Jael`Zeerith - Schleichendes Gift

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Jael'Zeerith
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Jael`Zeerith - Schleichendes Gift

Beitrag von Jael'Zeerith »

Die Vergangenheit

Seine Schritte hallen von den dunklen, gefurchten Wänden wieder, verlieren sich in einem hundertfachen Echo, um geballt zu einem grollenden Donnern wiederzukehren. Hart und zielstrebig bahnen sie sich ihren Weg, alles zermalmend, was unter die schweren Stiefelsohlen gerät. Ich kenne diese Schritte nur zu gut, ihren Rhythmus, ihren Klang. Unter Tausenden würde ich sie erkennen. Es sind die Schritte meines Vaters. Nein! Meines Erzeugers. Sie führen niemals zu mir, seiner großen Schande.

Ich bin eine von vielen und doch einzigartig. Unter meinen zahlreichen Brüdern und Halbbrüdern bin ich das einzige Mädchen. Ich bin der Schandfleck der Blutslinie und ich spüre es mit jedem einzelnen Atemzug. Soweit ich denken kann, straft mich mein Vater mit Ignoranz, noch nie hat er auch nur ein einziges Wort an mich gerichtet. Meine Mutter indes foltert mich mit Verachtung, verflucht offen meine Existenz, die sie an ihr eigenes Vergehen erinnert. Sie war einst die Lethra, die meinem Vater unter all seinen Frauen die meisten Söhne geschenkt hatte. Mit meiner Geburt hatte ich sie zu Fall gebracht, ihren Hochmut zu bitterer Scham werden lassen.

Mein Erzeuger kommt in regelmäßigen Abständen in unser abgelegenes Heim. Ganz sicher ist es nicht die Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit, die ihn dazu treibt. Seine Motivation ist die Sucht nach Erfolg und Macht, sein Bestreben die Kontrolle der Entwicklung seiner Nachkommen, seiner Söhne. Und natürlich die Zeugung weiterer Kinder, als wenn es noch nicht genug waren. Ein jedes Mal, wenn ich die lustvollen Laute der körperlichen Vereinigung höre, wird mir bewusst, dass bald wieder ein Neugeborener mehr Wert besaß als mein eigenes, gesamtes Leben. Mit jeder Geburt eines neuen Sohnes überfällt mich der Drang, den Säugling noch mit seiner eigenen Nabelschnur zu erwürgen. Doch ich schweige, nicke und führe meine Aufträge aus. Niedere Arbeiten, die einer wertlosen Sklavin.

Aber es gibt Momente, in denen werde ich unsichtbar. Nämlich dann, wenn sie mich nicht brauchen. Dann entschwinde ich aus ihrem Bewusstsein und existiere nicht. Und diese Augenblicke nutze ich intensiv, genieße jede einzelne Sekunde. In ihnen bricht meine geheime Leidenschaft hervor, der Drang nach Wissen. Dann kenne ich nur ein Ziel, die Räumlichkeiten meines Bruders – meines Zwillings. Hier hortet er all das, was mein Geist begehrt, denn ihm wird die Ausbildung natürlich nicht verweigert. Und dafür hasse ich ihn inbrünstig. Mein Ebenbild, mein ärgster Feind. In Kindertagen wurde ihm in mühevoller Aufmerksamkeit das Lesen und Schreiben gelehrt, während ich mich heimlich in enge Nischen quetschen musste um etwas vom Unterricht mitzubekommen. Doch mit zunehmendem Alter wurde ich mehr und mehr mit Aufgaben eingedeckt, so dass ich die Stunden nicht mehr mit meinem Bruder teilen konnte.

Also nutze ich heute die Zeiten seiner Lehre um mich an dem Wissen des vorangegangenen Tages zu bereichern. Seine Aufzeichnungen kopiere ich in krakeliger Schrift auf Papierfetzen, eine beachtliche Sammlung solcher Fetzen horte ich bereits in meiner kleinen Kammer. Solange ich meine Arbeiten erledige, interessiert sich niemand dafür, was ich in meinem Zimmer treibe. Ich bin es nicht wert, als dass man sich dafür interessiert. Eine Nachsichtigkeit, die mir inzwischen mehr als entgegen kommt. Nachts, wenn ich mir des Schlafes der anderen sicher sein kann, studiere ich meine Kopien und mache mir eigene Gedanken dazu. Häufig schleiche ich mich auch in das Labor meines Bruders um dort mit den Gerätschaften zu hantieren und das neue Wissen umzusetzen. Pochte mir anfangs das Herz bis zum Halse aus Angst erwischt zu werden, kann ich mir inzwischen sicher sein, dass dieser Fall nicht eintreten wird, dafür habe ich selbst gesorgt. Ich habe das Wissen meines Bruders weitergesponnen, es für meine Zwecke modifiziert und in Selbstversuchen getestet. Entstanden ist ein feines weißes Pulver, welches für wohligen und vor allem tiefen Schlaf sorgt. In regelmäßigen Abständen, wenn mich Wissensdurst treibt, mische ich es unter das spätabendliche Essen.

