Schreiben an Aeneth

Forum des östlichen Gerimor & Ered Luin

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Leandra Kalveron
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Schreiben an Aeneth

Beitrag von Leandra Kalveron »

Ein Schriftstück wird zu der Wache der Elfen gebracht. Es ist an Aeneth adressiert.


  • Grüß dich geschätzte Mehllon,


    Kürzlich erst ist die Welt in das Gold des Herbstes getaucht worden.

    Obwohl wir diesen Wandel der Gezeiten als ewigen Kreislauf Willkommen heißen, läutet dies die dunkle Jahreszeit ein.

    Heute richte ich mich mit einer Bitte an dich als Anführerin der Elot.. Wache!, diese Zeit nutzen zu können, um als Gast im ewigen Frühling wandeln zu dürfen.

    Leidenschaft für eure Kultur schlummerte schon in mir und die innige Verbundeinheit lässt mich stets zu Träumen beginnen, wenn ich mich an die vielen Erlebnisse zurück denke.



    So du keine Zeit findest für ein persönliches Treffen, schicke mir gerne Lettern um unsere Freundschaft und den Kontalt weiterhin lebendig zu halten.
    Stets verbunden, Leandra

    Ps.: Ich hoffe ich habe das Wort Freund in eurer Sprache richtig geschrieben und leider ist der Name eurer Wache weiterhin ein Mysterium für mich.
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Aeneth Eleneril
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Aeneth Eleneril »

Suilad, Leandra –

dein Brief erreichte mich, als die letzten Blätter des Nebelwaldes wie goldene Schuppen vom Liede gelöst wurden und der Atem der langen Nächte schon in die Täler sinkt. Du nennst mich „Mehllon“ – und ich lächle darüber, denn nah bist du dem rechten Wort: mellon heißt „Freund“, schlicht und ohne Zierrat, doch schwer wie ein Gelübde, wenn es im Herzen wahr gesprochen wird.

Du fragst um Erlaubnis, „im ewigen Frühling zu wandeln“. Höre denn: Der Frühling, den du suchst, ist weniger eine Jahreszeit als ein Klang – das stille Weben Phanodains in Stein und Blatt, Wasser und Wind. Wer als Gast in Ered Luin geht, geht nicht bloß Wege, er berührt auch Fäden. Darum ist unser Willkommen stets von Maß und Achtung umrahmt.

Du richtest dein Wort an die „Anführerin der … Wache“. Wenn du damit die Hüter unserer Pfade meinst: Elenothrim nennen wir sie, und ich, Aeneth Eleneril, diene unter Rat und Camvaethol als Gil-Estel und Magollilthor, eine der Klingentänzerinnen – Lehrtochter der Ordnung des Schwertes und des Schweigens. Ich führe, wo es das Lied erfordert, doch herrsche nicht; denn bei uns trägt niemand eine Krone für sich allein.

Deine Bitte sei erhört, mellon:
Ich gewähre dir Gästewege im vorderen Tal, dort wo der Wald die Stadt nur ahnen lässt. Ein*e Maethor oder ich selbst werde dich führen, wenn die Sterne günstig stehen. Bringe keine lodernden Feuer in unser Grün, ziehe keine blanke Klinge ohne Not, und lasse deine Stimme leiser sein als das Wasser an den Stufen. So ehrst du, was wir hüten.

Wenn dir die Stunden nicht erlauben, sogleich zu kommen, so mögen Lettern weiter zwischen uns gehen. Schreibe, was dein Geist schaut in dieser dunklen Jahreszeit, und ich will dir antworten – mit Rat, wenn du ihn begehrst, mit Lied, wenn dein Herz ermüdet, mit Stille, wenn du nur Stille brauchst.

Komme, wenn Ithil drei Nächte voll und klar gewesen ist, an die äußere Lichtung, wo die weißen Steine wie ruhende Schwäne liegen. Lege eine Hand auf den glattgeschliffenen Rand und nenne leise: “Leandra mellyn-tîr.” Dann wird man dich hören, selbst wenn niemand sichtbar ist.

Na lû e-govaded vín – bis zur Stunde unseres Wiedersehens.
Möge das Lied dich leiten und dein Schritt leicht sein.

Namárië,

Aeneth Eleneril
Magollilthor der Eledhrim,
Hüterin der Klinge und Gesandte unter den Menschen

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Leandra Kalveron
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Leandra Kalveron »

Leandra saß in ihrem Sessel, eingehüllt in eine schwere Wolldecke, die sie enger um sich zog, während der Duft von Harz und Rauch den Raum füllte. Vor ihr brannte eine einzelne Kerze – ihr Licht klein, aber standhaft, wie eine Erinnerung an wärmere Tage. Sie tauchte die Feder in die Tinte und das erste Wort glitt sanft über das Pergament, als hätte es längst darauf gewartet, geschrieben zu werden. Draußen heulte der Wind, und für einen Augenblick flackerte die Flamme.
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Leandra hob den Blick, lächelte schwach, dann schrieb sie weiter:



  • Geschätzte Mellon,

    dein Brief war wie ein Licht, das sich über graue Tage legt, weich und warm, als hätte es den Atem des Waldes selbst in sich getragen. Ich habe ihn bei Kerzenschein gelesen, als draußen der erste Frost an den Fenstern zeichnete und in jedem Satz spürte ich das Maß und die Milde, von denen du schreibst, jenes leise Gleichgewicht, das die Eledhrim in allem zu wahren scheinen.

