Ein verlorenes Auge ist wie ein verschlossenes Buch

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Mychael Dalvon
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Ein verlorenes Auge ist wie ein verschlossenes Buch

Beitrag von Mychael Dalvon »

...nur der Besitzer kennt die wahre Geschichte.





Der Stuhl knarrte leicht, als er sich hineinsinken ließ und die Beine nach vorne ausstreckte, um sie auf dem Balkongelände abzulegen. Er trug keinen Mantel und atmete tief die kalte Winterluft ein, während seine Hand in der Tasche nach einem Glimmstängel suchte, den er sich direkt zwischen die Lippen schob und anzündete.
Sein Auge ruhte ein wenig auf der Aussicht, die sich ihm bot.
Die Dächer von Düstersee, blauer Winterhimmel, der bereits ein wenig verdunkelte. Der Geruch vom Meer, der in der Luft lag.
Unten hörte er Roderik irgendetwas sägen und musste kurz grinsen.





Er erinnerte sich noch, wie verzweifelt, aber auch wütend er damals gewesen war. Er hatte sich von der Hand seiner Mutter losgerissen in dem Moment, als das Schiff abgelegt hatte. Das Schiff mit seinem großen Bruder an Bord. Den Rest des Tages hatte er sich im Baumhaus versteckt.
Der Vater hatte es mit ihnen gemeinsam gebaut. Als Schreiner war es ein Leichtes für ihn gewesen und Rod war ihm zur Hand gegangen.
Dort oben hatten die beiden Burschen eine Menge Zeit verbracht, den ein oder anderen Blödsinn ausgeheckt, oder sich auch mal vor der Hausarbeit versteckt. Normal ließ die Mutter ihn nicht davon kommen, aber an dem Tag hatte sie wohl Mitleid. Sie wusste, wie sehr Mychael an dem großen Bruder hing und wie hart ihn sein Fortgehen traf.
Sein großer Bruder war sein Vorbild gewesen. Wahrscheinlich hatte Roderik ihn mehr als einmal verflucht, weil er ihm als Kind ständig hinterherrannte. 6 ganze Jahre älter war er und eröffnete Mychael damals Einblicke in eine Welt, die ihn mehr reizte als lediglich das kleine Haus und der Garten. Und er brach aus, wann immer es ihm irgendwie möglich war.

Bis zu dem Moment, wo der Idiot von einem Bruder sich entschied, ihn im Stich zu lassen.

Der Abschied von Roderik war lange mit Wut verbunden gewesen, selbst die ersten Nachrichten hatte er eher mit kindischer Wut ignoriert, bis er endlich nach einem Brief dann doch selbst zum Griffel griff, um zu Antworten. Danach brach der Kontakt zwischen den Brüdern niemals ganz ab.

Wo er sonst meist zu Hause oder beim benachbarten Schmied ausgeholfen hatte, verbrachte er in den folgenden Jahren mehr Zeit als je zuvor am Hafen.
Neben der Ausbildung zum Feinschmied und seinen Pflichten zuhause, saß er dort jede freie Minute bei dem alten Hafenmeister. Dank der Mutter konnten beide Bruder lesen und schreiben und ja, rein theoretisch hatte sie ihnen auch einige ziemlich gute und sinnvolle Manieren beigebracht, aber beim alten Borin lernte er auch das Lesen der Seekarten, den Umgang mit einem Sextant, lernte was der Himmel einem so alles verraten konnte und war innerhalb von kurzer Zeit ein guter Ersatz für das Rechenbrett. Der Alte brachte ihm einiges bei. Auch das Fluchen und manch andere Dinge, die das Ende der Zeit bedeuten würden, wenn die Mutter davon Wind bekommen hätte.


Auch wenn er wusste, dass er seiner Mutter das Herz brach, sobald er endlich 15 war, heuerte er auf einem der Handelsschiffe als Schiffsjunge an. Den Arbeitsort wechselte er noch ein paar Mal, bis er mit Schiff und Crew zufrieden war. Da er nicht nur sein Handwerk recht gut verstand, sondern auch fleißig war und sich nicht scheute anzupacken, egal was anstand, nahm man ihn gerne auf.
Jahrelang hatte er sich eingeredet, dass er auf ein Schiff wollte. Genauso sein wie sein großer Bruder und durch die Welt reisen.
Genau das hatte er nun getan, aber da er sich selbst selten etwas vormachte, musste er sich bald eingestehen, dass dieses Leben nichts für ihn war.
Nicht auf Dauer zumindest.
An Bord lernte er, dass er ein Talent für eine schnelle Waffe hatte und auch den Bogen recht gut beherrschen konnte, und er lernte, dass man ab und an Menschen traf, mit denen man so eng verbunden sein konnte, wie mit seiner eigenen Familie.
Alec war nur ein Jahr jünger als er und der Sohn vom Schiffskoch. Gemeinsam merkten sie schnell, dass die Zeit an Land in den Hafenstädten sehr viel reizvoller war, als die Zeit auf dem Schiff. Beide hatten eine Vorliebe für Wetten und Herausforderungen, vor allem aber auch für hübsche Frauen und er genoss diese Zeit ein wenig zu sehr.
Viel sparen konnten die beiden nicht, das wenige Gold, welches sie verdienten, gaben sie meistens direkt wieder aus.
Bis zu diesem einen Abend.




Bei den Erinnerungen breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht auf, als würde er noch einmal das Gefühl dieser Nacht nachempfinden und er wechselte kurz den einen Fuß auf den anderen, während er zu dem Krug griff, um einen tiefen Schluck vom herben Bier zu nehmen.




Sie waren beide gute Spieler gewesen. Der alte Borin hatte eine ungesunde Vorliebe für Schach gehabt, die Mychael des öfteren in den Wahnsinn getrieben hatte, aber zum Glück konnte er ebenso beinahe jedes Kartenspiel. Auch auf dem Schiff wurde bei jeder Gelegenheit gespielt und gewettet.
Allerdings waren sie beide nicht einfach nur geübt, sie hatten etwas, das manch anderem fehlte: Talent

Ob nun fürs Kartenspiel oder vielleicht sogar schlicht fürs Betrügen, darüber ließen sie sich nicht groß aus. Am Ende mussten sie einfach nur gewinnen.

Aber Talent war nur das eine, manchmal musste man einfach auch schlicht Glück haben. Und an diesem Abend hatten sie nicht nur ein wenig Glück, sondern richtig Schwein. Fortuna meinte es nicht nur gut mit ihnen, sie saß breit grinsend mit ausgebreiteten Armen da und ließ die beiden gewinnen.
Glück hatten sie am Ende auch, weil sie schlicht den Abend überlebten, trotz der Wut einiger Verlierer.

Das Gefühl von dieser Nacht war ziemlich unbeschreiblich gewesen, als sie wirklich mit den Taschen voll Gold abgehauen waren.

Und dieses Mal war es anders gelaufen.
Sie hielten ihren Mund und gingen direkt am nächsten Hafen von Bord, reisten eine Weile an der Westküste von Cantir entlang, bis sie in der kleinen Hafenstadt genau das fanden, was sie gesucht hatten.


Schon am nächsten Abend hatte es sich wie ein Lauffeuer verbreitet:

Die Taverne im Ort hatte zwei neue Wirte.




Sie hatten sich schnell eingelebt und das Geschäft lief gut und mit den Jahren sogar besser.
Der schattige Krug lag am Fuß eines eher felsigen Hügels, der ins Meer mündete und hinter dem bereits der dichte Wald begann. Die Stadt war selbst zu Fuß schnell zu erreichen und dort befand sich ein eher kleiner Hafen. Da sie somit etwas abseits lagen, wurden sie nicht überlaufen wie die großen Tavernen in Trigolsburg und mussten ununterbrochen ihr Inventar erneuern, wenn mal wieder ein Haufen betrunkener Seeleute den Schankraum zerlegte.

Aber es sprach sich bald herum, dass es im “Schattigen Krug” gutes Bier und noch besseren Whiskey gab. Alec war ein guter Partner und verbrachte die meiste Zeit hinterm Tresen und in der Küche, was ihm selbst wiederum Zeit gab, sich um den Warenbestand, das Finanzielle und die Geschäfte im Hinterzimmer zu kümmern. Jeder hatte seine Rolle und sie spielten sie meistens perfekt.

Aber sie hatten die Taverne nicht nur wegen ihrer Lage gewählt, sondern auch weil sie ungewöhnlich groß und gut durchdacht gebaut worden war.
Ziemlich sicher war hier früher eine Menge Schmuggelei betrieben worden, denn bei genauerem Hinsehen hatten sie neben zwei großzügigen Hinterzimmern und einem gut ausgebauten Felsenkeller eher durch Zufall einen weiteren Zugang gefunden.
In einem kleinen Raum hinter der Schenke, in dem an sich lediglich Krüge und Fässer gelagert wurden, fand sich hinter einem der Regale ein einfacher Mechanismus im Stein, durch den sich ein kleiner Zugang zu einer in den Fels geschlagenen Treppe öffnen ließ.
Dort unten war seine Welt. Ein kleines Arbeitszimmer mit genügend Platz, um ihre wertvollsten Flaschen aufzubewahren und um sich zurückzuziehen. Aber was noch besser war, vermutlich über Jahre war der Fels bearbeitet worden und endete schließlich in einem schmalen Durchgang nahe des Strandes. Ein geheimer Gang und als wäre das nicht schon perfekt, befand sich in der kleinen, aber schweren Tür, die ihn verbarg, eine Öffnung mit einer Arretierung für eine Armbrust.
Irgendjemand hatte sich hier verflucht viele Gedanken gemacht und mit ein wenig Arbeit, hatten sie alles nach ihren Vorstellungen perfektioniert.

Neben dem normalen Geschäft hatten sie mit der Zeit einen Kundenstamm für Kartenspiele im Hinterzimmer. Selten wechselte er und wenn, dann nur, wenn die Einsätze auch wirklich hoch genug waren. Noch immer hatten sie aus ihrer ehemaligen Crew einen Partner, der ihnen aus den anderen Häfen Kunden vermittelte und mit dem er sich ab und an traf.
Ein Boxring in einem der Räume im Felsenkeller war ebenso gut besucht, vor allem für Leute mit gefüllter Geldkatze waren die Kämpfe, die ab und an stattfanden durchaus ein Spektakel und meistens für die beiden Wirte eine lukrative Angelegenheit.
Alec war zum Glück weiterhin in der Rolle als Wirt zufrieden, was ihm die Möglichkeit gab, sich um alles andere zu kümmern und den Rest der Zeit mit der Jagd zu verbringen.

Im Ort waren sie bald bekannt, nicht immer im guten Sinn, aber man hatte die Taverne am Waldrand akzeptiert und die Töchter vor den beiden jungen Wirten gewarnt, die den Ruf hatten, ob er nun gerechtfertigt war oder nicht, selten eine Nacht alleine zu verbringen.
Mindestens einmal im Jahr kam Roderik vorbei und verbrachte einige Tage bei ihnen. Dieses Versprechen gaben sie sich vor Jahren in einer Hafentaverne, als sie sich durch Zufall über den Weg gelaufen waren.

Das Leben war nicht schlecht, hatte nur wenige Tiefen und wahrscheinlich wäre es einfach so weitergelaufen.
Zuletzt geändert von Mychael Dalvon am Samstag 26. Juli 2025, 16:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

"Narben sind wie die Zwischenkapitel
im eigenen Abenteuerroman -
sie zeigen Wendepunkte
und unerwartete Wendungen,
welche die eigene Geschichte prägen.

Sie sind die Erinnerungen,
die man nicht vergessen kann,
die Geschichten, die von der Haut erzählt werden.

Narben sind die Zeichen,
die daran erinnern, dass man überlebt hat."



Mit gemächlichen Schritten wanderte er durch das noch recht leere Haus. Ein wenig musste er doch Grinsen, als er an Roderik dachte. So ganz war sein Bruder die Unruhe nicht losgeworden. Zwar zog es ihn nicht mehr so auf die See, aber eine gewisse Rastlosigkeit war nicht zu verleugnen.

Schon wieder ein neues Heim.

Ihn störte das nicht.
Arbeit war Arbeit und wo er sie verrichtete, war nicht unbedingt wichtig. Das neue Haus gefiel ihm, er hatte etwas mehr Platz, was ihm zuGute kam, wenn er nun mit den Arbeiten an der Statue beginnen würde. Auf dem Weg nahm er sich eine Bierflasche aus dem noch einsamen Regal in der Küche und wanderte auf den Balkon hinaus. Die Dunkelheit schlich sich langsam durch die Gassen von Düstersee. Der Ausblick war nicht schlecht, er konnte bis zum Meer blicken. Die Flasche abgestellt stützte er sich mit beiden Händen auf die Brüstung. In immer mehr Häusern wurden Kerzen angezündet. Obwohl es immer noch verflucht kalt war, stand er weiter mit hochgekrempelten Ärmeln draußen. Sein Auge glitt über den noch leeren Balkon und er spürte den deutlichen Druck auf der Brust.
Das waren die Momente, in denen ihm Alec fehlte.





Damals hatte sich irgendwann eine gewisse Routine eingestellt im Leben der beiden Kerle.
Alec war für ihn der zweite Bruder geworden, nicht durch das Blutsband der Geburt verbunden, sondern durch die Erlebnisse und Erinnerungen, die Höhen und Tiefen, die sie gemeinsam durchlebt hatten. Mit Alec war es auf den ersten Blick richtig gewesen. Sie hatten sich ohne Worte verstanden und mit den Jahren auf dem Schiff war daraus eine tiefe Freundschaft entstanden.
Gemeinsam hatten sie Pläne geschmiedet und auf diese Pläne hingearbeitet.
Gemeinsam hatten sie das Schiff verlassen, um dann zusammen etwas Neues aufzubauen.

Und seitdem ergänzten sie sich einfach.

Wenn es krachte, dann richtig und man konnte noch immer an Alecs Nase sehen, wie weit so eine Auseinandersetzung gehen konnte. Aber danach war es genauso schnell wieder in Ordnung.

Oft saßen sie am Ende des "Tages", meistens war es wohl eher das Ende der Nacht oder sogar schon der Morgen, noch bei einem Glas Whiskey oder Rum zusammen und redeten.
Mit Alec konnte er, wenn er wollte, reden.
Über alles.
Aber noch besser konnte er zuhören.

Für Alec war die Routine etwas Gutes. Nach einem langen unsteten Leben war er endlich angekommen und Mychael konnte sehen, wie wohl und zuhause er sich hier fühlte. Dazu kam, dass sein Freund ein Auge auf die Bäckerstochter geworfen hatte, was Mychael regelmäßig nutzte, um ihn aufzuziehen. Der Lebensstil seines Freundes hatte sich deutlich geändert und er konnte verstehen, dass eAlec das Leben, so wie es war, genoss.

Ihm allerdings fehlte etwas.

Vielleicht war das der Grund, weswegen er immer wieder nach neuen Geschäftsideen suchte.
An diesem Abend war wieder einmal ein junger Kerl vom Hafen in der Taverne gelandet und hatte die Trophäe über den Kamin bewundert und gefragt, wo sie den Hirsch erlegt hatten. In jenem Augenblick war die Idee gekommen und in den kommenden Tagen gewachsen.

Hinter der Taverne erstreckte sich der Wald kilometerweit bis hin zu den Bergen. Ein Gebiet, so weitläufig und an vielen Stellen undurchdringlich, dass man sich selbst nach Jahren nicht wirklich zurechtfinden konnte.
So viel Zeit er auch auf der Jagd verbrachte, er hatte bisher nur einen kleinen Teil erforschen können. Für einen Jäger war es ein Paradies. Neben Hirschen und einigen stattlichen Ebern waren sogar Bären und Wölfe unterwegs.
Die Aussicht auf ein Bärenfell oder einen Wolfspelz war ein großer Reiz für Jäger. Aber die wenigstens, welche im Hafen nur für einige Zeit verblieben, um dann weiter zu den großen Städten zu reisen, kannten sich gut genug aus, um das zu finden, was sie finden wollten.

Und damit war die Idee geboren.

Nach einigen Diskussionen und dem Verbreiten von gezielt gestreuten Gerüchten dauerte es nicht lange, bis sie die ersten organisierten Jagden anbieten konnten. Sie hatten schon immer ein paar Zimmer zu vermieten gehabt, nun ergänzten sie ihr Angebot. Man konnte bei ihnen unterkommen und bekam ein anständiges Essen. Seine Aufgabe bestand nur darin, die Leute zu begleiten und auf die richtige Fährte zu bringen. Es war wenig Aufwand und gutes Geld, das sie zusätzlich einnahmen. Denn mit den richtig platzierten Wetten im Hintergrund konnte man dank so einer Jagd und ein paar reichen Schnöseln innerhalb weniger Tage verflucht gutes Gold machen.


An diesem einen Abend hatte er eine Gruppe von gut betuchten Idioten begleitet, die sich einbildeten, gut genug zu sein, um einen wilden Eber zu erlegen. Er hätte einiges drauf gewettet, dass mindestens einer von ihnen die Jagd nicht überleben würde. Um genau zu sein, hatte er die Gruppe sogar deutlich gewarnt. Mit einem Eber war nicht zu spaßen und wenn man keine anständige Waffe nutzte, nicht geschickt genug war, konnte sowas schnell tödlich enden.
Mit dieser Art von Selbstüberschätzung hatte er allerdings wenig Mitleid, die Naivität der Kerle amüsierte ihn eher.
Einen Keiler mit einem Dolch erledigen. Irrsinn. Aber sie wollten unbedingt wetten, dass es ein Leichtes wäre, und Wette war nun mal Wette. Er hatte vor, sie zu gewinnen, ob er dabei richtig oder falsch spielte, ob jemand zu Schaden kam oder nicht, das war ihm damals reichlich egal gewesen.

An einen Baum gelehnt, wartete er auf die Rückkehr der Jäger. Irgendwann wurde sein Blick allerdings ungeduldig. Es wurde Zeit für ein Ende der Jagd, egal wie es nun ausging und er hatte keine Lust noch Stunden damit zu verbringen, die Kerle zu suchen und am Ende Verletzte nach Hause zu bringen.


Der Wald lag in tiefer Stille, als die Sonne langsam hinter den Baumkronen versank und lange Schatten über den moosbedeckten Boden warf. Den Weg kannte er, die Spuren der Gruppe so deutlich, dass es ihm wenig Probleme bereitete, ihnen zu folgen.
Doch trotz der scheinbaren Ruhe lag eine nicht wirklich greifbare Spannung in der Luft, welche die eigentlich friedliche Szenerie in etwas Beunruhigendes verwandelte. Seine Schultern spannten sich etwas an, als er inne hielt und sich für einen Moment umsah.
Zwischen den Bäumen schienen die Schatten Gestalt anzunehmen, ihre Formen verzerrt in der nun einfallenden Dunkelheit.


Auf einmal wurde die Stille durch Gebrüll zerrissen. Panische Schreie in der Ferne, deren Echo bis zu ihm drang und kurz anhielt. Die Vögel verstummten plötzlich, als würden sie die Bedrohung ebenso spüren.

In dem Moment begann er loszurennen.

Er war gut trainiert und kannte den Teil des Waldes, aber das Gebrüll der Idioten hatte ihn noch unruhiger werden lassen, es war kein albernes Gebrüll, kein erschrockenes. Hier brüllten Männer in Todesangst.

Die Bäume ragten mittlerweile eher düster und bedrohlich in den Himmel, ihre Äste wie Finger, die nach etwas Unbekanntem griffen, während die Schatten der Nacht sich unaufhaltsam über den Wald ausbreiteten und ihn auf dem Weg durch das Dickicht verfolgten
Sein Atem ging keuchend als sich die Lichtung vor ihm auftat. Mit vielem hatte er gerechnet, aber nicht mit dem letztendlichen Anblick, der sich ihm bot. Den Geruch von frisch aufgebrochenem Blut kannte er gut genug, um sofort zu wissen, dass hier einiges vergossen worden war. Metallisch und süß mitten in den klaren Gerüchen des Waldes, zwischen den Leichen der Kerle im Waldboden versickert.

Ein gigantischer Wolf, größer als alle, die ihm bis dahin begegnet waren, stand auf der Lichtung. Sein Fell glänzte silbrig im Dämmerlicht, und seine Augen leuchteten wie smaragdgrüne Laternen. Die Schnauze war dunkel und die Zähne blitzten hell.

Noch heute verfluchte er sich ab und an, dass er nicht einfach in die andere Richtung gegangen war.

Er war damals erstarrt stehen geblieben und selbst, wenn er gewollt hätte, seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. In den ganzen Jahren hatte er schon einiges erlebt, gerade auf See auch grausame Dinge, die man nicht unbedingt sehen wollte, aber der Anblick vor ihm ließ ihn einfach erstarren.

Dank dem Mond hoch am Himmel, war die Nacht hell genug, um Details zu erkennen. Details, die er heute noch genauso abrufen konnte, die ihn noch immer manchmal verfolgten ob in seinen träumen oder manchmal einfach so aus dem Nichts heraus.

Das ganze Bild hingegen war ihm nicht geblieben, weil in dem Augenblick das Vieh den Kopf in seine Richtung gedreht hatte.
Es war kein Keiler gewesen, damit hätte er umgehen können. Die gelben Augen des Wolfs blickten ihn an, die Lefzen hochgezogen, zeigte das Vieh ihm mehr als deutlich seine Reißzähne. Das tiefe Grollen, das von dem riesigen Tier ausging, vibrierte in seinem eigenen Magen nach.

Er erinnerte sich noch gut an den Augenblick, als es ihm klar wurde: Diese Wette war so oder so verloren und ein Dolch würde ihn hier nicht mehr retten.

Also war er stehen geblieben. Das Tier starrte ihn an, er starrte zurück.

In dem Moment, als er seine Beine wieder spürte und sich wieder bewegen konnte, begann er rückwärts zu gehen, in dem Wissen, dass die Chance zu entkommen mehr als gering war. Dennoch war es sein Ziel, sich aus dem Blickfeld des Tieres zu entfernen. Zum Fressen hatte das Monster schließlich mehr als genug, vielleicht würde er davon kommen.

Er konnte noch das erneute Grollen hören, das Hämmern der Pfoten auf dem Boden, als der Wolf auf ihn zusetzte. Den Dolch hatte er noch in der Hand, die Finger fest um den Griff geschlossen, sogar erhoben, bereit zuzustechen, sich zu wehren, zu kämpfen.

Dann war da nichts mehr. Nur noch Dunkelheit. Schwärze.



Mit einem letzten Zug leerte er das Glas und rieb sich anschließend mit der Faust über die Narbe, die bei den Erinnerungen an damals sofort zu ziehen begann. Sicher war er nicht, ob da nicht noch mehr Erinnerungen waren, aber noch immer weigerte sich scheinbar sein Verstand tiefer zu graben. Es war ihm am Ende scheißegal ob er gekämpft hatte, ob er sich gewehrt hatte. Denn jedes Mal wenn er sich auch nur ansatzweise in seinen Erinnerungen in diese Richtung bewegte, kam der Schmerz. An der Stelle wollte er sich nicht aufhalten.

Sein fehlendes Auge war nicht einmal das Schlimmste des Abends, die anderen Narben noch tiefer, noch schlimmer.
Jede einzelne hatte ihn verändert. Auf die ein oder andere Art.
Sicher nicht alle zum Guten. Aber immerhin war er am Leben geblieben. Alleine das hatte ihn viel Kraft gekostet.
Noch einmal glitt sein Blick beinahe prüfend den Himmel entlang, auf der Suche vielleicht, vielleicht prüfend welche Stunde es war, bevor er dann doch im Inneren des Hauses verschwand.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

"Ohnmacht ist nicht Schwäche,
sondern die Stille vor dem Sturm.
Man kann den Schmerz der folgt nicht vermeiden,
man kann nur versuchen darauf zu reagieren.
Schmerz ist der unvermeidliche Bestandteil des Lebens,
Leiden hingegen war optional.
Es liegt an dir, wie du damit umgehst.
Der Weg durch den Schmerz kann uns stärken, oder brechen.
Die Entscheidung, liegt bei uns.”




