Die Linie unter der Haut - Echo eines zerbrochenen Erbes

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Nemia Werheim
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Registriert: Samstag 29. Dezember 2018, 19:11

Beitrag von Nemia Werheim »

Die Tage, die seit dem letzten Aufeinandertreffen vergangen waren, hatte Nemia nicht in Untätigkeit verbracht. Während die Schatten der Vergangenheit sie noch immer begleiteten, zwang sie sich, den Blick nach vorne zu richten. Die Belange des Ordens duldeten keinen Aufschub. Immer wieder war sie in Sitzungen anzutreffen, in denen Strategien für unterschiedliche Themen behandelt wurden oder beobachtete wie die anderen Arkorither zu Besprechungen aufbrachen, während sie andere Aufgaben hatte. Zwischen all dem glomm eine fast greifbare Anspannung in ihr, um endlich von dem Besucher in der Aussenstelle Bescheid zu bekommen, dies war nun das nächste Lied in diesem Stück.. und die Antwort kam, ein Termin, bald schon, sehr bald.

Sie benötigte noch etwas für den weiteren Plan und so kam ihr diese Rasharii in den Sinn, die sie vor einiger Zeit kennenlernte, eine Heilerin. Der Weg führte in den Rakun. Wie gewohnt überschüttete die Rashar Nemia mit neugierigen Fragen, doch diesmal lag ein anderer Tonfall in der Stimme dieser Rasharii. Skepsis. Nachdenklichkeit. Sie sprach von seltsamen Vorgängen im Reich: Ihrem Stamm, der im Dunkeln gelassen wird. Nemia hörte schweigend zu und das Unbehagen, das die Worte der Rasharii in ihr auslösten, wuchs. Denn sie kannte es, auch der Orden wurde wieder im Ungewissen gehalten, auch ihnen blieben Zusammenhänge verwehrt, als würde man bewusst Schleier zwischen sie und die Wahrheit legen.
Nemia sah ihr die Frage an, ohne das sie es aussprechen musste. „Was verbergen sie vor uns?“
Nemia konnte ihr keine Antwort geben, auch wenn in ihren Gedanken eine andere Antwort bereits parat lag, dieser Nebel lag schon lange im Reich, war er auch einer der Auslöser für die Mission, auf der sie sich nun befand. Doch stattdessen hatte sie nur eine Geschichte anzusprechen, die immer wieder an die Oberfläche drängte, ob sie wollte oder nicht. Und so begann sie zu erzählen – nicht von Gerüchten, sondern von dem, was sie selbst erlebt hatte.

Ihre Stimme wurde leiser, als ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückkehrten: zurück vor die Tore von Adoran. Dort, wo das Schicksal den schwarzen Tyrannen und sie selbst auf so unmittelbare Weise einander verknüpft hatte. Sie lief ihm im Niemandsland vor Bajard einfach zufällig in die Arme, wie er alleine auf seinem hohen Ross scheinbar Richtung Lichtenthal wollte. Diese Präsenz die er versprühte war atemraubend, als wäre er der dunkelste Schatten höchst selbst. Nur sie beide, isoliert von allem, ein unentrinnbares Band, das sie in diesem Moment zusammenzwang. Zumindest für sie, denn sie folgte ihm. Ihre Hand ballte sich und in dieser unbewussten Bewegung spürte sie wieder den Zügel seines Streitrosses in ihrer Faust welches sie gehalten hat.
Doch war sie gar nicht so alleine. Die Letharen erschienen dort ebenso. Sie hielten stand, dort, wo andere längst zurückwichen und sich sogar gegen sie wendeten. Sie blieben bei ihm, während selbst die eigenen sich gegen den Alka wandten. Sie hörte die kreischenden Stimmen der Wut, als sich jemand in den Kampf eingemischt hat und die eigenen Leute sie bedrohten, nicht eingreifen zu dürfen. War dies der Ursprung des tiefen Misstrauens, das sie noch heute umgab? Trugen sie jenen Tag wie ein Brandmal in ihren Gedanken?
Seit jenem Augenblick war nichts mehr wie zuvor gewesen. Ein Schnitt in der Zeit, der alles verändert hatte.

Die Rasharii schwieg, während Nemias Worte verklangen. Doch das Funkeln in ihren Augen zeigte, dass sie die Last verstand. Nemia selbst war irritiert, wie konnte es sein, dass all diese Gedanken, die sie Nacht für Nacht in den Träumen heimsuchten, scheinbar auch in anderen Köpfen zu kreisen schienen? Als wolle das Rad der Zeit unweigerlich an denselben Punkt zurückkehren, an dem es einst gebrochen war.

