Von Böcken, die Gärtner werden

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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Triggerwarnung: Gewalt

Eibenburg – Die Gassen am Fluss, Hochsommer 264, schlimmstes Gewitter

Der Regen fiel in Strömen, als wolle der Himmel das ganze Dorf ertränken. Fainche rannte – blind, verzweifelt, zitternd. Sie suchte Halt, suchte die Einzigen, die ihr in den letzten Wochen das Gefühl gegeben hatten, nicht falsch zu sein. Sie fand sie am Fluss, unter dem niedrigen Vordach des alten Lagerhauses: Terec, Mira, Jannik, Fellin – nur vier. Loras fehlte. Aber Fainche bemerkte es nicht. Sie sah nur Gesichter, die sie brauchte.

„Ihr müsst mir helfen!“ rief sie, keuchte, verschluckte Regen. „Beathan… er glaubt, ich war’s! Ich muss untertauchen, nur heute, bitte—“

Stille. Nur Wind. Und Wasser. Und ihre panische Atmung.
Dann schnaubte Terec. Ein Lachen, scharf wie ein Messer.

„Götter… seht euch das an.“ Er trat vor, betrachtete sie von oben bis unten. „Die kleine Diebin. Ganz schön jämmerlich.“
Fainche blinzelte. „W–Was? Terec… ich—“
Mira trat neben ihn, legte den Kopf schief. „Du hast uns echt für dumm verkauft, hm? Uns. Deine Freunde.“ Jannik verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen. „Du rennst weg wie ein räudiger Hund und glaubst, wir retten dich noch?“
Fellin spuckte Regenwasser aus. „Wir sind keine Versteckspieler für Diebe.“
Fainches Herz geriet ins Taumeln. Sie hob die Hände und versuchte zu fassen, was geschah. „Ich dachte… ich dachte, ihr… wir—“
„Du dachtest falsch.“ Terec blieb direkt vor ihr stehen.

Dann schlug er zu. Der erste Schlag Er traf ihre Wange mit der Rückhand – schnell, präzise. Ihr Kopf flog zur Seite, Wasser spritzte, der Boden schwankte unter ihren Füßen. Sie stolperte, kniete kurz im Matsch, stöhnte. Dann biss sie die Zähne zusammen, stand wieder auf. Natürlich stand sie.

„Du Arsch!“ fauchte sie und warf sich nach vorn – ohne Plan, ohne Kraft, nur mit Wut. Terec wich aus und rammte ihr einen Ellenbogen in den Bauch. Die Luft explodierte aus ihrer Lunge, sie krümmte sich – aber Fainche war Fainche. Sie trat nach seinem Schienbein. Hart.
„AU!“ Er fluchte, sprang zurück.
„Packt sie!“ bellte er.

Mira war die Schnellste, griff nach Fainches Haar – doch Fainche wand sich wie ein gefangenes Tier, trat Mira vor das Schienbein und wandte sich frei. Jannik packte ihren Arm. Fainche drehte sich, rammte ihm die Schulter gegen den Brustkorb. Ein dumpfer Laut. Er ließ los. Fellin kam von der Seite und versuchte, sie zu Boden zu stoßen – aber sie sprang zur Seite, über nassen Schlamm, rutschte aus, fing sich, trat ihm gegen die Kniekehle. Er knickte weg, fluchte laut.

Es sah für einen Moment aus, als könnte sie entkommen. Als könnte sie sich durch pure Wildheit retten. Doch vier gegen eine – im Regen, im Matsch – war kein Kampf. Es war eine Keilerei.
Jannik packte sie am Arm, diesmal fest. Mira trat ihr ans Schienbein. Fellin schlug ihr mit der Faust gegen die Rippen, ein brennender Schmerz ließ sie schreien. Als sie sich aufbäumte, kam Terec wieder. Ein Schlag gegen ihren Kiefer. Ein Tritt in die Seite. Ein Griff in ihren Nacken, brutal, kontrolliert. Der Boden kam hart. Sie schlug mit dem Kinn im Schlamm auf, schmeckte Blut und Erde. Ihre Hände krallten sich in Matsch, suchten Halt, fanden nichts.

Sie lag keuchend, hustend, reglos genug, dass Terec murmelte: „Jetzt reicht’s.“
„Stricke“, sagte er, und Jannik war sofort da.
Fainche hievte sich hoch – reflexhaft, trotz Schmerzen – doch Fellin drückte sein Knie in ihren Rücken, Mira hielt ihre Arme.
„NEIN! Lasst—!“

Der Strick schnitt ein. Kalt, glitschig vom Regen. Zog sich hart um ihre Handgelenke, einmal, zweimal, dreimal. Ein Knoten, so fest, dass er ihre Haut ritzte. Fainche wimmerte kurz. Nur kurz. Dann presste sie die Zähne zusammen. Terec zerrte sie auf die Beine. Mira stieß sie vorwärts, Terec zog am Strick – und Fainche stolperte, fiel wieder in den Matsch, rappelte sich hoch, wurde erneut geschubst.

„Los, DIEBIN!“ „Beweg dich!“ „Trödel nicht, sonst zieh ich dich!“ „So sehen Diebe aus, nicht?“

Sie schubsten sie immer wieder, ließen sie gezielt stolpern. Ihre Knie waren längst aufgeschlagen. Ihre Rippen brannten. Ihr linkes Auge schwoll zu. Ihre Handgelenke bluteten unter dem Strick. Ihr Atem ging stoßweise, jeder Zug brannte. Und der Regen wusch alles weg – Blut, Schweiß, Matsch, aber nicht die Scham.

Der Innenhof der Stadtwache lag im zuckenden Licht einer Laterne, die der Sturm hin- und herschleuderte. Dort ließen sie sie fallen – vor den Stufen, im Dreck. Terec hob den Strick triumphierend hoch.

„Wir haben sie!“ „Die Diebin von Eibenburg!“ brüllte Jannik. „Auf frischer Tat erwischt!“ schrie Fellin. „Wir mussten sie überwältigen! Sie hat UNS angegriffen!“ schob Mira nach.

Fainche hob den Kopf. Ihre Haare klebten im Gesicht, Blut vermischte sich mit Regen.

„…sie… lügen…“ Ihre Stimme war ein gerissener Faden. Niemand hörte. Niemand sah sie. Die Tür der Stadtwache öffnete sich. Und das Licht fiel direkt auf Fainche – gefesselt, blutverschmiert, kniend im Schlamm.

Genau in der Rolle, die Terec für sie gebaut hatte.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Stadtwache, Arrestzellen; Gewitternacht im Hochsommer 264

Das Torhaus schluckte sie. Nicht wie ein Gast, sondern wie ein Bissen, der schwer im Magen liegt. Terec und die anderen waren draußen geblieben, ihre Stimmen nur noch ein Echo im prasselnden Regen, während eine der Wachen Fainche den Flur hinunteführte. Das Licht der Fackeln war zu grell, zu gelb. Es brannte in ihrem zugeschwollenen linken Auge, ließ den Schmerz hinter der Stirn pochen wie einen zweiten, bösen Herzschlag.

Sie wehrte sich nicht mehr. Sie ließ sich mitführen wie ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank. Schlamm tropfte von ihr ab, vermischte sich auf den Steinfliesen mit dem hellen Rot, das von ihrer aufgeplatzten Lippe und den aufgeschürften Knien rann.

„In den Verhörraum. Erstmal trockenlegen“, bellte eine Stimme. Brenn. Der alte Büttel stand da, die Arme verschränkt, aber sein Gesicht war nicht hart. Es war fahl. Er sah den Schlamm. Er sah das Blut. Und er sah die Stricke, die Terec so fest zugezogen hatte, dass die Hände darunter blau anliefen.

„Bindet sie los“, befahl er. „Und zwar sofort.“

Ein jüngerer Wachmann fummelte an den Knoten. Der nasse Hanf war aufgequollen, unnachgiebig. Er riss daran. Fainche zischte auf – ein scharfer, tierischer Laut. Als der Strick endlich abfiel, hinterließ er keine Freiheit, sondern Feuer. Rote, rohe Ringe zogen sich um ihre Handgelenke, die Haut abgeschürft, blutig, pulsierend.

„An die Wand“, sagte Brenn. Leise. Müde. Fainche trat vor. Jeder Schritt ein Stich in die Seite, wo Fellins Tritt sie getroffen hatte. Ihre Rippen fühlten sich an wie Glas, das kurz vor dem Springen stand. Sie legte die Hände an den kalten Stein. Er war rau. Er roch nach Salpeter und altem Elend.

Die Durchsuchung war routiniert, emotionslos und doch demütigend. Grobe Hände tasteten ihre Taschen ab, strichen über ihre Seiten, prüften die Nähte ihrer Tunika. Sie fanden nichts. Natürlich nicht. Die Beute lag in ihrer Truhe, platziert von Verrätern. Hier hatte sie nur Schmerzen bei sich.

„Sie ist sauber“, brummte der Wachmann. „Bis auf den Dreck.“

Brenn nickte einem Regal in der Ecke zu. „Gebt ihr was Trockenes. Wenn sie mir hier an Lungenfieber krepiert, hab ich noch mehr Papierkram.“ Jemand warf ihr ein Bündel Stoff zu. Graues Leinen, grob gewebt, farblos wie das Wetter. Fainche zog sich um. Ihre Finger waren taub und ungeschickt, das nasse Hemd klebte an ihr wie eine zweite Haut, die nicht weichen wollte. Als sie das trockene Gewand überzog, kratzte der Stoff über ihre Prellungen. Es war viel zu groß. Sie versank darin.

Dann führte Brenn sie zur Zelle. Keine Worte. Kein „Warum hast du das getan?“. Er wusste, was er gesehen hatte. Aber er wusste auch, was er jetzt sah: Ein Mädchen, das aussah, als wäre es durch eine Mühle gedreht worden.
Das Schloss klickte. Klack. Das Geräusch war endgültiger als der Donner draußen. Fainche sank auf die schmale Pritsche. Die Strohmatratze stach, aber das war ihr egal. Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Knie – vorsichtig, wegen der Rippen – und starrte auf die Wand gegenüber.

Sie weinte nicht. Die Tränen waren versiegt, verbrannt von einer kalten, weißen Wut, die ganz tief in ihrem Bauch saß. Und von einer Angst, die sie nicht einmal mehr denken wollte.
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Die Zeit verlor ihre Form. Es konnten Minuten sein oder Stunden, in denen nur das Tropfen von Wasser im Gang und das ferne Grollen des Gewitters existierten. Dann: Schritte. Schwer. Bestimmt. Schritte, die den Boden nicht fragten, sondern ihn beanspruchten. Fainche erkannte sie sofort. Ihr Magen zog sich zusammen.

Brenn schloss die Tür auf, trat aber nicht ein. Er machte nur Platz. Beathan füllte den Rahmen aus. Er war noch immer nass. Sein Mantel tropfte, das dunkle Haar klebte ihm an der Stirn. Er sah nicht aus wie der besorgte Onkel vom Sommeranfang. Er sah aus wie eine Statue, die im Sturm vergessen worden war.

Er betrat die Zelle. Die Luft schien augenblicklich dünner zu werden. Sein Blick lag auf ihr. Schwer. Er wanderte über das graue Leinen. Über die blutigen Striemen an ihren Handgelenken. Über das zugeschwollene Auge, das in den Farben von fauligem Obst schillerte. Über die verkrustete Lippe.

Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. Einmal. Hart. Aber er kam nicht näher. Er blieb stehen, zwei Schritte entfernt, als gäbe es eine unsichtbare Grenze, gezogen aus enttäuschtem Vertrauen.

„Der Stadtschreiber hat den Bericht aufgenommen“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Wie das Auge eines Sturms. „Terec und die anderen haben ausgesagt.“

Fainche hob den Kopf. Nur ein wenig. Es tat weh. „Natürlich haben sie das“, krächzte sie. Ihre Stimme klang fremd, kaputt.

Beathan ignorierte den Tonfall. „Sie sagen, sie haben dich erwischt. Dass du dich gewehrt hast. Dass sie dich… überwältigen mussten.“ Sein Blick blieb an ihrem Auge hängen. Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Aber in seinen Augen lag etwas Dunkles – Zweifel? Wut? Oder nur die Müdigkeit eines Mannes, der nicht mehr weiß, was Wahrheit ist?
„Sie haben mich nicht überwältigt“, flüsterte Fainche. „Sie haben mir aufgelauert.“

„In deiner Truhe“, fuhr Beathan fort, als hätte sie nichts gesagt, „waren die Sachen vom Schmied. Und der Kelch der Müllersleute.“ Er atmete tief ein, die Nasenflügel bebten. „Ich habe sie selbst gesehen, Fainche. Ich habe die Truhe getragen.“

„Ich weiß.“ Sie sah ihn direkt an. Mit dem einen Auge, das noch offen war. „Glaubst du es?“

Die Frage hing im Raum. Nass. Kalt. Beathan schloss kurz die Augen. Er sah die Beweise. Er sah die Logik. Er sah das Mädchen, das seit Wochen log und stahl und sich entzog. Und er sah das Kind vor sich, das aussah, als hätte es einen Krieg verloren.
„Die Beweise lügen nicht“, sagte er schließlich. Hölzern. „Aber das hier…“ Er machte eine vage Handbewegung in Richtung ihrer Verletzungen. „Das ist keine Festnahme. Das ist Hass.“

Fainche lachte. Ein kurzes, hackendes Geräusch, das in einem Husten endete. Sie hielt sich die Seite. „Sie wollten sichergehen, dass du genau das siehst, was du sehen willst. Die Diebin.“ Sie lehnte den Kopf an die kalte Steinmauer. „Geh nach Hause, Beathan. Es ist vorbei. Du hast doch, was du wolltest. Ruhe.“
„Ich wollte nie Ruhe“, sagte er scharf. Die Kontrolle bröckelte für eine Sekunde. Er trat einen Schritt näher, ging in die Hocke, sodass er auf Augenhöhe mit ihr war. Der Geruch von Tabak und Regen kam mit ihm. Er streckte die Hand aus, als wolle er ihr Kinn heben, wie er es früher getan hatte. Fainche zuckte zurück. Schnell. Instinktiv. Wie ein geschlagenes Tier.

Beathan ließ die Hand in der Luft erstarren. Der Schmerz in seinem Gesicht war kurz, aber offen. Er sah ihre Angst vor ihm. Er zog die Hand langsam zurück.

„Ich werde Brenn bitten, einen Heiler kommen zu lassen“, sagte er leise. Er richtete sich auf. Die Kälte war zurück in seiner Haltung, aber sie war brüchig geworden. „Wir reden morgen. Wenn der Richter da ist.“

Er drehte sich um. Ging zur Tür. „Beathan?“ Er blieb stehen, die Hand am Rahmen. Drehte sich nicht um. „Ich habe den Ring nicht gestohlen“, sagte sie. Leise. Ohne Hoffnung. Nur für sich selbst. „Ich habe ihn gefunden.“

Er stand einen Moment lang völlig reglos da. Der Regen draußen peitschte gegen die Mauern. Dann ging er hinaus. Die Tür fiel ins Schloss.

Klack.

Und Fainche war wieder allein mit dem grauen Leinen, den brennenden Handgelenken und der Gewissheit, dass Schmerz verheilt – aber Verrat bleibt.

Eibenburg – Vorraum der Wache; Zur gleichen Stunde

Im Vorraum der Wache roch es nach nasser Wolle und dem Rauch des Kaminfeuers, das gegen die feuchte Kälte des Sturms ankämpfte. Terec, Mira, Jannik und Fellin saßen auf der Bank am Fenster. Sie wirkten nicht wie Täter. Sie wirkten wie durchnässte, etwas mitgenommene Helden, die gerade ihre Bürgerpflicht getan hatten. Terec rieb sich die Hände, Mira zupfte an ihrem Ärmel, Jannik wippte nervös mit dem Bein.

Brenn kam aus dem Zellentrakt. Er schloss die schwere Eichentür hinter sich, langsam, bedächtig. Sein Gesicht war neutral, die Stirn in Falten gelegt – nicht vor Wut, sondern vor der bürokratischen Erschöpfung eines Mannes, der in einer Sturmnacht Protokolle schreiben muss.