Auf diesem Wege habe ich mir in den letzten Jahren einen, wie ich finde, beachtlichen Wissensstand erarbeitet. Ich hinke meinem Bruder noch immer hinterher, doch auf manchen Gebieten überrage ich ihn bereits. Wie gerne würde ich ihm das unter die Nase reiben! Sein Hauptinteresse gilt dem Studium der Anatomie, während ich mich vor allem mit der Kräuterkunde auseinander setze. Allerdings ist dieses Interesse aus der Not geboren, denn erstaunlicherweise bemerkt er sofort, wenn eines seiner Werkzeuge auch nur um einen Millimeter verrückt wurde. Fehlende Kräuter hingegen erregen nicht im Ansatz seine Aufmerksamkeit. Ich gestehe, mich juckt es gewaltig in den Fingern seine Beschreibungen zur Anatomie einmal selbst praktisch umzusetzen. Durch Fleisch zu schneiden, das Innere nach Außen zu kehren. Doch ich wage es nicht – eines Nachts hatte ich lediglich die scharfen Messer und Sägen in der Hand um zu wissen, wie sie sich ihre Handhabung anfühlte. Am nächsten Morgen überkam ihn ein Tobsuchtsanfall, als er die Gerätschaften nicht so vorfand, wie er meinte sie am Tag zuvor zurückgelassen zu haben.

An seinem heutigen Besuch gilt das Interesse des Erzeugers meinem Bruder. Sichtlich zufrieden über seine Fortschritte, lobt er ihn und spornt ihn weiter an. Wüsste er nur, welches Potential in seiner verstoßenen Tochter schlummert! Ich verdrehe die Augen und will mich schon aus meiner Lauschecke entfernen, als es mich wie ein Schlag ins Gesicht trifft.

„Ich werde Dich bei meinem nächsten Besuch mit mir nehmen! Bereite Dich vor!“

Beim Vater, er soll mich verlassen! Mein Magen verkrampft sich und ich muss kurz würgen. Schnell schlage ich mir die Hand vor den Mund um die Laute zu dämpfen, denn das Ohr eines Letharen ist fein. Doch Glück gehabt, so verliebt in Lob und Aufbruchspläne, bin ich ihnen nicht aufgefallen. Leise, aber nicht minder heftig rebelliert es in mir weiter. Es geht mir nicht um meinen Bruder als Person, ganz gewiss nicht. Doch verlässt er mich, verlässt mich das Wissen. In meinem ganzen Hass und Neid, verbindet mich doch die Liebe mit ihm. Nein, nein, so darf es nicht kommen! Ich kann mein Wissen nicht ziehen lassen, meine einzige Freude.

Ich muss handeln und das schnell. Zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich die Hitze aufsteigender Tränen und erbost darüber wische ich hart über meine Augen. Es darf nicht soweit kommen, dass ich alles verliere wofür ich so hart gekämpft hatte. Zurück in meiner trostlosen Kammer schlage ich mit den Fäusten auf die harten Wände ein. Knochen gegen Stein, bis warmes Blut meine dunkle Haut benetzt.

„Alatar, erhöre mich ein einziges Mal!“

Die einzige Antwort, die ich erhalte, ist Stille. Der Mantel der Einsamkeit umhüllt mich, lässt mich die Schmerzen meiner zerschundenen Hände vergessen. Doch in diesem heutigen Alleinsein winden sich Gedanken um Gedanken, eine Steilfahrt aus Heiß und Kalt lässt etwas aufkeimen. Eine kleine Saat, die rasch anwächst und gedeiht. Stärke, Ehrgeiz und ein wahnwitziger Entschluss. Alles oder nichts. Ich will Alles! Zum ersten Mal seit Jahren umspielt ein Lächeln meine Lippen und ein Glucksen gurgelt in meiner Kehle. Von irrer Natur, aber wen schert es. Ich hatte schon vergessen wie es sich anfühlt.