Die Tür der Werkstatt schloss sich das letzte Mal an diesem Abend und wenig später war er auf dem Weg zurück nach Rahal.
Der Frühling hatte vielleicht den Tag über sein bestes Gesicht gezeigt, aber nicht mehr an diesem Abend. Es regnete in dicken Tropfen und noch bevor er die Kutsche erreicht hatte, war er komplett durchnässt und das Hemd klebte ihm auf der warmen Haut. Eine willkommene Abkühlung nach den letzten beiden Tagen und seinen Gedanken nachhängend, nahm er es auch nicht mal richtig wahr, während er durch die Straßen lief.

Kurz vor seinem Haus wäre er beinahe abgebogen, einen anderen Weg gegangen, hätte am liebsten an eine andere Tür geklopft. Früher hätte er nicht gezögert, hätte sich auch mit Worten nicht zurückgehalten, wäre noch deutlicher geworden. Mehr als einmal hatte ihm sein Verhalten damals Ärger eingebracht und mehr als einmal hatte er die Dinge provoziert, damit der Abend in einer Prügelei endete, oder je nachdem mit wem er es zu tun hatte, mit einer Frau im Bett. Gewisse Dinge sollten eigentlich ausgesprochen werden, aber irgendwann war es nicht mehr möglich gewesen. Irgendwann hatte sich alles einfach auf einen Schlag geändert und so war es wie so oft, seit er hier angekommen war: Die Vernunft siegte.

Er bog nicht ab, sondern wählte den direkten Weg nach Hause.

Mit großen Schritten ging er in den Keller, zog bereits auf den Stufen das nasse Hemd einfach aus und warf es achtlos auf den Boden.
Sein Auge starrte die Puppe vor ihm an und normalerweise sorgte der Anblick des schon etwas malträtierten Gesichts seines Bruders eher für ein Grinsen, aber nicht heute.


“Wovor läufst du davon?”


Die Worte standen im Raum und ließen sich zumindest für den Augenblick nicht mehr wegdenken. Während seine Kiefermuskeln sich anspannten hob er schon den Arm und mit voller Wucht traf der erste Schlag den mit Sand gefüllten Körper der Puppe.

Der Zweite folgte sofort und dann war nichts mehr zu hören als das leise Knarren, wenn die Puppe zurück schwang und sein Atem.

Vor der Vergangenheit.
Was sonst?
Vor dem Schmerz?
Vor der Hölle?





Er war eine ganze Weile in der Dunkelheit gefangen, kein Gespür dafür, wie viel Zeit vergangen war, wie lange er bereits blutend auf dem Waldboden lag. Auch nicht dafür, dass Schreie laut wurden, von Händen, die nach ihm griffen und ihn anhoben.

Ohnmacht war oft eine Erlösung.
Sie hatte nur, anders als der Tod, die schlechte Angewohnheit, einfach aufzuhören. Und mit einem Schlag war dann alles wieder da. Alles.

Er stöhnte vor Schmerzen auf.
Die überraschten Gesichter um sich herum konnte er nicht sehen. Auch nicht wo er lag. Er nahm gar nichts wahr.


"Er lebt..."
"Meine Güte..."
"Sieht aus, als wär er in Blut gebadet!"


Es waren ein paar Stimmen die sich abwechselten und zumindest eine davon kam ihm vage bekannt vor. Leises Gemurmel drang an sein Ohr und nur langsam in seinen Geist. Wie eine Flut kehrten innerhalb von Sekunden die Erinnerungen in sein Bewusstsein zurück wie ein peitschender Windstoß. Sein Herz begann schnell zu schlagen, ein Schauder lief ihm über den Rücken, als er den schmerzenden Biss in seinem Fleisch spürte, ein glühendes Feuer, das sich durch seine Adern fraß und jede Faser seines Seins durchdrang. Er versuchte, sich aufzurichten, doch jeder Muskel in seinem Körper schien sich gegen ihn zu wehren.
Dann bäumte er sich auf und fing an zu schreien. Weder sein Körper noch sein Verstand waren noch fähig, die Schmerzen zu ertragen.
Es wurde irgendwann wieder dunkel.


Selbst zu dritt hatten sie kurz ziemliche Mühe, ihn ruhig zu halten, denn der Körper bäumte sich weiter unter dem blutigen Laken auf, als würde er sich gegen etwas wehren. Lediglich dem Blutverlust war es zu verdanken, dass sie ihn doch unter Kontrolle brachten, bevor er wieder in die nächste Ohnmacht glitt und sein Körper erschlaffte.

Die Männer, die ihn zum Heiler gebracht hatten, waren verschwunden, bevor man sie auch nur befragen konnte, was eigentlich geschehen war. Lediglich das Wort "Wolfsangriff" war gefallen, dann waren sie schon wieder auf dem Weg. Irgendjemand musste zurück und die Leichen ins Dorf bringen, bevor noch mehr wilde Tiere vom Blut und Fleisch angelockt wurden. Sie legten ihn also einfach nur ab. Ein blutiges Bündel von einem Mann und er hatte Glück, dass die Heilerin zuhause war.

Sie war im ersten Moment von einer Leiche ausgegangen, angesichts des Anblicks, aber der Brustkorb hatte sich bewegt, also hatte sie mit dem begonnen, was naheliegend war. Irgendwie die Blutung stillen, was beinahe unmöglich wurde, als der Kerl anfing, sich zu bewegen und zu wehren.
Die eine Seite des Gesichts war mit Blut und Dreck verschmiert, die andere Hälfte sah noch schlimmer aus. Dort wo einmal das Auge gewesen war, klaffte eine Wunde, der Augapfel nur noch als Masse zu erkennen. In dem Moment war ihr noch nicht klar, wer vor ihr lag, oder eher, es spielte keine Rolle. Ihre Instinkte setzen ein und sie begann mit ihrer Arbeit.

Den Rest der Nacht waren sie zu dritt damit beschäftigt sein Leben zu retten, während draussen Tumult ausbrach.
Mehrere Leichen, der Wirt kaum noch am Leben. Das halbe Dorf war auf den Beinen und die Männer mussten seinen Freund davon abhalten, den Heiler zu stürmen.
Als sie in den frühen Morgenstunden die blutigen Sachen auszog und sich die Arme säuberte, lag der Mann ruhig auf der Liege. Mohnsaft war teuer und sie hatte davon nicht viel, aber in diesem Fall hatte sie einige Tropfen benutzt, um der Wehr ein Ende zu setzen.
Das Auge war nicht mehr zu retten gewesen und sie hatte sich alle Mühe gegeben, dass der Rest den Kerl nicht komplett entstellen würde..
Während sie sich trocknete, starrte sie nachdenklich auf den erschlafften Körper unter dem Laken.
Bisher hatte sie die Leichen noch nicht gesehen, aber da der Wolf hier nur einmal zugebissen hatte, ging sie davon aus, dass bei den anderen Opfern einige Gliedmaßen fehlen würden.
Wolfsangriffe, oder auch jene von Bären, waren keine Seltenheit. Es kam auf der Jagd vor, dass man die Tiere störte. Doch meistens gingen solche Konfrontationen tödlich aus. Kratz und Bissspuren kannte sie, sie hatte viele gesehen und verarztet. Aber das hier?
Wahrscheinlich war der Wolf nicht hungrig gewesen, sondern hatte sich nur gegen die Eindringlinge in sein Revier gewehrt.
Der skeptische Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb dennoch und sie schüttelte den Kopf vor sich hin. Wie auch immer, der Wirt lebte.
Zumindest für den Moment.




Er hielt mit deutlich hörbaren Atemzüge einen Moment inne und starrte die Puppe an.
Alec hatte ihm erst viel später von dem Abend erzählt. Davon, wie er auf ihn gewartet hatte, wie er unruhig geworden war. Davon, dass er mit ein paar Männern losgezogen war, sie sich aufgeteilt hatten. Er war mit einigen anderen Kerlen in genau die andere Richtung gegangen. Nur dadurch war ihm der Anblick erspart geblieben. Auf der Rückkehr ins Dorf hatte er nur von Leichen gehört und war durchgedreht.
Erst viel später kam heraus, dass einer der Kerle ihm sogar ein blaues Auge verpassen musste, um ihn davon abzuhalten eine gewaltige Scheiße zu bauen und die Heilerin bei der Arbeit zu stören. Erst Monate später war er selbst soweit, ihn zu verstehen.
Er hätte nicht anders gehandelt.

Mit einer beinahe mechanischen Handbewegung wischt er sich den Schweiß von der Stirn und ließ die Arme wieder sinken.

Davor rannte er davon.
Er wollte nur endlich ankommen.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

"Die beste Art von Freundschaft ist die, die so stark ist,
dass sie sich anfühlt wie ein Bruderband,
das durch nichts zu zerreißen ist.

Wenn dein Bruder nicht bei dir sein kann, gibt es
manchmal Freunde, die wie Brüder sind –
sie halten dich fest, wenn du fällst,
und gehen mit dir durch die dunkelsten Zeiten.
Die stärkste Freundschaft ist die, die sich anfühlt,
als würde man mit einem Bruder die Welt erobern.
Freunde kommen und gehen,
aber Brüder sind für immer –
und wenn du beides in einer Person findest,
bist du wahrhaft gesegnet."




Seine schweren Schritte beschleunigten sich auf dem Weg zum Hafen. Er wich entgegenkommenden Wachen geschickt aus und am Ende war es sogar ein schneller Laufschritt, mit dem er auf das kleine Segelschiff zuhielt, das bereits vor Anker lag. Die Gestalt am Bug brauchte er nicht mal genauer anzusehen, um zu wissen, dass er stinksauer war. Seine ganze Haltung war genauso angespannt wie seine eigene.
“Hat man dir eigentlich komplett ins Hirn geschissen?!”, waren auch direkt die Worte, mit denen er begrüßt wurde.
Ein leises Knurren als Antwort war alles, denn er wusste genau wie Recht er mit diesen Worten hatte.
Gemeinsam lösten sie die Taue, jeder Griff saß und ein Blinder hätte erkannt, dass die beiden daran gewöhnt waren zusammen zu arbeiten. Während sie das kleine Schiff fahrbereit machten, hörte Alec nicht auf zu schimpfen. “Wozu die ganze Arbeit an deinem Keller? Hast du ne Ahnung, wie gefährlich das alles ist? Sag nicht, dass da ‘n Weib dahinter steckt?! Und jetzt kommst du auch noch kurz auf knapp? Bild dir nicht ein, dass ich das jetzt jedes Mal für dich mache. Das ist ‘ne beschissene Lösung.”


Er versuchte ruhig zu bleiben, aber er spürte bereits den Zorn hochlodern und zwang sich, ein paar Mal durchzuatmen. Ein Schnauben entwich ihm. Kein Lebenszeichen seit Wochen. Er hatte ja keine Ahnung wovon er sprach. Noch ein Atemnzug bevor er antwortete: “Ich weiß das, Alec. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, also halt die Klappe und hilf mir.”

Sein Freund starrte ihn an und er konnte direkt sehen, wie er genauso mit sich kämpfte, um zur Ruhe zu kommen. Aber dann ging er ihm zur Hand, schweigend zwar und er wusste, er hatte einiges wieder gut zu machen, aber gerade hatte er keine andere Wahl. Für einige Momente blieb er an der Reling stehen und blickte zurück auf die Lichter von Rahal.




Alec:


Es war still in der Taverne.
Seit der Nachricht, dass es Mychael erwischt hatte, war zu.
Nicht an die Nacht zu denken, war beinahe unmöglich. Auch wenn es nur einzelne Fetzen waren, aber die Leichen, die sie an mir vorbeigetragen hatten, die Nachricht, dass Mychael beim Heiler war, das alles war zu viel.

Seit einigen Jahren hatte ich meine Ausfälle gut im Griff, mein Jähzorn war zwar noch da, aber ich hatte gelernt, ihn im Zaum zu halten. Mich im Zaum zu halten.

Aber nicht an dem Abend.

Im Nachhinein ist es mir eher unangenehm, wie ich mich bei der Heilerin aufgeführt habe, aber am Ende war’s nur menschlich.
Das mein Leben sich so entwickeln würde, hätte ich ja selber nicht gedacht.Als Wirt zu enden hatte ich mir zwar nicht direkt vorgestellt, aber ich war lange genug auf dem Meer gewesen, um einige Monate oder vielleicht auch Jahre darauf zu verzichten. Immer unter den Fittichen meines Vaters, der seit Ewigkeiten der Schiffskoch auf der Seewolf.
Zumindest hatte er nie dran gezweifelt, dass ich den gleichen Weg einschlagen würde.
Aber dann kam Mychael an Bord.
Es kam eben immer auf die richtige Gesellschaft an, egal wo man war. Der feste Boden unter den Füßen hatte seine Vorteile. Die Arbeit hinter dem Tresen und in der Küche lag mir. Und vor allem war da noch die junge Tochter vom Bäcker.
Und das Gold war auch nicht zu verachten. In der kurzen Zeit habe ich genug in den Taschen, um ein gutes Leben zu führen. Wenn ich gewollt hätte, dann hätte ich jederzeit gehen können. Ich wollte aber nicht.
Wir hatten bis dahin schon einiges durchgemacht, ziemlich viel Gutes, was beinahe immer mit dem Konsum von Alkohol oder anderem Zeug zusammenhing, aber auch ziemlich viel Scheiße. Wenn man in seinem Leben jemanden trifft, der einem das eigene rettet, dann revanchiert man sich. Wir hatten uns irgendwann so oft gegenseitig das Leben gerettet, dass man am Ende nicht mehr zählte.
Jetzt war es einmal mehr an mir, seins zu retten, oder ihm zumindest beizustehen.


“Er hat’s überlebt.”


Das waren die Worte der Heilerin, als sie irgendwann nach draußen kam, wo ich noch immer flankiert von zwei Kerlen aus dem Dorf saß und wartete. Und trotz meines Ausrasters, durfte ich zu ihm. Er lag noch auf der schmalen Pritsche und rührte sie nicht, vermutlich aufgrund des Mittels, dass die Heilerin ihm verabreicht hatte. Sein Gesicht war vor lauter Bandagen kaum zu sehen und ich versuchte nicht auf seine zerschnittene und blutige Kleidung zu blicken, die noch in der Ecke lag.

Mit gedämpfter Stimme erklärte mir die Heilerin die Lage.
Sein Auge war unwiderruflich verloren, aber mit viel Geschick und Mühe hatte sie dafür gesorgt, dass der Anblick irgendwann lediglich von Narben geprägt sein würde und nicht von einer leeren Augenhöhle. Die andere Wunde würde mit der Zeit heilen und ihn weniger einschränken. Wahrscheinlich nur bei manchen Bewegungen und beim Wetterumschwung. Schön war sie nicht, aber auch hier hatte sie ihr Bestes getan. Jetzt hieß es abwarten.

Von diesem Moment an war es eine gefühlte Ewigkeit, die ich in dem kleinen Heilerzimmer verbrachte, in das man ihn bereits am nächsten Tag verlegt hatte. Das Licht der hereinfallenden Sonne war für sein verbliebenes Auge noch zu grell, weswegen wir die Fenster abgedunkelt hatten. Einige Tage dämmerte er nur vor sich hin, kam ab und an zu sich, wir zwangen ihn mehr oder weniger Flüssigkeit zu sich zu nehmen und ein paar Löffel Suppe, bevor er wieder in einen tiefen Schlaf fiel. Die Schmerzmittel, die er bekam, waren stark und ließen ihn ausruhen. Immer wieder kamen Fieberschübe, die nur langsam abflauen.

Irgendwann aber wurden seine Tage dann endlich klarer und obwohl er es bereits spürte, oder ahnte, wollte ich es sein, der ihm vom endgültigen Verlust seines Auges erzählte.
Sein verbliebenes Auge blickte mich an, während ich endlich die Worte aussprach, die ich mir zurechtgelegt hatte und ich konnte regelrecht sehen, wie ihm bewusst wurde, welche Folgen diese beschissene Nacht für ihn haben würde.
Das Entsetzen in seinem Blick, in seiner Mimik war kaum zu ertragen.
Mychael war noch nie sonderlich eitel gewesen, er war sich seines Aussehens bewusst, tat aber auch nicht sonderlich viel, um es noch zu verbessern. Er war immer zufrieden damit , wer er war. Aber ein Auge zu verlieren war eben mehr als nur eine reine Äußerlichkeit und eben in jenem Moment konnte man so deutlich erkennen, dass ihn dieser Verlust nicht nur körperlich zutiefst schmerzte, sondern auch tief in seiner Seele.
Er war noch nie ein Kerl gewesen, den man schnell zum Heulen brachte, aber ich konnte sehen, dass er in dem Augenblick am liebsten geheult hätte, wie ein kleines Kind. Die Träne in seinem Augenwinkel war noch eher zu ertragen als die erstickten Laute.
Ich konnte ihm die Verzweiflung nicht nehmen, ich konnte nur da sein und versuchen, ihn zu trösten.

Die Heilerin kam mehrmals täglich, um seine Wunden zu versorgen. Ihre Kräuter und Salben brachten etwas Linderung, doch das Fieber kehrte stets zurück, als wäre es ein ungebetener Gast, der sich nicht vertreiben ließ. Mychael konnte kaum schlafen, und wenn er es doch tat, plagten ihn schreckliche Albträume. Er brauchte jemanden an seiner Seite, auch wenn er mich mehr als einmal mit groben Worten hinauswerfen wollte. Sechs Wochen hatte ich ihm bei seinem Kampf zugesehen, miterlebt wie er immer wieder an der Schwelle zur Verzweiflung stand und versucht ihm Kraft zu geben. Dann blieb endlich das Fieber aus, seine Kräfte kehrten so weit zurück, dass er endlich heimkommen konnte.
Was es allerdings nicht unbedingt besser machte. Sein verdammter Jähzorn hätte mich aber dennoch beinahe in den Wahnsinn getrieben. Die Wut konnte ich allerdings ziemlich gut verstehen, also tat ich einfach das, was ich schon immer am Besten konnte.

Ich war für ihn da.

Auch wenn`s manchmal verflucht schwer war.
Offen gesagt konnte ich mit der Wut noch besser umgehen als mit den Tränen und noch schlimmer, irgendwann mit dem Schweigen.


Aber es musste ja irgendwann mal besser werden, oder nicht?!
Vermutlich hätte er sein Leben wieder normal aufnehmen können, wenn er endlich dazu bereit gewesen wäre, den Schritt zu gehen. Aber das ließ auf sich warten und die Rüstung, die er früher wie selbstverständlich getragen hatte, lag seit dem Unfall verborgen in den Tiefen seiner Truhe.
Aber er zog es vor sich weiterhin aus dem Leben zurückzuziehen.
So wirklich verstand ich es nicht.
Über dem fehlenden Auge trug er eine Augenklappe, wirklich entstellt war er nicht, im Gegenteil, die Weiber fanden ihn aufregender denn je. Sollte mich nicht stören, solange die Kleine vom Bäcker wusste, in welches Bett sie gehörte.
Erklären konnte er es selbst nicht wirklich. Meine Vermutung, dass er kränker war als er zugab, sprach ich nur einmal direkt aus. Wenn der "Kranke" die meiste Zeit wie das blühende Leben herum springt, fällt es auch schwer, so eine These aufrecht zu erhalten. Aber wenn dann doch die unruhigen Nächte und das Fieber kamen, sah die Sache anders aus. Danach hatte man es eher mit einer halben Leiche zu tun. Dennoch begann er einigermaßen damit zu leben. Es war erstaunlich, wie schnell seine anderen Sinn den Eingeschränkten ersetzt hatten.


Aber heute war alles anders. Heute würde sich das alles ändern.
Der Unfall lag nun schon ein halbes Jahr zurück und ich war sicher gewesen, er würde mit der Zeit wieder der Alte werden. Im oberen Stock war noch alles ruhig, aber irgendwie hatte ich ‘n gutes Gefühl.
Heut würd er runterkommen und wir würden aufmachen. Genauso wie früher.
Als ich in der Nacht damals von dem Angriff erfahren hatte, hatte ich nur noch funktioniert. Innerhalb von Sekunden hatte sich eine eiskalte Klaue um mein Herz gelegt, als die Panik aufkam, Mychael zu verlieren. Er war die einzige, wahre Familie, die ich hatte und der Gedanke, ohne meinen besten Freund, der wie ein Bruder für mich war, weiterzumachen, war einfach grauenhaft.
Jetzt sollte Roderik endlich kommen und ich war sicher, gegen die geballte Kraft von uns beiden würde er sich nicht wehren können.
Mychael wusste das.

Und dann hörte ich die Schritte auf der Treppe und begann breit zu lächeln.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

“Schuld vergeht nicht.
Sie verändert nur ihre Gestalt.
Sie ist wie ein Schatten, je länger du dich ihr entziehst, desto größer wird sie.
Manchmal bleibt einem nur das Weitergehen -
mit dem, was man nicht wiedergutmachen kann.
Und dabei ist die Vergebung ein Geschenk,
das schwerer wiegt, als jede Schuld.
Und dennoch gehen manche Menschen nicht,
selbst wenn man sie fort stößt.
Sie erkenne einen auch, wenn man sich verliert.
Sie bleiben, nicht weil sie müssen,
sondern weil sie wollen.”




Der Wind trug den salzigen Geruch des Meeres über die Dächer Rahals. Seit einigen Tagen hing die Luft schwer und drückend in den Gassen, doch die Hitze kümmerte Mychael wenig. Jetzt, da die Sonne versunken war, veränderten sich Licht und Luft – eine kühle Brise strich durchs Fenster, und auch das ließ ihn gleichgültig. Er saß in seinem Atelier, der Glimmstängel zwischen seinen Fingern war halb heruntergebrannt, der Rauch kräuselte sich träge an der unbehandelten Decke aus alten Holzbalken entlang. Seine Werkbank war unberührt. Ein Steinblock wartete dort auf den ersten Hieb, aber die Meißel lagen unangerührt im Schatten.

Er hätte arbeiten können. Vielleicht sogar sollen. Aber etwas hielt ihn zurück. Sicher keine Angst – eher ein zäher Nebel aus Ungewissheit, Unzufriedenheit und Rastlosigkeit, der ihn umgab. Er wanderte unruhig im Raum umher und blieb an einem der großen Fenster stehen, die ihm einen Ausblick über die Dächer von Rahal boten.
Unten am Markt gingen die Menschen weiter ihrem Alltag nach. Händler räumten eilig ihre Stände zusammen, Kinder rannten durch die Gassen, eine Frau schimpfte auf ihren Esel. Das Leben in Rahal bewegte sich weiter – selbst wenn ein Teil von ihm auf der Stelle trat.

Sein Auge ging zurück zum Tisch, striff den Steinblock und blieb auf dem geöffneten Pergament liegen. Er fixierte den Brief eine Weile schweigend, als würde er versuchen, die Worte darin aus seinem Gedächtnis zu tilgen, als könnte das bloße Ansehen ihn von der Last befreien, die darin verborgen lag.
Aber genauso wusste er, dass er diesen Brief nicht beiseite schieben konnte.
Er war früh am Morgen gekommen, noch bevor das erste Licht durch die Scheiben fiel. Die Tinte auf dem Umschlag war leicht verwischt – vielleicht vom Regen, vielleicht von der Gischt, vielleicht von einer Hand, die gezögert hatte, die Worte niederzuschreiben.
Mychael erkannte die Schrift sofort. Je weniger Worte ein Blatt enthielt, desto schwerer schienen sie oft zu wiegen – und diese hier taten es in jeder Zeile.
„Etwas stimmt nicht mit Alec.“
Viel mehr stand da nicht. Nicht direkt. Nur Andeutungen. Er sei unruhig. Reizbar. Die Schmerzen stärker als sonst. Aber nicht bereit, darüber zu sprechen. Schon gar nicht mit Mychael.
„Bitte schreib ihm nicht. Er wird nur wütend. Er weiß nicht einmal von dem Brief.“

Die Zeilen hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt wie ein flüchtiger Funke, der ein längst verlöschtes Feuer neu entfacht.
Die Werkstatt war still.
Kein Hämmern, kein Zischen.
Nur sein Atem.
Und der Druck, der sich langsam in seiner Brust aufbaute.

Es war so lange her. Und trotzdem reichte ein kurzer Satz, ein Hinweis, und alles war wieder da. Die Nacht. Der Moment, der alles verändert hatte. Er erinnerte sich nicht an jedes Detail – nur an das Gefühl.
Die Angst.
Die Kontrolle, die ihm entglitten war.

