Von Böcken, die Gärtner werden

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Fainche Orlaith
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Von Böcken, die Gärtner werden

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Eibenburg - Marktplatz; Frühsommer des Jahres 264

Der Markt von Eibenburg lebte an diesem Nachmittag von einem einzigen großen, lauten Atemzug: Stimmen, Rufe, das Klirren von Metall, das Quietschen von Wagenrädern. Die Sonne brannte auf die Pflastersteine, ließ die Luft flimmern und die Farben der Stände so grell erscheinen, dass selbst das Scharlachrote der Beeren wie ein Angebot funkelte. Überall waren Hände in Bewegung — Hände, die verkauften, kauften, zählten; Hände, die nichts zu tun hatten, die Faulheit mit dem Lächeln eines Wohlhabenden trugen.

Fainche Orlaith stand am Rand dieses Gewühls wie ein Herzschlag, der anders tickte als der Rest. Ihr Zopf hing locker, ein paar Strähnen des rotbraunen Haars klebten ihr vom Schweiß an der Schläfe; ihre Ärmel waren hochgekrempelt, die Finger staubig. Sie war nicht hungrig. Nicht wirklich. Die Wut, die sie seit Tagen gegen alles und Jeden in sich trug, drehte sich zu einem eigenartigen, gefährlichen Appetit — auf Risiko, auf Sichtbarkeit, auf das Gefühl, mit einer einzigen Bewegung etwas aus der Welt gezogen zu haben, das nicht ihr gehörte.

Sie bewegte sich in der Masse wie ein Fisch durchs Flussbett: ruhig, doch präzise. Beobachtend. Ein Händler beugte sich über seine Waage, sein Blick suchte den Kunden, nicht die Umgebung. Ein paar Schritte weiter lachte ein Kaufmann über einen besonders gelungenen Handel; seine Börse hing locker an seinem Gürtel, die Schnur schlackerte bei jedem Wort. Fainche beobachtete das. Ihr Herz beschleunigte sich, ohne Furcht — eher mit Erwartung.

Die Finger des Händlers lösten sich vom Tuch, als er ein Gespräch anfing. Für einen Wimpernschlag war sein Rücken der Welt zugewandt. Fainche trat einen halben Schritt vor, ihre Bewegungen so unauffällig wie der Schatten eines Vogels. Ihre Hand fand die Schlinge der Börse; die Kuppe ihres Daumens spürte das Leder, kühl und glatt. Ein leis-, flüsternder Sieg flimmerte durch ihren Körper. Sie zog die Börse — nicht hastig, sondern mit der sicheren Geste eines Taschenspielers, der genau weiß, wie viel er riskieren kann. Die Münzen klapperten leise im Dunkel ihrer Hand, ein kleines, heimliches Glockenspiel.

Für einen Moment war alles still. Nicht die Welt, nur ihr Inneres: ein Puls, ein warmer Strom von Triumph. Die Tasche glitt in ihre Tasche, unter dem zerfurchten Stoff ihres Hemds. Sie atmete kaum, schloss die Fäuste, und schon begann das berauschende Spiel des Weggehens — elegant, unauffällig, als gehöre der Schritt, den sie tat, zur Choreographie des Marktes.
Doch Märkte sind Augen, und Augen haben Gewohnheiten. Ein Kind, das in der Nähe spielte, blickte genauer. Ein Hund bellte. Der Händler, der gerade noch gelacht hatte, drehte sich im selben Augenblick um — Instinkt, scharf wie der Wind. Sein Blick suchte; er sah die Lücke, die Börse fehlte, und über seinem Gesicht zog sich blasse Erregung zusammen.

Fainche beschleunigte kaum merklich — nicht grob, nur genug, das Gewühl zu nutzen. Ein Korb im Weg, ein Stapel Kisten; sie glitt vorbei wie ein Schatten. Und dann, dort, in der engen Gasse neben dem Krämerstand, stieß ihre Hand gegen etwas anderes: ein kleines, rundes Etwas, das sie in der Hitze für eine weitere Beute hielt. Schnell griff sie, steckte es ein, und ein leises, süßes Klingeln ließ sie sogar für einen Herzschlag lächeln.

Halt! Da! Bleib stehen!“ — die Stimme schnitt wie ein Messer. Augen richteten sich, Köpfe drehten sich. Der Händler fluchte, zwei Jungen riefen etwas, das wie „Dieb!“ klang. Fainche setzte zum Sprint an. Der Markt spaltete sich wie eine Meereswelle vor ihr. Ihre Beine rissen über Steine, sie übersprang eine Kiste, rutschte fast aust, spürte Staub in den Zähnen. Freiheit war nah — so fühlte es sich an: eine einzelne, klare Linie bis zum Stadttor.

Doch...
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

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Eibenburg - Marktplatz; Frühsommer des Jahres 264

Der Ruf „Dieb!“ zerschnitt die Nachmittagshitze wie ein Speer. Stimmen kippten, Köpfe wandten sich, und Fainche rannte. Kein Zögern, kein Nachdenken – nur Instinkt. Der Markt, eben noch ein Meer aus Geräuschen und Gerüchen, wurde zur Brandung, durch die sie sich kämpfte.

Ihre Schritte hämmerten über die Pflastersteine, während irgendwo hinter ihr Metall auf Metall schlug – ein Büttel, vielleicht zwei, die sich ihren Weg bahnten. Sie schoss durch eine Gasse, duckte sich unter einer Wäscheleine hindurch, spürte den Stoff an der Stirn, und weiter. Ihr Atem brannte, aber das machte nichts. Das war Freiheit. Das war Leben.

Dann: ein Schatten.
Ein Mann, breit wie ein Torflügel, stellte sich ihr in den Weg. Sie wich nach links aus, sprang auf ein Fass, glitt daran vorbei – doch die Stiefel hinter ihr kamen näher. Einer rief: „Bleib steh’n, Mädel!“ – die Stimme klang nicht zornig, sondern sicher. Ein Ton, der wusste, dass er sie bekommen würde.

Fainche hechtete durch eine Nebengasse, bog um eine Ecke, rutschte fast auf einer nassen Stelle aus, fing sich mit der Hand an der Wand ab – und prallte in jemanden hinein.
Das Krachen war dumpf, der Schmerz blitzte auf, dann das kalte Gefühl einer Hand, die ihr Handgelenk packte.

Hab dich.“
Die Worte kamen knapp, ohne Triumph. Der Mann, ein Büttel in verschlissener Uniform, schwitzte, keuchte, aber lächelte nicht. Er kannte den Unterschied zwischen Beute und Mensch. Fainche trat nach ihm, traf sein Schienbein. Er fluchte, ließ nicht los.

Lass mich!“, fauchte sie.
„Aha. Eine von der ungehorsamen Sorte.“
„Eine, die keine Lust hat, sich von so ’nem Ochsen packen zu lassen!“


Ein kurzer, scharfer Griff – und sie wurde an die Mauer gedrückt. Das Pflaster war warm unter ihrer Wange, die Welt roch nach Staub und Kupfer. Ihr Herz raste, aber der Widerstand wich langsam der bitteren Erkenntnis: Sie hatte verloren.

So, und jetzt sagst du mir, wer du bist.“
„Niemand.“
„Niemand hat grad ’nem Händler die Börse gezogen.“
„Ich hab nichts gezogen!“
„Nein, natürlich nicht. Du hast sie nur getragen, damit sie sich nicht verliert.“


Er hielt ihre Hände fest, zog ein Stück Seil hervor, knotete grob, aber nicht grausam. Das Klirren des Metalls an seinem Gürtel klang wie ein Urteil.
„Also, wie heißt du?“

Sie schwieg.
Der zweite Büttel kam heran, ein jüngerer, blasser Mann mit Sommersprossen. „Was machen wir mit ihr?“
„Zur Wache. Der Stadtschreiber soll sich das anschauen.“


Fainche ließ sich führen – oder besser: sie tat so. Sie stolperte ein wenig, ließ die Schritte schleifen, während ihr Kopf raste. Vielleicht, dachte sie, vielleicht ließe sich noch etwas drehen. Ein Ablenkungsmanöver, eine Lüge, irgendetwas. Doch die Gassen öffneten sich bereits zum Marktplatz zurück, wo die Menge wartete.

Das ist sie!“ – der Händler zeigte mit zittrigem Finger auf sie. „Das ist das Mädchen! Hat meine Börse!“
„Ich hab nichts!“
rief sie.
„Das sagen sie alle,“ brummte der Büttel.

Die Leute tuschelten. Eine ältere Frau schüttelte den Kopf. Ein Junge lachte.
Und dann hörte sie es.
Ein Satz, irgendwo aus der Menge, beiläufig, aber wie ein Dolchstoß:
„Die sieht doch aus wie die Kleine vom Mederic-Hof. Wie heißt der alte Herr noch? Beathan?“

Sie erstarrte. Der ältere Büttel hob die Braue.
„Mederic also?“
Sie schwieg.

Er packte sie fester am Arm. „Also los. Ich frag nicht nochmal. Wer bist du?“
Sie atmete schwer, spürte den Schweiß an ihrem Nacken, den Blick der ganzen Stadt auf sich.
Wenn sie jetzt schweigt, dachte sie, landet sie in der Zelle. Wenn sie redet – landet sie bei ihm.

Ein paar Sekunden lang war die Stille lauter als der Markt. Dann hob sie das Kinn.
„Mein Name ist Fainche Orlaith“, sagte sie. Die Stimme war fest, trotzig.
Ein Zucken ging durch sein Gesicht.
„Orlaith, ja? Und der Mederic?“

Sie zwang sich zum Hinsehen, zu einem Lächeln, das nichts von Stolz hatte, nur Trotz.
„Mein Onkel.“

Der Büttel blies die Luft aus, ein Ton zwischen Respekt und Mitleid. „Beathan Mederic? Der alte Haudegen?“
„Der,“ erwiderte sie, „genau der.“

Der Mann sah sie an, lange. Dann seufzte er schwer, als würde das Schicksal sich plötzlich auf seine Schultern setzen.
„Dann, Mädchen“, sagte er schließlich, „hast du dir heute den falschen Tag ausgesucht, um Unfug zu treiben. Das wird in der Wache kein leichtes Gespräch.“

Und mit einem Griff an ihrem Arm führte er sie weiter – vorbei an den neugierigen Blicken, hinein in den Schatten des Torhauses, wo der Geruch von Tinte, Schweiß und Schuld schon auf sie wartete.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - Stadtwache, Torhaus; Frühsommer des Jahres 264

Die Stadtwache von Eibenburg war kein Ort, der Schrecken verbreitete — doch sie roch danach. Nach kaltem Eisen, verschüttetem Bier, Schweiß und dem Staub längst vergessener Geständnisse. Sogar das fahle Licht, das durch das kleine Fenster mit Eisenrahmen fiel, wirkte wie ein verirrter Rest Gnade, der sich aus den Gassen hierher geflüchtet hatte. Die Tür flog auf, als der Büttel Brenn sie mit der Schulter aufstieß. Er hatte die Bewegungen eines Mannes, der solche Szenen wie Brot zum Frühstück bekam: routiniert, leicht genervt, aber ohne jede Dramatik. Er schob Fainche hinein – nicht brutal, nur in der Art, wie man eine streunende Katze am Nacken packt, weil sie sonst wieder im Gemüsekarren sitzt. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt; die Striemen darauf waren frisch und rot, noch warm von ihrem Versuch, sich loszureißen. Der Raum war schmal, stickig, kaum groß genug für eine Stimme, geschweige denn für drei Menschen.

Ein Tisch stand dort, übersät mit Papier, misshandelten Federkielen und Tintenspritzern, die aussahen wie alte Wunden. Der Schreiber — blass wie Pergament, mit eingefallenen Schultern und mürrischem Mund — hob nur kurz den Kopf. Seine Augen musterten Fainche mit der nüchternen Gleichgültigkeit eines Mannes, der schon zu viele Gesichter vergessen musste.

Was bringst du mir da?“ fragte er, ohne die Feder ganz abzusetzen. Brenn schob Fainche einen Schritt vor, drehte sie leicht ins Licht.
„Eine vom Markt. Sagt, sie hätte nichts genommen.“
„Hab ich auch nicht.“ Fainche verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln, das mehr Trotz als Humor war.


Der Schreiber tippte mit der Feder auf das Pergament, ein kleines, genervtes Klopfen.
„Und warum rennst du dann?“
„Weil der hier mir nachgelaufen ist.“ Ihre Stimme war säuerlich als sie mit dem Kinn auf Brenn deutete. Er schnaubte.
„Weil du gestohlen hast – und schlecht gerannt bist.“
Er packte sie am Arm, drehte sie so, dass er ihr direkt ins Gesicht blicken konnte, musterte sie mit einem Blick, der zwischen Fassungslosigkeit und einem Anflug väterlicher Resignation schwankte.
„Kleines, du bist schneller mit der Zunge als mit den Beinen. Ich geb dir einen Rat: Lügen hilft hier keinem.“

Ich lüge nicht!“ Die Worte schnitten, klein, aber messerscharf.
"Dann wird das gleich interessant."
Brenn griff in seine Tasche und zog die Börse hervor — eine einfache Lederkugel, abgenutzt, aber gefüllt. Die Münzen darin klirrten leise, ein kaltes, unerbittliches Geräusch. Er hielt sie ihr vors Gesicht.
„Erkannt?“

Fainche blinzelte langsam, übertrieben langsam, als wolle sie demonstrieren, wie wenig Angst sie vor der Wahrheit hatte.
„Nein. Noch nie gesehen.“

Brenn verzog den Mund.
„Komisch. Sie war in deiner Tasche.“
„Dann hat sie da jemand reingesteckt.“
„Wer denn?“
„Vielleicht du. Weil’s dir Spaß macht?“
Ein heiseres, kurzes Lachen entfuhr dem Mann.
„So dreist wie dumm, Mädchen. Aber Mut… Mut hast du.“

Er reichte die Börse dem Schreiber. Der öffnete sie, und das Klirren der Münzen klang wie kalter Regen auf Stein. Mehrere kleine Kupfer- und Silberstücke kullerten heraus — und etwas, das gar nicht hineinpasste: Ein kleines Büchlein, in Leder gebunden, offensichtlich liebevoll gepflegt. Die Kanten waren abgewetzt; die Seiten rochen nach Kamillentee und alten Nächten. Auf dem Einband prangte ein Titel in feiner, ausgebleichter Schrift: "Geschichten von letzten Lichtern"


„Und das hier?“ Der Schreiber hob es hoch, langsam.
„Irgendwer hat’s liegen gelassen.“ Fainche zuckte die Schultern, unbeeindruckt.
„Du hattest es in deinem Wams versteckt.“
„Ja. Ich mag’s warm.“

Der Schreiber starrte sie an, so lange, dass die Luft im Raum schwerer wurde. Sein Blick sagte deutlich: Ein Wort weiter, und ich lach. Aber das darf ich nicht. Ich bin Beamter.
„Wenn du’s dir ausgesucht hast, bist du jetzt wohl eher Narr als Diebin.“

„Ich bin weder noch. Nur hungrig.“ Ihre Zähne pressten sich zusammen, die Muskeln an den Wangen spannten sich.
„Hungrig…“ Brenn schnaubte, bitter und alt. „Dann hättest du den Mund aufmachen sollen, nicht die Finger.“

Er trat näher, und seine Stimme wurde weich, beinahe nachgiebig. Nicht freundlich – nein – aber ehrlich bemüht.
„Mädel… ich sag dir das nicht, um dich kleinzumachen. Es gibt Leute, die haben für so was die Hand verloren.“

Sie lachte — ein Ton, der zu laut, zu kurz und zu scharf klang, um echt zu sein.
„Für so ’nen Kleinkram doch nicht.“
Für Münzen. Für ein Buch. Für jeden Griff, den die Stadt nicht verzeiht.“ Er senkte die Stimme. „Wenn dein Onkel nicht wäre, hättest du morgen keinen Finger mehr frei. Man nennt das Milde – nicht Glück.“
Etwas flackerte in ihren Augen — Schmerz vielleicht, oder Angst oder einfach ein Funke Trotz, der nicht sterben wollte.
„Dann sag ihm Danke in meinem Namen.“
„Sag’s ihm selbst.“

