- Irgendwann war diese schreckliche Überfahrt vorbei, sämtliche Ersparnisse dahin, draufgegangen für die Überfahrt nach Gerimor, zu der mich meine Eltern gezwungen hatten. Und ich musste ganz allein Fuß auf dieses Stück Land setzen, weil die verdammte Hafenwacht zu aufmerksam war und Rahel erkannt hatten. Ich verfluchte sie jetzt noch, konnten die auch nicht einmal wegschauen! Was sollte ich ohne Rahel jetzt machen? Mit den wenigen Habseligkeiten und dem Auftrag des Kapitäns versuchte ich mich erst einmal in der Hafenstadt zurechtzufinden, was nicht ganz leicht war. Es stank wie in der heimatlichen Taverne, nur dass der vertraute Geruch des schwarzgebrannten Schnapses und der leichte Brandgeruch meiner fehlgeschlagenen Versuche fehlte, der der Taverne seit meinem größten Fehlversuch innewohnte.
Das erste Ziel war scheinbar der Bank, die Frau dahinter sah mir aber nicht so wirklich so aus als ob ich der vertrauen könnte. Irgendwie scheint das Volk hier jedem dahergelaufenen Bettler zu vertrauen, denn mir schenkten zwei Frauen gleich auch schon Dinge, mit denen ich anfangen zu üben konnte. Knochen und Lehm, ein Fass, irgendwelche Fläschchen. Solche guten Fläschchen und alle waren sie sauber! Daheim musste ich sie mir aus den Gassen heraussuchen und selber sauber machen, hier bekam ich sie sogar geschenkt. Darauf folgten sogar noch eine Truhe und Kleidung, dass ich mich wie eine feine Dame am Ende fühlte. So gute Stoffe! Und sie waren farbig! Sogar eine eigene Tasche bekam ich. Ich glaube, so viel habe ich in meinem Leben nicht besessen und ich wusste gar nicht, wohin mit alle dem Zeug, also ließ ich es in der Bank. Für den Anfang musste ich der Frau halt trauen.
Meine Eltern hatten nur gesagt: „Kind, du wirst nach Gerimor und dort in eine Lehre gehen. Das Geld schickst du uns, damit wir die Taverne behalten und deinen Geschwistern zu essen geben können! Und komm uns nicht eher zurück bis du deine Lehre abgeschlossen hast und Geld verdienst!“ Und so musste ich meine Sachen packen. Rahel wollte heimlich mitkommen, aber die verdammte Hafenwacht… bekannt wie ein bunter Hund, die Gute. Aber wohin sollte ich jetzt? In Bajard gab es niemanden, der mir weiterhelfen konnte und so zog ich los, gestärkt und mit dem erfüllten Auftrag in der Tasche. Was waren das für Häuser und Schlösser nur! Es sah alles so anders aus hier. Die Sonne berührte langsam den Horizont und ich wusste noch immer nicht, wo ich schlafen sollte bis ich zu einem Hof kam und die Bewohner so freundlich waren und mich nach Adoran führten und mir ein Zimmer vermittelten. So ein großes Zimmer, dass ich dachte, dort würden nur die feinen Leute nächtigen, wenn sie zu Besuch kamen. Und nun war es meines! Mein eigenes Zimmer für mich ganz alleine! Abend im Zimmer saß ich vor dem Ofen und starrte ihn an. Sah so die Freiheit aus? Ich durfte selber entscheiden, was ich tun wollte und ich hatte mir bisher noch keine Schelle eingefangen. Das war ein Erfolg, denke ich. Außerdem stank es weniger hier in Adoran! Vielleicht würden wir hier unseren Laden eines Tages öffnen.
Damit war es aber nicht getan, ich brauchte noch eine Stelle! Also begann ich zu suchen und konnte erst nichts finden, außer, dass mich dieser Costa in Bajard sehen wollte! Ohne mich, ich wollte nicht auch noch nach Fisch stinken! Aber was soll ich sagen, irgendwie musste ich an Gold kommen, um meine Lehre zu bezahlen. Im Hafenbecken konnte ich ganz viel Kram rausholen, sogar ein bemaltes Stück Papier, was mir dieses Fräulein vom Salzberg abkaufen wollte. Ganze fünfzehn Kronen hat sie mir dafür gegeben! Jetzt konnte ich ganz bestimmt ein ganzes Haus kaufen, so viel Gold wie das war. Die Leute auf Gerimor scheinen alle ganz schön reich zu sein. Nur wurde ich schnell enttäuscht als mir gesagt wurde, dass ein Hof sogar ganze 25 Kronen kostet! Vielleicht konnte ich mehr von dem bemalten Papier finden und das dann an die Frau verkaufen, wenn ich sie wieder traf.
Doch spät am Abend am nächsten Tag trieb es mich nochmal ins Kontor, ich weiß nicht, warum und wollte dort fragen, ob es jemanden gibt, der weiß, wo ich in die Lehre gehen kann. Oh, welch Glück! Da gab es sogar jemanden, der mich in die Lehre nehmen würde, aber vorher musste ich eine Aufgabe erfüllen. Was bewirkt ein Apfel?
Am nächsten Tag wusste ich wenigstens: Er macht die Wache vom Salzberg mit diesem komischen Titel nicht satt! Auch nicht zwei oder drei. Und der Bruder von dem anderen Fräulein war allergisch bei Erdbeeren. Deswegen durfte sie keine Erdbeeren essen oder bei sich tragen, obwohl sie sie sehr gerne mochte. Und die Wache mochte Zitronen, das habe ich ihr von Anfang an angesehen, ha!
Mit dem Wissen, dass sich andere darum kümmerten, dass ich an das Wissen kam, kletterte ich dafür in die Bäume, um die Äpfel zu pflücken und es selbst auszuprobieren. Essen konnte man sie am Ende immer noch!
Was der Apfel macht...
- Esther Sternlied
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Was der Apfel macht...
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- Von Benimm, Sitte und dem Lehren und Lernen…
Ach je, wie schnell war doch die Zeit vergangen! Fast eineinhalb Jahre war ich nun schon auf Gerimor und erst einmal wieder daheim in Siebenwacht gewesen. Und mittlerweile war ich auch wieder allein, die gute Rahel ist heimgefahren oder wohin auch immer. Vor allem, wenn ich abends auch mal Zuhause und nicht im Hospital war fiel mir das auf. Dieses verdammte Knacken des Kamins war einfach viel zu laut! Der Fluss am Häuschen zu laut und die Sterne zu hell. Eigentlich aber… konnte ich jetzt auch nich so wirklich klagen, wenn ich mal ehrlich zu mir war. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, ein Feuerchen im Haus und ein warmes Bett und einen warmen Mantel. Das war eigentlich das einzige, neben dem guten Schnaps natürlich, was ich mir gewünscht hatte und den guten Schnaps habe ich sogar geschenkt bekommen! Oh oh oh, das war vielleicht ein gutes Zeug gewesen, was man mir da geschenkt hatte. Den würd ich gut verstecken für schlechte Zeiten. Oder für gute…
Und nun war Ruhe eingekehrt, das Herdfeuer in der feinen Küche knackte und knisterte, während ich mit meinem Stück Brot und Käse am Tisch saß und aus dem Fenster starrte. Gestern schenkte ich noch an unsere Gäste aus und heute war ich im Hospital, wo ich dann am Ende meine Lehre auch beendet hatte. Tja, was sollte ich sagen. Irgendwie habe ich dann meinen Lehrmeister gewechselt und bin am Ende da gelandet, wo ich niemals hinwollte und mache nun das, was ich auch niemals tun wollte. „Sag niemals nie, mein Kind. Das fällt dir irgendwann vor die Füße. Genauso wie das Lügen!“, konnte ich selbst jetzt noch Mutter predigen hören. Mhmm ja, na gut, die Helisande hatte ich ein bisschen mit ihrer Seife angelogen, aber ein bisschen auch nicht. Von Mengen war immerhin nie die Rede gewesen… eigentlich bin ich ja auch ganz glücklich gewesen bis ich die Vogtin getroffen hab, die jetzt die Gräfin ist oder so ähnlich. Und die hat mir ganz schön vor Augen geführt, wie glücklich ich eigentlich bin, nicht mehr daheim zu sein, sondern irgendwie frei, auch wenn die aus dem Westen da das wohl anders sehen würden. Immerhin war ich schonmal freier als daheim und auch wenn ich meine Geschwister und Eltern wirklich vermisste, ich liebte es, mein Bett mit niemandem teilen zu müssen und nicht jeden Tag fürchten zu müssen, verheiratet zu werden. Dafür wurden jetzt andere Dinge von mir verlangt, von denen ich noch nicht so richtig weiß, ob ich das auch schaffe oder schaffen will. Eigentlich hab ich gedacht, es reicht aus, wenn ich im Hospital bin, die Kranken da versorge und dann eben den Leuten was beibringe, wenn die kommen und was wissen wollen, aber irgendwie war das genug, dass ich nicht unauffällig geblieben bin, aber auch zu wenig, um nicht beachtet zu werden… ohje, allein der Gedanke war schon kompliziert. Jetzt sollte ich auch noch Benimm wie eine feine Dame lernen! Und lauter richtige Ansprachen, wie man gerade sitzt, wie man isst und noch ganz viel mehr Kram. Gut, zugegeben, sollen ist nur halb richtig, aber auch nicht halb falsch. Das Problem war nur, dass ich da jemandem was versprochen habe, was ich eigentlich nicht halten kann; wenigstens glaub ich das, aber die Vogtin, die jetzt ne Gräfin ist, ist da einer anderen Meinung. Und nun lern ich eben dieses ganze Zeug und hab ganz schön viel Unterstützung. Ich glaube, ich bin ein hoffnungsloser Fall, sonst würden die nich alle so gnädig sein und mir so helfen. Selbst die Helisande ist weniger fürchterlich geworden und hat sich mit mir gegen die Männer verschworen. Oder der Heinrik, der auch mal einfach ins Hospital kommt und mir die Schuld an den Gedanken von den Kirchenleuten gibt. Als ob ich an allem Schuld habe! Ne, selbst der ist nich mehr so fürchterlich Furcht einflößend, obwohl die das alle nach meinem Versprechen geworden sind.
