor Fragen kommen: Nein, ihr erfriert nicht.
Nein, ihr werdet keine Heldenlieder darüber hören, es sei denn Ylais erbarmt sich.
Und ja – ihr bekommt frische Unterhosen. Wir wollen ja nicht, dass jemand erblindet. Frische. Weil ich zwar streng bin, aber kein Unmensch. Die alten werden verbrannt. Sie haben genug gelitten."


Nach der Erklärung nickte sie zufrieden.

„Ihr wascht euch gründlich und zieht euch saubere Sachen an. Und wenn ihr hier fertig seid, trete ich vor eine Garde, die aussieht als könne man sie neben andere Menschen stellen, ohne dass jene direkt fliehen. Und die der Feind nicht 100 Fuß gegen den Wind riecht.
Wer danach immer noch stinkt, bekommt eine zweite Runde Schnee. Oder Wasser. freiwillig oder nicht.
Seht es so: Danach werdet ihr wach sein.“


Und wach waren sie.
Sehr wach.

Es stellte sich heraus, dass Schnee tatsächlich reinigte. Körper, Geist und überzogene Vorstellungen von persönlicher Leidensfähigkeit.
Danach wurde angezogen, geflucht, gelacht – und ans Feuer befohlen.


Später ließ Ritter Drapenstein einen Alarm auslösen, vermutlich weil ihm langweilig war oder weil Ritter ein natürliches Bedürfnis nach Drama hatten. Die Garde reagierte schnell, geschlossen und ohne Panik. Ein gutes Zeichen.

Am Feuer hob Ylais die Stimme. Ein Lied, ruhig begonnen, dann fester, getragen vom Rhythmus der Flammen und dem Atem der Garde. Die Worte waren nicht neu. Sie waren alt. Jynela kannte sie seit einer anderen Zeit, aus einem anderen Krieg, mit anderen Feinden und anderen Menschen an ihrer Seite.
Aus der Zeit der Rebellion, aus der Zeit mit ihrer selbst gewählten Familie.
Janosch hatte sie ähnlich am Feuer gesungen, ohne großes Gewicht darauf zu legen – nur Worte, hatte er gesagt. Worte, die bleiben sollten. Und er hatte dabei zufrieden gegrinst.

Sie hatte sie umgeschrieben, anegpasst und an Ylais weitergereicht, lange vor diesem Lager, mit der knappen Anweisung, daraus etwas Singbares zu machen.
Er hatte verstanden.
Mehr noch: Er hatte es richtig gemacht.
Verdammt richtig.

Während das Lied über das Feuer zog, saß Jynela reglos da, den Blick scheinbar auf die Flammen gerichtet. Wer sie nicht kannte, hätte geglaubt, sie lausche einfach.
Wer sie kannte, sah die Anspannung in ihren Schultern, das feste Umklammern des Bechers, das eine Mal zu viel, das sie schluckte. Die typische Bewegung, wenn die rechte Hand über den Stummel des kleinen Fingers der linken Hand rieb, der geblieben war.
Erinnerungen drängten sich auf, Bilder, Namen, Gesichter – und für einen Moment war da nicht dieses Lager, nicht dieser Schnee, sondern eine andere Nacht, ein anderes Feuer.
Sie ließ nichts davon nach außen.
Nicht wirklich.
Nicht jetzt.
Aber ihr Atem ging flacher, und als das Lied endete, dauerte es einen Herzschlag zu lange, bis sie nickte.
Für die Garde war es ein gutes Lied, ein passendes Lied.
Für Jynela war es ein Stück Vergangenheit, das wieder sprechen gelernt hatte.

Ein Marschlied folgte, Stimmen im Rauch, im Schnee, im Licht der Flammen.

Und als sie irgendwann aufstand, weil ihre Wache nur noch einige Stunden entfernt lag, blickte sie noch einmal zurück zum Feuer, auf die Kameraden, die noch dort saßen.
Der Tag war trotz allem gelungen. Niemand war erfroren. Niemand ist gestorben. Und die Garde roch wieder wie Menschen.
Man konnte schlechtere Tage haben.
Vielleicht würde morgen alles wieder schiefgehen.
Vielleicht, nein, ziemlich sicher würde es kalt werden, laut, ungemütlich – und ehrlich.
Heute jedoch herrschte Ordnung.
Feuer brannte. Die Garde stand. Der Tag hatte getan, was er sollte.
Jynela wusste, dass das nicht der wahre Zweck gewesen war. Die wirkliche Herausforderung würde noch kommen, morgen.
Im Sinne Alatars würde sie sie prüfen. Nicht, um sie zu brechen – sondern um zu sehen, wo sie hielten. Sie würde sie an Grenzen führen, die sie noch nicht kannten, und darüber hinaus, dorthin, wo Entscheidungen getroffen wurden, wenn Kraft allein nicht mehr reichte.
Die Garde ahnte davon nichts.
Sie sah nur das Feuer. Den Schnee. Den ruhigen Abend.
Jynela ließ ihnen diesen Frieden.
Für heute.
Bild
Benutzeravatar
Lioras Ylais
Beiträge: 58
Registriert: Mittwoch 22. Oktober 2025, 16:09

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Lioras Ylais »

Nicht ihr verfluchter Ernst.
Das war das Einzige, was Lioras sich dachte, als er realisierte, dass Hauptmann Dhara ihn für einen Zweikampf ausgerechnet mit Soiradur zusammensteckte. Soiradur, der ein paar Jahre jünger, wenige Fingerbreiten größer, um einige breiter und deuuutlich kamperfahrener war als er. Von der verdammten Vollplatte an seinem Leib wollte Lioras gar nicht erst anfangen. Die Chance, dem Kerl auch nur irgendwie im entferntesten Sinne weh zu tun, ohne sich dabei alle Knochen zu brechen, ging sozusagen gen Null. Nicht zögern, ermahnte er sich selbst, da er nicht bereit war, die Konsequenzen dessen zu tragen, und dann wandte er sich Darios zu. Sein Blick zwischen Kapuze und Maske sprach vermutlich Bände über seinen Unmut und die Gewissheit, dass er den Kampf verloren hatte, bevor er ihn überhaupt begann. Hinter dem Visier konnte Lioras rein gar nichts von Darios' Mimik ablesen. Das machte es nicht besser. Würde er sich zurückhalten oder ebenso stur die Befehle des Hauptmanns befolgen? Die Antwort auf seine ungestellte Frage bekam er schneller als ihm lieb war.
Ein Schildstoß von vorne, noch ehe er seinen Schild richtig gegriffen hatte. Er wich reflexartig aus, stieß aber auf Widerstand im Tiefschnee, stolperte und landete rücklings im Schnee.
Bloß nicht liegen bleiben!
Er blutete noch nicht und das wusste Darios garantiert. Wie recht er hatte ... Kaum drehte er sich auf die Seite - den Schildarm, da er den Drachenschild unmöglich 'mal eben' mit sich auf die andere Seite gedreht bekommen hätte - da traf ihn ein unbarmherziger Tritt von der Seite. Schmerz zuckte durch seine Flanke. Er ächzte, rappelte sich aber weiter auf. Er musste den Schmerz ignorieren. Gegen Soiradur konnte er nicht gewinnen, aber er wollte sich wenigstens so teuer wie möglich verkaufen. Und so blickte er seinem 'Gegner' wieder entgegen. Fest entschlossen, diesmal länger auf den Beinen zu bleiben. Ein erneuter Schildstoß.
Parade! Oder? Nein. Finte!
Ein Schatten im Augenwinkel. Zu hoch, zu nah. Dann ... RUMS! ... Und Stille.
Als Lioras das nächste Mal seine Augen öffnete, waren seine Lider schwer, in seinen Ohren fiepste und rauschte es und er lag bäuchlings im Schnee. Sofort kehrte die Erinnerung an den Zweikampf zurück. Der Barde verkrampfte, rechnete bereits mit dem nächsten Tritt, doch der kam nicht. Warum nicht? Zögerte Darios nun doch? Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle, als er versuchte, sich erneut aufzurappeln. Etwas kitzelte ihn an seiner Wange. Feucht, zähflüssig ... Blut? Die Welt um ihn herum drehte sich. Oben, unten, rechts, links, alles vermischte sich. Ehe er's sich versah, kippte er gegen einen Baum. Das Beste, was ihm in dem Moment einfiel, war die Maske runterzuziehen und Darios, der regungslos bei ihm stand, damit zu signalisieren, dass der Kampf vorbei war. Erleichterung machte sich im Barden breit. Nein, definitiv, diese Art des Kräftemessens würde nicht die seine werden. Ihm war jetzt schon speiübel und Darios hatte dank der Regelung mit dem "Bis aufs erste Blut" noch nicht einmal versucht, Lioras ernsthaft zu verletzen.
Er wollte über so vieles nachdenken. Über Übungsbedarf, über Scham und Sorge vor Konsequenzen. Darüber, wie lange ihn die Blessur beeinträchtigen würde, aber sein Kopf dröhnte nur weiter, Schmerz hämmerte von innen heraus gegen seine Schläfe und den Wangenknochen ... Es war absolut kein Denken daran, jetzt auch nur irgendeinen klaren Gedanken zu fassen.
Auf dem Weg zurück ins Feldlager gehorchte er intuitiv. Bloß nicht denken. Ja, das war wohl wirklich die einzige Möglichkeit, wie man das hier überstand. Am Rande bekam Lioras noch mit, dass er sich entgegen seiner Sorge, damit etwas Verbotenes zu tun, zurückfallen ließ und an Soiradurs Seite blieb. Der Kämpfer litt nämlich auch sichtlich unter der feuchten Kälte hier draußen. Das hatte er Lioras in einem stillen Moment zwischen Sieg und Aufbruch anvertraut, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Und auch, wenn die fehlende Zurückhaltung des Kameraden und die schnelle Niederlage ein wenig am Ego des Barden kratzten, so war es ihm dann doch irgendwie wichtiger, Darios zu signalisieren, dass er ihm nicht böse war und dass sie es zusammen zurück ins Lager schaffen würden. Sei es nun als Schlusslicht oder vielleicht auch nicht.
Im Lager selbst gab Lioras sich gefasst, auch wenn sein Körper auf allen Ebenen schrie. Frösteln, Schwindel, Schmerzen, Übelkeit, Erschöpfung ... Aber wenn Soiradur nur einen Funken Menschlichkeit in sich trug, und das glaubte der Barde nach seinen Gesprächen mit dem Kämpfer, dann müsste es ihm insgeheim leidtun, den Befehl ausgeführt zu haben. Und für diesen Fall wollte Lioras das schlechte Gewissen nicht noch nähren. Wichtiger als Rumjammern war jetzt erstmal, die Nacht so gut es ging für Erholung zu nutzen und irgendwie diese verfluchten Kopfschmerzen zu überstehen. Heute würde ihn garantiert niemand zur Nachtwache überredet bekommen. Ein kleiner Teil von ihm hoffte sehr, dass auch der Hauptmann sowas wie ein Gewissen besaß, selbst wenn sie es tunlichst zu vertuschen versuchte. Und er hoffte, dass sie deshalb dafür sorgen würde, dass er diese Nacht endlich wieder durchschlafen konnte. Er war zu alt für diesen Scheiß.
Eins stand fest: Wenn er das Biwak lebend verlassen würde, dann bräuchte er dringend eine Auszeit.
Herr hilf ...
Halt's Maul und tu was.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Das Feldtagebuch bleibt länger leer an diesem Morgen. Als der Hauptmann endlich schreibt, erkennt man in der Schrift die Müdigkeit, die Kälte.