Brenn nickte dem zweiten Büttel zu — einem jungen Mann mit zu großen Händen und zu schmalen Schultern.
„Lauf zu Mederic. Sag dem Beathan, seine Nichte sitzt bei uns.“


„Kommt er… wirklich?“ Der Junge schluckte.
„Er kommt, wenn er’s für nötig hält. Und jetzt beeil dich.“
Der Bote rannte los, fast zu schnell für die enge Tür.
Fainche schob ihre gefesselten Hände hin und her.
„He. Wenn ihr schon meint, dass ich hier rumstehen muss — kann ich mich dann wenigstens wieder bewegen?“

Brenn verdrehte die Augen.
„Stehen bleiben. Ich löse es.“

Er riss den Knoten mit der groben Geschicklichkeit eines Mannes auf, der mehr Stricke als Stifte gekannt hatte. Das Seil fiel zu Boden, schwer und endgültig. Fainche rieb sich sofort die Handgelenke, als müsse sie die letzten Spuren gelebter Schwäche wegwischen. Dann hob sie das Kinn, trotzig, hochmütig, ungebrochen.
„Wie fürsorglich. Soll ich Danke sagen?“

„Bleib einfach, wo du bist. Ich hab keine Lust, dich zweimal zu fangen.“

Fainche grinste, ein funkelnder Blitz über einem Abgrund.
„Dann streng dich mehr an.“

Der Schreiber stieß hörbar die Luft aus, legte die Feder ab und sagte mit resigniertem Nachdruck:
„Ich dachte, heute wird ein ruhiger Tag.“

Fainche lächelte dünn.
„Ich auch.“

Aktenvermerk:
Beschuldigte: Fainche Orlaith
Tat: Diebstahl auf dem Marktplatz
Beute: Börse, Kleingeld, Geschichtenbuch
Festnahme: Nach Fluchtversuch durch Büttel Brenn
Verhalten: Uneinsichtig, provokant, keine Reue
Maßnahme: Meldung an Beathan Mederic
Einschätzung: Jugendlicher Erstverstoß, provozierendes Verhalten; Übergabe an Vormund ausreichend
Zuletzt geändert von Fainche Orlaith am Donnerstag 13. November 2025, 12:50, insgesamt 1-mal geändert.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

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Eibenburg - Stadtwache, Torhaus; Frühsommer des Jahres 264

Die Tür fiel hinter dem weggerannten jungen Büttel ins Schloss, und die Stille senkte sich über den Raum wie ein schweres Tuch. Die Luft war stickig, warm von drei atmenden Körpern und kalt von der Ahnung, dass hier niemand leicht wieder herauskam. Der Schreiber schrieb weiter, die Feder schabte über Pergament wie eine Maus in der Wand, und Brenn stand wie ein Fels an der Seite, die Arme verschränkt, die Geduld zäh wie Leder. Fainche blieb mitten im Raum, die Zehen angespannt, als könnte jedes Wort sie zum Springen bringen. Ihre Handgelenke schmerzten noch, aber den Schmerz trug sie wie Schmuck — sichtbar, trotzig, eine Erinnerung daran, dass man sie festgehalten hatte.

„Setz dich“, murmelte der Schreiber irgendwann.
„Ich steh.“
„Dann steh.“ Er zuckte kaum mit der Schulter.

Die Minuten krochen. Fainches Gedanken jagten. Sie wollte nicht zeigen, dass sie wartete. Aber sie wartete. Auf Schritte. Auf einen Schatten in der Tür. Stattdessen hörte sie nur das Tropfen im Flur und Brenns ruhigen Atem.

„Du glaubst ernsthaft, er kommt nicht?“, fragte er nach einer Weile leise, ohne Spott.
„Interessiert ihn doch nicht, was ich treibe.“ Sie schnaubte.
„Oh doch“, murmelte Brenn. „Mederic sieht genug. Er sagt nur wenig.“
„Dann soll er heute mal was sagen.“
„Vielleicht tut er’s. Vielleicht auch nicht.“

Die Antwort schnitt tief — gerade weil sie so beiläufig war.

Es war kein Warten, es war eine Prüfung. Und sie dauerte Stunden. Der Raum passte nicht zu ihr, die Wände wirkten enger, je länger sie dort stand. Ihre Unruhe goss sich in Bewegung: erst Schritte, dann Kreise, dann wieder nur ein starres Stehen am Fenster. Brenn sah ihr dabei zu, mit einem Blick, der mehr Verständnis enthielt, als er zugeben mochte.
„Du machst mich nervös“, brummte er.
„Ich mach einfach nur… nichts.“
„Genau das ist das Problem.“

Der Schreiber tippte genervt mit der Feder.
„Kannst du bitte aufhören zu… existieren? Zumindest im Kreis?“
„Ich versuch’s.“ Fainche warf ihm einen schmalen Blick zu.

Tat sie nicht.

Als endlich Schritte im Flur hallten, blieb sie abrupt stehen. Herz zu schnell. Atmung zu knapp. Etwas in ihr zog sich zusammen — Hoffnung oder Furcht, sie konnte es nicht trennen. Die Tür ging auf, und ein junger Krieger trat ein. Die Rüstung war nicht ganz richtig geschnallt, der Kragen schief, sein Blick eine Mischung aus Müdigkeit und „Nicht das schon wieder“.


„Bei Temora… du schon wieder.“ Er erkannte sie sofort.

„Hab ich dir gefehlt?“ Fainche blinzelte.
„Nein.“ Er schob Luft durch die Zähne. „Aber deinem Onkel.“
„Er hat dich geschickt?“
„Er hat gesagt: Hol sie. Und zwar mit genau dem Gesicht, das mir sagt, dass ich besser nicht verliere, was ich hole.“
„Dann viel Glück.“ Sie lachte, kurz und scharf.

„Ich brauch Glück nicht.“ Er packte ihren Arm. „Ich hab Erfahrung.“
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - Weg zum Hof der Mederic; Frühsommer des Jahres 264

Die Nacht senkte sich wie ein dunkler Vorhang über Eibenburg, als der junge Krieger Fainche durch die Straßen führte. Die Laternen warfen goldene Flecken auf das Pflaster, dazwischen lag der Schatten wie ein stilles Tier. Der Krieger hielt sie am Arm, nicht hart – aber fest genug, um klarzumachen, dass er sie kennt. Und ihre Tendenz, abzuhauen. Und seinen eigenen Kopf, den er behalten wollte.

Du bist wie ein Sturm im Wasserglas“, murmelte er.
„Und du bist wie ein Glas ohne Wasser – nutzlos.“ Fainche verzog den Mund.
Er schnaubte, kämpfte kurz mit einem Grinsen, verlor. „Du kannst es nicht lassen, hm?“
„Du wolltest doch Unterhaltung.“
„Ich wollte Feierabend.“
„Tja. Wünsche gehen nicht immer in Erfüllung.“
Er stöhnte leise, als wäre sie ein besonders unhandlicher Sack Kartoffeln. „Wenn du gleich wieder so mit deinem Onkel redest, wirst du hier morgen nicht mehr stehen.“
„Ach, ich dachte, du magst Drama.“
„Nicht deines.“

Sie näherte sich dem Mederic-Haus wie jemand, der auf einen Kampf zugeht, den er nicht gewinnen kann – aber trotzdem lächelt, weil er wenigstens spüren wird, dass er lebt. Beathan öffnete die Tür, noch bevor der Krieger anklopfen konnte. Er stand da als wäre er ein Teil des Hauses: stumm, übergroß, das Gesicht halb im Schatten, halb im entfernten Kerzenlicht.

Der Krieger richtete sich reflexartig auf. „Herr Mederic. Ich brachte—“
„Ich sehe es.“ Beathans Blick glitt zu Fainche. Ein Blick, der sagte: Ich wusste es. Ein Blick, der sie kurz erstarren ließ. Fainche hob die Braue, spöttisch: „Na? Zufrieden? Dein Lieblingsärgernis ist wieder da.“

Beathan reagierte nicht auf ihren Tonfall. Zu sehr gewohnt. Zu müde. Zu wütend.
„Danke“, sagte er zum Krieger. „Du kannst gehen.“
Der junge Mann nickte fluchtartig. „Viel Glück“, murmelte er Fainche zu.

„Das krieg ich nicht“, antwortete sie, „aber dafür krieg ich Ärger.“

Und dann war die Tür zu. Beathan ging voran wie ein Mann, der das Beil zur eigenen Exekution trägt – nicht aus Angst, sondern aus Pflicht. Fainche folgte, den Kopf hoch, den Spott im Rücken wie einen Dolch. Das Arbeitszimmer war vollständig Beathans Welt: Ordnung, Dunkelholz, Bücherregale wie Mauern, der Geruch von Siegellack, ein flackerndes Licht, das hart über den Tischkanten lag. Fainche setzte sich nicht. Sie lehnte sich an einen Pfeiler, verschränkte die Arme.

Beathan sah sie an. Lange. Wie man ein verkantetes Werkzeug betrachtet, das man trotzdem liebt – und das einem trotzdem jedes Mal die Finger verletzt.
„Setz dich.“
„Ich steh gut.“
„Setz dich.“


Sie ließ sich in den Stuhl fallen, als würde sie ihn beleidigen. Beathan stützte die Hände auf den Tisch. Seine Stimme war ruhig – jene Ruhe, die gefährlicher war als Schreien.
„Man hat mir berichtet, was du getan hast.“
„Und? Ich hab Eindruck hinterlassen.“
„Fainche.“
„Was? Ist doch schön, wenn man sich mal an mich erinnert.“


Er zog scharf Luft ein. Sie spürte es. Sie genoss es fast.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ fragte er.
„Dass ich—“
„Lüge.“ Das Wort kam so schnell, dass sie kaum geatmet hatte.
„Du weißt nicht mal, was ich sagen wollte!“
„Doch.“
Seine Augen funkelten. „Ich kenne dich. Ich kenne deine Ausreden. Ich kenne deinen Trotz.“
Fainche grinste wie eine Katze. „Du kennst nur deine eigene Stimme.“ Ein Zucken ging über Beathans Gesicht. Nur klein, aber tödlich.
„Wenn du mich provozieren willst – du schaffst es.“
„Siehst du“, sagte sie, „ich kann doch was.“

Beathan richtete sich auf, langsam, schwer.
„Du bist vierzehn Jahre alt. Und du spielst mit Feuer, das du nicht verstehst.“
„Wenn du mir die Regeln erklären würdest—“
„Ich erkläre dir gar nichts“, schnitt er ihr das Wort ab. „Nicht, solange du lügst.“
„Ich lüge nicht!“
„Du lebst in Lügen!“, fuhr er sie an. „Jeder Satz von dir ist ein Widerwort oder eine Verweigerung. Du willst nicht reden. Du willst kämpfen.“
„Weil du nie zuhörst!“
„Weil du nichts sagst, was stimmt!“


Er packte die Tischkante fester. Die Kerzen flackerten. Fainche merkte, wie nah er am Rand stand. Also trat sie noch einen Schritt näher.
„Vielleicht lüge ich, weil du es leichter findest, mich zu verachten als mich zu sehen.“

Das war ihr erster ehrlicher Satz. Doch ihr Ton machte ihn zu einem Schlag. Beathan erstarrte.
„Du weißt nicht, was du sagst.“
„Doch“, flüsterte sie. „Ich weiß es besser als du.“
„Schweig“, sagte er. Nicht laut. Aber endgültig.
Fainche schnaubte. „Na klar. Mund halten. Richtiges Mädchen spielen. Danke, Onkel.“

Da machte er einen Schritt um den Tisch auf sie zu. Nicht, um sie zu schlagen – aber seine Hand hob sich in einem Reflex, den er nicht ganz kontrollierte. Sie zuckte zusammen. Er sah es. Sah das kleine, schnelle Zucken, das aus einer anderen Zeit stammte. Und ließ die Hand sofort sinken. Sofort. Aber es war zu spät. Etwas Unsichtbares war zwischen ihnen zerbrochen.

Beathan stand starr.
Fainche stand bebend.
Die Luft stand brennend.

Dann sagte er nur: „Eine Woche Arrest. Dein Zimmer. Keine Ausnahmen. Keine Türen. Keine Diskussion.“
Sie nickte. Ein Ruck, hart, feindselig. „Besser als deine Predigten.“
„Raus“, sagte er tonlos.

Sie ging. Ohne ein weiteres Wort. Ohne ein Zurücksehen. Ihre Schritte hallten auf den Dielen wie Hammerschläge.

Beathan blieb im Zimmer zurück, die Schultern schwer, der Atem schmerzend.
Er glaubte, er hätte sie gezähmt.
Sie glaubte, er hätte sie verloren.

Und beide lagen weit daneben.

Das Mädchen ist ein Sturm im Kleid eines Kindes – und ich fürchte, ich verliere sie, noch bevor ich sie überhaupt erreicht habe.“
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - In und um das Haus der Familie Mederic; Frühsommer des Jahres 264

Der Arrest begann nicht mit Geschrei, nicht mit drohenden Worten, sondern mit einem Geräusch, das viel schlimmer war: Dem dumpfen klick, als die Tür von außen verschlossen wurde. Fainche blieb einen Moment lang stehen, die Fingerspitzen an das Holz gelegt. Es fühlte sich an, als hätte man sie nicht in einem Zimmer eingeschlossen, sondern in einer Bedeutungslosigkeit. In den wenigen Schritten, die sie zurück zum Bett machte, wurde der Raum enger — nicht kleiner, nur dichter, wie ein Atemzug, der nicht vollständig gelöst werden kann.

Sie schlief in der ersten Nacht viel. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus dem bitteren Willen, der Strafe nicht die Genugtuung zu geben, sie leiden zu sehen. Sie hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben, trotzig an die Decke zu starren, Wut gegen die Wand zu schleudern, doch ihr Körper kapitulierte früher als ihre Gedanken.

Am Morgen kam die Haushälterin. Sie stellte den Teller ab wie einen Stein, der genau an die richtige Stelle gesetzt wurde, und ging ohne Worte wieder hinaus. Man sah ihr an, dass sie Mitleid fühlte — aber nicht genug, um es auszusprechen.

Dann kam Iain. Er trat ein wie ein aufgescheuchter Gockel, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Neugier, Entrüstung und der unzufriedenen Erkenntnis lag, dass seine kleinere Cousine eine Fingerbreit Körpergröße über ihm war.
„Du benimmst dich wie eine Nuss im Sturm,“ begann er, ohne Gruß.
Fainche warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Und du wie ein Gockel, der zu viel Zeit vorm Spiegel verbringt.“ Ihr Cousin legte eindeutig zu viel Wert darauf gut auszusehen und vermutlich irgendwelchen Mädchen hinterherzujagen, die besser gucken, als denken konnten. Es dauerte keine zwei Minuten, und sie warfen sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf, als wären es Familienerbstücke. Iain erklärte ihr, wie einfach das Leben wäre, wenn sie „einfach mal auf seinen Vater hören würde“. Sie konterte, er würde sich ohnehin immer nur ducken und nicken, wir ein hirnloses Püppchen. Er schnaubte. Sie fauchte. Sie lachten nicht. Etwas das normalerweis auf ihr Geplänkel folgte. Er ging schließlich — laut, beleidigt, aber mit einem letzten Blick zurück, der mehr Sorge zeigte, als seine Worte erlaubten.

Dann kam ihre Tante. Leise, als wäre ihr Besuch ein Geheimnis. Sie setzte sich an das Bett, sprach mit einer Vorsicht, die Fainche erst unruhig, dann wütend machte. Ihre Tante fragte nach Schlaf, Hunger, Angst. Fainche antwortete knapp, hielt ihren Spott zurück — denn ihre Tante war der einzige Mensch im Haus, dem sie nicht vorsätzlich wehtun wollte.
„Dein Onkel meint es gut,“ sagte die Tante zum Abschied.
Fainche drehte den Kopf weg. „Dann soll er’s selbst sagen.“ Als die Tante die Tür hinter sich schloss, blieb ein Loch in der Stille zurück.