So lege ich es auch erst mit dem letzten Atemzug meines Bruders wieder ab. Ich halte ihn in meinen Armen, wie eine Mutter ihr Kind. Doch ich wiege ihn nicht voller Zuneigung, nein, ich wiege ihn in den Schoß des Todes. Mit grotesker Zärtlichkeit streicheln meine Fingerspitzen über seine Wangen, schieben seine schweißnassen Haare aus der Stirn. Selbst in den letzten Augenblickes seines Lebens blickt er mich aus weit aufgerissenen Augen voller Verachtung an. Ringend mit dem Tod, ist es noch immer sein einziges Bestreben mir meine Minderwertigkeit zu vermitteln. Und es ist gleichsam eine Erkenntnis für uns beide, mit dem Unterschied, dass sie meinen Triumph noch versüßt. Seine Muskeln zucken ein letztes Mal unkontrolliert auf, fast wäre er mir aus den Armen gefallen. Dann müssen sie sich der lähmenden Wirkung meines Giftes ergeben. Nur noch wenige Sekunden, dann würde auch sein stärkster Muskel aufgeben.

Ja, Bruder, dein Wissen hat meinen Weg geebnet. Ich bin deine Schülerin im Stillen. Soll ich Dir einen Spiegel bringen, damit du dein eigenes Werk betrachten kannst? Ach nein, dein Blick ist bereits starr. Ich schließe deine Augenlider und küsse deine feuchte Stirn.

Ich bin soeben gestorben.
Und wurde wiedergeboren.

Alles oder nichts.
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Jael'Zeerith
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Beitrag von Jael'Zeerith »

Noch immer die Vergangenheit

Zeit. Sie hat viele Gesichter und mindestens genauso viele Namen.
Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Ich klaube etwas von dem luftigen weißen Etwas auf, welches den Boden der Oberwelt bedeckt und lasse es in meiner Handfläche zu einem kleinen glitzernden See schmelzen. Ich schere mich nicht darum. Zeit spielt für mich keine Rolle.

Deswegen bin ich mir auch nicht darüber bewusst, wie lange ich nun schon in den Höhlen Leth’Axorns verweile. Auf jeden Fall lange genug, um meinen Weg mit bestem Wissen und Gewissen zu beschreiten. Die lästigen Schatten der Vergangenheit liegen weit hinter mir und niemand hinterfragt sie. Ich habe meinen Platz in der letharischen Gesellschaft eingenommen, man erkennt meinen Nutzen an. Eine eigene Räumlichkeit zu Forschungs- und Arbeitszwecken steht mir zur freien Verfügung. Dern’xulvor, der zweite Wissenskundige auf den Gebieten der Anatomie und Alchemie wurde seit Langem nicht mehr gesehen – ich beteuere, ich habe damit nichts zu tun, kann aber nicht verleugnen, dass ich damit durchaus zufrieden bin. Der Gedanke, mein Wissen teilen zu müssen oder fremde Hände an meiner Arbeit herumpfuschen zu sehen, ist mir gar zuwider. Ein leises Grollen gurgelt in den Tiefen meiner Kehle. Doch ich schlucke es schnell hinab, ich darf mich nicht hinreißen lassen.

Schwärze vor meinen Augen, in meinem Kopf schwirrt es. Der süßliche Geruch des Verwesens kitzelt meine Nase – doch eine bittere Nuance im sonst so geliebten Duft verweigert meinen lividen Lippen das verzückte Lächeln. Mit einigen tiefen Atemzügen vertreibe ich eilig die Dunkelheit und lenke den Blick auf meine rechte Hand. Auch wenn ich weiß, was mich dort erwartet, fährt es mir wieder einmal durch Mark und Bein. Nicht meine eigene nachtblaue Haut und auch nicht die Pfütze zerronnenen Schnees, was gäbe ich darum! Es ist seine Fratze, halb Knochen, halb Fleisch. Angefaulte Zähne fletschen klappernd aufeinander, grabgeweihter Atem schwelt mir entgegen. Und doch ist es, als blicke ich in einen Spiegel. Sagte ich vorhin, dass meine Vergangenheit hinter mir liegt? Welch’ dreiste Lüge meiner selbst, sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Vermaledeiter Bastard, dass er mich selbst nach seinem Tod noch verspottet! Ich balle meine Rechte zur Faust, furche meine angespitzten Fingernägel tief ins eigene Fleisch, in der Hoffnung ihn zu vertreiben. Für dieses Mal soll es mir auch gelingen, das rötliche Gemisch aus Blut und Wasser schüttele ich einen nahe gelegenen Dornenbusch.