Da hab ich mich nämlich erstmal gar nicht mehr getraut, irgendwas zu sagen. Und zu allem kommt auch noch dazu, dass die jetzt denken, dass ich „erwacht“ bin! Ich! Als ob das möglich wäre! Nur weil da mal ein Buch aus nem Regal fällt oder Katzen oder Pferde mit mir reden… ich bin mir sicher, das passiert jedem mal. Ändert aber nichts dran, dass die Liedleute mich jetzt im Auge behalten. Vielleicht sollte ich einfach anfangen, das so zu sehen, dass die sich alle eingestehen müssen, dass ich am Ende Recht hatte! Nur vielleicht hatten sie am Ende ja doch Recht, da war schon das eine oder andere Komische…
Egal wie die Dinge sich jetzt entwickeln, diese Angelica hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt von allem, was die da geplappert hat und ich wird wohl einfach abwarten müssen, was jetzt passiert oder eben nich… am Ende gewinnt sie oder eben nich. Ach, was soll ich nur machen? Langsam wusste ich selber nich mehr, wer ich bin oder was überhaupt los war. Diese ganzen Unterrichte machten mich ganz verrückt, obwohl ich mich so anstrengte. Hoffentlich sind die nich enttäuscht, wenn ich doch mal was durcheinander werfe. Immerhin hab ich die Briefe an Mutter und Vater nich durcheinander geworfen, die ich hab schreiben lassen. Oh oh, was waren die teuer gewesen! Der Schreiber war ein griesgrämiger Geselle und wollte mir nur einen schreiben, aber gegen einen dicken Batzen an Münzen hat er es doch gemacht und damit waren meine Kassen so leer wie nie. Dieses Mal hab ich wirklich ein ernstes Wort mit meinem Erspartem an Mutter gerichtet, im Glaubenshaus würd das irgendwann auffallen, wenn ich mir da was zu essen schnorrte und an meine Reagenzien musste ich auch denken, ohne die konnte ich auch kein Gold verdienen. Dann wollte der Bote auch noch bezahlt werden, den ich mitsamt den Vorräten und den Münzen nach Siebenwacht geschickt habe, damit der den Brief vorliest. Immerhin war er ohnehin dorthin auf dem Weg gewesen, das hat es günstiger gemacht.
- Adoran, 31. Alatner 264
Lieber Vater, liebe Mutter,
ich hoffe, euch geht es gut und das Dach ist wieder dicht und ihr habt genug zu essen. Mir geht es gut in Adoran, ich arbeite noch immer im Hospital und verdiene mir mein Gold. Und nein, Vater, ich habe noch keinen Mann gefunden und es ist auch noch nicht zu spät, einen zu finden. Die Arbeit vom Hospital hält mich auch nicht davon ab. Es gibt viel zu tun, aber ich bin gesund und hab immer genug zu essen, seid unbesorgt. Meine Lehre habe ich auch beendet und bringe nun auch anderen Leuten das bei, was ich gelernt habe. Bald werde ich noch die Thyren besuchen, das sind wirklich große Menschen, mit Fellen und Waffen, die komisch sprechen, aber ziemlich guten Met und Schnaps haben. Und die haben Tiere, die heißen Elche. Ich will auch bald zu den Kaluren, das sind ganz kleine Menschen mit Bärten, sogar ihre Frauen haben welche. Bier können die auf jeden Fall brauen. Wenn ich da war, werde ich mal weitersehen und ich glaub, ich erzähl euch besser nicht zu viel, wie ich was gelernt habe. Grüßt mir Rahel, wenn ihr die seht, ich vermisse sie sehr, die Gute. Ohne sie ist es mir irgendwie einsam, auch wenn ich oft gar nicht genug Zeit habe zum Nachdenken.
Wenn der Winter vorbei ist, komme ich euch wieder besuchen und bringe euch feine Sachen aus Adoran mit und Dinge, die ich selber gemacht habe.
Vater, ich habe euch mein ganzes Erspartes und Vorräte geschickt, bitte pass auf, dass du die Sachen nicht verkaufst, die sollen für euch sein. Und das Gold sparst du auch bitte, wenn du eine neue Destille brauchst, kann ich dir eine kaufen.
Gebt mir der ganzen Familie einen Kuss von mir und sagt ihnen, dass ich sie vermisse. Bei mir ist ein Plätzchen frei, wenn mich von euch mal einer besuchen kommen möchte.
Machts gut,
eure Esther
- Liebste Mutter,
ich war im Brief an euch nicht ganz ehrlich. Ich habe den Boten doppelt bezahlt, damit der dir den Brief vorliest, wenn Vater nicht dabei ist und damit der dir den größeren Teil von meinem Gold gibt, wenn Vater auch nicht dabei ist. Spar das bitte, damit du den anderen was zu essen und was Warmes zum Anziehen kaufen kannst. Ich komm hier schon zurecht und kann im Glaubenshaus was essen oder treib mir schon was auf. Lass die anderen und euch nur nicht hungern, aber lange kann ich euch auch nicht mehr mein Gold schicken, wenn Vater so verantwortungslos damit Unfug macht. Hau ihn, wenn er die Vorräte verscherbeln will und droh ihm damit, dass ich anfange, Hosen zu tragen, wenn er noch mehr Unfug macht. Unter uns, manchmal trage ich aber schon Hosen, die sind viel angenehmer! Verrat das Vater aber bitte nicht, ich glaube, der kommt mir hier nach Gerimor dann noch und verheiratet mich an Ort und Stelle…
Gib allen einen Kuss von mir und mach dir keine Sorgen. Ich habe hier Freunde und immer einen vollen Magen! Und wenn du Rahel siehst, sag ihr, sie soll ihren Hintern wieder nach Adoran bringen.
In Liebe,
deine Esther
- Ach, wo ich an die Briefe dachte, da erinnerte sich mein Bauch auch wieder dran, dass ich vergessen hab zu essen, aber es war eh nichts da. Das bisschen konnte keinen Hunger stillen und war eher dafür da, dass niemand Verdacht schöpfte. Vielleicht konnte ich ja nochmal ins Glaubenshaus, der Antorius hatte mir ja gesagt, wenn ich Hunger habe… und immerhin war es jetzt kalt und ganz bestimmt viel zu tun im Hospital… ja ja, so ein schönes warmes Süppchen, das wär jetzt fein, das würde lange reichen. Eigentlich würde ich eh nichts herunterbekommen, nicht bis ich wusste, das mein Gold auch wirklich in Mutters Händen angekommen war. Ach verdammt… wenn ich mir nicht so viele Sorgen machen wollte, musste ich mich wohl wirklich anstrengen, was die Vogtin, die jetzt ne Gräfin ist, sich gewünscht hat…
- Esther Sternlied
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- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
- Spät war's geworden gestern. Und es kam ganz anders wie es sein sollte. Nicht, dass ich Aufregung nicht mochte und so, Adoran war sowieso viel zu brav und verschlafen, abgesehen von dem nimmer versiegenden Gerede über ne gierige Schmiedin. Immerhin, na nen Namen hatte sie sich gemacht. Das war's aber gar nich, sondern dass der Unterricht noch gar nich angefangen hatte als der sich in ne ganz andere Richtung gedreht hatte als ich gedacht hätte. Na, mein Forschungsobjekt, was ich nich in Menekur bekommen hatte, hab ich dafür eben an dem Abend bekommen. Dumm war der Kerl ja, wenn der nur Fisch futterte, aber das durfte nich zu meinem Problem werden. Lieber wär's mir gewesen, wenn noch viel mehr beim Unterricht gewesen wären, dann hätten die mal selber sehen können, was passiert, wenn man nich auf die Heiler hört... Na, auch wenn's dem Kerl am Ende besser ging, gelernt hatte er nich draus, egal wie dreckig es dem gegangen ist. Das war aber nich mein Problem.
