Eibenburg – Haus der Mederic; Die Tage nach dem Urteil, Hochsommer 264
Die Zeit im Haus der Mederic verlor ihre Form. Sie zerfloss in Stunden, die zäh waren wie kalter Honig. Fainches Welt war auf wenige Räume geschrumpft: Das kleine Zimmer unter dem Dach, in dem sie schlief (oder wach lag und die Balken zählte), und das Arbeitszimmer ihrer Tante Siona, das ihr als einziger Aufenthaltsort zugestanden wurde, weil die Fenster dort zu hoch waren, um ohne Leiter hinauszuklettern. Es war kein Kerker aus Stein. Es war ein Gefängnis aus Kissen, Büchern und gutem Essen. Siona gab sich Mühe. Sie kochte Fainches Lieblingsessen, legte frische Blumen auf den Tisch und versuchte sie mit gesprächen zu unterhalten. Aber Fainche hörte nicht hin. Sie hatte sich in einen Panzer aus Eis zurückgezogen.
Wenn Siona hereinkam, blickte Fainche nicht auf. Sie saß in der Fensternische, die Knie an die Brust gezogen, und starrte hinaus in den Regen.
„Ich habe dir ein neues Buch hingelegt“, sagte Siona leise.
„Über die alten Legenden. Du mochtest Geschichten doch immer.“
Keine Antwort.
„Willst du… willst du vielleicht runter in die Küche kommen? Teig kneten?“
Fainche drehte nur den Kopf zur Wand. Sie bestrafte Siona nicht mit Worten. Sie bestrafte sie mit Abwesenheit, obwohl sie im selben Raum war. Sie zeigte ihnen:
Ihr habt meinen Körper hier eingesperrt, aber ich bin nicht hier.
Auch Beathan prallte an ihr ab. Er kam jeden Abend. Er stand im Türrahmen, groß und schwerfällig vor Schuldgefühlen, und berichtete von den Ermittlungen.
„Brenn sucht nach Zeugen“, sagte er.
„Wir geben nicht auf.“
Fainche schnaubte dann nur leise, kaum hörbar. Ein Geräusch voller Verachtung für eine Hoffnung, die sie für eine Lüge hielt.
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Der Einzige, der die Regeln dieses kalten Krieges ignorierte, war Tharoan. Er kam am dritten Tag in das Arbeitszimmer. Er klopfte nicht vorsichtig wie Siona. Er trat auch nicht mit der Schwere eines Richters ein wie Beathan. Er kam einfach rein. Er trug seine Stallkleidung, roch nach Pferd und Leder und hielt einen Teller mit geschnittenen Äpfeln und einem Stück Käse in der Hand.
„Hier riecht es nach alter Tinte und schlechter Laune“, stellte er fest und ließ sich ohne zu fragen auf das andere Ende des großen Sofas fallen. Er streckte die langen Beine aus und legte die stiefelbewehrten Füße auf den feinen Hocker – etwas, das Siona sicher entsetzt hätte. Fainche rührte sich nicht. Sie hielt den Blick stur auf die Fensterscheibe gerichtet. Tharoan kümmerte das nicht. Er biss lautstark in ein Stück Apfel.
„Jannik humpelt übrigens immer noch“, sagte er kauend.
„Ich hab ihn im Dorf gesehen. Zieht das Bein nach wie ein alter Gaul, sobald jemand guckt. Wenn er denkt, er ist allein, läuft er ganz normal.“
Fainches Schultern zuckten. Eine winzige Reaktion. Tharoan sah es, aber er kommentierte es nicht.
„Und Terec läuft rum wie ein Hahn, der denkt, der Misthaufen gehört ihm allein. Erzählt jedem, wie 'gefährlich' du warst.“ Er lachte leise.
„Er hat Schiss, Fainche. Man sieht es an seinen Augen.“
Er schob den Teller über das Polster in ihre Richtung.
„Iss. Du siehst aus wie ein Gespenst.“
Er lehnte den Kopf zurück und sah zur Decke.
„Weißt du… Vater dreht fast durch. Er poliert sein Schwert, er schreit die Knechte an. Er macht sich Vorwürfe.“
„Soll er doch“, zischte Fainche.