Doch die Nächte gehörten ihr — auf eine Art, die keine Tür der Welt verhindern konnte.
Sie wählte das Fenster. Immer das Fenster. Beathan hatte es ihr verboten, die Tür zu nutzen, um den Raum zu verlassen. Aber er hatte nichts darüber gesagt, was zwischen Fensterrahmen und Himmel galt. Mit einer Geschicklichkeit, die sie sich selbst beigebracht hatte, löste sie jeden Abend den verrammelten Laden. Das Holz knarrte kaum, und sie wusste genau, wie sie sich hindurchschieben musste, damit ihre Fußspitzen der Erde zuerst begegneten und nicht die Hände, die dann verraten hätten, wie oft sie diesen Weg nutzte.

Der Sprung hinunter in den Hof war ein kurzes Fliegen. Ein Herzschlag Freiheit. Kalt, frisch, lebendig.
Draußen wurde die Welt groß, und sie klein — aber auf eine Art, die ihr gefiel. Sie schlich durch die Schatten wie ein nächtliches Tier, bewegte sich sicher zwischen Mauern, die für Erwachsene gebaut waren, nicht für sie.
Sie stahl nicht aus Not. Sie stahl aus Trotz.

Beathans Tintenfass. Sein Rasiermesser. Ein einzelner Stiefel - den zweiten ließ sie absichtlich unberührt, damit er beim morgendlichen Stehenbleiben fluchte. Die Schreibtischfeder, die er immer benutzte. Nichts, was wertvoll war — alles, was ihm gehörte. Sie stahl es und versteckte es. Unter Dielen. Hinter Kaminsimsen. Unter ihrem Bett.
Nicht um es zu besitzen. Sondern damit er es vermissen würde. Damit er sie vermissen würde — oder wenigstens bemerken. Doch Beathan kam nicht. Sein Schweigen war schlimmer als jede Strafe, die er hätte verhängen können.

Manchmal saß Fainche nachts mit gekrümmten Schultern auf dem Bett und fragte sich, ob er überhaupt wusste, dass sie existierte, außer dann, wenn sie Ärger machte.

Drei der Nächte verbrachte sie im Dorf.
Die Gassen waren eng, der Stein kalt unter ihren Füßen, der Atem dampfte in der Luft, als wäre er ein Zeichen von Leben, das sie sich jeden Abend neu bewies. Sie schlich hinter Laternen vorbei, stahl eine Brosche, eine Handvoll Münzen, das Abzeichen eines Büttels — und spannte am Torhaus ein dünnes Seil auf Knöchelhöhe, das am Morgen für laute Flüche und ein heilloses Durcheinander sorgte. Sie lachte lautlos im Schatten, doch als sie zurück ins Zimmer kletterte, schlug das Lachen in Bitterkeit um.

Niemand merkt es.
Niemand sieht dich.
Nicht einmal er.


In der sechsten Nacht wünschte sie sich zum ersten Mal, dass Beathan sie erwischen würde.
Ein dummer Gedanke. Ein verletzter Gedanke. Aber ein ehrlicher.

Am Ende der Arrestwoche war etwas in ihr härter geworden — und etwas anderes sehr viel weicher.
Beides tat weh. Sie hatte den Arrest nicht als Strafe erlebt, sondern als Bestätigung des Gefühls, das sie schon lange in sich trug:
Sie war allein, selbst dann, wenn sie in mitten ihrer Familie stand. Und dennoch schwor sie sich, als sie in der siebten Nacht unter den Sternen stand und die Kälte über ihre Haut lief wie flüssiges Glas:

Ich werde lauter. Bis man mich nicht mehr übersehen kann.
„Sie sitzt ihre Strafe ab wie ein Wolf im Käfig – und ich begreife nicht, warum sie mir damit mehr entwischte als je zuvor.“
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Der Arrest lag schon einige Tage in der Vergangenheit. Sie hatte ihre nächtlichen Ausflüge nicht gänzlich eingestellt, sie genoss die Freiheit, die sie ihr boten. Allerdings konnte sie nun nicht den ganzen Tag schlafen, wenn sie zeitgleich Aufgaben im Haus zu erledigen hatte. An diesem Abend wollte sie etwas früher als sonst los. Die Nacht war noch nicht ganz angebrochen, aber das Wetter ließ die Welt da draußen dunkler als sonst erscheinen. Die Schatten tiefer, als würden sie nur darauf warten ihre schmale Gestalt zu verschlucken. Der Regen trommelte an die Scheiben als Fainche den Fensterladen einen Spalt weit öffnete. Kalte Luft biss ihr ins Gesicht. Unten im Hof glänzte das nasse Pflaster wie ein dunkler Spiegel. Noch ein Herzschlag, dann wäre sie draußen. Noch ein Atemzug, dann wäre sie nur ein Schatten im Regen.
Ihr Bein schob sich schon halb über den Fensterrahmen, die Finger klammerten sich an das Holz, als hinter ihr plötzlich das Holz knarrte. Das Quietschen der Türangeln verriet einen Besucher. Sie erstarrte wie ein gehetztes Tier. Verdammt.
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Beathans Silhouette stand im Rahmen. Der Regen hinter ihr rauschte mit einem Mal leiser. Der Mann füllte den Raum mit seiner bloßen Anwesenheit – groß, kantig, erschöpft und voller unausgesprochener Verdächtigungen.
„Fainche?“
Seine Stimme war nicht laut, aber schwer. Sie trug etwas in sich, das näher an Sorge als an Strafe war, auch wenn er selbst es nicht erkannte. Fainche sprang vom Fensterbrett herunter, landete hart auf den Fersen, wirbelte herum. Ihr Atem war zu schnell, ihre Schultern angespannt.
„Ich— ich hab gelüftet.“ Zu schnell. Zu scharf. Eine Lüge, die selbst für Fainche nur armselig war. Beathans Blick schweifte zum offenen Fenster, zu den nassen Spuren am Sims, dann zurück zu ihr. Etwas zog sich in seinem Gesicht zusammen. Nicht Wut. Eher Gewissheit.

„Lüften,“ wiederholte er. „Soso.“

Er machte einen Schritt in den Raum hinein – und Fainche reagierte instinktiv. Sie stürzte auf ihn zu, die Hände ausgestreckt, und begann, ihn mit aller Kraft gegen die Brust zu schieben.
„Raus! Raus aus meinem Zimmer!“
Er ließ sich nicht bewegen. Keinen Millimeter. Es war, als würde sie versuchen, eine Eiche vom Hang zu schieben. Seine Brust gab unter ihren Handflächen kaum nach. Sein Körper blieb vollkommen ruhig, nur sein Atem hob sich langsam, kontrolliert.
„Fainche,“ sagte er leise, und die Wärme in seiner Stimme verwirrte sie mehr als jeder Tadel.
Sie prallte förmlich an ihm ab, stolperte einen Schritt zurück, empört und erschrocken zugleich, weil er sanft blieb. Weil er nicht zurückstieß. Weil er nicht brüllte. Weil er sie ansah wie jemand, der schon vier Kinder durch Wutanfälle getragen hatte und wiedererkannte, wann Kraft nicht hilft.

„Du musst nicht schieben,“ sagte er ruhig. „Ich gehe nicht.“ Das brachte sie endgültig aus dem Gleichgewicht.

„Ich habe dir gesagt, DU sollst nicht reinkommen!“ fauchte sie. „Du kannst nicht einfach— ich will dich nicht hier!“ Doch ihre Stimme war zu dünn. Zu nah an einem Riss.

Beathan sah sich im Raum um, und etwas Kantiges trat in seine Haltung. Er bemerkte den verrutschten Fensterladen. Die Schrammen am Rahmen. Die leichte Unordnung, die nicht von einer Vierzehnjährigen kam, die nur „lüftet“. Er ging an ihr vorbei – gerade so dicht, dass sie seine Wärme spürte. Sie warf sich erneut gegen ihn, diesmal verzweifelter, aber er hielt einfach stand. Wieder ohne Gewalt, nur mit dem schieren Gewicht eines Mannes, der wusste, wie man bei Sturm den Boden hält.

„Bitte bleib stehen,“ sagte er. „Ich will nur verstehen, was du treibst.“
„NICHTS!“ Er hob eine Braue. Sie hasste ihn dafür, wie ruhig er wirkte.
„Sag mir nicht, dass du nachts nicht draußen warst.“
„Sag du mir erst einmal, was das DICH angeht!“ schleuderte sie ihm entgegen. Sein Blick wurde härter, wie ein Schild, der sich senkte.
„Ich bin dein Vormund, verdammt. Es geht mich alles an, was du tust.“
„Du? Du merkst doch sonst gar nicht, dass ich existiere. Außer, wenn ich Ärger mache.“ Sie lachte trocken.
Er zuckte zurück – nur ein Hauch, kaum sichtbar. Aber sie hatte getroffen.
„Zur Seite,“ sagte er ruhiger, tiefer. „Jetzt.“
Sie wich nicht. Ihre Kiefer mahlten. Sie war bereit, ihn wieder zu schieben, wieder abzuprallen. Doch was sie sah, als er diesmal zu ihr herunterblickte, war kein Zorn. Es war etwas viel Gefährlicheres. Erkennen.
„Du bist jede Nacht rausgeklettert.“ Seine Stimme verlor plötzlich die schneidende Strenge.

Sie wollte antworten. Ein Witz. Ein Spott. Irgendeine Waffe gegen das, was in ihrer Brust brodelte. Aber nichts kam. Beathan seufzte schwer und wandte sich dem Fenster zu.
„Warum?“
„Weil ich’s kann,“ stieß sie hervor. Er drehte sich langsam zurück, sah sie lange an. „Nein. Das ist nicht der Grund.“ Das machte sie wütender als jedes Schreien.
„Ich schulde DIR keine Antworten!“
„Aber ich erhalte sie dennoch,“ erwiderte er.
Sie ballte die Fäuste, der Atem ging hart, und der Regen schlug wie Sturm an das Fenster. Alles an ihr schrie Flucht. Alles in ihm schrie Verantwortung. Für einen Moment standen sie sich einfach nur gegenüber — zwei Sturmkinder, die lieber untergehen würden, als zuerst nachzugeben. Und dann sagte er leise, fast widerwillig:
„Ich werde morgen herkommen. Und dann reden wir.“
„Ich rede nicht mit dir.“
„Doch. Das wirst du.“

Er ging zur Tür. Doch bevor er sie schloss, wandte er sich noch einmal um. Sein Blick fiel auf den offenen Fensterladen – und dann auf sie. Und zum ersten Mal sah sie etwas in seinen Augen, das nicht Zorn war.

Ein Funken Sorge.
Echter.

Fainche wich sofort aus, ballte die Hände hinter dem Rücken, als könne sie die aufsteigende Hitze im Gesicht verstecken. „Geh einfach.“ Beathan nickte einmal. Als die Tür ins Schloss fiel, war das Geräusch nicht nur ein Verschluss – sondern ein unausgesprochenes Versprechen und eine unausgesprochene Angst. Und in der Stille, die folgte, starrte Fainche lange auf das Fenster. Es wäre so leicht, jetzt hinaus zu springen. Aber sie tat es nicht. Zum ersten Mal in vielen Nächten.
„Dieser Hornochse - Er ist Familie.“
"Dieses störrische Gör - Sie ist Familie."
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - Im Haus der Familie Mederic; Frühsommer des Jahres 264

Der Morgen hing schwer über dem Anwesen, als wolle der Himmel selbst den Atem anhalten. In Fainches Zimmer stand die Luft wie abgestandener Streit. Sie saß auf dem Fensterbrett, die Beine baumelnd in der Kälte, und tat so, als würde sie den grauen Hof betrachten. In Wahrheit hielt sie Wache. Sie wusste, er würde kommen.
Das offene Fenster war Provokation. Einladung. Drohung. Ein stummes: Du kannst mir die Tür verbieten, aber nicht die Flucht. Und trotzdem wartete sie. Auch wenn sie es nicht einmal sich selbst eingestand. Sie wartete – weil ein Teil von ihr wollte, dass er kommt.

Als Beathans Schritte vor der Tür verstummten, zog sich etwas in ihr zusammen, als hätte jemand ein Seil um ihr Herz gelegt. Die Tür öffnete sich ohne Hast – aber mit der Sicherheit eines Mannes, der nicht geht, bevor er hat, was er braucht. Beathan trat ein. Groß. Kantig. Mit dunklen Augen, die viel zu viel gesehen hatten.
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„Wir reden,“ sagte er. Nicht laut. Aber schneidend wie kalter Wind. Fainche setzte sofort ihr Grinsen auf – scharf, spöttisch, schief, eine Maske, die genau dafür geschaffen war, ihn zu reizen.
„Hast du gestern Abend vergessen, dass ich auch ’ne Meinung hab?“ Sie sprang vom Fensterbrett, kam ihm viel zu nah, Hände in den Hüften, als wolle sie ihn aus seiner eigenen Haut drängen.
„Oder wolltest du nur prüfen, ob ich bei Sonnenaufgang noch da bin?“
„Fainche. Nicht heute.“ Beathans Schultern spannten sich.
„Oh? Welcher Tag eignet sich besser zum Anschreien? Markttag? Sonntag?“
„Ich schreie nicht.“ Seine Stimme war tief, müde – und irgendwo dort drin glomm ein Funken Sorge, den er selbst nicht erkannte.
„Dann solltest du von mir lernen,“ fauchte sie. „Ich schreie nämlich, wenn man mich behandelt wie ein—“
„Halt.“ Er hob eine Hand. Nur ein leichtes, genervtes Zeichen – doch in ihr löste es ein uraltes Echo aus. Ein Echo von Türen, die vor ihrer Nase zugingen. Von Stimmen, die sagten: Sei still. Von Tagen, an denen niemand fragte, ihre Abwesenheit bemerkte.
„Ich habe dir eine Frage gestellt,“ sagte Beathan. „Warum kletterst du nachts aus dem Fenster?“
„Weil die Tür abgeschlossen war.“ Messerscharfer Spott.
„Nochmal.“
„Weil ich frische Luft mag.“
„Fainche.“
„Weil’s besser ist als dein Gequats—“
„GENUG!“ Seine Stimme krachte wie ein Balken im Sturm. Sie zuckte zurück – kaum sichtbar – und ging sofort in Gegenangriff.
„Was? Die Wahrheit gefällt dir nicht, alter Herr? Soll ich höflich nicken, bevor du mir wieder den Mund verbietest?“

Beathan machte einen Schritt auf sie zu.
Langsam.
Unerbittlich. Seine Geduld war nur noch eine dünne Haut über brodelndem Ärger.

„Ich will keine Ausreden. Ich will die Wahrheit.“
Der Raum wurde enger. Die Luft schwerer. Und die Erinnerung lauter. Ein Pferd. Ein Tritt. Schmerz. Warten. Stundenlanges Warten. Niemand kam.
„Ich—“ Ein Riss ging durch ihre Stimme. Verdammt. Sie wollte das nicht sagen.
„Warum?“ fragte Beathan erneut. Leiser. Fast flehend. Und plötzlich brach es hervor, schneller als ihr Atem, stärker als ihre Kontrolle:

„WEIL IHR MICH ALLE VERGESST, WENN ICH WEG BIN!“

Stille. Ein einziger stiller Herzschlag, der zwei Menschen zerschnitt. Beathan erstarrte. Ein Schatten flackerte in seinen Augen – keine Wut. Erinnerung. Ein achtjähriges Mädchen im Arm eines Fremden, ein verdrehtes Bein, ein blasses Gesicht. Eltern, die zu spät merkten, dass ihre Tochter fehlte. Er hatte es nicht vergessen. Er hatte ihm nur zu wenig Bedeutung beigemessen. Er sah kurz nicht sie – sondern das Kind von damals.

„Ich…“
Seine Hand hob sich leicht, als wolle er etwas sagen, was er seit Jahren verschluckt hatte. Doch genau das ließ bei Fainche Panik aufflammen. Nicht Zorn. Nicht seine Strenge. Sein Mitgefühl.
„Wage es nicht!“ stieß sie hervor. „Wenn du jetzt anfängst, nett zu werden, leg ich das halbe Haus in Schutt!“
„Fainche—“ Er blinzelte.
„NEIN!“
Sie stieß ihn mit beiden Händen weg – nicht trotzig, sondern wie ein Tier, das kurz vor dem Zusammenbrechen steht.
„Du sagst mir nicht, was ich fühle!“
Sie wirbelte herum, zielte auf die Tür, doch Beathan war schneller und stellte sich davor, ein unbewegliches Tor.
„Du rennst nicht weg.“
„Dann geh zur Seite!“
„Nein.“
Sie schnappte nach Luft, zitternd vor Wut und… Angst. So viel Angst. Ihr Blick huschte zum Fenster. Der zweite Fluchtweg. Sie rannte los – und in dem Moment, in dem sie an Beathan vorbeischoss, und er ihr folgen wollte, streifte sein Schuh eine Diele.