Feldtagebuch
09. Hartung 269
Die Nacht verlief ruhig. Müdigkeit ist spürbar, doch Disziplin noch nicht überall verinnerlicht.
Die Hauptübung fand im Tiefschnee statt – ein Drill aus Kälte, Gehorsam und Ausdauer. Schneeschuhe wurden zunächst ausgegeben, dann wieder entzogen. Stillstand wurde erzwungen, Reaktionen reichten von Zähnebeißen bis innerem Wegtreten. Niemand brach offen, einige waren nah dran. Die Linie blieb geschlossen.
Wasser und Schnee wirkten wie beabsichtigt: sie prüften Körper und Geist gleichermaßen.
Der Trupp zeigte heute, was von den letzten Tagen übrig geblieben ist. Manche tragen Disziplin, andere nur Gewohnheit – doch alle sind ein Stück weiter.

Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.



Bild

Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers

Bild



~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~



Der vierte Tag im Feldlager der Garde von Rahal begann zu einer Uhrzeit, zu der selbst überzeugte Frühaufsteher der Meinung sind, dass alles Wichtige auch später noch erledigt werden könnte.
Es war nämlich mitten in der Nacht.
Und zwischen den Zelten war es vollkommen still, bis auf das leise Geschnarche aus dem Zelt der Männer, wo Darios und Lioras um die Wette sägten.

Dann kam der Ruf.

Er war nicht laut genug, um Panik auszulösen, aber bestimmt genug, um jede noch so romantische Vorstellung von Schlaf augenblicklich zu töten.
Zelte erwachten zum Leben.
Flüche, hastig geschnürte Stiefel, klirrende Rüstungen.
Männer und Frauen stolperten ins Freie, einige noch halb im Traum, andere bereits mit der resignierten Klarheit von Menschen, die ahnten, dass dies kein Versehen war.

Hauptmann Dhara stand bereits aufrecht im Schnee, geschniegelt - ja gut, geschniegelt im militärischen Sinne – was bedeutete: geschniegelt genug, um niemandem Angriffsfläche zu bieten und in voller Montur. Ihr Blick ging über die Reihen, registrierend, nicht strafend. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Allein ihre Anwesenheit erklärte den Zweck dieses Alarms.
Eine halbe Stunde später durften sie zurück in die Zelte.

Kurz vor Sonnenaufgang folgte der zweite Weckruf.

Dieses Mal war der Ablauf schneller. Weniger Flüche, mehr Automatismus. Genau das war der Punkt. Jynela beobachtete, wie sich die Reihen formten, wie müde Augen klar wurden, wie Körper lernten, dass Geschwindigkeit manchmal wichtiger ist als Verständnis. Sie nickte kaum merklich und entließ sie erneut.
Der Tag durfte beginnen.

Er verlief ruhig.
Beinahe trügerisch ruhig.
Es wurde geputzt, repariert, eingeteilt. Es gab Fisch – zu kleinen zur richtigen Zeit, einen groß genug nur leider zu spät, mit einer Geschichte, die zumindest Jynela nicht so ganz als glaubwürdig einstufte und einem Urteil, das großzügiger ausfiel, als manche erwartet hatten. Die Wette mit Soiradur hatte noch nicht ihr Ende gefunden.

Sie sprach wenig.
Bewegte sich durch das Lager wie ein Maßstab, an dem sich alle unbewusst ausrichteten. Wer sie ansah, sah keine Zweifel, keine Schwäche, nur die kühle Präsenz eines Hauptmanns, der wusste, was getan werden musste. Wer genauer hinsah, erkannte jedoch feine Schatten in ihren Augen, eine leichte Anspannung in der Haltung, die niemandem sonst auffiel. Schon den ganzen Tag über wirkte sie abwesend, als würden ihre Gedanken ständig vorauslaufen, bis in die Stunden, die noch kommen würden.
Sie prüfte die Reihen, betrachtete jeden Schritt, jedes Flattern der Fahnen, doch ihr Geist war bei der Übung, die sie für den Abend geplant hatte – bei dem Schnee, der Kälte, der Abhärtung, bei den Grenzen, die sie setzen würde, bei dem Hass und der Wut, die sicher folgen würden. Kein Laut entwich ihr, kein Blick verriet, dass sie innerlich zerrissen war zwischen Pflicht und Mitgefühl, zwischen der Verantwortung, sie zu brechen und dem Wunsch, dass sie ihr blind vertrauen würden, wenn alles vorbei war.
Schon jetzt lastete die Vorstellung auf ihr, dass manche vielleicht scheitern würden – und dass sie nicht sicher wusste, ob ihr Herz das aushielt, selbst wenn sie es nicht zeigen durfte.

Denn der Abend würde der Kälte und dem Schnee gehören.

Als sie zur Kampfbereitschaft rief, klang ihre Stimme so, wie Stimmen in solchen Momenten klingen müssen: fest, tragend, ohne jede Einladung zum Widerspruch.
Die Garde trat an.
Rüstungen saßen.
Waffen wurden kontrolliert.
Man sah in den Gesichtern eine Mischung aus Erwartung und dem leisen - und bei manchen lautem - Wunsch, falsch zu liegen.

Jynela hielt keine lange Rede. Sie erklärte nichts, was erklärt werden konnte.
Sie sprach von Dienst, von Geboten, von Entschlossenheit. Von Dingen, die man nicht diskutiert, wenn es ernst wird.
Dann schickte sie sie in den Süden.

Der Schnee lag tief. Still. Ehrlich.

Die Schneeschuhe wurden verteilt, angelegt und wieder abgelegt. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln, kalt und hart, als würde er jeden Schritt prüfen.
Dann kam das Wasser ins Spiel.
Eiskalt, gnadenlos, ohne Ausnahme. Jynela beobachtete, wie jeder Muskel sich zusammenzog, jeder Atemzug scharf wurde. Sie wusste, dass Zucken Aufmerksamkeit erregt, dass ein zu früh gezogener Atemzug den Schmerz verlängern konnte. Und sie ließ es zu. Sie kippte jedem einzelnen Kameraden einen Schuss Wasser aus ihrem Trinkschlauch in den Kragen – langsam, fast methodisch, als wolle sie jeden Tropfen in Erinnerung rufen – spürte das Aufschrecken, das Zusammenzucken, das Prickeln über Nacken und Schultern.

Doch sie schonte sich nicht, nahm sich nicht heraus. Trug als einzige keine Schneeschuhe auf dem Weg durch den Tiefschnee und reichte den Wasserschlauch weiter.

Auch sie erhielt ihre Ladung – von Lingor, der ebenso keine Gnade kannte. Das kalte Nass rann über ihre Schultern, durchdrang ihre Rüstung und den Stoff darunter, griff in die Muskeln, ließ die Kälte bis in die Knochen kriechen. Ein kleiner Stoß, ein Zeichen, dass sie dieselbe Prüfung durchlief wie alle anderen. Niemand durfte denken, dass sie anders war. Kein Lächeln, kein Zucken – nur Kontrolle. Nur das stumme, eiserne Durchhalten.

In ihren Augen lag die stille Rechnung: Ich treibe sie an ihre Grenzen. Ich erwarte Hass, Wut, vielleicht Tränen. Aber wenn sie das durchstehen, werden sie gestärkt daraus vorgehen, sie werden Wachsen. Und in diesem Wissen, in dieser Kälte, in jedem Tropfen Wasser, der den Rücken hinunterrann, trug sie zugleich das Gewicht des Verantwortung und auch des Mitgefühls, das sie nicht zeigen durfte.

Jynela bewegte sich durch die Reihen wie ein Naturgesetz. Grausam. Nicht willkürlich. Präzise.
Jeder Schritt, jede Eskalation folgte einem Plan, der lange vor diesem Abend entstanden war. Sie wusste, wann sie das Tempo erhöhen musste. Wann sie es senkte. Wann sie rückwärts ging, um Gesichter zu sehen. Wann ein Schneeball mehr sagt als ein Befehl.