Meine Aufgabe war's, die Leute gesund zu machen und denen ins Gewissen zu reden, wenn die nich hör'n wollten, war's auch nich mehr mein Problem. Zwingen konnt und durft' ich ja auch niemanden. Naja, jedenfalls war's gestern spät geworden, vor allem aber drachenfrei und ich hab nen kleinen Spaziergang riskieren wolln, raus aus dem Hospital, der Patient war ja eh versorgt und schlief wie nen Säugling. Und da klau... pflückte ich gerade in der Sicherheit des Stadtgartens, weg von den wachsamen Äuglein der Gardisten, ein paar Kräuter und Blumen für eine Tinktur, die ich dem Kerl mit Skorbut anmischen wollte, da tauchte mitten aus dem Nichts eine Gestalt auf. Naja, so richtig aufgetaucht war sie ja nich, die war eher schon da als ich fast über die gestolpert bin! Tjaja, so brav und verschlafen Adoran war, so plötzlich konnte man jemanden auch da treffen, so man sonst allein war. Vielleicht hatte sie sich das ja auch gedacht als sie sich da hingesetzt hatte, wer weiß das schon. Der Abend hatte mich nach dem langen Gespräch jedenfalls mit nem dicken, schweren Kopf zurückgelassen.
Wenn's schon für jemanden wie mich so viele Regeln und Etikett gab, wie war das erst für die ganzen Edlen und Adeligen und so. Doch... Naja... als ich wieder im Hospital war und die Tinktur anmischte, schaute ich in den kleinen Spiegel des Labors und vergaß, was ich eigentlich gerade tat. Diese verdammten Worte wollten mir nich aus dem Kopf gehen. Und egal wie arg ich drüber nachdachte, die Antwort war am Ende dieselbe. Ich hatte ja schon nen bisschen vom sauren Apfel genascht, so war das nich; hatte Unterricht bekommen und bekam auch noch immer welchen, wenn ich nich gerade im Hospital war. Der Apfel hatte ein paar gute Seiten gehabt und auch ein paar, die mir nich so gefallen haben. So war das aber immer so. War daheim in unsrer Taverne ja nich anders. Doch der Apfel wurde jetzt nochmal ein bisschen saurer und der Happen, den ich abbeißen musste, auch ein bisschen größer. Und ich roch das viele Fuß gegen den Wind, dass das längst nich das Ende des Apfels war, sondern erst nen Anfang. Fragte sich nur, was mich im Kern des Apfels erwarten würd. Das ruhige, dufte Leben als ne Duftmischerin jedenfalls nimmer. Ne große Wahl hatt' ich am Ende ja auch nich als ich ins Hospital bin. Das war der erste Bissen vom Apfel. Tja, und nun? Nun teilte ich mir die Leitung, die da so plötzlich vor meine Nase gehalten wird. Harte Arbeit und so. Am Ende hatte ich das getan, was getan werden musste, damits nich verstaubt und die Leute wussten, wohin sie gehn konntn.
Der volle Magen, nachdem nen Patient glücklich war, war mir eigentlich Lohn genug gewesen, denn den gab's ganz selten mal daheim. Und nen guten Schnaps. Oh, den hatte ich bekommen! Der war mir in die Hand gedrückt worden und was war der gut! Als ich den bekommen hab, da ist nen kleines Steinchen da oben gefallen, das mir gesagt hat: Na, so schlimm und steif, wie manche Leute sein sollen, warn die gar nich. Naja, fast alle nich, aber Ausnahmen gab's immer.
Und so stand ich am nächsten Morgen, nachdem ich nach meinem Patienten geschaut hab, an meinem Kleiderschrank und schaute mir die paar Sachen an, die ich hatte. Was davon wär denn wohl keine Beleidigung? Ohje, ohje, das würd wohl noch schwierig werden, aber darüber konnte ich mir den Kopf zerbrechen, wenn ich endlich diese schreckliche Kettenrüstung ausziehn durfte. So sauer der Apfel war und so soll ich es anstrengend fand jetzt: Irgendwie war ich trotzdem zufrieden. Irgendwie.
Und dann... Ja dann, wusste ich, dass ich Freunde hatte... Oder Unterstützer. Nen Freund, der väterlich zu mir war, ne Freundin, mit der man heimlich doch nochmal Schabernack treiben konnte, Leute, die mir halfen, wenn ich fragte und das war ganz viel wert. Ob die wohl wussten, wie dankbar ich denen eigentlich war? So richtig sagen wusst' ich ja auch nich, wie ich das machen sollt', aber mir wurd ja mal gesagt, manchmal brauchts keine Worte, sondern Taten! Und dann waren da noch ein paar andere Freunde, mit denen man gut schwatzen konnte und wo auf die meisten Verlass war. Es würd schwierig werden und ich hatte Angst. Mächtig viel Angst. Wenn ich mich anstrengen wollte, durfte ich das auch nich zu sehr, das hatte ich gestern gelernt. Und ich musste die Hand annehmen, die sich für mich mit Hilfe ausgestreckt hatte. Dabei durfte ich mich aber nich verliern. Und am Ende des Tages? Die Arbeit nich mit nach Hause nehmen, aye? Sonst würd ich wie sie werden, aber eigentlich find ich das gar nich so schlimm. Immerhin hatt' ich ja schon ne Menge von ihr lernen können. Und so.
- Esther Sternlied
- Beiträge: 776
- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
- Wer sind eigentlich Heiler?
Und was tun Heiler eigentlich?
Irgendwann, es war sicher noch ganz früh, lag ich im Bett und starrte die Dunkelheit an die zurückstarrte. Vielleicht würde sie mir ja antworten? Also sag mir, du Dunkelheit in meiner Schlafkammer, was machen Heiler eigentlich?
Tja, leider blieb die Dunkelheit stur und still und wollte keine Antwort preisgeben, dafür machten sich meine Gedanken aber selbstständig.
Der letzte Abend hats dir doch gezeigt, Esther. Heiler sind die, die gerufen werden, wenns ne Verletzung irgendwo gibt.
Heiler sind die, die sich nach einem Geplänkel und mehr um die Verletzten kümmern.
Heiler sind aber auch diejenigen, die sich nicht unbedingt wehren können, wenn sie im Lazarett die Verletzten versorgen.
Heiler sind die, die zuhören müssen, um zur Wurzel des Übels zu kommen.
Heiler sind aber auch die, die die Schuld bekommen, wenns schief geht.
Heiler sind die, die sich schonmal mit den Toten beschäftigen müssen, auf die eine oder eben auch die andere Weise.
Heiler sind aber eben auch das, wie der unbekannte Schreiber mir mal geschrieben hatte, worauf man sich verlässt und man erst merkt, wie wichtig sie sind, wenn sie nicht mehr da sind.
Wenn man Heilkundiger ist, da gehts nicht darum wie man sich selber fühlt, es geht auch nicht darum, wie doll die Trauer dann doch einmal schmerzen kann, wenn jemand geht, den man mochte. Man ist und bleibt Heiler und das heißt, dass man sich erst um die anderen kümmern muss. Sie verlassen sich auf einen, vertrauen einem und am besten weiß man für alles ein Mittelchen. Ein Heiler muss lernen, zu schlucken und weiterzugehn, damits den andern gut geht. Zeit für Tränen ist, wenn man allein in seiner Schlafkammer ist und endlich etwas Ruhe hat bis der nächste Ruf kommt.
Für einen Heiler gibt es weder Tag noch Nacht, denn gerade in der Nacht passierte das meiste. In der Nacht spürte man den Schmerz, den man am Tag vergessen hatte. In der Nacht entschieden sich Kinder, dass sie geboren werden wollten. In der Nacht, so scheint es, ruhte der Körper nicht, er fing richtig an zu arbeiten. So schlief man eben als Heiler, wann man schlafen konnte und war für alle eben der Heiler. Man war nicht Esther, man war auch nicht irgendjemand anderes, man war der, der wusste, wie man helfen konnte.
Egal was war, als Heiler muss man immer stark sein. Für die anderen. Als Heiler sollte man ehrlich sein, denn Lügen halfen niemandem hier. Als Heiler musste man auch mal starke Worte finden, damits der andre verstand. Als Heiler musste man Schmerzen zufügen, damit der Patient heilen konnte. Und nicht so selten musste man auch das eine oder andere gebrochene Herz flicken, auch wenn es da manchmal nur nen Schnaps und Zuhören und gemeinsames Verschwören brauchte.
Und dann waren so Tage wie heute, wo ich mich fragte wieder, wie ich überhaupt zur Heilkundigen geworden war. Und warum ich mich gar nicht mehr wiedererkannte, wenn ich mich reden hörte. Oder mich ertappte, wenn ich mal ganz viel nachdachte. Das waren sicher die vielen Ermahnungen, die Unterrichte in Etikett und anderen Dingen, das Zuhörn und Nachplappern von aufgeschnappten Worten... aber irgendwas war da noch, das konnte ich nicht zuordnen. Nur an solchen Tagen wie heute fühlte ich mich wie eine alte Frau. Stark sein, Esther. Zeig nicht, wie es dir geht, du kannst nicht weinen, wenns andren schlecht geht. Erinner dich, was du selbst immer sagst.