„Ja. Soll er“, stimmte Tharoan überraschend zu.
„Er hat es vermasselt. Er hat nicht zugehört.“ Er drehte den Kopf und sah sie direkt an. Sein Blick war nicht mitleidig, sondern ernst.
„Aber er kämpft jetzt. Auf seine Art. Er versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.“
Fainche starrte ihn an. Es war das erste Mal, dass jemand in diesem Haus offen zugab, dass Beathan einen Fehler gemacht hatte. Siona versuchte immer zu schlichten. Beathan versuchte zu reparieren. Tharoan sprach es einfach aus.
„Er glaubt seinem Namen“, sagte sie bitter.
„Nicht mir.“
„Er glaubt dir“, widersprach Tharoan ruhig.
„Sonst hätte er sich nicht vor den Richter gestellt und seinen Kopf für dich hingehalten. Er ist vielleicht ein Sturkopf, Cousine. Aber er würde dir nichts vormachen.“
Er nahm ein weiteres Stück Apfel und hielt es ihr hin. Nicht aufdringlich. Nur als Angebot.
„Komm schon. Der Apfel ist gut. Siona hat ihn vor mir versteckt, also muss er der Beste sein.“ Fainche zögerte. Sie sah in Tharoans Gesicht – das offene, ehrliche Gesicht, das so wenig Ähnlichkeit mit Beathans strengen Zügen hatte, obwohl sie Vater und Sohn waren. Tharoan forderte nichts. Er wollte keine Dankbarkeit. Er wollte keine Entschuldigung. Er wollte nur einen Apfel teilen. Langsam, ganz langsam, löste sie eine Hand von ihren Knien. Sie griff nach dem Apfelstück. Ihre Finger streiften seine kurz. Seine Hand war warm und rau. Sie nahm den Apfel und biss hinein.
Tharoan lächelte. Nur ein bisschen.
„Siehst du“, sagte er.
„Geht doch.“
Er blieb noch eine Stunde sitzen, erzählte von den Pferden und dem neuen Stallburschen, der Angst vor Gänsen hatte. Fainche sagte nichts mehr. Aber sie aß den Apfel auf. Und als er ging, drehte sie sich nicht sofort wieder zum Fenster.
Es war kein Frieden. Aber es war ein kleiner Riss in der Mauer.
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Die Dämmerung legte sich grau und schwer über das Haus. Im Arbeitszimmer war das Feuer heruntergebrannt, nur noch ein glimmendes Auge in der Asche. Der Geschmack von Tharoans Freundlichkeit lag noch auf Fainches Zunge, süß und selten. Doch als die Tür erneut aufging, verschwand er sofort. Beathan trat ein. Er wirkte nicht wütend, aber er trug eine Schwere mit sich, die den Raum sofort füllte. Er sah gehetzt aus, wie ein Mann, der gegen eine unsichtbare Uhr anläuft. Er schloss die Tür leise, aber seine Hand blieb einen Moment zu lange auf der Klinke liegen, als zögere er. Dann zog er sich den schweren Eichenstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Er hielt Abstand, aber seine Augen waren unruhig.
„Tharoan sagt, du hast gegessen“, begann er. Seine Stimme klang belegt.
Fainche sah ihn an, das Kinn vorsichtig gehoben.
„Ja. Er hat nicht gepredigt.“
„Das ist gut.“ Beathan rieb sich über das Gesicht.
„Ich wünschte, ich könnte das auch.“
Er lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie. Die warme, fast väterliche Atmosphäre, die er zu erzeugen versuchte, war brüchig. Darunter lag pure Nervosität.
„Wir haben ein Problem, Fainche. Die Zeit läuft uns davon.“
Fainche runzelte die Stirn.
„Was heißt das?“
„Der Richter“, sagte Beathan gepresst.
„Er will ein Urteil. Er hat mir heute Morgen eine Frist gesetzt. Drei Tage. Wenn wir bis dahin keine neuen Beweise haben, die deine Unschuld am Raub belegen…“ Er sprach es nicht aus. Er musste es nicht.
Kerker.
Fainche wurde blass.