Ein hohles klack.

Er hielt inne. Kniete sich hin.
„Nein… NEIN! Lass das!“ rief Fainche, die wieder herumwirbelte – zu spät.
Beathan hob das lose Brett an.

Darunter:
Kupfermünzen. Viele.
Eine Brosche.
Ein gestohlenes Abzeichen.
Und sein Rasiermesser.

Er hob es langsam hoch. Er atmete hart ein – wie ein Mann, dem man die Wahrheit in die Hand gelegt hatte und der sie lieber nie gesehen hätte.
„Du hast…“ Seine Stimme war heiser. Er hob jeden Gegenstand mit militärischer Präzision, als würde er Beweise im Feld zählen.
„Du hast gestohlen. Aus dem Ort. Aus meinem Haus.“

Fainche stand da, schmal, angespannt, wie ein Tier, das in die Ecke gedrängt wurde, aber lieber beißen als weinen würde.
„Ich…“ Es gab keine Worte. Nur Herzschläge. Dann riss sie sich los. Stürzte zum Fenster. Warf den Laden auf.
„Fainche!“ brüllte er.
Aber sie war schon draußen. Ein dumpfer Aufprall im Hof. Schritte im Regen. Dann nichts mehr –nur der Regen, der endlich richtig fiel.
Beathan stand über der offenen Diele, die Gegenstände in der Hand.
Sein Atem ging schwer, sein Blick brannte.
„Verdammtes Kind,“ flüsterte er heiser. „Warum tust du mir das an?“

Doch die Antwort rannte bereits durch den Regen davon.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - Umgebung vom Haus der Familie Mederic; Frühsommer des Jahres 264

Die Entscheidung wegzurennen war impulsiv – der Sprung aus dem Fenster jedoch noch impulsiver. Fainche setzte einen Fuß auf die Fensterbank, der Regen peitschte ihr ins Gesicht, die Finger krallten sich an den Rahmen. Dann ließ sie los.Zu früh. Zu hastig. Sie verfehlten ihren üblichen sichernden Griff am Fensterbrett und am Mauerwerk, das schmalen Fingern und Füßen Halt bot.

Als sie fiel, schrammte ihr Knie hart über das nasse Pflaster, riss ihr die Haut auf. Sie versuchte, sich abzufangen, einen Sturz zu verhindern, streifte aber mit dem Fuß den Fassring am Boden und kippte seitlich weg. Nur ein reflexhaftes Abrollen rettete sie vor einer wirklich harten Landung. Trotzdem pochte ihr Knie schmerzhaft und ihr Atem ging stoßweise.

Scheiße… egal. Weiter.

Sie sprang auf, taumelte einen Schritt, fing sich, zog den Mantel enger um den Körper – ach nein, den hatte sie ja im Zimmer gelassen. Nur ihre dünne Tunika im unangenehmen kalter Regen.

Sie begann zu rennen. Weg von ihrer Angst, weg von dem Onkel, der sie nicht verstand. Weg von den Regeln, die zu seinem geordneten Leben gehörten. Sie rannte erst schnell. Dann schneller. Der Regen wurde in den nächsten Stunden schwerer, dichter, eine Wand, die Sicht und Gedanken gleichermaßen verschmierte. Fainche rannte durch den Garten, über die rückwärtige Feldmauer, dann hinunter in einen Graben, weiter durch hohes nasses Gras, das an ihren Beinen klebte.
Sie rannte, bis ihre Lunge bei jedem Atemzug brannte. Bis ihre Füße im Schlamm einsanken. Bis ihre Haare an der Haut klebten und die Nässe in die Knochen kroch. Aber sie stoppte nicht. Sie wollte schneller sein als Erinnerungen, die im Regen aufstiegen.
Schneller als die eigene Angst, die sie wie ein Rudel Hunde verfolgte.

Erst nach einer Stunde bemerkte sie, dass ihre Beine schwer wurden, dass ihr Körper zitterte. Sie war durchnässt bis ins Mark und verlangsamte ihr Tempo, konnte aber nicht stehen bleiben. Die Erschöpfung lockte sie wie ein wärmendes Kaminfeuer. Sie versprach Vergessen und Gleichgültigkeit. Sie log.

Nach zwei Stunden begann ihr Kopf wieder klar zu werden.

Das Haus war weit entfernt – aber nicht unendlich. Und sie hatte im Laufen nicht die Orientierung verloren. Gegen Mittag, als der Regen etwas nachließ, näherte sie sich dem Mederic-Anwesen wieder – in einem weiten Bogen, vorsichtig, misstrauisch, geduckt wie ein Tier.

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Sie sah die Unruhe im Hof. Schemenhafte Gestalten, die von Gebäude zu Gebäude huschten, die ungeschickt durch den Garten tappten. Sie machten alle den gleichen Fehler, wenn sie jemand Kleines suchten. Sie guckten nicht nach oben. Fainche hatte sich rangeschlichen und war geschickt in einen der Bäume geklettert. Niemand bemerkte das durchnässte Mädchen, dass wie ein nasses Eichhörnchen auf einem der mittleren Äste hockte.

Sie bemerkte auch den Schatten vor der geöffneten Tür. Unbeweglich, als wäre er dort festgewachsen. Nur die Hand bewegte sich zwischen dem Türrahmen und dem Rücken hin und her, und verriet ihr eine gewisse Unruhe.

Unter den Suchenden gab es einen der nicht rief, einen der ruhigen Schritts den Hof abschritt und irgendwann unter ‚ihrem‘ Apfelbaum stehen blieb. Tharoan, ihr Cousin schaute nach oben. Zielsicher. Er kannte ihr wildes Herz zu gut und ihre Vorlieben einen Überblick zu erhalten, und dass es sie immer wieder zurück zieht. Er fand sie. Auf einem knorrigen Ast des Apfelbaums, halb versteckt, halb sichtbar, triefend wie ein nasses Eichhörnchen, dass sie eh gerade imitierte.
Die Knie angezogen, die Arme um den Stamm geschlungen, die Augen groß vor Misstrauen.
Tharoan blieb stehen, zwei Schritte unterhalb des Baumes.

„Willst du runterkommen?“
„Nein.“ Ihre Stimme klang rau, dünn, kalt. Sie klammerte sich an den Ast, als sei er der letzte Halt der Welt.
„Dann komm ich hoch“, sagte er schlicht – und setzte einen Fuß an den Stamm.
„NEIN!“ Sie zischte wie eine Katze. „Bleib unten!“
„Gut. Ich bleib unten.“ Tharoan hielt inne und hob beide Hände.

Er lehnte sich nach einem Moment gegen den Stamm, setzte sich mit dem Rücken an den Baum. Sodass sie ihn sehen konnte – aber nicht bedroht wurde.

Dann sprach er. Nicht viel. Nicht laut. Vertraut.

Von dem Mädchen, das er in ihr kannte.
Von dem, was Familie bedeutet – echte, nicht einfache.
Von Fainche, die Stärke nicht braucht, um geliebt zu werden.
Von Fehlern, die nicht größer sind als Zuneigung.
Von Onkeln, die schlecht im Zeigen ihrer Gefühle und gut im Für-sie-da-sein sind.
Jedes Wort traf auf den Panzer.
Und jedes Wort hinterließ einen Riss.

Bis schließlich – nach vielleicht zwanzig Minuten – ihre Finger den Ast nicht mehr fest umklammerten, sondern locker wurden. Ihr Atem wurde weicher. Ihr Blick weniger flackernd. Und irgendwann sagte sie – leise, brüchig:
„Ich weiß nicht… wie ich zurück soll. Er steht da wie ein Baum“
Tharoan hob den Kopf.
„Als ob du Probleme mit Bäumen hättest, mache es wie beim Klettern. Ein Fuß nach dem anderen. Und den Halt nicht vergessen.“
Sie nickte. Zögernd. Unsicher. Dann rutschte sie vom Ast, vorsichtig, noch immer misstrauisch.

Tharoan wartete einfach nur ruhig ab und das reichte.

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Sie gingen nebeneinander her. Still. Stützend. Nicht fordernd. Als sie das Tor erreichten, stand Beathan immer noch dort – groß, durchnässt, unbeweglich wie ein Wächter aus Stein.

Fainche blieb stehen. Beathan nicht.

Er ging auf sie zu, sah den Schmutz, die Nässe, das Zittern. Sein Gesicht verzog sich – nicht vor Wut, sondern vor Sorge.
„Du wirst krank“, sagte er tonlos. Dann zog er wortlos seinen schweren Mantel aus und legte ihn ihr über die Schultern. Diesmal wich sie nicht zurück. Diesmal spannte sie sich nicht an. Sie ließ es zu. Der Mantel war warm. Der erste warme Moment seit Stunden für Sie. Ganz langsam löste sich ihre erste Anspannung des zusammentreffens, dafür begann sie nur umso heftiger zu zittern. Beathan schloss den Kragen des Mantels vorn. Mit einer vorsichtigen, aber ruhigen Bewegung wie ein Uhrmacher als fürchte er, dass er sie mit einer unbedachten Bewegung kaputt machen könnte.

„Besser“, murmelte er. Fainches Augen füllten sich mit etwas, das sie sofort wegblinzelte. Dann holte sie Luft. Tief. Unsicher.
„Es tut mir… leid.“ Keine Ausreden. Keine Masken. Diese kleine Wahrheit überrollte sie einfach, ehe sie drüber nachdenken konnte.
Ihr Onkel blinzelte – überrascht. Er nickte nur minimal.
„Danke“, sagte er leise, warm. Und bevor sie es verhindern konnte, bewegte sich ihr Körper selbstständig: Sie trat vor. Im ersten Moment schien es, als sei sie gestolpert. Stand einen Herzschlag zu nah vor ihm. Dann umarmte sie ihn. Kurz. Ungeschickt. Aber echt. Beathan erstarrte nur eine Sekunde – dann legte er die Arme um sie. Er wollte sie schützen in dem Moment, nicht festhalten. Und ihr die Wahl lassen sich zurück zuziehen.
„Ich bin froh, dass du wieder da bist“, flüsterte er in ihre Haare. Fainche drückte einmal fest zurück – schneller, als man hätte sehen können.
„Ich… auch“, murmelte sie. Nur ganz leise. Wieder blinzelte sie ungewollte Tränen weg. Und dann löste sie sich wieder – mit roten Ohren, zitternden Händen und einem winzigen Rest Lächeln, der sofort verschwand, als sie es bemerkte.


Doch der Moment war ehrlich gemeint.
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Und er hatte ein Zuhause geschaffen, das es vorher nicht gab.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg - Umgebung vom Haus der Familie Mederic; Sommer des Jahres 264

Der Nachmittag hing warm über Eibenburg wie ein schläfriger Kater, der sich im Staub sonnte. Die Luft roch nach Heu, nach gebackenem Brot und nach jenem süßen Hauch, der von den Apfelbäumen kam, wenn ein leichter Wind durch die Zweige fuhr. Ein Sommertag, der so harmlos wirkte, dass selbst Fainches innere Stürme mal die Füße hochlegten. Sie saß auf der niedrigen Steinmauer am Rand des Hofes, ein Stück Brot zwischen den Zähnen, die nackten Füße in der Sonne ausgestreckt. Mit einem Stock stocherte sie im Kies herum, als würde sie eine armee fiktiver Ameisen kommandieren. Ein paar Hühner pickten misstrauisch in ihrer Nähe, warfen ihr aber nur gelegentliche empörte Blicke zu.

Beathan trat aus der Scheune, die Ärmel hochgekrempelt, der Rücken leicht verschwitzt, aber im gleichmäßig ruhigen Schritt. Als er Fainche sah, blieb er kurz stehen – nicht misstrauisch, nicht abschätzend. Er nahm sie einfach wahr, wie man einen vertrauten, unproblematischen Teil dieses Hofbildes registriert.

„Du arbeitest ja hart,“ brummte er schließlich.

Fainche biss das letzte Stück Brot ab und wischte sich mit dem Handrücken die Krümel vom Mund.
„Ich delegiere,“ sagte sie. „Die Hühner machen die eigentliche Arbeit.“

Eines der Hühner gackerte entrüstet. Beathan zog eine Augenbraue hoch. „Der Hof wird froh sein, dass du deine Führungsqualitäten entdeckst.“

„Tja,“ sie blinzelte in die Sonne, „jemand muss ja hier die Zügel in der Hand halten.“

Beathan schnaubte leise – kein Tadel, sondern dieses neue, ungewohnte, fast amüsierte Durchatmen, das er sich in den letzten Wochen immer wieder hatte entlocken lassen. Er setzte sich neben sie auf die Mauer; der Stein knirschte unter seinem Gewicht. Sie rückte nicht weg. Ein kleines Wunder, das keiner von beiden laut benannte.

„Deine Mutter hat geschrieben,“ sagte er, während er sich mit einem Tuch über den Nacken wischte.
„Und? Hat sie mein Zimmer schon vermietet, oder wartet sie noch auf meinen frühen, tragischen Heldentod?“

„Sie fragt, ob du deine Schuhe endlich nicht mehr überall in der Gegend herumwirfst.“
„Oha. Der große Frieden des Sommers ist vorbei.“

Er lachte leise – ein wirkliches Lachen, nicht dieses knappe Auspusten.

Für einen Moment saßen sie einfach so da. Warm. Ungefährlich.Der Wind ließ die Apfelzweige rascheln, irgendwo muhte ein Ochse, in der Ferne lachte ein Kind. Das Leben war geradeaus und sorglos – ohne die scharfen Kanten, an denen Fainche sich sonst so zuverlässig stieß.

„Beathan?“ fragte Fainche, ohne ihn anzusehen.
„Hm?“
„Nichts. Ich dachte nur, du würdest gleich wieder predigen.“
„Warum sollte ich?“
„Weiß nicht. Ist einfach deine Art.“

„Und deine ist es, Ärger zu machen,“ sagte er, aber freundlich, nicht vorwurfsvoll. „Also sind wir wohl beide aus unserem Muster gefallen.“

Sie warf ihm einen Blick zu, in dem Wärme und Trotz miteinander kämpften. Dann verzog sie die Lippen zu einem schiefen, fast spöttischen Grinsen – an der Oberfläche frech, darunter ein Körnchen echter Zuneigung, das sie sofort wieder versteckte.
„Mach dir keine Sorgen, Onkel,“ sagte sie. „Ich finde schon bald wieder wen, der meinen Ärger verdient hat.“
„Da bin ich mir sicher.“

Sie stießen leicht mit den Schultern aneinander – ein zufälliger, echter, stiller Kontakt.
Kein Misstrauen lag zwischen ihnen. Nur ein Sommer, ein Stück Brot und die fragile Ruhe zweier Menschen, die sich gerade wiedergefunden hatten.

Und für den Moment war das genug.