„Sie ist versorgt“, sagte er knapp. Er ging zum Tisch, lehnte sich mit dem Gesäß an die Kante und verschränkte die Arme. „Eine wilde Sache. Vier gegen eine.“

„Sie hat uns keine Wahl gelassen, Brenn“, sagte Terec sofort. Seine Stimme war ruhig, respektvoll. Genau die richtige Dosis Betroffenheit. „Wir wollten sie nur festhalten, bis ihr kommt. Aber sie hat um sich geschlagen wie eine Irre. Seht euch Janniks Schienbein an.“ Jannik nickte eifrig und zog das Hosenbein hoch. Ein blauer Fleck zeichnete sich ab. Brenn nickte. Das passte zum Zustand des Mädchens. Wer so kämpft, sieht danach auch so aus.

„Schon gut“, brummte der Büttel. „Der Schreiber hat eure Aussage. Es klingt schlüssig.“ Er ließ den Blick über die Gruppe schweifen. Sein Blick blieb an dem Stück Hanfseil hängen, das Fellin noch in der Hand hielt – vielleicht zwei Schritt lang, grob geflochten, ausgefranst an den Enden. Nichts, was man zufällig in der Hosentasche hat.

„Eine Sache nur“, sagte Brenn. Er klang nicht misstrauisch, nur neugierig. „Ihr sagt, ihr wart zufällig dort. Auf dem Heimweg.“ „Ja“, sagte Mira schnell. „Ein Glück, dass ihr die Stricke dabei hattet. Wer läuft schon bei einem Unwetter mit so dicken Enden in der Jacke durch die Gassen?“

Es war eine kleine Frage. Harmlos. Terec lächelte, ein wenig gequält. „Mein Vater. Er hatte Sorge, dass das Hochwasser die Boote am Steg losreißt. Er hat uns rausgeschickt, um die Vertäuungen zu prüfen. Wir hatten ein paar Reststücke dabei, falls eine Leine durchgescheuert ist.“

Brenn hob die Brauen. „Vom Fluss? Ihr habt sie aber beim alten Lagerhaus gestellt. Das ist ein ziemlicher Umweg.“ „Wir haben den Lärm gehört“, sprang Fellin ein. „Schreie. Da sind wir losgerannt.“
„Mit dem Tauwerk in der Hand?“
„Wir haben in der Hektik nicht nachgedacht“
, sagte Terec glatt. „Haben es einfach mitgeschleppt, statt es in den Matsch zu werfen.“

Brenn nickte langsam. Es war plausibel. Ein bisschen sperrig, aber plausibel. Stress macht Menschen unlogisch. Er wollte sich schon abwenden, den Fall innerlich zu den Akten legen, als Jannik sich räusperte. Der Junge war noch immer voller Adrenalin, wollte seine Rolle spielen, wollte helfen, den Sack zuzumachen.

„Und dreist war sie!“, platzte Jannik heraus. „Nicht nur wild. Als sie uns gesehen hat, kam sie angerannt. Wollte uns den Ring zustecken!“ Brenn hielt inne. Er drehte sich nicht um, aber sein Rücken versteifte sich minimal. „Den Ring zustecken?“, wiederholte er.

„Ja!“, fuhr Jannik eifrig fort, froh über die Aufmerksamkeit. „'Versteckt das für mich', hat sie gefleht. Sie hat ihn aus der Tasche gezogen, uns fast in die Hand gedrückt. 'Nehmt den Ring, schnell, bevor er mich kriegt!' Aber wir haben natürlich abgelehnt.“

Jetzt drehte sich Brenn um. Ganz langsam. Die gemütliche Atmosphäre des Vorraums kühlte um ein paar Grad ab. „Das ist seltsam“, sagte der Büttel leise.

„Wieso?“, fragte Mira, und ihre Stimme klang eine Spur zu hoch.

„Weil Beathan Mederic mir den Ring vorhin übergeben hat“, sagte Brenn. Er fixierte Jannik. „Er hat ihn ihr oben am Haus abgenommen. Bevor sie weggelaufen ist. Er war die ganze Zeit in seiner Tasche.“

Stille. Das Knacken des Feuers klang plötzlich wie ein Peitschenhieb. Jannik öffnete den Mund, klappte ihn wieder zu. Seine Augen huschten panisch zu Terec. Ein Riss in der Geschichte. Fein, aber sichtbar.

Terec reagierte sofort. Er lachte kurz auf – ein nervöses, kopfschüttelndes Geräusch. „Jannik, du Idiot“, sagte er, halb tadelnd, halb amüsiert. Er wandte sich an Brenn, mit einem Blick voller 'Vergib ihm, er ist durcheinander'. „Der Junge steht unter Schock, Brenn. Es war dunkel, es hat geschüttet. Sie hat gesagt, sie will was verstecken. Vielleicht hatte sie eine Münze in der Hand. Oder einen Stein. Jannik dichtet sich den Ring dazu, weil wir alle wissen, dass es um den Ring geht.“

Er legte Jannik eine Hand auf die Schulter – fest. Warnend. „Erzähl dem Büttel keinen Unsinn, nur weil du dich wichtig machen willst.“

Brenn sah Jannik an. Der Junge war bleich geworden, nickte stumm. Dann sah er zu Terec. Die Erklärung war gut. Zu gut? Oder einfach nur die Wahrheit über einen verwirrten Jungen im Sturm? Der Zweifel war da. Kein Beweis. Aber ein nagendes Gefühl im Magen, wie Sodbrennen.

„Mhm“, machte Brenn. Er rieb sich das Kinn. „Verwirrung. Dunkelheit. Kann passieren.“

Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Weg zur Tür frei. „Geht nach Hause. Trocknet euch ab.“ Die Gruppe stand auf. Schnell. Zu schnell. „Danke, Brenn“, sagte Terec und schob die anderen Richtung Ausgang.

„Terec?“ Der Junge blieb an der Tür stehen, die Hand schon auf der Klinke. „Ja?“ Brenn musterte ihn. Er suchte nach etwas im Gesicht des Jungen, fand aber nur die glatte Maske der Unschuld. „Nächstes Mal“, sagte der Büttel langsam, „wenn ihr Boote sichert... lasst das Material dort. Man rennt sich leichter ohne Ballast.“

Terec zögerte einen Herzschlag lang. Dann nickte er knapp. „Wir merken’s uns.“
Sie verschwanden in der Nacht. Die Tür fiel ins Schloss. Brenn blieb im Vorraum stehen. Er starrte auf die Stelle, wo Jannik gesessen hatte. Die Geschichte hielt. Irgendwie. Das Seil, der Ring – alles weg erklärt. Aber es schmeckte falsch. Wie ein gutes Essen, bei dem eine Zutat verdorben ist.

„Passende Stricke“, murmelte er leise. „Einfach so dabei.“ Er schüttelte den Kopf und ging, um den Schnaps zu holen. Er hatte das Gefühl, dass dies eine lange Nacht werden würde.

Eibenburg – Hinterzimmer der Wache; Später in der Nacht

Das Kaminfeuer im kleinen Aufenthaltsraum war heruntergebrannt. Nur noch rotglühende Holzscheite, die aussahen wie offene Wunden in der Dunkelheit. Beathan saß auf einer Bank, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Er trug immer noch den nassen Mantel. Das Wasser bildete eine kleine Pfütze zwischen seinen Stiefeln. Er sah nicht aus wie jemand, der immer alles unter Kontrolle hatte. Er sah aus wie ein Mann, dessen Fundament gerade Risse bekommen hatte.
Brenn kam herein. Er trug zwei Becher aus Ton und eine Flasche, die nicht nach Dienstvorschrift aussah. Er stellte einen Becher vor Beathan auf den groben Holztisch, den anderen behielt er. Er setzte sich schwerfällig gegenüber. Seine Gelenke knackten.

„Trink“, sagte Brenn. Beathan hob den Kopf. Sein Gesicht war grau, die Augen lagen tief in Schatten. „Ich trinke nicht im Dienst.“ „Du bist seit 6 Jahren nicht im Dienst, Beathan. Du bist in einer Sackgasse.“

Beathan starrte ihn an, dann griff er nach dem Becher. Er trank in einem Zug. Der Schnaps brannte, aber er wärmte nicht gegen die Kälte in ihm. „Wie geht es ihr?“, fragte er. Seine Stimme war rau wie Schmirgelpapier. „Sie schläft nicht. Sie starrt die Wand an. Sie hat Schmerzen, Beathan. Echte Schmerzen.“ Brenn schenkte sich nach, ließ die Flüssigkeit im Becher kreisen. „Dieser Terec... und seine Meute. Sie sagen, es war Notwehr. Selbstschutz.“ Er schnaubte leise. „Vier gegen eine. Und sie sieht aus, als wäre sie durch eine Mühle gedreht worden.“

Beathan nickte langsam. „Ich habe die Striemen an ihren Handgelenken gesehen. Das war kein Festhalten. Das war Bestrafung.“ Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht, als könnte er die Bilder wegwischen. „Aber die Beweise, Brenn. Die Truhe. Der Kelch. Ich habe den Deckel selbst aufspringen sehen. Es war alles da, in ihrem Zimmer.“

„Ja“, sagte Brenn ruhig. „Alles da. Aber weißt du, was Jannik mir draußen erzählt hat? In seinem Eifer?“ Der Büttel lehnte sich vor. Das Feuerlicht tanzte in seinen müden, aber wachsamen Augen. „Er hat gesagt, Fainche wollte ihnen den Ring geben. Dass sie angerannt kam und gefleht hat, sie sollen ihn verstecken.“

Beathans Kopf schoss hoch. Seine Augen verengten sich. „Das ist unmöglich. Ich hatte den Ring. Ich habe ihn ihr am Schuppen abgenommen und in meine Manteltasche gesteckt. Er war die ganze Zeit bei mir.“

„Eben.“ Brenn ließ das Wort im Raum hängen. Schwer und bedeutungsvoll. „Terec hat es sofort glattgebügelt. Hat gesagt, der Junge sei durcheinander, Schock, Dunkelheit. Dass sie vielleicht nur gesagt hat, sie hat was.“ Er nahm einen Schluck, verzog das Gesicht. „Es ist eine gute Erklärung. Alles an ihrer Geschichte ist gut. Die Stricke? Wollten Boote flicken. Der Ort? Haben Schreie gehört.“

„Aber?“, fragte Beathan. Er kannte Brenn lang genug, um das ‚Aber‘ zu hören.

„Aber Boote liegen am Nordufer. Und wer rennt schon mit zwei Meter Tauwerk in der Hand los, wenn er Schreie hört? Man lässt den Kram fallen. Es sei denn...“ Brenn zögerte. „Es sei denn, man hat sie genau dafür mitgebracht.“ Er schüttelte den Kopf. „Es passt zu gut zusammen, um wahr zu sein, und an den Rändern franst es aus. Jannik hat nicht fantasiert, Beathan. Er hat seinen Text vergessen und improvisiert.“
Beathan stieß die Luft aus, ein Laut wie ein getroffenes Tier. „Sie lügen.“ „Ja. Ich glaube, sie lügen.“
Beathan stand auf. Die Unruhe trieb ihn hoch. Er ging zum kleinen Fenster, durch das der Regen peitschte. „Ich habe ihr nicht zugehört“, sagte er leise gegen das Glas. „Sie hat gesagt, sie war es nicht. Und ich habe ihr gesagt, sie soll aufhören zu lügen.“ Er drehte sich um, und in seinem Gesicht stand nacktes Entsetzen. „Ich habe das Kind, das ich beschützen sollte, in eine Zelle geworfen, weil ich Fakten gesehen habe, wo keine waren. Ich habe mich von ein paar Rotzlöffeln ausspielen lassen.“

„Du reagierst auf das, was du siehst.“, sagte Brenn milde, aber bestimmt. „Beute in der Truhe. Ring in der Hand. Ein Mädchen, das wegrennt.“ „Ich bin ihr Vormund! Ich sollte sie besser kennen!“ Beathans Stimme brach fast.

„Die Frage ist nicht, was du hättest tun sollen“, sagte Brenn pragmatisch. „Sondern was wir jetzt tun.“

Beathan lehnte sich gegen den Tisch, die Erschöpfung drückte ihn nieder. „Ich kann sie nicht einfach rausholen. Nicht heute Nacht. Die Anzeige ist aufgenommen, der Schreiber hat alles notiert. Wenn ich sie jetzt hole, ohne Beweis für ihre Unschuld, bestätige ich nur das Gerede im Dorf: Dass der feine Herr Mederic seine kriminelle Nichte deckt.“

„Richtig“, brummte Brenn. „Das Gesetz ist ein sturer Esel. Wir brauchen mehr als Janniks Versprecher. Wir müssen warten, bis sie einen echten Fehler machen.“

„Ich werde sie finden“, sagte Beathan. Kalt. Gefährlich. „Lass Terec in Ruhe“, warnte Brenn sofort. „Wenn du den Jungen anfasst, machst du es schlimmer. Dann bist du der wütende Onkel, der Zeugen einschüchtert. Sie müssen sich sicher fühlen. Nur dann werden sie nachlässig.“

„Ich werde ihn nicht anfassen“
, sagte Beathan. „Aber ich werde ihn beobachten. Jeden Schritt.“ Er griff nach seinem Mantelkragen, zog ihn enger, als würde er frieren. „Aber Fainche... sie denkt, ich habe sie aufgegeben. Sie hat mich angesehen, Brenn... als wäre ich der Feind.“

Brenn sah ihn lange an. Es war der Blick eines Freundes, der weiß, dass manche Wunden nicht mit Salbe heilen. „Sie denkt das nicht nur. In diesem Moment... ist es für sie wahr.“ Er stellte den Becher ab. „Geh nach Hause. Schlaf. Und dann komm morgen früh wieder, bevor der Richter da ist. Und sei verdammt nochmal auf ihrer Seite. Diesmal richtig. Egal, was in den Akten steht.“

Beathan nickte. Er wirkte um Jahre gealtert, als er zur Tür ging. „Brenn?“ „Hm?“ „Lass die Tür zum Gang offen. Nur einen Spalt. Damit sie das Feuer hört. Und das Licht sieht.“ Er zögerte. „Sie hasst es, wenn sie nicht weiß, was im Dunkeln ist.“

Brenn nickte kaum merklich. „Mach ich.“

Beathan ging hinaus in den Regen. Brenn blieb sitzen. Er starrte in die Glut. „Ein Ring, der da ist und doch nicht da ist“, murmelte er in seinen Becher. „Und handliche Stricke, griffbereit in der Tasche.“ Er stand auf, ging zur schweren Eichentür zum Zellentrakt und schob sie einen fingerbreit auf. Ein schmaler Streifen warmes, flackerndes Licht fiel auf den kalten Steinboden des Flurs, genau in Richtung der ersten Zelle.

Es war nicht viel Freiheit. Aber es war ein Anfang.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Arrestzelle; Der Morgen nach dem Gewitter, Hochsommer 264

Der Morgen kroch nicht in die Zelle, er sickerte herein wie graues Spülwasser. Das kleine Fenster oben an der Wand war nur ein viereckiges, trübes Auge, das teilnahmslos auf das Bündel Mensch auf der Pritsche herabblickte. Fainche hatte sich nicht bewegt. Sie lag noch immer so da, wie Beathan sie verlassen hatte: die Knie an die Brust gezogen, eingewickelt in das raue, graue Leinen, das Gesicht zur Wand gedreht.

Die Tür öffnete sich. Kein Klirren diesmal, nur das schwere Schaben von Eisen auf Stein. Brenn trat ein, gefolgt von einem älteren Mann mit einer ledernen Umhängetasche – dem Wundheiler Karrow. Der Heiler war ein Mann weniger Worte, bekannt für kalte Hände und präzise Urteile. Er brauchte keine Begrüßung. Er roch nach Kampfer und getrocknetem Salbei.