"Halt die Klappe, Esther!", sprach ich irgendwann bei all dem Wust in die Dunkelheit hinein und drückte beide Hände auf die Augen. Die Brust brannte, der Hals auch. Vor Schmerz, vor Trauer und vor Wut. Vor allem Wut wars, ohja. Oder doch die Trauer? Es tat beides so weh! Unruhig drehte ich mich auf den Bauch und zog das Federkissen, das man mir geschenkt hatte, über den Kopf. Das Federkissen... eine stille, angenehme Erinnerung, dass sich Leute sorgten. Auch Heiler sind nicht vergessen unter Freunden. Es half alles nichts, diese Unruhe war schrecklich, mir war heiß und kalt gleichzeitig, überall kribbelte die Unruhe auf meiner Haut wie zahllose heiße Ameisen, die hinauf und hinunterwanderten. Manchmal hasste ich meine Eltern dafür, dass sie mich nach Gerimor geschickt hatten. Dabei hatte ich doch nur ein einfaches Leben als Duftmischerin haben wollen. Doch nun machte ich was ganz anderes... "Kind, mach, was getan werden muss, dann hast du keine Scherereien und die Leute sind dir dankbar." pflegte meine Mutter gern zu sagen und ich erwiderte ihr nur, dass mir die Leute alle egal seien. Und nun? Nun waren sie es mir nicht mehr, denn irgendwann brauchte jeder von ihnen mich einmal und ich fühlte mich verdammt nochmal verantwortlich für diese Leute. Ich hatte ne Aufgabe bekommen, um die ich nicht gebeten hatte. Hab ein Amt bekommen, um das ich nicht gebeten hatte und hab obendrein noch ne Anstellung, wo ich immer gedacht hab, dass ich sowas niemals machen würde. Nichts mit Adel, am besten ganz weit weg davon. Und was war nun? Genau, schöne Sache. Und das Schlimmste von allem war, dass ich nichtmal unzufrieden war mit alledem, wie es sich entwickelt hatte. Verdammt Esther, du wirst alt!
- Esther Sternlied
- Beiträge: 776
- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
(ooc: Jeder, der möchte, darf sich dran beteiligen!
- "Zu den Schwerttagen bringt man natürlich eine Waffe mit."
"Woher soll ich das denn wissen?"
"Hast du wirklich keine dabei?"
"Na, mein Kräutermesser! Und meine Zunge!"
Tja, fast wäre ich an der Reihe gewesen, das Kräutermesser, der Feind aller hartnäckigen Heilkräuter und Pilze, in der Hand, bereit, um geweiht zu werden... in Ermangelung irgendeiner Waffe, die ich eh nicht mochte. Doch dann.... da war Getrappel... Pferde, irgendwelche Echsenwesen auf denen Letharen ritten, Seite an Seite mit düster gekleideten Menschen, einige von ihnen erkannte ich sogar. Doch was war nur dieser Gedanke gewesen? Nein, dieses Gefühl, dieses unsäglich auf der Brust drückende Gefühl, das mir sagte, dass heute das Geplänkel nicht so enden würde wie sonst. Waren es die Wurftränke, die man mir in die Hand gesteckt hatte? War es das Fehlen einiger Freunde? Was war es nur... das mich bewogen hatte nicht nachzugeben als Amelie bleiben wollte und ich darauf bestand, dass sie dieses Mal abzog, obwohl ich sehr genau wusste, dass es nicht an mir war, ihr das zu sagen.
Alles ging dann plötzlich so schnell. Ohne Rüstung, ohne Waffe... ohne alles musste ich mich dem stellen, dass mir die Knie nur so schlotterten und jenes verdammte Gefühl auf meine Brust drückte. Ich lief und lief und lief.... sah, wie meine Tränke allesamt trafen, die ich im Laufen warf und sah ebenfalls, dass man mich scheinbar außer Acht ließ bis... sich ein verdammter Pfeil in meine Wade gebohrt hatte und mich zu Fall brachte. Da lag ich nun, nur damit noch ein Pfeil direkt neben meinem Gesicht in den Boden fand. Ich humpelte, kroch hinter die magischen Wände und dann, als jene einstürzten, hinter den nächsten Felsen an den ich mich lehnte. Ich konnte einfach nicht mehr weiterlaufen, so sehr ich es wollte. Der Schmerz ließ Ströme an Stichen durch meinen gesamten Körper fahren und selbst ein Dummer wusste, dass er geschlagen war... vor allem, wenn sich der Feind um einen scharte. Aus dem Augenwinkel noch konnte ich sehen wie Berenguer und Raia sich irgendwie mit in den Kreis gemogelt hatten, wie auch immer. Oder waren sie gar Gefangene? Es ging so schnell, so schnell...
Dann... ich nahm es gar nicht richtig wahr wie mich die Hand der Tetrarchin erbarmungslos packte und davonschleppen wollte. Die Worte Raias hallten dafür überdeutlich in meinem Kopf wider. "Ungläubige" hatte sie mich genannt... Ungläubige. In all der Betäubung begann Wut hochzukommen, die schnell von Resignation und Trauer niedergestreckt wurde wie ein Blitz einen Baum. Fesseln legten sie an, hübsche feste Fesseln und Berenguer hatten sie mitgenommen der noch versuchte hatte sie daran zu hindern, mich mitzunehmen. Doch alles vergebens, sie hatten ihn einfach auch mitgenommen. Betäubung legte sich über meine Gedanken, vor Schmerz oder Unglaube vermochte ich nicht zu sagen, doch jedes bisschen an Widerstand was ich aus den entferntesten Ecken zusammenklauben konnte, klaubte ich zusammen, was mir nicht viel brachte als ich Schulter an Schulter mit Berenguer zum Knien und zu einem Blutopfer gezwungen wurde.
Hier ein Zerren und dort, sonderlich behutsam gingen sie mit keinem von uns um und jeder Versuch Berenguers es leichter zu machen wurde gleich unterbunden... was auch immer es war, irgendetwas Priesterliches. Priesterliche Magie. Dann aber waren wir mit einem Male in Rahal, gingen durch dieses riesige Pantherkopftor, welches ich trotz allem bewunderte auch wenn es mich ob der Düsternis sehr zum Schaudern brachte. Nicht lange danach, in diesen kleinen Kerkerzellen die noch kleiner als die in Adoran waren, wurden wir getrennt, all die Sachen abgenommen die wir besaßen und die Wunden unversorgt.
Ein Nebel legte sich irgendwann in der Nacht über meine Gedanken, geprägt vom Fieber, dem Hunger und all dem, was so in der Einsamkeit der Zelle über mich hereinbrach. Sorgen, Gedanken... alles kreiste sich in nimmerendenden Kreisen, ließ mir keine Ruhe und keine Erholung. Wieviel Zeit nur war in all der Zeit vergangen? Irgendwann weckte mich, kurz zumindest, ein Getöse...
Zuletzt geändert von Esther Sternlied am Donnerstag 28. September 2023, 13:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Cecilia Zola
- Beiträge: 301
- Registriert: Montag 6. März 2023, 00:07
Sie fand gestern Abend heraus, dass Adoran einen Strand hatte. Erinnerungen spülten über sie hinweg. Erinnerungen an ihre Heimat. Eine kleine Insel irgendwo weit vor der Küste Adorans. Die nackten Füße im Sand, die Brandung schwappt auf die Füße. Mit einem seeligen Lächeln auf dem schüchternen Gesicht hat sie den Sonnenuntergang beobachtet. All dies sorgte dafür, dass die omnipräsente Angst um Esther erstmalig verschwand. Dankbar nahm sie die abwechslungsreichen Gedanken an. Und so verlief der gesamte Abend, nein, die gesamte Zeit seit dem ganz anders, als sie es sich jemals vorgestellt hat.
Bei einem frisch gebratenem Lachsfilet als erste Mahlzeit des neuen Tageslaufs saß sie da und versuchte die Schuldgefühle zu unterdrücken. Sie hatte einen angenehmen Abend gehabt. Einen schönen gar. Eine Erinnerung, die sie sich nie vorgestellt hatte und doch war sie nun da. Warm, schön, angenehm. Eine unschuldige Frage des Gegenübers und der tote Fisch in ihren Händen erinnerte sie wieder daran, dass es ganz andere Sorgen aktuell gab. Irgendwo saß Esther in einem Kerker und kämpfte um ihr Leben, falls sie noch am Leben war. Und sie selbst? Amüsierte sich und verschwendete nicht einen Gedanken an ihre Lehrmeisterin. Eine tolle Schülerin war sie.
Ihre schüchterne Zurückhaltung war nicht nur ihr auffälligster Charakterzug, nein, er hat sich zu etwas durchaus wirkungsvolleres auf Gerimor entwickelt. Es war auch ihr Schutzschild geworden. Ihr Schutz vor zu viel Bindung, vor dem Verlust und anschließendem Schmerz. Doch die letzten Tage hatten der jungen Heilerschülerin eines gezeigt: Es gab Menschen, die schafften es durch jeden noch so starken Schutzschild. Und Esther gehörte offenbar dazu. Da musste ihre Lehrmeisterin erst einmal gefangen genommen werden, dass sie sich dessen bewusst wird.