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Später am Abend..
Nemia saß vor dem Maestro, der in seiner ruhigen, durchdringenden Art sprach. Worte über Dämonen, über Jagdmethoden, über Gefahren und Möglichkeiten. Doch während er redete, war Nemias Aufmerksamkeit immer wieder bei dem Gegenstand in ihrer Hand: einem versiegelten Brief. Das Siegel erkannte sie sofort – es war ihr kleiner Hahn. Der Maestro erklärte beiläufig, er habe ihn in seinem eigenen Postkasten gefunden.
Ein Schauer durchfuhr Nemia. War er wirklich hier gewesen? Selbst wenn nur für Augenblicke? Der Gedanke, dass er den Weg in die Nähe des Ordens gefunden hatte, überraschte sie und zugleich beruhigte es sie, dass sie offenbar immer noch nicht wussten, wo genau sie lebte. Aber nein, er würde doch bestimmt Handlanger schicken, das passte besser in Nemias Bild von ihm.

Das Gespräch mit dem Maestro verlief tiefgründig, ernst. Sie sprachen über Pentakel, über Rituale und die Verantwortung, die auf ihr lastete. Doch immer wieder glitt ihr Blick zu dem Brief. Ihre Finger strichen über das Siegel, als würde sie die Worte darin schon durch das Pergament spüren. Schließlich, nach der Verabschiedung, besser gesagt, Wegscheuchung durch den Maestro, als die Tore der Ordensburg sich hinter ihr schlossen, hielt sie es nicht länger aus.

Das Siegel brach und ihre Augen flogen ungeduldig über die Zeilen. Zunächst musste sie schnauben, beinahe lachen – da war Spott, eine gewisse beißende Amüsiertheit, als wolle er sie reizen, verhöhnen. Doch je weiter sie las, desto ernster wurde ihr Gesicht. Manche Worte ließen sie mürrisch werden, lösten Unzufriedenheit aus. Sie kniff die Lippen zusammen.
Und doch … zwischen dem Gift, das in jeder Zeile tropfte, schimmerten auch Fragen hervor. Neugierde, Andeutungen, die sich nicht wie ein Abschied anfühlten. Nein, dies war kein Ende, sondern eher eine Aufforderung: „weiter so“.

Nemia schloss die Finger um das Pergament und ihre Augen verengten sich. Oh ja, sie würde weitermachen. Weiter, bis zum bitteren Kern. Denn da war noch etwas – etwas, worüber er in seinem Brief schwieg, aber das nur darauf wartete, ans Licht gezogen zu werden. Vielleicht schon mit dem Rosenschlüssel, dem sie ihm in seiner kleinen persönlichen 'Quest' hinterlegte.

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Evilyn Serav
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Registriert: Dienstag 8. März 2022, 20:06

Beitrag von Evilyn Serav »

An diesem Morgen löste Evilyn ihr Versprechen gegenüber Nymeria ein. Wissen gegen Palastbesichtigung – so war es vereinbart und so musste es geschehen. Also ließ sie die Frau an ihrer Seite durch die Hallen schreiten, Raum für Raum, Tür für Tür. Es interessierte sie, was Nymeria zu entdecken glaubte. Denn Argwohn allein öffnete keine Geheimnisse, und manchmal offenbarte man mehr, wenn man den anderen gewähren ließ.
Evilyn spürte die Blicke, die Nymeria auf jede verschlossene Schwelle warf, und sie wusste: Diese Frau suchte etwas Bestimmtes.
Doch der Palast atmete anders, er gab seine Geheimnisse nicht so leicht preis. Die Hallen lagen in jenem Schweigen, das ihr vertraut war, und doch schien die Stille heute drückender zu sein. Evilyn stand neben ihr, und jeder Schritt Nymerias ließ eine Unruhe in ihr aufsteigen, die sie kaum zu benennen wagte.
Nymeria hatte ein seltenes Talent: die Welt mit Worten zu verkleiden. Jede Erklärung klang wie ein geübtes Manöver – glatt, überzeugend, fast zu makellos. Evilyn hatte schon viele gehört, die glaubten, mit scharfer Zunge bestehen zu können. Wenige beherrschten es wirklich. Doch bei Nymeria spürte sie einen Widerhall, fast wie bei sich selbst: dieses unerschütterliche Wissen, dass Worte ebenso schneiden konnten wie Klingen.
Und genau das nährte ihr Misstrauen.
In Nymeria erkannte sie eine Spiegelung, die ihr missfiel. War sie selbst einst so gewesen? So begierig, hinter die Mauern zu blicken, wo andere nichts ahnten? Nymeria streckte ihre Finger an zu vielen Stellen zugleich aus, als wollte sie alles berühren, alles ergreifen. Evilyn fragte sich, wie lange man so viele Wege gleichzeitig beschreiten konnte, ohne irgendwann zu stolpern.
Als sie die Treppen zum oberen Stockwerk erreichten, zog sie die Grenze. „Zutritt verwehrt. Privatgemächer.“ Ihre Stimme klang fester, als ihr Herz es zuließ. Sie sah, wie Nymeria innerlich knirschte, auch wenn ihr Gesicht ungerührt blieb.
Hier, wusste Evilyn, endete die gemeinsame Begehung.