Sie wusste, was sie tat. Jeder Schritt, jede Anweisung, jeder Tropfen Wasser, den sie über die Schultern der Kameraden goss – sie hatte es selbst durchlitten. In ihrer Ausbildung war sie in nur in dünner Kleidung im Wald ausgesetzt worden, die Augen verbunden, gehetzt, gejagt von heraufbeschworenen Albträumen ihrer tiefsten Ängste, gezwungen, zu überleben, während der Frost ihre Knochen zermürbte und das Denken lähmte.
Sie hatte gelernt, die eigenen Grenzen zu finden, Schmerzen zu ertragen, sich nicht zu beugen und sie wusste, dass sie als Scharfschützin in einer anderen Schule geformt worden war: Geschick, Geduld, Präzision statt rohe Kraft.

Sie wusste aber ebenso, dass ihre Kameraden nicht alle dasselbe durchgemacht hatten und auch nie durchmachen mussten. Weil es nicht ihr Weg war.
Dass manche bisher noch nicht wirklich gespürt hatten, wie es ist, wenn der Körper sich weigert, während der Kopf weiter befehligt. Aber sie erwartete, dass sie trotzdem an ihre Grenzen gingen – nicht nur, weil sie es konnte, sondern weil sie wusste, dass jede überwundene Grenze sie stärker machen würde.

Und sie kannte jeden einzelnen von ihnen. Ihre Stärken, ihre Schwächen, die Geschichten, die ihre Körper erzählten: Wer schon Verletzungen hinter sich hatte, wer die Last der Rüstung kaum tragen konnte, wer die Kälte wie ein Messer spürte. Niemand war wie der andere. Und genau deshalb machte es ihr zu schaffen, den Mittelweg zu finden: niemanden zu überfordern, aber auch niemanden zu schonen. Sie musste wägen, beobachten, einschätzen.
Lingor ging ihr nicht aus dem Sinn. Seine Nieren, die alte Verletzung, das Wissen, dass Standhaftigkeit manchmal teuer bezahlt wird. Sie hatte es einkalkuliert. Das machte es nicht leichter. Es machte es schwerer.

Sie durfte keine Zweifel zeigen. Aber in ihrem Inneren spürte sie die Schwere jedes Einzelnen, die Verantwortung, die Last, die niemand außer ihr tragen durfte.

Die Übung endete nicht abrupt. Sie sickerte aus den Körpern wie ein leiser, unaufhaltsamer Strom, ließ Kälte zurück, Erschöpfung, Wut. Jeder Atemzug der Kameraden war ein leises Fluchen, ein Knarren von Gelenken, ein Zittern der Muskeln, das sich durch das Lager zog. Und etwas anderes blieb. Etwas, das man nicht benennen konnte, nicht greifen, nicht vertreiben. Etwas, das wie ein Schatten über allen lag – Respekt vielleicht, oder Angst, oder die Ahnung, dass nichts, was sie bisher kannten, sie auf das vorbereitete, was noch kommen würde.

Als sie die Garde schließlich entließ, tat sie es ohne viele Worte. Kein Lob, kein Mahnen, kein Schulterklopfen.
Die Verletzten ließ sie schlafen.
Das war kein Befehl, sondern eine Entscheidung.
Sie selbst übernahm die Wache.

Der Schnee unter ihren Stiefeln knirschte leise, der Mantel zog sich schwer über die Schultern, die Hände tief in den Taschen. Die Welt um sie herum reduzierte sich auf Atem, auf den Rhythmus ihres Herzschlags, auf die Kälte, die durch jedes Kleidungsstück sickerte, auf die Zeit, die sich wie zähes Harz dehnte.


Niemand sah, wie lange sie reglos dastand, die Augen auf das dunkle Lager gerichtet, auf die Zelte, die flackernden Feuer, die schneebedeckten Wege zwischen ihnen.
Niemand sah, wie oft ihr Blick zurückwanderte, wie sie sie jede Bewegung, jedes Geräusch prüfte.
Niemand sah die brennenden Augen, als ihre Gedanken zu den Zelten ging.
Niemand sah, wie sehr ihr Rücken schmerzte, obwohl sie sich aufrecht hielt.
Niemand sah, wie ihre Hände den Schutz des Mantels suchten, die Finger verkrampft, um nicht zu zittern.
Niemand sah, wie die Müdigkeit auf ihren Schultern lastete, wie jeder Atemzug schwerer wurde.
Niemand sah, wie ihr Herz sich zusammenzog bei dem Gedanken an die Kameraden, an die Wut, die sie ihnen zugemutet hatte.
Niemand sah die Verzweiflung, die kurz aufflackerte, als sie an Lingor dachte, an seine Verletzung, an die Last, die sie ihm aufgebürdet hatte.
Niemand sah, wie sehr sie sich wünschte, dass jemand einfach käme und sie an der Schulter berührte, ihr sagte, dass alles gut ist – selbst wenn es nicht so war.
Niemand sah die Einsamkeit, die in ihr wuchs, tiefer als der Schnee um sie herum, so still, dass sie selbst fast fürchtete, darin zu ertrinken.
Niemand sah, wie sie innerlich kämpfte, mit Schuld, Verantwortung und der Last ihrer eigenen Erwartungen, die niemand teilen konnte.
Niemand sah, dass sie im Dunkeln nicht nur wachte, sondern auch versuchte, sich selbst zu halten, während die Welt um sie weiterging, als wäre sie nicht da.

In dieser Nacht tat sie, was sie als Hauptmann tun musste: Sie trug die Last allein.

Die Erschöpfung der Kameraden, die Kälte, die Wut, die Angst – alles lastete auf ihren Schultern wie ein unsichtbares Gewicht, das nur sie verstand. Der Schnee glitzerte im Schein des Mondes, der Atem dampfte und sie stand, unbewegt, und ließ die Welt an sich vorüberziehen, ohne dass ein Geräusch entwich, ohne dass ein Gedanke verriet, wie sehr sie selbst von dem Tag gezeichnet war.
Auch sie ging in dieser Nacht über ihre Grenzen hinaus.



Am Morgen war der Hauptmann augenscheinlich derselbe. Und doch nicht ganz.

Sie zog sich zurück. Bewegte sich langsamer, als hätte jeder Muskel gegen sie gearbeitet und jeder Atemzug brannte ein wenig mehr. Schmerz zog durch Schultern und Rücken, in Erinnerung an jeden Schritt, jeden Tropfen eiskalten Wassers, jede Grenze, die sie selbst überschritten hatte. Und doch ließ sie nichts davon sehen.
Ruhig, beinahe zu ruhig, nahm sie Abstand.
Nicht, um sich zu isolieren, sondern um den Kameraden Raum zu geben – Zeit, die Kälte zu verarbeiten, die Wut, den Ärger, das Verstehen, dass Härte manchmal notwendig ist.
Sie sprach wenig, beobachtete viel.
Jeder Blick, jede Haltung, jede noch so kleine Regung wurde registriert, nicht als Kontrolle, sondern als Sorge.
Sie wusste, dass sie sie durch die Übung geführt hatte – hart, gnadenlos, unvermeidlich – und dass sie nun selbst den Schritt zurücktreten musste, damit die anderen das erleben konnten, was sie selbst längst durchlitten hatte: das Verstehen dessen, warum sie als Hauptmann handeln musste, wie sie handeln musste.


Bild
Benutzeravatar
Darios Soiradur
Beiträge: 33
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Darios Soiradur »

Der Plan: gut. Die Ausführung: grauenvoll. Versagen: möglich. Denn die Zeit war nun sein größter Konkurrent. Erst gegen Abend ergab sich überhaupt einmal ein Zeitfenster um die Rute gen kühles Nass zu richten – die so klug und technisch modifizierte Angel zum Erfolgsfang auszulegen. Der späten Stunden sodann dennoch zum Trotz, dauerte es nicht lange und es zubbelte tatsächlich was an dem mit Innereien beschmückten Haken. Der müde Krieger eilte sich den Fang an Land zu bringen – kurz kam sogar der Gedanke, die Bissmeldung im Lager zu posaunen. Ernüchterung. Schwere Ernüchterung. Das, was er da an Land zog hatte nicht die Größe, die er für einen Sieg brauchte. Ein kleiner Barsch, nicht größer als zehn, vielleicht fünfzehn Zentimeter. Und die drohende Gewissheit nagte an ihm: „Ist der erste Fisch ein Barsch, ist der ganze Tag im …“. Es war nun sicherlich keine Nervosität wie vor einem Kampf auf Leben und Tod die sich breit machte. Aber wohl eine, die ihn antrieb, die ihn ermutigte noch länger in der Kälte der Nacht, des Schnees, des Eises zu verweilen – entgegen des Brauchtums und des väterlichen Merkspruchs. Erst nach Mitternacht legte er eine kurze Schlafpause ein, befestigte die Angel zwischen der Gabelung eines Baumes um im schlimmsten Fall keinen Verlust zu riskieren.


Die erste Nettigkeit des Hauptmanns, vermutlich kurz nach Mitternacht oder zur zweiten Stunde des neuen Tages traf ihn damit in voller Härte. „ANGRIFF“ donnerte ihre Stimme drohend durch das Lager, begleitet von der Gardeglocke. Es begann reger Tumult im Zelt, letztlich vor dem Zelt und schließlich in voller Montur vor dem Hauptmann. Fehlalarm. Ein Test. Ein lediglich quittierendes abnicken des Hauptmanns. Damit waren Darios’ Kraftreserven nun wohl vollends erschöpft. Er dachte nicht mehr an seine Angel, die Wette, den Fang sondern an die lebenserhaltende Maßnahme, die sich Schlaf nennt. Prompt schlief er dann nach der Umrüstung – nur um ein paar verdammte Stunden später erneut zu einem Fehlalarm geweckt zu werden….verdammter Hauptmann! Die wenigen Stunden Schlaf die ihm blieben nutzte er, traumlos. Am nächsten morgen dann immerhin ein guter Start: Über Nacht hatte sich ein prächtiger Zander am Haken verfangen. Das negative: Es war weit nach Mitternacht und damit oblag nun die Anerkennung des Erfolgs nicht mehr in seinen Händen, sondern in jenen, die ihn des Nachts um Schlaf und Verstand gebrachte hatte.