Die Schuld kam mit voller Wucht. Erinnerungen, die ihn noch immer im Schlaf verfolgten und ihm Albträume bescherten. Sobald er die Augen schloss, konnte er den metallenen Geruch riechen, der damals den Raum gefüllt hatte.
Blut. Viel zu viel davon.
Ein Funke, der damals so viel verändert hatte, zumindest was ihn betraf.
Alec hatte damals kein Wort des Vorwurfs verloren. Er hatte einfach weitergemacht. Das tat er immer.

Mychael selbst war da anders. Stillstand war ihm vertraut geworden. Er hatte Jahre gebraucht, um sich ein neues Leben aufzubauen, das ihn nicht auffraß. Die Taverne, die Nächte voller Gespräche oder Schweigen, voller Arbeit oder Trinken. Voller Zweck. Und dann war es vorbei. Einfach so.
Aber egal was er verloren hatte. Alec war geblieben. Seit dem Verlust seines Armes bewegte er sich allerdings langsamer und bedächtiger. Den Kampf hatte er nie aufgegeben. Nie das Dasein als Freund.

Und Mychael hatte weitergelebt.
Wie immer.
Zwischen Stein und Stahl, zwischen Schuld und Schweigen.

Und selbst wenn er am liebsten vergessen wollte, bestand seine Strafe wohl weiterhin darin, sich zu erinnern. Zu akzeptieren. Anzunehmen, wer er war.
Und jetzt sollte er fernbleiben? Keine Zeile, kein Schritt.
Nur warten. Schweigen.

Mychael fuhr sich übers Gesicht, als wolle er die Gedanken vertreiben, die in seinem Kopf kreisten. Irgendetwas war dort draußen, das Alec zusetzte. Er konnte es spüren, so wie man ein Gewitter riecht, bevor es kommt. Und vielleicht... vielleicht war das der wahre Grund, warum sie ihn bat, fernzubleiben.
Weil sie beide wussten, was seine Nähe bedeuten konnte.
Er schob den Brief vorsichtig in eine Schublade, schloss sie leise und setzte sich an die Werkbank. Die Hände fanden das Werkzeug, die Bewegung lenkte ab. Doch in seinen Gedanken war er längst unterwegs. Nicht körperlich – noch nicht. Aber jedes Klopfen des Hammers war eine Frage, die keine Antwort finden wollte:
Konnte er wirklich nichts tun?





Die Nacht war gekommen – und nicht gewichen. Er hatte sich gewälzt, gezählt, verflucht. Kein Schlaf fand ihn. Die Hand tastete dieses Mal nur ins Leere. Nur das Schaben alter Gedanken, das leise Mahnen eines schlechten Gewissens, das sich mit jeder Stunde hartnäckiger in ihm fest fraß. Draußen war es still, wie nur diese Stunde zwischen Nacht und Morgen still sein konnte. Eine Stille, die nicht beruhigte, sondern lauerte.

Er hätte schweigen sollen. Warten. Vertrauen. Doch der Gedanke, dass sein Freund litt – vielleicht mehr als er zugab, vielleicht näher am Rand als alle es wahrhaben wollten – ließ ihn nicht los.
Er hatte ihn nie aufgegeben, nicht einmal damals. Nicht, als er allen Grund dazu gehabt hätte.
Und da sah er ihn wieder vor sich, diesen stummen Blick voller Schmerz, in dem dennoch kein Hass lag. Nur Trotz. Nur: „Steh wieder auf, verdammt.“

Mychael stand auf.

Er schrieb keine langen Zeilen. Nur ein paar Worte, hastig und mit rauher Hand auf ein Stück Papier gekritzelt, das eigentlich als Skizze für eine Metallverzierung gedacht gewesen war:

„Ich muss etwas klären. Bin auf dem nächsten Schiff. Pass auf dich auf.“

Mehr nicht.
Keine Zeit für Erklärungen, keine Zeit für Abschiede.

Die Tür fiel leise ins Schloss. Der Morgenhimmel war noch grau, die Luft feucht vom Tau. Über dem Hafen hing ein fahler Dunst, als wüsste auch er nicht recht, ob es ein neuer Tag werden wollte.
Mychael zog den Mantel enger um sich, das Leder schon alt, aber vertraut. Keine Tasche, kein Werkzeug – nur ein kleines Bündel über der Schulter. Es war nicht geplant. Nicht vorbereitet. Aber was jemals in seinem Leben war das schon gewesen?
Die Planken unter seinen Stiefeln ächzten, als er das Hafengelände betrat. Der Kutter, der zum Festland übersetzen sollte, war fast fertig beladen. Niemand stellte Fragen, als er an Bord trat. Zu dieser Stunde waren Männer wie er keine Seltenheit – schweigsam, mit dem Blick von jemandem, der nicht zum Vergnügen reist.
Er stellte sich an die Reling, während die Leinen gelöst wurden.
Noch einmal sah er zurück – auf Rahal, das langsam im Nebel versank. Auf das Haus, das nicht mehr zu sehen war. Auf die Nachricht, die vielleicht erst viel später gelesen werden würde.
Dann wandte er sich ab.





Alec öffnete die Tür, noch bevor Mychael klopfen konnte. Als hätte er gewusst, was ihn erwartet.
Kein Wort.
Kein Lächeln.
Nur dieses starre Gesicht, das der Schmied in- und auswendig kannte – das der Mann trug, wenn er enttäuscht, wütend oder verletzt war, aber nicht zeigen wollte, welche dieser drei Emotionen ihn gerade auffraß.
„Verdammt nochmal was tust du hier,“ sagte Alec schließlich.
„Du hast mich nicht eingeladen.“ Mychaels Stimme klang rauer als gewöhnlich und die Sorge in seinem Gesicht konnte er nicht wirklich verbergen. Alec zog die Braue hoch und die Antwort kam deutlich trocken. „Wie früher. Immer dann, wenn's brennt.“
Dennoch trat er zur Seite.
Mychael ging wortlos an ihm vorbei, begegnete dem Blick von Alecs Frau, die im Durchgang zur Küche stand, die Lippen fest aufeinander gepresst und die Hände in einem Tuch verkrampft. Dann gingen die Augen zu ihrem Mann. „Ich hab ihn nicht geholt“, sagte sie nur.
Mychael musste Alec nicht einmal ansehen, um einfach zu nicken..
„Er weiß das. Er kennt dich. Er kennt mich. Und ich bin trotzdem hier.“


Sie saßen am Tisch in der kleinen Stube, deren Fensterläden halb geschlossen waren. Draußen zogen schwere Wolken über das Land, und der Geruch von Regen und nassem Holz drang durch die Ritzen. Auf dem Tisch standen zwei Gläser, goldbraune Flüssigkeit, unangerührt, eine Seltenheit für beide. Alec hatte die Schultern leicht vorgebeugt, den Blick auf den Boden gerichtet. Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm, aber schwer. Als würde jeder Atemzug etwas anheben, das schon zu lange nicht bewegt worden war.
„Es ist nachts am schlimmsten“, sagte Alec schließlich leise. „Ich wache auf und weiß nicht warum. Kein Laut, kein Licht. Und doch ist da… etwas.“
Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Manchmal meine ich, Schritte zu hören. Geräusche, ganz fern. Nicht laut – eher, als würde mein Körper es hören, nicht mein Ohr.“

Mychael sagte nichts. Nur ein langsames Nicken, kaum sichtbar.

Alec sprach weiter, tiefer, wie jemand, der ein Geheimnis ablegt, das zu lange auf ihm lag.
„Wenn der Wind aus dem Osten kommt, wird es schlimmer. Dann... zieht es im Arm. Also in dem, der nicht mehr da ist.“
Er hob den Stumpf seines linken Arms leicht an, schüttelte fast entschuldigend den Kopf.
“Ich kenne den Phantomschmerz. Dachte ich. Ich weiß es nicht. Es brennt, manchmal bis in den Rücken.“
Seine Stimme wurde brüchig, aber er sprach weiter.
„Ich hab gedacht, das geht vorbei. Aber es tut es nicht. Es gab ein paar Tote, sie sagen, es ist eine Bestie, die Tiere und Menschen reisst. Bisher hat keiner sie erwischt.“

Mychael sah ihn an.
Lang.
Ruhig.
Sein einziges Auge wirkte dunkler als sonst, wie ein tiefer See, in den ein schwerer Stein gefallen war.
„Und du willst mich trotzdem nicht hier?“ fragte er schließlich.
Alec sah ihn an, und für einen Moment war da ein Glimmen in seinem Blick – Wut, Stolz, vielleicht auch Angst.
„Ich will nicht, dass du’s schlimmer machst“, sagte er ehrlich. „Aber ich will auch nicht, dass ich irgendwen verliere, nur weil ich zu stolz bin.“

Dann wurde es wieder still.

Mychael lehnte sich langsam zurück, ließ den Blick über die hölzernen Wände schweifen, als suchte er darin nach etwas, das ihn retten könnte – vor der Entscheidung, vor der Erinnerung. Doch da war nichts. Nur das Gewicht der Vergangenheit. Und die unausgesprochene Schuld, die nie ganz verstummt war.

„Wir jagen sie“, sagte er schließlich.
Alec runzelte die Stirn. „Du willst jagen?“
Sein Tonfall war weder spöttisch noch ablehnend. Eher vorsichtig. Fast ungläubig. Er kannte die Truhe, er wusste wo die Rüstung lag, wo seine Waffe lag und er kannte den Schwur.

Mychael sah ihn an, die Adern an den Schläfen leicht hervortretend, wie jedes Mal, wenn er einen Gedanken in sich halten musste, der zu viel war, um ihn auszusprechen.

„Es muss aufhören.“

Ein Satz. Einfach. Aber er klang wie ein Urteil.
Nicht nur über das Wesen im Wald.
Sondern über alles – das Vergangene, das Ungesagte, das Unerlöste.

Alec schwieg.
Dann nickte er.
Sie würden jagen.
Nicht, weil sie mussten.
Sondern weil es zwischen ihnen nie anders gewesen war.





Sie waren bereits in der Dämmerung aufgebrochen und dank dem Regen ging noch der Nebel zwischen den Bäumen wie ein altes Spinnennetz, schwer und schweigend. Die Falle war aufgestellt – ein altes System aus umgestürztem Astwerk, mit einem schweren Gitter, das Mychael einst für Wildschweine gebaut hatte. Alec stellte sich in die Mitte der Lichtung. Er roch nach Blut, nach Angst, nach Schwäche – alles, was eine Kreatur wittern würde. Mychael lag im Schatten eines umgestürzten Stammes, die Hand an der kleinen Axt, sein einziges Auge wachsam. Er trug sie selten – das Gewicht war ihm ungewohnt, die Reichweite fremd. Aber sie war aus echtem Stahl. Und sie reichte. Immerhin kein Schwert.
Der Wald war still.
Zu still.
Kein Rascheln im Unterholz, kein entferntes Zirpen.
Selbst der Wind hatte sich gelegt, als hielte die Welt den Atem an.
Mychael spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Sein Atem ging ruhig – aber nicht, weil er entspannt war. Sondern weil er sich zwang, ihn zu zähmen.

Dann – ein Knacken.

Nicht von einem Reh oder einem Ast im Wind.
Es war… tiefer. Schwerer.
Nähe.

Er erstarrte.

In diesem Moment – nur ein einziger Herzschlag lang – war er nicht mehr hier.
Nicht mehr im kalten, feuchten Wald an Alecs Seite.

Er war zurück.
In jener Nacht.
Der Geruch von Blut und Erde. Die Schreie. Sein eigener Atem, als er losrennen. Das Geräusch von brechenden Knochen.
Mychael blinzelte.
Einmal.
Hart.

Sein Blick flackerte zur Seite, suchte die Schatten.
Ein Tropfen Schweiß rann ihm über die Schläfe, obwohl die Luft kühl war. „Nicht jetzt“, murmelte er kaum hörbar.
Seine Finger umklammerten den Griff der Axt fester.
Die Erinnerung brannte in ihm – wie ein Stachel, tief unter der Haut.
Aber er durfte sich nicht verlieren.
Nicht wieder.
Er zwang sich, die Gedanken zu ordnen, sie in die hinterste Kammer seines Verstandes zu sperren, dort, wo sie seit Jahren wohnten.
Jetzt war nicht die Zeit.
Nicht für Schuld.
Nicht für Furcht.
Jetzt war Zeit zu handeln.
Er atmete durch die Nase ein, zählte langsam bis drei.

Das Knacken war verklungen – aber die Stille war geblieben.
Eine Stille, die mehr sagte als jeder Laut.
Er war bereit.
Er war nicht mehr der Mann, der einst blind durch die Nacht gerannt war.
Er hatte verloren.
Er hatte getötet.
Er hatte überlebt.

Jetzt würde er jagen.

Dann – ein Knacken.
Kein wirklicher Tierlaut.
Etwas anderes. Tiefer. Näher.
Mychael spannte sich.
Alec atmete flach.
Etwas sprang aus dem Dickicht.
Mychael sah zuerst die Augen – gelblich, voller Wut und Hunger. Dann die Krallen. Und dann war da nur noch Bewegung.

Die Falle schnappte zu spät.

Das Wesen war schneller als erwartet.

Alec wich aus, ließ das Kurzschwert kreisen. Ein Hieb traf die Kreatur an der Schulter, ließ sie aufbrüllen – doch sie schlug zurück. Mychael sprang vor, parierte mit dem Schaft der Axt, wich zurück. Ein zweiter Schlag, ein Hieb – die Axt verfehlte den Hals, erwischte nur Fleisch. Blut spritzte.
„Rück zurück!“ rief Alec, aber Mychael blieb.
Die Kreatur wandte sich ihm zu, roch ihn – spürte etwas in ihm. Ein Verwandter oder ein Feind?

Mychael knurrte. Ein menschlicher Laut. Doch etwas darin vibrierte – fremd.
Er sprang vor, riss die Axt hoch, ließ sie fallen – direkt in den Nacken der Bestie. Der Schlag war nicht schön, nicht elegant. Aber er war tödlich.
Das Wesen brach zusammen.
Noch ein letzter Laut – dann Stille.
Sie standen nebeneinander. Mychael atmete schwer. Alec rieb sich mit der verbliebenen Hand über das Gesicht.
„Noch immer so schnell“, sagte er schließlich.
Mychael zuckte die Schultern.
„Du auch. Für einen Einarmigen.“
Alec grinste schief. Dann wurde sein Blick ernster. „War’s das wert? Dass du gekommen bist?“
Mychael sah ihn an. „Du bist nicht gestorben. Heute Nacht wird auch sonst niemand sterben. Denke mal wir haben’s erledigt.“
Er deutete auf die Leiche, griff nach seinem Anzünder.
„Also aye.“

Wenig später brannte es auf der Lichtung.
Sie brauchten keine Umarmung. Kein Danke.
Nur ein stilles Nicken, als sie sich verabschiedeten.
Ein Bündnis, älter als Groll und tiefer als Schuld.





Er hatte noch genügend Zeit, nach Hause zu kommen. Dachte er.

Der Wind hatte sich gedreht, noch bevor das Segel gesetzt war. Mychael hatte es gespürt – dieses leise Ziehen unter der Haut, das ihm verriet, dass etwas kommen würde. Etwas, das er nicht würde kontrollieren können. Nicht wie sonst. Nicht mit eiserner Disziplin, nicht mit kaltem Wasser, nicht mit den Riten, die er sich selbst. Aber noch hatte er genügend Zeit.

Doch das Meer hatte andere Pläne.

In der zweiten Nacht zog ein Sturm auf. Kein normales Unwetter, sondern etwas Rasendes. Die See wurde schwarz, das Schiff tanzte wie ein Blatt im Wind. Der Kapitän, ein stummer, wettergegerbter Mann, verschwand über Bord. Mychael kämpfte sich mit zwei Matrosen auf ein Rettungsboot. Dann kam die Dunkelheit.
Sie strandeten auf einer Insel, klein, aber immerhin gab es Wasser. Der eine Matrose war verwundet, der andere hatte es nicht mal mehr aus dem Boot geschafft. Mychael hielt durch, nicht wegen Hoffnung, sondern aus Trotz. Er kannte die See und wenn sie nicht zu weit abgetrieben waren, dann würde bald ein Schiff kreuzen.
Es gab Wasser.
Ein Vorteil.
Einige Tage hielt er gut durch, versuchte nicht zu sehr an Rahal zu denken, an das was er dort zurückgelassen hatte. Doch das Ziehen unter der Haut wurde stärker.

Und in einer Nacht, als der Himmel hell flackerte und die Bäume flüsterten, verlor er sich.

Als der Morgen graute, blieb der Himmel dunkel. An seinem Arm klaffte eine Wunde, die er notdürftig verband. Der verwundete Matrose war verschwunden und er lag einfach da und wartete, dass die Sonne kam. Auf den nächsten Tag. Auf die nächste Nacht.

Nach sechs Tagen fanden sie ihn. Ein anderes Schiff, lediglich zu Anker gelassen um die Wasservorräte aufzufüllen. Sie stellten keine Fragen, und er gab keine Antworten. Er zahlte in den letzten Münzen Silber aus seinem Stiefel für die Fahrt und das Schweigen.


Zurück in Rahal war nichts anders. Die Gassen rochen wie immer, das Licht fiel schief auf den Markt, und die Menschen lachten, als sei nie etwas geschehen.
Mychael kehrte nicht zurück. Nicht wirklich. Nicht ganz. Aber als er Rahal durchquert hatte, stand er wieder in seinem Haus. Und er würde wieder in seiner Werkstatt stehen. Dann würde er die Werkzeuge nehmen und den Steinblock bearbeiten, so als könnte er sich dadurch selbst neu formen.

So wie immer.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

"Manche Erinnerungen schlafen nicht.
Sie liegen still – bis ein einziges Wort sie weckt.
Wie kleine Schätze, Splitter die kaum glänzen,
an denen man sich aber schneidet,
wenn man sie berührt.
Und manchmal ist es kein Schritt nach vorn,
der uns weiterbringt, sondern einer zurück –
dorthin, wo etwas offen geblieben ist.
Es ist leicht sich einzurichten.
Im Leben, in Gewohnheiten, im Schweigen.
Aber wenn es nachts zu laut wird in einem selbst,
dann ist es Zeit hinzusehen.
Zu sehen, was man übergangen hat,
was man ignoriert, was man nur toleriert.
Wer nicht bereit ist,
alte Türen noch einmal zu öffnen,
wird nie wissen, was wirklich dahinter liegt."





Kaum hatte sich die Tür hinter dem zukünftigen Ehepaar geschlossen, sank er wieder auf den Hocker und griff erst einmal nach dem Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, nahm einen tiefen Schluck und direkt noch einen hinterher.
Leider hatte er ihr schon vor einer Weile zugesagt, den Schmuck zu fertigen und wenn er ehrlich war, hätte er damit rechnen müssen, dass von ihr ein Auftrag kam, der eben nicht gewöhnlich war.
Immerhin war sie eine seiner Kundinnen, die wusste, was ein Versprechen von ihm wert war – und was ein Werkstück bedeutete, das er mit voller Aufmerksamkeit fertigte. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass nur zwei Worte eine Schleuse öffnen würden.

Er starrte eine Weile auf die Lichtreflexionen des Buntglases in der Werkstatt.

Rosa Saphire.

Als Feinschmied wusste er, dass es Vorkommen gab – irgendwo tief in den Ausläufern eines trockenen Wüstengebirges, andere verborgen unter dem Blätterdach eines Dschungels, in dem die Luft so schwer war, dass jeder Atemzug brannte. Orte, die ihn weder reizten, noch hatte er Lust auf die weite Anreise. Selbst wenn sie ihm den Ausfall bezahlen würde.

Allerdings hatten die beiden Worte eine Erinnerung in ihm geweckt, die er zwar nicht vergessen, aber doch ziemlich tief vergraben hatte. Eine Erinnerung an einen Ort aus seiner Kindheit, an zwei kleine Steinsplitter, die immer noch in seinem Besitz waren und die er damals mit dreckigen Fingern ausgegraben hatte, ohne jegliches Werkzeug.

Rosa Saphire.
Morgenglut.

So hatte man sie damals genannt, weil sie genauso schimmerten wie der erste rosafarbene Himmel an einem klaren Morgen.
Aber woher sie wirklich kamen, wusste damals niemand so wirklich. Und selbst sein Meister hatte damals nur einmal einen gesehen. Grund mehr der Legende, die sich darum rankten, keinen Glauben zu schenken und schon gar nicht, das Leben zu riskieren, um zu überprüfen, ob etwas Wahres daran war.

Er schob das leere Glas von sich, ließ die Fingerspitzen über das Holz der Werkbank gleiten und blieb an einer Kerbe hängen, die er vor nicht allzu langer Zeit selbst dort hinein geschlagen hatte – aus Wut, aus Frust, aus einem Moment, an den er nicht mehr zurückdenken wollte.
Und doch war es genau das, was ihn nun überkam.

Glasklare Erinnerungen.

An Klippen.
An Salzluft.

An den Wind, der durch verfallene Steine zog wie durch ein altes Grabmal.
Die wenigen Reste der alten Burg, längst zu einem zerborstenen Zahn auf einer Klippe verkommen, über dem sich Möwen sammelten und Sturmwolken.
Die Legenden sagten, dort hätte einst ein König gelebt, dessen Stimme wie Eisen geklungen und dessen Frau mit Ranken in ihrem Haar durch die Gänge geschwebt sei. Sie erzählte von Wesen mit seltsamen Namen, von tiefen Tunneln und von großen unterirdischen Welten.
Die meisten glaubten, dass dort nie mehr zu finden gewesen war als Steine, Schatten, eingefallene Tunnel und gebrochene Mauern.

Aber das stimmte nicht.

Die Tunnel waren geblieben.
Nicht alle – viele waren eingestürzt oder vom Meer verschlungen worden, andere mit Absicht versiegelt.

Doch ein Zugang war geblieben.
Ein einziger.

Mychael hatte ihn als Junge gefunden, auf einem seiner Streifzüge, fernab der Pfade, die seine Mutter für sicher gehalten hatte.
Einmal zu oft war er herumgeklettert, einmal zu oft hatte er nicht aufgepasst und war abgerutscht. Sein Leben rettete damals ein Felsvorsprung, bewachsen mit Gestrüpp, auf dem sein Fall hart beendet wurde. Nicht mehr als einen kleinen Schnitt am Ellenbogen, die Narbe war als eine der wenigen noch heute leicht zu erkennen, hatte er davon getragen. Nachdem der Schreck sich gelegt hatte und er sich bereits an den Aufstieg machen wollte, damit seine Mutter keinen Herzinfarkt bekäme, zog ihn etwas näher an den Felsen heran. Eine Felsspalte, kaum sichtbar hinter einem Busch aus schwarzdornigem Gestrüpp, kaum breit genug für einen schmalen Körper.

Damals war er hinabgestiegen – ohne Licht, ohne Ziel, mit nichts als Neugier und dem Bedürfnis, einem Ort zu entkommen, der ihm zu eng geworden war, auf der Suche nach Abenteuern wie jene, die sein Bruder erlebte und die ihm verwehrt blieben.

Und unten war es still gewesen.
So still, dass er glaubte, das Meer selbst über sich atmen zu hören.

Er war immer wieder dorthin zurückgekehrt. Wochenlang, monatelang. Und er hatte Dinge gesehen, die er nie jemandem erzählt hatte.

Felswände, die im Dunkeln glühten und schimmerten.
Wasser, das nicht kalt war.
Bilder in die Felsen geritzt, die Geschichten erzählten, mit denen er wenig anfangen konnte.
Aus der Ferne Wesen, die ihm vorher nie und danach ebenso wenig begegnet waren.
Schatten, die sich bewegten, obwohl keine Quelle Licht warf.
Manche wichen ihm aus, andere wirkten, als würden sie auf etwas warten – nicht auf ihn, sondern auf die Rückkehr von etwas Altem, etwas, das lange geschlafen hatte.
Manchmal hörte er Stimmen, flüsternd, kaum verständlich, als kämen sie durch Stein hindurch, durch Zeit hindurch.
Und einmal glaubte er, seinen eigenen Namen vernommen zu haben.

Nicht gerufen.
Nicht gebeten.
Nur genannt.