Später, allein in ihren Gemächern, erinnerte sie sich an Nymerias Augen. Türen hatte sie geöffnet, ja – doch niemals den Schlüssel zu ihrem Vertrauen preisgegeben.
Diese Frau war zu nah, zu ähnlich, und zugleich zu unbeständig. Ein Schatten, der jede Form annehmen konnte, bis man nicht mehr wusste, welche die Wahre war.
Und doch: Das Wissen, das Nymeria ihr gegeben hatte, war nicht wertlos. Vielleicht stellte es jetzt noch keine unmittelbare Macht dar. Aber es war ein Puzzleteil, klein und unscheinbar, das sich in ein größeres Gefüge einfügte. Stück für Stück wurde dieses Bild klarer – ein Muster, das sie bisher nur ahnte, das nun aber langsam Gestalt gewann.
Zuletzt geändert von Evilyn Serav am Donnerstag 21. August 2025, 10:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Aaryon von Hohenfels
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Registriert: Samstag 4. Januar 2025, 13:02

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Tief durchatmend lehnte er sich zurück und genoß das warme Wasser, in dem sich rasch schwarze Schlieren bildeten. Was für eine Sauerei! Hätte sie nicht eine elegantere Lösung wählen können, um ihre Flucht einzuleiten, als ausgerechnet Ruß im ganzen Raum dieser Ruine zu verteilen?!
Eigentlich konnten sie froh sein, dass die Begegnung mit Nymeria so "glimpflich" abgelaufen war: Gefühlt dutzende Fallen hatten das Haus gepflastert, die Innes nach und nach entschärfte, bis sie endlich die Kiste fanden, in der hoffentlich endlich nach all den verflixten Ratespielchen sein Schwertgurt lag! Aber dann.. war das absolute Chaos ausgebrochen. Erst hatte ein Deckenbalken nachgegeben, irgend ein Gekrächze erklang, Valentin sprang erschrocken zur Seite, die Bodendielen brachen knirschend, Valentin stürzte ins Erdgeschoss, Innes rettete sich mit einem Sprung auf ein festeres Mauerstück und Aaryon, draußen als Eichhörnchen verwandelt, hielt es nicht länger aus und flitzte ins Haus, um nach Valentin zu sehen: ungute Erinnerungen und Panik brachen hervor, als er seinen Leibwächter unter Trümmern liegen sah! Aber er rappelte sich fluchend bereits wieder auf... es schien nichts allzu Ernstes passiert? Dafür hörte Aaryon oben auf ein mal Nymerias Stimme, verengte die Augen und humpelte zur Treppe:
"Du kriegst Innes nicht!", dachte er, zum Kampf entschlossen und bereitete in Gedanken bereits einen Blitz vor...
"Oh.. nein! NEIN!" Aaryon zuckte zusammen, als Valentin seinen schärfsten Befehlston nutzte, um ihn davon abzuhalten, die Treppe hoch zu humpeln - was ein Glück war: denn Nymeria kam durch das Loch im Boden über ein vorbereitetes Seil herunter und landete - unvorbereitet - direkt zwischen ihm und Valentin!
Britzelnd und Funken sprühend flog der Arkoritherin die Blitzkugel frontal entgegen, und ebenso frontal flog Valentin daraufhin die Arkoritherin entgegen. Dabei entdeckte Aaryon, dass sie dreisterweise noch immer seine Schwertscheide um die Hüften trug!