„Unentschieden“. War das durch den Hauptmann verkündete Ergebnis. Was das bedeuten würde, blieb abzuwarten. Er hoffte immerhin den Kameraden, die auf ihn gesetzt hatten, eine Erleichterung des Münzbeutels zu ersparen. Eine Gnade gegenüber seiner selbst erwartete er hingegen nicht. Ein Glück hatte er nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn ein weiterer Befehl des Hauptmanns erging und Unheil nahm abermals seinen Lauf.


Die Gruppe fand sich kampfbereit im Süden des Lagers zusammen. Das was die Gruppe zwei am Vortag geschaffen hatte, wurde nunmehr seinen Einsatz finden. Tiefschnee-Übung. Kälteprobe. Schneeschuhe. Es war ihm nur schwer möglich überhaupt Anschluss an der Gruppe zu halten, aber: „Wer zurückfällt stirbt“ – so die Anweisung, die mehr wie ein Versprechen des Hauptmanns statt einer Warnung klang.
Bild

Laufen. Stehen. Frieren.

Laufen. Stehen. Frieren.

Laufen. Stehen. Frieren.

Diese Wiederholungen waren zermürbend und Darios wusste nicht, wie lang er der Zermürbung noch trotzen konnt.


Andere Aufstellung – die nächste Härteprüfung.

Links um.

Rechts um.

„Zweikampf!“


Ylais gegen Soiradur – ein Scherz? Nicht denken. Handeln. Fürs denken wars Hirn eh zu gefroren. Dank einer Finte konnte das aufeinandertreffen kurz gehalten und möglichst rasch zum Ende gebracht werden. Ein alter Trick der Söldner. Schmutzig aber wirkungsvoll trieb er dem gegenüber den Plattenhandschuh ins Gesicht. Bis zum ersten Blut, war die Anweisung des Hauptmanns – das sollte genügen. Ylais? Hatte den wohl deutlich erprobteren Kampfpartner sicher nicht verdient. Wortlos half Darios ihm wieder auf die Beine, stützte sich dabei jedoch zunehmend mehr an ihm als andersherum. Seine Kraft schwand mit jedem Meter der Bewegung, jeder Minute des Verweilens. Das Gewicht der Plattenrüstung zu schwer, zu mürbend. Die Kälte und Nässe zu eindringend. Irgendwie schaffte er es zurück – und wenn nicht, wäre womöglich doch ein gewisser Kamerad zugegen gewesen.


Die Truppe stand. Vollständig. Und doch wohl am Ende ihrer Kräfte. Darios wollte nur noch eines: schlafen. Rasch wechselte er nass zu trocken – harte Rüstung zu schmiegsamer Wolle. In der Koje erinnerte er sich an eine längst vergangene Zeit, wo sein Wille gebrochen, ihn jedoch sein Körper noch nicht gehen ließ. Heute hatte er die Kehrseite erlebt. Der Körper lebte nur, weil sein Wille nicht gebrochen ward. Und der letzte Gedanke vorm friedvollen Schlaf galt der Weisheit seines Vaters:

„Ist der erste Fang ein Barsch, ist der ganze Tag im Arsch!“.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Die Feuchtigkeit sorgt dafür, dass die Seiten sich langsam etwas Wellen. Doch auch an diesem Tag finden ein paar wenige Zeilen ihren Weg in das Buch.


Feldtagebuch
10. Hartung 269
Nach den Strapazen des Vortages stand dieser Tag bewusst im Zeichen der Erholung und Ordnung.

Der Weckruf erfolgte später als üblich, um den verletzten und erschöpften Gardisten eine Auszeit zu gewähren.

Untertags: Wache und Lagerpflege.
Ich zog mich zeitweise zurück, um der Garde Raum für Ruhe und Gemeinschaft am Feuer zu lassen, und schloss mich erst später wieder an.

Keine Vorfälle. Lediglich kurzer Besuch des Ordens ohne besondere Vorkommnisse.

Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.



Bild

Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers

Bild



~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~



Der fünfte Tag im Feldlager der Garde begann mit - welch Überraschung - Schnee!

Die Kälte war das Erste, was sie spürte.
Nicht das langsame, schleichende Frösteln eines Morgens, sondern diese erbarmungslose, klare Eiseskälte, die sofort bis auf die Knochen griff, als hätte sie nur darauf gewartet, dass Jynela die Augen öffnete. Zwei Stunden Schlaf – wenn man es wohlwollend zählte – waren kein Schlaf, sondern ein schlechter Handel zwischen Pflicht und Körper.

Ihre Muskeln brannten. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern tief und gleichmäßig, ein Erinnern an die Übungen vom Vortag, an wiederholte Bewegungen, die man nur so lange ausführt, bis der Körper aufhört zu widersprechen und einfach nachgibt. Der Bluterguss pochte dumpf bei jeder Bewegung, ein eigener kleiner Herzschlag, der entschieden hatte, nicht vergessen zu werden.

Doch all das war erträglich.
Was es nicht war, saß ihr im Hals.

Dieses Gefühl des Sich-Verschließens, als hätte jemand unsichtbar eine Hand um ihre Kehle gelegt. Nicht fest genug, um Schmerzen zu verursachen – nur fest genug, um die Luft zu zählen. Jynela blieb reglos liegen, starrte ins Dunkel des Zeltes und atmete bewusst.
Langsam. Flach. So, wie sie es gelernt hatte.
So, wie man atmete, wenn man dem eigenen Körper nicht mehr ganz traute.

Sie wusste, was folgen würde. Albträume, wie immer. Dieses halb wache, halb erstickende Erwachen, bei dem der Verstand noch wusste, dass alles vorbei war, der Körper aber anderer Meinung war. Es geschah öfter, als sie zugeben wollte.
Und es war der eine Teil von ihr, den sie niemandem zeigen wollte.

Also wartete sie, bis ihr Hals sich wieder erinnerte, wofür er da war. Bis die Luft nicht mehr gezählt werden musste. Erst dann setzte sie sich auf, zog sich an, so leise und kontrolliert, als würde selbst der Stoff sie verraten können.

Der Tag verlief ruhig.
Beinahe verdächtig ruhig.
Sie gab Anweisungen mit knappen Worten, ließ Wachen einteilen, ohne unnötige Schärfe, ohne Nachdruck.
Heute war kein Tag für Härte.
Heute war ein Tag für Ordnung.
Für Lagerpflege, für überprüfte Riemen und geschärfte Klingen.
Für das unspektakuläre Geschäft des Weiterfunktionierens.

Jynela hielt Abstand.
Beobachtete.
Saß oft ein wenig abseits, den Blick auf das Lager gerichtet, als würde sie etwas zählen, das niemand sonst sah. Sie ließ den Gardisten Zeit am Feuer, ließ Gespräche zu, ließ Lachen geschehen. Eine zufriedene Truppe war eine bessere Truppe – und außerdem hatte sie nicht die geringste Lust, heute jemanden anzuschreien.
Ihr Hals hätte es ihr ohnehin übelgenommen.

Der Besuch des Ordens brachte eine unerwartete Ruhe mit sich. Evilyn war da – und eben nicht so wie so manch ein Abgesandter mit erhobenem Kinn und hohlen Worten, sondern als vertraute Stimme inmitten des Lagers. Es gab Pflichtgespräche, ja, aber auch Blicke, die mehr sagten als jedes Protokoll. Kein Prüfen, kein Abwägen.
Nur stilles Verstehen.

Jynela nahm diesen Besuch dankbar an. Nicht als etwas, das sie einordnen oder hinterfragen musste, sondern als etwas, das einfach sein durfte. Für einen Moment ließ sie es zu, die Dinge nicht weiterzudenken.
Die Welt konnte warten.
Sie würde schon laut genug sein, wenn es nötig wurde.

Während der Tag sich neigte, spürte sie diese leise, widersprüchliche Erleichterung. Das Feldlager würde bald enden. Sie war mehr als bereit dafür. Für feste Mauern, für echte Betten, für Nächte, in denen die Kälte nicht durch alles kroch und Erinnerungen nicht ganz so laut wurden.

Und doch…
Der nächste Abend würde noch eine letzte Herausforderung mit sich bringen, eine Positive hoffentlich, bevor dann das Lager sich langsam auflösen würde.
Eine Aufgabe.
Verantwortung.
Etwas, das forderte, ohne nach ihrem Schlaf zu fragen.
Jynela lächelte schmal bei dem Gedanken.
Müdigkeit war unerquicklich, ja.
Aber Langeweile war gefährlicher.

Sie richtete den Mantel, atmete tief durch – diesmal ohne zu zählen – und machte sich bereit.
Jemand hatte einmal sinngemäß behauptet, dass es beim Wachen weniger darum gehe, die Welt zu retten, als vielmehr darum, sie davon abzuhalten, unbemerkt auseinanderzufallen. J
ynela fand, das traf es ganz gut.

Also tat sie, was sie immer tat: Sie blieb wach.
Aufmerksam.
Und bereit, falls die Welt es sich anders überlegen sollte.