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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Die ersten Schatten im Sommer 264

Der Vormittag lag über Eibenburg wie eine schwere Decke aus Wärme. Nichts regte sich, außer dem Summen der Insekten und den gewellten Schatten der Apfelblätter. Der Staub auf dem Hof hob sich manchmal in träge Spiralen, wenn ein warmer Windhauch sich entschloss, sich zu bewegen, nur um kurz darauf wieder einzuschlafen. In dieser schläfrigen Ruhe schob sich Brenn, der Büttel aus dem Ort, den Weg hinauf.Seine Schritte waren langsam, bedacht – kein drohendes Stampfen, aber auch kein entspanntes Schlendern. Er wirkte wie ein Mann, der eine Botschaft trug, die er selbst nicht gern aussprach. Beathan stand bei der großen Tränketonne, die Ärmel hochgekrempelt. Als er Brenn bemerkte, wischte er sich mit dem Unterarm die Stirn ab und trat ein paar Schritte entgegen.
„Brenn,“ sagte er. „Du kommst in der Hitze freiwillig herauf? Ist was passiert?“
Der Büttel blieb im Schatten des Stalldachs stehen und zog sich den Hut vom Kopf. Ein feiner Schweißfilm glänzte auf seiner Stirn.
„Ach, nichts Weltbewegendes,“ murmelte er – und allein der Tonfall kündigte an, dass es doch etwas war. „Aber im Dorf… na ja… es fehlen Dinge. Kleine Sachen. Nichts, wo man sofort den Galgen für aufbaut.“
Er zählte an den Fingern ab, während seine Augen prüfend auf Beathans Gesicht ruhten.
„Ein Messer beim Schmied. Ein Hammer bei den Alberts. Ein paar Münzen aus einer Schale beim Krämer. Und noch so’n bisschen Krimskrams, der verschwindet.“
Beathan spürte, wie sich ein dünner Schleier Anspannung um seine Brust legte. Der Sommer war bis jetzt mild gewesen. Fainche überraschend zutraulich, das Haus ruhig. Zu ruhig, vielleicht.
„Verdächtigst du jemanden?“ fragte er leise. Brenn verzog das Gesicht, als würde er bitter schmecken.
„Ich sag dir die Wahrheit, Beathan: Die Leute denken an deine Nichte. Ich persönlich glaub’s nicht gleich. Aber… sie is’ nachts unterwegs. Sie ist schnell. Und sie hat den Ruf. Du weißt ja, wie Gerede läuft.“ Ja. Das wusste Beathan sehr genau.
„Ich red’ mit ihr,“ sagte er schließlich, tonlos.
„Gut.“ Brenn setzte den Hut wieder auf. „Sag ihr… sag ihr, dass sie sich von Ärger fernhalten soll.“
Und dann ging er, den Weg zurück zum Dorf, als wäre die Hitze ihm plötzlich doppelt schwer auf die Schultern gefallen.

Hinter dem Stall war es kaum kühler.
Der Schatten dort hatte die Sonne regelrecht eingesogen und hielt die Wärme fest wie ein geiziger Drache sein Gold. Die Luft stand. Kein Lüftchen rührte sich. Selbst der Staub schien zu müde, um aufzuwirbeln. Fainche saß auf einem umgekippten Eimer, die Knie angewinkelt, ein Stück Draht in den Fingern. Sie bog ihn hin und her, als versuchte sie, einen Gedanken zu zwingen, sich in eine bestimmte Form zu fügen — erfolglos, wie es bei ihren Gedanken oft war. Neben ihr lagen kleine Steine. Die Rückwand des Stalls zeigte fünf frische Einschlagspuren. Das Holz war dunkel und rau, als hätte es die Treffer beleidigt hingenommen.

Ping.
Ping.
Ping.


Der Klang verlor sich fast sofort in der warmen Mittagsluft. Nur Fainches Gesicht blieb lebendig — zu wach, zu elektrisch für einen Tag, der eigentlich danach schrie, sich flach auf den Boden zu legen und nicht mehr zu bewegen. Ihre Haare klebten ihr im Nacken, feuchte Strähnen hatten sich dort festgesetzt wie widerspenstige Gedanken. Beathan blieb ein paar Schritte entfernt stehen. Sein Schritt wirkte langsamer als sonst, schwerer. Die Sonne brannte heiß auf seinen Rücken, doch sein Schatten fiel kühl und dunkel über den Staub, direkt bis an Fainches Füße.
„Fainche,“ sagte er schließlich. Sie reagierte nicht sofort. Warf noch einen Stein.

Ping.

„Wenn du mich schon wieder für die Hühner verantwortlich machst, sag’s gleich,“ murmelte sie, den Blick noch immer auf die Stallwand gerichtet. „Die haben angefangen.“
„Es geht nicht um die Hühner.“
„Ah. Dann um Tharoan? Der hat angefangen.“
„Auch nicht.“
„Dann um dich? Das wäre ja mal neu.“
Beathan schnaubte kaum hörbar — kein Lachen, kein Ärger, eher dieses müde Geräusch, das Männer von sich geben, wenn sie gegen eine Wand aus jugendlicher Sturheit reden.
„Es geht um das Haus,“ sagte er.
Das reichte. Ihre Finger hielten mitten in der Bewegung inne. Der Draht knickte ein letztes Mal, dann ließ sie ihn sinken. Sie drehte sich zu ihm um, die Augen schmal, als hätte jemand die Sonne zu hell aufgedreht.
„Was soll mit dem Haus sein? Ist es weggelaufen?“
„In letzter Zeit verschwinden Dinge.“

Sofort verschränkte sie die Arme. Schnell, hart, wie jemand, der in einem Streit den Schild hochreißt, bevor der Gegner überhaupt gezogen hat.
„Und du denkst instinktiv, dass ich—“
„Ich frage.“
„Ich war’s nicht.“
Ihre Stimme war hart. Zu hart. Zu schnell.
Beathan sagte nichts. Er ließ die Worte einfach in der Luft hängen und sah sie an. Nicht anklagend. Nicht kalt. Nur ruhig. Auf eine Weise, die schlimmer war als jedes laute Wort. Fainche hielt seinem Blick stand. Drei Sekunden. Vier. Die Hitze flimmerte zwischen ihnen, als wolle sie die Wahrheit verformen. Dann fiel ihr Blick auf den Boden.
„Okay… vielleicht… hab ich mal… irgendwas… so eine Kleinigkeit… genommen.“
Beathan hob eine Augenbraue, kaum merklich.
„Welche Kleinigkeit?“
Sie presste die Lippen zusammen, als würde sie Wut und Scham gemeinsam hinter die Zähne zwingen müssen.
„Schnur,“ murmelte sie. Kurze Pause.
„Vielleicht ein Messer.“ Noch kürzere Pause.
„Und… eine Münze. Die war einsam. Und verstaubt.“
Beathan hob den Kopf leicht. Ein stilles, erschöpftes
„Fainche…“
Das reichte, um sie explodieren zu lassen.
„Es ist Gewohnheit!“ fauchte sie und warf die Hände hoch. „Ich… ich laufe nachts rum und wenn ich was sehe, dann… na ja, ich greife halt zu. Ich pack’s ja wieder weg! Manchmal.“
„Du musst diese Gewohnheiten ablegen,“ sagte Beathan ruhig. Seine Ruhe war wie eine kalte Hand auf ihrem erhitzten Gemüt. „Sonst fällst du in Verdacht.“
Es war, als hätte er ihr einen Eimer Brunnenwasser ins Gesicht geschüttet. Sie starrte ihn an, der Ausdruck ein brennender Mix aus Trotz und Verletzung.
„Kann ich doch nix dafür, wenn ihr alles so rumliegen lasst,“ zischte sie schließlich, das Kinn trotzig erhoben. „Ist ja geradezu eine Einladung.“
„Es ist trotzdem falsch.“
„Ugh! Du klingst wie ein Priester, Onkel.“
Er seufzte. Die Luft vibrierte fast vor Hitze, vor unausgesprochenem Ärger und unwilliger Zuneigung.
„Und du klingst wie ein Kind, das glaubt, Regeln wären nur für andere.“
„Bin ich ja auch!“
„Nicht mehr lang.“
Sie schnaubte, kickte gegen ein Stück Holz, das unschuldig am Boden lag. Dann gegen den Eimer. Dann gegen die Luft, nur um etwas zu treffen, das nachgab.
„Was jetzt? Willst du mich einsperren? Mit Siona sticken lassen?“
„Stallarbeit.“
Sie fuhr herum, entsetzt.
„Was?!“
„Jeden Morgen. Vor Sonnenaufgang.“
„Wegen einem popeligen—“
„Wegen deiner Gewohnheiten,“ unterbrach er ruhig. „Und damit du etwas hast, das dich müde macht.“
„Ich HASSE Pferde,“ fuhr Fainche ihn an.
„Du hast Angst vor ihnen,“ erwiderte Beathan ruhig. Sie fauchte empört, als hätte er ein Familiengeheimnis verraten.
„Hab ich nicht!“
„Fainche.“
Ein Wort. Ein Spiegel. Eine Einladung, ehrlich zu sein. Sie sah weg, zupfte knisternd am Saum ihres Hemdes, und schließlich – nach einem langen Atemzug – gab sie sich geschlagen.
„Ich… mag’s nicht, wenn sie so dicht stehen.“ Ihre Stimme war kleiner geworden, fast jugendlich. „Die sind groß. Und warm. Und haarig. Und… und sie gucken so. Immer. Als würden sie wissen, wenn man Angst hat.“ Beathan nickte. Ruhig. Nachdenklich.

Dann hob er eine Augenbraue.

„Groß, warm, haarig und immer gucken ,“ sagte er trocken. „Diese Beschreibung trifft auch auf mich zu.“
Fainche blinzelte. Einmal. Dann noch einmal.
„Was?!“
„Ich gucke auch oft.“
„Du—“ Sie verschluckte sich fast an dem Wort, „du bist doch kein Pferd!“
„Bin ich froh, dass wir das geklärt haben.“
Sie starrte ihn an, als hätte er gerade ein völlig neues Kapitel des Wahnsinns aufgeschlagen. Dann presste sie die Lippen zusammen, kämpfte sichtbar – sichtbar – gegen ein Auflachen an. Ihre Schultern bebten einmal. Leise. Unfreiwillig.
„Du bist unmöglich,“ sagte sie schließlich.
„Ich werde damit leben.“
Sie schnaubte, diesmal eindeutig weniger wütend. Beathan fuhr ruhiger fort:
„Ich erwarte nicht, dass du eine Box ausmistest, in der ein Pferd steht. Du kümmerst dich um die leeren. Du bringst Wasser, fegst, hilfst Siona mit dem Futter. Das reicht.“
Fainche kniff die Augen zusammen, aber der größte Teil ihres Zorns war verdampft wie Wasser auf heißem Stein.
„Also… ich muss nicht in die Nähe von ’nem Pferd, das mich anstarrt, als wollte es mich analysieren?“
„Nein.“
„Gut. Weil Pferde… die sind…“ Sie suchte nach Worten.
„Groß, warm, haarig und sie gucken?“ half Beathan trocken nach.
„Hör auf damit,“ knurrte sie—und diesmal konnte man das Grinsen nicht mehr ganz übersehen. Sie drehte sich abrupt um, stapfte zurück zum Haus und brummte:
„Ich mach den blöden Stall. Aber wenn ich doch sterbe, sag ich’s jedem.“
„Ich werde dich würdig begraben,“ rief er ihr hinterher.
„Mit ohne Pferden, bitte!“
Er schnaubte leise. Die Sonne brannte hart auf den Hof. Und irgendwo zwischen Hitze, Trotz und diesem lächerlichen Vergleich war ihre Angst ein kleines Stück weniger scharf geworden. Beathan wusste das. Und sah ihr nach – mit einem warmen, schweren Zweifel im Herzen, den er wie immer beiseite schob.

Der Sommer war noch friedlich. Und er wollte glauben, dass das reichte.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg – Stall, Die ersten Ecken im Sommer 264

Der nächste Morgen kam schwerer als erwartet. Noch bevor der erste Lichtstreif über die Apfelbäume kroch, lag die Luft warm wie aufgewärmter Lehm über dem Hof. Kein Wind regte sich. Kein Vogel sang. Nur das gelegentliche, tiefe Schnauben eines Pferdes vibrierte durch die Stille – wie ein Herzschlag, der ihr nicht gehörte. Fainche stand mit verschränkten Armen vor dem großen Stalltor. Kaum geschlafen. Zu viel Hitze. Zu viele Gedanken. Zu viel Stolz, der sich in der Nacht lauter aufführte als jede Tagesstunde.

Stallarbeit. Vor Sonnenaufgang. Schön. Ganz wunderbar.

Der Geruch des Stalls schlug ihr entgegen, bevor sie ihn überhaupt betrat: warmes Stroh, trockener Staub, Tieratem. Nicht der Geruch machte ihr Angst. Sondern das Wissen, was dahinter wartete. Ein langes, schleppendes Schnauben antwortete aus dem Halbdunkel – und schob sich direkt in ihren Brustkorb. Sie stemmte die Beine auseinander, als könnte man Mut mit den Füßen verankern.
„Ich kann das,“ murmelte sie. „Leere Boxen. Keine Pferde. Ganz einfach.“
Es war nicht einfach. Es war schwer wie der Stall selbst. Sie trat über die Schwelle. Der sandige Boden knirschte unter ihren Sohlen. Ihre Finger umklammerten den Besen, als wäre er ein Speer und kein Werkzeug.

Erste Box: leer. Zweite: leer. Dritte: ein dumpfer, tiefer Schlag gegen die Holzplanke. Sie blieb stehen. Das Pochen hallte in ihrem Brustkorb nach. Sie steckte den Kopf nicht hinein. Sie ging weiter. Schneller. Doch jemand anderes hatte sie längst bemerkt.

Terec.

Einer der neuen Stallburschen, ein paar Jahre älter als sie und direkt aus dem Ort – ein Gesicht, das sie schon früher gesehen, aber nie richtig beachtet hatte. Er saß auf einem umgestülpten Eimer, halb im Schatten, halb im Licht. Ein Stück Stroh klemmte zwischen seinen Zähnen, seine Hände ruhten locker über den Knien. Nur seine Augen waren wach. Hellwach. Er beobachtete, wie ihre Finger den Besen etwas zu fest packten. Wie der Nacken sich spannte, als wäre dort ein Seil geknotet. Wie sie an der dritten Box vorbeiging, ohne hinzusehen. Er sah alles, was er sehen wollte. Langsam richtete er sich auf, streckte den Rücken und folgte ihr mit bedachten, lautlosen Schritten zwischen den Boxen hindurch.
„Na, Orlaith,“ sagte er schließlich, seine Stimme süßlich – und gleichzeitig scharf wie ein verstecktes Messer. „Bereit für deinen ersten richtigen Tag mit echter Arbeit?“
Fainche drehte sich nicht sofort um. Sie presste die Lippen zusammen. Dann warf sie ihm einen kurzen, schneidenden Blick über die Schulter zu.
„Wenn du mir im Weg stehst,“ sagte sie tonlos, „feg ich dich weg.“
„Versuch’s.“
Terec grinste. Es war kein freundliches Grinsen. Keine Neckerei. Es hatte Unterton. Härte. Etwas, das nach Abneigung roch. Nach etwas, das sich entladen wollte. Zwischen ihnen hing die Hitze wie eine gespannte Saite, kurz vor dem Reißen. Hier begann etwas, das größer war als beide. Etwas, das aus Misstrauen, Angst – und einem jungen, gefährlichen Hunger nach Macht geboren wurde.

Und der Stall ahnte es bereits. Er wurde stiller. Schwerer. Als hielte er den Atem an.

________________________________________

Fainche ging mit festen, schnellen Schritten zwischen den Boxen hindurch, den Besen so fest umklammert, als wäre er ein Speer. Jede ihrer Bewegungen war ein wenig zu scharf und zu kantig, als wäre sie eine schlechte Kopie von Mut. Die echte Stärke, die sie sonst zeigte, lag irgendwo unter der schlaflosen Nacht begraben. In den Boxen regten sich die Pferde. Schweres Schnauben vibrierte durch das Holz, gelegentlich scharrte ein Huf, und die warmen, tierischen Gerüche von Heu, Staub und Atem legten sich wie eine zweite Haut auf ihre Sinne. Es war nicht der Geruch, der sie störte — es war das Wissen, dass sie hier keinen echten Rückzugsort hatte. Nicht einen einzigen Schritt weit.
Hinter ihr hörte sie Schritte. Langsam. Wie ein wiegender Schatten. Terec folgte ihr in gemessenem Tempo, als gehöre der Stall ihm allein. Sein Gang verriet weder Eile noch Unsicherheit, sondern etwas anderes: Absicht. Die Art Absicht, die sich wie ein schmieriger Film auf der Haut anfühlt und die man nicht mehr loswird, selbst wenn man sich schüttelt.
Fainche tat so, als würde sie ihn nicht bemerken. Aber ihre Schultern wurden steifer. Die Finger um den Besenstiel pressten sich so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Als sie zwei Dutzend Schritte geschafft hatte, blieb sie stehen und wirbelte herum wie jemand, der sich nicht in den Rücken sehen lassen will.