"Mistweib!", fluchte er wütend, während die Schwarzberobte allen Ernstes anfing, seinen Leibwächter dafür anzukeifen, dass er durch den Boden gebrochen war, "Rück den Schwertgurt raus!" "Ich nehm ihn mir sonst von deiner Leiche!"
"Der gehört mir!"
Nymeria wich zur Haustür zurück, als Innes sich auf sie stürzte und sie beide gegen den metallenen Türflügel krachten. "Oh nein, du wirst NICHT noch mal damit davon kommen!" Dem jungen Magier war es egal, dass er so unelegant aussehen mochte wie ein Pinguin bei einem Sprung auf Land: er ließ die Krücken los und hechtete auf Nymeria zu, bekam die untere Spitze der ledernen Schwertscheide zu fassen. Der Zug nach unten ließ den nicht allzu fest gezogenen Gürtel über die voluminöse Robe gleiten und Nymeria war mehr damit beschäftigt, um ihr Leben fürchtend eine Phiole mit Wucht auf den Boden zu werfen, während Valentin mit vorgestreckter Klinge auf sie zulief - den Zweihänder wie eine Lanze führend, um nicht stattdessen Innes zu treffen.
Eine schwarze Wolke wallte auf!
Ruß.
Das häßliche Geräusch, wenn Metall über Metall schabt.
Ersticktes Röcheln.
Schmerzschrei.
Fluchen.
Poltern.
Gehuste.
Das Kreischen einer hysterischen Furie:
"Verdammt seid ihr! ICH WERDE... DAS WIRD ... DIR LEID TUN!"
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Lachen drang aus dem Badezimmer. Was für ein Chaos! Und sie war geflüchtet - zum zweiten Mal gerannt wie ein Hase, ha! Sie hatten den Schwertgurt!
Was kümmerten ihn jetzt noch diese Kiste und weitere belanglose Briefe von ihr? Schluss mit diesen albernen Rätseln! Er würde nicht mehr darauf reagieren und hob alles bisher Erhaltene nur der Ordnung halber auf. Nur die Knochen, die in der Kiste lagen... urgs... würde er der Priesterschaft bringen, damit sie angemessener und respektvoller behandelt wurden, als von diesem durchtriebenen Weib, das sich selbst überschätzte.
Nachdem er sich den ganzen verflixten Ruß aus den Haaren und von der Haut gewaschen hatte, wechselte er die Kleidung und begab sich zum Dorfkrug. Dieser Sieg hatte verdient, darauf anzustoßen und vielleicht konnte er Arenvir davon erzählen!
Aber gut: Serina und Linus reichten auch, um einen netten Abend ausklingen zu lassen.

Am nächsten Morgen hatte er trotz der sehr erquicklich verbrachten Nacht etwas Kopfschmerzen. War wohl doch alles etwas viel gewesen, den Met mit eingeschlossen, hi hi. Aber was sollte es. Er brachte Serina das Fass Tränke vorbei, das er ihr versprochen hatte und begab sich dann wieder nach Adoran.
Mürrisch furchte er die Stirn, als er eine Katze mauzen hörte. Hrmpf! Die Erfahrung mit diesen Tieren hatte die letzte Zeit leider mächtig gelitten. Er hatte weder die Zeit, noch den Nerv, jede einzelne darauf zu untersuchen, ob sie eine verwandelte Arkoritherin war, die sein Haus ausspionieren wollte!
Und bevor er es sich noch mal in einem Anfall von Gedankenlosigkeit mit Ramon oder jemand anderem verscherzte...
"Wie werde ich diese Mistviecher los?"
"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
- Kronritter von Salberg *noch qualmend* -
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Nemia Werheim
Beiträge: 247
Registriert: Samstag 29. Dezember 2018, 19:11

Beitrag von Nemia Werheim »


[Triggerwarnung - Gewalt]




Der Abend, an dem das Rosenrätsel seinen Weg fand, Nemia gab Zeit und Ort vor, knapp genug, um die Geduld zu reizen, präzise genug, um die Sucher zu zwingen, selbst auszurücken. Danach wanderte sie, als Schatten auf zwei Beinen, bis das verlassene Haus erschien: ein Kasten aus Fäulnis und vergessenen Versprechen, die Dielen von Wurmgang durchlöchert.

Auf dem Boden waren immer noch die Schleifspuren vorhanden, als jemand damals durch längst vergangenes Blut gezogen wurde.

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Das alte Holz knarrte noch, als hätte es den Kampf nie vergessen. Blut hatte einst in langen Bahnen den Boden getränkt, klebrig und schwarz im fahlen Licht des Mondes. Sie erinnerte sich, wie der Körper über die Dielen gezogen wurde, sein Widerstand schwächer werdend, seine Nägel scharrend, als wollten sie Halt in der Finsternis finden. Die Treppenstufen waren Zeugen eines chaotischen Ringens: dumpfe Schläge, splitterndes Holz, Knochen, die krachten. Er hatte sie gestoßen, hinabgerissen, ihr Atem war fort, ihre Haut zerschunden, doch in der Finsternis fand sie die Klinge. Der Stich in seinen Wanst war kein leiser, kein langsamer. Immer wieder, Stich, Stich, Stich. Das Blut kam warm und gierig, spritzte, rann und füllte die Fugen des Holzes, als wolle das Haus selbst trinken.