Bild
Benutzeravatar
Lioras Ylais
Beiträge: 58
Registriert: Mittwoch 22. Oktober 2025, 16:09

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Lioras Ylais »

Das Biwak begann, seinen Tribut zu fordern. Entgegen seinen Befürchtungen hatte ihn der Einsatz im Tiefschnee nicht umgebracht. Nicht mal übergeben hatte er sich. Na ja, gut, nicht direkt zumindest. Irgendwann am nächsten Morgen bei einer zu schnellen Aufstehbewegung. Immerhin leise und hinterm Männerzelt, während die Kameraden noch immer Bäume fällten. Er sammelte sich, machte sich frisch, rüstete sich und beschritt den fünften Lagertag tapfer. Doch etwas anderes machte sich in ihm breit. Etwas, das schwerer zu kontrollieren war als der unermüdliche Redebedarf seines von Natur aus losen Mundwerks und schwerer zu ignorieren als das leidvolle Schreien all seiner Muskeln im Körper - sogar an Stellen, von denen er nicht mal wusste, dass diese Muskeln besaßen. Es war etwas deutlich Subtileres und damit weit Gefährlicheres: Seine Stimmung kippte. Immer wieder, nur kurz. Immer wieder etwas schneller. "Lagerkoller" hatte er die erfahreneren Gardisten noch vorm Aufbruch am Mondtag reden hören. Es war nicht 'zu viel Gesellschaft' oder 'zu viel Bewegung', sondern die Mischung aus Zwang, Ungewissheit und Versagensangst, die mächtig an seinem Gemüt zu zerren begann. Er merkte es besonders am Abend, als zwei hochrangige Arkoritherinnen Grenzen überschritten, die er mit dem Alter als gesichert eingeschätzt hatte. Sie trafen sein Ego, was er mit der Geburt seiner Tochter eigentlich für hinten angestellt erklärt hatte. In seinen Jugendjahren hatte es ihn oft genug in Schlamassel gebracht. Das sollte nicht wieder passieren, seit er Vater war. Und doch brachten die beiden Arkoritherinnen ihn dazu, sich latent im Tonfall zu vergreifen. Er merkte es, rügte sich selbst und tat das einzig Richtige, um aus der 'hitzigen Diskussion' keinen Streit werden zu lassen: Er lenkte das Gespräch zu Hauptmann Dhara und ... schwieg. Nicht aus Sprachlosigkeit, sondern weil er Schadensbegrenzung betrieb. Vollkommen bewusst und natürlich fiel es auf. Nicht allen vermutlich, aber denen, von denen er es erwartet hatte.

~*~

"Achja? Wie sind Barden denn sonst so?"
"Nervig, hauptsächlich. Völlig ... überdreht. Ihr könnt auch mal die Klappe halten ... schätz ich."


~*~

Wenn es nicht so erfrischend gewesen wäre, dieses seltene Schmunzeln zu sehen, vielleicht hätte er anders gekontert, aber so ließ er zu, dass das Gespräch sich heiter weiterentwickelte. Am Ende war es ja auch nicht so, als wäre er irgendwem böse. Es war einfach nur ... anstrengend. Langsam wirklich. Und dass er sich den zweiten Tag in Folge hatte zwischendurch zurückziehen müssen, grämte ihn tatsächlich mehr als alles andere. Er wollte sich nicht so alt fühlen, nicht von den Kameraden abgehängt werden. Immerhin hatten die Zwangsauszeiten dafür gesorgt, dass der Kopfschmerz nun weg war. Mochte es so bleiben, damit er die letzten anderthalb Tage auch noch irgendwie überstand, ohne sich zu blamieren ...
Halt's Maul und tu was.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Mit den Tagen hatte sich das Buch gefüllt. Nun bald würde sie es einpacken und mitnehmen nach Rahal in die Kommandantur. Dort würde es in ihr Regal wandern und sie würde sicherlich ab und an danach greifen, die gewellten Seiten durchblättern.
Aber noch waren sie nicht am Ende angekommen. Noch stand ihnen eine letzte Nacht bevor.




Feldtagebuch
11. Hartung 269
Verhältnismäßig ruhiger Tage im Lager.
Patrouillen angeordnet. Wachschichten ohne Vorkommnisse.
Besuch des Ordens mit Gesprächen am Feuer.
Trabantenprüfung durchgeführt: simulierte Verletzung und vermisster Gardist.
Lioras führte Suchtrupp souverän, Verletzter geborgen und ins Lager verbracht.
Heilerinnen unterrichteten Erstversorgung im Feld.
Landsknecht erfolgreich zum Trabanten erhoben. Schwur geleistet.
Begrenzte Feier genehmigt. Alkohol rationiert.
Wachschichten für die Nacht eingeteilt.
Moral wieder deutlich gestiegen.
Wir halten durch.
Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.

Bild


Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers




Bild








~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~




Der 6te Tag im Lager begann früh.
Zu früh.
Zu wach für jemanden, dessen Körper beschlossen hatte, ihn aus reiner Gewohnheit zu hassen.

Die Müdigkeit lag auf ihr wie eine zusätzliche Decke, die jemand mit sadistischer Sorgfalt aus Blei gefertigt hatte. Die Schmerzen waren nicht neu – sie hatten nur beschlossen, heute besonders gesprächig zu sein. Beine wie Feuer, Rücken wie Stein, Hände, die gelegentlich zitterten, als wollten sie sich an etwas erinnern, das sie lieber vergessen würde.
Sie stand trotzdem auf.

Der Körper durfte protestieren.
Der Hauptmann nicht.

Der Tag zog sich, wie Tage es im Feldlager immer taten: zu lang, zu laut, zu voll von Kleinigkeiten, die alle wichtig waren. Jynela verbarg Müdigkeit, Schmerz und Zittern mit der Routine einer Frau, die wusste, dass Autorität weniger mit Lautstärke zu tun hatte als mit Standfestigkeit. Wer wankte, wurde beobachtet. Wer beobachtet wurde, verlor.

Am Abend dann endlich die Trabantenprüfung.
Etwas Greifbares. Etwas mit Regeln.
Eine Verletzung wurde simuliert, ein Gardist verschollen.
Jynela schickte Lioras los. Seine freiwillige Meldung spielte hier absolut keine Rolle. Es stand bereits lange vorher fest, dass er den Befehl in diesem Einsatz übernehmen würde. Und der letzte Tag hatte ihre Entscheidung nur noch bestätigt. Es wurde Zeit, dass er sah, wozu er fähig war, dass er erkannte, was sie bereits in den ersten Wochen wahrgenommen hatte.

Lingor, aufgrund seines schauspielerischen Talents einmal mehr zum Opfer erkoren, hatte sich präpariert, mit einer Hingabe, die zeigte, dass er entweder großes Pflichtbewusstsein oder einen sehr trockenen Sinn für Humor besaß. Definitiv beides. Bei dem angespitzten Wildschweinknochen, der aus seiner Scheinwunde ragte und den Unmengen an Blut, die er “vergossen” hatte, wunderte es sie sehr, dass keiner der Kameraden bei dem Anblick nicht direkt in den Schnee kotzte.

Lioras führte die Gardisten ruhig, überlegt, ohne Hast – was im Feldlager immer ein gutes Zeichen war.
Sie selbst bliebt zurück, ebenso Liathe als Heilerin, so einfach wollte man es ihm dann doch nicht machen. Auch Darios schloss sich ihnen an und so waren sie am Ende zu dritt unterwegs und verbargen sich in den Schatten der Bäume um das Schauspiel aus der Ferne zu beobachten und zu beurteilen.
Der „Verletzte“ wurde gefunden, geborgen und ins Lager gebracht. Dort stand bereits Fräulein Moos bereit und übernahm gemeinsam mit Liathe die Versorgung. Gleichzeitig wurde wie abgesprochen die Gelegenheit genutzt für einen kurzen Unterricht zur Erstversorgung im Feld und im Gefecht. Blutstillung. Lagerung. Prioritäten.

Jynela beobachtete.
Und nickte einmal. Mehr Lob brauchte es nicht.

Dann die Beförderung.
Sie hätte warten können.
Bis Rahal.
Bis zu Stein und Mauern, zu ordentlichen Reihen und vertrauten Stimmen. Bis alles wieder sicher, sauber und richtig gewesen wäre.
Aber sie wollte jetzt.

Denn im Feldlager war alles anders. Ehrlicher. Roh. Hier standen sie nicht nebeneinander, weil es befohlen war, sondern weil sie einander brauchten. Hier wusste jeder, wie der andere atmete, wie er fluchte, wie er klang, wenn die Angst kam. Man hatte einander im Dreck gesehen, im Regen, im Blut – und niemand hatte weggesehen.

Dieser Zusammenhalt ließ sich nicht mitnehmen.

Er würde wieder etwas verblassen, sobald sie wieder Dächer über dem Kopf hatten, Pflichten, Wege, die auseinanderführten. In Rahal würden sie wieder Gardisten sein, Ränge tragen, Aufgaben erfüllen. Hier draußen waren sie Kameraden auf eine besondere Art.
Der Schwur im Feldlager war kein feierlicher Akt.
Er war ein Versprechen unter Zeugen, die wussten, was es kostete.
Jynela wollte, dass der neue Trabant diesen Moment in sich trug:
das Feuer, die Müdigkeit, die Nähe der anderen.
Dass er später, wenn Befehle schwer wurden oder Zweifel laut, daran zurückdenken konnte – an diese Nacht, an diese Stimmen, an das Wissen, nicht allein zu sein.
Im Feldlager hatte der Schwur Gewicht. Weil jeder wusste, was auf dem Spiel stand.
Und weil es ein Zauber war, der nicht lange hielt.

Der Landsknecht trat vor, müde, aufrecht, ernst und ein wenig überrascht.
Jynela sprach den Schwur vor und wie jedes Mal fühlte sie dieses leise Ziehen in der Brust. Worte waren billig, sagten manche. Sie wusste es besser. Worte waren das, was blieb, wenn alles andere verloren ging.
Gerade das siebte Gebot Alatars wog für sie schwerer als alle anderen.
Dir zu dienen, heißt sich in der Sprache zu schulen, denn ein wohl gesprochenes Wort vermag Wälle einzureißen, die jeder Armee getrotzt hätten.

Jynela hatte gesehen, wie Schwerter versagten.
Wie Mauern hielten.
Und wie ein einziger Satz – zur richtigen Zeit, mit fester Stimme – eine Entscheidung brachte, wo Gewalt nur Blut gekostet hätte.
Worte formten Gedanken. Gedanken formten Taten.
Ein falsch gesprochenes Wort konnte eine Klinge sein.
Ein Richtiges, ein Schild.

Darum sprach sie den Schwur langsam.
Deutlich.
Ohne ihn zu schmücken.