„Was glotzt du?“
„Ich guck nur, ob du’s richtig machst,“ antwortete Terec, mit einem Schulterzucken, das fast überzeugend wirkte, wäre da nicht der Zug um seinen Mund gewesen.
„Das ist fegen, nicht Alchemie. Ich krieg das hin.“
„Na ja…“ Terec stemmte sich herausfordernd die Hände in die Hüften. „Gestern hast du noch so getan, als würdest du lieber sterben, als Stallarbeit zu machen. Vielleicht bist du ja nur eine Belastungsprobe.“
Fainche verdrehte die Augen, aber es war ein kurzes, fahriges Zucken, das die Unsicherheit dahinter verriet.
„Ich hab schon Leute getroffen, die gefährlicher waren als du und dabei weniger geredet haben.“
Terec grinste breit und spöttisch, ein Grinsen, das zu lange hielt und nichts Gutes versprach.
„Das sagen sie alle.“
Er trat einen Schritt näher, so bewusst gesetzt, dass sein größerer Schatten über ihren fiel. Der minimale Körpergrößenunterschied, die zwei Jahre Altersunterschied, die Routine im Stall — alles nutzte er, um die Grenze zwischen ihnen abzustecken. Eine Grenze, die er überschreiten wollte, und zwar heute.

Fainche spürte, wie die Luft um sie herum dichter wurde. Ihr Nacken prickelte, als hätte jemand eine Hand daraufgelegt. Der Druck hinter ihrer Stirn breitete sich langsam aus, ein dumpfes Pochen, das sich mit der Wärme des Stalls vermischte. Für einen Moment irrte ihr Blick zur dritten Box, unwillkürlich, als würde sie prüfen wollen, ob der große Braune noch da war.
Genau in dem Moment schlug das Pferd gegen die Holzplanke. Ein dumpfes Gedröhn. Ein warmer Atemstoß. Die bewegte Luft streifte ihren Arm wie ein Warnhauch. Ihr Atem stockte. Terec folgte ihrem Blick, beinahe genießerisch langsam.

„Was ist los?“ fragte er, seine Stimme weich und höhnisch zugleich. „Guckt er dich zu streng an?“
„Halt die Schnauze.“
„Oh.“ Er lachte leise. „Da ist jemand sensibel.“
Er trat zwei Schritte weiter, bis er den Gang vollständig blockierte und sie zwischen sich, dem Besen und den Boxen eingesperrt war.
„Man sieht’s dir an“, sagte er, als wäre es eine einfache Feststellung.
„Was sieht man mir an?“ fragte sie, und obwohl sie fauchte, verriet die Schärfe in ihrer Stimme, dass etwas in ihr schwankte.
„Dass du Schiss hast.“
„Hab ich nicht.“
„Doch.“ Sein Kinn deutete auf die Box hinter ihr. „Vor ihnen. Vor allem, was größer ist als du.“ Ein ersticktes Keuchen entwich ihr, kaum hörbar — doch für jemanden wie Terec laut genug, um genüsslich nachzulegen. Sein Grinsen wurde schmaler, härter, fast gleißend.
„Ich kann dir helfen. Damit du lernst, keine Angst zu haben.“
„Ich brauch deine Hilfe nicht.“
„Doch“, sagte er leise, und in dieser Stimme lag eine schmierige Überzeugung. Seine Hand schnellte vor, packte ihren Arm.
Der Griff war fest, fest genug, um Schmerzen zu verursachen — fest genug, um Spuren zu hinterlassen.
„Lass—“
„Komm.“

Er zog. Stärker, als es nötig gewesen wäre. Fainche versuchte sich loszureißen, doch der Stallboden war uneben und ihr Herz schlug zu schnell, zu laut, zu unkontrolliert. Die Hitze in ihrer Brust breitete sich aus, wurde zu einer Mischung aus Wut und einem alten, tiefen, animalischen Schrecken.
„Hör auf, Terec!“
„Ist doch nur ein Pferd,“ sagte er mit falscher Milde. „Du musst es nur kennenlernen.“
Er schob sie vor sich her, unaufhaltsam, bis sie direkt vor der Boxentür stand. Der Wallach dahinter hob den Kopf, schnaubte warm und tief, und der Laut vibrierte in ihrem Brustkasten wie ein fremder Herzschlag. Sein Auge glänzte groß und dunkel im Halbschatten, viel zu dicht vor ihr. Fainche atmete nicht mehr. Sie konnte nicht.
„Terec—“
„Siehst du? Alles gut.“
Er riss die Tür auf. Und stieß sie hinein. Der Moment war glatt und fließend. Fainche stolperte in die Box. Ihre Hand streifte die heiße Flanke des Pferdes — lebendig, schwer, furchteinflößend nah. Der Wallach wich zurück, war aber trotzdem zu dicht an ihr. So nah, dass sie den warmen Atem an ihrem Nacken spürte.

Die Tür schlug hinter ihr zu.

Klack.

Der Riegel fiel. Der Stall schloss sich um sie wie ein Käfig. Die Luft war sofort zu warm, zu dick, zu voll. Alles drang zeitgleich auf sie ein. Heu, Tier, Schweiß — es drang in jede Pore, jeden Bereich ihrer Lunge, jeden Gedanken. Es gab keinen Platz. Keine Flucht. Nur Angst. Alte, scharfe, instinktive Angst, die wie ein schmerzloser Stich begann und dann wie Feuer in den Brustkorb schoss.
„Mach… auf…“ brachte sie hervor, ihre Stimme brüchig und schneidend vor Panik.
Draußen ertönte ein leises, tiefes Lachen. Kein Kichern. Kein Spott. Zufriedenheit. Ich hab dich, sagte dieses Lachen.

Und dann brach etwas in Fainche. Nicht ein bisschen. Nicht langsam. Es war ein vollständiger, urtümlicher Bruch. Sie warf sich mit aller Kraft gegen die Tür. Einmal. Noch einmal. Ihre Hände glitten am Holz ab, krallten sich fest, rissen Splitter heraus. Ihre Atemzüge kamen stoßhaft, schmerzvoll, gefühlt zu heiß. Ein erstickter Laut entkam ihrer Kehle — ein Laut aus Angst, Wut und purem Überlebensdrang.

Der Riegel sprang. Die Tür flog auf. Fainche war draußen, bevor sich der Staub bewegen konnte. Sie schaute sich nicht um. Sie dachte nicht. Sie stürzte sich auf Terec. Nicht wie ein Mädchen ihres Alters. Sondern wie ein verängstigtes Tier, das gelernt hat, dass Angreifer nur eine Sprache verstehen.

Ihre Schulter krachte gegen seine Brust, riss ihm den Atem weg. Er fiel rückwärts ins Stroh, schreiend, überrascht. Fainche landete halb auf ihm, halb neben ihm, und ihre Fäuste trafen ihn, bevor er verstand, wo oben und unten war. Ein Schlag traf auf die Wange. Einer gegen die Schulter. Einer überall, wo auch immer sie traf. Terec griff nach ihren Haaren und riss ihren Kopf zurück — sie keuchte auf, doch statt zurückzuweichen, biss sie nach seinem Unterarm. Er schrie auf, stieß sie weg, doch sie war schon wieder über ihm, schlug erneut. Ihr Atem ging dabei flach und viel zu schnell. Staub wirbelte auf wie Nebel. Ein Eimer rollte klappernd über den Boden. Pferde warfen ihre Köpfe hoch, wieherten, traten gegen die Holzplanken. Der ganze Stall vibrierte unter der rohen, ungefilterten Gewalt zweier Jugendlicher, die mit mehr Emotionen kämpften als mit Fäusten.

Dann—

„STOPP! SOFORT!“

Beathans Stimme durchbrach das Chaos wie ein glühendes Eisen, das in kaltes Wasser getaucht wird.
________________________________________

Für einen Herzschlag blieb alles stehen. Dann bewegte er sich. Er brauchte nur drei Schritte, um die beiden Jugendlichen zu erreichen – und jeder Schritt klang wie ein Urteil, das der Boden schon kannte. Als er bei ihnen war, griff er zu: eine Hand in Fainches Hemdkragen, die andere in Terecs Gürtel. Er hob sie regelrecht vom Boden, trennte sie, als wären sie zwei streitende Hunde und nicht zwei halbwüchsige Menschen voller Adrenalin, Angst und verletztem Stolz. Fainche keuchte, völlig außer Atem. Ihre Pupillen waren viel zu groß, die Hände zitterten, ihre Wangen waren rot vor Panik – nicht vor Wut. Terec schnappte nach Luft wie ein Fisch auf trockenem Boden. Seine Nase blutete, eine dünne Spur lief bis zum Kinn, und sein Blick war eine Mischung aus Schock, Zorn und gekränkter Eitelkeit.

„Bei allen Göttern, was—?!“ Der Stallmeister kam angerannt, völlig außer Fassung.
„Sie— sie ist auf mich losgegangen! Einfach! Wie irre!” Terec nutzte den Moment sofort, zeigte mit zitternder Hand auf Fainche.
„Ich hab’s gesehen, Beathan! Sie ist auf ihn los, zuerst! Sie hat—“ Der Stallmeister nickte hastig.

Beathan hörte die Worte. Aber er sah etwas anderes. Er sah das offene Riegelholz der Box. Er sah Fainches Arm – die roten Fingerabdrücke, deutlich wie Schläge. Er sah den Staub auf ihrem Hemd, die Heuhalme in ihren Haaren. Er sah die Panik, die noch immer in ihren Augen brannte, roh und ungefiltert. Und er sah Terec – dessen verschwitzte Hand noch immer leicht zitterte, dessen Blick zu schnell zwischen ihr und der Box hin- und herschoss, dessen schmaler Mund kaum ein spitzes Grinsen unter der Blutspur verbergen konnte. Beathan richtete sich auf. Langsam. Ein Mann, der die Wahrheit roch, auch wenn andere sie nicht aussprechen wollten. Er reichte Terec ein Stofftuch.

„Du gehst jetzt zum Heiler,“ sagte er ruhig. Nicht freundlich. Nicht scharf. Einfach gültig.
Terec schlug das Tuch weg. Dann tat er es. Er spuckte Beathan vor die Füße. Ein nasser, hässlicher Fleck im Staub. Beathans Ausdruck veränderte sich nicht. Doch seine Stimme wurde leiser. Und viel gefährlicher.
„Terec.“
Der Junge wischte sich das Blut von der Nase, funkelte erst Fainche an – als wäre sie das Problem – und dann Beathan, als hätte er ihm die Ehre gestohlen.
„Du arbeitest hier nicht mehr,“ sagte Beathan.
„Was?! Sie— sie hat MICH—“
„Geh.“ Keine Erhöhung der Stimme. Kein Zorn. Aber etwas Endgültiges, das jede Diskussion wie eine Flamme erstickte. Terec zischte einen Fluch, stolperte zurück, stieß fast einen Eimer um, fing sich am Pfosten und verschwand dann aus dem Stall – nicht laufend, aber auch nicht stolz. Eher wie ein Hund, dem man zu nahe gekommen war.

„Aber… Herr Mederic, er sagt doch— und sie—“ Der Stallmeister rang mit den Worten.
„Später,“ sagte Beathan nur, und etwas an seiner Haltung sagte jedem im Stall, dasses jetzt unklug wäre, weiterzureden.
Er wandte sich Fainche zu. Sie stand da wie jemand, der gerade aus einem Feuer gezogen wurde – angespannt bis zur Schmerzgrenze, die Schultern hochgezogen, die Finger noch immer gekrümmt, als hielten sie etwas fest, was nicht mehr da war. Ihre Brust hob und senkte sich rasch; ein dünnes Zittern lief durch ihre Arme.

„Komm mit,“ sagte Beathan.
Sie schluckte, wollte sprechen, aber die Worte kamen nicht. Also folgte sie ihm hinaus aus dem Stall, in die etwas leichtere Luft des Hofes. Am Brunnen blieb er stehen, schöpfte Wasser und hielt es ihr hin. Fainche zuckte reflexhaft zurück. Die Panik hing ihr noch im Nacken, wie klebriger Stallstaub.
„Es ist nur Wasser,“ sagte Beathan leise.
Sie streckte schließlich den Arm aus. Er nahm ihn vorsichtig, mit einer überraschenden Feinheit für Hände, die schon Schwerter, Seile und Schaufeln gehalten hatten. Er begann, die Kratzer und Schrammen zu säubern. Das kalte Wasser lief über ihre Haut und tropfte auf den staubigen Boden, wo dunkle Flecken entstanden, die sich schnell ins Erdreich sog.
„Tut nicht weh,“ log Fainche sofort.
„Hör auf damit,“ murmelte er.
Er tupfte ihre Stirn sauber, wischte den Schmutz fort, legte ein Tuch darauf. Dann hob er ihr Kinn an, so dass sie ihn ansehen musste. Die Hitze des Morgens lag schwer auf beiden, doch zwischen ihnen hing etwas anderes, dichter und unangenehmer.
„Warum hast du so zugeschlagen?“ fragte er.
Sie schluckte erneut.
„Er hat mich reingeschubst,“ brachte sie endlich hervor, heiser. „In die Box. Ich… ich konnte nicht atmen. Ich wollte nur raus. Ich war…“ Ihre Stimme brach. „…eingesperrt.“
Beathan atmete tief ein. Traurig. Wütend. Nicht auf sie.
„Ich weiß.“ Aber was er als Nächstes sagen musste, gefiel ihm nicht. Das sah man an den feinen Linien um seine Augen. „Aber Fainche… du darfst dich nicht so verlieren. Nicht so. Nicht so weit, dass die Leute nur das in dir sehen.“
Ihr Blick wurde sofort schmal.
„Meinst du… Diebstahl?“
„Ich meine Verdacht,“ antwortete er. Und dann, ruhiger: „Unten im Dorf verschwinden Dinge. Brenn hat mich gewarnt. Die Leute reden.“
„Ich war’s nicht!“ Sie versteifte sich ganz.
„Ich weiß,“ sagte er. „Aber wenn du so auf jemanden losgehst, als wolltest du ihn erschlagen… dann sehen sie nur das. Nicht deine Angst. Nicht den Grund. Nur die Gewalt.“
Sie sah zur Seite. Hart. Trotzig. Und irgendwo tief darunter verletzt.
„Du musst lernen, dich zu beherrschen,“ sagte Beathan. „Sonst verliere ich irgendwann die Möglichkeit, dich zu schützen.“
„Dann bring mir bei, wie man keine Angst hat.“ Sie atmete scharf aus. Er schnaubte einmal weich, fast traurig.
„Wenn ich das könnte, würde ich es dir jeden Tag beibringen.“
Einen Moment standen sie so da, beide schweigend, beide schwer atmend, beide mit einer Wahrheit im Bauch, die sie nicht aussprechen konnten. Dann ließ er ihren Arm los.
„Geh ins Haus. Kühl die Schwellungen. Ruh dich aus“
„Ich bin nicht müde,“ murrte sie.
„Dann tu so.“
Sie drehte sich zum Gehen und blieb dann doch noch einmal stehen.
„Onkel?“
Er hob den Kopf.
„Ich mag trotzdem keine Pferde.“
„Ich weiß,“ sagte er. „Die sind groß, warm, haarig – und sie gucken.“
„Wie du.“
„Wie ich.“ Er nickte nur. Sie ging.
Und Beathan sah ihr nach, während in ihm die Erkenntnis wuchs:

Der Sommer war immer noch warm. Aber seit heute hatte er Ecken bekommen.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg, Die Woche nach der Stallprügelei; Sommer 264

Die Sonne stand noch heiß und tief über Eibenburg, als Terec mit verschränkten Armen unter dem alten Birnbaum lehnte. Der Stamm drückte hart gegen seinen Rücken, die Hitze des Tages klebte in Staub und Schweiß an seiner Haut. Seine linke Wange war geschwollen, die Unterlippe aufgeplatzt, und in seinem Blick lag dieses grollende Brennen, das er sonst nur zeigte, wenn sein Stolz getroffen worden war. Ein Stich im Gesicht war ihm egal — aber verspottet werden, das verzieh er nie. Jannik, Mira, Fellin und Loras trudelten nach und nach ein, angelockt vom Gerücht, im Stall habe es einen Vorfall gegeben.