    Ich danke dir für dein Vertrauen, das mir Gästewege eröffnet, und möchte dir nun mein Anliegen etwas klarer darlegen, damit kein Missverständnis bleibe: Ich suche keine Niederlassung in Ered Luin, keine feste Bleibe unter euren Bäumen, doch auch kein einzelner Besuch. Was ich erbitte, ist vielmehr eine Zugangsberechtigung für die dunkle Jahreszeit – damit ich die Wege zu euch öfter gehen darf, ohne jedes Mal um Erlaubnis zu bitten.

    Ich wünsche mir, in dieser stilleren Zeit öfter unter euch zu verweilen, manchmal für ein Gespräch, ein Lied, oder um schlicht der Ruhe eurer Wälder zu lauschen. Vielleicht wird es sich ergeben, dass ich eine Nacht bei einer Bekannten verbringe, wenn der Schnee die Pfade schließt oder der Mond zu spät steigt, doch mein Platz bleibt der eines Gastes, nicht der eines Bewohners.

    Mein Wunsch entspringt weder bloßer Neugier noch dem Bedürfnis, Zuflucht zu suchen. Vielmehr möchte ich die Zeit nutzen, um euer Volk besser zu verstehen, eure Lieder, euer Lauschen, eure Art, mit der Welt zu leben, ohne sie zu beanspruchen. Ich spüre, dass mir etwas fehlt, das unter Menschen schnell verloren zu gehen droht: die stille Übereinstimmung zwischen Tun und Sein.

    Und so will ich dir auch ehrlich sagen, Mellon – das kalte Wetter bekommt mir schlecht. In den langen Nächten zieht es mich mehr denn je zu Orten, wo das Leben selbst im Frost noch singt. Ich hoffe, in euren Reihen jene sanfte Wärme zu finden, die nicht von Feuer, sondern von innerer Harmonie stammt. Vielleicht hilft mir der Umgang mit deinem Volk auch in den Dingen die einst durch die rote Flut verloren gingen. Die tiefen Katakomben, eure alte Bibliothek und was dort damals passiert ist, schwirrt schon seit langen in meinen Gedanken umher.

    Ich verspreche natürlich, eure Pfade mit Achtung zu betreten, so wie du es lehrtest – leise, ohne Feuer, ohne Hast. Nur mit offenem Herzen, wie man es einem Freund entgegenbringt. So hoffe ich auf weitere Kunde aus deiner Feder.

    Möge dein Schwert leuchten, wie dein Wort es tut und dein Lied mich führen, wenn ich den Pfad zu euch suche.
    In Freundschaft und aufrichtiger Hoffnung,
    Leandra
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Aeneth Eleneril
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Aeneth Eleneril »

Leandra, mellon nín,

deine Worte fielen wie leiser Schnee und schmolzen doch sogleich zu Wasser im Herzen – klar hast du nun ausgesprochen, was du suchst, und Klarheit ist uns lieb. Nicht Wohnung begehrst du, sondern Wegerecht über die langen Nächte, damit du öfter an unseren Rändern wandeln darfst, zu Gespräch, zu Lied und zu jener Stille, in der das Tun sich dem Sein angleicht. Das ist wohl gesprochen.

So höre denn meinen Bescheid als Klingentänzerin der Maethyr und Hüterin der Pforte:

1. Gastrecht der Dunkelzeit.
Vom ersten Hauch des Frostes bis zum Erwachen der Haselkatzen gewähre ich dir Gästewege im Vorderen Tal von Ered Luin und an den äußeren Säumen des Nebelwaldes. Dieses Recht ist kein Besitz, sondern ein anvertrauter Klang – es lebt, solange du die Fäden mild berührst.

2. Das Blattzeichen.
Bei unserem nächsten Treffen erhältst du ein Blattzeichen – ein feines, silbern gefasertes Laub, das in seinem Äderwerk drei leise Linien trägt. Zeigst du es einem Maethor an Pfad oder Steg, weiß er um dein Wort bei mir. Begehrst du den Schritt jenseits der Gästewege, so geschieht dies nur in Begleitung eines Maethor oder der Meinigen.

3. Maß der Schritte.
Kein offenes Feuer in den Hainen; keine blanke Klinge außer in Notwehr; keine Jagd, kein Sammeln seltener Dinge; die Stimme leiser als das Wasser über Stein. Was du mitbringst, trägst du auch wieder hinaus – selbst die Asche deiner Kerze.