„Aber ihr wisst doch, dass ich es nicht war! Brenn weiß es!“
„Wir glauben es“, korrigierte Beathan eindringlich.
„Aber wir können es nicht beweisen. Ohne die Beute und die Spur zu Terec und seiner Bande ist alles nur Theorie.“
Er griff in seine Tasche und legte den silbernen Knopf und das Taschenmesser auf den Tisch.
„Das hier… das sind deine Spuren. Die einer Elster. Jemand, der impulsiv zugreift. Aber der Kelch? Das Gold? Das ist Arbeit von Raubvögeln.“
„Dann sag das dem Richter!“, rief sie.
„Das reicht ihm nicht!“, fuhr Beathan auf, lauter als er wollte.
„Ich muss ihm beweisen, dass du eine Elster bist. Dass du stiehlst, um Aufmerksamkeit zu kriegen, nicht um reich zu werden. Ich muss dich als kleine Diebin opfern, um dich vor der Strafe für den Raub zu retten.“
Fainche starrte ihn an, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen.
„Du willst mich opfern?“, hauchte sie.
„Du willst, dass ich gestehe, eine Diebin zu sein? Damit du fein raus bist? Damit der Name Mederic sauber bleibt?“
„Es geht um deine Freiheit!“, donnerte Beathan.
„Aber dafür brauche ich mehr. Ich brauche die echte Beute.“
Er rutschte auf dem Stuhl nach vorn, sein Blick wurde flehend, aber für Fainche wirkte es wie ein Angriff.
„Du warst Wochen mit ihnen zusammen. Denk nach. Haben sie jemals über Verstecke geredet? Hat Jannik geprahlt? Hat Terec dir vielleicht… etwas gegeben? Ein Päckchen? 'Halt das mal für mich'?“
Die Stimmung im Raum kippte. Das Gefühl von Bedrohung kroch ihren Rücken hoch.
„Du denkst, ich weiß, wo die Beute ist?“
„Ich denke, du hast Dinge gesehen, die du vielleicht nicht als wichtig erachtet hast!“, sagte Beathan hastig.
„Nein“, flüsterte sie.
„Du fragst mich nicht, weil du denkst, ich bin aufmerksam. Du fragst mich, weil du denkst, ich war dabei.“
„Was? Nein!“
„Doch!“, ihre Stimme wurde schrill.
„Du denkst, ich bin ihre Komplizin! Du denkst, ich decke sie!“
„Ich denke, dass du unsere einzige Chance bist!“, brüllte Beathan zurück, die Geduld verlierend.
„Aber du sitzt hier, schweigst, bockst – und draußen wetzen sie die Messer! Du verhältst dich wie jemand, der etwas zu verbergen hat!“
„Weil du mir nicht glaubst!“, schrie sie. Sie sprang auf das Sofa, um größer zu sein.
„Du hast mich schon einmal verraten! Und jetzt suchst du wieder nur nach dem einfachsten Weg für dich!“
„Ich habe die Bande nicht in unser Leben gebracht und mich dann ausgeschlossen!“, brüllte Beathan zurück, die Beherrschung endgültig verlierend.
„Du suchst nach einer Ausrede!“, schrie sie.
„Du hast dich heimlich mit Kriminellen getroffen! Du hast geschwiegen, als im Dorf Dinge verschwanden! Wundere dich nicht, wenn man dich fragt, was du weißt!“
Sie griff nach dem Teller, der noch auf dem Tisch stand – Tharoans Teller mit den Apfelschalen. Sie warf ihn. Blind vor Wut und Verletzung. Der Teller traf die Wand knapp neben Beathans Kopf.
Klirr.
Er zerschellte in tausend Scherben. Porzellan regnete auf den Boden.
Beathan zuckte nicht einmal zusammen. Er starrte auf die Scherben. Dann auf sie. Sein Blick war erloschen. Die hektische Energie war weg, verdrängt von einer eisigen, bleiernen Müdigkeit. Er hatte keine Zeit mehr. Und er hatte keine Verbündete.
„Gut“, sagte er tonlos.
„Dann behalte deine Geheimnisse. Und dein Chaos. Aber erwarte nicht, dass sie dich wärmen, wenn sie dich holen."