Sie wollte, dass er jedes Wort trug wie ein Gewicht, nicht wie eine Formel. Dass der neue Trabant verstand: Wer diente, diente nicht nur mit dem Arm, sondern mit der Zunge, mit dem Verstand, mit der Verantwortung für das, was man sagte – und für das, was man verschwieg.
Denn Befehle wurden vergessen.
Aber Worte, die man vor Zeugen sprach, brannten sich ein.

Und Jyn wusste:
Wenn eines Tages nichts mehr blieb – kein Banner, keine Mauer, kein Sieg –, dann würden es diese Worte sein, an denen man gemessen wurde.

Der Rest des Abends verging am Feuer. Gespräche, leise Stimmen, Lachen, das nicht zu laut wurde. Jynela saß dabei, hörte zu – und merkte, wie ihr Körper langsam aufgab. Die Müdigkeit kroch in jede Bewegung. Die Schmerzen wurden stumpfer, aber schwerer. Das Zittern kam häufiger.
Um Mitternacht hatte sie Wache.
Also ging sie schlafen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Berechnung. Vielleicht würde der Körper ihr eine Stunde schenken. Vielleicht zwei.

Er tat es.

Man weckte sie nicht.

Als sie am Morgen erwachte, war der Himmel bereits heller.
Kein Ruf. Kein Stiefeltritt. Kein Befehl. Nur Stille.

Jynela lag einen Moment da, bis sie verstand.
Dann schnaubte sie leise.

Einer ihrer Kameraden hatte entschieden, dass der Hauptmann heute Nacht Ruhe bekam.
Wahrscheinlich ohne Erlaubnis.
Ganz sicher mit Absicht.
Sie würde herausfinden, wer es gewesen war.
Und sie würde nichts sagen.

Manchmal war Führung auch, eine kleine Meuterei zu übersehen – besonders dann, wenn sie aus Fürsorge bestand.
Vielleicht war das die Belohnung für ihre Mühen.
Vielleicht war es einfach Menschlichkeit.

Und Jynela Dhara wusste:

Wenn etwas sie durch diese Tage brachte, dann genau das.
Diese Kameradschaft würde sie weitertragen, lange nachdem das Lager verschwunden war. Denn dieses Feldlager war mehr gewesen als ein Ort – es war ein Halt.



Bild
Benutzeravatar
Darios Soiradur
Beiträge: 33
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Darios Soiradur »

Der Tag startet früh aber ohne besondere Vorkommnisse. Frühschicht, ein paar Vorbereitungen, Routinen, die sich in der Woche des Verweilens inzwischen gebildet hatten. Das Glück am Wasser herausfordern, längerer Besuch des Donnerbalkens, warmes Wasser gegen die Kälte, Holzhacken, Patrouille.


An das Gewusel, die vielen Menschen, die unterschiedlichen Charaktere hatte er sich hingegen sicherlich noch nicht gewöhnt. Vielleicht fiel es sogar dem ein- oder anderem auf, dass er sich in gewissen Momenten immer wieder ein wenig herauszog, nicht wie sonst stumm in großer Runde saß, sondern seine Ruhe suchte. Einsamkeit. Ein schweres Schicksal für den einen, eine brutale Kraftquelle für den anderen. Darios brauchte sie, nutzte sie. Gedanken sortieren, einen Moment nur zwischen ihm und dem All-Einen. Gedanken an Erinnerungen. Aber mehr und mehr waren da auch Gedanken an die Zukunft, die er nur schwerlich deuten konnt. In diesem Lager waren viele Belanglosigkeiten, über die sich unterhalten wurde aber auch Dinge, dessen Tiefe nur erahnt werden konnte. Dort waren Menschen, deren Erfahrungen prägenden Eindruck in der jeweils einzelnen Entwicklung hinterlassen hatten. Narben, die weit unter die Äußerlichkeit gingen. Und Gespräche, die Abgründe aufdeckten, die wohl mehr Zeit zur Ergründung brauchen würden. Und die Frage, ob er sich selbst für stark genug halten würde, jene Abgründe überhaupt zu erforschen. Sie waren mit einer gewissen Öffnung von ihm selbst verbunden und der Gedanke schmerzte ihn nach wie vor mehr, als es etwa sein Körper trotz der Strapazen vermochte. Ein letzter Gedanke in Stille für den Herrn, die Hände dabei vor sich verschränkt, tief die kalte Luft ein- und ausstoßend. Rückweg.

Bild

Zurück im Lager fand soeben der Schichtwechsel statt. Darios mühte sich keine Rührung im Gesicht zuzulassen über das, was wohl folgen würde.


„Vermisster Kamerad“ tönte kurze Zeit später die Stimme des Hauptmann durchs Lager. Vasai hatte Meldung gemacht. Das reichte bereits um reges treiben zu verursachen. Der Zusammenhalt war schließlich erwachsen und für einen verlorenen Melia benötigte es definitiv mehr, als ein einfaches Verlaufen im Wald. Auf Pflichtbewusstsein folgt Reaktion und so war es wenig verwunderlich, dass sich Ylais als einer der ersten für einen freiwilligen Trupp meldete. Kurze Absprachen, Verständigungen. Dann ertönte der erwartete Befehl:


„Ylais übernimmt den Befehl!“. Darios Blick legte sich sodann auf den Befehlshabenden, folgte seinen Anweisungen und fand sich gerüstet und bereit zum Aufbruch für die Suche vor dem Lager ein. Oder auch nicht. Er zog sich heraus und Ylais erlaubte ihm letztlich im Lager zu bleiben und für Sicherheit zu sorgen. Das ermöglichte hingegen Darios, mehr die Rolle des Beobachters einnehmen zu dürfen. Liathe, die wohl mit Abstand erfahrenste Heilerin im Zug, vergaß bedauerlicherweise Bandagen – welch Ungeschick. Auch der Hauptmann konnte sich freilich eines Mitwirkens entziehen, und so blieben die drei im Lager, während der Trupp rund um Ylais in Richtung des Waldes auszog um den sicherlich schwerverletzten Melia zu erretten.


Natürlich blieben die drei es nicht. Kaum war der Trupp außer Reichweite setzten die drei nach, stahlen sich um die Bäume herum, folgten den Spuren der vorangegangenen Kameraden. Aus der Ferne beobachteten sie dann sein Handeln. Seine Koordination. Seine Mimik und Gestik. Kein rufen, schreien, fuchteln. Mehr ein Vater, der eine Gruppe von wild zusammengewürfelten Kindern in Einklang und zum gemeinsamen arbeiten bringen wollte. Vasai, Denholm, Sayer, Ardent, Edora, Perera… sie machten ihre Sache gut. Melia der verdammte Schauspieler sowieso. Zu kurz war die Zeitspanne zwischen dem Jetzt und seiner eigenen Prüfung. Zu kurz die Zeit des Vergessens über diesen verfluchten Greis und sein nerviges Balg. Er schnaubte bei der Erinnerung daran selbst im hier und jetzt.


Es dauerte einen Moment bis Ylais die wichtigsten Schritte erledigt, die Gruppe ausreichend koordiniert hatte. Doch jeder Wimpernschlag wurde genutzt um alles genau zu planen, kein scheitern zuzulassen und klare Rollen zu verteilen. Von dem was Darios sah, war die Vorgehensweise sauber. Er hatte es erwartet.


„Ich habe genug gesehen“ kratzte dann die gebrauchte Stimme des Hauptmanns an Liathes und Darios Ohren als der Truppe rund um Ylais für den Abtransport des Verletzen bereit schien. Und so schlich der Trupp der drei vorgelagert wieder los um Schwerverletzten, Truppführer und Zug im Lager zu begrüßen.


Heilerin Teira Moos traf zusätzlich im Lager der Legion ein. Sie und Liathe ergänzten sich gut um gewisse Praktiken darzulegen, wie ein Verletzter an der Front zu behandeln sei. Letztlich wurde die Prüfungssituation rund um Ylais und Melia aufgelöst und wertvolle Informationen über die Wundversorgung dem Zug durch die zwei Heilerinnen mitgeteilt.

Und dann kam, was wohl im Nachgang zur Prüfung und Leistung unausweichlich war. Auswertung und entsprechend positives gefolge. Der Schwur ward gesprochen und Ylais trug ihn mit einer ansehnlichen Überzeugung vor. Berechtigte Glückwünsche folgten.

Bei vorangeschrittener Nacht sinnierte er wachliegend im Zelt noch über die späten Gespräche des Abends. Über gesprochene Worte, Lachen, Geschichten und das Knistern des Lagerfeuers als aktiver Begleiter und Gegner der nächtlichen Kälte. Dachte an seine Antwort zur größten, erwartbaren Freude und lächelte sich letztlich leicht in den Schlaf. Ruhe.
Benutzeravatar
Lioras Ylais
Beiträge: 58
Registriert: Mittwoch 22. Oktober 2025, 16:09

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Lioras Ylais »

Ihr habt euch gestern gut geschlagen, Ylais. Auch wenn es sich nicht so angefühlt haben mag. Das gestern war die absolute Grenze. Ihr habt sie überschritten, trotz allen Umständen. Seid stolz darauf.

~*~

Eine letzte Nacht. Ein letztes Mal Eiseskälte, Lagerfeuerrauch und sonores Schnarchen aus der Bärenhöhle. Ein letztes Mal Gedanken sortieren, Erlebtes Revue passieren lassen und hoffentlich endlich fassen, dass das kein merkwürdig realistischer Traum war. Dass das wirklich so passiert ist.
Lioras saß auf einem der Baumstämme im Herzen des Biwaks der Garde - dem Ort, den er nun für einen ganzen Wochenlauf belebt und überlebt hat. Die Platzwunde an seinem Wangenknochen heilte dank Landsknecht Liathe gut. Es hatte sich eine schützende Kruste über der violett-blau bis gelb-grünen Verfärbung gebildet. Den Schmerz der vergangenen Tage spürte er kaum noch. Schwindel und Erschöpfung waren Klarheit und Entschlossenheit gewichen.

