Der Tag danach
Als er aufwachte, musste er erst einmal begreifen, wo er überhaupt war, und er fühlte sich wie nach dieser furchtbaren Woche, als er sich durch die übelsten Kaschemmen von Drachenfels gesoffen hatte!
Es gab gewisse Gemeinsamkeiten: Hatte er gestern bewusstlos und fast nackt auf einem Tisch gelegen? Ja. Hatte er gegen andere Leute gekämpft? Ja. War er von Gardisten abgeführt worden? Ja. Hatte es einen Menschenauflauf seinetwegen gegeben? Ja. Frauen, die weinten, weil sie ihn für sich verloren glaubten? Ja. Was, Mehrzahl?! Ja!
Stöhnend setzte er sich auf und vergrub das Gesicht in den Händen.
Immerhin war das hier nicht der Matsch der Gosse eines Hafenviertels, sondern ein weiches, sauberes Bett in einem kleinen, aber sogar gemütlichen Zimmer. Im Kloster. Das er die nächste Zeit nicht verlassen durfte. Im Moment war er sogar ganz dankbar darum. Weeem hatte er gestern -und eigentlich vorher schon - alles auf die Füße getreten? Gute Götter!
Und 'auf die Füße getreten' war gut... er hatte Innes einen Feuerball entgegen geschleudert und zwar nicht die kleine Variante! Ein erstes Ächzen.
Wie es ihr wohl ging? Vor sein geistiges Auge kam wieder der Anblick, wie sie hinter dem Schmucktischchen in seinem Flur kauerte und auf ihn einredete, als wäre er geistesgestört - was sich im Nachhinein als bedauerlich nah an den Tatsachen herausgestellt hatte - und wie er argwöhnte, dass sie nur Zeit schinden wollte, bis Nymeria und weitere Arkorither einträfen, ihn überwältigen und mitnehmen würden!
Hier. Im Adelsviertel. Ja klar!
Ein weiteres Stöhnen.
Stattdessen war Marlan aufgetaucht. Ausgerechnet Marlan. Nachdem Aaryon ihn und Cecilia erst mit einem mehrfachen wütenden "Raus!" seines Hauses verwiesen hatte. Cecilia!!! Was für Schwachsinn hatte er den beiden vorgeworfen? Ach ja... dass sie sich zusammen getan hätten, um zu arangieren, wie Serina hier angekommen war und dass das alles nur Theater gewesen wäre... Fassungslos über sich selber schüttelte er den Kopf. Ob sie ihm je verziehen?
Wie hatte Marlan das geschafft, die Ruhe und vor allem einen klaren Kopf zu bewahren, nachdem er dem vor Angst und Verfolgungswahn durchdrehenden Hochedlen von Hohenfels 'zusichern' musste, dass er ihm glaube, dass Innes eine Doppelagentin Rahals, womöglich gar eine Arkoritherin wäre und sie abzuführen, statt Aaryon einfach in einem günstigen Moment, in dem er an ihm vorbei ging, eins über den Schädel zu ziehen?
Seine Mutter hatte ihm mal von einer ähnlichen Sache erzählt: da hatte sie wegen einer Krankheit schon fast im Fieberwahn die ganze gerade verfügbare varuner Garde durch einen Wald bei Berchgard gejagt, ihn nach Rahalern abzusuchen, und einen harmlosen Barden festgenommen - was hatte der kleine Aaryon gelacht...
Stattdessen schickte Korporal Marlan Kabo Aaryon zu Cecilias Haus, wo sich Serina aufhielt. "Ihr verliert sie gerade!"
Der junge Mann auf dem Klosterbett sank tiefer in sich zusammen.
Serina verlieren...
Seine Hände begannen, zu zittern. Aus den leisen Ächz-Geräuschen, die von Zeit zu Zeit entfleuchten, wurde ein noch leiseres Wimmern. Wie, um Himmels willen, hatte sie ihm so rasch verzeihen können, wie sehr er sie in seiner Villa bloßgestellt hatte?! WIE hatte er sich in den Gedanken verrennen können, sie könnte unter ihrem Mantel, den zu öffnen sie sich weigerte, einen Dolch verstecken, um ihn anzugreifen?!
Und dann... drohte das irgendwie fast schon ein zweites Mal in ihrem eigenen Haus, nur war jetzt nicht Marlan mit im Raum, sondern Arenvir! Naja: und Marlan stand draußen vor der Haustür. Und um das Haus herum verteilt, absichernd, das halbe Regiment. Und Amelie. Schimpfend. Und Sir Keylon. Und irgendeine Klosterwache glaubte er, kurz gesehen zu haben. Und...
Götter!