Während zum drölfzigsten Mal innerhalb von zwei Tagen die Böden des Hospitals geschrubbt wurden, erinnerte sie sich an ihre Ankunft auf Gerimor. Sie traf direkt auf Esther. Wie auch sonst, wenn sie auf der Bank vor dem Hospital campierte. Das durchgefrorene dürre Mädchen wurde von Esther mit zu Lydia geschleppt. Diese wiederum bat ihr eine Schlafmöglichkeit an. Sie war so herzlich hier aufgenommen worden und bekam auch gleich am nächsten Tag eine Anstellung im Hospital. Esther besorgte ihr wärmende Kleidung. Sie selbst hat lieber ihre Aufzeichnungen und Bücher mitgeschleppt als irgendwelche Gewänder. Ein Fehler wie die schneebedeckte Insel ihr bald aufzeigte.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel Cecilia auf die Knie, ihre Hände hörten auf zu schrubben und ihr rannen nur noch stumm die Tränen über die Wangen. Die Sorge um Esther, die wieder aufbrechenden Gefühle, all das überrannte sie. Überforderte sie. Gleichzeitig spürte sie diese Dankbarkeit und es schmerzte sie, dass zuletzt kaum ein Dank an Esther rausging. Und über allem brannte sich ein Bild bei ihr ein: Esther, wie sie alleine in einem Kerker zum Sterben verdammt war.
Und irgendwann hätte ein unbemerkter Zuschauer die junge Heilerschülerin wieder mit neuer Kraft weiter schrubben sehen können. Trotz lag in den Augen der jungen Gestalt. Trotz und ein Vorhaben. Ein Vorhaben von einer unschuldigen Frage am Morgen ausgelöst.
Bei einem frisch gebratenem Lachsfilet als erste Mahlzeit des neuen Tageslaufs saß sie da und versuchte die Schuldgefühle zu unterdrücken. Sie hatte einen angenehmen Abend gehabt. Einen schönen gar. Eine Erinnerung, die sie sich nie vorgestellt hatte und doch war sie nun da. Warm, schön, angenehm. Eine unschuldige Frage des Gegenübers und der tote Fisch in ihren Händen erinnerte sie wieder daran, dass es ganz andere Sorgen aktuell gab. Irgendwo saß Esther in einem Kerker und kämpfte um ihr Leben, falls sie noch am Leben war. Und sie selbst? Amüsierte sich und verschwendete nicht einen Gedanken an ihre Lehrmeisterin. Eine tolle Schülerin war sie.
Ihre schüchterne Zurückhaltung war nicht nur ihr auffälligster Charakterzug, nein, er hat sich zu etwas durchaus wirkungsvolleres auf Gerimor entwickelt. Es war auch ihr Schutzschild geworden. Ihr Schutz vor zu viel Bindung, vor dem Verlust und anschließendem Schmerz. Doch die letzten Tage hatten der jungen Heilerschülerin eines gezeigt: Es gab Menschen, die schafften es durch jeden noch so starken Schutzschild. Und Esther gehörte offenbar dazu. Da musste ihre Lehrmeisterin erst einmal gefangen genommen werden, dass sie sich dessen bewusst wird.
Während zum drölfzigsten Mal innerhalb von zwei Tagen die Böden des Hospitals geschrubbt wurden, erinnerte sie sich an ihre Ankunft auf Gerimor. Sie traf direkt auf Esther. Wie auch sonst, wenn sie auf der Bank vor dem Hospital campierte. Das durchgefrorene dürre Mädchen wurde von Esther mit zu Lydia geschleppt. Diese wiederum bat ihr eine Schlafmöglichkeit an. Sie war so herzlich hier aufgenommen worden und bekam auch gleich am nächsten Tag eine Anstellung im Hospital. Esther besorgte ihr wärmende Kleidung. Sie selbst hat lieber ihre Aufzeichnungen und Bücher mitgeschleppt als irgendwelche Gewänder. Ein Fehler wie die schneebedeckte Insel ihr bald aufzeigte.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel Cecilia auf die Knie, ihre Hände hörten auf zu schrubben und ihr rannen nur noch stumm die Tränen über die Wangen. Die Sorge um Esther, die wieder aufbrechenden Gefühle, all das überrannte sie. Überforderte sie. Gleichzeitig spürte sie diese Dankbarkeit und es schmerzte sie, dass zuletzt kaum ein Dank an Esther rausging. Und über allem brannte sich ein Bild bei ihr ein: Esther, wie sie alleine in einem Kerker zum Sterben verdammt war.
Und irgendwann hätte ein unbemerkter Zuschauer die junge Heilerschülerin wieder mit neuer Kraft weiter schrubben sehen können. Trotz lag in den Augen der jungen Gestalt. Trotz und ein Vorhaben. Ein Vorhaben von einer unschuldigen Frage am Morgen ausgelöst.
- Esther Sternlied
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Unwirsch wurden die Tage, nun da wo ich des Tageslichts beraubt war. Ausgeliefert war ich, wo ich irgendwie wieder klarer zu mir kam, dort unten in dem Loch unter dem Tempel. Nebenan Berenguer, der sich von mir verabschiedete. Für immer. Eine Nachfrage nach meinem Befinden, eine Ermahnung, fest an die Lichtherrin zu glauben, ein Versprechen, dass seine Frau wohlauf sei, da unterband man auch schon jeden weiteren Austausch. Das Bein schmerzte grausig, so unbehandelt es geblieben war. Das war es vermutlich auch, was mich irgendwie bei Sinnen hielt irgendwie. Irgendwie.
Dann brachten sie weg und das nächste, was ich hörte war, dass er nun tot sei. Und man den anderen mitgeteilt hatte, dass ich es auch wäre. Noch, ja noch glaubte ich es nicht, doch die Peitschenhiebe ließen diesen Gedanken zunächst noch fester werden bis dann auch die Nacht über mich hineinbrach... das nächste was ich wieder so richtig wahrnahm in meinem umnebelten Kopf war die Templerin, die all meine Gedanken durchzog neben der Tempelwache Delshan oder dieser... dieser... ich fand keine passende Beleidigung für sie, dieser Elara... noch mehr Schmerz, noch mehr Zweifel... und diese schreckliche Stimme da in meinem Kopf, die die ganze Nacht hinein zu mir sprach: "Niemand wird dich retten. Du bist ganz allein. Allein..allein..allein", "Herausfordernde Ungläubige"... Der Widerstand war noch da, doch mit Fortschreiten der Nacht und diesem Halbdunkel bis ganz Dunkel im Tempelloch bohrte es sich immer weiter in meine Gedanken bis auch der Widerstand und Zweifel an diesem Gedanken irgendwann wegbröckelten und ich selber davon überzeugt war. Die Kirche hielt nichts von mir, vielleicht war Berenguer der einzige, doch der war nun tot...
Ich war tot für sie, sie alle... warum sollte man eine Leiche retten? Finger, Hände... man bekam sie überall her. Ich würde hier allein bleiben bis ich so enden würde wie Berenguer. Übersäht mit Wunden, ein Spielzeug für die schwarzhaarige, mächtige Templerin.
Sie hatte sich aber scheinbar entschieden noch weiter mit mir spielen zu wollen und schleppte mich in den Tempel hinein. Was blieb mir noch anderes übrig? Jede Wehr endete in unfassbarem Schmerz, ich konnte mich nicht wehren.. warum auch? Ich war ohnehin schon tot. Das einfachste war es zu gehorchen, aber die aufkommende Wut, der Zorn meinen Kerkermeistern gegenüber drang dennoch immer noch durch und ließ mir ab und an ein Fünkchen Kraft zukommen... oder war es die Macht diesen Alatars? Hier mitten im Tempel? Es fühlte sich gut an irgendwie, diese Macht jemand anderem wehzutun, der es mit einem selbst gemacht hatte. Es gab neue Kraft... nein, nein, das durfte ich nichteinmal denken... was durfte ich überhaupt noch denken? Da... Unruhe vorm Tempel... Tumult... die Delshan wurde schnell, es wurde nach neuen Wachen gerufen. Was war das? Ein Überfall? Ein Befreiungsversuch? Irgendeine Frau war da die die Wache angegangen war... jetzt, ja jetzt! Jetzt musste ich die Flucht wagen, aber... ich war schon so nah dran, so nah herauszukommen... da kam diese Delshan zurück und eine neuerliche Wolke an unfassbarem Schmerz machte ich über mich her, der ich nur entkommen konnte indem ich zurückkehrte... zurückkroch zur Templerin. Wenn ich irgendwie hier rauskommen wollte, musste ich warten... es half alles nichts. Entweder würde man mich genauso opfern wie Berenguer oder man würde mich zerquetschen bei einem Fluchtversuch. Oh, mir tat alles so weh, alles... und letztlich schwand auch der letzte Gedanke an Zweifel und machte einer matten Resignation Platz. Wie lange war ich überhaupt hier? Wer war ich eigentlich? Oh, all dieses Lob, die Belohnung und Bestrafung... es ging ineinander über, mehr und mehr als würde sich alles in mir neu formen...