Er drehte sich um. Er ging zur Tür.
„Beathan…“, setzte sie an, erschrocken über ihren eigenen Wurf, über das, was sie gerade zerstört hatte. Aber er hielt nicht an. Sie sprang vom Sofa und wollte ihm hinterher, doch er war schneller. Er riss die Tür auf, trat hinaus und knallte sie hinter sich zu. Der Riegel schnappte ein. Nicht leise. Sondern mit einem harten, metallischen Schlag, der wie ein Urteil klang.
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Das Schloss war eingerastet. Ein kleines Stück Metall teilte nun eine Welt.
Auf der Innenseite rutschte Fainche langsam an dem dunklen Holz herab, bis sie auf dem Boden saß. Sie ignorierte die Porzellanscherben, die sich in ihre Hose bohrten. Sie legte die Hand flach gegen das Türblatt. Das Holz war noch warm von seiner Berührung – oder bildete sie sich das nur ein? Die Wut, die sie eben noch wie ein Feuer gewärmt hatte, war verloschen. Zurück blieb nur eine eisige Klarheit.
„Du verhältst dich wie jemand, der etwas zu verbergen hat.“ Der Satz brannte. Aber schlimmer wog ihre eigene Tat. Sie hatte nach ihm geworfen.
„Nein“, flüsterte sie.
„Ich wollte das nicht.“
Sie wollte die Klinke drücken. Sie wollte die Tür aufreißen und schreien:
Ich weiß wirklich nicht, wo sie sind! Ich bin nur dumm gewesen, nicht böse!
Aber ihre Hand zitterte zu sehr. Die Angst, in seinen Augen wieder diesen kalten Zweifel zu sehen, lähmte sie. Sie ließ die Hand sinken.
Auf der Außenseite, im dämmrigen Flur, lehnte Beathan mit der Stirn gegen denselben Balken. Er atmete schwer, rasselnd. Er sah seine eigene Hand an, die noch immer auf der Klinke ruhte. Er musste sie nur herunterdrücken. Er musste nur reingehen und sagen:
Vergiss das Verhör. Ich habe Angst. Ich will nur, dass du sicher bist.
Sein Herz schrie danach. Aber sein Stolz – und die bittere Logik, dass ohne die Beute keine Rettung möglich war – hielt ihn fest wie eine Eisenkette.
Minuten vergingen. Zwei Menschen, getrennt durch drei Fingerbreit Eichenholz. Beide voller Reue. Beide stumm.
Dann nahm Beathan die Hand von der Klinke. Er richtete sich auf. Sein Gesicht wurde hart vor Entschlossenheit. Reden brachte nichts. Sie glaubte ihm nicht.
Ich werde dieses verdammte Versteck finden, schwor er sich leise in den leeren Flur.
Ich werde jeden Stein im Wald umdrehen, auch ohne ihre Hilfe. Ich werde ihr die Beute auf den Tisch legen und beweisen, dass sie unschuldig ist. Dann, und erst dann, kann ich ihr wieder in die Augen sehen.
Er drehte sich um und ging mit schnellen Schritten die Treppe hinunter. Er musste zu Brenn. Er musste arbeiten.
Drinnen hörte Fainche, wie sich seine Schritte entfernten. Jeder Schritt ein Schlag. Er kam nicht zurück. Er hatte sie aufgegeben. Er glaubte, sie sei eine Verräterin im eigenen Haus. Sie starrte auf die Scherben am Boden.
„Keine Schande mehr“, flüsterte sie in die Stille.
Wenn sie hierblieb, würde sie ihn nur weiter enttäuschen. Sie würde weiter Dinge zerbrechen. Der Verdacht würde bleiben wie ein Gift, das alles vergiftet, was sie berührte. Solange sie im Haus war, war Beathans Name in Gefahr. Es gab nur einen Weg, das zu verhindern. Sie musste die Schande mit sich nehmen. Ihr Blick fiel auf den schweren Reisemantel, den Beathan vor zwei Tagen achtlos über den Stuhl geworfen und dort vergessen hatte. Sie starrte ihn an. Er war dunkel, schwer und roch nach einer Sicherheit, die sie verspielt hatte.