Was die Zeit anbelangt … nun will auch ich keine verlieren und meine Schritte führen mich zielstrebig in mein Labor. Diese Bilder müssen wieder verschwinden, augenblicklich! In meinem Plan gibt es keinen Platz für sie.
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Jael'Zeerith
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Beitrag von Jael'Zeerith »

Im Hier und Jetzt

Dunkelheit und Stille. Nicht das, was wir herkömmlich unter Dunkelheit verstehen. Eine Welt aus unterschiedlichen Grautönen, unscharfen Schemen und Schatten, die uns nur allzu gerne einen Streich spielen. Nicht die Stille des Alltags, der bekanntermaßen niemals schweigt. Und sei es nur ein entferntes Rauschen, ein leises Klingen, was uns rätseln lässt, ob sein Ursprung nun innerhalb oder außerhalb des eigenen Körpers liegt.

Nein, ich spreche von absoluter Finsternis. Eine Finsternis, die jeden noch so kleinen Lichtfunken vollständig verschluckt. Ich spreche von totalem Schweigen. Ein Schweigen, welches sich jegliches Geräusch einverleibt. Hier ist nichts. Das vollkommene Nichts.

Was mir eine Frage aufdrängt: Bin ich tot?
Und wenn nicht – was bin ich dann?

Ich stehe auf. Habe ich vorher gelegen? Oder gesessen?
Egal, so etwas spielt hier keine Rolle.

Ich gehe ein paar Schritte. Ohne meine Füße und Beine zu spüren und ohne das Knirschen eines Untergrundes unter meiner Bewegung zu vernehmen. Auch das spielt hier keine Rolle. Ich weiß, dass ich mich fortbewege. Weiter hinein in die Finsternis, weiter voran in der Stille.

Ich kenne diesen Ort. Auf eine seltsame Art, die sich mir gerade nicht erschließt, ist er mir vertraut. Ich war schon oft hier. Eigentlich habe ich mein gesamtes Leben hier verbracht. Und doch zeigte er sich noch nie … so.

Ich gleite weiter durch das Nichts. Ich weiß nicht wie lange, denn ich habe kein Gespür für Zeit. Hier braucht es keine Zeit. Hier ist das Immer.

Doch dann greift meine Hand nach etwas. Es ist klein und rund, ich kann es perfekt umschließen. Es ist kalt. Und ich kann es herum drehen …

… ein Klicken ist der erste Ton, den ich höre. Ein weiches Umschmeicheln meines Gehörs, ein zartes Erinnern, dass es doch noch existiert. Durch das Klicken wird etwas geöffnet, was am ehesten mit einer Türe zu vergleichen ist, auch wenn es keine wirkliche Form hat.

Es wird gleißend hell und es wird schmerzlich laut. Reflexartig halte ich mir mit beiden Händen die Ohren zu und kneife die Augenlider zusammen, ohne, dass es irgendetwas nutzen würde. Tosend und grell stürmt es auf mich zu, reißt mich zu Boden.

Es – ein einziger Gedanke: Jael´Zeerith!

Und mit der Erkenntnis meines eigenen Namens erwache ich, ohne geschlafen zu haben. Ich liege bäuchlings im Dreck, kleine Staubpartikel und feiner Kiesel knirschen um die Wette, als mir ein tonloser Fluch über die Lippen kommt. Verdammte Scheiße! Ich spucke aus und richte mich auf. Alles an mir schmerzt, ich fühle mich wie von einer bockigen Reitechse überrannt. Meine Stirn pocht heiß und ein unbedachter Griff dorthin offenbart eine frische Wunde – ich spüre das ausgefranste Fleisch und das warme Blut.

Ich lasse schnell davon ab und sehe mich stattdessen um: Eine Höhle, schummrig und mit abgestandener Luft. Mehrere Gänge gehen von ihr ab, auf den ersten Blick einer wie der andere. Kenne ich diesen Ort? Nein. Hat es eine Konsequenz? Nein.

Hier kann ich nicht bleiben. Ins Unbekannte will ich mich nicht wagen. Aber was ich will, ist egal.