4. Rast und Nacht.
Wenn der Schnee die Pfade schließt oder Ithil zu spät steigt, magst du in der Halle der Pforte oder im Haus der Wanderer rasten. Diese Orte liegen noch im Atem der Stadt, doch außerhalb ihrer inneren Saiten. Dort wird dir eine Lagerstatt bereitet, schlicht und warm – Wärme nicht vom Scheit allein, sondern von Händen, die einander kennen.

Zu deinen Fragen um Tiefen und Bücher:
Die alten Gewölbe und die Bibliothek unter den weißen Stufen stehen seit den Tagen der Roten Flut unter Schweigen und Schwur. Nicht aus Argwohn gegen dich, mellon, sondern aus Sorge um das, was dort ruht – Erinnerung, die wie Feuer sein kann. Einzusehen sind Lesegarten und Kopieenkammer des Vorderen Tales; dort singt noch vieles, das dir Antwort sein mag. Was tiefer liegt, bedarf des Einverständnisses der Ithryn und des Rates; wenn der Rat nicken sollte, werde ich dich führen, und mein Schritt wird dein Maß sein.

Was du über das Kalte sagst, verstehe ich. Auch mir ist die beste Glut jene, die innen brennt, wenn Lied und Atem gleich schwingen. Komm also, so oft dir der Winter schwer wird. Setze, wie ich dir zuvor schrieb, die Hand an den weißen Stein der äußeren Lichtung und nenne leise: „Leandra mellyn-tîr.“ Wenn du das Blattzeichen trägst, wird der Stein antworten – manchmal mit Füßen im Schnee, manchmal nur mit einer Spur im Klang.

Möge Ithil dein Weglicht sein und Anor dein Erwachen. Und wenn dich doch ein Schatten streift, so rufe meinen Namen – der Wind im hohen Gras wird ihn weitertragen, bis er meine Klinge berührt.

Namárië – na lû e-govaded vín.

Aeneth Eleneril
Magollilthor der Eledhrim,
Hüterin der Klinge und Gesandte unter den Menschen


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Leandra Kalveron
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Leandra Kalveron »

Vor ihrem inneren Auge sah sie wieder die Treppen zur alten Bibliothek. Stein, von Moos und Staub überzogen. Damals war die Luft schwer, erfüllt von einer ungreifbaren Erwartung. Mit jedem Schritt hinab hatte sie gespürt, wie etwas in ihr erwachte, ein Flüstern, ein Ziehen, kaum merklich und doch unwiderstehlich. Dann sah sie sie: die roten Kristalle. Sie wuchsen aus den Wänden, als wären sie Teil des Steins und doch lebendig. Ein warmes Glühen, verlockend wie Atem im Dunkeln. In ihr wuchs ein Drang, sie zu berühren – nur einen Moment, nur um zu verstehen. Ihr Herz schlug schneller, als würde etwas in ihr antworten.
Aber sie tat es nicht. Sie hielt inne, riss sich los und wandte sich ab.

Es nützte nichts. Ein paar Monate später holte sie das Schicksal doch ein.
Sie erinnerte sich an den Nebel – rot, dicht, ein Summen darin, wie ein fernes Lied. Und dann war da Stille. Etwas in ihr, das einmal hell war, erlosch, ohne Abschied. Nur Leere blieb. Was damals verloren ging, blieb verloren und die Zeit selbst hatte keinen Weg, es zurückzuholen.

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Ein Hauch von Trauer legte sich über ihr Gesicht und für einen Moment wirkte sie älter, als sie war, als würde das Gewicht der Erinnerung selbst Falten zeichnen. Doch dann hob sie den Blick. Das Feuer im Kamin spiegelte sich in ihren Augen und die Bitterkeit wich der Ruhe.

Sie war gewachsen. Aus Schmerz war Klarheit geworden, aus Verlust Stärke.
Nicht mehr sah sie nur zurück, sie sah nach vorn, auf das, was noch kommen konnte.
Leandra legte die Feder wieder an, atmete tief ein und begann, ein neues Schreiben zu verfassen.



  • Geschätzte Mellon,

    ich danke dir für dein Vertrauen, für das Gastrecht der Dunkelzeit, das du mir gewährst. Es ist ein Geschenk, das ich mit Bedacht annehme. Nicht als Recht, sondern als Zeichen einer Freundschaft, die leise gewachsen ist, wie Moos auf Stein, unaufdringlich und doch beständig. Auch das Blattzeichen will ich in Ehren tragen, als Erinnerung daran, dass jeder Schritt auf euren Wegen Gewicht hat. Über weiteren, tiefgreifenden Besuch werden wir bestimmt nochmal sprechen.