Dann brachten sie weg und das nächste, was ich hörte war, dass er nun tot sei. Und man den anderen mitgeteilt hatte, dass ich es auch wäre. Noch, ja noch glaubte ich es nicht, doch die Peitschenhiebe ließen diesen Gedanken zunächst noch fester werden bis dann auch die Nacht über mich hineinbrach... das nächste was ich wieder so richtig wahrnahm in meinem umnebelten Kopf war die Templerin, die all meine Gedanken durchzog neben der Tempelwache Delshan oder dieser... dieser... ich fand keine passende Beleidigung für sie, dieser Elara... noch mehr Schmerz, noch mehr Zweifel... und diese schreckliche Stimme da in meinem Kopf, die die ganze Nacht hinein zu mir sprach: "Niemand wird dich retten. Du bist ganz allein. Allein..allein..allein", "Herausfordernde Ungläubige"... Der Widerstand war noch da, doch mit Fortschreiten der Nacht und diesem Halbdunkel bis ganz Dunkel im Tempelloch bohrte es sich immer weiter in meine Gedanken bis auch der Widerstand und Zweifel an diesem Gedanken irgendwann wegbröckelten und ich selber davon überzeugt war. Die Kirche hielt nichts von mir, vielleicht war Berenguer der einzige, doch der war nun tot...
Ich war tot für sie, sie alle... warum sollte man eine Leiche retten? Finger, Hände... man bekam sie überall her. Ich würde hier allein bleiben bis ich so enden würde wie Berenguer. Übersäht mit Wunden, ein Spielzeug für die schwarzhaarige, mächtige Templerin.
Sie hatte sich aber scheinbar entschieden noch weiter mit mir spielen zu wollen und schleppte mich in den Tempel hinein. Was blieb mir noch anderes übrig? Jede Wehr endete in unfassbarem Schmerz, ich konnte mich nicht wehren.. warum auch? Ich war ohnehin schon tot. Das einfachste war es zu gehorchen, aber die aufkommende Wut, der Zorn meinen Kerkermeistern gegenüber drang dennoch immer noch durch und ließ mir ab und an ein Fünkchen Kraft zukommen... oder war es die Macht diesen Alatars? Hier mitten im Tempel? Es fühlte sich gut an irgendwie, diese Macht jemand anderem wehzutun, der es mit einem selbst gemacht hatte. Es gab neue Kraft... nein, nein, das durfte ich nichteinmal denken... was durfte ich überhaupt noch denken? Da... Unruhe vorm Tempel... Tumult... die Delshan wurde schnell, es wurde nach neuen Wachen gerufen. Was war das? Ein Überfall? Ein Befreiungsversuch? Irgendeine Frau war da die die Wache angegangen war... jetzt, ja jetzt! Jetzt musste ich die Flucht wagen, aber... ich war schon so nah dran, so nah herauszukommen... da kam diese Delshan zurück und eine neuerliche Wolke an unfassbarem Schmerz machte ich über mich her, der ich nur entkommen konnte indem ich zurückkehrte... zurückkroch zur Templerin. Wenn ich irgendwie hier rauskommen wollte, musste ich warten... es half alles nichts. Entweder würde man mich genauso opfern wie Berenguer oder man würde mich zerquetschen bei einem Fluchtversuch. Oh, mir tat alles so weh, alles... und letztlich schwand auch der letzte Gedanke an Zweifel und machte einer matten Resignation Platz. Wie lange war ich überhaupt hier? Wer war ich eigentlich? Oh, all dieses Lob, die Belohnung und Bestrafung... es ging ineinander über, mehr und mehr als würde sich alles in mir neu formen...
Zuletzt geändert von Esther Sternlied am Samstag 30. September 2023, 19:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Cecilia Zola
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- " Falls du auf die Idee kommen solltest nach Esther zu suchen oder dergleichen..."
Wenn schon davon ausgegangen wurde, dass sie in den Westen geht, dann könne sie es doch auch wirklich tun. Und wie immer suchte sie Hilfe in Büchern, wenn sie vor etwas Unbekanntem stand. Sie verschlang alle Bücher, die sie in der Bibliothek in Adoran und im Hospital zu dem Thema Westen und Rahal finden konnte. Sie bereitete einen Beutel vor, in welchem absolut nichts zu finden sei, was ihre Herkunft andeuten könne. Sie legte ihr Buch, die Schlüsselbunde und ihren Regimentsring im Hospitalslabor auf dem Tisch ab. Jetzt fehlte nur noch eines: Der Brief, welcher zumindest einen darüber informieren würde, wo sie hingeht. Im Regiment hatte sie nicht vor Bescheid zu geben, bisher bekam sie dort auch keine Informationen über Esther oder gar Hilfe. Freiherr von Aerenaue war ebenfalls nicht aufzufinden, und das Kloster? Naja, Esther wollte das gewiss nicht involviert haben.
Während sie demnach über den Brief hing, von dem sie den Inhalt bereits gut kannte, jedoch einfach nicht die richtigen Worte fand, tauchte plötzlich der Sprecher des ideengebenden Satzes und Adressat des Briefs auf. Er erkannte mit wenigen Blicken ihr Vorhaben und redete die Kurzschlussreaktion ihr aus. Ergeben ließ sie zu, dass er für zwei Tagesläufe später einen Spaziergang nach Rahal vorschlug.
Und so machte sich eine nervöse Heilersschülerin mit einer erstaunlich ruhigen Begleitung zwei Tagesläufe später zur frühen Abendstunde mit dem Schiff auf nach Rahal. Der Plan? Ein grandioser! Nicht.
Sie wären ein verliebtes Päarchen auf der Suche nach einem geeigneten Wohnhaus für Nachwuchs. Die perfekte Rechtfertigung, warum sie so durch die Gassen stromern würden, in der Hoffnung irgendwo eine Information über Esther aufzuschnappen.
Die Straßen der Stadt Rahal waren erstaunlich leer gewesen, kurz hinter dem Marktplatz erfuhren sie durch einen Ausrufer auch warum. Eine Gerichtsverhandlung sei im Gange. Es ginge um einen Ketzer. So einen, wie die, die im Tempel saß. Von einer Eingebung folgend, zog ihre Begleitung sie zum Tempel und in diesen hinein. Ein düsteres Gebäude, was sogleich ein Unbehagen in ihr hervorrief. Und so erblickte sie auch erst spät die dreckige Gestalt angekettet am Altar. Das wirre schwarze Haar ließ sie aufmerksam werden.
- "Allein... Allein..."
Diese Hand, die sie gerade in der Realität hält und sie daran erinnert, dass sie auf Feindesland sind. Und gleichzeitig genau die Hand, die ihr gerade den nötigen Halt gibt. Aber auch die Hand, die sie gerade schmerzhaft zerdrückt, um irgendwie ihre Sorge und Angst zum Ausdruck bringen zu können, ohne die Wachen und Tempeldiener sofort zu alarmieren.
Genau diese Wachen beäugen das ungleiche Paar bereits misstrauisch. Sie versucht ja auch die ganze Zeit bereits irgendwie den Blickkontakt zu Esther aufzubauen. Doch ihre Begleitung zieht sie wie selbstverständlich soweit vor, wie es ihnen gestattet wird und fällt mit ihr dann auf die Knie. Ein Gebet soll sie vorspielen. Doch sie kniet nur neben ihm, seine Hand bestimmt inzwischen blau gedrückt, und schließt hinter ihren ins Gesicht gefallenen Haaren ergeben die Augen. Sie braucht einen Moment zum Atmen, der beklemmenden und düsterem Atmosphäre in dem Tempel entkommend. Sie versucht einige innerliche Worte an Temora zu richten, doch diese Wärme, die sie seit einem Abend bei Raia im Kloster spürte, die wollte sich gerade nicht wirklich einfinden. Cecilia kämpfte um jeden kleinen Funken Wärme, der gerade den Weg zu ihr fand. Doch alles wirkte, als sei Temora selbst gerade so weit fern.
- "Möge er seine schützende Pranke über uns halten und alle Fehlgeleiteten auf den rechten Weg führen."
- "Allein... Allein..."
Wie ein Häufchen Elend führte ihr Gang sogleich zum Kastell und Frau Oberst von Dragane. Sie erstattete Bericht, nun genau genommen ihre Begleitung, da ihr Buch nach wie vor sicher im Hospital lag. Und Frau Oberst zeigte sich in keiner Art und Weise erfreut. Wie denn auch. Noch jemand, der im beinahe Alleingang nach Rahal marschierte, und dann auch noch eine Rekrutin.
Die Strafe wartete nicht lange: Ausgangssperre! Und Lager neu sortieren.
Mit letzterem konnte sie problemlos leben Auch wenn sie momentan im Hospital ausreichend ausgelastet war, wo Esthers Einsatz doch fehlte.
Doch ersteres traf sie erst einmal hart. Sie wollte doch zum Kloster. Die Wärme wiederfinden. Doch dies musste wohl warten.
Das war dann wohl ihr zu zahlender Preis dafür, dass sie mit Gewissheit wusste, dass Esther noch am Leben war! Noch.