Ich – Jael´Zeerith.
Das ist alles was ich bin.
Ich rappele mich auf und gehe.
Zuletzt geändert von Jael'Zeerith am Montag 6. Oktober 2025, 10:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Jael'Zeerith
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Beitrag von Jael'Zeerith »

"Manches muss ausgesprochen werden um wahr zu sein".

Die nüchternen Worte Velvyr`taes hallen in meinem Kopf nach und vermischen sich mit meiner eigenen Stimme, die bereits seit mehreren Minuten nur eine einzige Sache wiederholt:

"Jael`Zeerith. Jael`Zeerith. Jael`Zeerith" - immer und immer wieder. Zu Beginn ganz leise, fast tonlos, dann etwas lauter, kratzig und zitternd und nun laut und kräftig, mit der Inbrunst der Überzeugung.

"Ja, ich bin Jael`Zeerith!"

Pause.

"Aber was, verdammt noch eins, bin ich noch?!"

Klirrend prallt das kleine Schälmesser von der steinernen Kellerwand ab und fällt zu Boden. Meine Hände liegen zu Fäusten geballt auf der kalten Arbeitsplatte vor mir, so fest, dass die Knöchel schon weiß hervortreten. Ich schmecke etwas widerlich Saures in den Tiefen meiner Kehle und mein Herz schlägt schnell und kräftig. Ich bin … wütend! So dermaßen wütend!

Auf Velvyr`tae, deren Worte keine Lösung bringen! Auf den Ort, an dem ich mich befinde und der mich wie ein Fremdkörper fühlen lässt! Wütend auf alle anderen Letharen, die ihren Platz und ihre Aufgaben kennen. Aber vor allem bin ich wütend auf mich selbst, auf mein eigenes Gedächtnis, welches beschlossen hat mich im Stich zu lassen!

Ich erhebe mich, um das Messer vom Boden zu klauben.

"Arbeit wird Deinen Geist klären".

Diesmal verschafft sich die Stimme von Iryl`fa Zugang zu meinen Gedanken.

"Und wie viel von dieser verfluchten Arbeit braucht es?".

Seit Tagen sitze ich hier an meinem Platz und arbeite - erledige gewissenhaft das, was man mir aufgetragen hat. Kräuter, Blüten, Gewürze und Samen sortieren, auswaschen, haltbar machen, verarbeiten. Ich habe so viel Knoblauch geschält und gehackt, dass der gesamte Keller von diesem Geruch nur so trieft! Macht es meinen Geist klar? Nein!

Allerdings gehen mir die einzelnen Griffe leicht von der Hand, fast könnte man von einer gewissen Routine sprechen. Auf eine seltsame Art kommt mir diese Arbeit bekannt vor, als ginge ich ihr nicht zum ersten Mal nach. Aber zum wievielten Mal dann?! Und warum?

Ich weiß es nicht!
Wie mich dieser Satz anwidert.
Wie ich mich selbst anwidere!

Zerzauste Haare, zerschlissene Kleidung, staubige Haut, blutige Krusten auf der Stirn - zweitrangig. Nicht ansatzweise so widerwärtig und abstoßend wie mein fehlender Geist. Meine fehlende Erinnerung. Mein fehlendes Ich.

"Wer bin ich?!", brülle ich ein letztes Mal die Höhlenwände an. Doch sie schweigen. Natürlich tun sie das.

Ich mache mich wieder an meine Arbeit. Das einzige was bleibt.

"Was eine Aufgabe erfüllt, hat einen Wert". Immerhin.
Zuletzt geändert von Jael'Zeerith am Mittwoch 8. Oktober 2025, 07:50, insgesamt 2-mal geändert.
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Velvyr'tae
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Beitrag von Velvyr'tae »

Der Tempel war niemals völlig still. Aber hier oben, auf dem Turm, dessen Zugang kaum jemand kannte, war jedes Geräusch fern und gedämpft.
Sie lehnte sich an den Stein, die Unterarme auf das kühle Geländer gestützt. Der Tempel war ein sicherer Anker unter ihr, der Turm der Lethyren vor ihr, sein Geheimnis tief im Fels verborgen.
Der Schlaf entzog sich ihr und so suchte sie nachts oft Ruhe im Gebet. Es nahm der Zeit ihren Biss, den Pflichten ihre Dringlichkeit.
Doch nicht heute.
Die Schuld lag bei By'nars Fragen.
So wenig ihre Schülerin alltägliches verstand, so klar war ihr Blick für das, was darunter lag. Für die Essenz.
Lästig, zuweilen. Die Lethoryxae schnaubte leise.