Als würde jemand dort unten wissen, dass er da war – und dass er wiederkommen würde.

Und dann – ganz tief unten, dort, wo die Wände rosa schimmerten – ein Licht, das sich in einem winzigen, unförmigen Stein gebrochen hatte wie in einem Splitter Morgenrot.

Morgenglut.

Dort unten, zwischen dem porösen Gestein, lag der Ursprung jener Steine – rosa Saphire, so hell, so durchscheinend, dass sie schimmerten wie das erste Licht eines Sommertages.
Die besten Steine kamen nicht aus dem Handel, sondern aus den tiefsten Schächten, dort, wo das Gestein selbst zu atmen schien und der Nebel selbst im Inneren nicht wich.
Wenn man Glück hatte, fand man sie zwischen Rissen und Felsadern, fast als hätte das Gestein selbst sie hervorgebracht wie eine Erinnerung an etwas längst Vergangenes. Wenn man Pech hatte, stürzte man ab oder begegnete etwas, das dort unten nicht ruhte.

Es war ihm nie gelungen, mehr als zwei kleine Steine zu bergen. Einer davon lag bis heute in einem Beutel ganz hinten in seiner Werkstattschublade, halb vergessen, doch nie weggegeben.
Der andere war vor Jahren verkauft worden – ein Preis zu einer Zeit, als weder er noch Alec eine Wahl gehabt hatten.

Als Kind hatten ihn die Steine nicht wirklich interessiert, er hatte die Splitter nur als Trophäen eingesteckt, denn schon damals hatte er allerlei Tand und Zeug gesammelt und aufbewahrt. Jetzt interessierten sie ihn allerdings umso mehr.
Er wusste, worauf er sich einließ.
Nun also zurück.
Zurück in seine Heimat.
Zu den Klippen.
Zu den alten Wegen, die keiner mehr betrat.
Und in die Tiefe, in die kein Licht mehr fiel.
Nicht wegen eines Auftrags.
Nicht wegen der Bezahlung – auch wenn dabei eine verfluchte Menge an Gold herausspringen würde, vor allem wenn er sich die Gefahrenzulage, wie er es gerne nennt, bezahlen ließ.

Nein.

Seit sie das Wort ausgesprochen hatte – rosa Saphire – waren die Erinnerungen zurück. So klar wie nie zuvor. Und es fiel ihm schwer, an etwas anderes zu denken.
Es war, als hätte der Name der Steine etwas in ihm wachgerufen, das nie ganz geschlafen hatte.
Seit jenem einen Sommer, in dem er mit zerschundenen Knien und blutigen Händen immer wieder in den Klippen verschwand – getrieben von einer Neugier, die mehr war als bloß kindliches Entdecken.
Damals war es das Verbotene gewesen, das ihn angezogen hatte.

Heute war es... schwer zu sagen.

Eine Mischung aus Faszination, Schuld und etwas, das sich wie ein stummes Versprechen anfühlte.
Etwas dort unten hatte ihn nicht vergessen
Und er hatte es auch nicht vergessen.
Vielleicht war das hier seine Ausrede.
Ein Auftrag, ja.
Ein gut bezahlter sogar.
Aber in Wahrheit war er längst entschlossen, noch bevor sie ihn überhaupt gefragt hatte.
Jetzt, wo der Gedanke ausgesprochen war, gab es kein Zurück mehr.

Die Morgenglut wartete.

Und er war dumm genug, ihr noch einmal entgegenzutreten.

Er richtete sich langsam auf, warf noch einen letzten Blick auf das Buntglas, in dem das Abendlicht jetzt fast schon rosig schimmerte. Der Himmel über Düstersee konnte manchmal aussehen wie ein Stein aus Morgenglut.
Aber das, was er suchte, lag tiefer.




Die Vorbereitung:

Er nahm sich nur einen halben Tag.
In dieser Zeit schloss er die Werkstatt, verriegelte die Tür, als ginge er nur zum Markt, und hinterließ einen kurzen, verschlüsselten Hinweis für Roderik – für den Fall der Fälle.
Für alle anderen war er „auf einem Auftrag fürs Handelshaus“.
Nicht gelogen.
Nur nicht die ganze Wahrheit.
Er packte mit Bedacht. Reiste mit leichtem Gepäck, wie immer, wenn er wusste, dass es mehr auf Beweglichkeit ankam als auf Bequemlichkeit.
Werkzeuge, nicht zum Schmieden, sondern zum Lockern von Gestein, zum Hebeln, Schaben, Spalten.
Öl für die Lampe, deren flacher Schirm ihm genug Licht geben würde, ohne ihn im Dunkeln zu blenden. Zwei Messer, scharf und funktional.
Ein drittes, älter als seine Werkstatt, fast vergessen – bis jetzt. Die Klinge war nicht besonders gut, aber sie trug Geschichte.
Er griff danach, wog es einen Moment in der Hand, dann legte er es sorgfältig zu den anderen Dingen.
Sein Blick streifte kurz die Kiste im Keller. Die mit den Riemen, den Eisenbeschlägen und der gebundenen Vergangenheit.
Nicht diesmal.
Aus einem verborgenen Fach in der Wand nahm er einen schmalen Lederbeutel mit blassgrünem Pulver. Bitter im Geschmack, aber gut gegen Müdigkeit.
Sollte er länger unten bleiben müssen, würde er wach bleiben wollen.
Ein weiterer Beutel mit Salben, ein Tuch, das nach Kräutern roch.
Mehr nahm er nicht mit.

Er schloss die Tür zum Lager, ohne die Kiste noch einmal anzusehen.

Das Schiff wartete nicht.




Heimat:

Er mied das Dorf in dem er aufgewachsen war. Das Haus seiner Familie ebenso..
Nicht nur, weil es schneller ging, die Küstenstraße entlangzuziehen, sondern weil er genau wusste, dass ein einziger Schritt über den Platz, ein einziger Blick seiner Mutter, ihn Stunden kosten würde.
Oder Tage. Vermutlich eher Tage. Zeit, die er nicht hatte und die er nicht opfern wollte. Jeder Moment war kostbar und er wollte ihn dort unten verbringen.
Er hatte keine Antworten.
Oder besser gesagt: keine, die man ihm abnehmen würde.
Und er wollte keine Fragen.

Die Klippen lagen still wie eh und je. Der Wind hatte sich kaum verändert, salzig, feucht, mit dem Hauch der Tiefe.
Nur die Wege waren überwuchert, der Hang abgerutscht, das alte Geröll trügerisch glatt.
Er folgte seinen Füßen, nicht dem Verstand.
Der Zugang war nie wirklich ein Zugang gewesen.
Nicht damals und heute noch weniger.
Nur ein schmaler Spalt in einer Felswand, kaum zu erkennen zwischen Farn und Sträuchern, die sich über die Jahre wieder in das Gelände zurück gefressen hatten.

Aber seine Hände kannten ihn. Einige Schläge gegen Fels und Stein, denn er war nicht mehr der schmale Bursche von damals. Ein Griff hier, ein Tritt dort. Ein schwerer Atemzug. Und dann war er wieder da.

Der alte Schacht war enger als in seiner Erinnerung, der Fels feucht und brüchig, der erste Schritt wie ein Verrat an allem, was er sich an Vorsicht auferlegt hatte und dem Versprechen, das er nicht wirklich gegeben hatte.
Aber er ging. Denn nur ein Atemzug, den er inne hielt, hatte ihn spüren lassen, dass es ihm tatsächlich gleich war.
Das Licht seiner Lampe zitterte, flackerte an den Wänden, als wollte es sich erinnern.

Und mit jedem Meter, den er tiefer stieg, fiel die Welt über ihm in Schweigen.

Der Eingang verschwand.

Und Mychael verschwand mit ihm.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

"Nicht jeder Schatten ist bloß Dunkelheit.
Manchmal verbirgt sich darin das Flüstern längst verlorener Welten.
Und nur wer den Mut hat zu suchen,
lässt im Herzen das Licht der Finsternis erwachen.

Es braucht mehr als Schritte,
um verborgene Wahrheiten zu finden –
es braucht den Willen, den tiefsten Wegen zu folgen.
Denn dort, wo das Licht schwindet, lauern Schatten.

Zwischen Helligkeit und Dunkel liegen jene Prüfungen,
die uns formen.
Nur wer sich seinen eigenen Schatten stellt,
begegnet der Wahrheit seines Selbst.
Und nur dort – im Innersten – erkennt man,
was wirklich zählt.

Nicht Sicherheit ist das Ziel,
sondern der Pfad,
den man trotz aller Widrigkeiten beschreitet.
Denn jede Dunkelheit birgt ein Geheimnis.
Und jedes Geheimnis – eine Chance.“





Kaum hatte er sich durch die ersten Engstellen gezwängt, öffnete sich der Tunnel langsam in die Tiefe.
Die Wände waren rau und feucht, schimmerten matt im Licht seiner kleinen Lampe. Die Luft war schwer – durchzogen vom Geruch nach modriger Erde, warmem Stein und einem Hauch von Schwefel.
Beinahe stickig war es hier unten, als hätte der Berg selbst den Atem angehalten.

Mychael war kurz vor Sonnenuntergang aufgebrochen. Kein Feuer sollte ihn verraten. Nur das matte Glühen der Lampe, das leise Schaben seiner Schritte im Kies. Das schwache Licht warf flackernde Schatten an die feuchten Wände, während er vorsichtig weiter ging. Die Tunnel waren ein Labyrinth aus vergessenen Gängen und verborgenen Kammern, aber er hatte schon damals keine Probleme gehabt, sich zurechtzufinden. Er versuchte, die Gedanken an die Geschichten zu verdrängen – von Schattenwesen, die nur darauf warteten, dass ein Mensch einen Fuß zu weit setzte.
Und irgendwo hinter ihm begleitete ihn das stetige Tropfen von Wasser – wie eine Uhr, die nur in der Tiefe zählt.

Und dann – Stille.

Das leise Tropfen war jäh abgebrochen, als hätte jemand den Atem der Tiefe angehalten.
Mychael blieb stehen.
Wie so oft, wenn Gefahr in der Luft lag, richteten sich die feinen Härchen in seinem Nacken auf. Dieses alte, urinstinktive Gefühl – nicht allein zu sein – wurde stärker.

Die Dunkelheit hier unten war anders als jene in den Minen, die er kannte. Sie war dichter. Schwerer. Als hätte sie ein eigenes Bewusstsein, das sich langsam um ihn schloss. Er wagte kaum zu atmen. Nur das Flackern der kleinen Flamme tanzte über den Fels, während seine Augen die Schatten absuchten.
Nichts rührte sich.

Doch das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb.

Die Felswand lag noch ein gutes Stück entfernt, und mit einem letzten Blick in die reglose Schwärze setzte er sich wieder in Bewegung. Früher, als Kind, hatte ihn mancher Schatten noch schrecken können – ein huschendes Geräusch, ein kalter Luftzug, ein Flackern am Rande seines Blickfelds.
Doch die Jahre hatten ihn geschärft. Heute wich er nicht mehr zurück, denn es gab nur noch wenig, was ihm wirklich Angst machen konnte.
Heute war er bereit, dem zu begegnen, was sich im Verborgenen regte. Vielleicht wünschte er es sich sogar – und es war ihm gleich, wie gefährlich es war.

Ein Teil von ihm wollte es.

Mit jedem Schritt schien sich das Dunkel enger um ihn zu legen, begleitet von einem leisen Rascheln, kaum mehr als das Flüstern einer Atmung.

Die Stille war lebendig.

Sein Herz schlug schneller, das Adrenalin pochte heiß durch seine Glieder – und doch war da ein Grinsen auf seinen Lippen. Kein spöttisches, sondern jenes des Mannes, der weiß, was ihn erwartet – und nicht davor flieht.
Er würde ruhig bleiben.
Denn was auch immer hier unten hauste – es war nicht bloß die Dunkelheit.

Dann begann sich der Tunnel zu verändern. Die Wände rückten näher, als würde der Fels selbst den Atem anhalten. Wieder spürte er es, dass Gefühl, als lebte das Gestein – als würde es sich bewegen, unmerklich, aber lauernd.
In einer dunklen Spalte hing eine rostige Kette, halb verborgen zwischen den Steinen, vom Zahn der Zeit zerfressen. Irgendwann hatte hier jemand gelegen – gefesselt, vergessen. Mychael ließ den Blick nicht zu lange darauf ruhen. Manche Dinge verlangten nicht nach Antworten.

Seine Finger glitten gelegentlich über die zerklüfteten Wände, als suchten sie nach vertrauten Zeichen. Nur an wenigen Stellen zögerte er. Tief in seinem Inneren kannte er diesen Weg – nicht mit dem Verstand, sondern mit einem Gespür, das irgendwo zwischen Erinnerung und Intuition lag.

Als der nächste Tunnel sich neigte, wurde die Luft schlagartig schwerer. Sie lag wie feuchtes Tuch auf seinen Schultern, warm und abgestanden. Hinter ihm raschelte es – oder war es nur Einbildung? Er drehte sich nicht mehr um. Stattdessen ging er weiter, unbeirrt, bis sich plötzlich vor ihm der Weg öffnete – wie ein stummer Atemzug aus der Tiefe.

Die Dunkelheit wich zurück, als er die Höhle betrat. Ein seltsames, schimmerndes Licht erfüllte den Raum, und vor ihm öffnete sich eine weite, verborgene Welt – geheimnisvoll und unberührt, bereit, neu entdeckt zu werden.
In diesem Moment fühlte er sich wieder wie der Junge von damals, der seinen ersten Schritt in diese fremde Welt gesetzt hatte. Mychael zog tief die vertraute Luft ein, und in seinem Inneren regten sich Erinnerungen, sanft und leise wie ein Flüstern aus längst vergangenen Tagen.
Der Schmerz über den Abschied von seinem Bruders hatte ihn lange begleitet, ebenso wie die Wut, die in ihm loderte, weil er zurückbleiben musste. Doch diese Wut nährte auch seine Sehnsucht nach Abenteuern. Die Aufregung, als er die Höhle endlich entdeckt hatte, war unbeschreiblich. Sein Herz hatte damals genauso heftig gegen seine Brust geschlagen wie heute. Er hatte eine Welt gefunden, von der er überzeugt war, dass sie nur für ihn bestimmt war — eine Zuflucht voller Geheimnisse und Wunder, geschaffen für jemanden, der Abenteuer suchte, aber nicht wie sein großer Bruder auf ein Schiff steigen zu können.

Es war eine Ewigkeit her, dass er sich wieder so leicht und frei gefühlt hatte wie das Kind, das er einst gewesen war. Doch nun mischten sich neue, schwerere Gefühle darunter – das Wissen eines Erwachsenen legte sich wie Schatten über seine kindliche Freude. Mit jedem Schritt wurde ihm bewusster, welche Gefahr er damals auf sich genommen hatte. Wenn seine Mutter je davon erfuhr, würde sie ihn mit Sicherheit zur Strafe umbringen.

Vorsichtig umrundete er mächtige Stalagmiten, die wie uralte Säulen aus der Erde wuchsen, ehrfürchtig und geheimnisvoll. Das Licht spielte auf ihren Spitzen, schimmerte kristallin in den Felsen, als würden verborgene Edelsteine das Dunkel um ihn herum brechen – obwohl niemand wusste, woher dieses Licht tief unter der Erde überhaupt stammen konnte. Die Höhlendecke verlor sich in der finsteren Höhe, so weit entfernt, dass seine Augen sie nur ahnten und sein Versuch, das unbekannte Dunkel nach oben hin zu ergründen, scheiterte.


Der Ort, den er suchte, lag nicht am Ende der Höhle, sondern zur Seite hinweg, wo ein einzelner, schmaler Strahl wie eine Ader aus purem Licht auf die Felsen fiel. Dort kniete er nieder und zog behutsam sein Werkzeug hervor. Vorsichtig löste er mit den Fingern einzelne Steine, drehte und wendete sie, prüfte ihre Beschaffenheit. Einige wenige, bei denen er ein gutes Gefühl hatte, legte er sorgsam in seine Tasche, den Rest schob er achtlos beiseite.

Plötzlich spürte er eine leichte Vibration des Bodens unter seinen Händen, und das Licht im Raum flackerte, als würde der Berg erneut einen Atemzug tun und sich bewegen.
Mychael hielt inne, atmete ruhig aus, wartete einen Augenblick – und fuhr dann fort.
Das Laternenlicht spiegelte sich in den zarten, schimmernden Kristallen, die tief in der Ader verborgen lagen. Mit vorsichtigen, gezielten Schlägen begann er, den Fels behutsam zu bearbeiten und die Ader frei zu legen. Immer wieder löste er vorsichtig einzelne Steine und Brocken, sorgsam darauf bedacht, die empfindlichen Kristalle nicht zu zerbrechen.

Geduldig und konzentriert arbeitete er weiter, sein Blick unverwandt auf die Ader gerichtet, während sich nach und nach immer mehr Kristalle in seine Tasche fanden. Vielleicht hätte er früher aufhören sollen, doch er wollte genug Steine haben, um mehr als nur einen Auftrag zu erfüllen. Das Gefühl, wenn ein kostbarer Edelstein mitten im Schliff zerbrach und sich ein Vermögen in schimmernden Staub auflöste, kannte er zu gut.
Wahrscheinlich hätte er hier noch Tage verbringen können. Vielleicht wäre er irgendwann aufgestanden, hätte die Höhle weiter erkundet, wäre noch einem weiteren Tunnel gefolgt – und noch einem. Vielleicht hätte er niemals wieder zurückgefunden. Aber das Schicksal hatte wieder einmal andere Pläne für ihn.

Mitten in der Stille Geräusch.

Ein Laut, wie ein klammer Finger, der über trockenes Leder streicht.

Mychael fuhr herum, zog das Messer aus dem Gürtel, hob die Lampe.
Oben am Rand der Felswand huschte ein Schatten. Dann ein zweiter. Er verfluchte sich leise – hatte zu lange getrödelt – und begann, ohne die Waffe zu senken, das Nötigste zusammenzuraffen.

Der Angriff kam nicht einmal lautlos.
Ein kaum wahrnehmbares Zischen erfüllte die Luft um ihn herum, doch es war nicht das typische, scharfe Pfeifen, das man von einem schnellen Pfeil kennt. Es war vielmehr ein sanftes, fast schon geheimnisvolles Surren, das er noch nie zuvor gehört hatte. Dieses ungewöhnliche Geräusch schien eine eigenartige Melodie zu tragen, weich, fremdartig, aber in jeder Note lag eine Warnung.

Noch bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, spürte er es schlagartig.

Eine dünne, klebrige Schnur schoss um sein Handgelenk und seine Finger. Glatt und schimmernd, klebrig wie Spinnenseide. Fassungslos starrte er eine Weile darauf, bevor der Blick wieder nach oben ging, dann zögerte er nicht und setzte sich in Bewegung. Noch im Laufen riss er den klebrigen Faden ab, steckte ihn reflexartig ein.
Keine Zeit zum Nachdenken.
Der Blick fuhr hoch.
Die Schatten bewegten sich.
Das war keine Einbildung.
Das war eine Jagd.

Ein leises Knacken hallte durch den Tunnel, wie ein geplatztes Gelenk. Dann Stille – gespannte, vibrierende Stille – bevor das Grollen einsetzte. Schweres Stampfen. Schleppende Atemzüge. Das Echo kam von mehreren Seiten. Es war, als hätte nur eine einzige Bewegung genügt, um eine Kettenreaktion auszulösen. Die Luft pulsierte vor Energie, und Mychael spürte, wie die Spannung in den engen Gängen immer weiter anstieg.
Das waren nicht die lautlosen Schatten aus der großen Höhle.
Hier war irgendetwas anderes aufgewacht.
Größer als er, massig, mit groben, unregelmäßigen Körpern. Er wusste, dass er nun nicht zögern durfte und rannte los in die Richtung, aus der er gekommen war.

Doch kaum machte der Tunnel eine leichte Biegung, stürmte eine der Kreaturen bereits auf ihn.
Sie war fast doppelt so breit wie er, die Haut gräulich, rissig wie alter Stein. Kein Mensch.
Kein Schattenwesen.
Etwas anderes – massiver, roher. Und zum ersten Mal seit Jahren wünschte er sich sein Schwert in die Hand. Sehnte er sich nach dem vertrauten Gewicht.

Der erste Schlag ging ins Leere – Mychael war schneller. Er tauchte unter dem Arm hindurch, spürte den Luftzug am Nacken, drehte sich mit einem präzisen Schritt zur Seite. Das Messer zuckte auf, traf das Biest an der Seite. Keine Reaktion – die Haut war zäh, wie Leder. Das Vieh brüllte, schlug nach ihm – ein dumpfer Aufprall gegen Stein, wo Mychaels Kopf eben noch gewesen war. Doch Mychael bewegte sich schneller, härter – das Messer in seiner Hand fand er das Ziel.

Ein Hieb unter den Rippen.
Das Biest taumelte.
Einen Herzschlag.
Zwei.

Dann stieß Mychael das Messer tief zwischen die Panzerplatten der Haut. Sein Gegner sackte in sich zusammen, der Atem ein Gurgeln.

Zwei weitere Schatten rührten sich in der Tiefe. Doch sie zogen sich zurück.

Er würde nicht bleiben, um zu sehen, ob sie Verstärkung holten. Bevor der letzte Atemzug verklang, war er bereits unterwegs – den Tunnel entlang, hinaus, weg von dem Ort, der nun nicht mehr sicher war.
Die Saphire bei sich.
Das Herz rasend.
Doch die Klinge ruhig in seiner Hand.
Er hatte überlebt.
Dieses Mal.




Das nächste Schiff nahm ihn noch in derselben Nacht auf, ein Frachter mit abgenutzten Segeln und schweigsamer Besatzung. Niemand stellte Fragen. Nicht zu seinem zerschundenen Äußeren, nicht zu dem fiebrigen Glanz in seinen Augen.
Denn der Faden hatte Spuren hinterlassen.
Es begann aam Handgelenk – eine dunkle, wulstige Linie, die sich unter der Haut zog, wie Tinte in Pergament. Die Stelle brannte und pochte. Wuchs. Und wann immer Mychael länger hinsah, schien sich die Form zu verändern, als würde sich etwas darunter bewegen.

Ein Gift.
Vielleicht mehr.
Etwas, das er nicht verstand.

Er hielt es verborgen, so gut er konnte. Verband die Hand, atmete ruhig, trank Wasser. Natürlich würde er heilen – er heilte immer. Sein Körper hatte selbst schlimmere Wunden überstanden.
Doch diesmal brannte es tiefer. Der Schmerz ließ nicht nach, sondern kroch in Wellen durch Muskeln und Sehnen, pochte gegen seine Zuversicht. Vielleicht war es nur die Erschöpfung.
Vielleicht etwas anderes.
Etwas, das er nicht verstand.
Er sagte nichts.
Aber während sein Blick ruhig blieb, begannen seine Gedanken dem Schiff vorauszueilen. Und irgendwo in ihnen regte sich leise, hartnäckig – die Sorge.

Er würde Hilfe brauchen.
Nicht bloß Hände, die Wunden schlossen – sondern Ohren, die das Flüstern des Liedes vernahmen. Denn was sich dort ausbreitete, war nicht, was man mit dem normalen Verstand erklären konnte.
Er hoffte nur, es noch rechtzeitig zu schaffen.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »

- Das Feuer kehrt zurück, wenn das Eis weicht -


"Nicht jede Spirale führt tiefer –
manche drehen sich nur,
bis man den Halt verliert.
Du musst entscheiden,
ob du ihr folgen willst.
Sie zieht und du drehst dich,
bis du nicht mehr weißt, wer du bist.
Wenn Fremdes von dir Besitz ergreift,
verschwimmen die Grenzen,
bist du nicht mehr weißt,
wo du aufhörst und es beginnt.
Also muss man sich entscheiden.
Und die Angst nicht ignorieren.
Denn Angst zeigt dir nicht den falschen Weg,
nur den, den du nicht gehen willst.
Einfach gehen.
Entscheiden.
Denn je tiefer man sich dreht,
desto schwerer kommt man zurück."