    Deine Worte über die alten Hallen der Bibliothek haben Erinnerungen noch stärker in mir geweckt, mir ist bewusst, was dort lauert. Damals kam die Warnung nicht von einem Gelehrten, sondern von einem Schätzehorter – einem sonderbaren Wesen, einem Schemen, der sich tief in einem vergessenen Irrgarten zurück gezogen hatte und dort die Güter sammelte. Es war durch ihn, dass ich nach Ered Luin kam, in eure weiße Stadt, um Rat und Antwort zu suchen. Manche mussten für dieses Wissen einen bitterbösen Preis zahlen, der wie ein Schwert über der Zukunft von neuem Leben liegt.

    Ich kenne den Geruch des alten Pergaments und das Raunen der Stille dort unten, wo Wissen zu schlafen scheint, aber etwas anderes sich breit gemacht hat. Es war in jenen Gewölben, dass ich zum ersten Mal die rote Gefahr am eigenen Leib spürte, bevor sie die Welt heimsuchte. Etwas in mir erkannte es, bevor mein Verstand es konnte. Es war schön auf eine gefährliche Weise, wie Feuer, das im Glas brennt.

    Erst viel später, als die rote Krankheit sich über Länder zog, berührte sie auch gänzlich mein eigenes Leben und mein Inneres. Es war kein Angriff eines der Wesen, kein Schlag, eher ein Verblassen. Erinnerungen lösten sich auf, wie Blätter, die im Wind davongetragen werden. Ich habe lange versucht, sie zurückzuholen, doch waren alle Bemühungen vergeblich.

    Was bleibt, ist das Verlangen, zu verstehen und vielleicht auch, die Harmonie wiederzufinden, die das Vergessen zerriss. Darum zieht es mich nun wieder zu euch, in eure Wälder und Hallen, in eure Art, die Welt zu betrachten. Ich hoffe, dort den Einklang zu hören.
    Ich danke dir, Mellon, für dein Vertrauen, für Maß und Milde in deinen Worten. Ich werde kommen, wenn der Mond voll über den Bergen steht und die Luft den ersten Hauch des kommenden Frostes trägt, nicht als Suchende nach Wissen, sondern als Freundin, die lauscht und den Einklang sucht.

    Möge dein Weg hell bleiben und deine Klinge nur Schatten schneiden, nie Herz.
    Leandra
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Aeneth Eleneril
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Aeneth Eleneril »

Als die Tage kürzer wurden und der Atem des Winters sich wie feines Glas über die Wasser legte, kehrte die Erinnerung an die rote Zeit zurück – nicht wie ein Bild, sondern wie ein Widerhall. Er kam aus Tiefen, in denen kein Licht wohnt, und trug den Geruch alten Steins und alter Bücher.

Damals stieg Aeneth Eleneril die Treppen zur alten Bibliothek hinab, einer Halle unter Ered Luin, die der Zeit mehr lauschte, als dass sie sie zählte. Der Stein war kühl und von Moos besponnen, der Staub lag wie ein stilles Gebet auf den Stufen; und doch vibrierte alles von einer ungreifbaren Erwartung, als lege jemand eine Saite an und halte den Ton an der Schwelle des Erklingens. Ganz unten, dort wo die Stimmen der Oberwelt nur noch Traum waren, sah sie zum ersten Mal das Rot: Kristalle, die aus der Wand wuchsen, als wären sie im Fels gesät worden, warm glimmend wie Atem im Dunkeln. Es war ein Licht, das nicht leuchtete, sondern lockte.

In ihr regte sich ein Ziehen, sacht erst, dann unüberhörbar – etwas, das Antwort verlangte, bevor die Frage gestellt war. Da hob sie die Hand, und die Kälte der Luft schloss sich um die Finger wie eine Bitte. Aber der Wille, den das Lied in ihr erzogen hatte, ward stärker: Sie hielt inne, wandte sich ab und stieg empor, hinein in den Tag. Später erst verstand sie, dass schon in diesem Nicht-Berühren eine Rettung lag.

Doch die Rettung reichte nicht bis ans Ende der Welt. Die rote Gefahr löste sich wie ein Nebel aus ihren Quellen, sickerte aus Ritzen und Erinnerungen, kroch in Keller, Klüfte und Köpfe, und wer sie ansah, verlor nicht Blut, sondern Erinnerung. Namen wurden zu Rauschen, Wege zu Schnee, und die Augen, die zu lange ins Rot schauten, blieben zwar klar, doch sahen sie nur noch Leere.

So band man sich in Ered Luin, wenn man hinausmusste, Augenbinden um – seidenes Weiß, das den Blick nicht nahm, sondern ihn nach innen lenkte. Die Maethyr tasteten dann den Pfad mit Fuß und Lied, ließen die Fingerspitzen an den Runen der Grenzsteine ruhen, hörten auf das Herz in der Erde und die schlaflosen Vögel im Gehölz. Und man ging voran, weil voran sein musste, nicht weil man sah.