So stand sie hier, ihre Gedanken ziellos. Sie trieben ab, zu der Lethra, die sie in der Höhle der Alchemisten gefunden hatte. Ein unbekanntes Gesicht und doch lag etwas Vertrautes in den irritierend blauen Augen.

Jael'Zeerith.

Diese verzögerten Reaktionen. Die mechanischen Bewegungen, mit denen sie den Knoblauch schälte, schnitt, stampfte.

Zerbrochen.

Sie war Teil einer Schwesternschaft, die weder auf Papier existierte, noch im geflüsterten Wort.
Diese Schwesternschaft wurde in Blut geschrieben. Im verzweifelten Ringen um Bedeutung. In glühendem Zorn und der folgenden Leere.
Sie erkannten einander. Jene, die Risse hatten, manche fein und andere grob gekittet.

Manchmal war es genug, gesehen zu werden. Eine Aufgabe zu haben. Wert.
Manchmal nicht.
Dann zerbrachen sie.
Ihr Volk hatte keinen Sinn für die morbide Schönheit, die in den Scherben lag. Wer seine Pflicht nicht in den eng gesetzten Grenzen erfüllen konnte, wurde mit Gewalt gebrochen. Neu geformt.
Oder ging zugrunde.

Würde Jael'Zeerith sich zwischen Scherben und Rissen finden?
Oder wie sie eine der Scherben wählen?

Sie hatte eine Scherbe ihres alten Ichs gewählt und sich in ihr nutzloses Fleisch gerammt.
War darum herum neu gewachsen.
Und doch ...

Wer sie war, entglitt ihr immer weiter.
Oh, sie wusste sehr gut, WAS sie war. Sie war die Lethoryxae. Eine Rolle. Eine Robe.
Sie wusste, wo ihr Platz war. Ihr Nutzen und Wert.
Aber sie selbst, das Wesen, wurde flüchtig wie Nebel. Wenige konnten es daraus beschwören, selbst wenn manche dafür nicht mehr als eine Geste brauchten. Ein Wort.
Aber gingen diese Vertrauten, verschwand auch sie selbst wieder.
Funktionierte. Füllte ihre Rolle.
Vielleicht war es der Preis der Macht. Oder lediglich der konsequente Weg Seiner Gebote.
Vielleicht musste es so sein.

Sie löste sich vom steinernen Geländer. Von der Stille und der Einsamkeit.
Zeit für Pflichten.
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Jael'Zeerith
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Beitrag von Jael'Zeerith »

Ich bin wieder dort - in der finsteren und lautlosen Fremde, die sich doch vertraut anfühlt.

Doch etwas hat sich verändert. Ich muss einen Augenblick verharren, bis mir bewusst wird, was anders ist. Es ist die Dunkelheit. Oder vielmehr: Es ist nicht die Dunkelheit. Denn sie verschluckt nicht mehr alles - ein kleiner blasser Schimmer zittert inmitten der Finsternis, klein und rund. Ich erinnere mich - der Türknauf, den ich drehte und der mir meinen Namen wieder brachte. Dieser Knauf ist sichtbar inmitten der andauernden Düsterheit.

"Manches muss ausgesprochen werden um wahr zu sein".

Und so sage ich meinen Namen. Wiederhole ihn, immer und immer wieder. Das Schimmern wird kräftiger, wandelt sich zu einem Funkeln. Die Türe öffnet sich, ohne dass ich den Knauf erneut drehen muss. Das Licht, welches aus der Türe drängt, ist diesmal weit weniger grell und strahlend, gar nicht mehr laut. Vielmehr ein leises umarmendes Willkommen - mein Name ist wahr. Sichtbar.

Und mit einem Mal wird mir bewusst, dass hier noch mehr Türen sind. Ich sehe sie nicht, aber ich kann sie spüren. Ich weiß, dass sie da sind. Wenn auch verschlossen. Ich strecke meine Finger nach ihnen aus, gleite über sie hinweg. Es sind so viele, aber keine mag sich öffnen lassen wie die Erste. Keine von ihnen hat einen Knauf.

