Mandir'ith, Dämonologe
Neun Jahre zuvor:
Das also bedeutete es zu sterben...
Keine Fanfaren, kein letztes Geleit. Einfach nur ein verblassendes Bewusstsein, eine große Müdigkeit und die stete Erinnerung an den treuen Begleiter des Alters: Schmerz.
Hätte er noch die Kraft dazu gehabt, hätten sich seine Lippen vielleicht zur Grimasse eines Lächelns verzogen, denn wieder einmal drangen die fernen Worte seines Meisters Shan'Rhyl durch den Schleier des Vergessens an sein Bewusstsein: "Labe dich an dem Schmerz...er wird deinen Hass ins Unermessliche steigern...und somit deine Macht!"
Es war seltsam, dass diese Worte immer dann in seiner Erinnerung wie Luftbläschen aus der Schwärze des Sees seines Gedächtnisses aufstiegen, wenn seine Existenz bedroht zu sein schien. Vielleicht fungierten sie als eine Art Anker des sterbenden Gehirns: eine der stärksten, frühesten Erinnerungen seines Lebens... Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss, ehe alles zum Ende kam.
Vielleicht war es die Klinge eines Feindes, vielleicht eine Kreatur in einem der zahllosen Verliese und versunkenen Schatzkammern dieser Welt gewesen. Vielleicht aber einfach nur ein versagender Leib, der zu lange über das Angesicht Gerimors gewandelt war. Eine Hülle - ein Werkzeug - die man bis zum Äußersten getrieben hatte, verdorben und korrumpiert durch die Kräfte, die der Geist darin zu manipulieren gelernt hatte.
Als das Leben aus ihm herausfloss, verlor sich das "Weshalb" in Bedeutungslosigkeit und auch das "Wo" verblasste zu einem vagen Ort, an dem ihn niemand finden würde - vor allem nicht "rechtzeitig", um ihm zu helfen, ihn zu retten, falls er es denn in seinem verzerrten Stolz überhaupt zugelassen hätte.
Nur das "Wie" gewann an Interesse, denn gleichermaßen zu den schwächer werdenden Vitalzeichen des Leibes spürte er eine Art Sog, ein Ziehen, am innersten Sein seiner Selbst. Das, was ein Kleriker vielleicht als Seele bezeichnen würde. Vielleicht waren es nur die letzten Halluzinationen eines sterbenden Gehirns, aber für einen Augenblick lang glaubte er, seinen Leib von Außen zu sehen, so als würde er vielleicht zwei Schritt über dem Körper schweben und darauf hinabblicken. Dann gewann der Sog an Stärke, potenzierte sich ins Tausendfache und riss scheinbar das, was von ihm übrig war, aus dieser Sphäre.

Für einen Augenblick lang drangen Bilder an das Echo seines Bewusstseins: eine tote, endlose Ebene, über die verzerrte Gestalten schritten. Manche davon klein, nicht größer als Kinder; andere titanisch - verdrehte Leiber als schwarze Schemen vor einem giftgrünen Himmel.
Weit entfernt am Horizont glaubte das Bewusstsein, das einmal Syrr'ael gewesen war, eine gigantische schwarze Festung emporragen zu sehen, erbaut in einer Geometrie, die sich jeder Vernunft zu entziehen schien, und aus dieser Richtung schien auch der ursprüngliche Sog gekommen zu sein, der ihn an diesen Ort geschleudert hatte.
Vor ihm aber ragte ein giftig grüner See auf, vielleicht aber auch nur ein Morast, an dessen Rand zahllos die vage erkennbaren Überreste humanoider Gestalten lagen. Manche davon schienen "frisch" zu sein, wiesen noch vor Pein oder Ekstase verzerrte Gesichtszüge auf, andere hingegen schienen zu dunkler Schlacke verfallen zu sein aus der, am Ende welchen Prozesses auch immer, schattenhafte Kreaturen emporstiegen um sich zum wilden Reigen im Inneren des Sees zu gesellen.
Dann spürte er auf einmal, wie der Kern seines Bewusstseins zu Zerfasern begann, als rissen hungrige, abertausende Ratten an seiner Essenz und er fühlte, wie die letzten Reste rationalen Denkens langsam begannen ausgelöscht zu werden, um nur einen einzigen Gedankenstrom als endgültiges Maxim zu hinterlassen:
Zerreiße, Vernichte, Vergifte!
Endlich der Lohn eines über 13 Dekaden dauernden Lebens im Dienste Alatars! Endlich die endgültige Loslösung aus dem verhassten Fleisch eines besudelten Leibes!
Er spürte, wie sich die Transformation dem Höhepunkt zuneigte und schloss genussvoll die metaphorischen Augen, ehe die kümmerlichen Reste der Existenz als Lethar von der reinigenden Essenz der Disharmonie hinweg gebrannt werden würden und er sich neu als Elementar reinsten Hasses erheben würde.
Aber etwas, ein fauliger, schwarzer Kern inmitten seines Selbst schien sich zu widersetzen. Ein Geschwür, ein Parasit, schon seit so vielen Jahren in seiner Seele eingenistet - und so klein, klein, klein, dass er es in seinen wachen Momenten nicht wahrgenommen und darüber hinaus nur als schmerzliches Echo einer unangenehmen Erinnerung abgetan hatte. Etwas, das selbst aus Disharmonie zu bestehen schien, nur anders polarisiert, irgendwie verdreht. Ein Kokon, der nun, als die Matrix seines Wirtskörpers aufgelöst und neu geformt wurde, zu Tage trat und selbst ein dissonantes Kreischen auszustoßen schien, ein Schrei voller Wut und Furcht zugleich.
Sofort schien sich der Fokus einer der gigantischen Kreaturen inmitten des Sees auf ihn zu fokussieren - eine Art Aufmerksamkeit, die heißer als die Sonne brannte und die jede Faser seiner Existenz zu evaluieren schien. Dann ein psychischer Schrei, ein zorniges Blubbern am Rande seiner Gedanken:
"UNREINER! BESUDELTER! DU HAST HIER KEINEN PLATZ!"
Und er spürte nur noch, wie sein Bewusstsein hinweggefegt, seine Existenz aus dieser Sphäre gedrückt, wie ein Furunkel herausgedrückt wurde und ehe ihm auch nur das psychische Äquivalent eines Schreies entfahren konnte, wurde es Schwarz um ihn.