Er saß schweigend im Sessel, war tief in die Polster gesunken.
Der Stoff war alt, die Federn durchgesessen, doch es war der einzige Platz im Raum, an dem er sich länger als einen Moment halten konnte, ohne das Gefühl zu haben, die Wände würden auf ihn zu kriechen.
Sein rechter Arm lag schwer auf der Lehne – schwer und leblos, wie ein fremder Körperteil, der nicht mehr zu ihm gehörte.

Drei Tage, hatte der Meister gesagt, nachdem ihn Noir nach Tagen des Fiebers und ihrer Pflege schließlich in den Axorn geschleppt hatte. Das Fieber hatte ihn fast zerbrochen.
Einen Schatten tiefer als jeder Schmerz, den er kannte. Am Ende war alles verschwommen, wie durch dichten Rauch. Der Boden hatte geschwankt, sein Herz gehämmert, seine Wahrnehmung flackerte – zerrissen zwischen Fieberbildern und brennender Leere.
Die Hitze war wie eine zweite Haut auf ihm gelegen, zäh, pulsierend, lebendig. Sein Körper hatte gekämpft. Jeder Muskel, jede Sehne hatte sich dagegen gestemmt, das Gift in sich zu dulden.
Er hatte gezittert.
Gekrampft.
War in Nächten erwacht, die er längst vergessen glaubte, die ihn nun aber mit offener Kehle verschlangen.
Und in Erinnerungen.
An den Schmerz.
An den Verlust.

Noir war geblieben.
Er wusste nicht, wie lange.
Er wusste nur, dass sie da war. Immer dann, wenn er glaubte, allein in dieser brennenden Leere zu versinken, war da eine Berührung an der Stirn, ein Schatten, der Wasser reichte, der mit ruhiger Stimme sprach, während sein Körper sich wand, während langsam und immer mehr etwas in seinem Innern verstummte.

Nur noch vage waren die Erinnerungen an den ersten Abend, als sein Verstand noch mehr oder minder klar war, das Fieber ihn noch nicht komplett im Griff hatte. Er hat es gespürt – einen Ruck, ein Reißen.
Dann war Schmerz gekommen.
Kein Gewöhnlicher.
Tiefer.
Dreckiger.

Sie hatte ihm den Arm aufgeschnitten. Die Klinge gezielt, schnell.
Ein Schnitt – quer über die Stelle, an der das Gift pulsiert hatte, wie ein lebender Strang unter der Haut.
Mychael hatte geschrien?
Oder geglaubt zu schreien. Vielleicht hatte er nur das eigene Fleisch brennen gespürt, das heiße Gleiten der Klinge, das Auslaufen der Schwärze, die ihm die Sinne raubte. Der Druck war abgefallen, ja. Aber mit ihm auch ein Teil von ihm selbst.


Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, bis in den Axorn zu gelangen. Was auch immer der Meister ihm dort gegeben hatte, es war gut genug, um den Schmerz etwas zu lindern, aber genauso ließ es vieles im Nebel verschwinden.
Er erinnerte sich nur an Fragmente wie das kalte Steinpflaster, den metallischen Geruch, an die Hände des Meisters, die wie Eisen zupackten. An eine Stimme fern und dumpf, die sagte: „Halt seinen Kopf fest.“
Dann war da nur noch Dunkelheit – und ein Schmerz, der sich nicht mehr benennen ließ.

Der Meister im Axorn selbst hatte das Gift aus seinem Arm gezogen – hart und unerbittlich. Keine Heilkunst, sondern eine Gewalt, die unter die Haut schnitt.
Danach war da die klare Botschaft: Drei Tage.
Dann sollte das Gefühl zurückkehren – oder eben nicht.


Drei Tage waren vergangen.
Drei Tage ohne Gefühl.
Drei Tage mit viel Schlaf.

Schlaf, der ihm nicht half.
Schlaf, der ihn nicht heilte.
Schlaf, der ihn nur tiefer in das Schweigen und die Leere zog.

Er hatte die Stunden im Dunkeln verbracht, die Augen geschlossen, die Gedanken in die Ferne geschickt, nur um der quälenden Unruhe für einen Moment zu entkommen. Doch jede Stunde, die verstrich, wurde zur Last. Ein stummer Zeuge seiner Ohnmacht.
Der rechte Arm lag da, taub und schwer – eine verlorene Insel inmitten seines Körpers. Und in ihm wuchs die Verzweiflung, immer dichter, immer drückender. Er war wieder allein und tief in seinem Inneren spürte er, dass es wohl besser so war. Er wollte nicht reden, er wollte keine Blicke und sank wieder tiefer in alte Verhaltensmuster.

Drei Tage.

Drei Tage, die ihn lehrten, dass Warten manchmal schlimmer ist als Handeln.

Und in der Stille kehrten Erinnerungen zurück, Bilder aus Kindertagen, die Jahre geschlafen hatten, nur um nun umso heftiger zu erwachen. Und nein, er wollte es nicht aussprechen, diese düsteren Legenden, die Schauermärchen, denn verdammt nochmal es waren nur Märchen und nicht die Wahrheit – aber sie ließen sich nicht aufhalten und rückten nun unaufhaltsam näher in sein Bewusstsein.

Er starrte eine Weile an die Wand, die wie jede andere Wand in seinem Keller aussah und von dem geheimen Zugang dahinter nur sein Bruder wusste.
Irgendwann stemmte er sich hoch. Auch mit der linken Hand fand er den Mechanismus schnell.

Ein kaum hörbares Klicken, dann schob sich das Mauerstück mit einem leichten Ruck zur Seite. Die Fugen, sorgfältig kaschiert, ließen keinen Hinweis auf das Verborgene. Kalte, abgestandene Luft schlug ihm entgegen, vermischt mit dem Geruch von Stein, Eisen und altem Leder.
Der Gang war schmal und führte ein paar Schritte in die Dunkelheit. Das Licht warf zuckende Schatten über das Gemäuer, und mit jedem Schritt wurde ihm bewusst, wie selten er nur noch hier war.

Am Ende des Ganges öffnete dieser sich und gab den Blick auf den kleinen Raum preis. Karg, aber jedes Stück darin trug Bedeutung. An der hinteren Wand hingen die schweren Ketten und an einer Wand stand zwischen anderen Kisten die große Truhe – schweres Metall von kupfernen Bändern durchzogen, das Schloss mit Kratzspuren versehen, als hätte jemand einmal versucht, sie aufzubrechen.
Sie war schwer.
Selbst mit beiden Händen ließ sie sich nur mit Mühe öffnen und er hatte nur eine zur Verfügung. Es kostete ihn Kraft, die er eigentlich nicht einmal mehr hatte.

Im Innern lagen sie noch immer ordentlich gestapelt: seine alte Rüstung, das abgewetzte Leder, von zahllosen Einsätzen gezeichnet, aber noch intakt. Der Brustharnisch mit dem eingekratzten Symbol. Die Armschienen. Das einzigartige Kettengeflecht. Das Schwert in der schlichten Scheide, daneben zwei Wurfmesser, sorgfältig in Tuch geschlagen.
Ein vertrauter Anblick – fremd geworden.
Er ließ die Finger über das Leder gleiten, zögerte und ließ ab.

Dann hob er das untere Fach an.

Darunter – wie erwartet – lag eine zweite, kleinere Truhe. Diese hatte er zuletzt vor vielen Jahren gesehen, nach Borins Tod und niemals geöffnet. Der Riegel war mit einem Knochensplitter verkeilt, ein alter Aberglaube, den Borin nie abgelegt hatte. Mychael zog ihn vorsichtig heraus und klappte den Deckel auf.

Briefe. Lose Notizen. Ein paar in Leder gebundene Hefte, die einst als Aufzeichnungsbuch dienten. Und ein kleines Medaillon, das er nicht anfassen wollte. Er wusste warum.
Dazu noch allerlei Zeug, das auf den Regalen des Hafenmeisters herumgestanden war. Das alte Logbuch, einige Zoll- und Handelsgewichte, daneben der Kompass, den er doch kurz in die Hand nahm und tief durchatmete. Die Sanduhr war schon vor einer Weile gebrochen und drohte, komplett auseinander zu fallen. Die alte Meerschaumpfeife konnte er ebenso nicht anfassen, er brachte es nicht übers Herz, genauso wie den kleinen abgegriffenen Lederbeutel, in dem sich seine alten Talismane befanden. Einige aus Jade, andere aus Knochen oder Horn gefertigt.

Stattdessen griff er nach den paar Büchern.

Die Seiten waren verblichen, die Tinte in den Rändern ausgefranst. Sie waren einfach, aber sie waren voll mit den Erinnerungen eines Mannes, der ein ziemlich aufregendes Leben gelebt hatte, bevor das kaputte Bein ihn in den Hafen verbannte. Dennoch hatte er nie darin gelesen. Er kannte die Geschichten, Borin hatte ihm viel erzählt.
Das hier, das war persönlich gewesen.

Er atmete tief durch, presste die Lippen zusammen. Vielleicht war es Zeit, sich dem zu stellen. Nicht nur wegen der alten Geschichten. Sondern weil irgendetwas in seinem Innersten spürte, dass ein Teil von Borins Vermächtnis noch gesprochen werden wollte.

Und dieser Ort – diese Kammer, von allen Augen fern – war der einzige Ort, an dem er es ertragen konnte.
Er lehnte sich also an die Mauer und griff nach dem ersten Buch.
Nicht lange und er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte.


Wo vorher noch die Tage standen, fehlen sie hier:

Kein Licht mehr.
Öl fast leer.
Wasser seit gestern Mittag aus.
Luft wird stickig, als würde der Berg selbst atmen.
Bin falsch abgebogen. Zwei Tunnel gekreuzt, keiner führt zurück.
Wenn ich hier draufgehe, wird mich niemand finden.



Später – wie lang? Keine Ahnung:

Geräusche. Wasser. Wasser!
Nach der letzten Biegung – hör’s rauschen.
Luft anders, feucht.
Bin gerutscht, fast gestürzt.
Dann – Farben. Anders als alles, was ich je gesehen hab.
Orange. Ocker. Gold. Als ob der Fels selbst glüht.
Ganz oben: Lichtstreifen. Wie Himmel, aber weit weg.
Da ist ein Becken. Klar wie Glas. Ich hab getrunken.
Vielleicht zu viel. Mir ist schlecht, aber ich lebe.



Noch später:

Hab geschlafen? Weiß nicht.
Bin aufgewacht vom Licht.
Es kommt von oben – aus dem Fels.
Überall eingewachsene Kristalle. Schimmern.
Wie Sterne. Oder Splitter von was, das mal gefallen ist.
Hier ist eine Höhle. Riesig. Mehr spüren als sehen. Macht Angst.



Der nächste Eintrag wurde mit zitternder Hand geschrieben, die Buchstaben zum Teil verschmiert:

Ich bin nicht allein hier.
Schatten – ganz hinten.
Bewegung. Kein Tier. Kein Mensch.
Oder doch? Ein Elf? Keine Ahnung.
Gestalten, ganz in Stoff. Nur die Augen – schwarz.
Ruhig.
Hab mich zurückgezogen. Kein Feuer machen.
Kein Laut.



Später – versteckt hinter Stein:

Sie sind wieder da. Drei, vielleicht vier.
Langsam, sicher.
Kein Geräusch, keine Eile.
Einer blieb zurück. Hat was mit dem Arm gemacht. Hab’s gesehen – mit eigenen Augen.
Die Spirale an seinem Arm – grau, feucht – löst sich. Er zieht sie ab.
Darunter glänzt nur Haut. Flüssigkeit tritt aus – schließt sich sofort.
Den Faden hat er genutzt wie ein Seil. Klettert daran hoch.
Der Fels hält. Der FADEN hält!
Sie verschwinden lautlos.
Ich schwöre, ich hab’s gesehen.



Letzter Eintrag:

Hab gewartet. Als sie weg waren, bin ich raus aus dem Versteck.
Ein Stück vom Faden lag da – abgerissen.
Hab’s eingesteckt.
Wie Silber, dünn wie Seide. Aber zäh. Fühlt sich lebendig an. Wird hart.
Ich muss hier raus.
Egal wie.
Diese Höhle… ist nichts für Menschen.


Langsam sank das Buch in seiner Hand nach unten. Eine Legende. Ein Volk, das tief unter der Erde in einer riesigen Höhle lebte. Ein Ort, der kaum Sonnenlicht sah. Und dennoch eine Wüste. Die Spinnenmenschen – halb Mensch, halb Bestie? – hatten sich an die Finsternis angepasst.
Borin hatte erzählt, er sei ihnen einmal begegnet. Nur ein kurzer Blick, doch genug, um zu wissen, dass sie Gefahr bedeuteten.
Mychael hatte damals gelacht.
Aber jetzt war da kein Lachen mehr.

In der Stille, in der Taubheit, spürte er, dass etwas von dieser Dunkelheit in ihm zurückgeblieben war. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Aber spürbar. Wie ein fremder Schatten, der unter seiner Haut kroch.
Er wusste, er war nicht mehr ganz derselbe.
Und das war beunruhigender als jedes Gift.

Kein Prickeln, kein Zucken, nicht einmal ein dumpfer Puls unter der Haut.
Er drehte den Kopf, blickte auf die Fingerspitzen. Blass. Kalt. Fremd. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er geglaubt, das Fleisch sei tot. Vielleicht war es das auch. Vielleicht hatte der Meister sich geirrt.
Ein dumpfer Laut entwich ihm – irgendwo zwischen einem frustriertem Seufzen und einem Fluch.
Er presste die linke Hand gegen die Stirn, als könne er den Druck dahinter fortreiben. Die Stille im Raum war unerträglich. Draußen ging das Leben weiter in seinem alltäglichen Rhythmus, aber drinnen war es zu still. Keine Schritte. Kein Ruf. Keine Veränderung.

Er ballte die linke Hand zur Faust. Knöchelweiß. Die Rechte regte sich nicht.
Wenn das das neue Gleichgewicht sein sollte – ein Mann, halb Kraft, halb Fleischklumpen – dann konnte er sich nicht vorstellen damit zu leben. Und wollte es nicht.


Er schloss die Augen und ließ die Schatten hinter seinen Lidern tanzen. Bilder kamen und gingen – verblasste Erinnerungen, flüchtige Gesichter. Und dann der Hafen.
Der salzige Duft von Meer und Holz, die rauen Stimmen der Fischer, das Knarren der Boote im Wind. Und Borin. Er versuchte, seine Worte in Erinnerung zu rufen. Etwas, das die Einträge ergänzen würde.
„Die Spinnenwesen“, hatte er gesagt, „leben unter der Erde, in einer Höhle so groß wie der Himmel. Nur ein schmaler Spalt lässt das Licht hinein – und genau dieser Spalt hat ihre Welt zur Wüste gemacht.“
Vielleicht war also die Dunkelheit ihre Heimat, ihre Kraft – und ihr Fluch.


Er öffnete die Augen wieder und blickte auf seinen tauben Arm.
Ein Teil von ihm war fort. Er war sich nicht sicher, ob er sich nur in irgendwelchen Tiefen verbarg und wartete, oder ob er sich wirklich abgekapselt hatte, gestorben war. Aber stattdessen wuchs etwas anderes. Etwas Fremdes. Etwas, das er nicht kontrollieren konnte.

Er hob den rechten Arm vorsichtig an – oder versuchte es zumindest. Die Muskeln gehorchten nicht, zogen sich nicht zusammen, gaben nur ein schlaffes Nachgeben von sich. Mit der linken Hand stützte er den Arm an, brachte ihn näher an die Lampe. Das Licht warf scharfe Schatten auf die Haut, ließ die blass gewordene Oberfläche krankhaft glänzen.
Das Gift war gewichen, aber noch immer wölbte sich dort am Unterarm eine krustige Erhebung. Spiralig, wie ein Schneckenhaus, fest in die Haut eingewachsen, als wäre sie nun ein Teil von ihm.

Er beugte sich vor, starrte auf die Wulst.

„Wenn sie dich je erwischen, Junge“, hatte Borin einmal gesagt, mit der krächzenden Stimme, die immer nach Salz und Tabak klang, „dann haste keine Chance mehr. Die Fäden voller Gift. Bleibt nur ein grausamer Tod oder du wirst einer von ihnen werden."

Damals hatte er es für Seemannsgarn gehalten. Wie vieles, was Borin erzählte. Geschichten von flüsternden Moorlichtern, von sprechenden Krähen, von Sturmgeistern und Toten die im Nebel singen. Von Spiegeln die Lügen und von Brunnen, die Wünsche verderben. Von Händlern die mit Schatten handeln und Stimmen, die aus Steinen kommen.
Aber jetzt... jetzt wirkte es erschreckend plausibel.

Mychael fuhr vorsichtig mit dem Zeigefinger über die Stelle. Die Kruste war rau, rissig, fast wie Fels. Und darunter, meinte er, etwas Pulsierendes zu spüren – wie einen eigenen, fremden Herzschlag.

War das die Quelle der Taubheit? Oder etwas anderes? Etwas, das wuchs?
Er ließ die Hand sinken, lehnte sich zurück, die Stirn in Falten.

„Nimm Hilfe an, wenn du nicht mehr weiter weißt,“ hatte Alec mehr als einmal gesagt. „Stolz ist der letzte Mantel, den die Toten tragen.“

Aber das war leicht gesagt.

Mychael starrte in die Dunkelheit des Raumes. Er konnte zurückkehren. Wieder vor dem Meister stehen, ihm zeigen, was da unter seiner Haut wuchs. Aber zu welchem Preis? Der Meister hatte die Säge beinahe schon in der Hand gehabt. Ein weiterer Besuch würde ihn den Arm kosten.

Nein.

Vielleicht konnte er es selbst tun. Nicht wie ein Heiler, sondern wie ein Kämpfer. Er hatte sein Leben lang Dinge beseitigt, die ihm im Weg standen – vielleicht war dies nur eine weitere Hürde.

Er griff nach dem kleinen Messer auf dem Tisch. Die Klinge war kurz, aber scharf.
Er hob den Arm, das Messer in der Linken, und betrachtete das schneckenartige Mal erneut.
Vielleicht... vielleicht war das der einzige Weg, zurückzuholen, was noch zu retten war.


Aber er zögerte.


Denn eines hatte Borin ebenfalls gesagt – leise, fast verschwörerisch:
„Manche Spiralen, Junge, führen nicht nach außen. Sondern nach innen. Und wenn du zu tief schneidest, findest du vielleicht nicht nur das Gift – sondern das, was es bewacht.“

Das Messer lag noch immer in seiner Hand. Die Klinge zuckte leicht im Lampenlicht, als wäre sie ungeduldig, endlich zu schneiden.
Mychael starrte darauf, lange, ohne wirklich zu blinzeln.

Dann senkte er den Arm.

Nicht aus Angst. Nicht, weil er sich dem Schmerz nicht stellen wollte – er hatte genug davon überlebt, um zu wissen, wie wenig das bedeutete. Nein, es war etwas anderes. Ein Gefühl, das er lange begraben hatte: Zweifel.
Was, wenn er damit alles nur schlimmer machte? Wenn er nicht das Gift schnitt, sondern den letzten Nerv? Den letzten Weg zurück?

Seine Finger lösten sich langsam vom Griff. Das Messer fiel leise auf den Tisch, schlitterte ein Stück über das Holz.

Er atmete aus.
Langsam.
Schwer.

Es war Zeit, sich zu entscheiden: warten oder handeln.
Egal wie – der nächste Tag war nicht das Ende.
Nur der Anfang von etwas anderem. Und vielleicht gab es da doch jemanden, der das alles besser verstand als er.

Evilyn. Sie war Liedwirkerin. Sie hörte und spürte Dinge, die andere nicht sehen konnten und vor allem hatte sie ihm ihre Hilfe angeboten.
Mychael richtete sich langsam auf. Der Arm hing immer noch wie tot an seiner Seite, aber der Rest von ihm war bereit. Aber wenn jemand diesen verdammten Schneckenfluch brechen konnte, dann hoffentlich sie. Und wenn nicht blieb immer noch der harte Stahl. Damit kannte er sich aus.
Er ging zur Wand und legte die Hand auf den kalten Stein.
Zögerte.

„Manche Spiralen führen nach innen…“

Ein Teil von ihm wollte kehrtmachen, sich verkriechen, den Fluch mit Zähnen und Zorn bekämpfen wie ein Tier. Aber das war nicht der Weg. Nicht dieses Mal.
Denn vielleicht – vielleicht war es nicht die Spirale selbst, die den Weg bestimmte.
Sondern, ob man ihr bis zum Kern folgte… oder sich darin verlor.
Er stemmte sich gegen die geheime Wand und trat hinaus.
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Jadia Conandil
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Beitrag von Jadia Conandil »

Da stand sie. Barfuß in einer fremden Küche, stetig die Suppe rührend, während sie erneut erhitzt wurde. Ganz genau konnte die Schwarze nicht rekapitulieren, wie sie denn nun dorthin gekommen war und in diese Rolle. Die Rolle der Fürsorge. Merkwürdige Rolle. Doch wie sich das vom Wiedererkennen zum Erkennen zum Bekennen nun gewandelt hatte, das war und blieb unklar. Klar war nur, dass der Mann immer noch litt.

Gift.
Fluch.
Beides.
Nichts.

Der Meister des Axorns hatte das Schwarze, das Zähe, das Falsche aus dem Arm des Schmiedes herausgebrannt. Zumindest hatte es so ausgesehen und sich so angefühlt. Große Hitze, Liedwirkerei. Schmerzen und dann Taubheit.
Was nun

Drei Tage verstrichen.
Drei Tage ohne Besserung.
Suppe.
Wasser.
Festhalten.
Warten.

Mychaels Klang hatte sich verändert, doch sie konnte weder in Worte noch selbst in Töne fassen welche Veränderung dort passiert war. Doch war sie da und es drückte und schob, wogte hin und her. Aufebben und Abebben, Entstehen und Vergehen. Sie hatte ihm gegenüber die Maske abgelegt und es war ganz natürlich geschehen. Mit dem Überschreiten der Türschwelle seines Hauses und dem Ausziehen der Schuhe war es passiert. Nicht halb, sondern ganz.
Würde er sich erinnern, wenn es vorbei war?
Vermutlich nicht.
Fieber und Angst konnte Erinnerungen fressen und verfälschen. Nicht nur halb, sondern ganz. Der Tod konnte es beenden. Nicht halb. Immer ganz. Doch da war die heiße Suppe und das Wasser, das nach unten gebracht werden wollte. Die leise Anwesenheit gab es frei dazu. Er hatte dort unten irgendwas rumort, sie hatte es gehört. So wie sie vieles hörte und noch nicht alles wahrnahm. Die Stufen waren schnell überwunden und er war wieder dort, wo sie ihn erwartet hatte zu finden. Das Gesicht härter, tiefer eingegraben die Mimikfalten. Man könnte fast sagen, er wirkte etwas reifer. Sofern man ertragenes Leid und die damit verbundenen Erfahrungen als Reife beschreiben will.

Suppe.
Brot.
Wasser.
Gesellschaft.

Der schmale Körper blieb in seiner Nähe, während der Rest der Frau meist zuhörte und wenig sprach. Wortfetzen, Gedankensprünge und doch etwas Unausgesprochenes. Vielleicht war alles, was ihn hinderte den Arm zu bewegen und das Leben wieder zu umarmen nur in seinem Kopf oder in seinem Lied. Das Lied, das er selbst war. Mit all den Pausen, Taktlosigkeiten, Soli und Überleitungen, doch ein Lied, welches Harmonie suchte. Eine Harmonie. Seine Harmonie.
Sie griff nach der Harfe.
Langsam begann sie eine Melodie zu weben, nur für den einarmigen Schmied in seinem selbstgewählten Verlies. Fern von der Welt, nur hörbar für ihn. Bald würde vielleicht Evilyn kommen und nach ihm sehen und schauen, ob da noch irgendwas Magisches war. Vielleicht führte der Weg doch irgendwann zum Tempel.

Töne.
Klänge.
Suppe.
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Jadia Conandil
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Beitrag von Jadia Conandil »

Der Himmel war zwar bewölkt, doch die Sommerhitze kündigte ihren Einzug an, als der veilchenblaue Blick dem ablegenden Schiff folgte. So wie er den Männern gefolgt war, die an Bord gingen, der verladenen Ladung und schlussendlich auch den Tauen, die gelöst wurden. Still und anscheinend unberührt vom Wind, der am Rock und an den Haaren zupfte, stand sie dort. Den Blick auf das Schiff gerichtet, nicht suchend oder gar erwartend. Nur betrachtend. Die Mimik nicht in der üblichen trägen Fassung, nicht geprägt vom leichten tändelnden Spott für die Umwelt um die Mundwinkel herum. Ihre aufgestützt auf ihre Hüfte gab dem Wind ab und an die Grazie einer Schwingung der Saiten.