„Was zur Hölle war los?“ Jannik musterte Terecs Gesicht mit einer Mischung aus Belustigung und Besorgnis. „Du siehst aus, als hätte dich eine Kuh umgetreten.“
„Nicht eine Kuh,“ knurrte Terec. „Die Orlaith.“
Die anderen wechselten Blicke. Jannik lachte ein wenig zu laut, Fellin schnaubte überrascht, doch Mira trat einen Schritt näher und berührte die Stirn.
„Sag schon. Was hat sie gemacht?“ Terec ließ sich Zeit. Er sog die Stille ein wie ein Tier, das wittert, dass seine Geschichte gierig gehört wird.
„Ich hab ihr nur helfen wollen,“ begann er — eine Lüge so glatt, man hätte glauben können, er hätte sie tagelang einstudiert. „Und sie ist ausgerastet. Hat getan, als wär ich ein Monster. Und dann—“ Er hielt inne, genau lang genug. „Dann hat sie mich angegriffen.“
„Sie hat dich angegriffen?“, wiederholte Fellin entsetzt.
„Ja.“ Terec deutete auf die Schwellung. „Sie wollte mir den Kopf abreißen.“ Er ließ die Stimme kleiner werden, brüchig. „Und Beathan… glaubt natürlich ihr. Der hat mich behandelt, als wär ich Dreck. Mich. Nur weil die kleine Göre rumheult, ich hätte sie eingesperrt.“
„Aber… hast du?“, fragte Mira vorsichtig.
„NEIN!“, fauchte Terec sofort. „Sie hat gelogen, als ginge es um ihr Leben. Und Beathan frisst ihr alles aus der Hand.“ Er sah sie der Reihe nach an, ließ jeden Blick an sich haften. Die Wut, die Kränkung, der verletzte Stolz — all das stand ihm ins Gesicht geschrieben. Und jeder in der Runde wollte ihm glauben. Musste es fast.

„Wenn wir jetzt nichts tun,“ knurrte er, „dann macht sie mit uns allen, was sie mit mir gemacht hat.“ Jannik war der Erste, der fragte: „Was willst du tun?“ Ein dünnes, kaltes Lächeln schlich sich auf Terecs Lippen. Jetzt kam der Teil, auf den er hingearbeitet hatte.
„Wir drehen den Spieß um.“
Fellin richtete sich auf. „Wie meinst du das?“
„Wir holen sie zu uns,“ erklärte er ruhig. „Sie ist angeschlagen. Hat Angst. Ist allein. Das war klar zu sehen.“ Er warf Loras einen Blick zu, der sofort den Blick senkte. „Sie sucht jemanden, der ihr zuhört. Der sagt, dass sie recht hat. Dass alle anderen falsch liegen.“ Er breitete die Hände aus, als offenbare er ihnen eine einfache Wahrheit. „Diesen jemand spielen wir.“
„Wir sollen sie anlocken?“, fragte Mira.
„Genau.“ Terec beugte sich vor, senkte die Stimme — und wurde damit doppelt gefährlich.
„Wir geben ihr das Gefühl, dass wir auf ihrer Seite sind. Wir lassen sie denken, dass sie zu uns gehört.“
„Und dann?“ Jannik hatte seine Antwort schon in den Augen. Terecs Lächeln wurde schärfer.
„Dann benutzen wir sie. So lange, bis sie uns vertraut genug, um Fehler zu machen.“ Ein Windstoß bewegte die Blätter über ihnen, als wolle der Baum selbst den Kopf schütteln.
„Fehler wie…?“ Loras klang unsicher.
„Wie das, was sie wirklich ist,“ sagte Terec leise. „Eine Diebin. Eine Lügnerin. Wir sorgen dafür, dass alle das sehen. Und dass Beathan erfährt, wem er vertraut.“
Er lehnte sich zurück, ließ die Hände ins Gras sinken, als habe er gerade ein Urteil gesprochen.
„Sie hat mich gedemütigt,“ murmelte er. „Jetzt ist sie dran.“

Die Stille danach war schwer und dicht. Dann nickte Jannik. Fellin folgte. Miras Zweifel flackerten auf — und erstickten wieder. Und Loras, zuletzt, nickte sehr langsam.
Terec betrachtete die vier. Junge, verletzliche, leicht manipulierbare Seelen — und bereit, seinem Plan zu folgen.
„Gut,“ sagte er ruhig. „Dann fangen wir heute an.“

Und unter einem Birnbaum, im brütend heißen Sommer des Jahres 264, begann eine Lüge, die groß werden würde.

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Die Hitze legte sich über Eibenburg wie ein bleierner Deckel. Die Luft war zäh, als müsste man sie mit den Händen beiseiteschieben. Und Fainche bewegte sich darin wie jemand, der viel zu lange unter Wasser gehalten worden war: mühsam, mit einem brennenden Druck auf der Brust. Schlafen konnte sie kaum. Und wenn sie schlief, wachte sie in Panik auf — festgehalten von einer Erinnerung, die seit Jahren unter Brettern und Staub in ihrem Kopf gelegen hatte.

Sie war acht gewesen. Barfuß auf der Weide, lachend, unbeschwert. Und dann stand dieses Pferd vor ihr. Rotbraunes Fell. Gehetzter Blick. Ein Atemstoß im Gesicht, ein dumpfer Schlag — und ihr Bein brach unter ihr wie ein dürres Stück Holz.
Das Geräusch verfolgte sie noch heute. Schlimmer als der Schmerz war die Stille danach gewesen. Das Warten. Das Wissen, dass niemand kam. Dass niemand wusste, wo sie war. Dass niemand sie suchte.
Erst ein Fremder fand sie spät am Abend.

Und als sich die Box im Stall geschlossen hatte, warme Pferdeflanke hinter ihr, Enge um sie herum — da war sie wieder acht. Wieder im Gras. Wieder allein. Die Panik hatte sie aufgefressen. Und zurückgelassen hatte sie etwas Offenes, Verletzliches, das sie selbst kaum verstand.

Ein Zustand, den Terec sah. Und ausnutzte.

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Zwei Tage nach der Prügelei suchte sie Zuflucht hinter dem Stall, im schmalen Schatten der groben Steinmauer. Die Sonne brannte ihr in den Nacken, und der Grashalm zwischen ihren Fingern löste sich langsam in Fasern auf. Sie hörte Schritte. Zögernd, unsicher.

Terec stand vor ihr. Ohne Grinsen, ohne Großspurigkeit. Fast… schüchtern.
„Ey“, murmelte er.
„Was willst du?“ Fainche versuchte Spott — doch es klang nicht scharf, nur müde. „Ich hab grad keine Zeit, dich wieder zu verprügeln.“ Er seufzte, als hätte er genau damit gerechnet.
„Ich wollte mich entschuldigen.“ Die Worte trafen sie unerwartet. Er starrte in den Staub, scharrte mit dem Fuß kleine Steine beiseite.
„Was ich im Stall gemacht hab… das mit der Box… das war scheiße. Ich hab überreagiert.“ Seine Stimme war weich, fast brüchig. „Ich wollt dir keine Angst machen.“
Fainche wusste nicht, ob er log. Sie wusste nur, dass die Art, wie er die Worte formte, durch ihre Verteidigung glitt wie Wasser durch die Finger.
„Aha“, murmelte sie. Mehr brachte sie nicht hervor.
„Ich würd’s gern gut machen. Wenn du’s zulässt.“

Da war wieder die Box. Das Heu. Der Atem. Das Knacken. Die Stille. Sie war zu erschöpft, um stark zu wirken.
„Fein“, sagte sie schließlich. „Entschuldigung angenommen.“ Er lächelte. Ein kleines, beinahe unschuldiges Lächeln. „Danke, Fainche. Wenn du wen brauchst — ich bin da. Wir sind da.“

Wir. Nicht ich.
Dann war er fort, seine Schritte verschwammen im Summen des Sommers. Und in Fainche blieb ein gefährlicher Gedanke zurück:

Vielleicht… bin ich nicht allein.
________________________________________

Von da an blieb sie selten allein. Nicht, weil sie jemanden suchte — sondern weil Terecs Bande sie suchte. Freundlich. Unaufdringlich. Weich wie warmer Wind.

Mira am Brunnen
„Alles okay? Dein Onkel war gestern streng, oder? Die Alten verstehen uns nicht.“ Ihre Stimme war leise, wie für Wunden gemacht, die man nicht sehen konnte.
Jannik und Fellin vor dem Stall
„Mut hast du, Orlaith! Nicht jeder legt sich mit Terec an.“ Ihr Lachen war warm. Bewunderung. Ein gefährliches Gefühl für jemanden, der innerlich allein war.
Loras beim Heu
„Kleine Diebereien jucken hier keinen. Und dein Onkel lebt in seiner eigenen Welt. Wir wissen, wie es läuft.“ Dieses Wir traf sie tiefer, als sie zugeben wollte.
Terec
Immer nur ein Satz. Immer beiläufig. „Du musst nicht alles allein machen.“ „Bei uns kann dir keiner was.“ „Wir halten zusammen.“ Jeder Satz ein Tropfen, immer auf dieselbe Stelle. Und tief in ihr saß noch das Kind, das einst im Gras gelegen hatte und geglaubt hatte, dass niemand käme.

Jetzt standen fünf Jugendliche um sie herum. Und ließen zwischen jedem Blick, jedem Grinsen, jedem „Zufall“ spüren:
„Wir kommen.“

Mit jedem kleinen Treffen, mit jedem Satz brachten sie einen kleinen nicht sichtbaren Keil zwischen Fainche und ihren Onkel.

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Am fünften Tag der sommerheißen Stille schlich Fainche den Hang hinunter. Sie hatte Sionas Frisierkamm „verlegt“ und brauchte Luft. Loras hatte sie beiläufig auf den Weiderandweg geschickt — „da ist’s schattiger“ —, ohne dass sie merkte, wie gezielt diese Empfehlung war. Unten standen zwei ältere Schmiedelehrlinge, breit gebaut, laut, schlecht gelaunt.
„Ich sag dir, das war die Orlaith!“
„Die Kleine klaut doch alles, was nicht angenagelt ist!“
Die Worte trafen sie wie ein Stich. Sie wollte widersprechen — doch die Stimme blieb stecken. Ihre große Klappe war wie versiegelt hinter ihrem Schmerz. Da hörte sie Schritte hinter sich. Terec. Jannik. Fellin. Mira. Wie zufällig genau im richtigen Moment.
„Ihr redet Mist“, sagte Terec ruhig. Jannik verschränkte die Arme. Fellin trat ein Stück vor. Mira stand still, aber ihre Augen funkelten. Die Lehrlinge wichen schließlich zurück. Zwei gegen fünf war ein schlechter Schnitt.
Als sie verschwanden, wandte Terec sich zu Fainche. Kein großes Getue. Nur ein kurzer, ruhiger Blick.
„Die haben kein Recht, sowas zu sagen.“
Fainche schluckte. Die Hitze fühlte sich auf einmal anders an — weniger wie Last, mehr wie warmer Schutz.
„Ihr… wart einfach da“, murmelte sie.
„Zufall“, sagte Mira mit einem breiten Grinsen.

Es war keiner.

Aber Fainche erkannte die Fallstricke nicht. Nicht an diesem Tag. Nicht in diesem Zustand. Und Terec sah sie an, sah das kleine Einrücken ihrer Schultern, den Funken von Erleichterung, der in ihren Augen aufglomm. Sein Lächeln war kaum sichtbar. Aber gefährlich zufrieden.

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In der Woche nach der Stallprügelei bemerkte Beathan, dass mit Fainche etwas nicht stimmte. Zuerst hielt er ihr Schweigen für Trotz, doch schnell wurde klar, dass etwas anderes in ihr nagte. Sie mied seinen Blick, mied den Stall, und sogar den üblichen Spott. Stattdessen bewegte sie sich wie jemand, der einen unsichtbaren Stein im Herzen trug. Sie schlief schlecht, wirkte blass und abwesend. Ihr Lachen — sonst laut, frech, unausstehlich — kam kaum noch vor, und wenn, dann klang es falsch, hohl wie ein gesprungener Ton. Beathan sah sie öfter mit fremden Jugendlichen sprechen: Mira am Brunnen, Jannik und Fellin vor dem Stall, Loras am Weiderand. Nie lange, aber häufig genug, dass ihm ein unangenehmer Verdacht kam. Und immer, wenn er fragte, reagierte sie ausweichend. Nicht trotzig wie sonst — sondern vorsichtig. Als würde sie etwas schützen.

Am siebten Tag fand er sie frühmorgens am Küchentisch sitzen, die Augen rot, die Schultern eingesunken. „Ich hab nicht geschlafen,“ murmelte sie. Er fragte, ob sie reden wolle. Sie schüttelte den Kopf — klein, müde, ohne Widerstand. In diesem einem Moment wurde ihm klar, dass sie sich von ihm entfernte. Nicht mit einem einzigen Schritt, sondern schleichend: Stille statt Spott, Müdigkeit statt Rebellion, Fremde statt Nähe. Etwas hatte sich zwischen sie geschoben. Etwas, das nicht aus dem Haus kam. Beathan erkannte die Veränderung, auch wenn er ihren Ursprung noch nicht sah.

Er wusste nur: Wenn er nicht aufpasste, würde er sie verlieren, bevor er begriff, warum.
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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg, Hochsommer mit Gewitterwolken 264

Die Wochen nach der Stallprügelei veränderten Fainche – nicht sichtbar, nicht auf den ersten Blick, aber spürbar. Etwas in ihr war verrutscht. Wie ein Stein in einem Bachbett, der den Lauf des Wassers verändert, ohne dass man ihn hebt.
Die Panikwunde, die im Stall aufgerissen worden war, fand keinen Halt mehr bei Beathan. Gerade als er lernte, sie mit Ruhe zu erreichen, entglitt sie ihm. Nicht aus Trotz, nicht mit Wut – sie zog sich einfach weg, Schritt für Schritt, ohne es selbst zu merken. Und die Wärme, die sie brauchte, suchte sie an einem Ort, der ihr niemals guttun konnte: bei Terec und seiner Bande.
Sie gaben sich Mühe, unauffällig zu wirken – doch ihre Präsenz war wie ein ständig wiederkehrender Schatten. Mira wartete am Brunnen, gab ihr Worte wie weiches Tuch: „Du bist nicht falsch.“ Jannik und Fellin saßen am Stall wie zwei zufällige Beobachter, warfen ihr einen bewundernden Kommentar zu, der genau ins Leere traf, das in ihr entstanden war. Und Loras redete am Weiderand von Freiheit, von Unabhängigkeit, von „Alten, die die Welt nicht mehr kennen“.

Es fühlte sich an wie Balsam, das zu früh auf eine Wunde gelegt wird. Es klebte. Und es verheilte nicht richtig.
Fainches Spott kehrte zurück. Aber anders. Nicht mehr spielerisch, nicht mehr ein Fingerstupser gegen Beathan, der Nähe sucht. Sondern als dünne, scharfe Schicht, die etwas verbergen sollte.

Und Beathan merkte es sofort.
Er sah die winzigen Veränderungen: wie sie seinen Blick mied, als fürchte sie, er könnte zu viel in ihr lesen; wie sie zwar grinste, aber das Grinsen nicht bis in die Augen ging; wie ihre Antworten schneller kamen, schärfer, aber ohne das alte Feuer; wie sie sich wegdrehte, sobald er näher trat.

Ihr Lachen – früher hell, frech, ungezähmt – klang nun wie etwas Geliehenes. Als würde sie testen, ob es noch funktioniert.
Sie war nicht stiller geworden, nicht wütender. Sie war… weiter weg. Wie jemand, der gelernt hat, dass Nähe weh tun könnte.
Beathan sah es alles. Und er fühlte es. Zu deutlich. Zu spät.

Sie war immer wie ein kleiner Funken gewesen, der sicher sein wollte, dass er ihn sah – dass er darauf reagierte. Jetzt entfernten sich ihre Schritte wie Staub, der im Wind verweht. Wenn er sie rief, kam sie zwar – aber nicht mehr zu ihm. Nicht mehr mit dem trotzig-hoffenden „weil es DU bist“. Sondern aus Pflicht.

Wie etwas, das sich langsam vom Hof wegbewegt, ohne dass die Füße es merken.