„Lass sehen“, brummte er und trat an die Pritsche. Fainche zuckte zusammen, als er die Decke zurückzog, wehrte sich aber nicht. Ihr Körper war ein einziges, steifes Duldungsabkommen. Karrow arbeitete schnell. Er tastete die Rippen ab – Fainche sog scharf die Luft ein, gab aber keinen Laut von sich. Er hob ihre Handgelenke, betrachtete die rohen, blutigen Ringe, die das Seil hinterlassen hatte. Er öffnete vorsichtig ihr zugeschwollenes Auge.

„Nichts gebrochen“, sagte er schließlich zu Brenn, der wie ein steinerner Wächter an der Tür stand. „Aber geprellt. Alles. Rippen, Jochbein, Nierenlager.“ Er legte eine Hand auf ihre Stirn, dann an ihren Hals. Er runzelte die Stirn. „Sie zittert.“

„Es ist kühl nach dem Sturm“, sagte Brenn. „Nicht so kühl“, entgegnete Karrow schroff. „Es sind zwanzig Grad hier drin. Aber das Mädchen fühlt sich an wie Eis.“ Er nahm Fainches Hand. Die Finger waren weiß, die Nägel bläulich. Ein feines, unaufhörliches Beben lief durch ihren ganzen Körper, als würde sie versuchen, sich aus ihrer eigenen Haut zu schütteln.

„Das ist keine Kälte“, sagte der Heiler leise. „Das ist Schock. Der Körper hat sich zurückgezogen. Er macht die Fensterläden zu, weil es draußen zu laut war.“ Er kramte in seiner Tasche, holte eine kleine Dose mit einer scharf riechenden Salbe hervor und begann, ihre Handgelenke zu bestreichen. „Sie braucht Wärme. Ruhe. Und Sicherheit.“ Er warf Brenn einen vernichtenden Blick zu. „Ein Kerker ist das Gegenteil von allem.“

„Sie muss gleich vor den Richter“, sagte Brenn entschuldigend. Fainche reagierte auf das Wort 'Richter' nicht. Sie starrte nur auf die Salbe auf ihrer Haut, als wäre sie überrascht, dass sie überhaupt noch etwas fühlen konnte.

Eibenburg – Wachstube; Eine Stunde später

Der Richter war kein Mann des Volkes. Richter Hareth war ein Mann des Pergaments. Er saß hinter dem großen Eichentisch in der Wachstube, seine Kleidung makellos, seine Miene so glatt wie ein geschliffener Kieselstein. Vor ihm lagen die Berichte, sauber gestapelt. Beathan stand rechts vom Tisch, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er hatte den nassen Mantel gegen eine saubere Tunika getauscht, aber sein Gesicht war noch immer grau vor überwachter Müdigkeit. Er sah niemanden an.
Auf der Bank gegenüber saß die Bande. Terec in der Mitte, flankiert von Jannik und Mira. Fellin stand etwas abseits. Und ganz außen, fast an die Wand gedrückt, saß Loras. Der Jüngste der Gruppe war bei der Prügelei am Fluss nicht dabei gewesen. Er war nur der Köder gewesen, der Vorwand. Jetzt knetete er seine Mütze in den Händen, blinzelte nervös und warf immer wieder Seitenblicke auf Beathan – den Mann, den er respektierte und den er dennoch verraten hatte.

Die Tür zum Zellentrakt ging auf. Das Gespräch verstummte. Die Luft im Raum schien zu gefrieren. Brenn führte Fainche herein.
Es war ein Auftritt, der jede Lüge hätte entlarven müssen, wenn die Welt gerecht wäre. Sie trug noch immer das viel zu große, graue Leinenhemd. Ihr Gesicht war eine Landkarte der Gewalt: Das linke Auge dunkelviolett und geschlossen, die Lippe aufgeplatzt, Schlammreste im Haaransatz, die der Heiler nicht entfernt hatte. Sie ging langsam, leicht gekrümmt, jeden Schritt prüfend, als könnte der Boden unter ihr nachgeben. Sie zitterte sichtbar.

Loras sog hörbar die Luft ein. Er hatte gehört, sie hätten sie „festhalten“ müssen. Er hatte nicht gewusst, dass sie sie zerbrochen hatten. Sein Blick blieb an ihrem Gesicht hängen, und die Farbe wich aus seinen eigenen Wangen. Beathan sah Loras’ Reaktion. Er speicherte sie ab. Kalt. Präzise.

„Setz dich“, sagte Richter Hareth und deutete auf einen schemelartigen Stuhl in der Mitte des Raumes. Isoliert. Fainche setzte sich. Sie sah nicht zu Beathan. Sie sah nicht zu Terec. Sie sah auf ihre Hände im Schoß.

Der Richter griff nach einem Blatt Pergament, das ganz oben auf dem Stapel lag. Es war etwas älter, die Tinte schon trocken und bräunlich. „Fainche Orlaith“, begann er, seine Stimme trocken wie Staub. „Wir haben hier den Bericht vom Frühsommer dieses Jahres. Marktplatz. Diebstahl einer Börse. Flucht vor dem Büttel. Frechheiten bei der Verhaftung.“ Er sah sie prüfend an. „Damals wurdet Ihr der Obhut Eures Onkels übergeben. Eine Chance zur Besserung.“

Er legte das alte Blatt beiseite und nahm das frische, noch nach Tinte riechende Protokoll von letzter Nacht. „Und nun das hier. Diebesgut aus dem Besitz des Schmiedes und der Müllersleute, gefunden in Eurer Truhe. Ein Ring aus dem Besitz des Wirts. Dazu schwere Körperverletzung an vier Bürgern der Stadt, die versuchten, einen fliehenden Dieb zu stellen.“

Er legte die Hände flach auf den Tisch. „Das ist kein jugendlicher Übermut mehr. Das ist ein Muster. Wer einmal stiehlt und flieht, tut es wieder. Und die Gewaltbereitschaft scheint zu eskalieren.“

Er lehnte sich zurück. „Wie lautet Eure Aussage zu den neuen Vorwürfen?“

Fainche hob den Kopf. Nur ein wenig. „Ich war es nicht.“ Ihre Stimme war leise, brüchig, ohne Melodie. „Das Diebesgut wurde in meine Truhe gelegt. Ich habe niemanden angegriffen. Ich wurde gejagt.“

Terec räusperte sich. Ein höfliches, bedauerndes Geräusch. „Herr Richter“, sagte er mit fester, ruhiger Stimme. „Wir wussten von der Sache auf dem Markt. Deswegen waren wir ja so vorsichtig. Aber sie war… außer sich. Wir mussten uns schützen. Jannik hinkt heute noch.“

Der Richter sah zu Jannik. Der nickte eifrig, vielleicht eine Spur zu theatralisch. Dann wandte sich der Richter an Loras. „Und Ihr? Ihr wart gestern Nacht Teil dieser Gruppe?“

Loras schreckte hoch. „Ich… ich…“ Er sah zu Terec. Terecs Blick war starr geradeaus gerichtet, aber die Spannung in seiner Schulter war eine Warnung. Loras sah zu Fainche. Zu dem geschwollenen Auge. Zu den zitternden Händen. „Ich war nicht am Fluss, nicht da wo sie auf sie getroffen sind“, flüsterte Loras. „Ich habe… ich habe gewartet.“ „Worauf?“ „Dass… dass sie kommen.“

„Er hat Wache gehalten, am Boot“, sprang Mira schnell ein, ihre Stimme glatt wie Öl. „Er ist jünger. Wir wollten nicht, dass er in Gefahr gerät.“

Der Richter nickte. Es klang plausibel. Er wandte sich wieder Fainche zu. „Die Beweise in Eurer Truhe sind eindeutig. Eure Vergangenheit spricht gegen Euch. Eine kleine Diebin gegen vier unbescholtene Zeugen?“ Er schüttelte den Kopf.
„Angesichts der Wiederholungstat und der Schwere der Beute“, fuhr der Richter fort, „sehe ich keine andere Möglichkeit, als das Verfahren zu eröffnen. Eibenburg muss vor solchem Verhalten geschützt werden.“ Er legte die Feder weg. „Bis zum Urteil bleibt Ihr in Gewahrsam im Kerker.“

„Nein.“ Das Wort kam von Beathan. Es war nicht laut, aber es schnitt durch den Raum wie eine Axt. Er trat einen Schritt vor. „Sie ist minderjährig. Ich bin ihr Vormund.“

„Sie ist eine Wiederholungstäterin, Herr Mederic“, sagte der Richter kühl. „Der Vorfall auf dem Markt war Warnung genug. Seht sie Euch an. Wer sich so gegen vier Leute wehrt, ist nicht kontrollierbar. Und ist sie euch nicht gestern noch abgehauen, als ihr Sie mit dem Diebesgut erwischt habt?“

„Seht Ihr sie Euch an“, grollte Beathan. Er deutete auf Fainche, die noch immer zitterte, obwohl es im Raum warm war. „Das ist kein Täter. Das ist ein Opfer. Sie friert vor Schock. Sie kann kaum sitzen.“ Er stützte die Hände auf den Tisch, beugte sich vor, seine Stimme tief und grollend. „Ich verbürge mich für sie. Mit meinem Namen. Mit meinem Hof. Ich übernehme die volle Haftung für jeden Schritt, den sie tut.“

Es wurde totenstill. Terec presste die Lippen zusammen. Das war nicht der Plan. Beathan sollte sie verstoßen. Der Richter musterte Beathan lange. Er kannte den alten Krieger. Er wusste, was eine Bürgschaft von einem Mederic bedeutete. „Wenn sie flieht – so wie sie es auf dem Markt getan hat, oder am gestiegen Tag zuletzt“, sagte der Richter leise, „verliert Ihr alles. Nicht nur den Glauben an euer Wort.“

„Sie wird nicht fliehen“, sagte Beathan, ohne den Blick abzuwenden. „Und wenn doch, werde ich sie finden.“

Der Richter seufzte. Er griff nach dem Stempel. „Gut. Hausarrest. Absolute Überwachung. Ein Schritt vom Hof, und sie landet im Kerker, bis sie grau wird. Ihr tragt die Verantwortung.“ Er knallte den Stempel auf das Pergament. „Sitzung geschlossen.“

Terec stand auf. Er wirkte nicht besiegt, aber seine Augen waren dunkel. Er ging an Fainche vorbei. Ganz nah. Fainche zuckte nicht zurück. Sie saß einfach nur da, starr wie eine Puppe, bei der die Fäden durchschnitten waren.

Loras war der Letzte, der ging. Er blieb kurz im Türrahmen stehen, sah noch einmal zurück. Sein Blick traf Beathans. Beathan nickte ihm zu. Nur minimal. Ein Nicken, das sagte: Ich habe gesehen, dass du nicht hinsehen konntest. Loras schluckte und verschwand im Flur.

Beathan ging zu Fainche. Er fasste sie nicht an. Er wusste, dass sie zerbrechen würde, wenn er es tat. „Komm“, sagte er leise. „Du wartest noch einen Moment bei Brenn. Ich hole dich nachher nach Hause.”

Fainche stand auf. Mühsam. Sie ging neben ihm her, bis Brenn ihn ablöste und sie bis zu seiner Rückkehr zur Zelle brachte. Sie achtete nicht darauf, wie viel Zeit verging. Sprach nicht. Fror.

Eibenburg – Haus der Mederic; Tag nach der Verhandlung

Der Weg vom Torhaus zum Mederic-Hof war nicht weit, aber er zog sich wie eine Narbe durch den Vormittag. Die Nachricht vom Urteil – Hausarrest statt Kerker – war schneller durch die Gassen gekrochen als sie selbst. Eibenburg hatte sein Urteil längst gefällt, und es deckte sich nicht mit der Milde des Richters. Fensterläden klapperten, Blicke klebten an Fainches Rücken wie Schlamm. Beathan ging aufrecht, eine steinerne Mauer gegen die Welt, und doch spürte Fainche, dass er sie nicht abschirmte, sondern nur verwahrte. Sie ging neben ihm her wie eine Schlafwandlerin, den Blick stur auf die Spitzen ihrer viel zu großen Schuhe gerichtet. In ihr war es still. Eine dröhnende, weiße Stille.

Als die schwere Eichentür des Haupthauses hinter ihnen ins Schloss fiel, sperrte das Geräusch den Lärm des Dorfes aus – aber es sperrte Fainche auch ein. Der Fluchtraum schrumpfte augenblicklich auf diese vier Wände zusammen.

Im Flur roch es nach Bienenwachs und Lavendel. Gerüche, die früher „Zuhause“ bedeutet hatten. Jetzt rochen sie nach einer Falle, die man hübsch ausgepolstert hatte. Siona kam aus dem Esszimmer geeilt. Beathans Frau trug ihre Schürze, die Hände darin verkrampft, das Gesicht blass vor Sorge. Sie sah nicht die Verurteilte. Sie sah das Kind ihrer Schwester. „Fainche…“, hauchte sie. Ihr Blick glitt entsetzt über das violett geschwollene Auge, die aufgeplatzte Lippe, die schlaffe Haltung. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie machte einen halben Schritt vor, die Hände ausgestreckt, als wolle sie Fainche in den Arm nehmen, sie an sich drücken, die Kälte aus ihr herauswärmen.

Doch Fainche zuckte kaum merklich zurück. Ein winziges, abweisendes Schließen der Schultern. Fass mich nicht an. Siona hielt inne, verletzt, aber verständig. Sie ließ die Hände sinken.

„Bring sie nach oben“, sagte Beathan leise. Seine Stimme war müde, aber darin lag der harte Unterton der Notwendigkeit. „Ins Gästezimmer unter dem Giebel.“

Siona wandte den Kopf ruckartig zu ihm. „Ins Dachzimmer? Aber Beathan, willst du das wirklich? Das ist so… isoliert.“ „Es ist sicher“, sagte er, ohne Fainche anzusehen. „Das Fenster ist eine Luke. Zu hoch, um zu springen. Zu schmal, um zu klettern. Es gibt nur einen Weg rein und raus: die Treppe.“ Er sprach über sie wie über ein wertvolles, aber gefährliches Objekt, das man vor sich selbst schützen musste.

Fainche sagte nichts. Der Aufstieg war mühsam. Jede Stufe zog an ihren geprellten Rippen. Oben angekommen, war die Luft stickig, stand still wie in einer angehaltenen Zeit.

Das Zimmer war nicht karg. Es war das Gegenteil. Siona hatte sich offensichtlich Mühe gegeben, bevor sie kamen. Das Bett war mit frischer, weißer Wäsche bezogen, die nach Sonne duftete. Auf dem kleinen Tisch standen eine Schale mit Wasser und ein Krug mit Holundersaft. Ein weicher Wollteppich lag auf den Dielen, und in der Ecke stand der bequeme Sessel mit den Kissen, den Fainche immer gemocht hatte. Es war gemütlich. Und es war das grausamste Gefängnis, das sie sich vorstellen konnte.
Denn als sie sich auf das Bett setzte, sah sie es: Der Riegel an der Tür war neu. Das Holz um die Schrauben war noch hell und unlackiert. Und vor der Luke im Dach, hoch oben, wo man nur den Himmel sah, war ein schweres Eisengitter angebracht worden. Es war filigran geschmiedet, fast dekorativ. Aber es war Eisen.

„Ich habe dir deine Sachen bringen lassen“, sagte Siona hastig, als könnte sie die Stille nicht ertragen. Sie deutete auf Fainches Truhe am Fußende des Bettes. „Frische Kleidung. Deine Bürste. Ein paar Bücher.“ Sie trat näher, die Stimme brüchig. „Soll ich dir helfen, dich zu waschen, Liebes? Das Leinenhemd… es muss kratzen.“

Fainche starrte auf ihre Hände im Schoß. Sie spürte das Kratzen nicht. Sie spürte auch die Schmerzen in ihren Rippen kaum noch. Ihr Körper war nur noch eine Hülle. In ihr drin hatte sie alle Fensterläden geschlossen und verriegelt, fester als Beathan jede Tür verriegeln konnte. Sie schüttelte den Kopf. Eine winzige Bewegung.