Sie hatten ihn abgeführt, nicht wahr? "Was hälst du für sicherer? Das Konvent? Oder das Regimentskastell?" Arenvir hatte im Raum gestanden wie ein weißer Leuchtturm in der Brandung. Obwohl Aaryon zuvor auch ihn schon angefangen hatte, mit abstrusen Verdächtigungen in Zusammenhang zu bringen, hatte er völlig zugewandt und ernst gewirkt und so sein Vertrauen gewonnen.
"Wir müssen prüfen, ob Innes dich nicht doch mit einer Nadel gestochen oder einer Klinge geritzt hat, als sie dich anzugreifen versucht hat! Manche Gifte wirken schleichend, aber wir sollten keine Zeit verlieren", verkündete Arenvir im Brustton der Überzeugung und nahm ihn mit, 'eskortiert' von dem ganzen Regimentstrupp, den er mitgenommen hatte.
Hätte Aaryon geahnt, dass sie drauf und dran gewesen waren, das Haus zu stürmen...
Im Konvent dann ließ Arenvir die Gardisten ihre Waffen bei Magister Eibenbruch abgeben. Und dann auch ihn seine - den so mühsam eroberten (ha!) Schwertgurt...
Eigentlich war er stutzig geworden. Dass er als Adliger hier seinen Schwertgurt trug, war doch zuvor nie ein Thema gewesen?
"Dann hab ich das bisher nur übersehen", meinte Arenvir schlicht. Ja. Aaryon atmete durch. Und er wiederum wollte vor den Gardisten, besonders Marlan, den er verdächtigte... und Greya Ontanu eigentlich auch... mit Arenvir nicht diskutieren. Nicht die Authorität des Arcomagus schmälern. Und verloren hätte er die Debatte eh. Aber nein! Er hatte Arenvir in diesen Momenten wieder wirklich vertraut.
"Wenn er deine Zähne im Verdacht gehabt hätte, hättest du sogar freiwillig dein Gebiss raus genommen!", dachte er zynisch-selbstkritisch.
Fast musste er grinsen.
"Ich mein... das kostet doch eigentlich schon Einiges, dich dazu zu bringen, dass du freiwillig im inneren Kern des Konvents an einem kalten Steintisch lehnend die Hosen runter lässt, um dich untersuchen zu lassen, während Gardisten mit im Raum stehen?!"
Die elegant-zielstrebige Verschlagenheit seines Mentors am eigenen Leib erlebt zu haben, erweiterte das bisherige Maß an Respekt und Ehrfurcht vor ihm gerade gehörig.
"Verscherz es dir nicht mit ihm. Niemals!", nickte er bedächtig vor sich hin. Und schalt sich kurz einen Idioten, den Kopf so weit zu bewegen!
Und was dann passiert war, wusste er irgendwie gar nicht.
Plötzlich hatte Berenguer im Raum gestanden. Mit seinem Schwertgurt, in ein Tuch gewickelt. Wie war die zu ihm gekommen? Und wann?! Und warum dröhnte Aaryons Schädel, als hätte man eine Schraubzwinge um etwas herum abrupt pulverisiert, was sowieso schon zu platzen gedroht hatte?
Kloster.
Baum des Lichtes.
Endlich sowas wie... Frieden.
Und Sorge. Greya? Nein, kein Fluch. Arenvir? Nein, kein Fluch.
Aaryon? Er trat vor Berenguer, auch wenn sie beide das Ergebnis doch eigentlich schon wussten... Die eigentlich angenehm prickelnde Wärme, die sich unter seiner Haut ausbreitete, rührte an etwas, das seinen Kopf in Agonie versinken lassen wollte und ließ Übelkeit aufsteigen, die er nieder kämpfte. Er würde sich hier jetzt
nicht übergeben!
Wissend nickte der Inquisitor. Worte wurden gewechselt, an die er sich nur noch verschwommen erinnerte. "Kloster nicht verlassen." Ja. Gut.
Warum war der Schwertgurt verflucht gewesen? Sie hatten ihn ihr doch im Kampf abgenommen, gegen ihren Willen? Warum durch Rabendämongesocks, statt durch Magie?
"Magie hätten wir sofort bemerkt." Naheliegend. Also klerikal. Aber warum... Rabendiener? Und nicht Templer?
"Eine Lektion über ihre Verschlagenheit, die Ihr nun lernen musstet", oder etwas in der Art hatte Berenguer gesagt.
Sacht schüttelte Aaryon, auf dem Bett hockend, den Kopf - kaum mehr als ein angedeutetes Schwenken. So viel also zu seinem "Sieg".
Dieses...
MISTWEIB!