~*~

Leid ist am Ende nicht ein Urteil, sondern ein Teil des Weges. Mit Gewicht, das man tragen muss, aber nicht um bestraft zu werden, sondern um zu reifen.

~*~

Hauptmann Dhara hatte sich Mühe gegeben, seinem angeknacksten Ego nach dem Kampf gegen Trabant Soiradur wieder auf die Beine zu helfen. Sie hatte sich Zeit für seine Gedanken und sein Empfinden genommen. Aufmerksam gelauscht, wachsam beobachtet und Rat gegeben, wo sie einen wusste. Zunächst hatte Lioras gedacht, das wäre einfach eine ihrer vielzähligen Aufgaben als Hauptmann der Garde - und vermutlich war es das auch. Doch dass es vor allem in Vorbereitung einer Prüfung war, die seinen Blick auf sich selbst völlig ändern würde, das ahnte er nicht einmal in seinen kühnsten Träumen.

~*~

Hör mir zu, Lioras ... Ich würde dich hier nicht schicken, wenn ich nicht wüsste, dass du das kannst. Aus verdammt vielen Gründen, die ich dir sicher im Detail aufzähle, wenn wir Zeit haben. Behalte deinen klaren Kopf. Du ... hast ... alles! was du brauchst. Geh raus, such ihn, triff Entscheidungen und steh zu ihnen. Mehr verlange ich nicht. UND lass dir nicht einreden, dass Stillstand Schwäche ist. Auch nicht von dir selbst.

~*~

Ja, das hatte er wirklich gedacht. Sich geärgert und Vorwürfe dafür gemacht, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein, Soiradur einfach mit Anlauf einen Bauchplatscher in den Tiefschnee machen zu lassen. Er hatte dabei ignoriert, wie überrumpelt er vom Befehl des Hauptmanns gewesen war und wie schwer er sich überhaupt dazu durchringen konnte, auch nur in Erwägung zu ziehen, dem ewig brummigen Kameraden einen Schlag, Tritt oder was auch immer ihn zum Bluten bringen würde, zu verpassen. Er ignorierte dabei, dass Soiradur im Kampf geschult war, während Lioras es nicht war. Dass seine Stärke das Wort und sein scharfer Verstand waren. Er vermochte, den Überblick auch in hektischen Situationen zu behalten. Die Stärken, Schwächen und Eigenarten seiner Kameraden merkte er sich mit Leichtigkeit. Es fiel ihm nicht schwer, einen mahnenden Tonfall anzuschlagen, auch wenn neun von zehn Kameraden über ihm standen. Was gesagt werden musste, musste eben gesagt werden. Mit Worten, die ihr Gegenüber erreichten. Spätestens seit der Geburt seiner Tochter erfüllte ihn zudem ein unverhandelbares Pflichtgefühl gegenüber den Menschen, mit denen er sich umgab. Früher waren das die Menschen im Tross des fahrenden Volks. Heute die Gardisten, mit denen er sich Zelt, Donnerbalken und Lagerfeuer teilte. Mit denen er durch Anstrengung und Schmerz genauso verbunden war wie durch Zusammenhalt und Stolz. Es spielte keine Rolle, dass ein Großteil seiner Kameraden zehn und mehr Jahre jünger war. Dass die Jüngsten unter ihnen theoretisch seine Kinder sein konnten. Was sie verband, war das gemeinsame Ziel: Dharas Kaffeeentzug und den Winter im Wald von Tirell überleben. Wobei sie sich an diesem einen Prüfungsabend doch irgendwie wie eine Horde wild gewordener Kinder verhalten hatten ...

~*~

Nicht jetzt, Vasai.
Perera, Ardent, Denholm, im Westen schauen. Jetzt!
SAYER!
Ruhig bleiben, Denholm. Wir sind dabei.
Melia, reißt Euch zusammen!
Ardent! Hiergeblieben.
Sayer, Konzentration!
Perera, auch Ihr! Augen auf den Weg.


~*~

Lioras schmunzelte in Gedanken an das Chaos. Er war noch immer sprachlos, wenn er darüber nachdachte, was Dhara ihm nicht nur abverlangt, sondern zugetraut hatte - und was er tatsächlich sogar geschafft hatte. Für knapp zwei Monde war er nun 'der Neue' gewesen. Er hatte das Biwak als Landsknecht betreten, aber verlassen würde er es wohl als geprüfter und vereidigter Trabant. Spätestens jetzt war es wirklich bindend. Er hatte geschworen - auf den All-Einen und sein Leben. Das war nicht rückgängig zu machen. Aus dem temperamentvollen Wanderbarden im fahrenden Volk war ein ambitionierter und sesshafter Soldat geworden. Aus dem Sohn und Vater ein Diener und Waffenbruder. Es würde sicher noch ein paar Tage dauern, bis er das komplett verdaut und verinnerlicht hatte, aber bis dahin keimte da diese leise Gewissheit in ihm, die ihm sagte, dass DAS wirklich ein Neuanfang war und nur der Herr wusste, wo ihn das noch hinführen würde.

~*~

Kameraden ... Trabant Ylais!

Bild
Halt's Maul und tu was.
Benutzeravatar
Jynela Dhara
Beiträge: 629
Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Jynela Dhara »

Es war vorbei. Das Buch wurde eingepackt.



Feldtagebuch

12. Hartung 269
Ruhiger Tagesbeginn.

Trabant Lioras übernahm eigenständig eine zusätzliche Nachtwache - Gespräch folgt.
Letzte Besprechungen und abschließende Übung zur Aufstellung.
Anfangs Disziplinmängel, nach klarer Befehlsgebung ordnungsgemäßer Ablauf.
Feindkontak im Süden: Gräfin Helisande von Alstedt und Graf von Alstedt am Lager.
Wortgefecht.
Beim Rückzug versuchte die Gräfin einen tätlichen Angriff auf den Hauptmann.
Schießbefehl erteilt. Gegner zog sich getroffen zurück.
Lager gesichert, Nachtwachen aufgrund des Vorfalles verstärkt.
Abschlussansprache an die Garde.
Ausgabe eines gravierten Dolches an jeden Gardisten als Erinnerung.
Feldlager erfolgreich beendet. Abbau und Abzug in den Morgenstunden.
Für das Reich. Für seine Sicherheit. Für Alatar.