Bis die Finger selbst zugriffen und genau drei Töne spielten. Drei. Dem Schiff nach. Nur drei. Wofür diese Töne standen, blieb offen. Vielleicht für drei Wünsche, die der Reise galten, die dort angetreten wurde. Oder vielleicht drei Worten oder vielleicht standen sie auch nur für den Wind, die wachsende Sommerhitze und das Meer. Die schmale Gestalt der Frau stand dort lange, bis das Opfer ihrer Aufmerksamkeit, das eine Schiff, nur noch ein ferner Punkt am Horizont war. Und dann, ja dann noch ein wenig länger.

Der Anblick der Schwarzhaarigen würde alsbald zur Gewohnheit für alle im Hafen Rahals werden. Bemerkt vielleicht, wohlmöglich auch betrachtet und dann doch akzeptiert so wie ihre lautlosen Schritte, wenn die nackten Füße sie zum Hafen führten. Sehr bald schon eingebettet in das, was halt täglich am Hafen passierte. Das Rufen der Möwen, die Stimmen der Seemänner und das Johlen aus der Taverne.

Doch sie setzte keinen Fuß hinein.
Sie stand nur.
An dieser Stelle.

Dort, wo das Schiff abgelegt hatte und dann am Horizont verschwunden war. Dort, wo der Wind an Haar und Rock zupfte, wie ihre Finger auf der Harfe. Der Blick lag stets für einige Zeit auf diesem Punkt, dem Punkt des Verschwindens. Fast wie eine Statue harrte sie aus. Bis der Weg wieder zurück führte, in einer uneingestandenen Rastlosigkeit, die sie nirgends lange verweilen ließ. Nicht einmal dort, wo es stiller war. Die wirkliche Stille war abgereist auf diesem Schiff und hatte sie zurückgelassen in dieser lauten Welt. Klänge, die auf- und abschwangen wie Wellen an einem Schiffsbug. Töne und Geräusche, die von sich erzählten und um Aufmerksamkeit buhlten, doch niemand hörte zu. Sie hörte zu.

Lauschen im Wind,
Rauschen des Meeres,
Klänge, die verschwunden sind,
Zurück bleibt Schweres.
Warte lauschend, warte still.
Warte lauschend.
Warte still.
Die Zeit.
Solang es dauern will.
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Mychael Dalvon
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Beitrag von Mychael Dalvon »


Manchmal muss man in die Tiefe steigen,
um zu erkennen,
wer man wirklich ist.
Nicht alle Schatten sind Feinde –
manche sind Lehrer.
Manchmal reicht es nicht,
einfach nur zu stehen,
wenn alles um einen herum zerbricht.
Dann muss man den ersten Schritt wagen.
Und manche Wege
kann man nur mit jemandem an seiner Seite gehen.
Ein Freund ist kein Schild gegen die Welt –
aber er trägt die Last mit dir,
wenn du sie nicht allein tragen kannst.
Am Ende kann ein Lachen in der Dunkelheit mehr retten
als jede Klinge.






Der Morgen roch nach Salz und Eisen. Alec hatte ihn an der Kutsche empfangen und nun führte ihre Reise weiter. Noch war es still, nur vereinzelte Rufe der Fischer hallten über die nassen Bohlen. Mychael stand am Kai, den Mantel über die Schulter geworfen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der Arm an seiner Seite war noch immer schwer und stumm, doch in seinem Inneren nagte der Wirbel wie ein offener Spalt, ein unruhiges Dröhnen, das ihn ununterbrochen daran erinnerte, was er in der Tiefe zurückgelassen hatte. Unbewusst.

Neben ihm stand Alec.

Der alte Freund hatte die eine Hand in der Manteltasche versenkt, als wolle er den eigenen Körper zügeln, und sah hinaus auf das dunkle Wasser, in dem sich die Taue der Schiffe wie Schlangen bewegten. Sein fehlender Arm war längst keine offene Wunde mehr, sondern eine scharfe Erinnerung – und doch lag in seinem Blick etwas, das Mychael kannte: keine Bitterkeit, sondern stiller Trotz. Mychael sog die kühle Luft ein, ließ den Blick über die Masten wandern, ehe er leise sagte: „Es hat mich mehr Überwindung gekostet, dich zu fragen, als du denkst.“
Alec drehte den Kopf, eine Braue hob sich. „Weil du dachtest, ich sag nein?“
„Weil ich dich nicht hier wegzerren wollte. Von ihr, von deinem Leben.“
Mychaels Stimme klang rauer, als er wollte. „Du weißt, wie gefährlich es wird. Und ich…“ Er stockte, suchte nach Worten. „Ich hätte dich lieber in Sicherheit gewusst.“

Ein kurzes Schweigen.
Dann lachte Alec trocken, schüttelte den Kopf. „Du bist ein Idiot.“

„Was?“

„Dass du überhaupt gezögert hast. Dass du geglaubt hast, du könntest dich da unten allein herumtreiben und ich merk’s nicht. Oder dass ich dich lassen würde.“
Er machte einen Schritt näher, stieß Mychael leicht mit der Schulter an. „Und wenn du je wieder auf die Idee kommst, mich erst als Letzten zu fragen – dann hau ich dir auch mit einer Hand die Zähne raus.“
Mychael blinzelte, überrascht, und musste sich ein Grinsen verkneifen. Es gelang ihm nicht lange. „Du würdest’s versuchen.“

„Ich würd’s schaffen.“


Das Schmunzeln brach endgültig durch, löste etwas von der Schwere in seiner Brust. Er hatte kein gutes Gefühl bei dem, was vor ihnen lag – aber in diesem Moment, neben Alec, fühlte er sich zumindest nicht mehr allein.
Doch kaum hatte er die Erleichterung gespürt, zog die Realität die Luft aus dem Lachen. Der Weg, den sie vor sich hatten, war kein Spaziergang, kein Abenteuer wie in den Geschichten, die sie früher miteinander erzählt hatten. Jeder Gedanke daran, was sie erwartete, legte sich wie kalter Stein auf die Brust.

„Bist du sicher?“ Alecs Stimme war rau, aber ruhig. „Es gibt Kämpfe, die man nicht gewinnen soll. Manchmal reicht es, noch zu stehen. Keinen Plan, ob das nicht alles Schicksal ist. Was, wenn's so sein soll? “
Mychael hob langsam den Kopf, und ein kurzes, hartes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Das hier ist keiner von den Kämpfen. Von einem Fluch zum nächsten? Sicher nicht.“

Seine Finger glitten über die Reling, feucht und kalt vom Morgentau. Er hielt inne, ließ sie für einen Moment dort liegen, als müsste er die Kälte durch die Haut spüren, um sich selbst zu zentrieren, um nicht den Faden zu verlieren – den Faden zwischen ihnen, der immer noch aus Vertrauen und Jahren gemeinsamer Kämpfe bestand.
„Du warst damals dabei, du hast den Kampf erlebt. Ich hab’s versucht, aye? Lange. Und irgendwann den Segen drin gesehen. Dennoch hab ich’s verschlossen. Tief, tiefer, als es je wieder hätte ans Licht kommen sollen. Aber das war meine Entscheidung und nicht jene von irgendwelchen Spinnenviechern in den Höhlen. Ich seh’s nicht ein, dass nun ihr Fluch an mir nagt, sich durch meinen Arm frisst. Wenn ich dort keine Antwort finde, finde ich sie nirgends.“
Alec nickte kaum merklich, die Augen noch auf die dunkle Wasserfläche gerichtet. Kein Wort von Vorwürfen, kein stummes Erinnern an Schuld. Stattdessen diese ruhige Präsenz, die Mychael seit Jahren kannte: ein starker, unerschütterlicher Anker, der ihn auffing, ohne ihn zu fangen. Er ließ den Blick kurz über Mychaels Gesicht gleiten, ein Hauch von Schmunzeln an den Lippen, das die Spannung löste, ehe er sich wieder dem Wasser zuwandte.
Er war hier. Ganz einfach. Wie immer. Und das genügte.


Die Planken ächzten unter ihren Schritten, als sie das Schiff betraten. Ein kleiner Frachter, unscheinbar, dessen Segel im Wind flatterten wie bleiche Gespenster. Mychael spürte, wie die Stadt hinter ihm kleiner wurde – ein Geflecht aus Türmen, Schornsteinen und Schatten – und wie das Meer sich öffnete, weit und unerbittlich.

Der erste Schlag der Ruder hob sie aus dem Hafen hinaus. Wasser spritzte gegen die Bordwand, Möwen schrien, und irgendwo in der Ferne warteten bereits die Klippen. Und hinter den Klippen: die Höhle. Dunkel, tief, voller Unsicherheiten und hoffentlich Antworten.

Mychael legte die Hand auf den Anhänger, der an einem Lederband um seinen Hals ruhte – ein Schutz, ein Halt, vielleicht nur ein schwacher Trost. Doch dieses Mal war er nicht allein, dieses Versprechen hatte er gehalten.
„Dann steigen wir hinab,“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Alec. „Und sehen, ob die Spirale wirklich nach innen führt… oder wieder hinaus.“




Die ersten Tage unter der Erde verloren jede Form von Zeit.

Es war, als hätten sie den Rhythmus der Sonne endgültig hinter sich gelassen. Nur das Tropfen des Wassers, das Knistern der Fackeln und das stetige Schaben ihrer Stiefel auf glattem Stein gaben einen Takt vor, gleichförmig und gnadenlos. Mal war der Gang schmal wie ein Spalt, sodass sie sich seitwärts hindurchzwängen mussten, mal öffnete er sich in Hallen, in denen das Fackellicht vom Nichts verschluckt wurde. Immer führte er tiefer, immer weiter, bis selbst die Luft sich veränderte: dumpf, schwer, metallisch, wie altes Eisen, das an den Lungen schabte.
Mychael spürte das Ziehen in seinem Arm stärker als je zuvor. Der Wirbel vibrierte, kaum hörbar, doch so deutlich, dass es ihn leitete wie ein Kompass, der nur eine Richtung kannte: den Kern. Manchmal hielt er den Atem an, um das Dröhnen besser zu spüren, und jedes Mal schüttelte Alec nur stumm den Kopf, als wollte er ihn daran erinnern, dass er sich nicht in das Summen hinein verlieren durfte.
Alec folgte ihm stets einen Schritt dahinter, schweigend, doch mit wachsamer Präsenz. Manchmal, wenn der Boden unsicher wurde oder der Fels zu nah, legte er Mychael die Hand auf die Schulter. Ein kurzer Druck, kaum mehr als ein Gewicht – und doch genug, um ihn aus den Schatten seiner Gedanken zu reißen.

In den Nächten lag die Stille schwerer. Sie ruhten an den Wänden, rollten Decken aus, entzündeten kleine Feuer aus dem spärlichen Holz, das sie mitgeschleppt hatten. Der Schein tanzte über Alecs Gesicht, ließ Müdigkeit erkennen, aber auch dieses Funkeln in den Augen, das er nie ganz verlor.
Mychael rieb wortlos den Arm, spürte das Pochen des Wirbels unter der Haut. Alec sah es – und anstatt den Blick zu wenden, grinste er. „Du siehst aus, als würdest du nach nem Fass Whiskey suchen?”

„Wär mir lieber als das hier.“ Mychael nickte in die Dunkelheit, die sich wie eine zweite Haut über sie legte.
Alec griff in sein Bündel, zog einen kleinen Flachmann hervor und hielt ihn triumphierend hoch. „Nicht ganz ein Fass, aber fast so gut.“
Mychael zog eine Braue hoch. „Das hast du mit runtergeschleppt?“
„Natürlich. Du glaubst doch nicht, dass ich freiwillig länger als drei Tage lang nur Wasser trinke.“
Alec nahm einen Schluck, schnalzte leise mit der Zunge und reichte den Rest weiter. „Außerdem – erinnert dich das nicht an früher? Als du immer behauptet hast, ich würde bei jedem Gelage die Hälfte verschütten?“

Mychael lachte leise. „Weil du’s auch hast. Mit beiden Händen. Jetzt hast du eine Ausrede.“
Alec stieß ihn mit der Schulter an. „Und trotzdem trinke ich sauberer als du.“

So sprachen sie, bis die Schatten nicht mehr so drückend wirkten. Sie zogen alte Geschichten hervor – Nächte in Tavernen, Streitereien mit Wachen, alberne Wetten, die längst vergessen hätten sein sollen. Das Lachen hallte von den Wänden zurück, dünn, aber echt.
„Schlaf,“ sagte Alec irgendwann, als Mychael unruhig das Glühen in seinem Arm massierte.
„Kann ich nicht.“
„Dann tu wenigstens so. Ich halte Wache.“

Mychael schnaubte. „Mit einem Arm?“
Alec grinste schief. „Reicht für dich allemal.“

Solche Worte waren leicht, beinahe spöttisch – doch dahinter lag etwas anderes. Die Sorge, die Alec nie ganz verbergen konnte. Dieses ständige Prüfen, dieses kleine Zögern in der Stimme, wenn er dachte, Mychael könnte sich überschätzen. Und obwohl es ihn oft genervt hatte, hatte er gelernt, es zu schätzen. Weil es bedeutete, dass Alec hier war. Dass er aufpasste. Dass er ihn nicht allein ließ – egal, wie sehr Mychael sich selbst durch den Wirbel und die Schatten quälte.

Mychael lehnte sich zurück gegen die kühle Wand. Für einen Moment ließ er die Anspannung los, ließ die Stille und das leise Knistern der Flammen auf sich wirken. Es war nicht viel – nur eine Nacht unter der Erde, ein kleiner Funke Ruhe – aber dieser Funke genügte, um die Schwere in seiner Brust ein wenig zu lichten.
Morgen würden sie weitergehen, tiefer hinab, und er wusste, dass die Sorge von Alec ihn begleiten würde, wie ein unsichtbares Netz, das ihn hielt, ohne dass er es einforderte.
Er schloss die Augen.
Nicht, weil er müde war, sondern um den Moment zu bewahren – diesen stillen Frieden zwischen Freundschaft, Pflicht und Gefahr. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er, dass er ihn auch ein Stück weit zulassen konnte.




So schleppten sie sich Tag für Tag weiter, Schritt für Schritt, bis der Gang sich am dritten Tag endlich weitete. Der Boden brach ab in ein Labyrinth aus Felsnadeln und zerbrochenen Brücken, als hätte die Erde selbst versucht, Eindringlinge in die Irre zu führen. Sie tasteten sich voran, prüften jeden Stein, jeden Übergang.
Dann hielt Mychael inne. Der Wirbel in seinem Arm hatte sich verändert, war unruhiger, lauter geworden, als würde er auf etwas antworten.

„Wir sind nicht allein,“ murmelte er und hielt sofort inne.

Da bewegte sich etwas. Ein Schatten löste sich aus der Wand, dann ein zweiter. Gelenke knackten, Schritte hallten dumpf auf dem Stein. Ehe sie es richtig begriffen, waren sie umstellt – eine Handvoll Gestalten, irgendwie menschlich und doch fremd.
Sie trugen Schichten von Stoff, fest gewickelt, lose flatternd, schwer wie Wüstenkleidung. Nur ein schmaler Spalt ließ ihre Augen erkennen – dunkel, still und schattig wie tiefe Erde. Kein Glanz, kein Schimmer, nur gedämpfte Farben, die einen umso eindringlicher musterten.
Mychael griff nach dem Schwert, doch die erste Bewegung erstickte in Alecs Griff an seinem Handgelenk. „Nicht.“

Die Männer, Frauen konnte er nicht ausmachen, hielten Abstand. Sie standen in einem Kreis und man konnte die Waffen an ihren Seiten deutlich sehen. Schwerter mit geschwungenen Klingen, Bögen. Doch sie griffen nicht an. Sie beobachteten, schweigend, so unbeweglich.

Dann trat einer vor. Größer als die anderen, mit mehreren Lagen Stoff geschmückt, die seine Gestalt wuchtig wirken ließen. Er blieb stehen, neigte leicht den Kopf und musterte Mychael – nicht wie einen Feind, sondern wie einen Fang, der geprüft werden musste.
Für einen Moment war die Stille unerträglich. Dann löste sich ein Laut unter den Tüchern hervor. Keine Drohung, kein Zischen. Ein tiefes, raues Wort in einer Sprache, die Mychael nicht verstand.
Aber die Tonlage verriet etwas, das er nicht erwartet hatte.
Neugier. Keine Feindschaft.

Mychael atmete flach. Doch noch hatte niemand die Klinge erhoben.
Was er allerdings verstand, war die Geste, die nun folgte. Sie würden mit ihnen gehen müssen.

Die stickige Hitze nahm zu, je tiefer sie stiegen und sie waren eine ganze Weile unterwegs, schweigend. Zunächst kaum spürbar, dann drückend, bis jeder Atemzug nach trockenem Stein schmeckte. Nach einer engen Biegung brandete plötzlich ein neues Geräusch durch die Tunnel: Rauschen, wie von Wind oder Wasser.

Und dann änderte sich die Welt.

Die vertrauten Grau- und Brauntöne wichen einem Feuer an Farben.
Orange, Umbra, Gelb und Ocker – tausend Schattierungen, die sich an den Wänden brachen.
Dann Rot, glühend und vielgestaltig.
Steile, glatte Felswände wuchsen zu einer Schlucht empor, so hoch, dass sie kaum zu fassen war.
Ganz oben spannte sich ein blassblauer Streifen über das Gestein, so schmal, dass er wie eine Erinnerung an den Himmel wirkte.
Aus Spalten und Rissen sickerte Wasser. Es rann in dünnen Bahnen die Steine hinab, vereinte sich zu Wasserfällen und sammelte sich in klaren Teichen, in deren Spiegelbildern sich das Glühen der Wände brach. Doch die Luft trug schon die Schwere einer nahenden Trockenheit. Und dann begann der Sand: erst verstreute Körner, die der Wind verwehte, dann ganze Schichten, die die Schlucht wie ein erstarrter Strom durchzogen.

Doch das alles war nur ein Vorspiel.

Denn hinter dem letzten Durchgang öffnete sich das Herz der Höhlen – eine Kuppel, so gewaltig, dass selbst Mychaels Atem stockte. Ein Felsdach, das dem Himmel täuschend ähnlich war, spannte sich über ihnen, unvorstellbar weit. Und im Gewölbe selbst leuchteten Kristallmassen, eingebettet in die Adern des Gesteins – Reste eines gefallenen Sterns, die ein Licht ausstrahlten, klar und kalt, aber doch lebendig. Ein unterirdischer Himmel, durchzogen von silbernem Feuer.

„Bei allen Göttern…“ Alec flüsterte es kaum hörbar und selbst er, der schon vieles gesehen hatte, wirkte klein.

Mychael und Alec wurden von den verhüllten Gestalten tiefer in die gewaltige Kristallhöhle geführt. Zwischen den steilen Felswänden hatten die Shashakrieg große Öffnungen in den Stein geschlagen, die wie Häuser wirkten, einige schmal, andere breit und hoch wie Hallen. In eine dieser Bauten brachten sie die beiden – ein Raum, der an ein Versammlungshaus erinnerte: Bänke aus behauenem Stein, Nischen für Fackeln, der Boden von vielen Schritten geglättet.
Doch lange blieben sie dort nicht. Mit einem knappen Zeichen schickte der große Shashakrieg die übrigen fort. Nur er blieb zurück und führte Mychael und Alec weiter durch einen schmaleren Gang, bis sie einen stillen Raum betraten, der den Eindruck einer Heilerstube machte: Steine, glatt wie Tische, Gefäße mit Kräutern, getrockneten Wurzeln und Kristallsplittern, ein Geruch von Harz und Rauch in der Luft.

Der Krieger zog die Schichten Stoff nicht von seinem Körper, doch seine Augen fixierten Mychael durch den schmalen Sehschlitz. Zum ersten Mal sprach er, nicht in seiner Kehllaute, sondern in klarer Sprache, rau und tief:
„Du trägst einen Wirbel in deinem Fleisch.“

Mychael spürte, wie sein Arm zuckte, als hätte das Wort selbst etwas darin angerührt.

„Er wird dich nicht aufgeben. Auch wenn er kein Gift ist,“ fuhr der Shashakrieg fort, “Er ist ein Faden, der dir nicht gehört. Ein Teil unseres Netzes, eines Netzes, dass nur hier in der Tiefe gesponnen wird.“

Alec spannte sich an, doch Mychael hob die Hand, als wollte er sagen: Lass ihn reden.

Der Blick des Fremden blieb unbeweglich. „Er gehört dir nicht und er gehört nicht zu dir.“

Mychael kniff sein Auge zusammen, der Arm zuckte. „Dann sag mir, wa ses ist und wie ich es loswerde.“

Der Shashakrieg neigte langsam den Kopf. Seine vielen Augen funkelten im Kristalllicht wie Splitter des Sterns. „Wir nennen sie die Spiralen. Sie sind Wächter, kleine Knoten der Welt. Was in dich gedrungen ist, war nie Gift. Es war ein Anker. Ein Teil unseres Netzes. Du spürst ihn wie Fäule – aber er ist eine Tür. Und du kannst nicht laufen, solange sie in dir verkehrt steht.“

Die Worte schnitten tiefer als jedes Messer. Mychael atmete schwer, wirklich alles in ihm drängte gegen die Fesseln. Seine Bitte kam ohne Zögern.
„Dann… befreie mich.“

Der Shashakrieg trat näher, seine Glieder bewegten sich lautlos. Eine Hand mit beinahe ledernen Haut legte sich auf Mychaels Arm. Das Vibrieren wuchs, erst brennend, dann erlösend. Etwas zerriss in seinem Innern, wie eine verborgene Kette, die zu lange gespannt war. Der Wirbel zuckte, bäumte sich auf – und brach.

Mychael stieß einen Laut aus, halb Schmerz, halb Befreiung.
Dann Stille.
Der Arm hing schwer, doch er gehörte wieder ihm.
Kein Summen, kein Dröhnen.
Nur Fleisch, Blut und ein Raum in ihm, der endlich wieder atmen konnte.
Der Shashakrieg zog die Hand zurück. „Kein Netz hält dich mehr. Doch denk daran, Mensch. Jede Spirale führt irgendwohin. Auch nach innen. Was du dort findest, entscheidest du allein.“





Das Licht blendete.

Nach Tagen in der Tiefe war selbst das fahle Grau des Morgens so scharf, dass Mychael das Auge zusammenkneifen musste. Der Wind roch nach Salz und Freiheit, trug den Schrei der Möwen heran und ließ die Segel der Schiffe knarren. Neben ihm ging Alec, das Kinn trotzig erhoben, als wolle er dem Hafen selbst beweisen, dass er es heil zurück geschafft hatte.
Mychaels Schritte waren schwerer. Nicht aus Müdigkeit, sondern weil jeder Tritt über den glatten Stein des Kais Erinnerungen weckte. Er hörte noch das gedämpfte Rauschen der Wasserfälle in der Schlucht, sah das Glühen der Kristalle, das ganze unterirdische Reich wie ein zweiter Himmel.
Und Varga.
Der Shashakrieg hatte ihn einfach so befreit – von dem Wirbel in seinem Arm und von der Last. Doch kaum war der Ritus vollzogen, hatten sie den Ort der Heiler verlassen müssen. Fremde durften dort nicht bleiben. Dennoch hatten sie in den darauffolgenden Tagen ein Stück der verborgenen Welt sehen dürfen: wie die Shashakrieg lebten, wie sie ihre Fäden spannen, wie sie sich in den Hallen versammelten, die tief in den Fels geschlagen waren.

Manches hatte Varga ihnen erklärt, knapp und bedacht, manches war nur Andeutung geblieben.
Doch genug, um zu begreifen: Die Geschichten über Spinnenmenschen, über Monster in der Tiefe, sie waren nicht wahr. Gefährlich konnten die Shashakrieg sein, ja – aber sie waren nicht die Bestien, als die man sie in den Geschichten fürchtete.
Im Gegenteil. Es lag in ihrem Interesse, dass die Welt draußen im Glauben blieb. Furcht war ein Schild, der sie schützte.