Doch was ist das? Hinter einer der Türen leuchtet es schummrig. Falsch, es leuchtet nicht nur, es pulsiert. Es ruft. Nach mir! Meine Augen suchen rasch nach einem Knauf, um mir Zugang zu verschaffen - dort hinter liegt etwas von mir, ein Teil meines vergessenen Ichs. Ich WILL dort hinein. Jetzt! Doch ich finde nichts. Ich nehme meine Hände zu Hilfe, taste Türe ab, beklopfe sie, kratze an ihr. Nichts.

"Ich will dort hinein! Ich muss dort hinein!".

Ich hole aus, um mit geballten Fäusten gegen die Türe zu schlagen, als mich ein starker Sog von dieser wegzieht. Ich fliege regelrecht zurück, entferne mich innerhalb von Sekundenbruchteilen meilenweit von ihr. Auch die erste Türe, die meines Namens, rauscht an mir vorbei, wird zu einem kleinen Punkt in der endlosen Ferne. Ich versuche gegen den Sog anzukämpfen, ich rudere mit allen Vieren. Vergebens.

Mit dem bitteren Geschmack von Knoblauch auf der Zunge und dem betörenden Gestank von Selbigem in der Nase schrecke ich hoch. Mein Kopf dröhnt, ich huste kleine Knoblauchbrocken aus und wische mir Speichelreste aus den Mundwinkeln. Ich brauche ein paar Sekunden um mich zu orientieren, bis mir klar wird, dass ich wohl über meiner Arbeit eingenickt bin. Kopf voran im Knoblauch - großartig!

Noch großartiger, dass hinter mir jemand wartet. Darauf, dass ich endlich zu mir komme.

Es ist Iryl`fa. Ungefragt zupft sie mir Knoblauchschalen aus dem zerzausten Haar und bemängelt, dass ich mich noch immer nicht gewaschen und umgezogen habe. Noch betört vom Knoblauch oder dem, was gerade in meinem Verstand vorgegangen sein muss, habe ich Schwierigkeiten ihr zu folgen. Dieses Pochen! Sie spricht von Runen, lupft erneut ungefragt meine verschlissene Kleidung um festzustellen, dass dort keine zu finden sind. Nein, natürlich nicht. Ich bin mir plötzlich sehr sicher, dass sich dort keine befinden. Woher diese Sicherheit kommt, kann ich nicht erklä … scheiße, dieses Pochen!

Neben einem Satz frischer Kleidungsstücke drückt Iryl`fa mir ein in dunkles Leder gebundenes kleines Notizbuch in die Hände. Als ich das Büchlein später durchblättere, erkenne ich, dass die Seiten leer sind. Und erst dann erahne ich, was die junge Lethra meinte, als sie sagte, dass Schreiben mir vielleicht helfen könnte.

Und so setze ich mit zittrigen Händen, die sich nicht sicher sind das leisten zu können was von ihnen verlangt wird, wackelige Striche auf die erste Seite:

Ich bin Jael`Zeerith.

Und irgendwo, tief in meiner Dunkelheit, hat sich eine Türe entschieden dauerhaft offen zu bleiben.
Zuletzt geändert von Jael'Zeerith am Freitag 10. Oktober 2025, 14:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Jael'Zeerith
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Re: Jael`Zeerith - Schleichendes Gift

Beitrag von Jael'Zeerith »

Mit fest zusammengepressten Lippen streife ich mir die Lederstiefel von den Füßen - oder vielmehr das, was noch von ihnen übrig ist. Die angesengte Sohle hat ein bisschen etwas von einem Schweizer Käse und ich bin positiv überrascht, dass es meine Haut nicht direkt mit verkokelt hat.

"Unbrauchbar", murre ich und zimmere das Schuhwerk in die nächste Ecke.
"Unbrauchbar", wiederhole ich knurrend und meine diesmal mich selbst.
Ich bin maßlos frustriert über mein weiterhin ausbleibendes Gedächtnis.

Ich starre meinen Stiefeln hinterher, in das dunkle Eck in dem sie gelandet sind.
Ich starre. Und starre ...

… und stehe plötzlich vor jener schimmernden Türe, die sich letztens nicht öffnen lassen wollte. Das Licht hinter dieser Türe leuchtet immer noch, es pulsiert und ruft nach mir. Stärker und intensiver als zuvor - aber, und das ist viel wichtiger: sie steht einen Spalt breit offen! Eine Einladung, die ich ganz gewiss nicht ausschlagen werde. Mit zittrigen Fingerspitzen drücke ich die Türe auf, tauche ein in das Licht und mache mich gefasst auf jenen ohrenbetäubenden Lärm, den ich von der ersten Türe kenne. Doch nichts. Nicht ein Ton, kein Blenden. Ich stehe da, vollkommen eingehüllt in dieses Licht.