Jener Winter brachte auch die rote Kristallspinne hervor, ein Ungetüm, das gleichsam aus Splittern und Hunger bestand. Sie kroch aus einem Schacht am Nordhang, wo der Wind sonst nur Schnee spielte, und trug an ihren Gliedern die scharfen Facetten der Kristalle. Wenn sie sich bewegte, sangen die Kanten wie Glas, und in diesem falschen Gesang lag die Kraft des Vergessens. Was in ihre Nähe kam, vergaß zu atmen, zu rufen, zu leben – und sank, ohne Wunde, in Stille. Drei Nächte lang rang man mit ihr zwischen Tannen und blankem Fels, bis ihre Beine zerbrachen und der Leib zu dumpfem Staub zerfiel, der selbst sterbend noch leise lockte.

Aeneth stand dort mit Alagos Liriol, dem Schwert der Klingentänzer, und hielt die Klinge so, dass sie weder die Flocken schnitt noch die Stille. Sie war Maemagor geworden in jenen Jahren, und ihr Dienst war Bewahrung, nicht Ruhm. Ihre Kunst war die Ordnung der Bewegung, ihr Stolz das Maß. Noch ehe die Sonne wieder Mut fasste, begannen ihre Formen; jeder Morgen wurde von ihnen gezählt, nicht von Glocken.

Sie nannte die erste Form Rinnen des Taues: ein Schritt vor, einer zur Seite, die Klinge so leicht geführt, dass sie den Atem nicht stört. Darauf folgte Wind im hohen Gras, ein Drehen aus Hüfte und Handgelenk, bei dem die Schneide nicht schlug, sondern sprach. Dann Licht auf Wasser, eine Folge kleiner Kreise, die der Feind als Schwäche las, der Wächter aber als Versprechen. Zwischen diesen Formen lag Stille, und in der Stille legte sie die Klinge auf die Handfläche und hörte: den Schnee, der auf Ästen nachgab; den Baum, der den Winter einatmete; das Lied, das durch alles ging wie ein unendliches, geduldiges Band.

Dieses Hören nannte sie Meditation, doch das Wort war zu kurz. In Wahrheit war es ein Zurückgeben. Sie gab den Arm dem Lied, damit er nicht zittere, den Blick, damit er nicht streune, das Herz, damit es nicht jage. So wurde die Klinge leicht – nicht weil sie kaum wog, sondern weil sie stimmig war. Wenn sie sie hob, hob sie weniger Stahl als Silbe. Und wenn sie sie senkte, war es, als lege sie eine Silbe zurück an ihren Platz, damit der Satz der Welt ungebrochen bleibe.

Auch in der schlimmsten Stunde der Roten Flut, als Gerimor antwortete wie ein einziger, großer, kranker Körper – Städte, die ihre Namen verloren, Felder, die ihre Jahreszeiten vergaßen, Gesichter, die still wurden wie zugeschneite Pfade – hielt Aeneth an diesem Maß fest. Die Maethyr stellten Klangsteine an die Ränder des Nebelwaldes, und wenn Gefahr die Saiten rührte, erwachten die Steine, nicht laut, sondern tief. Dann bewegten sie sich wie Wasser am Fels, jede und jeder im Takt des anderen, und nichts an ihnen war eilig, weil Eile den Ton zerbräche.

Manches, was das Rot nahm, kehrte nicht wieder. Namen blieben Rauschen, Wege Schnee. Und doch blieb Genüge: eine Hand, die die Klinge kennt; ein Schritt, der den Stein ehrt; ein Atem, der im Lied nicht gegen, sondern mit geht. Als die rote Zeit sank wie ein finsteres Gestirn hinter die Berge und die Quellen versiegten, blieb in Ered Luin keine Jubelstunde, nur das lange Ausatmen des Waldes und das Klingen einer Saite, die nicht riss.

Seither beginnt Aeneth jeden Morgen wie einen Satz:
Rinnen des Taues – für das, was schwindet und dennoch Spur hinterlässt.
Wind im hohen Gras – für das, was kommt und doch nicht herrscht.
Licht auf Wasser – für das, was spiegelt, ohne zu nehmen.

Dann legt sie Alagos Liriol auf die geöffnete Hand, schließt die Augen ohne Binde und hört, ob das Rot irgendwo noch atmet. Wenn nichts antwortet als der Winter, lächelt sie. Denn das Vergessen hat Macht über Bilder – über Klang nicht. Und während der Tag im hohen Wald beginnt, weiß sie: Solange Klinge und Lied einander kennen, kann die Welt versehrt sein und doch ganz.

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Suilad, Leandra, mellon nín,

heute schreibe ich dir nicht von Pfaden und Zeichen, sondern von Dingen, die jenseits unserer Haine liegen. Über Ered Luin ist der Himmel klar, und in den Nächten stehen die Sternlieder niedrig wie silberne Garben. Unsere Kundigen deuten die Bahnen, die Barden sammeln Winterstoffe für neue Chroniken – und ich frage mich, welche Fäden der Welt sich draußen zugleich spannen.