Einige Nächte hatten sie dort verbracht. Lange genug, um zu wissen, dass das Netz aus Schweigen und Gerüchten fester war als die stärksten Fäden. Und auch der Rückweg, den Varga selbst begleitete, hatte sie Zeit gekostet: wieder durch die Schluchten, die Engpässe, das Labyrinth aus Gängen, bis endlich das erste Licht sie traf.

Sie waren zurück an der Oberfläche.




Der Kai lag still vor ihnen, nur das Knarren der Taue und das Rufen vereinzelter Händler mischte sich in den Wind. Alec ging dicht neben Mychael, die Schritte gleichmäßig, so wie früher, wenn sie Schulter an Schulter unterwegs gewesen waren. Lange war es her, seit sie wirklich Zeit füreinander gehabt hatten. Alecs Frau hielt ihn nun mehr bei sich, und die Arbeit führte sie längst auf verschiedene Wege.

Und doch – hier, nach den Tagen in der Tiefe, fühlte es sich wieder an wie damals. Brüder, nicht durch Blut, sondern durch das, was sie miteinander überstanden hatten.
„Scheint, als hätten wir die Geister der Tiefe überlebt,“ murmelte Alec mit einem Anflug von trockenem Humor. Sein Blick war nach vorn gerichtet, doch Mychael bemerkte, wie er immer wieder unmerklich zu ihm herübersah. Prüfend. Wachsam.

Mychael erwiderte den Blick nicht, aber er wusste, was darin lag. Sorge.
Nicht die Art Sorge, die Misstrauen verriet, sondern die, die nur aus echter Nähe entstehen konnte. Alec hatte schon zu viel gesehen, zu viel verloren, um nicht vorsichtig zu sein.

Er selbst wiederum verspürte jedes Mal einen Stich, wenn sein Blick an Alecs fehlendem Arm hängen blieb. Eine alte Schuld, die er nicht abstreifen konnte – und die doch zwischen ihnen nie ausgesprochen werden musste. Alec hatte ihn längst verziehen. Mehr noch: Er war geblieben. Aber vergessen ließ es sich nicht.
„War gut, dass du mitgekommen bist,“ sagte Mychael nach einer Weile, die Stimme rauer, als er beabsichtigt hatte.
Alec zog eine Braue hoch. „War’s das? Ich hab vor allem geschwitzt, geflucht und viel zu wenig geschlafen.“
Dann lächelte er schmal. „Aber aye, es war gut.“

Sie gingen weiter, und für einen Moment war nichts als das Rauschen der Wellen zwischen ihnen. Ein seltener, stiller Friede. Vielleicht war es genau das, was dieser Ausflug für sie bedeutete: ein Stück gemeinsame Zeit, wie sie sie beide kaum noch hatten.
Und wenn auch die Schatten, die zwischen ihnen standen, nicht verschwanden – so hatte diese Reise doch gezeigt, dass sie sich immer noch tragen konnten.

Jetzt standen sie am Rand der Stadt, das Schiff in Sichtweite und der Abschied war nicht mehr weit.
Mychael blieb einen Moment stehen, legte die Hand an die Reling der steinernen Brüstung und sog tief die salzige Luft ein. Sein Arm fühlte sich fremd an – leicht, frei, so als wäre ein Teil von ihm neu geboren.
“Nur Fleisch, Blut – und das ferne Echo einer Stille, die er längst verloren geglaubt hatte.”

Seine Mundwinkel hoben sich kurz an.
Er würde wieder ganz der Alte sein...
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Mychael Dalvon
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Re: Ein verlorenes Auge ist wie ein verschlossenes Buch

Beitrag von Mychael Dalvon »

„Wer vertraut, hat schon verloren – oder gewonnen.
Denn Vertrauen ist wie ein Glas.
Zerbrechlich und klar.
Und wenn es bricht, bleiben die Erinnerungen wie kleine Dolche.
Und hinter der Erinnerung,
wartet der Schatten der Angst.
Dann spricht das Gewissen leise,
doch seine Stimme brennt tief.
Und Vorwürfe, die man sich macht,
sind Ketten, die man sich selbst anlegt.
Man will fliehen.
Aber wer flieht,
der trägt die Furcht wie einen Schatten auf den Schultern.
Und im Schatten lauert das,
wovor wir weglaufen.
Am Ende bleibt nur die Stille, in der wir uns selbst begegnen."

Der Regen hatte aufgehört, doch der Wind heulte noch in den Schluchten, wo sich das Meer gegen die Felsen warf. Die Nacht neigte sich dem Ende zu, und eine trügerische Ruhe lag über der Taverne Zum schattigen Krug.
Keine Gäste. Kein Feuer im Schankraum. Nur das Knarren des alten Gebälks im Sturm.
Das Licht des beginnenden Morgens glomm schwach durch die Ritzen, als schwere Schritte die Treppe hinab kamen.
Alec hielt die Lampe dicht vor sich. Der Gang war kühl und feucht, die Luft abgestanden. Schon seit Stunden war kein Laut mehr zu hören.
Keine Schläge, kein Rasseln der Ketten, kein Fluchen. Nur Stille. Resignation?
Er blieb vor der metallenen Tür stehen. Der Riegel war verschlossen, genau wie er es gelassen hatte. Kein Laut drang von drinnen. Nur diese bleierne, drückende Ruhe, die schwerer wog als jedes Geräusch.
Er beugte sich vor, legte das Ohr an das Metall.
Nichts. Kein Atmen. Kein Bewegen.
„Verdammt“,murmelte er und richtete sich auf.
Wenn dem Kerl da drinnen etwas passiert war, er am Ende Hilfe brauchte...
Mychael hatte ihn gewarnt, sich nicht einzumischen. „Warte bis zum ersten Licht“, hatte er gesagt. „Ich kümmere mich dann darum.“
Aber Mychael war fort und die Unruhe wuchs in Alec wie kaltes Wasser, das durch die Haut sickerte.
Er seufzte, griff nach dem Schlüssel, der kalt in seiner Hand lag.
„Nur kurz nachsehen,“ murmelte er, als müsse er sich damit selbst die Erlaubnis erteilen.
Das Metall drehte sich mit einem dumpfen Klick.
Er zog den Riegel.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Kalte Luft schlug ihm entgegen – feucht, schwer.
Sie roch nach Erde und nach etwas anderem.
Er hob die Lampe, leuchtete hinein.
Nur Finsternis.
Fels, Schatten, Stille.
Er machte einen Schritt hinein.
Der Boden war glatt, feucht. Etwas tropfte.
Das Echo verlor sich irgendwo im Dunkel.
Etwas lag in der Luft – eine Spannung, die sich wie feine Nadeln auf die Haut legte.
Dann – aus der Tiefe – ein Laut.
Kein Wort, kein Ruf, sondern etwas dazwischen.
Ein Atem. Ein Beben.
Alec hielt die Lampe höher, zögerte.
„He?“
Der Schein flackerte.
Etwas bewegte sich.
Ein Schatten, zu schnell, zu nah – und dann war nur noch Dunkelheit.



Im Hier und Jetzt, Jahre später, mitten in Rahal, hatte sich der Wind ebenso gelegt.
Doch das Meer rauschte noch, dumpf und stetig in der Ferne, als atme es im Schlaf.
Immerhin irgendjemand, irgendetwas, das seine Ruhe fand.

Mychael gehörte in dieser Nacht nicht dazu.

Über den Dächern von Rahal hing der Mond – bleich, ungeduldig – und in seinem Licht schien selbst der Frost zu atmen, der den nahenden Winter ankündigte.
Er stand einen Moment still auf dem Weg vor seinem Haus, das Hemd halb offen, das Haar vom Wind zerzaust.

Er spürte die Kälte nicht wirklich.
Aber sie erinnerte ihn daran, dass er noch da war.
Dass sein Herz schlug.
Und heute schlug es verflucht unruhig.
Dieser Herzschlag hielt ihn wach.

Er trat ein und ließ die kalte Luft hinter sich. Die Angeln der Tür ächzten, als wären sie selbst müde von all den Nächten, die er in den letzten Jahren durchwacht hatte.
Manchmal schlief er tief, traumlos, fiel wie ein Stein in die Dunkelheit. Aber nicht heute.
Und nicht zu dieser Zeit.
Das Feuer im Kamin war längst erloschen, die Glut nur noch matt. Doch er machte keine Anstalten, sie neu zu entfachen.
Licht bedeutete Unruhe – und davon hatte er genug.

Es lässt mir keine Ruhe. Wie bist du darauf gekommen?

Der Satz, seine eigene Handschrift – hart, gedrückt, fast wütend?
Er strich mit den Fingern darüber, und das Rascheln des Papiers klang in der Stille wie ein Vorwurf.
Aus einer leisen, beruhigenden Melodie war auf einmal eine Bedrohung geworden, nur wenige Momente hatte es gebraucht.Manchmal verwandelte sich selbst ein leiser Gedanke in einen Schnitt, wenn man ihn zu Papier brachte. Nur damit, hatte er sich selbst geschnitten, tief ins Fleisch hinein und die Wunde war offen. Sie lag frei.


Er atmete tief ein, langsam, gezwungen ruhig. Doch das Herz schlug zu laut, zu ungleichmäßig.
Ein Schatten huschte über die Wand, als draußen ein Zweig im Wind schlug. Mychael hob den Kopf, lauschte.

Nichts.

Nur Stille.

Er wusste, dass Schlaf ihn heute nicht finden würde. Dennoch ging er hinunter. Allerdings nicht zu seinem Bett. Sein Auge richtete sich auf die Wand.
Die Wand gegenüber.
Die falsche Wand.
Er blieb davor stehen.

Ein Fingerstrich über den Stein und der verborgene Mechanismus antwortete mit einem kaum hörbaren Klicken, gab den Blick auf das Schlüsselloch frei, das man kaum erkennen konnte, so perfekt saß es im Stein. Das leise Knirschen, als er den “Schlüssel” benutzte, den er immer am Körper trug.
Er kannte jedes Geräusch, jeden Atem dieses Ortes.
Er öffnete den Durchgang.
Ein schmaler Spalt, kein Licht.
Dann trat er ein.

Der Raum empfing ihn mit derselben Stille wie immer – aber sie fühlte sich nicht mehr nach Stille an.
Sie fühlte sich an wie ein Blick.
Wie eine Erinnerung, die jemand berührt hatte. Vermutlich nur ungewollt und nur ein entferntes Streifen und dennoch schrie alles in ihm: Tu etwas dagegen! Verhindere es!
Sein Blick durch die Dunkelheit, über die Truhen, weiter bis ans Ende des kleinen Ganges.
Nichts fehlte. Nichts war bewegt.
Und doch wusste er – jemand war hier gewesen.
Vielleicht nicht mit den Händen.
Aber mit Gedanken.

Er lehnte sich gegen die Wand, dicht neben der Türe, sank langsam zu Boden, die Knie angewinkelt, die Arme darauf abgelegt.
Der Stein war kalt, aber es half nichts gegen die Unruhe, die in ihm wuchs.

Wie bist du darauf gekommen?

Seine Worte hallten in ihm nach, schärfer als er sie gemeint hatte. Er hatte sie geschrieben, weil er sie nicht sagen konnte. Geschriebenes Wort hatte keinen Ton, keine Melodie, es ließ so vieles offen, frei für Interpretation. Manchmal klangen sie härter als beabsichtigt und manchmal einfach nur harmlos.
Diese Worte waren aber nicht harmlos und jetzt klangen sie wie ein Geständnis.

Er fuhr sich über das Gesicht, rieb die Schläfen, atmete tief durch.
Die Luft vibrierte.

Draußen heulte der Wind wieder auf, trieb ein loses Stück Dachziegel gegen die Mauer.
Er hob den Kopf, lauschte – und wusste, dass es zu spät war, um Ruhe zu finden.
Die Nacht war zu klar. Der Mond zu hell.
Und irgendwo dort oben, in dieser silbernen Kälte, lauerte die Erinnerung.

Er blieb noch lange unten.
Nicht, weil er etwas zu bewachen hatte.
Sondern eher, weil er keine schlafenden Hunde wecken wollte.

„Der Raum reflektiert den Schall an einer Wand…“
„Ich kann Schlösser knacken.“
„Nein, hab ich nicht. Nein, werde ich nicht. Ja, werde ich.“


Er wusste nicht, was ihn mehr beunruhigte – die geschriebenen Worte, oder eher das, was unausgesprochen dahinter wartete.
Die Worte allein brannten wie kleine Brandmale in seinem Kopf.

„Nein, hab ich nicht. Nein, werde ich nicht. Ja, werde ich.“

Vielleicht sogar ein wenig Spott, Zuneigung, Rätsel – alles auf einmal. Zwischen Lachen und Ernst, so dass man nicht wusste, wo die Wahrheit nun lag. Ein deutlicher Fluch in der Stille, als ihm klar wurde, dass er die Antworten wissen wollte und gleichzeitig nicht, weil sie ihm wahrscheinlich nicht gefallen würden.

Mychael stieß sich von der Mauer ab, langsam, wie einer, der die Bewegung scheut. Sein Blick fiel zurück auf den dunklen Stein.
Er hatte den Mechanismus dort selbst gebaut – kein Schloss aus Metall, sondern aus Gedächtnis.
Wer wusste, wie er dachte, hätte vielleicht die Lösung gefunden.
Und sie war nun einmal so viel klüger, als sie vorgab zu sein.
Verdammt.
Er hätte es wissen müssen.

Sein Auge glitt durch den Raum.
Er fuhr sich über den Nacken, spürte die Anspannung, die sich nicht lösen wollte. Er hätte sich gerne darauf eingelassen, einfach da gesessen, die Augen geschlossen und für einen Moment vergessen, dass die Welt ihn noch immer beobachtet. Aber so einfach war es nicht. War es nie gewesen.
Und noch einmal würde er keinen so fundamentalen Fehler begehen.


Draußen zuckte ein Lichtstreif am Horizont auf – kaum sichtbar, ein matter Schimmer über den Dächern Rahals und bei den Bodenfenstern kaum spürbar, kaum einen Unterschied machend.
Der Mond war schon im Sinken, aber sein fahles Leuchten hing noch über der Stadt.
Und doch fiel etwas davon durch das bunte Glas.
Sein Gesicht reflektierte sich einen Augenblick, ein fremder Blick sah ihm entgegen, fremd oder eher vergessen – müde, wachsam, fast feindselig.
Er hielt dem Blick einen Atemzug lang stand.
Dann wandte er sich ab.
Die Dunkelheit hinter der verborgenen Wand schien zu atmen.
Er lauschte noch einmal, vergeblich.
Nichts.
Nur Stille.
Dann schloss er die Tür, und der Mechanismus verriegelte sich mit einem kaum hörbaren Klicken.
Ein letzter, ruhiger Ton in einer Nacht, die keine Ruhe kannte.
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Mychael Dalvon
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Re: Ein verlorenes Auge ist wie ein verschlossenes Buch

Beitrag von Mychael Dalvon »

Nicht jeder, der kämpft, tut es aus Zorn.
Manche kämpfen, weil Wegsehen tödlicher wäre.
Manchmal ist die größte Gefahr nicht das, was man jagt –
sondern das, was man dafür werden muss.
Und doch ist es der Zorn, die Wut, die in einem brennt,
die einen antreibt,
wenn die Entscheidung längst gefallen ist.
Die Entscheidung zu schützen.
Wer schützen will,
zahlt jedoch selten mit Blut.
Meist mit Einsamkeit.
Nähe, die versprochen und entzogen wird,
schneidet dabei tiefer als jede Klinge.
Und manche Abwesenheiten wiegen schwerer
als ein Raum voller Menschen.
Und wer lange genug schützt, lernt,
dass Rettung und Schuld oft dieselbe Form haben.
Es gibt Winter, die enden.
Und solche, die man mitnimmt.
Die Geschichte selbst ändert sich nicht –
aber der, der sie erinnert, tut es.




Der Schnee knirschte noch leise unter seinen Stiefeln, als Mychael die Tür hinter sich schloss.
Kälte hing an ihm wie ein Mantel, den er nicht sofort loswurde, die ihn aber auch nicht im Geringsten zu stören schien. Er kannte sie zu gut, um sich von ihr beeindrucken zu lassen.
Er war mit Schnee aufgewachsen, auf einer Insel weit im Norden, wo der Winter kein kurzer Besucher war, der nur einmal vorbeischaute, sondern ein fester Teil des Lebens. Dort lernte man früh, wie sich Frost auf der Haut anfühlte, wie der Atem in der Dunkelheit stand, wie man weiterging, auch wenn die Finger taub wurden.

Kälte war nie ein Feind gewesen – nur ein Zustand.

Und selbst jetzt, Jahre später, war da etwas in ihm, das ihr nichts entgegenzusetzen brauchte.
Etwas Altes. Zähes.
Die Kälte fand keinen Halt an ihm.

Die Nacht draußen war klar gewesen, bitterkalt, und der Mond hing scharf am Himmel wie geschliffenes Metall. Im Volksmund nannte man ihn den Wolfsmond. Der erste Vollmond des Jahres trug diesen Namen, weil im tiefsten Winter die Wölfe lauter heulten als sonst – nicht aus Raserei, sondern aus Hunger. Aus Mangel. Aus dem nackten Willen zu überleben.
Sie spiegelten nur, was auch die Menschen kannten und doch trugen ihre Stimmen Angst in sich, weil man im Heulen stets mehr hörte als nur ein Tier.

Einen Mantel hatte er nicht getragen, als er aus dem Haus gerauscht war. Der schwere Stoff des Plaids hatte genügt und nun ließ er es auf den Tisch fallen, als müsse sein Körper erst wieder lernen, ihm zu folgen. Seit Tagen war dieses Gefühl da – als bewege er sich schneller, als er selbst nachkam. Stillstand war unerträglich geworden. Er musste gehen, musste Schritte machen, musste Raum zwischen sich und die Gedanken bringen.

Er nahm die schmale Treppe in den Keller.

Mit jedem Schritt senkte sich die Stille. Nur das dumpfe Echo seiner Stiefel im alten Haus, das leise Arbeiten des Holzes, das knarrte und sich spannte wie ein lebendiger Leib.

Die Wut war noch da.
Sie glomm unter der Haut, hartnäckig, unausgesprochen.

Doch die Kälte, die klare Luft hatten ihr die Schärfe genommen. Geblieben war das stetige Echo der Frage, die sich in seinem Innern festgesetzt hatte, unausweichlich, unerbittlich:

Wen schützt du?

Der Hunger kam leise.
Nicht der nach Fleisch. Nicht der nach Sättigung.
Ein anderer.
Tiefer.
Nach Nähe.
Nach Wahrheit.

Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Sie streiften durch Rahal, durch die Oberstadt, kehrten zurück, drehten sich im Kreis, als suchten sie einen Ort, an dem sie endlich zur Ruhe kommen durften – und fanden keinen.

Hier unten war die Luft anders. Wärmer. Schwerer.

Das Kaminfeuer war fast erloschen, nur ein matter Glutschein lag noch in der Asche, wie der Rest eines Atems. Mychael kniete sich davor, legte zwei Scheite nach, beugte sich vor und blies einmal kurz hinein. Das Feuer antwortete widerwillig, dann mit einem leisen Knacken, als hätte es nur geschlafen und sei nun unschlüssig, ob es wieder erwachen wollte.

Er setzte sich in den Sessel daneben.
Ließ sich sinken.
Seine Hände lagen offen auf den Lehnen, schutzlos fast und für einen Moment schloss er die Augen. Das Bett oben war leer und kalt und er verspürte keinen Wunsch, es aufzusuchen.
Nicht jetzt.
Vielleicht später.
Vielleicht auch nicht.
Stattdessen regte sich wieder dieses Lodern in ihm.
Die Wut, die er so verzweifelt im Donnerholm hatte lassen wollen, kroch zurück – leiser, tiefer, gefährlicher.

Sein Blick fiel auf den Brief, der noch auf dem Tisch lag.
Noch neu genug, dass das Pergament nicht weich war, die Kanten scharf, das Siegel erst vor wenigen Stunden gebrochen.
Alec.
Mychael würde die Handschrift sofort und überall erkennen – kantig, gedrängt, als hätte sein Freund nie gelernt, Gedanken langsam zu Papier zu bringen.

Er nahm den Brief nicht auf.

Nicht noch einmal und garantiert nicht heute nach diesem Abend. Nicht jetzt, wo er spürte, dass der Zorn, die Wut nicht einfach nachlassen, sondern nur weiter hochkochen würde und die Worte Alecs, die immer noch in seinem Kopf nachhallten viel mehr waren als eine Warnung.
Sein Blick blieb an ein paar Zeilen hängen, die er längst auswendig kannte, obwohl er sie nicht lesen wollte. Worte, die mehr sagten, als dort eigentlich stand. Worte, die Dinge berührten, die er sorgsam weggeschob.

Das Feuer knackte leise.
Ein Funke sprang auf, verglühte.
Der Schatten an der Wand bewegte sich – und für einen flüchtigen Augenblick war es, als säße dort jemand anderes. Lässiger. Lauter. Mit einem schiefen Grinsen, das immer Ärger versprach. Mit beiden Armen noch unversehrt, den Krug schon halb geleert.

Mychael atmete langsam aus.
„Verdammt“, murmelte er leise, mehr Feststellung als Fluch.

Die Taverne drängte sich ungefragt in seine Gedanken. Der Geruch von Rauch und Bier, das Stimmengewirr, das Lachen, das immer zu laut gewesen war. Abende, die zu spät endeten, Nächte, in denen die Welt einfacher gewesen war – oder zumindest so getan hatte.
Er senkte den Blick.
Es war still im Raum, aber das Fehlen war spürbar.
Und während das Feuer höher schlug und der Keller sich mit Wärme füllte, ließ sich die Erinnerung nicht länger zurückhalten – schwer, vertraut, schmerzhaft nah.
Damals war kein Winter.


Der schattige Krug - oder auch die neue Heimat

Es gab Abende, an denen der schattige Krug wie ein eigener Organismus wirkte, ein atmendes, pulsierendes Wesen voller Stimmen, Lachen, Flüche und dem unruhigen Rumpeln unzähliger Stiefel auf den alten Dielen.
Der Geruch von Bratenfett, verschüttetem Bier, Tabak und feuchtem Leder hing schwer im Raum und legte sich wie ein zweites Hemd auf die Haut.
Die Taverne brüllte vor Leben.
Und irgendwo in dieser brodelnden Masse bewegte sich Mychael wie ein Ruhepol, der dennoch alles im Blick behielt.
Er arbeitete meist in der dunkel gegerbten Lederhose seiner Rüstung. Nicht einmal hier konnte er sich komplett davon trennen. Das weiche, geölte Material schmiegte sich an seine Beine, knarrte leise, wenn er sich bückte oder zwischen den Tischen hindurchging. Der Brustschutz und die Armschienen hingen über einem Stuhl in der kleinen Kammer hinter dem Tresen — griffbereit, falls er sie brauchte, aber fern genug, um nicht im Weg zu sein. Dennoch gab ihm allein die Hose ein wenig das Gefühl, dass er immer hatte, wenn er auf der Jagd unterwegs war.
Das Gefühl von Freiheit, ein Halt, eine zweite Haut.
Die Jagd war sein Leben.

Ab und an durfte er sich deswegen etwas anhören.
„Sag mal, bist du sicher, dass du mich nicht gleich verhaften willst?“, rief ein Stammgast einmal grinsend, während er sein fünftes Bier hob und mit dem Fuß gegen den Holzsockel des Tresens stieß.
Mychael hatte nur kurz zu ihm hinüber geblickt. Die Brauen leicht zusammengezogen, das Kinn leicht vorgereckt, wie er es tat, wenn er eigentlich zu müde war, um sich wirklich aufzuregen. Ein kaum hörbares „Wenn du mir weiter auf den Sack gehst, vielleicht.“ glitt über seine Lippen — trocken, beinahe beiläufig.