Bis mir plötzlich aus dem Nichts ein Buch in die Hände fällt. Unter dem aufschlagenden Gewicht des Wälzers stößt es mir kurz überrascht die Luft aus den Lungen und ich muss mehrfach nachfassen, damit er mir nicht wegrutscht.

Die Außenseite besteht aus dunklem Leder, dessen Oberfläche von den Jahren gekennzeichnet ist - Risse, kleine Kratzspuren und sogfältig gepresste Narben erzählen Geschichten von Händen, die es im Laufe der Zeit gehalten haben. Eine leichte Unebenheit ist zu erkennen durch den Druck der zahlreichen Seiten im Inneren. Die Kanten sind abgestoßen vom häufigen Auf- und Zuschlagen, Ablegen und Wiederaufnehmen. Als ich das Buch öffne, zeigen sich mir vergilbte zerknitterte Seiten. Ich erkenne zahllose Skizzen von Kräutern, Pflanzen, Phiolen, Pipetten und Tiegeln. Dazwischen finden sich kleinere und manchmal umfangreichere Texte aus einem kantigen pragmatischen Schriftbild. Manche Einträge wurden durchgestrichen, andere farblich markiert und mehrfach untermalt. Die Seitenränder werden vielmals von Tintenflecken, Notizen oder marginalen Kommentaren ergänzt. In meinen Händen befindet sich das Wissen vieler Jahre und unzähliger Arbeits- & Forschungsstunden. Und dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht: Das ist meine Schrift! Meine Arbeit! Meine Forschung. Mein Wissen!

Ich blicke von den Seiten auf um nach Luft zu japsen, als ich mich mir selbst gegenüber sehe - ich stehe aufrecht vor einem steinernen Arbeitstisch, die Schultern entspannt, die rabenschwarzen Haare zu einem strengen Zopf im Nacken zusammengeflochten, der Blick fokussiert. Meine Hände wirken vertraut mit dem Werkzeug, mit dem ich hantiere: Pinzette, scharfes Messer, Griffflaschen, Kulturschalen. Ein feiner Nebel aus Dämpfen steigt von einer erhitzten Lösung auf, während ich sie sorgfältig umrühre und mir dabei Notizen mache. Ich schaue auf und wir blicken einander in die Augen - ich erkenne Neugier und Stolz, die Bereitschaft das Unbekannte zu ergründen und zu verstehen.

Gerade als wir einander etwas sagen wollen, entgleitet mir das Bild. Die Umrisse der Dinge beginnen zu flimmern, als würde ein unsichtbares Tuch darüber gezogen. Farben verlaufen zu einem tiefen Schleier, die Konturen ziehen sich zusammen und der Raum selbst scheint zu schrumpfen. Mit jedem Atemzug wird mein Blick enger, das Buch wird mir aus den Händen gezogen und entzieht sich mir.

"Nein!", brülle ich entsetzt ... und starre wieder auf meine schweigenden Stiefel.

"Nein, nein, nein!", stöhne ich und mit zittrigen Händen krame ich nach meinem Notizbuch. Mein Herz rast als ich den Kohlestift gegen das Papier presse. Der Stift rutscht ab, hinterlässt kratzige unreine Striche, die ersten Wörter schlüpfen chaotisch und zusammenhangslos aufs Papier. Sie kommen holprig und abgehackt, bröckeln aus der Erinnerung als würde man versuchen, Wasser aus den Händen zu schöpfen. Doch irgendwann - nach Minuten? Stunden? - wird der Stift ruhiger. Er bewegt sich zielgerichteter, sucht sich einen Weg durch das Labyrinth: Kategorien, Stichworte, eine geordnete Liste neben einem wuchernden Bildersalat. Die Sätze werden länger, die Gedanken klarer.

Und am Ende bleibt eine greifbare Reihe von Fragmenten, geordnet genug, um sich beim Lesen später zu erinnern. Bruchstücke, die die Erinnerung ins Wache ziehen und sie dort weiterleben lassen. Ein Funke, der hilft sie wieder aufleben zu lassen.

Ich war Alchemistin.
Ich hatte eine Aufgabe.

Ich bin Alchemistin.
Ich habe einen Nutzen.

Ich werde Alchemistin sein.
Ich werde meinen Zweck erfüllen.

Besser als zuvor.
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