Siona schluckte schwer. Sie sah hilfesuchend zu Beathan, der im Türrahmen stand wie ein Wächter. Er nickte kaum merklich. Lass sie. „Ich… ich bringe dir später eine Suppe“, flüsterte Siona. „Eine kräftige Brühe. Das wird dir guttun.“ Sie strich flüchtig über das Fußende des Bettes und eilte hinaus, als würde ihr die Luft fehlen.

Beathan blieb noch einen Moment. Er sah das Mädchen auf dem Bett. Er sah den neuen Riegel. Er sah das Gitter. Der Richter hatte es verlangt. Sein Verstand wusste, dass es richtig war – um sie zu halten, um sie zu retten. Aber sein Herz fühlte sich an, als hätte er Blei geschluckt.

„Ruh dich aus“, sagte er. Seine Stimme klang hohl in dem kleinen Raum. Er griff nach der Türklinke. Zögerte. Wollte etwas sagen. Etwas über Schutz. Über Hoffnung. Aber er sah ihren Rücken, der sich gegen ihn wandte wie eine Mauer.

Er zog die Tür zu. Von außen schob er den Riegel vor. Das Geräusch von Metall auf Metall war leise, gut geölt. Ein sanftes Klicken. Aber für Fainche, die reglos auf dem weichen Bett saß, klang es so laut wie das Zufallen eines Sargdeckels.

Sie war zu Hause. Und sie war vollkommen allein.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Taverne „Zum Ochsen“; Am Abend nach der Verhandlung , Hochsommer 264

Die Nachricht vom Urteil – Hausarrest statt Kerker – war wie ein Funke in trockenem Reisig gelandet. In der Taverne „Zum Ochsen“ war die Luft dick von Rauch, Bierdunst und einer greifbaren, schwülen Unzufriedenheit. Draußen hatte der Regen aufgehört, aber drinnen gärte es weiter. Terec saß mit seiner Gruppe an einem Ecktisch. Nicht im Zentrum, nicht laut grölen, wie sie es vielleicht nach einem einfachen Sieg getan hätten. Sie waren vorsichtig. Terec hatte es ihnen eingebläut. „Kein Wort über die Beute. Kein Wort über den Plan. Wir sind die Opfer.“
Jannik saß da, das „verletzte“ Bein demonstrativ auf einer Bank ausgestreckt, und trank sein Bier mit kleinen, leidenden Schlucken. Mira und Fellin hielten sich zurück, nickten ernst, wenn jemand an den Tisch trat. Und die Leute traten an den Tisch.
„Ist es wahr?“, fragte der alte Gerber, der sich schwer auf den Tisch stützte. „Das Mädchen ist wieder daheim? Nach allem?“
Terec nickte. Er wirkte nicht wütend, sondern resigniert. Die perfekte Maske eines enttäuschten Bürgers.

„Der Richter hat entschieden“, sagte er laut genug, dass auch der Nachbartisch es hörte. „Herr Mederic hat… seinen Einfluss geltend gemacht.“ Ein Raunen ging durch den Raum.

„Einfluss“, schnaubte ein Schmiedegeselle am Tresen. „Gold meint er. Und Namen.“

„Wir haben nur unsere Pflicht getan“, fuhr Terec fort, die Stimme ruhig, aber schneidend. „Und seht euch an, was wir davon haben. Jannik kann kaum laufen. Mira hat noch immer Angst, nachts rauszugehen.“

Er seufzte schwer. „Aber wenn man zu den Mederics gehört, gelten wohl andere Gesetze als für uns.“

Es war kein offener Aufruf zur Gewalt. Es war schlimmer. Es war Gift, das langsam in den Brunnen der Dorfgemeinschaft geträufelt wurde. Es verwandelte Fainche von einer einfachen Diebin in ein Symbol der Ungerechtigkeit. In der dunkelsten Ecke des Raumes, halb verborgen hinter einem Pfeiler und dem Rauch des Kamins, saß ein Mann in der groben Kleidung eines Holzfällers. Er hatte sein Bier seit einer Stunde nicht angerührt. Sein Hut war tief ins Gesicht gezogen. Es war Kaelen, einer von Beathans ältesten Angestellten. Er rührte sich nicht, aber seine Augen waren auf Terec fixiert. Er sah das Schauspiel. Er sah, wie Terec das Feuer schürte, ohne sich selbst die Finger zu verbrennen. Und er sah Loras, der am Rand des Tisches saß, blass und schweigend, und sein Glas umklammerte, als wäre es ein Rettungsanker.


Eibenburg – Hinterzimmer der Wache; Zur gleichen Zeit

Während im Dorf die Wut kochte, herrschte im Hinterzimmer der Wache eine kalte, brüchige Stille. Beathan stand am Fenster und starrte hinaus in die Dämmerung. Brenn saß am Tisch, vor sich die Akte des Richters. Er rieb sich die Augen, die rotgerändert waren vor Müdigkeit.

„Ein Hausarrest ist ein Pflaster auf einem Beinbruch“, brummte der Büttel. „Es hält sie ruhig, aber es beweist nichts. Die Leute wollen Blut sehen, Beathan. Und der Richter… der Richter sieht ein Muster.“
„Es kauft uns Zeit“, sagte Beathan, ohne sich umzudrehen. „Zeit, die Unterschiede zu finden und Beweise.“

Er drehte sich um. Sein Gesicht lag im Schatten, aber seine Haltung war starr. „Ich habe dir etwas verschwiegen, Brenn.“ Beathan griff in seinen Gürtel, zog einen kleinen Lederbeutel hervor und kippte den Inhalt auf das grobe Holz. Es klirrte hell. Brenn beugte sich vor. Er sah Knöpfe. Ein Stück Garn. Zwei abgegriffene Münzen. Eine billige Brosche. Und dann sah er es. Er erstarrte. Seine Hand schoss vor, griff nach dem bronzenen Abzeichen mit der abgefeilten Kante und den Konturen des Ortes. Er starrte das Metall an, als wäre es giftig. Dann hob er den Kopf. Sein Blick war nicht mehr müde. Er war entsetzt.

„Das ist mein Abzeichen“, sagte er leise. Die Lautstärke täuschte nicht über die Gefahr in seiner Stimme hinweg. „Ich habe Wochen danach gesucht. Ich habe den ganzen verdammten Markt abgesucht. Ich dachte, ich werde senil.“ Er stand langsam auf, das Abzeichen fest umklammert. „Woher hast du das?“

„Sie hat es dir im Gedränge abgeschnitten“, sagte Beathan ruhig. „Im Frühsommer. Ich habe es unter einem losen Brett in ihrem Zimmer gefunden, kurz nachdem sie eingezogen war.“

Brenn schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Das Holz dröhnte. „Und du hast es behalten?!“ brüllte er. „Du hast Beweise unterschlagen? Du hast mich suchen lassen, mich an meinem Verstand zweifeln lassen, während das Ding in deiner Schublade lag?“ Er trat einen Schritt auf Beathan zu, das Gesicht rot vor Zorn. „Beathan! Du hast eine Diebin gedeckt!“

„Ich habe meine Familie geschützt!“, donnerte Beathan zurück. Er wich keinen Millimeter zurück. Er stand da wie ein Fels, an dem Brenns Wut brechen musste. „Ich dachte, es ist nur eine Phase! Ein dummer Schrei nach Aufmerksamkeit! Sollte ich meine Nichte wegen eines Stücks Blech an den Pranger liefern?“
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„Es ist das Gesetz!“, schrie Brenn. „Das Gesetz, dem wir beide gedient haben!“
„Scheiß auf das Gesetz!“, zischte Beathan. Seine Augen funkelten dunkel. „Sie ist das Kind meiner Schwägerin. Sie steht unter meinem Schutz. Ich hätte diesen Blechklumpen im Fluss versenkt, wenn ich gewusst hätte, dass es sie vor dem Kerker bewahrt.“
Brenn starrte ihn an, den Mund leicht geöffnet. Er sah einen Mann vor sich, den er kannte und doch nicht kannte. Er sah den Freund, mit dem er seit dreißig Jahren trank. Aber er sah auch den Patriarchen, der bereit war, seine eigene Moral zu verbrennen, um seinen Clan zu verteidigen.
„Du hättest mich belogen“, sagte Brenn leise. Die Wut wich einer tiefen Enttäuschung. „Mir ins Gesicht.“
„Ich habe geschwiegen“, korrigierte Beathan, die Stimme jetzt rauer, fast bittend. „Weil ich hoffte, ich kriege sie in den Griff. Weil ich hoffte, du musst es nie erfahren.“ Er atmete schwer aus. „Es tut mir leid, alter Freund. Dass ich dich zum Narren gehalten habe. Das tut mir leid. Aber dass ich sie geschützt habe… das werde ich nicht bereuen.“
Sie standen sich gegenüber, zwei alte Männer in einem kleinen, stickigen Raum, getrennt durch eine Lüge und verbunden durch Jahrzehnte. Brenn sah auf das Abzeichen in seiner Hand. Er fuhr mit dem Daumen über die Kante. Er wusste, was Beathan getan hatte, war falsch. Aber er wusste auch: Wäre es seine Tochter gewesen… hätte er vielleicht dasselbe getan.

Er ließ sich schwerfällig wieder auf den Stuhl sinken. „Du bist ein sturer, arroganter Hund, Mederic“, brummte er.
„Ich weiß“, sagte Beathan. Er entspannte sich minimal. Brenn legte das Abzeichen auf den Tisch.
„Also gut. Wir werden uns darüber noch streiten, wenn das hier vorbei ist. Und du wirst mir verdammt viel Bier ausgeben müssen.“ Er sah Beathan scharf an. „Aber warum zeigst du mir das jetzt? Willst du sie doch noch ans Messer liefern?“
„Nein“, sagte Beathan. Er trat an den Tisch und schob die Knöpfe neben die Liste der Anklagepunkte. „Ich zeige es dir, weil dieser Müll hier beweist, dass sie unschuldig ist.“
Brenn runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Sieh es dir an“, sagte Beathan eindringlich. „Das hier“, er deutete auf den Haufen, „ist Spielzeug. Trophäen. Sie stiehlt Dinge, die glänzen oder eine Bedeutung haben – wie dein Abzeichen. Sie nimmt sie im Vorbeigehen, offen, impulsiv. Wie eine Elster.“ Er tippte hart auf die Akte des Richters. „Aber das da drin? Ein Kelch aus dem Hinterzimmer der Mühle? Ein Geldbeutel aus der verschlossenen Lade des Schmieds? Das ist geplant. Das ist kaltblütig. Man muss wissen, wann der Müller weg ist. Das ist Arbeit.“
Brenn sah von den Knöpfen zur Akte. Er verstand die Logik. „Zwei Handschriften“, murmelte er. „Die Elster und der Raubvogel.“
„Genau“, sagte Beathan. „Wir müssen beweisen, dass sie die Elster ist. Damit wir beweisen können, dass sie nicht der Raubvogel ist.“
Brenn lehnte sich zurück und rieb sich das Kinn. Sein Gesichtsausdruck hellte sich nicht auf. Er wurde dunkler. „Das ist ein verdammtes Wagnis, Beathan.“
„Warum? Es ist die Wahrheit.“
„Weil die Wahrheit vor Gericht zweischneidig ist“, sagte Brenn scharf. Er tippte auf das Abzeichen. „Wenn wir das hier vorlegen, gestehen wir offiziell, dass Fainche nicht nur einmalig auf dem Markt gestohlen hat. Wir bestätigen den Verdacht des Richters. Wir liefern ihm den Beweis für ihren schlechten Charakter auf dem Silbertablett.“
Er sah Beathan ernst an. „Und was, wenn wir den Rest nicht beweisen können? Was, wenn wir bei Terec nichts finden? Was, wenn sie das Gold längst vergraben oder ausgegeben haben?“ Brenn beugte sich vor. „Dann stehen wir da. Wir haben zugegeben, dass sie klaut. Aber wir können nicht beweisen, dass sie nicht eingebrochen ist. Der Richter wird sagen: 'Wer den Büttel bestiehlt, bricht auch beim Schmied ein.' Wir könnten ihr mit diesem 'Beweis' den Strick selbst um den Hals legen.“
Beathan schwieg. Sein Kiefer mahlte. Er sah die Gefahr. Wenn sie Terec nicht überführen konnten, war das Geständnis der kleinen Diebstähle kein Rettungsring, sondern ein Mühlstein. „Sie ist die Einzige, die offiziell verdächtigt wird“, murmelte er. „Terec und die anderen sind Zeugen. Saubere Bürger.“
„Genau“, sagte Brenn. „Solange wir bei denen nichts Handfestes finden, ist deine 'Elster-Theorie' nur eine nette Geschichte, um eine Kriminelle reinzuwaschen.“ Er nahm das Abzeichen wieder an sich und steckte es ein. „Wir können das hier erst nutzen, wenn wir den anderen Teil haben. Wir brauchen die Beute der Raubvögel. Vorher… vorher ist das hier Selbstmord.“
„Dann müssen wir sie finden“, sagte Beathan düster. „Kaelen beobachtet sie heute Abend in der Taverne. Wir müssen hoffen, dass sie gierig sind. Oder dumm.“
Brenn nickte. „Pass auf dein Haus auf, Beathan. Die Stimmung draußen kippt. Und wenn wir scheitern… dann hast du deiner Nichte gerade das Urteil unterschrieben.“
„Keine Fehler mehr“, versprach Beathan. Aber seine Stimme klang nicht mehr so sicher wie zuvor. Das Eis, auf dem sie sich bewegten, war verdammt dünn geworden.


Eibenburg – Gassen und Marktplatz; Die Tage nach dem Urteil

Die Luft in Eibenburg war nicht mehr nur drückend von Sommergewittern. Sie war vergiftet. In den Tagen nach der Verhandlung legte sich eine bleierne Schwere über das Dorf, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Es war die Schwere von ungesagten Worten und Blicken, die sich abwandten, sobald man sie traf.

Für Beathan wurde der Ritt durch das Dorf zum Spießrutenlauf. Früher hatten die Leute den Hut gezogen, wenn ee vorbeiritt. Man hatte gegrüßt, ein kurzes Gespräch über das Wetter oder die Ernte gesucht. Jetzt herrschte Schweigen. Ein dröhnendes, vorwurfsvolles Schweigen, das wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und den Bewohnern stand.

Als er am dritten Tag beim Hufschmied hielt, um einen lockeren Beschlag prüfen zu lassen, ließ der Meister ihn warten. Nicht lange. Nur lang genug, um zu zeigen, dass ein Mederic hier keine Priorität mehr hatte. Als der Schmied endlich kam, wischte er sich die Hände betont langsam an der Schürze ab. Er sah Beathan nicht in die Augen. „Hab viel zu tun“, brummte er. „Der Gaul muss warten.“
„Es ist nur ein Nagel“, sagte Beathan ruhig.
„Tja“, sagte der Schmied und spuckte in den Staub, gefährlich nah an Beathans Stiefel. „Manche Dinge sind eben locker. Gesetz und Eisen.“ Er drehte sich um und ging zurück an sein Feuer. Beathan stand da, die Zügel in der Hand, und spürte die Blicke der Lehrlinge in seinem Rücken. Sie waren nicht mehr respektvoll. Sie waren messend. Feindselig.

Brenn erging es nicht besser. Er war das Gesicht des Gesetzes, und das Gesetz galt plötzlich als Hure der Reichen. Wenn er seine Runden drehte, verstummten die Gespräche an den Brunnen. Eine Marktfrau, deren Stand er passierte, rief ihm laut genug nach: „Passt auf eure Börsen auf! Die Wache schützt nur die Diebe, nicht die Ehrlichen!“ Gelächter folgte. Ein hässliches, kehlige Lachen.