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Eibenburg – Die folgenden zwei Tage, Spätsommer 264
Während Fainche hinter dem verriegelten Fenster wartete, zog Beathan einen Feldzug durch sein eigenes Dorf. Er war im Ruhestand, zumindest offiziell. Er trug keine Uniform mehr. Aber das hinderte ihn nicht daran, die Arbeit der Wache zu übernehmen – sehr zum Unmut der Bewohner.
Am Morgen nach dem Streit holte er Loras aus der Bäckerei seines Vaters. Mitten im Geschäft, vor den Augen der Kunden.
„Wir müssen reden, Junge“, grollte Beathan und schob den protestierenden Bäcker zur Seite.
Auf der Straße bildete sich eine Traube von Menschen.
„Das darf er doch nicht einfach machen, oder?“, rief eine Marktfrau.
„Nur weil der Mederic mit dem Finger schnippt?“
„Er spielt sich auf“, murmelte ein Schmiedegeselle.
„Dabei deckt er nur seine diebische Nichte.“
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Terec stand im Schatten eines Torbogens, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er kaute auf seiner Unterlippe, bis sie blutete. Er beobachtete die Bäckerei. Er hatte gesehen, wie Beathan hineingestürmt war wie ein Rachegeist. Er hatte das Geschrei gehört. Und jetzt sah er, wie Beathan und Brenn Loras herausführten.
Loras ging nicht aufrecht. Er lief zwischen den beiden Männern wie ein nasser Sack Mehl. Sein Gesicht war aschfahl, die Augen weit aufgerissen und nass vor Tränen. Er sah nicht aus wie jemand, der schweigt. Er sah aus wie jemand, der gerade zerbricht.
„Halt das Maul, du Feigling“, zischte Terec leise, die Hände in den Taschen zu Fäusten geballt.
„Halt einfach das Maul.“
Er redete sich ein, dass Loras zu viel Angst vor ihm hätte, um zu singen. Dass die Geschichte wasserdicht war. Aber der Knoten in Terecs Magen zog sich enger.
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Fainche sah Tharoan an diesem Tag am Tor. Er stand dort mit zwei Knechten. Ein Bauer – Fainche erkannte ihn vage vom Markt – gestikulierte wild. Er deutete auf das Haus, auf das Fenster, hinter dem sie saß. Tharoan schüttelte den Kopf. Er blieb ruhig, aber seine Haltung war angespannt. Der Bauer spuckte vor Tharoans Stiefel auf den Boden, bevor er abzog.
Fainche presste die Hand gegen das Glas.
Wegen mir.
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In der Wache war die Luft dick genug zum Schneiden. Brenn saß auf dem Tisch, müde und grau. Beathan tigerten im Raum auf und ab wie ein gefangenes Raubtier. Vor ihnen saß Loras. Er hatte Angst, ja. Aber er schwieg eisern zu den Verstecken.
„Ich weiß nichts“, wimmerte er zum zehnten Mal.
„Terec sagt mir nichts.“
„Terec lügt“, sagte Beathan scharf. Er beugte sich über den Jungen, missachtete jeden Abstand.
„Aber du weißt, wo ihr wart, als der Müller bestohlen wurde. Du warst dabei.“
„Beathan, lass ihn atmen“, mahnte Brenn leise.
„Du bist Zivilist.“
„Ich bin hier, weil wir sonst zu langsam sind!“, fuhr Beathan ihn an. Er drehte sich wieder zu Loras.
„Der Richter gibt uns noch vierundzwanzig Stunden. Wenn Fainche in den Kerker geht, Loras… dann sorge ich persönlich dafür, dass jeder in diesem Dorf erfährt, dass du dabei zugesehen hast, wie sie verprügelt wurde.“
Loras wurde bleich. Seine Lippen zitterten.
„Das… das war nicht so geplant“, stammelte er.
„Wo ist das Zeug?“, fragte Beathan leise.
„Ich weiß es nicht! Aber… aber Jannik hat neue Stiefel. Und Mira hat eine Kette, die sie versteckt.“
Brenn horchte auf.