Alec, der sich gerade zwischen zwei Tischen durchschob und drei Becher balancierte, lachte so laut und herzlich darüber, dass selbst die Betrunkenen einstimmten.
„Lass ihn“, rief Alec mit diesem warmen Lachen, das jeden Streit wegspülte. „Mychael macht nichts halb — nicht mal schlechte Laune. Und wer das nicht aushält, soll ’nen Becher mehr trinken!“
Ein paar Gäste pfiffen, ein paar klopften mit den Krügen auf die Holztische. Mychael schüttelte nur den Kopf, während er ein Fass nachzog und mit dem Handballen prüfte, ob der Zapfhahn fest saß. Seine Mundwinkel zuckten — kaum sichtbar, aber für Alec, der ihn kannte wie kaum ein anderer, reichte es.
Alec zwinkerte ihm zu.
Mychael knurrte nur ein „Halt’s Maul,“ das keineswegs böse gemeint war.

Und der Abend ging weiter wie so viele davor: laut, warm, lebendig.



Der Felsenkeller - oder auch “unten”

Der Keller lag wie ein zweites Herz der Taverne hinter einer schmalen, rußgeschwärzten Tür, deren Eisenbänder bei jeder Berührung leise ächzten. Sobald sie geöffnet wurde, drang ein Schwall schwerer Kellerluft nach draußen — warm von den Öllampen, die dort unten nie ganz erloschen, und durchzogen vom Geruch nach altem Holz, gutem Whisky und dem dumpfen, metallischen Hauch von Schweiß.

Der größere Raum im Felsenkeller war keine noble Arena. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde, die Wände waren roh behauener Fels, in denen sich die Hitze der Körper und die Spannung der Nächte wie ein unsichtbarer Schleier fingen.
Wenn sich dort unten die Kämpfer gegenüberstanden, hörte man im ganzen Raum ein leises Knacken der Gelenke, das Stapfen nackter Füße, das ungeduldige Schnauben eines Mannes, der sich Mut antrank.
Die Luft vibrierte vor Erwartung, vor Münzen, die im Halbdunkel klirrten, und Worten, die geflüstert wurden, weil niemand zu laut reden wollte, bevor der erste Schlag fiel. Und immer, wirklich immer, lag unter all dem eine Art elektrisches Knistern — nicht nur wegen der Kämpfe, sondern wegen der Geschäfte, die im Schatten des Rings verhandelt wurden.

Für Alec war dieser Raum ein Ort des Spektakels.
Für Mychael war er Teil einer gut geölten Maschinerie.
Ein Zahnrad in etwas Größerem.
Etwas, das funktionierte.

Und beide wussten: Die Taverne wäre ohne dieses Herz nur halb so lebendig gewesen.

Mychael stand oft im Türrahmen, die Arme locker verschränkt, die Lederrüstung im Licht der Öllampen matt glänzend. Sein Blick war ruhig, beobachtend, wachsam. Er hatte eine Art, die Lage eines Raumes in wenigen Herzschlägen zu erfassen, die Kämpfer zu mustern, die Risiken zu bewerten, ohne dass er dafür viele Worte benötigte.
Einmal bemerkte er eine Frau — jung, nervös, mit einem Beutel Münzen, die sie unruhig zwischen den Fingern drehte.
„Auf wen setzt du?“ murmelte er, ohne die Augen vom Ring zu nehmen.
„I-ich weiß nicht… der Große sieht stark aus.“
„Stärke ist nicht alles“, murmelt er, neigte den Kopf kaum merklich. „Er weicht schon auf dem linken Bein aus. Er verliert die Balance nach drei Treffern.“
Sie folgte seinem Rat — und gewann.
Nur drei Treffer später.
Als sie sich bei ihm bedanken wollte, hob er nur leicht die Schulten.

Alec war eigentlich derjenige, der oben alles zusammenhielt.
Er regelte, verhandelte, kassierte, schlichtete Streitereien, noch bevor sie laut wurden und kannte jeden Blick, jedes falsche Wort, das Ärger bedeuten konnte.
Die Taverne lief, weil er wusste, wann er präsent sein musste.
Aber manchmal kam er trotzdem nach unten.
Nicht, weil es nötig war – sondern weil er es wollte.
Hier, im Halbdunkel, sonnte er sich förmlich im Schattenreich. Er mischte sich unter die Gäste, lachte zu laut, ließ sich auf Gespräche ein, die nichts einbrachten außer Zeit. Und Mychael sah ihn dann an wie jemand, der weiß, dass sein Freund nah an einer Klippe entlang geht – und zugleich weiß, dass genau das der Grund ist, warum er es tut.



Das Spielzimmer - oder auch "am großen Tisch"

Die Nächte waren nie gleich, aber die Muster wiederholten sich.
Und immer wieder waren diese Abende, an denen auf einmal eine Stille in der Taverne herrschte. Eine Stille, die nicht zu dem Ort passte. Keine betrunkene Menge, kein Gesang, kein Klirren von Bechern. Die Tür oben war verriegelt, die Fensterläden geschlossen und nur ein einziger schmaler Docht brannte in einer schweren Laterne, die ihr warmes Licht über die rohe Steinwand warf.
Wenn die Taverne offen war, gab es an den groben Holztischen immer wieder Karten, Münzstapel oder auch Würfel. Hier oben wurde mit Glück gespielt.
Mit Hoffnung. Mit Geld, das man sich leisten konnte, zu verlieren — oder glaubte, es zu können. Die Einsätze waren niedrig, das Gelächter laut, die Enttäuschung ebenso. Wer verlor, fluchte. Wer gewann, bestellte die nächste Runde.
Der Raum im Keller hingegen war ein anderer.
Der Zugang lag unscheinbar, fast übersehbar und wurde nicht bewacht — jedenfalls nicht offensichtlich. Wer hierher wollte, wurde eingeladen. Oder mit einem Blick wieder nach oben geschickt.
Würfel hatten hier keinen Platz.
Glück auch nicht.

Das Licht war gedämpft, gezielt. Es fiel auf den Tisch, nicht auf die Gesichter. Schatten waren gewollt. Sie verbargen Regungen, machten aus jedem Zucken eine mögliche Lüge. Gespräche wurden leise geführt, oft nur angedeutet, denn Worte waren hier weniger wert als ein ruhiger Blick zur rechten Zeit.

Der Kartentisch unten war kein Möbelstück, sondern eine Ansage.
Massives, dunkles Holz, breit genug, dass acht Personen bequem Platz fanden, die Oberfläche glatt wie polierter Stein. Keine Kerben, keine Spielspuren — wer hier spielte, tat es mit Kontrolle. Gold lag nicht offen herum, sondern in gezählten Stapeln, sauber, geordnet. Wer sein Vermögen nicht beherrschte, beherrschte hier gar nichts.

Ein einzelnes Kästchen aus dunklem Holz, schmal, unscheinbar, zog allerdings immer die Blicke auf sich.

Wenn das Spiel dort unten begann, war es Alec, der es öffnete.
Und zwar langsam.
Nicht aus Show, sondern aus Gewohnheit.
Die Karten darin waren anders. Schon beim ersten Blick war klar, dass es kein gewöhnliches Spiel war. Das Pergament war dicker, beinahe stofflich, die Kanten sauber geschnitten und nicht gestanzt. Jede Karte trug ein feines Relief, Linien so präzise, dass sie eher graviert als gedruckt wirkten. Kein Bild glich dem anderen und doch gehörten sie zusammen – Symbole, Figuren, Andeutungen von Geschichten.

Wenn Alec die erste Karte auf den Tisch legte, war es meist für einen Moment vollkommen still.
Das leise Aufschlagen klang schwerer, als es sollte.

Zu dem Zeitpunkt stand Mychael ein Stück abseits, nahe der Wand, halb im Schatten. Seine Augen ruhten auf dem Tisch, auf den Karten, auf den Händen, die sie berührten.
Er sagte nichts. Er musste es nicht.
Er kannte jede Linie.
Wusste, wo das Pergament minimal dicker war, wo das Metall unter der Oberfläche lag – hauchdünn, nur dort, wo es nötig war. Er wusste, wie oft ein Motiv neu angesetzt worden war, bis es stimmte. Und Alec wusste, welchen Kartensatz man wann zeigte – und welcher besser im Kästchen blieb. Dieses Kästchen war ein Vermögen wert.

„Ein besonderes Spiel“, murmelte einer der Gäste schließlich, ehrfürchtig genug, um nicht unhöflich zu klingen.
Alec lächelte nur schief. Wie besonders, das wusste keiner von den Idioten am Tisch.

Die Einsätze wurden genannt. Hoch. Höher, als man es oben je gewagt hätte. Gold wechselte die Hände, langsam, bedacht. Niemand griff hastig nach den Karten. Wer hier spielte, wusste, dass Ungeduld bestraft wurde.

Mychael beobachtete, wie Alec mischte.
Ruhig.
Sicher.
Als würde er nicht Karten bewegen, sondern Zahnräder ineinandergreifen lassen.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke.
Kein Lächeln.
Kein Nicken.
Nur dieses stumme Einverständnis zwischen zwei Männern, die etwas geschaffen hatten, das größer war als der Raum, in dem es nun lag.

Das Spiel begann.

Und mit jeder ausgespielten Karte wurde klar:
Hier unten ging es nicht darum, zu gewinnen.
Sondern darum, ob man es wert war, überhaupt mitzuspielen.

Mychael kam meistens erst später mit an den Tisch, löste seinen Freund unter einem Vorwand ab. Vorher lehnte er meist im Schatten an der Wand, die Hände locker vor der breiten Brust verschränkt. Bot ab und an Getränke an und derweil huschte sein Blick nicht nervös — er glitt. Langsam. Prüfend. Er nahm jedes Zucken wahr, das die Spieler selbst nicht bemerkten: ein kaum spürbares Zittern am Mundwinkel, ein Finger, der den Kartenrand zu lange festhielt, ein zu tiefes Einatmen, bevor jemand erhöhte.
Nicht aus Misstrauen.
Aus Gewohnheit.
Aus dem Wissen heraus, dass Menschen immer etwas verraten, wenn man nur lange genug hinsah.
Alec hingegen saß fast immer mitten im Geschehen, das Lächeln breit, die Hände unruhig, die Stimme warm und verlockend wie ein versprochenes Festmahl. Wo Mychael las, interpretierte Alec. Wo Mychael schweigend entschied, sprach Alec die Worte, die den nächsten Zug bestimmten.
Sie spielten selbst mit — aber nie zufällig.
Nie impulsiv.
Sie verloren dort, wo ein Sieg misstrauisch gemacht hätte. Und sie gewannen nur dann, wenn der Tisch bereit war, wenn die Stimmung es trug, wenn die Gegner abgelenkt, betrunken, übermütig oder bereits zu sehr im Glauben an ihr eigenes Glück gefangen waren.
Wer sie zum ersten Mal sah, erkannte nicht, wie präzise sie arbeiteten.
Aber wer öfter am Tisch saß, verstand irgendwann:
Alec war der Mund.
Mychael war das Auge.
Und zusammen waren sie etwas, das man nur selten sah— ein Gespann, das nicht vom Zufall lebte, sondern vom Verstehen der Menschen.

Nacht für Nacht bauten sie so etwas auf, das weit mehr war als Münzen.
Es war Einfluss.
Es war Respekt.
Und vor allem war es eine Freiheit, die beide sich nie hätten träumen lassen, als sie noch auf Decks geschuftet hatten, vom Salz zerfressen und vom Wind gejagt.

An einem Abend ließ sich ein grauhaarige Jäger nach dem letzten Spiel schwerfällig auf einen der Sessel sinken und stopfte seine Pfeife, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. „Ihr beiden verdient euch dumm und dämlich“, knurrte er schließlich, als würde allein der Gedanke ihm Bauchschmerzen bereiten.
Alec reagierte sofort. Sein Grinsen schob sich langsam über sein Gesicht, erst schief, dann frech. Er legte einen Ellenbogen auf den Tisch und schob seinen Stuhl ein Stück näher, als wolle er sich über den Jäger lustig machen, ohne es ganz offen zu tun. „Wenn du’s so nennen willst“, sagte er lässig. „Ich sag: Wir nutzen Gelegenheiten.“
Seine Stimme war leicht, fast singend und sein Blick wanderte zu Mychael, der neben ihm saß, als erwarte er dessen Kommentar – oder Zustimmung.
Mychael hob den Kopf nur ein wenig, als würde er aus einem Gedanken auftauchen, den niemand sonst kannte. Seine Augen ruhten auf dem Jäger, ruhig, aber seltsam wachsam. Dann lehnte er sich vor, verschränkte die Finger und in der Bewegung lag eine Selbstverständlichkeit, die Alec nie so recht einschätzen konnte.
„Gelegenheiten kommen zu denen, die wissen, wie man sie erkennt“, sagte Mychael ruhig. Kein Grinsen, kein drohender Unterton – nur diese leichte Schärfe, die man erst bemerkte, wenn man ihn gut kannte.
Während er sprach, wanderte eine Haarsträhne in sein Gesicht, und er strich sie beiläufig zurück. Doch seine Augen blieben fest auf den Jäger gerichtet, als würde er mehr sehen als nur Ärger oder Neid – etwas Tieferes, das der alte Mann selbst nicht aussprechen wollte.
Alec stieß ihn mit dem Fuß an, ein stummes „Jetzt übertreib’s nicht“, doch Mychael reagierte nicht. Er saß da, entspannt und zugleich angespannt wie jemand, der sehr genau weiß, was er tut. Sein Mundwinkel zuckte kaum merklich – ein fast unsichtbares Lächeln, das weder freundlich noch unfreundlich war, sondern schlicht...undurchschaubar.

Der Jäger schnaubte, als hätte er plötzlich das Gefühl, gegen zwei Gegner spielen zu müssen, von denen einer offen lachte und der andere lächelte, ohne dass man wusste, warum. Alec zog die letzte Münze über den Tisch zurück zu ihm. „Nimm das als Erinnerung“, meinte er leicht. „Nicht jeder Tisch ist dafür gedacht, regelmäßig besucht zu werden.“
Mychael ergänzte leise: „Aber gute Abende sollte man nicht schlecht in Erinnerung behalten.“

Das Spiel für den Jäger war an der Stelle zu Ende. Gezielt, bewusst. Er würde nicht mehr am Tisch sitzen. so wie viele andere auch.



Die Jagdstube - oder auch "die Trophäe"

Der Raum war nur über eine schmale Seitentreppe zu erreichen, die in der geschäftigen Taverne kaum jemand bemerkte. An den meisten Abenden war die Tür oben verschlossen, doch in bestimmten Nächten, wenn die letzten Gäste gegangen waren und die Laternen im Schankraum längst herunterbrannten, wurde er geöffnet.
Für die Eingeweihten.
Für jene, die zahlten.
Im Inneren herrschte eine andere Welt. Kein Klirren von Bierkrügen, kein Grölen der Betrunkenen — nur gedämpftes Licht, das von schweren, lederüberzogenen Sesseln geschluckt wurde.
Trophäen jagdbarer Tiere hingen an den Wänden: Hirschgeweihe, Wildschweinhauer, sogar ein alter Bärenkopf, dessen Glasaugen im Halbdunkel funkelten.
Der Raum roch nach altem Leder, Zigarrenrauch und dem süßen, öligen Hauch teuren Whiskys.
Hier wurde verhandelt, es wurden Geschäfte gemacht.

Alec schob sich gerade zwischen den Sesseln hindurch, drei schwere Kristallgläser in den Händen, aus denen der Whisky bernsteinfarben schimmerte. Der Boden war dick mit einem gewebten Teppich belegt, der jeden Schritt dämpfte, aber Alec schaffte es trotzdem, beinahe über eine querstehende Fußbank zu stolpern. Ein gedämpftes Lachen ging durch den Raum, eines dieser scharfen, überheblichen Geräusche, die sofort verrieten, wer hier das Geld hatte und wer nicht.
Die Männer, die an diesem Abend erschienen waren, trugen Pelzkrägen und Parfüm aus jenen Ländern, in denen ein Fläschchen so viel kostete wie ein Monatslohn. Sie rauchten langsam, genossen ihre eigenen Geschichten, sprachen laut über Pferde, Gewinnbeteiligungen und Dinge, die sie erlegt hatten — oder glaubten erlegt zu haben.

Doch das eigentliche Geschäft geschah dort, wo Mychael stand.
Im Halbdunkel, dort, wo der Schein der Kristallgläser nicht mehr hinreichte, war er nur eine breite, ruhige Silhouette – und trotzdem der Mittelpunkt des Raums. Er brauchte keinen Platz am Tisch. Er war der Tisch, an dem die wichtigen Entscheidungen fielen.

Die Männer warfen ihm Blicke zu, die sie selbst nicht ganz verstanden. Etwas zwischen Respekt und jener leisen Furcht, die man spürt, wenn ein Raubtier ungewöhnlich still bleibt. Mychael nickte nur hin und wieder, eine Bewegung so sparsam, als wolle er nie mehr zeigen als nötig. Doch jedes seiner knappen Worte konnte den Verlauf einer Jagd verändern – oder das Ende einer.

Sie suchten ihn nicht auf, weil sie ihn mochten.
Sondern weil er der Einzige war, der verrückt genug war sie in jene Wälder zu führen, in denen die Beute den Preis rechtfertigte.
Wälder, die lebten. Wälder, die töteten.

Mychael war dort soviel unterwegs, dass er wusste, wo die Spuren frischer waren als der Atem eines Tieres.
Er wusste, wann ein Hirsch schon auf der Flucht war, bevor er selbst wusste, dass er fliehen würde.
Und er wusste, wie nahe man einem Bären kommen konnte, bevor die Grenze fiel – und was zu tun war, wenn man sie überschritt.

Er war der Grund, warum diese reichen Männer wieder aus dem Wald kamen.
Er war der Grund, warum ihr Blut nicht auf dem Boden landete.
Und er war auch der Grund, warum niemand je erfuhr, wie knapp manche von ihnen daran vorbeigeschrammt waren, nie wieder an einem Kartentisch zu sitzen.
Und dabei sorgte er immer dafür, dass niemand wirklich wusste, wozu er fähig war.
Unfälle passierten.

Das Gold verdienten sie zwischen den Bäumen, dort, wo die Stille urteilte und Mychael entschied.
Die Kartenspiele oben waren nur das Echo davon.
Ein angenehmer, gut bezahlter Schatten.

Sie hätten ewig so weitermachen können.
Nächte voller Stimmen, Gelächter, rauer Lieder.
Krüge, die nie ganz leer wurden. Ein Leben, das sich selbst trug.



Aber das Leben hatte einen anderen Plan.
Manche Schicksale kamen leise. Andere rissen ganze Städte in Stücke.
Bei ihnen begann es klein. Mit dem Leichnam eines Fischerjungen, an den Strand gespült, als hätte das Meer ihn ausgespien. Zerrissen. Gerissen. Die Spuren zu groß für Wölfe. Zu brutal für einen Unfall.
Man sprach von einem Bären.
Dann von zweien.
Dann davon, dass so etwas nicht sein konnte. Und trotzdem kam der nächste Tote. Und der nächste.
Aus Geschichten wurden Warnungen.
Aus Warnungen Flüstern.
Aus Flüstern Angst.
Die Menschen machten aus dem, was sie nicht verstanden, etwas noch Schlimmeres.
Jede Nacht bekam das Wesen neue Zähne, neue Klauen, neue Namen.
Man wusste bald nicht mehr, was gefährlicher war: das, was draußen im Dunkeln lauerte – oder das, was in den Köpfen wuchs.

Irgendwann wusste man in der Gegend nicht mehr, ob man abends lieber ein Licht brennen ließ oder still hoffte, im Dunkeln übersehen zu werden.

Die Gäste blieben weg.
Zuerst die Reisenden.
Dann die Händler.
Dann selbst jene, die sonst lachten, wenn andere Angst hatten.
Selbst die Mutigen.
Selbst jene, die über Leichen hinweg spielten, wenn sich eine Münze bot.

Die Taverne begann zu bluten. Langsam. Unaufhaltsam.
Leere Bänke. Kalte Herdsteine. Fässer, die länger hielten, als sie sollten.
Jeder Abend ein stiller Vorwurf.
Mychael stand oft am Fenster, wenn der Abend hereinbrach.
Eine Hand auf dem Holz, als müsse er sich vergewissern, dass es noch da war.
Die andere locker am Gürtel.
Der Blick wachsam – und doch weit fort, als lausche er auf etwas, das nur er hören konnte.
Der Wind brachte manchmal den Geruch feuchten Laubs mit sich. Moder. Erde.
Und manchmal etwas anderes.
Etwas Schärferes. Metallischer. Fremd.
Etwas, das nicht hierhergehörte.

Ein alter Seemann saß eines Abends allein an einem Tisch, einer der wenigen, die es noch wagten, weil das Leben für sie eh nicht mehr viel zu bieten hatte.
„Du spürst es auch, nicht wahr?“ sagte er schließlich. „Dass etwas nicht stimmt.“
Mychael füllte ihm den Krug nach, ohne hinzusehen.
„Ich spüre vieles.“
„Aye“,
brummte der Alte. „Aber das hier … das ist kein normales ›Vieles‹.“
Mychael antwortete nicht.
Er musste nicht.
Der Seemann hatte recht.
Alec schwieg.
Schon seit Tagen. Seit Wochen vielleicht.

Sie beide wussten, was auf dem Spiel stand. Und dass das Wegsehen nichts mehr ändern würde.

Als schließlich das Angebot kam – von einer Jagdgruppe, rau, entschlossen, zu gierig nach Ruhm –, lag es zwischen ihnen wie eine offene Klinge.
Mychael sah darin eine Chance.
Die Letzte.
Alec sah Gefahr.
Tod.
Dinge, die man nicht zurückholen konnte.

Und doch wusste auch er:
Wenn das Vieh blieb, starb alles andere mit ihm.
Sie mussten es loswerden.
Damit das Leben – irgendwie – wieder normal weitergehen konnte.


Ein Scheit im Kamin knallte und riss ihn aus den Erinnerungen.

Mychael blinzelte, als müsse er erst wieder lernen, wo er war.
Der Geruch von Rauch, von Whisky – und etwas anderem, Feinerem, das noch in der Luft hing. Ein Hauch Lavendel. Zu vertraut, um Zufall zu sein.

Gegenwart.

Er griff nach seinem Glas und leerte es in einem tiefen Zug. Der Brand im Hals half. Für einen Moment. Viel zu kurz.
Der Hunger kam zurück wie ein Schlag, unerwartet heftig. Nicht nach Trinken. Nicht nach Schlaf.
Nach etwas, das greifbar gewesen war. Fast.
Und sich dann wieder entzogen hatte.
Leise.
Ohne Streit.
Ohne Kampf und ohne Erklärung.
Das war nicht seine Art zu Leben.

Und dann war die Wut mit voller Wucht gekommen. Sie hatte eine Weile alles vernebelt und lediglich der Ausflug in den Donnerholm hatte ihn wieder etwas klarer sehen lassen, bis er irgendwann sogar glaubte, dass keine Absicht hinter dem Handeln lag, das er Stunden vorher erlebt hatte.
Vielleicht war es nur ein Schutzinstinkt gewesen. Leider kannte er es gut genug.
Zurückweichen im letzten Moment, als müsse man ihn vor etwas bewahren, weil man spürte, dass ein Schritt zu weit zu viel sein würde.
Aber genau das war es, was ihm nun die Luft nahm.
Er hatte genug davon, dass andere entschieden, was er ertragen konnte.
Genug davon, dass Nähe ihm angeboten wurde wie eine Erinnerung – nicht wie eine Wahl.
Langsam begann er zu verstehen.
Nicht als Wut. Nicht als Vorwurf.
Als Zeichen.

Manches blieb fern, weil es fern bleiben sollte. Das hieß allerdings nicht, dass es ihm gefiel und die Wahl des Zeitpunktes hätte nicht schlechter sein können.

Mychael schloss kurz das Auge und als er es wieder öffnete, kam das Mondlicht bleich durch eine der wenigen Öffnungen, die es hier unten gab und legte sich auf den Boden.
Damals hatte eine Bestie ihr Unheil in seine Gegend getragen.
Damals hatte er geglaubt, man müsse sie töten, damit das Leben weitergehen konnte.
Jetzt wusste er es besser.
Manche Geschichten enden nicht.
Sie wechseln nur die Richtung.

Der Mond stand hoch über Rahal.
Und Mychael stand still darunter.
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