Am Abend des vierten Tages stellten sie ihn. Drei Männer, Bauern aus dem Umland, die in der Taverne Mut getrunken hatten. Sie blockierten seinen Weg zum Torhaus. „Hey, Büttel!“, rief einer, breitbeinig, das Gesicht rot vom Bier. „Wieviel kostet es eigentlich?“ Brenn blieb stehen. „Geh nach Hause, Kall. Du bist betrunken.“
„Ich will nur wissen, was der Tarif ist“, höhnte der Mann. „Wieviel Gold muss ich dem Richter geben, damit ich meinen Nachbarn verprügeln darf? Oder gilt das nur für kleine Mädchen mit großer Familie?“
„Sie wurde nicht freigesprochen“, sagte Brenn, seine Stimme so scharf wie ein rostiges Sägeblatt. „Sie hat Hausarrest.“
„Hausarrest!“, johlte der Bauer. „In einem Federbett! Während Jannik humpelt und Terec Angst hat! Das nennt ihr Gerechtigkeit?“ Er trat einen Schritt vor, baute sich vor dem alten Büttel auf. „Wir nennen das Verrat, Brenn. Und Verräter… die vergisst man hier nicht.“
Brenn wich nicht zurück. Er legte die Hand auf den Knauf seines Kurzschwertes. „Und ich vergesse nicht, wer mich im Dienst bedroht“, sagte er leise. Die Männer zögerten. Die alte Autorität wirkte noch, ein dünner Faden, der sie zurückhielt. Sie spuckten aus, fluchten und zogen ab. Aber der Faden war gespannt bis zum Zerreißen.

Später, in der Sicherheit der Wachstube, wischte sich Brenn den Schweiß von der Stirn. „Es kocht, Beathan“, sagte er zu dem Schatten am Fenster. „Sie brauchen nur einen Funken. Ein zerbrochenes Fenster, ein verschwundenes Huhn… und sie marschieren mit Fackeln zu deinem Hof.“
Beathan starrte hinaus in die Dunkelheit. Er sah die Lichter des Dorfes. Früher waren sie wie Sterne gewesen, ein Zeichen von Gemeinschaft. Jetzt wirkten sie wie die Augen von Wölfen, die im Kreis um ein Lagerfeuer schlichen. „Dann müssen wir schneller sein“, sagte er. „Bevor sie die Fackeln anzünden.“
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Haus der Mederic; Die Tage nach dem Urteil, Hochsommer 264

Die Zeit im Haus der Mederic verlor ihre Form. Sie zerfloss in Stunden, die zäh waren wie kalter Honig. Fainches Welt war auf wenige Räume geschrumpft: Das kleine Zimmer unter dem Dach, in dem sie schlief (oder wach lag und die Balken zählte), und das Arbeitszimmer ihrer Tante Siona, das ihr als einziger Aufenthaltsort zugestanden wurde, weil die Fenster dort zu hoch waren, um ohne Leiter hinauszuklettern. Es war kein Kerker aus Stein. Es war ein Gefängnis aus Kissen, Büchern und gutem Essen. Siona gab sich Mühe. Sie kochte Fainches Lieblingsessen, legte frische Blumen auf den Tisch und versuchte sie mit gesprächen zu unterhalten. Aber Fainche hörte nicht hin. Sie hatte sich in einen Panzer aus Eis zurückgezogen.

Wenn Siona hereinkam, blickte Fainche nicht auf. Sie saß in der Fensternische, die Knie an die Brust gezogen, und starrte hinaus in den Regen.
„Ich habe dir ein neues Buch hingelegt“, sagte Siona leise. „Über die alten Legenden. Du mochtest Geschichten doch immer.“
Keine Antwort.
„Willst du… willst du vielleicht runter in die Küche kommen? Teig kneten?“
Fainche drehte nur den Kopf zur Wand. Sie bestrafte Siona nicht mit Worten. Sie bestrafte sie mit Abwesenheit, obwohl sie im selben Raum war. Sie zeigte ihnen: Ihr habt meinen Körper hier eingesperrt, aber ich bin nicht hier.

Auch Beathan prallte an ihr ab. Er kam jeden Abend. Er stand im Türrahmen, groß und schwerfällig vor Schuldgefühlen, und berichtete von den Ermittlungen.
„Brenn sucht nach Zeugen“, sagte er. „Wir geben nicht auf.“
Fainche schnaubte dann nur leise, kaum hörbar. Ein Geräusch voller Verachtung für eine Hoffnung, die sie für eine Lüge hielt.
________________________________________

Der Einzige, der die Regeln dieses kalten Krieges ignorierte, war Tharoan. Er kam am dritten Tag in das Arbeitszimmer. Er klopfte nicht vorsichtig wie Siona. Er trat auch nicht mit der Schwere eines Richters ein wie Beathan. Er kam einfach rein. Er trug seine Stallkleidung, roch nach Pferd und Leder und hielt einen Teller mit geschnittenen Äpfeln und einem Stück Käse in der Hand.

„Hier riecht es nach alter Tinte und schlechter Laune“, stellte er fest und ließ sich ohne zu fragen auf das andere Ende des großen Sofas fallen. Er streckte die langen Beine aus und legte die stiefelbewehrten Füße auf den feinen Hocker – etwas, das Siona sicher entsetzt hätte. Fainche rührte sich nicht. Sie hielt den Blick stur auf die Fensterscheibe gerichtet. Tharoan kümmerte das nicht. Er biss lautstark in ein Stück Apfel.
„Jannik humpelt übrigens immer noch“, sagte er kauend. „Ich hab ihn im Dorf gesehen. Zieht das Bein nach wie ein alter Gaul, sobald jemand guckt. Wenn er denkt, er ist allein, läuft er ganz normal.“

Fainches Schultern zuckten. Eine winzige Reaktion. Tharoan sah es, aber er kommentierte es nicht.
„Und Terec läuft rum wie ein Hahn, der denkt, der Misthaufen gehört ihm allein. Erzählt jedem, wie 'gefährlich' du warst.“ Er lachte leise. „Er hat Schiss, Fainche. Man sieht es an seinen Augen.“

Er schob den Teller über das Polster in ihre Richtung. „Iss. Du siehst aus wie ein Gespenst.“

Er lehnte den Kopf zurück und sah zur Decke.
„Weißt du… Vater dreht fast durch. Er poliert sein Schwert, er schreit die Knechte an. Er macht sich Vorwürfe.“
„Soll er doch“, zischte Fainche.
„Ja. Soll er“, stimmte Tharoan überraschend zu. „Er hat es vermasselt. Er hat nicht zugehört.“ Er drehte den Kopf und sah sie direkt an. Sein Blick war nicht mitleidig, sondern ernst. „Aber er kämpft jetzt. Auf seine Art. Er versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.“

Fainche starrte ihn an. Es war das erste Mal, dass jemand in diesem Haus offen zugab, dass Beathan einen Fehler gemacht hatte. Siona versuchte immer zu schlichten. Beathan versuchte zu reparieren. Tharoan sprach es einfach aus.

„Er glaubt seinem Namen“, sagte sie bitter. „Nicht mir.“
„Er glaubt dir“, widersprach Tharoan ruhig. „Sonst hätte er sich nicht vor den Richter gestellt und seinen Kopf für dich hingehalten. Er ist vielleicht ein Sturkopf, Cousine. Aber er würde dir nichts vormachen.“

Er nahm ein weiteres Stück Apfel und hielt es ihr hin. Nicht aufdringlich. Nur als Angebot. „Komm schon. Der Apfel ist gut. Siona hat ihn vor mir versteckt, also muss er der Beste sein.“ Fainche zögerte. Sie sah in Tharoans Gesicht – das offene, ehrliche Gesicht, das so wenig Ähnlichkeit mit Beathans strengen Zügen hatte, obwohl sie Vater und Sohn waren. Tharoan forderte nichts. Er wollte keine Dankbarkeit. Er wollte keine Entschuldigung. Er wollte nur einen Apfel teilen. Langsam, ganz langsam, löste sie eine Hand von ihren Knien. Sie griff nach dem Apfelstück. Ihre Finger streiften seine kurz. Seine Hand war warm und rau. Sie nahm den Apfel und biss hinein.

Tharoan lächelte. Nur ein bisschen. „Siehst du“, sagte er. „Geht doch.“
Er blieb noch eine Stunde sitzen, erzählte von den Pferden und dem neuen Stallburschen, der Angst vor Gänsen hatte. Fainche sagte nichts mehr. Aber sie aß den Apfel auf. Und als er ging, drehte sie sich nicht sofort wieder zum Fenster.

Es war kein Frieden. Aber es war ein kleiner Riss in der Mauer.

________________________________________

Die Dämmerung legte sich grau und schwer über das Haus. Im Arbeitszimmer war das Feuer heruntergebrannt, nur noch ein glimmendes Auge in der Asche. Der Geschmack von Tharoans Freundlichkeit lag noch auf Fainches Zunge, süß und selten. Doch als die Tür erneut aufging, verschwand er sofort. Beathan trat ein. Er wirkte nicht wütend, aber er trug eine Schwere mit sich, die den Raum sofort füllte. Er sah gehetzt aus, wie ein Mann, der gegen eine unsichtbare Uhr anläuft. Er schloss die Tür leise, aber seine Hand blieb einen Moment zu lange auf der Klinke liegen, als zögere er. Dann zog er sich den schweren Eichenstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Er hielt Abstand, aber seine Augen waren unruhig.

„Tharoan sagt, du hast gegessen“, begann er. Seine Stimme klang belegt.
Fainche sah ihn an, das Kinn vorsichtig gehoben. „Ja. Er hat nicht gepredigt.“
„Das ist gut.“ Beathan rieb sich über das Gesicht. „Ich wünschte, ich könnte das auch.“

Er lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie. Die warme, fast väterliche Atmosphäre, die er zu erzeugen versuchte, war brüchig. Darunter lag pure Nervosität.
„Wir haben ein Problem, Fainche. Die Zeit läuft uns davon.“
Fainche runzelte die Stirn. „Was heißt das?“

„Der Richter“, sagte Beathan gepresst. „Er will ein Urteil. Er hat mir heute Morgen eine Frist gesetzt. Drei Tage. Wenn wir bis dahin keine neuen Beweise haben, die deine Unschuld am Raub belegen…“ Er sprach es nicht aus. Er musste es nicht. Kerker.

Fainche wurde blass. „Aber ihr wisst doch, dass ich es nicht war! Brenn weiß es!“
„Wir glauben es“, korrigierte Beathan eindringlich. „Aber wir können es nicht beweisen. Ohne die Beute und die Spur zu Terec und seiner Bande ist alles nur Theorie.“
Er griff in seine Tasche und legte den silbernen Knopf und das Taschenmesser auf den Tisch.
„Das hier… das sind deine Spuren. Die einer Elster. Jemand, der impulsiv zugreift. Aber der Kelch? Das Gold? Das ist Arbeit von Raubvögeln.“

„Dann sag das dem Richter!“, rief sie.
„Das reicht ihm nicht!“, fuhr Beathan auf, lauter als er wollte. „Ich muss ihm beweisen, dass du eine Elster bist. Dass du stiehlst, um Aufmerksamkeit zu kriegen, nicht um reich zu werden. Ich muss dich als kleine Diebin opfern, um dich vor der Strafe für den Raub zu retten.“

Fainche starrte ihn an, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen. „Du willst mich opfern?“, hauchte sie. „Du willst, dass ich gestehe, eine Diebin zu sein? Damit du fein raus bist? Damit der Name Mederic sauber bleibt?“

„Es geht um deine Freiheit!“, donnerte Beathan. „Aber dafür brauche ich mehr. Ich brauche die echte Beute.“
Er rutschte auf dem Stuhl nach vorn, sein Blick wurde flehend, aber für Fainche wirkte es wie ein Angriff.
„Du warst Wochen mit ihnen zusammen. Denk nach. Haben sie jemals über Verstecke geredet? Hat Jannik geprahlt? Hat Terec dir vielleicht… etwas gegeben? Ein Päckchen? 'Halt das mal für mich'?“

Die Stimmung im Raum kippte. Das Gefühl von Bedrohung kroch ihren Rücken hoch.
„Du denkst, ich weiß, wo die Beute ist?“
„Ich denke, du hast Dinge gesehen, die du vielleicht nicht als wichtig erachtet hast!“, sagte Beathan hastig.
„Nein“, flüsterte sie. „Du fragst mich nicht, weil du denkst, ich bin aufmerksam. Du fragst mich, weil du denkst, ich war dabei.“
„Was? Nein!“
„Doch!“
, ihre Stimme wurde schrill. „Du denkst, ich bin ihre Komplizin! Du denkst, ich decke sie!“
„Ich denke, dass du unsere einzige Chance bist!“, brüllte Beathan zurück, die Geduld verlierend. „Aber du sitzt hier, schweigst, bockst – und draußen wetzen sie die Messer! Du verhältst dich wie jemand, der etwas zu verbergen hat!“
„Weil du mir nicht glaubst!“, schrie sie. Sie sprang auf das Sofa, um größer zu sein. „Du hast mich schon einmal verraten! Und jetzt suchst du wieder nur nach dem einfachsten Weg für dich!“
„Ich habe die Bande nicht in unser Leben gebracht und mich dann ausgeschlossen!“, brüllte Beathan zurück, die Beherrschung endgültig verlierend.
„Du suchst nach einer Ausrede!“, schrie sie.
„Du hast dich heimlich mit Kriminellen getroffen! Du hast geschwiegen, als im Dorf Dinge verschwanden! Wundere dich nicht, wenn man dich fragt, was du weißt!“

Sie griff nach dem Teller, der noch auf dem Tisch stand – Tharoans Teller mit den Apfelschalen. Sie warf ihn. Blind vor Wut und Verletzung. Der Teller traf die Wand knapp neben Beathans Kopf.

Klirr.

Er zerschellte in tausend Scherben. Porzellan regnete auf den Boden.

Beathan zuckte nicht einmal zusammen. Er starrte auf die Scherben. Dann auf sie. Sein Blick war erloschen. Die hektische Energie war weg, verdrängt von einer eisigen, bleiernen Müdigkeit. Er hatte keine Zeit mehr. Und er hatte keine Verbündete.
„Gut“, sagte er tonlos. „Dann behalte deine Geheimnisse. Und dein Chaos. Aber erwarte nicht, dass sie dich wärmen, wenn sie dich holen."

Er drehte sich um. Er ging zur Tür.

„Beathan…“, setzte sie an, erschrocken über ihren eigenen Wurf, über das, was sie gerade zerstört hatte. Aber er hielt nicht an. Sie sprang vom Sofa und wollte ihm hinterher, doch er war schneller. Er riss die Tür auf, trat hinaus und knallte sie hinter sich zu. Der Riegel schnappte ein. Nicht leise. Sondern mit einem harten, metallischen Schlag, der wie ein Urteil klang.
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Das Schloss war eingerastet. Ein kleines Stück Metall teilte nun eine Welt.

Auf der Innenseite rutschte Fainche langsam an dem dunklen Holz herab, bis sie auf dem Boden saß. Sie ignorierte die Porzellanscherben, die sich in ihre Hose bohrten. Sie legte die Hand flach gegen das Türblatt. Das Holz war noch warm von seiner Berührung – oder bildete sie sich das nur ein? Die Wut, die sie eben noch wie ein Feuer gewärmt hatte, war verloschen. Zurück blieb nur eine eisige Klarheit. „Du verhältst dich wie jemand, der etwas zu verbergen hat.“ Der Satz brannte. Aber schlimmer wog ihre eigene Tat. Sie hatte nach ihm geworfen.
„Nein“, flüsterte sie. „Ich wollte das nicht.“
Sie wollte die Klinke drücken. Sie wollte die Tür aufreißen und schreien: Ich weiß wirklich nicht, wo sie sind! Ich bin nur dumm gewesen, nicht böse!
Aber ihre Hand zitterte zu sehr. Die Angst, in seinen Augen wieder diesen kalten Zweifel zu sehen, lähmte sie. Sie ließ die Hand sinken.

Auf der Außenseite, im dämmrigen Flur, lehnte Beathan mit der Stirn gegen denselben Balken. Er atmete schwer, rasselnd. Er sah seine eigene Hand an, die noch immer auf der Klinke ruhte. Er musste sie nur herunterdrücken. Er musste nur reingehen und sagen: Vergiss das Verhör. Ich habe Angst. Ich will nur, dass du sicher bist.
Sein Herz schrie danach. Aber sein Stolz – und die bittere Logik, dass ohne die Beute keine Rettung möglich war – hielt ihn fest wie eine Eisenkette.