So kommt mir dein Name in den Sinn zusammen mit dem der Lichtwacht.
Wie steht euer Bund in diesen Tagen? Ist euer Licht eher Hüterfeuer auf den Höhen oder Heilglut in den Städten? Welche Gelübde binden euch, und wohin richtet ihr eure wachsamen Augen? Man erzählt sich, ihr trüget Wachfackeln nicht nur gegen Nacht, sondern auch gegen das Vergessen selbst – ist daran etwas wahr?

Auch um Schwingenstein will ich Kunde erbitten.
Sind die Wege dort frei von Schatten und listigen Zöllen? Reden die Flüsse ruhig, oder tragen sie Gerücht von Räubern, umherziehenden Rotten oder unsteter Magie? Was sagt der Markt, was sagen die Schmiede, was sagen die Grenzfeuer, wenn der Wind aus dem Norden kommt? Jede Zeile von dir wäre den Unsrigen wert, denn aus kleinen Meldungen webt sich der große Rat.

Und, Leandra… es ist lange, dass ich nichts mehr von Miriel vernommen habe – der Elfe mit den hellen Händen und der Stimme wie Tau auf Bronze, die sich einst eurer Lichtwacht anschloss. Wenn sie bei euch weilt, richte ihr meinen Gruß und die Bitte um ein paar Töne oder Worte. Schweigen steht ihr nicht – selbst wenn es schön klingt.

Schreibe mir, wenn Ithil steigt oder wenn der erste Rauch am Morgen gerade erst erwacht. Was immer du hörst und schaust, mag uns Richtmaß sein.

Namárië – na lû e-govaded vín,

Aeneth Eleneril
Magollilthor der Eledhrim, Hüterin der Klinge und Gesandte unter den Menschen
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Leandra Kalveron
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Leandra Kalveron »

Leandra stand vor ihrem offenen Kleiderschrank, und das Licht der kleinen Kerze flackerte über die Reihen aus Stoff und Farbe. Seide in hellen Farben, Samt so dunkel wie die Nacht – all das hing in ordentlichen Falten, als wären sie Erinnerungen vergangener Tage. Ihre Finger glitten prüfend über die Stoffe, suchten die vertraute Struktur, den Griff von Qualität und Erinnerung zugleich.
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie ein Gewand aus zarter Wolle hervorholte – es war schlicht, aber mit handgewebten Stickereien an den Säumen. Sie legte es über einen der Stühle, auf denen sich bereits eine wachsende Sammlung türmte. Überall lagen Tücher, Bänder, Gürtel, Halstücher aus feinerem Garn, ein kleines, wohlgeordnetes Chaos, das nur sie verstand.
Zwischendurch hob sie immer wieder den Blick, drehte leicht den Kopf und sah zum Fenster hinaus. Der Blick ging hinüber zum Nachbarhaus. Dort brannte noch Licht, ein warmes, gleichmäßiges Glimmen hinter der dünnen Gardine. Leandra beobachtete es einen Moment lang still, als warte sie darauf, dass sich etwas regte, dass vielleicht ein Schatten durch den Raum ging oder ein Fenster sich öffnete. Doch nichts geschah. Das Licht blieb, ruhig und beständig. Sie schien etwas abzuwägen, ihre Hand ruhte dabei unbewusst auf einem schweren Stoffballen aus dunkelblauem Brokat.
Einmal hob sie leicht den Saum eines Mantels und prüfte, ob die Stickerei noch hielt. Dann trat sie zurück, die Arme vor der Brust verschränkt, und betrachtete das Bild, das sich vor ihr bot – halbfertige Kleider, zusammengestellte Kombinationen, Farben, die sich widersprachen und doch harmonierten. Nur ein kleiner Stapel lag gesondert auf dem Tisch: warme Gewänder, gefüttert, schlicht und funktional. Der Anblick ließ sie kurz innehalten. Der Stapel war zu klein. Viel zu klein.

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Draußen wehte heute ein sanfter Wind, der an den Fensterrahmen strich. Wieder fiel ihr Blick hinüber zum Nachbarhaus. Das Licht dort war nun schwächer geworden, kaum mehr als ein Schimmer, doch sie sah immer noch hin. Dann griff sie zur Feder, die auf dem kleinen Tisch lag.
Einen Moment lang hielt sie inne, als müsse sie zuerst den Gedanken fassen, bevor sie ihn niederschreiben konnte. Schließlich tunkte sie die Feder in das Tintenfass und das feine Kratzen der Spitze auf dem Papier füllte den Raum – ruhig, bedacht, fast meditativ.