- Esther Sternlied
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- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
- Die Tage seit Merriks Abreise waren düsterer geworden. Irgendetwas war anders gewesen als sie sich verabschiedeten an diesem einen Abend, ein Gefühl das an ihr gezerrt hatte und sie dazu hatte bringen wollen Merrik unter keinen Umständen gehen zu lassen. Doch er musste, es war wirklich dringend gewesen und am Ende hatte sie versucht sich einzureden, dass es einfach die Angst sei dass ihm dort etwas passieren würde. Zurück Zuhause erwartete sie ein unruhiges und ganz schön unglückliches Drachenmädchen, welchem Merriks Abreise genauso wenig gefiel wie der jungen Heilerin selbst, sodass sogar ihre Leibspeise keine Erlösung bringen konnte und sie so gemeinsam mit dem Drachenmädchen die Nacht über wach geblieben war und der Dinge ausharrten. Irgendwann, irgendwann zog es böse in ihrem Bauch ohne dass sie sagen konnte warum oder woher es kam, nur dass es da und besonders schmerzhaft war und von einem anderen Gefühl begleitet wurde, was sie an die Seite schob. Saria war es nun auf die aufgepasst werden musste, nicht sie selbst. Sie hing vermutlich genauso an ihrem Ziehvater wie sie selbst, denn nichts anderes war Merrik in den letzten Jahren für sie geworden. Ein fremder Magier vor dem sie sich fürchtete weil er ein Magier war zu einem Freund, von einem Freund zum besten Freund und von jenem letztlich zu Familie die nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken war. So zogen die Tage dahin, das stete Geheimnis um ein Drachenmädchen mit sich tragend, doch jeder Tag der ohne Nachricht verging wurde länger und dunkler. Die Sorge kehrte ein und die leise Stimme, dass etwas geschehen war die aber vehement ignoriert wurde, denn es war genau jene Sorge die sie nicht daran hindern durfte ihren Aufgaben nachzukommen und vor allem sich auch um Saria zu kümmern. Merrik hatte sie ihr in Vertrauen übergeben für die Zeit seiner Abwesenheit, entsprechend sollte es ihr auch gut gehen. Merrik würde bestimmt ein wenig schimpfen, wenn er sehen würde dass Saria ein bisschen zugelegt hatte, weil die Heilerin ihr eben doch den einen oder anderen Leckerbissen zusätzlich gegeben hatte, immerhin war es ein Drachenkind! Das musste gut futtern damit es seine Kräfte behielt, aber jeder Tag mehr wurde immer mehr ein Tag zuviel wo die Haustüre des Hauses Ärenaue sich nicht öffnete, mit jedem Tag wurde das dumpfe böse Gefühl stärker und die Heilerin immer stiller und gereizter bis... es an ihrer Türe klopfte. Merrik? War es Merrik? Nein, der klopfte nicht, der kam einfach rein, so war da doch die Überraschung nicht gerade klein als die Edhil Amae vor ihr stand. Esther hatte eigentlich schon gewusst welch traurige Nachricht sie mit sich nach Adoran gebracht hatte. Das Gesicht verriet es und vor allem die Augen, aber sie versuchte auch jetzt noch einfach wegzuleugnen was nicht wegzuleugnen war. Der Heilerblick sah eben oftmals mehr als manchmal selber für einen gut war. Als Heiler sah man jeden Tag Leben und Tod und es berührte einen irgendwann nicht mehr so wie am Anfang, nicht weil es leichter wurde es zu ertragen sondern weil man stärker wurde, so in etwa hatte es Helisande damals ausgedrückt, doch worauf einen niemanden vorbereitete war so eine Nachricht. Das Herz schmerzte, die Brust, einfach alles und für sie war dies alles nur ein ganz schlechter Scherz. Merrik konnte nichts passieren, er war ein Magier, er konnte sich doch selbst heilen und beschützen. Er hatte versprochen auf sich aufzupassen, jedoch blieben die Tatsachen wie sie waren, egal wie sehr die Heilerin sie auch nicht wahrhaben wollte, schmerzhafte Tatsachen.
Lange Zeit hatten sie so in ihrem Häuschen gesessen während draußen, unbemerkt der Nachricht, das Leben seinen gewohnten Lauf weiterging und im Inneren Tränen vergossen wurden und die Welt zum Stillstand gekommen war.
Irgendwann war sie eingeschlafen, eher vor Erschöpfung denn dass sie es wirklich konnte. Stille war eingekehrt während es im Inneren Esthers tobte und das Atmen zu einer Unmöglichkeit wurde. Es war einsam, so schrecklich einsam in ihrer Kammer und ihrem Haus geworden, vor allem seit Amae gegangen war, doch davon durfte sie sich nicht vollständig einnehmen lassen. Trockene Tränen hieß es zu zeigen, auch wenn sie alles andere als gut darin war. Es gab Menschen die darüber Bescheid wissen mussten, denn sie hatten ihm genauso oder ähnlich nahegestanden: Helisande und Heinrik, Arenvir, Nyome, vor allem aber Nunally und Onkel Edo in Nharam.
Der erste Weg führte sie nichtsdestotrotz zu Nyome, weil sie auf sie gestoßen war. Der nächste zu Helisande und Heinrik, wo es wenigstens keiner Worte gebraucht hatte und wo es erstmals Trost und Verständnis gab. Vor allem aber Halt und irgendwie ein Gefühl der Sicherheit. Ein sicherer Hafen. In genau diesem Moment hatte sich die Last leichter und erträglicher angefühlt und in der überwältigenden Trauer mischte sich ein nicht nur geringes Gefühl der Dankbarkeit. Sie musste nicht alleine sein und durfte bleiben. Bleiben egal wer sie war, nicht allein mit der Leere, dem Schmerz und vor allem mit sich selbst, denn vor allem der Schmerz war es, der alles andere noch schlimmer machte. Ein Schmerz wie sie ihn bisher nie gekannt hatte, der Erinnerungen hervorholte an gute Momente, an weniger gute, Schmerz der Vorwürfe herauskramte und sie ihr gegen den Kopf warf. All das war jedoch ein bisschen leichter geworden dank ihnen.
Es war schwer zu atmen, es war schwer zu denken weil auch eine Art Heimweh kam. Die Erinnerung, wo sie gemeinsam mit Liana in Merriks Haus war und "sein Hund" unruhig geworden war und sie heimlich aus seinem Suppentopf genascht hatten. Der Tag an dem Liana sie das erste Mal ins Konvent geschleppt hatte damit sie Merrik die tropfnassen "Papiere" aus dem Fluss verkaufen konnte und er schon fast beleidigt war, weil sie Furcht vor ihm hatte. Merrik, wie er gemeinsam mit Liana ins Hospital gestürmt kam nachdem sie den Letharen um Haaresbreite gerade noch vor den Toren Adorans hatte entkommen können. Eine Sorge, die sie überrascht aber auch erfreut hatte. Das erste Mal wo er sich verraten hatte, dass er auch eine Tochter hat. Der Anblick wo er mit den anderen ziehen musste während sie in den Fängen des Westens verblieb. Der erste Flug auf seinem Rücken vor dem sie sich lange gesträubt hatte...

- Esther Sternlied
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- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
- In Nharam...
Von allen Gängen die sie tun musste war wohl der nach Nharam am schwersten. Nunally und Onkel Edo hatten sich mindestens genauso große Sorgen gemacht, der rege Briefaustausch hatte es jedes Mal nur deutlicher werden lassen. Sie alle waren zu Familie geworden mittlerweile, es fühlte sich an als wäre es nie anders gewesen. Amae hatte ihr geholfen nach Nharam schnellstmöglich reisen zu können indem sie flogen. Wo sonst Angst gewesen wäre, war nichts außer Betäubung und der einfache Wille einfach so schnell es geht nach Nharam zu gelangen, da blieb selbst die Angst vor der Höhe fern oder vorm Fliegen. Man hatte Nunally schon aus der Ferne auf dem Gut sehen können, die Hoffnung die beim Anblick des Drachens kurz aufkeimte nur um zu verschwinden als sie erkannte, dass es nicht Merrik war, den sie da am Himmel sah und kaum am Boden angekommen hatte es keines einzigen verdammten Wortes gebraucht, Nunally hatte es ihnen angesehen. All die Tage auf Nharam waren wie in einem Traum voller Nebel. Das Gefühl, Zuhause, wirklich Zuhause zu sein, einen Ort als Zuhause nennen zu können ohne dass ihn Zweifel begleiteten paarte sich mit dem unsäglich und unerträglichen Gefühl des Schmerzes über den Verlust. Man weinte gemeinsam, man lachte gemeinsam und man nahm sich in den Arm und mitten drin ein Sander, der viel zu viele Fragen hatte.
Gute Träume wechselten sich mit bösen ab, Träume voller Erinnerungen und Träume voller anderer Wahrheiten wechselten sich ab mit Realität und Suppenduft. Über dem Gut lag eine wohltuende und trotzdem schmerzende Ruhe, die selbst einen Connar dazu brachte sein tägliches Werken ruhen zu lassen und die Einsamkeit und den Schmerz gemeinsam zu vertreiben. Es waren lange Tage der Innigkeit und kurze Nächte der Trauer. Esther half bei den anfallenden Arbeiten mit, sorgte sich um Sander damit auch Nunally Zeit fand sich zu ordnen, denn selbst die herzensgute Frau mochte so eine Nachricht sehr mitnehmen. Es waren friedliche und sonnige Tage, wenn man es so wollte, was es schlimmer und auch erträglicher machte, auch wenn der ständige Gedanke dabei war, dass Merrik diesen Sonnenschein nicht mehr spüren konnte, nicht die Blumen riechen wie sie gerade dabei waren zu erblühen und ihren Duft zu verbreiten. Den Geruch der Weinreben oder des frischen Weins der angesetzt wurde. Warum nur begann man solche Dinge zu sehen, wenn es zu spät war? Warum waren Ängste manchmal zu groß um sie zu überwinden nur damit es zu spät war wenn man sie überwunden hatte.