Minuten vergingen. Zwei Menschen, getrennt durch drei Fingerbreit Eichenholz. Beide voller Reue. Beide stumm.

Dann nahm Beathan die Hand von der Klinke. Er richtete sich auf. Sein Gesicht wurde hart vor Entschlossenheit. Reden brachte nichts. Sie glaubte ihm nicht.
Ich werde dieses verdammte Versteck finden, schwor er sich leise in den leeren Flur. Ich werde jeden Stein im Wald umdrehen, auch ohne ihre Hilfe. Ich werde ihr die Beute auf den Tisch legen und beweisen, dass sie unschuldig ist. Dann, und erst dann, kann ich ihr wieder in die Augen sehen.
Er drehte sich um und ging mit schnellen Schritten die Treppe hinunter. Er musste zu Brenn. Er musste arbeiten.

Drinnen hörte Fainche, wie sich seine Schritte entfernten. Jeder Schritt ein Schlag. Er kam nicht zurück. Er hatte sie aufgegeben. Er glaubte, sie sei eine Verräterin im eigenen Haus. Sie starrte auf die Scherben am Boden.
„Keine Schande mehr“, flüsterte sie in die Stille.

Wenn sie hierblieb, würde sie ihn nur weiter enttäuschen. Sie würde weiter Dinge zerbrechen. Der Verdacht würde bleiben wie ein Gift, das alles vergiftet, was sie berührte. Solange sie im Haus war, war Beathans Name in Gefahr. Es gab nur einen Weg, das zu verhindern. Sie musste die Schande mit sich nehmen. Ihr Blick fiel auf den schweren Reisemantel, den Beathan vor zwei Tagen achtlos über den Stuhl geworfen und dort vergessen hatte. Sie starrte ihn an. Er war dunkel, schwer und roch nach einer Sicherheit, die sie verspielt hatte.

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Eibenburg – Die folgenden zwei Tage, Spätsommer 264

Während Fainche hinter dem verriegelten Fenster wartete, zog Beathan einen Feldzug durch sein eigenes Dorf. Er war im Ruhestand, zumindest offiziell. Er trug keine Uniform mehr. Aber das hinderte ihn nicht daran, die Arbeit der Wache zu übernehmen – sehr zum Unmut der Bewohner.

Am Morgen nach dem Streit holte er Loras aus der Bäckerei seines Vaters. Mitten im Geschäft, vor den Augen der Kunden.
„Wir müssen reden, Junge“, grollte Beathan und schob den protestierenden Bäcker zur Seite.
Auf der Straße bildete sich eine Traube von Menschen.
„Das darf er doch nicht einfach machen, oder?“, rief eine Marktfrau. „Nur weil der Mederic mit dem Finger schnippt?“
„Er spielt sich auf“, murmelte ein Schmiedegeselle. „Dabei deckt er nur seine diebische Nichte.“

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Terec stand im Schatten eines Torbogens, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er kaute auf seiner Unterlippe, bis sie blutete. Er beobachtete die Bäckerei. Er hatte gesehen, wie Beathan hineingestürmt war wie ein Rachegeist. Er hatte das Geschrei gehört. Und jetzt sah er, wie Beathan und Brenn Loras herausführten.
Loras ging nicht aufrecht. Er lief zwischen den beiden Männern wie ein nasser Sack Mehl. Sein Gesicht war aschfahl, die Augen weit aufgerissen und nass vor Tränen. Er sah nicht aus wie jemand, der schweigt. Er sah aus wie jemand, der gerade zerbricht.

„Halt das Maul, du Feigling“, zischte Terec leise, die Hände in den Taschen zu Fäusten geballt. „Halt einfach das Maul.“
Er redete sich ein, dass Loras zu viel Angst vor ihm hätte, um zu singen. Dass die Geschichte wasserdicht war. Aber der Knoten in Terecs Magen zog sich enger.

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Fainche sah Tharoan an diesem Tag am Tor. Er stand dort mit zwei Knechten. Ein Bauer – Fainche erkannte ihn vage vom Markt – gestikulierte wild. Er deutete auf das Haus, auf das Fenster, hinter dem sie saß. Tharoan schüttelte den Kopf. Er blieb ruhig, aber seine Haltung war angespannt. Der Bauer spuckte vor Tharoans Stiefel auf den Boden, bevor er abzog.
Fainche presste die Hand gegen das Glas.
Wegen mir.

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In der Wache war die Luft dick genug zum Schneiden. Brenn saß auf dem Tisch, müde und grau. Beathan tigerten im Raum auf und ab wie ein gefangenes Raubtier. Vor ihnen saß Loras. Er hatte Angst, ja. Aber er schwieg eisern zu den Verstecken.
„Ich weiß nichts“, wimmerte er zum zehnten Mal. „Terec sagt mir nichts.“

„Terec lügt“, sagte Beathan scharf. Er beugte sich über den Jungen, missachtete jeden Abstand. „Aber du weißt, wo ihr wart, als der Müller bestohlen wurde. Du warst dabei.“
„Beathan, lass ihn atmen“, mahnte Brenn leise. „Du bist Zivilist.“
„Ich bin hier, weil wir sonst zu langsam sind!“, fuhr Beathan ihn an. Er drehte sich wieder zu Loras.
„Der Richter gibt uns noch vierundzwanzig Stunden. Wenn Fainche in den Kerker geht, Loras… dann sorge ich persönlich dafür, dass jeder in diesem Dorf erfährt, dass du dabei zugesehen hast, wie sie verprügelt wurde.“

Loras wurde bleich. Seine Lippen zitterten. „Das… das war nicht so geplant“, stammelte er.
„Wo ist das Zeug?“, fragte Beathan leise.
„Ich weiß es nicht! Aber… aber Jannik hat neue Stiefel. Und Mira hat eine Kette, die sie versteckt.“
Brenn horchte auf. „Welche Kette?“
„Silber. Mit einem blauen Stein. Sie hat sie gestern getragen, unter dem Hemd.“

Beathan und Brenn tauschten einen Blick. Die Kette der Müllerin. Das war es. Der Beweis, dass die Bande die Beute hatte – und nicht Fainche.
„Holt Mira“, sagte Brenn sofort zu einem Wachmann. „Und Jannik. Sofort.“

Beathan lehnte sich gegen die Wand der Steinmauer der Wache und atmete tief aus. Die Anspannung der letzten Tage fiel von ihm ab, ließ ihn zittern. Sie hatten endlich eine Spur. Wenn sie die Sachen fanden, konnten sie beweisen, dass die Bande die Räuber waren. Fainches kleine Diebstähle waren damit bedeutungslos für die Anklage des Raubes. Er würde sie retten können.

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Fainche beobachtete das Geschehen vor dem Haus weiter. Eine Gruppe von Frauen stand am Tor. Sie riefen etwas. Siona ging hinaus, versuchte zu beschwichtigen. Eine der Frauen warf etwas. Es war nur ein Erdklumpen oder ein fauler Apfel, er traf Siona nicht, er klatschte gegen den Torpfosten. Aber Siona, die sanfte Siona, wich zurück, als wäre es ein Stein gewesen. Sie floh ins Haus.
Fainche lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe. Sie sah, was sie anrichtete. Sie war kein Mündel mehr. Sie war ein Fluch. Solange sie hier war, würde der Zorn des Dorfes gegen dieses Haus branden. Gegen Tharoan, der für sie den Weg sicherte. Gegen Siona, die Angst hatte. Gegen Beathan, der seinen Stolz opferte, um eine vermeintliche Komplizin zu schützen.

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Terec folgte Loras und den beiden älteren Männern in sicherem Abstand bis zur Wache. Er wartete. Minuten wurden zu einer Stunde. Der Schweiß unter seiner Tunika war kalt, obwohl die Luft lau war. Dann ging die Tür der Wache auf. Es war nicht Loras, der herauskam. Es waren zwei Wachmänner. Sie wirken nicht lässig, sondern in geschäftstüchtiger Eile. Sie gingen schnell. Zielstrebig. Nicht in Richtung Patrouille. Sondern direkt in die Gasse, die zu Miras Elternhaus führte.
Terec erstarrte. Mira. Die Kette. Loras hatte nicht nur geredet. Er hatte sie verkauft. Alles.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein physischer Schlag. Die Arroganz, die ihn wochenlang getragen hatte – das Gefühl, unantastbar zu sein, weil sie "nur" Halbwüchsige waren und Fainche der perfekte Sündenbock war –, verpuffte in einer Sekunde. Es war vorbei. Brenn wusste es. Beathan wusste es. In wenigen Minuten würden sie Jannik holen. Und dann würden sie zu seinem Haus kommen.

Ein panischer Fluchtinstinkt flutete seinen Körper. „Scheiße“, keuchte er. „Verdammte Scheiße.“
Er tastete nach dem Bündel an seinem Gürtel unter dem Umhang. Das Restgold. Die Löffel. Sein Anteil. Er konnte nicht nach Hause, um zu packen. Er konnte sich nicht von seiner Mutter verabschieden. Wenn er jetzt nicht rannte, würde er heute Abend Eisen tragen statt Silber.

Er drückte sich tiefer in den Schatten, weg vom Marktplatz, weg von den Blicken. Er drehte sich um und rannte in Richtung der Wälder am Nordhang. Weg von seinen "Freunden". Weg von Eibenburg. Der König der Gassen dankte ab – durch die Hintertür.

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Fainche wusste nichts von der Entdeckung, wusste nicht, dass Terecs Kartenhaus aus Lügen gerade in sich zusammenbrach, wusste nicht, dass Brenn die Beweise für ihre Unschuld in den nächsten Minuten in den Fingern haben würde. Sie wusste nur, dass Beathan seit zwei Tagen nicht mit ihr gesprochen hatte. Dass das Dorf ihren Onkel hasste, weil er sie schützte. Und dass sie gehen musste, um diesen Hass von dem Haus wegzunehmen.

Sie stand vor dem Fenster. Der Blick nach draußen zeigte, dass der Hof leer war. Tharoan war im Stall, Siona in der Küche. Es war Zeit. Die Sonne stand tief und tauchte den Raum in eine Wärme, die Fainche nicht spüren konnte.

Sie zog den schweren Reisemantel an, den Beathan vergessen hatte. Er war ihr viel zu groß, eine dunkle Höhle, die nach ihm roch.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Sie blickte hinauf zum Fenster. Die Öffnung lag hoch oben im Erker, unerreichbar vom Boden aus. Sie hatte keine Leiter. Aber sie hatte genug Verzweiflung.
Sie ging zum Sofa und riss die Sitzkissen herunter. Vier Stück, fest gepolstert mit Samtbezug. Sie kniete sich neben den massiven Eichenschreibtisch. Mit zusammengebissenen Zähnen stemmte sie die Schulter unter die Tischplatte. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre geprellten Rippen, so heftig, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Sie keuchte, aber sie drückte weiter. Zentimeter für Zentimeter hob sie die schweren Beine an und schob die Kissen darunter. Dann stemmte sie sich gegen die Seite. Der Tisch glitt schwerfällig, aber lautlos auf dem Samt über die Dielen, bis er unter dem Fenster stand.
Keuchend hievte sie den schweren Lehnstuhl auf die Tischplatte. Es reichte immer noch nicht. Sie griff wahllos ins Regal. Dicke Wälzer, Chroniken, Rechnungsbücher. Sie stapelte sie auf den Stuhl. Ein wackeliger Turm aus Wissen und Papier.

Sie kletterte hoch. Tisch. Stuhl. Bücher. Der Turm schwankte bedenklich. Fainche streckte sich. Ihre Finger schlossen sich um den Riegel des obersten Fensters. Sie drückte. Es sprang auf. Kalte Nachtluft strömte herein. Sie zog sich auf das Sims, griff nach dem Regenrohr draußen. Ein letzter Blick zurück in das Zimmer, das ihr Gefängnis und ihr Schutz gewesen war.
Dann ließ sie sich in die Dunkelheit gleiten.
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Die Haustür flog auf. Beathan stürmte herein, Schnee auf den Schultern, das Pergament mit dem vorläufigen Freispruch in der Hand. Er lachte fast vor Erleichterung.
„Fainche!“, rief er die Treppe hinauf. „Siona! Wir haben es!“

Er nahm die Stufen zwei auf einmal. Er ignorierte, dass sein Mantel an der Garderobe fehlte. Er dachte nur an ihr Gesicht, wenn er ihr sagen würde: Ich hatte recht. Du bist sicher.
Er erreichte die Tür. Der Riegel war noch vor geschoben, so wie er es erwartet hatte. Er schob ihn zurück.
„Fainche, hör zu, Mira hat die Kette, wir…“

Er stieß die Tür auf.
Das Wort starb ihm im Mund ab.

Der Raum war leer.

Das Sofa war geplündert. Mitten vor dem Erkerfenster stand der Schreibtisch auf den teuren Samtkissen. Darauf der Stuhl. Darauf die Bücher. Das obere Fenster stand sperrangelweit offen, der Wind blätterte durch die Seiten der Chronik oben auf dem Stapel.

Beathan ließ die Hand sinken. Das Pergament mit dem Beweis ihrer Unschuld entglitt seinen Fingern und segelte langsam zu Boden.

Er starrte auf den Turm. Er sah die Mühe, die es gekostet haben musste. Die Schmerzen. Die absolute Entschlossenheit, von ihm wegzukommen.

Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Hammer.
Der Richter hatte gesagt: Ein Schritt vom Hof, und sie landet im Kerker.
Beathan hatte bewiesen, dass sie keine Räuberin war. Aber durch ihre Flucht hatte sie genau das getan, wovor er sie bewahren wollte: Sie hatte das Gesetz gebrochen, für das er gebürgt hatte.
Seine Arbeit, seine Kämpfe mit dem Dorf, die Verhöre – alles war umsonst gewesen.

„Nein“, flüsterte er in den leeren Raum. „Nicht jetzt. Nicht, wo wir gewonnen hatten.“
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

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Eibenburg – Waldrand hinter dem Mederic-Hof; Dämmerung, Herbst 264

Fainche rannte. Die Luft hatte sich verändert. Sie war nicht mehr schwer und süß wie im Hochsommer. Erstaunlich, wie fremd einem die Welt nach nur wenigen Tagen im Haus vorkommen konnte. Die Luft schmeckte nun nach feuchter Erde, nach Pilzen, nach Dingen, die langsam vergingen. Ein kühler Luftzug strich durch die Baumwipfel, löste die ersten trockenen Blätter, die lautlos zu Boden segelten. Jeder Schritt sandte einen stechenden Schmerz durch ihre Seite, dorthin, wo die Tischkante ihre Rippen erneut gequetscht hatte. Ihr Atem ging rasselnd, die Lunge brannte. Beathans Mantel war schwer. Er schlug ihr bei jedem Schritt gegen die Waden, der dicke Wollstoff sog sich voll mit dem Tau, zog sie nach unten wie eine nasse Decke. Er war viel zu groß, die Ärmel hingen über ihre Hände, die Schultern rutschten. Aber sie legte ihn nicht ab. Er war das letzte Stück Wärme, das sie hatte.

Tränen liefen über ihr Gesicht, vermischten sich mit dem Schweiß. Vergib mir, Siona, dachte sie keuchend. Vergib mir, Beathan. Vergib mir, Tharoan.. Sie lief nicht nur weg, um sich zu retten. Sie lief weg, damit der Zorn des Dorfes nicht mehr das Haus traf. Damit Frieden einkehren konnte, wenn das „Problem“ verschwunden war. Deshalb sah sie ihn nicht. Ein Schatten löste sich aus dem raschelnden Unterholz. Ein Körper. Größer als sie. Hastiger. Sie prallten zusammen. Hart.
Verdammt!“, zischte eine Stimme.

Terec.