„Welche Kette?“
„Silber. Mit einem blauen Stein. Sie hat sie gestern getragen, unter dem Hemd.“
Beathan und Brenn tauschten einen Blick. Die Kette der Müllerin. Das war es. Der Beweis, dass die Bande die Beute hatte – und nicht Fainche.
„Holt Mira“, sagte Brenn sofort zu einem Wachmann.
„Und Jannik. Sofort.“
Beathan lehnte sich gegen die Wand der Steinmauer der Wache und atmete tief aus. Die Anspannung der letzten Tage fiel von ihm ab, ließ ihn zittern. Sie hatten endlich eine Spur. Wenn sie die Sachen fanden, konnten sie beweisen, dass die Bande die Räuber waren. Fainches kleine Diebstähle waren damit bedeutungslos für die Anklage des Raubes. Er würde sie retten können.
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Fainche beobachtete das Geschehen vor dem Haus weiter. Eine Gruppe von Frauen stand am Tor. Sie riefen etwas. Siona ging hinaus, versuchte zu beschwichtigen. Eine der Frauen warf etwas. Es war nur ein Erdklumpen oder ein fauler Apfel, er traf Siona nicht, er klatschte gegen den Torpfosten. Aber Siona, die sanfte Siona, wich zurück, als wäre es ein Stein gewesen. Sie floh ins Haus.
Fainche lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe. Sie sah, was sie anrichtete. Sie war kein Mündel mehr. Sie war ein Fluch. Solange sie hier war, würde der Zorn des Dorfes gegen dieses Haus branden. Gegen Tharoan, der für sie den Weg sicherte. Gegen Siona, die Angst hatte. Gegen Beathan, der seinen Stolz opferte, um eine vermeintliche Komplizin zu schützen.
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Terec folgte Loras und den beiden älteren Männern in sicherem Abstand bis zur Wache. Er wartete. Minuten wurden zu einer Stunde. Der Schweiß unter seiner Tunika war kalt, obwohl die Luft lau war. Dann ging die Tür der Wache auf. Es war nicht Loras, der herauskam. Es waren zwei Wachmänner. Sie wirken nicht lässig, sondern in geschäftstüchtiger Eile. Sie gingen schnell. Zielstrebig. Nicht in Richtung Patrouille. Sondern direkt in die Gasse, die zu Miras Elternhaus führte.
Terec erstarrte. Mira. Die Kette. Loras hatte nicht nur geredet. Er hatte sie verkauft. Alles.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein physischer Schlag. Die Arroganz, die ihn wochenlang getragen hatte – das Gefühl, unantastbar zu sein, weil sie "nur" Halbwüchsige waren und Fainche der perfekte Sündenbock war –, verpuffte in einer Sekunde. Es war vorbei. Brenn wusste es. Beathan wusste es. In wenigen Minuten würden sie Jannik holen. Und dann würden sie zu seinem Haus kommen.
Ein panischer Fluchtinstinkt flutete seinen Körper.
„Scheiße“, keuchte er.
„Verdammte Scheiße.“
Er tastete nach dem Bündel an seinem Gürtel unter dem Umhang. Das Restgold. Die Löffel. Sein Anteil. Er konnte nicht nach Hause, um zu packen. Er konnte sich nicht von seiner Mutter verabschieden. Wenn er jetzt nicht rannte, würde er heute Abend Eisen tragen statt Silber.
Er drückte sich tiefer in den Schatten, weg vom Marktplatz, weg von den Blicken. Er drehte sich um und rannte in Richtung der Wälder am Nordhang. Weg von seinen "Freunden". Weg von Eibenburg. Der König der Gassen dankte ab – durch die Hintertür.
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Fainche wusste nichts von der Entdeckung, wusste nicht, dass Terecs Kartenhaus aus Lügen gerade in sich zusammenbrach, wusste nicht, dass Brenn die Beweise für ihre Unschuld in den nächsten Minuten in den Fingern haben würde. Sie wusste nur, dass Beathan seit zwei Tagen nicht mit ihr gesprochen hatte. Dass das Dorf ihren Onkel hasste, weil er sie schützte. Und dass sie gehen musste, um diesen Hass von dem Haus wegzunehmen.