  • Geschätzte Mellon,

    dein Schreiben erreichte mich in einer jener stillen Stunden, in denen die Gedanken noch zwischen Traum und Wach schweben. Ich hatte am Abend zuvor wieder Stoffe in den Händen – feine Gewebe, sanft fallende Gewandungen und flauschige Felle. Es tat gut, nach langer Zeit meine Passion für die Mode zu nähren. Zwischen all den Aufgaben, die mein Amt als Priesterin fordert, ist es ein seltener Trost, sich mit den einfachen und schönen Dingen zu befassen. Vielleicht ist das, was wir Schönheit nennen, nichts anderes als eine leise Erinnerung an das Göttliche selbst.

    Du fragst nach der Lichtwacht, ja, wir stehen noch, fest in unserem Gelübde, auch wenn die Nächte kühler werden. Es ist kein Schwur sondern ein Bekenntnis, einen Weg, den man in sich trägt. Stärke, Treue und Pflicht, das sind Worte, die oft leichter gesprochen als gelebt sind. Doch sie erinnern uns daran, dass Licht nicht nur Glanz bedeutet, sondern auch Last. Wir tragen es, damit andere nicht in der Finsternis irren müssen.

    Der Sturm gegen Schwingenstein ist derzeit lau, kaum ein Flüstern von Bedrohung liegt in der Luft. Und doch ist es eine trügerische Ruhe. Richtung Adoran mehren sich die Stimmen über Räuberbanden, die auf alten Pfaden ihr Unwesen treiben. Der Baron, wie du ihn sicher kennst, sieht dies nicht ohne Missfallen und drängt darauf, dass die Institutionen selbst für Ordnung sorgen.
    Was mich jedoch nachdenklich stimmt, ist der Schrein von Phanodain. Für mich wirkt es so als würde ein Schleier über ihm liegen. Ich habe einige deiner Geschwister bereits nach den Faernestor gefragt, jedoch bislang keine Kunde über jene erhalten. Ihr Schweigen währt mir zu lang und wo Schweigen herrscht, folgt selten Gutes. Die Hoffnung die Beziehungen neu Erblühen zu lassen überwiegt jedoch weiterhin in mir und ich hoffe eines Tages wird dies passieren.

    Miriel ist, wie du fragtest, wohlauf, wenn auch seltenener bei uns. Sie wandert viel zwischen den Dörfern, wo Wald und Wasser sich berühren, manchmal verschwindet sie in die Wildnis, als würde sie mit der Erde selbst sprechen. Ich denke, sie ist dort, wo sie gebraucht wird. Ich werde ihr deine Grüße übermitteln, vielleicht bringt der Wind dir eines ihrer Lieder zurück. Vermutlich bespreche ich mit ihr auch nochmal mein Begehren um Ered Luin, oder meinst du, es wäre sinnvoller den offiziellen Weg zu beschreiten und euren Rat schriftlich zu kontaktieren?

    Ich danke dir für deine Worte, Aeneth. Sie erinnern mich daran, dass auch in der Ferne Bande bestehen.
    Möge dein Stern hell stehen über Ered Luin und möge dein Pfad frei von Schatten bleiben, bis wir uns wieder sehen.
    Leandra
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Aeneth Eleneril
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Aeneth Eleneril »

Suilad, Leandra, mellon nín,

deine Zeilen rochen nach feinen Fäden und winterlichem Licht; ich sah vor dem inneren Auge Hände, die Stoffe sprechen lassen. Schönheit ist die stille Schwester der Wahrheit - du hast recht: sie erinnert an das Göttliche, wenn sie ohne Eitelkeit gewoben ist.

Es freut mich, dass die Lichtwacht still und standhaft brennt. Licht ist Last und Leitung zugleich - wer es trägt, geht nicht immer leichter, aber sicherer. Zu Schwingenstein will ich deine Kunde in unser Wachtbuch legen: lauer Sturm, doch unruhige Pfade gen Adoran. Ich werde die Händlerwege im Osten aufhorchen lassen und mit den Edain reden, damit Bande und Brücken gepflegt bleiben.

Der Schrein Phanodains unter Schleier - das ist ernste Kunde. Ich gebe dies sogleich an unsere Ithryn und Faernestyr weiter; Schweigen ist eine Form von Klang, aber nicht immer eine gute. Sobald Antwort kommt, sende ich sie dir. Wo die Quelle trüb wird, reinigt man zuerst den Rand.

Zu Miriel: Es tröstet, dass ihr Lied unter Fluss und Wegrand klingt. Richte ihr meinen Gruß; wenn der Wind sie zu uns führt, hat die Tanzstatt bei den Buchen immer Raum für ihre Weise.

Noch eines, mellon: Trug der Wind zu dir Kunde von einer bläulichen Lichtsäule im Osten Gerimors? Unsere Späher meldeten ein solches Zeichen. Jede Beobachtung - Stunde, Richtung, Farbe, ob der Boden vibrierte oder die Vögel schwiegen - wäre uns von Wert. Ich befrage derweil meine Kontakte unter den Menschen, damit Straße und Turm berichten.