Er sah elend aus. Seine Kleidung war zwar intakt, aber sein Gesicht fahl im schwindenden Licht. Er umklammerte einen verschnürten Lederbeutel an seiner Brust. Als er Fainche erkannte, wich das Entsetzen in seinem Gesicht einem hässlichen Ausdruck von Wut.
„Du“, keuchte er. „Wegen dir sitze ich hier! Loras hat gesungen! Mein Leben ist im Arsch, wegen dir!“

Er ließ den Lederbeutel fallen – er landete dumpf im nassen, modrigen Laub, das unter den Füßen der Kontrahenten zerquetscht wurde – und stürzte sich mit einem animalischen Schrei auf sie. Die Diebin war von den letzten Tagen geschwächt. Ihre Bewegungen waren langsam, die Reflexe stumpf. Terec hingegen war stärker, angetrieben von einer alles verzehrenden, blinden Verzweiflung, die seine Augen trübte und seine Muskeln mit unnatürlicher Kraft versorgte. Mit einem gewaltigen Satz riss er sie zu Boden. Beide stürzten mit einem matschigen Geräusch in das nasse Gras und den schlammigen Untergrund. Doch Terec war in der deutlich vorteilhafteren Lage. Sein größeres Gewicht und seine Wut drückten Fainche erbarmungslos in den Dreck. Sie keuchte, der Atem stockte ihr in der Lunge. In einer einzigen, ruppigen Bewegung, die keine Gnade verhieß, griff Terec nach dem langen, schmalen Messer an seinem Gürtel. Die Klinge blitzte kurz im trüben Abendlicht auf. Fainche, deren Verstand trotz der Panik noch Überlebensinsktinkte besaß, machte sich instinktiv so klein wie möglich in dem riesigen, viel zu weiten Mantel. Es war eine dumme, vielleicht nutzlose Geste, aber es war das Einzige, was ihr in diesem Moment einfiel. Terec presste sie mit dem gesamten Gewicht seines Körpers nieder, seine Knie bohrten sich schmerzhaft in ihre Oberschenkel. Das Gesicht zu einer Fratze aus Wut verzerrt, stieß er das Messer mit voller Kraft nach unten.
Die Klinge zuckte in einem schnellen Bogen. Ein dumpfes, reißendes Geräusch war zu hören, als die scharfe Spitze auf Widerstand traf. Es war nicht der erwartete Schrei oder das Zischen durchtrennter Haut. Stattdessen schlug Terecs Faust, die den Messerrücken führte, hart auf Fainches ohnehin geschundene Rippen. Der Mantel, der ihr viel zu groß war, erwies sich als ihre Rettung. Durch die ruckartige Bewegung beim Sturz und Fainches panisches Zusammenziehen hatte sich der dicke, grobe Wollstoff verschoben. Die Klinge durchstieß lediglich die oberste Wollschicht, fuhr aber an ihrem Körper vorbei in den Hohlraum zwischen dem voluminösen Stoff und ihrer Haut. Kratzte dort nur die oberste Hautschicht auf. Sofort verfing sich die Spitze im gefilzten, dicken Futter des Mantels. Der Stich, der sie hätte töten sollen, verpuffte zu einem bloßen Schlag auf ihre Seite. Es war ein heftiger Stoß, der ihr den Atem raubte, aber nicht das Leben nahm.

Terec riss panisch an dem Mantel, in dem das Messer noch steckte. Fainche spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte, ein pochender Rhythmus, der jede rationale Überlegung verdrängte. Es war kein kalkulierter Zug, sondern die pure, verzweifelte Reaktion eines gejagten Tieres. Sie holte aus, schaffte es, ihr Bein frei zu bekommen und rammte ihr Knie mit voller Wucht nach oben, traf Terec hart in die Seite, direkt unter die Rippen. Die Wucht und der überraschende Schmerz ließen Terec das Gleichgewicht verlieren. Sein Griff lockerte sich, aber die Klinge blieb noch immer im dicken Stoff des Mantels verhakt.
Fainche sah ihre Chance und handelte instinktiv. Ihre zitternden Hände umklammerten den Griff des Messers. Sie zog mit aller Kraft, riss die Klinge aus dem Stoff. Das Metall war kalt und nass von einer Blutschicht. Meines oder Seins? Schoss es ihr noch durch den Kopf.
Als Terec, halb benommen vom Treffer in die Seite, einen Schlag nach ihr führte, stieß Fainche zu. Sie sah nicht hin, zielte nicht. Es war ein blinder, panischer Stich, ein Stoß ins Leere, der irgendwo landen musste. Die Spitze traf. Sie spürte den Widerstand von Muskeln, bevor das Messer tief in seinen Oberschenkel sank. Die Klinge drang ungehindert ein, traf vermutlich auf Knochen, denn plötzlich stockte die Bewegung mit einem Ruck, und Fainche ließ den Griff los, als hätte sie sich daran verbrannt.
Terec stieß einen Schrei aus, der die Stille des Waldes zerriss – ein Laut purer, animalischer Agonie und ungläubigen Schmerzes. Der Schrei hallte von den Baumstämmen wider und schreckte einen Schwarm Vögel auf, die mit lautem Flügelschlagen aus den dunklen Wipfeln in den dunkel werdenden Himmel aufstiegen. Er knickte ein, fiel zur Seite und klammerte sich mit beiden Händen an sein blutendes Bein. Das Dunkelrot des Blutes quoll augenblicklich hervor, sickerte in den grauen Stoff seiner Hose und bildete schnell eine sich ausbreitende, feuchte Lache auf dem moosigen Waldboden. Er keuchte, sein Gesicht war verzerrt vor Schmerz und sein Atem ging stoßweise.

Fainche kroch rückwärts, bis sie gegen einen Baumstamm stieß. Sie würgte.

„Es tut mir leid“, wimmerte sie leise. Sie meinte nicht Terec. Ganz bestimmt nicht. Ihr Blick ging an ihm vorbei, hinunter zum Dorf, zu dem Haus, das sie verlassen hatte. Dann sah sie wieder zu Terec, und ihr Blick wurde hart. Sie rappelte sich auf und ging mit stockenden Schritten zu ihm hinüber. Mit einem ekelhaften, schmatzenden Ruck zog sie die Klinge aus seinem Bein und deutete mit der Spitze auf ihn.

„Die Stiefel“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Zieh sie aus.“

Terec schluchzte vor Schmerz und Angst; von seiner Großmäuligkeit war nichts mehr übrig. Er zog die Stiefel aus und schob sie ihr hin. Fainche schlüpfte hinein. Sie waren zu groß, aber das Leder war warm. Sie schnürte sie fest und stand auf. Der schwere Mantel hüllte sie dabei ein wie eine Rüstung. Dann trat sie wie ein drohender Schatten an Terec heran. Die Trauer in ihr mischte sich mit einer heißen Welle aus Wut über die Ungerechtigkeit, die er verursacht hat. Sie ballte die rechte Hand zur Faust.
„Das ist dafür, dass du alles kaputt gemacht hast“, sagte sie, und ihre Stimme brach. Sie schlug zu. Mitten ins Gesicht. Auf die Nase. Es knirschte. Terecs Kopf flog zurück. Blut floss. Fainche drehte sich um.

Sie rannte los, stolpernd, weinend, hinein in die Dunkelheit.
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Beathan brach durch das Unterholz, Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Brenn keuchte hinter ihm auf dem Pony. „Hier!“, rief Beathan. „Die Schreie kamen von hier!“
Er stürmte auf die Lichtung. Er erwartete Fainche. Er betete, dass es Fainche war. Aber er fand Terec, wimmernd im Moos, das Bein blutig, das Gesicht zerschlagen. Und er fand den Lederbeutel. Brenn stieg schwerfällig ab, hob den Beutel auf. Es klirrte verräterisch. Er sah hinein. „Die Beute“, kam es leise von ihm. „Vom Müller. Das ist der Beweis, Beathan. Wir haben ihn.“
Beathan starrte den Beutel an. Er hielt den Schlüssel zu ihrer Freiheit in den Händen. Es gab nur nichts mehr, das man damit hätte aufschließen können. „Fainche!“, brüllte er in den Wald hinein. Seine Stimme hallte wider, wurde vom dichten Blätterdach geschluckt. Keine Antwort. Nur das Rascheln des Windes in den welken Blättern.
„Sie muss hier sein“, sagte Beathan hastig. Er ließ Terec links liegen und drang in das Gebüsch am Rand der Lichtung ein. „Fainche! Komm raus! Wir haben es! Du bist sicher!“ Er schlug das Unterholz beiseite, suchte nach einem grauen Reisemantel, nach rotbraunem Haar. Aber da war nichts. Nur Schatten und modriger Geruch. Brenn trat neben ihn. „Beathan… sieh dir die Spuren an.“ Er leuchtete mit der Laterne auf den Boden. Tiefe Abdrücke von schweren Stiefeln führten weg von der Lichtung. Stiefel, die zu groß waren, deren Spitzen über den Boden schleiften. „Sie hat seine Stiefel genommen“, stellte Brenn fest. „Sie flieht nicht kopflos. Sie rüstet sich aus.“
Beathan fuhr sich mit der Hand durch die Haare, riss fast daran. „Verdammt!“, fluchte er, ein harter, bitterer Laut. Er trat gegen einen Baumstamm, dass die Rinde splitterte. „Ich habe das Papier in der Tasche. Ich habe den Beweis im Beutel. Ich könnte sie jetzt nach Hause bringen und alles wäre gut.“ Er starrte in die Dunkelheit, dorthin, wo die Spuren verschwanden. „Warum wartet sie nicht? Warum vertraut sie mir keine Sekunde länger?“
„Weil sie denkt, sie muss“, sagte Brenn ruhig. „Sie denkt, sie rettet dich, indem sie geht.“ Brenn sah hinüber zu Terec, der leise vor sich hin wimmerte und versuchte, sein Bein abzubinden. „Wir können sie nicht beide verfolgen, Beathan. Es wird dunkel. Und wir haben einen Gefangenen, der verblutet, wenn wir ihn nicht versorgen.“
Beathan sah zu Terec. In seinem Blick lag keine Gnade, nur kalte Abwägung. „Ich lasse sie nicht da draußen“, sagte er grob. „Die Nächte werden kühler. Sie ist immer noch verletzt.“ Er ging zu seinem Pferd, zog die Satteltasche fest. „Ich folge der Spur.“
„Und Terec?“, fragte Brenn. „Er ist dein Gefangener“, sagte Beathan. „Bring ihn zur Wache. Schreib das Protokoll. Mach den Freispruch für Fainche wasserdicht.“ Er schwang sich in den Sattel. Sein Gesicht war fahl, aber seine Augen brannten.
„Ich hole sie zurück“, sagte er. „Egal wie weit sie läuft.“ Er wendete das Pferd und trieb es an, hinein in den Wald, der Spur der zu großen Stiefel folgend. Brenn sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckte. Dann seufzte er, griff nach seinem Verbandszeug und drehte sich zu Terec um. „So, Junge“, brummte er. „Jetzt haben wir viel Zeit, uns zu unterhalten.“
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Brenn zog den Knoten des provisorischen Verbandes fest. Er war nicht zimperlich. Terec schrie auf, ein gellender Laut, der in ein wütendes Schluchzen überging. „Sie hat mich verkrüppelt!“, spie er aus, Speichel und Blut vor dem Mund. „Dieses Miststück! Sie gehört an den Galgen!“
Brenn erhob sich schwerfällig. Er wischte sich die Hände an der Hose ab. „Sie hat sich verteidigt“, sagte er ruhig. „Gegen einen bewaffneten Angriff. Ich nehme an sie hat dir den Dolch abgenommen, der dir das Loch ins Bein gebohrt hat.“
„Na und? Sie ist eine Diebin!“, kreischte Terec. „Sie war dabei! Sie war eine von uns!“
„War sie das?“, fragte Brenn leise. Er trat einen Schritt näher, sein Schatten fiel über den am Boden liegenden Jungen. „Oder war sie nur das, was du gebraucht hast? Eine Außenseiterin. Jemand, auf den man zeigen kann, wenn Dinge verschwinden.“
Terec starrte ihn an. Der Schmerz in seinem Bein pochte im Takt mit seinem Hass. Die Maske des charmanten Anführers war gefallen, darunter kam die hässliche Fratze der Arroganz zum Vorschein. „Sie war perfekt“, zischte er. „Das dumme Mündel. Die Verrückte, die jeder schon abgeschrieben hatte. Niemand hätte ihr glauben sollen. Niemand!“ Er lachte, ein hysterisches, abgehacktes Geräusch. „Ich hätte fein raus sein können. Ich hätte alles haben können. Wenn sie nur… stillgehalten hätte.“
Brenn nickte langsam. „Danke“, sagte er trocken. „Das kommt ins Protokoll.“ Er griff Terec am Kragen seiner zerrissenen Tunika und riss ihn hoch. Terec jaulte auf, als er Gewicht auf das verletzte Bein brachte. Er knickte ein, griff nach Brenns Arm. „Dein Pferd…“, keuchte er. „Ich kann nicht laufen.“
Brenn schüttelte Terecs Hand ab, als wäre sie Ungeziefer. Er nahm die Zügel seines Ponys. „Das Pony trägt die Beweise“, sagte Brenn und tätschelte die Satteltasche, in der der Lederbeutel klirrte. „Das Silber ist schwer.“ Er sah Terec kalt an. „Du läufst.“
Terec starrte ihn fassungslos an. „Das sind drei Meilen! Ich verblute!“
„Der Verband hält“, sagte Brenn ungerührt und setzte sich in Bewegung. „Und wenn du zurückbleibst, holen dich die Wölfe. Deine Entscheidung.“
Terec stieß einen Fluch aus, dann humpelte er los. Schritt für Schritt, unter Schmerzen, die er Fainche zugedacht hatte, zurück in das Dorf, das er für seinen Spielplatz gehalten hatte.
________________________________________

Fainche blieb stehen. Ihre Lunge brannte nicht mehr so sehr, der Rhythmus des Laufens hatte sich in eine stumpfe, mechanische Bewegung verwandelt. Die zu großen Stiefel waren schwer, aber sie schützten sie vor dem kalten Boden. Sie stand auf einer kleinen Anhöhe. Über ihr riss die Wolkendecke auf und gab den Blick auf einen bleichen, fast vollen Mond frei.
Der Wind frischte auf. Um sie herum begann der Wald zu flüstern. Ein Schauer ging durch die Baumwipfel. Und dann lösten sie sich. Hunderte von Blättern. Rot wie Blut, Gold wie die Münzen, die sie nie besessen hatte, Braun wie die Erde. Sie segelten herab, tanzten im fahlen Mondlicht um sie herum wie stumme Boten.
Fainche streckte eine Hand aus. Ein rotes Ahornblatt landete auf ihrer Handfläche, auf dem rauen Wollstoff von Beathans zu langem Ärmel. Sie betrachtete es. Es war trocken. Zerbrechlich. Der Sommer war vorbei. Nicht nur im Kalender. Ihre Kindheit, die Tage der Sicherheit, die Hoffnung auf ein Zuhause – all das fiel von ihr ab wie das Laub von den Bäumen.
Sie schloss die Hand zur Faust und zerbröselte das Blatt. „Leb wohl“, flüsterte sie in den Wind. Sie zog den Kragen des Mantels höher, drehte sich gegen den Wind und trat aus dem Licht des Mondes zurück in den Schatten der Bäume. Sie verschwand, lautlos wie ein Geist.
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Nur wenige hundert Schritt entfernt

Beathan parierte sein Pferd. Er hatte die Spur verloren. Der steinige Untergrund hier oben auf dem Kamm hatte keine Abdrücke angenommen, und die Dunkelheit hatte den Rest verschluckt. Er saß reglos im Sattel, das Herz schwer wie Blei in seiner Brust.
Er lauschte. Er hörte den Wind. Er hörte das Rauschen der Äste. Ein Wirbelwind aus bunten Blättern fegte über den Pfad vor ihm. Sie raschelten über den Waldboden, verdeckten jede Spur, die vielleicht noch da gewesen war. Ein goldenes Blatt verfing sich in der Mähne seines Pferdes. Ein anderes landete auf seinem Handschuh.
Beathan starrte das Blatt an. Er spürte ihre Nähe. Er wusste, dass sie nicht weit war. Vielleicht hinter der nächsten Biegung, vielleicht im Dickicht, nur einen Steinwurf entfernt. „Fainche?“, rief er leise. Es war kein Befehl mehr. Es war eine Bitte.
Aber der Wald gab keine Antwort. Nur das Rieseln des Laubes, das den Waldboden bedeckte und die Welt langsam in den Schlaf des Winters wiegte. Beathan ballte die behandschuhte Hand zur Faust, zerdrückte das Blatt, genau wie sie es getan hatte, ohne es zu wissen. Er war ein Soldat. Er fand alles. Aber heute hatte er verloren. Er wusste, dass er sie heute Nacht nicht mehr finden würde. Der Herbst hatte sie verschluckt.
Er wendete das Pferd nicht. Er blieb noch lange stehen und starrte in die Dunkelheit, während um ihn herum die Blätter fielen wie Tränen aus Gold.