Und dann gab es die Momente, wo Nunally und sie gemeinsam mit Sander auf der Bank neben der Tür saßen, den Jungen schlafend in den Armen und auf dem Schoß während sie selbst angelehnt an Nunally saß und sie gemeinsam der Sonne dabei zusahen wie sie über Nharam unterging. Es würde trotz allem ihr Zuhause bleiben, dort wo trotzdem noch ein Teil Merriks war und bleiben würde. Doch der Frieden und der Stillstand der Zeit hielten nicht lange an als wieder ein Drache am Himmel erschien, der gleiche, der sie nach Nharam gebracht hatte. Sie musste zurückkehren, zurück in die Wahrheit vor der sie am liebsten für immer geflohen wäre. Für den Abschied von allen ließ sie sich aber Zeit, jeden kostbaren Moment davon in innerlicher Umarmung bis sie los musste um zurück nach Adoran aufzubrechen. Im Hintergrund, denn auch dort war es wichtig und mitten in Adoran war noch ein wichtiges Gut, Saria, um dass sie sich noch kümmern musste... nein, durfte. Amae hatte ihr deutlich gesagt, dass auch das Drachenmädchen ein neues Zuhause brauchte; nicht sofort aber bald, sodass die Heilerin die vielen kleinen Momente nutzte, um bei ihr sein zu können. Solange bis auch diese Zeit vorbei sein würde...

- Esther Sternlied
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- Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07
- In den Tagen vor dem Lager hatte sie schon kaum oder gar nicht schlafen können, einzig der Rat Heinriks hatte ihr geholfen um wenigstens für kleine Momente Ruhe zu finden in dem Sturm der in ihrem Kopf tobte. Im Lager selbst würde sie sich das nicht erlauben können und die wenigen Momente wo sie eingeschlafen war, schwirrte Aliyahnas Gesicht in ihren Träumen herum und jagte sie, mal in Form eines Panthers mit ihrem Gesicht, mal trug sie eine Panthermaske und versuchte sie von Neuem mit Schmerz zu peinigen. Die einzige Erlösung in diesen Tagen brachte das gerauchte Wildkraut, doch selbst das würde ihr nicht mehr helfen, wenn sie auf Aliyahna stoßen würde.
Als es an den Aufbruch ging, schwirrten ihr allerhand Gedanken und Sorgen durch den Geist, denn sie wusste nicht wie sie reagieren würde. Es war ein langer Marsch, immer wieder ein Blick zurück ob niemand zurückgeblieben war, während der Rest vorauseilte um so schnell es nur ging ans Ziel zu gelangen. Immerhin ließen die Gedanken sie in Ruhe, immerhin hatte sie jetzt eine Aufgabe.
Planen, Balken wurden hastig hin und hergeschleppt, sie packte mit an wo es nur ging und hatte bei alledem Rache im Sinn vor dem sie selbst erschreckte, doch die Gefühle die in ihr aufwallten waren so stark, dass sie nicht weichen wollten. Es brannte in ihrer Brust und ihrer Kehle, der Kampf mit sich selbst und den Rachegelüsten, brachte ihr Herz zum Rasen und die Hände zum Zittern, ließ kalten Schweiß unter der Rüstung mit dem Gambeson ausbrechen und machte ihr das Atmen schwer. Überall um sie herum war fleißiges Treiben, jede Hand arbeitete so rasch es ging bis Rufe erschallten. Feindeskontakt. Nein, sie war mit dem Aufbau beschäftigt und dabei würde sie bleiben. Sie zog wieder fester an der Plane des Zeltes bis...
"Esther, jetzt komm schon! Komm endlich!", schallte es durch ihre Gedanken und irritierten sie. Brauchten sie doch einen Feldscher nun? "Hör auf dir Zeit zu lassen und komm endlich!"
Spätestens beim zweiten, ungeduldigen Ruf ließ sie die Plane los, eine Hand weniger wäre ohnehin egal und im Lazarett hatte sie ohnehin nicht arbeiten sollen obwohl sie Feldscherin war. Doch danach war es als wäre jeder Gedanke von dannen gewischt und sie fand sich unvermittelt im Rücken Helisandes wieder. Wie nur war sie dorthin gekommen? Doch es war nicht nur der Rücken Helisandes vor dem sie stand, auch der Feind war vor ihnen und mitten unter ihm Aliyahna. Das Blut begann zu brodeln, sie würde sie immer erkennen, wenn sie vor ihr stand. Egal ob maskiert oder nicht, aber sie konnte sie regelrecht spüren, ihre Peinigerin, ihr Folterknecht. Es rauschte in ihren Ohren sie dort zu sehen, hoch zu Ross hinter den Reihen ihrer Verbündeten. am liebsten wäre sie einfach vorangestürmt und hätte sich auf sie draufgeworfen, sie vom Pferd gerungen... und dann? Wäre sie dann besser gewesen als diese Templerin? Nein. Das wäre sie nicht. Zittrig ging der Atem aus ihr heraus, spätestens als der Nebel sich über den Anblick legte kam von neuem Wut auf und der innere Kampf focht mit ihr, doch dann entschieden andere für sie und der Kampf begann. Sie war Heilerin und eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, Wunden zu flicken und nicht hinzuzufügen. Doch dies war anders, hier wurde gekämpft auf Leben und Tod. Irgendwann musste einer der Bolzen getroffen haben, ein Pferd wieherte wild auf und dann erschallte Aliyahnas Stimme so klar in ihren Gedanken, als würde sie neben ihr stehen. Ein Kichern, versetzt mit Ärger, darauf ein Panther der sie anspringen wollte und nur dank Lydias beherztem Eingreifen daran gehindert werden konnte sie zu zerfetzen. Chaos herrschte, eine Stimme, die sie ebenfalls wiedererkannte nach all den Jahren. Wut, dass der unschuldige Knabe Kevke vom Feind verführt wurde und nun in ihren Reihen kämpfte um sie anzugreifen, die die ihm geholfen hatte... Wesen, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte griffen sie an, sie konnte sich erwehren aber nicht jeden Schlag abwehren. Die Feldscherin kämpfte mit allem was sie hatte und in jedem Moment der ihr etwas Luft zum Atmen ließ schoss sie erneut mitten in den Nebel hinein, einzig mit dem Wunsch SIE zu treffen. Und sie musste getroffen haben oder knapp, denn erneuter Ärger überschwemmte ihre Gedanken und dann... Schwäche. Unsäglich große Schwäche die erfüllt war von Panthergrollen und -fauchen, Erinnerungen die sie vergraben haben wollte und Panthern, die sie in ihren Gedanken jagten und gegen die sie machtlos war.
Es war ein Rauschen als würde das Meer über sie hinwegbranden, als würden tausende Pantherpfoten auf ihr herumtrampeln und sie am Boden halten. Die Schwäche war so überwältigend dass in ihr Übelkeit hinaufstieg und sie machtlos am Boden liegen ließ. Irgendwo erschallte Lydias Stimme die ihren Namen rief... die Helisandes Namen rief, Hände die sie ergriffen und davontrugen und dann... nur Panther. Überall Panther und Dunkelheit, die sie verschlingen wollte. Panther die sie verschlingen und in eine Düsternis ziehen wollten, der sie nicht verfallen durfte. Bilder kamen auf in diesem Loch in das sie fiel, die allumfassende Schwäche, die sie machtlos sein ließ bis irgendwo ein Licht erschien. Erst ganz leise eine Stimme die mit der Wärme die sich näherte lauter wurde, verständlicher. Raias Stimme die die Hand nach ihr ausstreckte um sie aus der Tiefe dieser Verdammnis herauszuholen. Immer wieder rutschte ihre Hand von Raias ab, es war als würden unzählige Arme immer wieder nach ihr greifen und sie zurückziehen wollen in dieses Dunkle aus dem sie befreit werden sollte.
Und dann.. irgendwann... war das Licht und die Wärme allumfassend, bereitete ihr Sicherheit und Frieden und der Anblick Raias war es dann, der sie wieder dorthin brachte wo sie hingehörte. Nicht in die Dunkelheit sondern ins Licht das das Böse und Grauenvolle vertreiben konnte. Die Gedanken trieben stückhaft herum, ziellos doch frei von Rache oder Hass, nur mit Frieden erfüllt in diesen Momenten. Gesichter tauchten auf... Raias, Lydias, selbst das von Djugeirr und Lester. Wo kam Lester nun nur her? Sogar Merrik tauchte auf bis sie am Ende völlig erschöpft von den Nachwehen einschlief... ohne Träume doch von Wärme erfüllt.