Bild


Scharfschütze der Bruderschaft des Herrn
Hauptmann der Legion des Panthers




Bild





~~~~~~~~~~~~~*****~~~~~~~~~~~~~


Der 7te und letzte Tag im Feldlager begann mit etwas, das sich für Jynela beinahe falsch anfühlte: Schlaf.

Niemand hatte sie zur Wache geweckt.
Kein leises Rütteln an der Schulter, kein knappes „Hauptmann“, kein Blick, der sagte aufstehen, es geht weiter. Als sie die Augen öffnete, war das Lager bereits wach, das Feuer gerade wieder gefüttert worden, die Stimmen gedämpft, geordnet.

Zu geordnet, um Zufall zu sein.

Lioras Entscheidung fand sie erst später heraus.
Es brauchte ein paar gezielte Fragen, kaum mehr als Nadelstiche. Die Antworten kamen prompt.
Doppelte Wache.
Weil er gesehen hatte, wie müde sie war.

Jynela nickte nur. Keine Regung zu viel. Sie nahm es zur Kenntnis wie eine Zahl, wie eine Wegmarke am Rand eines Pfades, den sie ohnehin weitergehen würde. Sie würde es nicht ansprechen. Nicht heute. Vielleicht nie. Schwäche war etwas, das man sich leisten konnte, wenn man sicher war, dass niemand hinsah – und sie war es gewohnt, allein zu tragen.

Doch das Wissen ließ sich nicht einfach abstreifen.

Irgendwo, tief zwischen Rippen und Rüstung, blieb es hängen.
Hartnäckig.
Warm.

Dass jemand hingesehen hatte. Nicht flüchtig, nicht aus Pflicht, sondern wirklich.
Dass jemand die Risse gesehen hatte, bevor sie selbst bereit gewesen wäre, sie einzugestehen.
Dass jemand trug, leise und ohne Worte, dort, wo sie längst aufgehört hatte, um Hilfe zu bitten.
Es machte sie unruhig.
Und zugleich...ruhig.

Ein Teil von ihr wollte sich dagegen stemmen, wollte die Schultern straffen, den Rücken geradeziehen, beweisen, dass sie nichts brauchte, niemanden. Dass sie stand, auch wenn alles in ihr nach Ruhe schrie. Doch ein anderer Teil – der seltene, gefährlich ehrliche – ließ für einen Atemzug los.
Frieden, klein und unerwartet.

Dankbarkeit brannte unter der Haut, unausgesprochen, beinahe schamhaft. Nicht dafür, dass er eingegriffen hatte. Sondern dafür, dass er gesehen hatte.
Tiefer, als sie es den meisten erlaubte. Tiefer, als sie sich selbst zugestand.
Ein gefährlich gutes Gefühl.


Der Tag selbst verlief ruhig.
Zu ruhig für einen letzten. Besprechungen, die mehr bestätigten als neu klärten. Eine letzte Übung zur Aufstellung, bei der einige offenbar glaubten, Erinnerung sei optional. Jynela ließ sie spüren, dass Demenz kein anerkannter Entschuldigungsgrund war.
Danach lief es. Befehle klar, Bewegungen sauber.
Die Garde funktionierte. Wie sie es gelernt hatte. Wie sie es sich erarbeitet hatten.
Fast hätte man glauben können, es würde ohne Zwischenfall enden.

Fast.

Sie waren gerade dabei, die Aufstellung noch einmal durchzugehen, als das Geräusch kam.
Hufschläge.
Zu kontrolliert für Zufall, zu offen für Heimlichkeit.
Jynela drehte den Kopf, noch bevor jemand rief.
Besuch.
Ungeladen.
Wie immer.

Gräfin Helisande von Alstedt und ihr Gatte erschienen am Rand des Lagers, so unauffällig, wie Kronritter eben waren – also gar nicht.
Die Aufstellung stand, noch bevor der Gedanke vollständig zu Ende gedacht war. Bögen gespannt, Schultern straff, Stille wie ein gespanntes Seil.

Es folgte ein Gespräch, das offiziell höflich war und inoffiziell einer dieser Wortwechsel, bei denen jeder Satz eine gezogene Klinge darstellt, nur eben mit besserer Grammatik. Helisande spielte ihre Rolle mit dieser süßlichen Freundlichkeit, die mehr Zorn enthielt als ein offenes Drohen. Heinrik schwieg, zählte, beobachtete, maß – der Gefährlichere von beiden? Sie war sich nicht sicher.

Mit Heinrik hatte sie noch eine Rechnung offen. Eine, die sich nicht in Worten begleichen ließ. Beim letzten Angriff hatte er ihr die Nase gebrochen, sie zu Boden geschickt, ihr für einen endlosen Augenblick die Luft und beinahe das Leben genommen. Sie erinnerte sich an das Knacken, an den metallischen Geschmack, an die Stille danach – zu nah, zu klar, um bald zu verblassen.

Jetzt saß er auf dem Pferd.
Erhaben.
Unerreichbar.
Gepanzert durch Abstand und Höhe.

Ein enttäuschendes Detail.

Wäre er abgestiegen, wäre er ihr auf Augenhöhe begegnet, hätte sie vielleicht nachgegeben. Vielleicht auch nicht. Ihre Hand hätte den Weg gefunden, instinktiv, ehrlich, ohne Erlaubnis. Nicht aus Raserei, sondern aus Notwendigkeit. Manche Schulden verlangten nach Blut, nicht nach Vergebung. Allerdings war er um beinahe zwei Köpfe größer als sie und die Rüstung würde durch das Absteigen vom Pferd leider nicht verschwinden.

Sie zwang sich zur Ruhe, hielt den Körper still, obwohl jede Faser nach Bewegung schrie. Heinrik durfte nicht sehen, wie sehr sie ihn noch spürte. Nicht den Zorn. Nicht den Wunsch, die Geschichte neu zu schreiben – mit ihm im Staub und ihr aufrecht darüber.
Sie wartete.
Denn Rechnungen hatten Geduld.

Jynela ließ sie reden. Ließ sie prüfen. Und stieß dort zu, wo es wehtat: Stolz, Geduld, Kontrolle.

Sie sah, wie Helisandes Zorn aufflackerte, genährt von kleinen, gezielten Spitzen, von Andeutungen, von dem Wissen, dass dieses Lager kein Zufall war.
Kein Fehler.
Und ganz sicher kein Opfer.

Die Zeit lief. Für sie alle.

Als Helisande schließlich näher trat, zu nah, mit Schild und Absicht, lag für einen Atemzug etwas Unausgesprochenes in der Luft. Die Gewissheit, dass hinter Jynela nicht Leere stand, sondern Kameraden.

Müde, frierend, angespannt – und bereit.
Das reichte.

Helisande zog sich zurück.
Nicht ohne den Versuch, ihr beim Aufsitzen noch einen Schlag mit dem Schild mitzugeben.
Ein Reflex. Ein Fehler.
Jynela wich aus, der Luftzug zerrte an ihrem Haar – und in dem Moment, in dem das Pferd sich wandte, war die Entscheidung bereits gefallen.
Der Befehl kam ruhig. Klar. Ohne Zögern.

Schuss.

Der Treffer hallte metallisch durch die Nacht. Kein Angriff. Kein Gefecht. Aber eine Erinnerung. Für beide Seiten.

Die Alstedts zogen ab.

Das Lager wurde gesichert, die Wachen für die Nacht verstärkt. Niemand widersprach. Niemand stellte Fragen. Manche Dinge erklärten sich von selbst.
Später, als alle noch einmal zusammenstanden, fand Jynela Worte, die nicht groß waren, aber ehrlich. Über Disziplin. Über Zusammenhalt. Über sechs Tage Kälte, Schlafmangel und Anspannung – und darüber, dass sie bestanden hatten.
Gemeinsam.
Zum Schluss erhielt jeder Gardist einen Dolch. Nichts Prunkvolles. Aber sauber gearbeitet. Mit Gravur. Etwas, das blieb.

Als das Lager langsam zur Ruhe kam, stellte sich dieses seltsame Gefühl ein:

Wehmut, weil etwas endete.

Erleichterung, weil es das durfte.

Und die stille Gewissheit, dass sie mehr mitnahmen als Ausrüstung und Erfahrung.

Sie nahmen Vertrauen mit.

Und das Wissen, dass sie – wenn es darauf ankam – standen.
Hinter ihr. Neben ihr. Für sie. Und sie alle gemeinsam für den Herrn.

Und das war der eigentliche Erfolg dieses Feldlagers.



Bild
Benutzeravatar
Helisande von Alsted
Beiträge: 4067
Registriert: Mittwoch 8. Mai 2013, 05:42

Re: [MMT] Über Feldlager, Garde und die grundsätzliche Unwilligkeit des Schnees oder: Warum Disziplin nicht immer warm h

Beitrag von Helisande von Alsted »

Der Wagen ruht im Winter, der Schlitten im Sommer, das Pferd nie.
Jiddisches Sprichwort
Die eingetroffene und recht knappe Meldung war eindeutig gewesen. Der Feind hatte ein Lager im Wald von Tirell an einem See aufgeschlagen. Nicht ganz eindeutig aus dem Bericht lies sich entziffern was für ein Lager es denn nun genau war. Ein Lager um Rohstoffe zu ernten und zu transportieren, die Zeit für den Holzeinschlag wäre günstig, da der Boden gefroren war. War es ein eher harmloses Biwak, bei dem einige Kämpfer ausgebildet wurden? Oder war es ein Heerlager und das alatarische Reich würde innerhalb der nächsten Tage in Schwingenstein einfallen? Darüber sagte der Bericht nichts. Kurz besprachen sich Graf und Gräfin und man einigte sich darauf das Lager selbst in Augenschein zu nehmen.

Allein ritten sie. Zufall. Das Fest am Rittersee benötigte die Aufmerksamkeit des Regimentes und dessen Wachsamkeit. Die beiden Pferde trotteten in vertrauter Schrittfolge nebeneinander her, während man sich durch die verschneite Landschaft vorarbeitete. Der Plan war lose formuliert, irgendwas mit leise nähern und unaufällig schauen.
Unaufällig.
Leise.
Schauen.

Und da brüllte schon jemand die Meldung, kaum dass sie die Zelte gesichtet hatten. Die Rosthaarige schnaubte einmal und nickte Heinrik zu, dessen aufmerksamer Blick schon die Aufbauten betrachtete und gleichsam innerlich zu zählen begann. Man hörte das Greifen nach Ausrüstung, Weitergabe von Befehlen und eilige Schritte im knirschenden Schnee. Nach und nach tauchten die Gestalten in ihren schwarzen und blutroten Uniformen auf. Gezeichnet von der Kälte. In einigen Gesichtern konnte sie die Spuren von Müdigkeit erkennen. Diese bleierne Müdigkeit, die sich in einem anlagert wenn man zu lange nicht schläft oder zu wenig.
"Sommerkinder." Das brummte der Kerl neben ihr auf dem Pferd, sie lies ihr Tier einige Schritte seitwärts treten. Der Baum war zwar dürr, aber er konnte zumindest die Zielerfassung von Schützen etwas komplexer gestalten. Der Wind kam von hinten, schön ins Gesicht der sich aufstellenden Gegner.
"Die Reaktionszeit ist nicht mal schlecht." Wieder ein Kommentar des Taktikers auf seinem Pferd. Dann Stille von ihm. Das vergiftete höfliche Gespräch zu führen war nun wieder ihre Aufgabe. Während sie ständig leise Zeitangaben hörte.
"10 Minuten."
"5 Minuten."
"1 Minute."
"Jetzt!"

Dhara trat vor und führte das Wort als Hauptmann, sie wurde von Heinrik stetig als "Die Kleine' bezeichnet, wenn das Gespräch auf sie kam. Klein vielleicht, aber Dachse waren auch klein - und bissig.
Ein Wort gab das andere. Dhara wich aus und stürzte auf sie zu, Heinrik stellte sich und sein Pferd zwischen die Weiber. Sie zogen sich zurück bis ein Pfeil surrte und im Panzer der Kronritterin einschlug, nicht tief genug für eine Wunde. Doch tief genug um die Wut in ihr hochkochen zu lassen und das Schwert zu ziehen.
"Nein. Senheit. Ab jetzt!"

***
"Was sollte der Scheiß, Alsted?! Meinst du, ich werd mit der Kleinen nicht fertig?"
Brummen
"Mein Schildarm ist in Ordnung, aye? Die Behandlung hilft."
"Trotzdem!"

Ein tiefes Durchatmen, dann die Forderung.
"Analyse."
"Dieses Lager ist eine Ressourcenverschwendung, weil sie durch die paar Tage in der Kälte keine Gewöhnung aufbauen werden. Die Soldaten sehen durchgefroren und müde aus, also mangelt es wohl an Wissen über die nötige Wintervorbereitung und den Umgang mit Kälte.
Das Lager selbst ist zu schlecht geschützt und würde einem Angriff nicht Stand halten. Es ist eher ein törichter Ausflug für was? Ausbildung? In was? Zittern? Kampfbereit waren die nur noch im Geiste.
Die Kleine weiß das, sonst hätte sie ihre Truppe uns angreifen oder umzingeln lassen. Sie waren zahlenmäßig klar überlegen und haben dennoch gezögert. Sie hat gerechnet wie viele Männer wie sie kosten, bevor sie uns am Boden haben und das war es ihr nicht wert."
"Meinst du sie plant was?"
"Sie, der Ahad, der Alka... irgendwer plant sicher was."
Antworten