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Terec und die anderen setzten genau dort an, wo sie am verletzlichsten war – an der Stelle, die nach dem Stall wieder offenlag: die Angst, wieder allein gelassen zu werden. Ihre Sätze waren harmlos verpackt, weich, freundlich:
„Beathan bremst dich wieder.“ „Du darfst so sein, wie du bist.“ „Wenn er meckert – lass es abprallen.“ „Wir hören dir zu.“ „Bei uns machst du nichts falsch.“

Nichts davon war laut. Aber jedes Wort landete, wo es landen sollte. Und Fainche merkte nicht, wie diese Sätze langsam die Richtung ihrer Schritte bestimmten. Sie dachte, sie wählte selbst, wohin sie ging – dabei folgte sie unbewusst dem Muster, das die Bande für sie spann.

Und während über Eibenburg die ersten Donner grollten, schob sie sich ein Stück weiter von Beathan weg.

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Beathan tat, was er konnte. Feste Abläufe. Klare Aufgaben. Struktur, die sie schützen sollte. Nicht bestrafen. Aber für Fainche fühlte es sich inzwischen anders an. Nicht wie Halt. Sondern wie Kontrolle.
Jedes Missverständnis zwischen ihnen – und es wurden mehr – riss den Spalt ein Stück weiter auf. Je mehr er sich bemühte, desto weiter wich sie zurück. Nicht mit Geschrei. Sondern mit dieser neuen, leisen Kälte, die ihm fremd war und die ihm mehr wehtat, als er zeigen wollte.

Es war an einem dieser Nachmittage, an denen der Boden flimmerte, als läge Feuer unter der Erde, als Brenn den Hang hinaufkam. Wieder. Zu oft. Zu früh.

Beathan stand im Stall, schwitzend und angespannt, als der Büttel ihn erreichte – den Hut in der Hand, die Stirn glänzend, der Blick schwer.
„Beathan… es gibt einen neuen Vorfall.“
Ein dumpfer Punkt in seinem Magen sank. „Schon wieder? Was fehlt diesmal?“
„Beim Schmied: ein Beutel Münzen. Und diesmal…“ Brenn stockte.
„Was?“ Beathans Stimme schnitt härter, als er wollte.
„…diesmal hat jemand sie gesehen.“ Stille. Schwer wie Hitze.
„Wen?“
Brenn senkte die Augen. „Deine Fainche.“
Ein Atemzug. Ein weiterer. Nichts daran war ruhig.
„Wer sagt das?“
„Die Lehrlinge. Und ein paar Jugendliche.“

Jugendliche. Er ahnte sofort, welche.
Brenn fügte leiser hinzu: „Ich glaub’s noch nicht. Aber das Dorf… redet.“

Dieses Reden war wie Öl, das langsam in Holz sickert und es von innen schwärzt. Beathan nickte nur – steif, verletzt, verunsichert – und ging ins Haus. Er wusste, dass das Gespräch, das jetzt kam, brennen würde. Wahrscheinlich bei beiden.

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Fainche saß am Tisch, kippelte mit dem Stuhl, ein Beerenfleck auf der Wange. Sie sah aus wie früher – aber ihre Augen waren anders. Wachsamer. Distanzierter.
„Fainche“, begann Beathan, blieb im Türrahmen stehen.
„Was hab ich diesmal gemacht? Falsch geguckt?“ Sie zog sofort eine Grimasse.
„Es geht um den Schmied.“
„Was ist mit dem?“ Sie blinzelte.
„Bei ihm fehlt etwas.“
„Oha. Der Untergang des Dorfes.“
„Und jemand behauptet, er hätte dich gesehen.“ Der Satz traf. Nur einen Herzschlag lang – dann klappte sie den Spott wie ein Schild hoch:
„Klar! Natürlich! Ich. Vielleicht war ich’s im Schlaf. Vielleicht bin ich ein laufender Münzmagnet.“
„Fainche.“ Sein Ton war ruhig, aber schwer. „Hast du sie genommen?“
„NEIN!“ Zu schnell. Sie hörte es selbst. „Ich war nicht mal dort!“
„Aber du bist nachts unterwegs.“
„Und? Die Hälfte der Kinder ist nachts unterwegs!“ Sie sprang auf. „Warum immer ich? Weil ich mal ’ne blöde Schnur geklaut hab?“ Er zuckte – weil es stimmte.
„Die Leute reden.“
„Dann lass sie reden! Es ist ihnen doch egal, wer ich wirklich bin!“
„Ich will nur, dass du vorsichtig bist.“
„Vorsichtig wovor? Vor DIR?!“ Er öffnete den Mund. Doch sie kam ihm zuvor: „Du glaubst mir nicht mal.“
Das war der Stich, der traf. Tiefe, schmerzhafte Wahrheit. „Ich frage nur…“, versuchte er.
„Nein. Du suchst nach einem Beweis.“ Ihre Stimme war heiser, brüchig an den Rändern.
„Ich bin’s nicht gewesen“, sagte sie. Nicht trotzig. Sondern verletzt.

Und bevor er sie halten konnte, war sie raus – hinaus in die dampfende Hitze. Die Tür schlug wie ein Hufschlag.

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Terec wartete schon unter dem Apfelbaum. Natürlich wartete er. Sie kam wie jemand, der rennt und erst merkt, wie verletzlich er ist, wenn er stehenbleibt.
„Streit mit dem Alten?“ fragte er beiläufig.
„Der glaubt mir nicht. Keiner glaubt mir.“
Er ließ ein sanftes, zu sanftes Grinsen entstehen.
„Natürlich nicht. Erwachsene haben Angst vor denen, die anders sind.“ Sein Blick wanderte über sie, prüfend. „Vor denen, die Feuer haben.“
Sie schnaubte – spöttisch, aber leicht geschmeichelt.
„Du hast dir nichts vorzuwerfen“, sagte er leise. „Regeln sind für die Langsamen.“ Noch ein Satz. Noch ein gezielter Tropfen.
„Wenn er dir vertrauen würde, würde er dich nicht kontrollieren.“
Ihre Lippen spannten sich. Ein feiner, fast unsichtbarer Riss.
„Du willst Freiheit, oder nicht?“
Er streckte die Hand aus. „Bei uns musst du niemandem etwas beweisen.“
Sie nahm die Hand nicht. Aber sie sah sie an. Lange genug. Und das reichte ihm.

________________________________________
A
m Abend grollte der erste Donner über die Berge. Dumpf. Schwer. Unruhig.
Beathan stand in der Tür. Er suchte Fainche. Sie war nicht da.

Und während der Regen die Hitze vom Himmel schlug, verstand er:
Er hatte sie fast erreicht. Fast. Und dann verloren.

Nicht durch lautstarke Kämpfe. Sondern durch leise Worte, die an den richtigen Stellen gefallen waren.
Als das Gewitter brach, wusste er: Er musste sie nicht nur suchen – er musste sie zurückholen.

Bevor der Sommer etwas zerstörte, das nicht mehr zu reparieren war.

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Fainche Orlaith
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Re: Von Böcken, die Gärtner werden

Beitrag von Fainche Orlaith »

Eibenburg, In und um das Haus der Mederic, Mittem im Gewitter, Hochsommer 264

Die Sonne hing tief über den Dächern Eibenburgs, warf ein träge glühendes Gold über den Hof, als wolle der Tag sich selbst zu Boden drücken. Am Horizont schoben sich bereits dunkle Wolken zusammen, als versuchten sie Faines Situation die richtige Stimmung zu verleihen. Fainche saß auf der Bank beim Kräutergarten, den Kopf über die geflickte Schürze gebeugt. Der Faden zitterte zwischen ihren Fingern, ein Spiegelbild ihrer inneren Unruhe. Jeder Atemzug war schwer; jeder Blick Richtung Stall ein kaum erträglicher Stich. Pferde waren zu nah, zu warm, zu groß — lebendige, unkontrollierbare Schatten einer Kindheit, die sie nicht mehr berühren wollte. Da zerriss eine Bewegung die angespannte Stille. Hektisch. Falsch.

Terec.

Er kam nicht laufend, er kam geladen, wie ein Geschoss mit viel zu klarer Zielrichtung. Seine Augen glänzten vor gespielter Angst, aber hinter der Maske lag etwas Kühles, Hartes, fast Triumphierendes.

„Fainche! Du musst sofort mitkommen!“, presste er hervor. „Die anderen warten schon. Es ist Loras! Er hängt fest — bei der alten Mühle, im Schuppen dazwischen. Wir kriegen ihn nicht raus, er tut sich weh, komm, schnell!“
Fainches Herz stolperte. Loras. Einer der Jüngeren, den sie kannte. Verantwortung und Schuldgefühl griffen gleichzeitig nach ihr. Doch dann zog Beathans Stimme wie eine eiserne Kette an ihr: Kein Verlassen des Hofes. Nicht allein. Die Zerbrochenheit ihrer Beziehung lag schwer auf ihr.

„Ich… ich weiß nicht, ob ich das… Beathan—“

„Was darfst du nicht?“ Er spuckte die Frage förmlich aus. „Dem Kleinen helfen? Willst du warten, bis der sich das Bein bricht? Mach schon!“ Er deutete nervös Richtung Tal. „Dein Onkel ist am hinteren Feld. Der sieht nichts. Wir brauchen dich – du bist die Einzige, die klein genug ist, um durch die Öffnung zu kriechen!“

Die Einzige. Gebraucht.

Wörter, die wie Haken in ihr einrasteten. Ihr Wunsch zu helfen – und ihr Hunger, wieder einmal mehr zu sein als Beathans Problemkind – besiegten jedes Warnsignal.

„Zeig mir, wo“, sagte sie. Ohne nachzudenken. Terec nickte knapp, zu schnell, und wich dann in einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern aus. „Ich nehme den anderen Weg, um die Hunde abzulenken. Geh du zur Tür, Fainche, schnell! Die anderen warten dort schon!“, zischte er. Er verschwand in den Schatten.

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Während Fainche dem verwirrenden Richtungswechsel folgte, glitten Mira und Fellin durch das angelehnte Fenster in ihr Zimmer. Mira glitt behende auf den Holzboden, ihr Blick taxierte die Hast und Unordnung des Raumes. Fellin reichte ihr durch den Spalt die gestohlenen Stücke: den schweren, kühlen versilberten Kelch; die alte, fremdartig gemusterte gravierte Spange; und den kleinen Beutel mit den Münzen. Mira öffnete Fainches einzige Truhe. Das Chaos im Inneren – ein paar Tücher, ein paar Briefe – diente als perfekte Tarnung. Sie vergrub die Beute tief unter den Stoffen und schloss den Deckel mit äußerster Vorsicht. Doch in der Eile des Verrats fehlte die letzte Präzision. Der Deckel blieb einen Hauch offen. Ein fataler Fehler.

Dann verschwanden sie wieder in die Schatten.

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Fainche hetzte allein durch die fremden Gassen. Sie nahm die letzte Abzweigung, und der Pfad endete abrupt an einer feuchten Mauer. Eine Sackgasse. Kein Loras. Nur eine tiefe, modrige Stille. Sie starrte auf die Mauer. „Vielleicht… haben sie sich geirrt?“ Sie schob die wachsende Beklemmung beiseite.

Da fiel ihr Blick auf etwas im Schlamm: Ein kleiner goldener Ring. Kostbar. Fremd. Und als sie ihn aufhob, blitzte er im letzten Rest Sonnenlicht auf wie ein Vorwurf. In diesem Moment brach ein Donnerschritt hinter ihr los. Beathan. Er kam um die Ecke geschossen, sein Atem hart. Die Bande hatte ihn gefunden, ihm zugeraunt, Fainche sei in Gefahr und mit zweifelhaften Gestalten weggelaufen.

Jetzt stand er da. Und sah: Seine Nichte, allein. Und in ihrer Hand — einen gestohlenen Ring. Sein Gesicht war ein starrer Helm aus Strenge. Keine Wut, kein lautes Aufbrausen, sondern diese kalte, zusammengepresste Enttäuschung. Sein Blick wanderte vom Ring zu Fainches Gesicht. Ein erster, flüchtiger Zweifel zuckte durch ihn. Zu offen. Zu einfach. Das ist nicht ihre Art. Aber der Gedanke, dass er erneut betrogen wurde, überwältigte sofort jede Logik.

„Ich habe dich gesehen, Fainche,“ sagte er schließlich. Die Stimme war tief, hart, präzise. „Du bist weggelaufen. Gegen meinen Befehl. Und das hier… spricht für sich.“

Fainche versuchte, sich zu erklären. „Beathan, ich schwöre — ich hab den Ring nur gefunden! Ich bin NICHT—“

„Lügen.“ Nur endgültig.

Bevor sie sich rühren konnte, packte er sie. Der Griff war fest, militärisch, unbestreitbar. So hält man jemanden fest, den man für schuldig hält.

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Der Rückweg war lautlos. Beathan zog sie mit sich, durch die Gasse, zurück den Weg hinauf. Er hielt ihren Arm fest, aber nicht brutal – es war der absolute Entzug von Freiheit. Der Wind zischte zwischen den Häusern, und ein fernes Donnergrollen kündigte das Unwetter an. Im Hof schloss sich die Tür hinter ihnen. Fainche atmete heftig.

„Du wirst dein Zimmer vorerst nicht mehr benutzen.“ Beathan deutete in Richtung Treppe. Er traf seine Entscheidung schnell, effizient, ohne Emotion, wie ein Soldat im Feld. „Du ziehst auf den Dachboden ins Gästezimmer.“

Fainches Augen weiteten sich vor Entsetzen. Der Dachboden, das kleine Fenster, die Höhe. Ein Käfig.

„Aber du holst deine Sachen“, sagte er.

Er zog sie in ihr altes Zimmer. Er wusste, dass die Truhe zu schwer für sie war. Er trat zu dem Holzmöbelstück, um es mit nach oben zu nehmen, und packte die Truhe grob an der Ecke.

In diesem Moment sprang der nur aufliegende Deckel mit einem scharfen, verräterischen Knall auf. Der versilberte Kelch rollte polternd heraus, die gravierte Spange und ein Schwall der Münzen klapperten über den Holzboden. Und durch das offene Fenster peitschte bereits schräger Regen ins Zimmer, als wolle der Himmel selbst Zeugnis ablegen. Wieder zuckte Beathans Zweifel auf. Dieses Versteck ist plump. Es ist amateurhaft. Aber er sah Fainches entsetztes, stammelndes Gesicht und die Menge der Beweise, die in ihrem Besitz waren. Er presste die logische Frage nieder. Das war keine Kriegsführung, das war ein persönlicher Verrat.

Fainche stammelte panisch: „Das… das gehört nicht mir… ich hab das nie gesehen!“

„Hör auf… zu lügen“, flüsterte er. Seine Stimme war nur ein raues Röcheln. Das war sein letztes Wort. Er ließ ihren Arm los. Es war die Aufgabe.

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Fainche sah in sein Gesicht und wusste: Er hatte sie aufgegeben. Ihr Verstand kippte von Verwirrung in nackte Panik. Sie sah, wie er sich aufrichtete, um sie zum Dachboden zu eskortieren.

„Ich bin unschuldig!“, rief sie, doch der Klang des Donners überrollte ihre Verzweiflung.

Beathan drehte sich um, zog sie die letzte Treppe hoch und öffnete die Tür zum Dachzimmer. „Hier bleibst du“, sagte er kalt. Er wollte sie gerade in das Zimmer schieben, als Fainche sich mit einem knappen, verzweifelten Laut aus seinem Griff los riss und rannte.

Die Haustür knallte gegen den Wind. Ein Schwall Regen peitschte ihr ins Gesicht, durchnässte sie innerhalb von Sekunden. Der Himmel entlud sich in einem kalten, wütenden Guss. Sie glitt über den nassen Hof, sprang den Hang hinunter, verschwand in den Gassen. Sie floh, weil sie niemanden mehr hatte, der ihr glaubte.

Beathan blieb unter dem Vordach stehen. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Er hätte ihr folgen können, aber er rennt keinem Flüchtenden planlos hinterher. Er schafft Ordnung. Sein Blick war fest. Er würde die Beweise sichern. Er würde das Problem lösen und Brenn informieren.

Beathan ging los, gegen Wind und Regen, die Schritte schwer, aber unaufhaltsam.

Währenddessen rannte Fainche, triefend nass und verzweifelt, auf ihre vermeintlichen Freunde zu. Sie glaubte, sie wären die einzigen, die noch zu ihr hielten. Und genau das war der Irrtum, der alles weitere möglich machte.
Zuletzt geändert von Fainche Orlaith am Donnerstag 27. November 2025, 00:02, insgesamt 1-mal geändert.
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