Nai eleni silvar órenyallo - mögen Sterne aus deinem Herzen leuchten, wohin dein Schritt auch fällt.
Na lû e-govaded vín.

Aeneth Eleneril
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Leandra Kalveron
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Re: Schreiben an Aeneth

Beitrag von Leandra Kalveron »

Der Hallenboden vibrierte noch in ihren Knochen, als Leandra die Augen schloss und das Bild der Lichtsäule wieder vor sich sah. Die Stimmen im Kloster hatten sich wie Ströme ineinandergelegt: der scharfe Ruf des Adlers, der erdige Donner des Bären, das warme Strahlen der Sonne. Sie selbst stand im Kreis, die Hände erhoben, das Licht Temoras durch sich fließen lassend.
Dann der Moment, in dem alles zusammenkam. Ein Atemzug der Welt.
Ein helles, kräftiges Blau, das sich wie ein Speer durch den Himmel schob. Die Lichtsäule war nicht blendend, sondern vollkommen – so rein, dass Schatten und Wolken entschwanden. Einen Herzschlag lang hatte die Zeit stillgestanden und in dieser Stille spürten sie alle die Antwort.

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Stunden später saß sie in ihrem Zuhause. Das Ritual klebte ihr wie ein feiner Staub an der Haut, ein Rest von Kraft und Erschöpfung zugleich. Der Kamin war heruntergebrannt, das Feuer nur mehr ein ruhiges Glimmen. Im Licht der schmalen Kerze warf ihr Schatten lange Linien über den Boden.
Sie legte den Umhang ab, setzte sich an den Tisch und spürte erst jetzt, wie müde ihre Arme waren. Die Lichtsäule vibrierte noch immer in ihrer Erinnerung – wie ein Echo, das sich weigert zu verstummen. Das Papier wartete geduldig vor ihr, ein tiefer Atemzug, ein kurzer Blick in die flackernde Flamme und sie begann zu schreiben.



  • Geschätzte Mellon,

    es tut gut zu hören, dass du Schönheit als Schwester der Wahrheit siehst. Für mich ist sie manchmal ein Zufluchtsort, ein Gegengewicht zu all den Pflichten, die mich sonst tragen. Vielleicht ist es genau dieser Ausgleich, der mich aufatmen lässt.

    Deine Worte über die Lichtwacht haben mich erreicht und auch zum nachdenken angeregt. Unser Licht ist nicht der brennende Leuchtturm, sondern eher ein beharrliches Glimmen, das sich weigert zu erlöschen und immer wieder neu entfacht werden muss. Und dennoch bewachen wir, nicht nur Grenzen, sondern Herzen, Erinnerungen und das, was die Welt im Innersten zusammenhält.
    Was den Schrein Phanodains betrifft, deine Bereitschaft, nachzuforschen, bedeutet mir mehr, als du erahnen magst.
    Uns fehlt seine Stimme, seit langer Zeit.

    Der alte Pakt aus Adler, Bär, Sonne und Fuchs, wie gern würde ich ihn wieder atmen sehen. Gemeinsam standen sie einst gegen die Schatten Alatars und die Fluten Krathors. Gemeinsam wurde gewoben, Licht, Kraft, Wärme und List zu einem Schild, der die Welt schützte. Nun brennt dieser Schild mit einer Lücke und jede Lücke schmerzt. Doch vielleicht bewegt sich wieder etwas in den alten Fäden. Der Grund, warum ich dir von der blauen Lichtsäule erzähle, hängt genau damit zusammen.

    Ein Aufglühen im Osten, eine Säule aus Licht, warm und klar, der wie durch die Wolken selbst gestoßen war. Diese Lichtsäule war der Höhepunkt eines großen Rituals, das wir, die Priesterschaften von Adler, Bär und Sonne, gemeinsam wirkten. Ein Schlag Cirmias, gespeist von der Wärme Eluvies, getragen vom Licht Temoras, durch die Hände ihrer Geweihten. Ein Stoß gegen die schattenhaften Machenschaften, die sich im Dunkel stets regen.
    Die Welt hat es gespürt, nun hoffen wir, dass der Schatten es ebenso hat.

    Und vielleicht ist es auch ein Ruf. Ein Zeichen, das die Faernestyr wieder ein Stück näher an den alten Pakt führen könnte. Wenn Phanodains Pfade schweigen, soll doch sein Volk wissen, dass wir nach ihnen rufen, nicht aus Forderung, sondern aus Sehnsucht nach der Einheit, die einst war. Sobald du Nachricht vom Schrein oder von euren Faernestyr erhältst, bitte ich dich: Lass es mich wissen.
    Es ist mir wichtig, mehr als ich in Worte legen kann.

    Möge dein Schritt leicht sein und dein Blick klar,
    und möge jede Antwort, die du suchst, dich nicht im Schatten finden.
    Leandra
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