Sie stand vor dem Fenster. Der Blick nach draußen zeigte, dass der Hof leer war. Tharoan war im Stall, Siona in der Küche. Es war Zeit. Die Sonne stand tief und tauchte den Raum in eine Wärme, die Fainche nicht spüren konnte.
Sie zog den schweren Reisemantel an, den Beathan vergessen hatte. Er war ihr viel zu groß, eine dunkle Höhle, die nach ihm roch.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie.
Sie blickte hinauf zum Fenster. Die Öffnung lag hoch oben im Erker, unerreichbar vom Boden aus. Sie hatte keine Leiter. Aber sie hatte genug Verzweiflung.
Sie ging zum Sofa und riss die Sitzkissen herunter. Vier Stück, fest gepolstert mit Samtbezug. Sie kniete sich neben den massiven Eichenschreibtisch. Mit zusammengebissenen Zähnen stemmte sie die Schulter unter die Tischplatte. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre geprellten Rippen, so heftig, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Sie keuchte, aber sie drückte weiter. Zentimeter für Zentimeter hob sie die schweren Beine an und schob die Kissen darunter. Dann stemmte sie sich gegen die Seite. Der Tisch glitt schwerfällig, aber lautlos auf dem Samt über die Dielen, bis er unter dem Fenster stand.
Keuchend hievte sie den schweren Lehnstuhl auf die Tischplatte. Es reichte immer noch nicht. Sie griff wahllos ins Regal. Dicke Wälzer, Chroniken, Rechnungsbücher. Sie stapelte sie auf den Stuhl. Ein wackeliger Turm aus Wissen und Papier.
Sie kletterte hoch. Tisch. Stuhl. Bücher. Der Turm schwankte bedenklich. Fainche streckte sich. Ihre Finger schlossen sich um den Riegel des obersten Fensters. Sie drückte. Es sprang auf. Kalte Nachtluft strömte herein. Sie zog sich auf das Sims, griff nach dem Regenrohr draußen. Ein letzter Blick zurück in das Zimmer, das ihr Gefängnis und ihr Schutz gewesen war.
Dann ließ sie sich in die Dunkelheit gleiten.
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Die Haustür flog auf. Beathan stürmte herein, Schnee auf den Schultern, das Pergament mit dem vorläufigen Freispruch in der Hand. Er lachte fast vor Erleichterung.
„Fainche!“, rief er die Treppe hinauf.
„Siona! Wir haben es!“
Er nahm die Stufen zwei auf einmal. Er ignorierte, dass sein Mantel an der Garderobe fehlte. Er dachte nur an ihr Gesicht, wenn er ihr sagen würde:
Ich hatte recht. Du bist sicher.
Er erreichte die Tür. Der Riegel war noch vor geschoben, so wie er es erwartet hatte. Er schob ihn zurück.
„Fainche, hör zu, Mira hat die Kette, wir…“
Er stieß die Tür auf.
Das Wort starb ihm im Mund ab.
Der Raum war leer.
Das Sofa war geplündert. Mitten vor dem Erkerfenster stand der Schreibtisch auf den teuren Samtkissen. Darauf der Stuhl. Darauf die Bücher. Das obere Fenster stand sperrangelweit offen, der Wind blätterte durch die Seiten der Chronik oben auf dem Stapel.
Beathan ließ die Hand sinken. Das Pergament mit dem Beweis ihrer Unschuld entglitt seinen Fingern und segelte langsam zu Boden.
Er starrte auf den Turm. Er sah die Mühe, die es gekostet haben musste. Die Schmerzen. Die absolute Entschlossenheit, von ihm wegzukommen.
Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Hammer.
Der Richter hatte gesagt:
Ein Schritt vom Hof, und sie landet im Kerker.
Beathan hatte bewiesen, dass sie keine Räuberin war. Aber durch ihre Flucht hatte sie genau das getan, wovor er sie bewahren wollte: Sie hatte das Gesetz gebrochen, für das er gebürgt hatte.
Seine Arbeit, seine Kämpfe mit dem Dorf, die Verhöre – alles war umsonst gewesen.
„Nein“, flüsterte er in den leeren Raum.
„Nicht jetzt. Nicht, wo wir gewonnen hatten.“