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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Irgendwo in Schwarzwasser - Rabenmond 264

Der späte Herbstregen war längst kein gewöhnliches Wetter mehr, sondern wirkte eher wie ein persönlicher Rachefeldzug des Himmels gegen alles, was der nahenden Kälte noch aufrecht trotzte. Er drosch unbarmherzig auf die schiefergedeckten Dächer ein, vermischt mit einem scharfen Wind, der das letzte sterbende Laub von den Ästen riss, als wolle er die ganze Welt zu einem grauen, nassen Brei schlagen. Praktisch eigentlich. Wenn ohnehin alles im stürmischen Elend dieses nasskalten Herbstes versinkt, achtet niemand auf ein weiteres elendes Wesen, das sich im knöcheltiefen Matsch verbirgt.

Fainche kauerte unter einem windschiefen, morschen Dachvorsprung, während die beißende Kälte des Rabenmonds sie bereits bis auf die Knochen durchnässt hatte. In ihrer krampfhaft geschlossenen Hand zerdrückte sie eine noch warme Fleischpastete, deren heißes Fett langsam zwischen ihren von der Kälte steif gewordenen Fingern hindurchrann. Frisch gestohlen. Keine Minute war das her. Irgendwo hinten im sturmumtosten Gassenlabyrinth brüllte sich der bestohlene Bäcker bestimmt noch immer die Seele aus dem Leib, doch seine Wut ging im Heulen des Herbstwindes unter.

Das interessierte sie ohnehin nicht. Was sie jedoch mit eisiger Klarheit interessierte, war das Klacken.

Eisen auf feuchtem Kopfsteinpflaster. Ein gleichmäßiges, schweres Geräusch, das durch den regenschweren Nebel drang wie ein gefälltes Urteil, welches unaufhaltsam auf sie zumarschierte.

Vorsichtig riskierte sie einen Blick durch den Vorhang aus strömendem Regen. Drei Reiter schälten sich aus der feuchten Dämmerung. Ihre dunklen Pferde trieften vor Nässe, und die schweren, tief in die Stirn gezogenen Umhänge wuschen die Gesichter der Männer zu anonymen, grauen Schatten im Herbstnebel. Sie waren nah. Viel zu nah.

Lauf, befahl ihr rationaler Verstand panisch, doch ihr erschöpfter Körper entschied sich abrupt dagegen.

Die Pferde waren nun direkt da. Riesig, nach nassem Fell stinkend und beängstigend lebendig, wie sie schnaubend weiße Atemwolken in die eiskalte Luft stießen. Im selben Augenblick machte alles in Fainche dicht. Die alte, tief verwurzelte und lähmende Panik schlug unbarmherzig ihre Krallen in sie, schnürte ihr die Kehle zu und raubte ihren Beinen jegliches Gefühl, als gehörten diese plötzlich nicht mehr zu ihr. Statt in die rettende Dunkelheit zu rennen, taumelte sie unkontrolliert rückwärts, rutschte auf verrottendem Laub aus und steckte schließlich zwischen einem halb verfallenen Holzzaun und ein paar leeren, modrigen Fässern fest.

Eine Sackgasse. Natürlich.

„Hier hat er sie gesehen.“ Die raue Stimme schnitt durch das Rauschen des Regens und traf sie wie ein harter, physischer Schlag in die Magengrube. Kaelen.

Von allen verdammten Hunden ihres Onkels musste es ausgerechnet er sein. Dieser Mann konnte noch eine Fährte im strömenden Herbstregen auf nacktem Fels lesen. Er hatte sie schon früher einmal gejagt – damals nur aus Spaß und als Training. Heute, in dieser gottverlassenen Gasse, klang er allerdings nach deutlich weniger Geduld und Spaß.

„Der Wirt im Schankhaus schwor Stein und Bein, es war ein Mädchen mit rotbraunem Haar“, schnarrte Kaelen gnadenlos weiter. „Mederic will seine Nichte finden, koste es, was es wolle.“
Nichte. Fainches rissige Mundwinkel zuckten im Dunkeln zu etwas, das vage an ein Grinsen erinnerte, jedoch bitter genug war, um selbst kaltes Eisen zu ätzen. So nannte man sie also dennoch.

Für einen endlosen Herzschlag saß sie in ihrem Kopf wieder im Gerichtssaal von vor wenigen Monaten. Die Stimme des Richters hallte zwischen den nassen Wänden der Gasse wider – kühl, sauber und von brutaler Endgültigkeit. Wenn sie abhaut – Kerker. Nun, sie war abgehauen. Ende der Geschichte. Von möglichen neuen Wahrheiten oder längst gefundenen Entlastungen in der Heimat wusste sie in ihrer völligen Isolation absolut nichts. Für Fainche war das vernichtende Urteil längst unwiderruflich gesprochen. Und Beathan... Beathan jagte sie ganz gewiss nicht aus familiärer Sorge durch diese herbstliche Einöde.

Er jagte sie ausschließlich wegen der Schande. Weil ihre panische Flucht in den Augen der Eibenburger endgültig alles bewiesen hatte, was man ihr fälschlicherweise vorwarf. Weil ein stolzer und berechnender Mann wie er einen solchen Makel auf seinem Familiennamen niemals auf sich beruhen lassen würde. Er würde sie um jeden Preis zurückholen wollen, nur um der Welt - oder zumindest seiner Welt zu demonstrieren, dass seine eigenen Hände blütenweiß blieben und sich absolut nichts – und erst recht keine verzogene, kriminelle Nichte – jemals seiner Kontrolle entziehen konnte.

Plötzlich schob sich der massige Körper eines schwarzen Hengstes direkt in ihr eingeschränktes Blickfeld. Er war viel zu nah.
Der markante Geruch traf sie noch vor dem Anblick: Schwerer, nasser und feuchtwärmender Pferdeschweiß mischte sich mit dem modrigen Duft von verrottendem Herbstlaub. Fainches leerer Magen drehte sich augenblicklich krampfhaft um. Sie presste sich so verzweifelt flach gegen das morsche Holz der Fässer, als hoffte sie, auf wundersame Weise durch die Planken hindurchdiffundieren zu können. Augen fest zugekniffen. Nicht mehr atmen. Am besten einfach aufhören zu existieren.

Und in genau dieser vollkommenen, atemlosen Schwärze holte sie ungeladen eine Erinnerung ein – mit einem Schlag war sie wieder neun Jahre alt.

Eigentlich schon viel zu groß für den massiven hölzernen Wäscheschrank, in den sie sich an jenem verhassten Tag trotzdem gewaltsam gezwängt hatte. Die dünnen Knie fest an die Brust gepresst, die Hände panisch über dem Mund vergraben, um keinen Laut von sich zu geben. Es roch dort drinnen intensiv nach getrocknetem Lavendel und irgendeinem anderen scharfen Kraut, das ihre Mutter großzügig gegen Motten zwischen den Leinentüchern verteilte. Draußen auf dem Flur rief eben diese Mutter nach ihr. Ungeduldig, gehetzt und zutiefst genervt. „Fainche! Komm sofort her! Wir müssen los.“ Ein weiteres erdrückendes Familientreffen stand an. Das bedeutete ein Korsett aus strengen Regeln und die ewig kritischen, stechenden Blicke ihres Onkels. Nicht einmal die verlockende Aussicht, ihren Cousins heimlich einen Streich spielen zu können, hatte ausgereicht, um sie an jenem Tag aus ihrem Versteck hervorzulocken.

Sie blieb im Schrank einfach mucksmäuschenstill. Die Schritte ihres Vaters klangen schwer und fordernd auf den polierten Dielen des Flurs. Sie kamen unaufhaltsam näher. Gleich, dachte sie panisch, gleich würde er die Schranktür mit einem Ruck aufreißen. Gleich würde das Donnerwetter losbrechen... Doch dann geschah nichts.

Die schweren Schritte hielten abrupt inne. Sie hörte gedämpfte, hastige Stimmen im Vorraum. Dann das dumpfe, endgültige Schließen der schweren Haustür. Das Knirschen von Kutschenrädern, die eilig über den feuchten Kies der Auffahrt rollten. Und danach folgte nur noch absolute, dröhnende Stille im ganzen Haus.

Sie wartete in der nach Lavendel stinkenden Dunkelheit. Weil man das als Kind eben so machte. Man versteckt sich und wartet brav, bis man schließlich gefunden und ausgeschimpft wird. Doch Fainche wartete lange genug, um eine eisige Wahrheit zu begreifen: Niemand kam, um sie zu suchen. Als sie sich schließlich, völlig steif und mit schmerzenden Gliedern, aus dem Schrank ins gedämpfte Nachmittagslicht kroch, war das Haus vollkommen leer. Sie hatten es nicht einmal ernsthaft versucht, sie zu finden.

Später, als sie längst wieder zurück waren, hieß es lapidar, hilfsbereite Nachbarn hätten sich in der Zwischenzeit um sie gekümmert. Es war eine bequeme, glatte Lüge, um vor der restlichen Verwandtschaft den schönen Schein zu wahren. Man hatte sie zurückgelassen, als wäre sie ein belangloser Topf Suppe, den man in der Eile einfach auf dem kalten Herd vergisst. Sie saß an jenem Tag stundenlang allein auf der großen Treppe und lernte zwei überaus nützliche Lektionen für ihr weiteres Leben. Zum einen: Wenn du dich nur klein und still genug machst, vergisst man dich mühelos. Und zum anderen: Sie hasste dieses brennende, demütigende Gefühl, einfach übersehen und weggeworfen zu werden, aus tiefster Seele.



Ein feuchtes, beinahe ohrenbetäubendes Schnauben riss sie brutal aus der Vergangenheit zurück in den nach Verfall riechenden Herbstschlamm der Gasse.

Der gewaltige Hengst stand nun unmittelbar vor ihr. Sein großes, unergründlich dunkles Auge rollte in ihre Richtung und wirkte in der Dämmerung erschreckend wachsam. Der schwere Gestank nach unablässigem Regen und feuchtem Tier hüllte sie vollkommen ein. Damals, als neunjähriges Mädchen, hatte sie sich versteckt und war an der darauffolgenden Gleichgültigkeit innerlich zerbrochen. Heute kauerte sie im Dreck und versteckte sich, um ihren Hals zu retten. Was für eine großartige, ruhmreiche Entwicklung.

Langsam und bedrohlich senkte das Tier seinen massigen, schwarzen Schädel. Doch es tat dies nicht wegen ihr. Es suchte nach der Fleischpastete in ihrer Hand. Natürlich.

Das kalte, eiserne Gebiss des Pferdes klirrte beim Kauen kaum eine Handbreit vor ihrem schmutzigen Gesicht. „Was zum Teufel ist los mit dem Gaul?“, rief der zweite Reiter verärgert. „Da unten ist irgendwas im Schatten“, antwortete Kaelen kalt. Der blanke Stahl sang ein leises Lied im Regen, als der Fährtenleser langsam sein Schwert aus der ledernen Scheide zog.

Fainche hielt instinktiv die Luft an. Sie wagte es nicht einmal, flach zu atmen – sie atmete schlichtweg gar nicht mehr. Sie verharrte in völliger Starre, so lange, bis ihre brennenden Lungen verzweifelt nach Sauerstoff schrien. Bitte, flehte sie stumm in die herbstliche Dunkelheit hinein. Bitte lass mich nicht ausgerechnet jetzt gefunden werden. Und vor allem nicht von ihm.

Das Pferd schnappte noch einmal gierig nach dem verlockenden Fettgeruch in ihrer Hand, biss jedoch nur in die leere, regenschwangere Luft und wurde zusehends wütend. Es riss abrupt den Kopf hoch, stieß ein schrilles, ohrenbetäubendes Wiehern aus und trat wild mit den Hufen gegen die modrige Barrikade aus Fässern. Nasses Holz splitterte krachend. Das oberste Fass verlor den Halt und donnerte mit lautem Getöse zu Boden.

Es war viel zu laut. Es war viel zu offensichtlich, dass dort jemand kauerte. „Verdammtes, nutzloses Biest!“, brüllte Kaelen über den Lärm hinweg.

Er fluchte derb und riss brutal an den nassen Zügeln, um die Kontrolle über das Tier zurückzugewinnen. Das Pferd bockte auf und machte einen unkontrollierten Satz nach vorn. Ein schwerer, eisenbeschlagener Huf schlug tief in den Schlamm ein – keine Handbreit von Fainches frierendem Fuß entfernt. Der aufgeweichte Boden bebte unter der Wucht.

Doch Fainche bewegte sich nicht einen Millimeter. Da war kein ängstliches Zucken, nicht einmal ein winziger Wimpernschlag. Kaelen beugte sich gefährlich weit im Sattel vor und starrte mit zusammengekniffenen Augen in das schwarze Loch zwischen den Fässern. Sein suchender Blick glitt unbemerkt über ihre regennasse, nahezu unsichtbare Gestalt hinweg. Einfach so.

Der schwarze Hengst schnaubte weiterhin unruhig, trat noch einmal widerwillig gegen den Dreck und das zersplitterte Holz, bevor er sich von seinem Reiter endgültig herumreißen ließ. „Es sind nur fette Ratten im Müll“, knurrte Kaelen schließlich angewidert und steckte sein Schwert zurück. „Dieser widerliche Gestank nach Fäulnis macht die Tiere völlig verrückt. Wir verlieren hier nur unnötig unsere Zeit.“

Er rammte dem unruhigen Tier hart die Hacken in die Flanken. „Los, weiter! Reitet zur Brücke!“
Die drei Reiter preschten eilig vorwärts, zurück auf die breitere Straße. Der harte Hufschlag wurde rasch vom stetigen Prasseln des Herbstregens verschluckt und verschwand gänzlich in der aufziehenden, undurchdringlichen Dunkelheit. Und Fainche blieb allein zurück.

Mitten im kalten Schlamm, umgeben von nassem Laub. Eng zusammengerollt wie achtlos weggeworfener Abfall am Rand der Straße. Sehr langsam, als müssten ihre Gelenke sich erst wieder an Bewegung erinnern, öffnete sie ihre krampfhaft geschlossene Hand. Die gestohlene Pastete war nur noch ein zerquetschter, mit feuchtem Straßendreck durchmischter Fettklumpen. Aber nichtsdestotrotz war es ihr heutiges Abendessen.

Sie hatten also nach ihr gesucht. Nach der angeblich so geliebten Nichte. Nach jemandem, den man aus Fürsorge wieder nach Hause holt. Bitter sah Fainche an ihrem Körper hinab. Alles an ihr bestand nur noch aus Matsch, beißender Kälte und einem unkontrollierbaren Zittern, das bis tief in ihre Knochen reichte. Sie sah nicht mehr aus wie ein Mädchen, das irgendjemand allen Ernstes zurückhaben wollte. Sie war etwas Verwildertes, das man wie ein Tier jagte. Und sie wusste aus schmerzhafter Erfahrung sehr genau, was am Ende mit Dingen passierte, die man gnadenlos jagte.

Langsam schloss sie ihre schmutzigen Finger wieder etwas fester um den zermatschten Rest Nahrung in ihrer Handfläche. Immerhin, dachte sie mit einer unerschütterlichen, trocken-zynischen Klarheit, werde ich zumindest an diesem verdammten Herbsttag nicht verhungern. Vorausgesetzt, mich frisst vorher nicht etwas anderes.

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