Sie stieg die Treppen hinauf, das Augenmerk glitt sofort zu diesem Schminktisch.

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Staub und altes Parfum lagen noch in der Luft, als ihre Erinnerung an den Raum zurückkehrte. Der Schminktisch stand schief, die Mitte eingedrückt wie ein gebrochener Rücken. Dort hatte sie den Körper aufschlagen lassen, der Blick des Opfers leer, als hätte es längst aufgegeben, bevor die Klinge kam. Der Dolch fuhr hinein, fast widerstandslos, ein leises, feuchtes Geräusch, das ihr bis heute in den Knochen hängt. Kein Schrei, kein Kampf. Nur der Knick, der blieb, wie ein verzogenes Denkmal des Moments.

Dann diese Blutlache auf dem modrigen Bett.

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Das Zimmer roch nach Moder und Zerfall. Die Laken waren einst grau, doch in der Erinnerung zeichnete sich der dunkle Fleck wie ein verbrannter Schatten ab. Jemand hatte dort gelegen, panisch, die Augen vielleicht schon gebrochen, als ihre Klinge das Werk vollführte. Es war kein Tod, sondern tiefe Warnung, die im modrigen Kissen versank. Der Blutfleck blieb, ein stummes, ranziges Mal inmitten der Fäulnis.


Ein lockerer Tritt hier, eine Stolperkante dort. So viele Erinnerungen. Und nun: Ein Balken oben, sauber angesägt, kein Splitter zu viel, nur ein knappes Restmaß an Holz, das noch so tat, als hielte es Last. Und der Strick, an einem Brett befestigt, sorgfältig geknotet, ihr Fluchtweg von der obere Etage durch ein Loch in den Dielen nach unten.

Als die Dämmerung das Haus verschluckte, kroch sie unter die Haut der Krähe und wurde Feder und Kralle. Oben im Dachstuhl hockte sie, die Welt um sie herum ein Gitter aus Moder und Staub. Die Zeit verging. Die Stille berührte alles, bis sie an etwas Hartes stieß: ein gedämpfter Schritt, eine vorsichtige Last. Zuerst glitt eine Gestalt herein, weich und lauernd – Pirscherin - Innes, Geruch von Leder und Geduld. Dann das Stumpfe, die Gegenmusik, Hufe und Metall, als hätte jemand das Haus ausgerechnet mit einem Harnisch wecken wollen. Valentin. Zwei. Und wieder nicht er. Weder das Gesicht, das sie suchte, noch der Atem, der den reiz auslöste. Aber der Plan trug auch so.

Die beiden stiegen hoch, Treppe für Treppe und das Haus antwortete mit Stille. Hände suchten, fanden, tasteten und fanden zu oft das Richtige. Ein gespanntes Drahtchen entdeckten sie, ein lockeres Brett legten sie sauber zur Seite. Jede kleine Gemeinheit, die sie gesät hatte, wurde vorsichtig umgangen.

Die Truhe erschien im Blickfeld der Pirscherin, verborgen und doch offensichtlich. Unter Nemia ächzte ein Balken, dort stand der Plattenträger, genau dort, wo er stehen sollte. Der angesägte Querträger wartete auf ein letztes Gewicht, einen letzten Impuls. Die Nemiakrähe kippte in Bewegung, ein Trillern aus Flügeln, ein wildes Hüpfen auf sprödem Holz. Genug, um das zarte Restmaß zu brechen. Der Balken gab nach, erst ein Seufzen, dann ein Riss, dann ein kurzer, dumpfer Schrei des Hauses. Holz brach, Staub sprang, der Balken schlug herunter und riss das Loch noch weiter, als hätte jemand ein Fenster in den Boden geschlagen. Der Plattenträger hechtete zur Seite, schwer wie ein herabfallender Amboss krachte er durch das Holz in die untere Etage, aber wurde nicht vom Balken getroffen.

Die Krähe wollte fliehen, doch der Einbruch riss sie mit. Ein Stuhl mitten im Raum zersprang halb und klemmte sie in einem grotesken Kranz aus Bein und Lehne. Kein Platz für Flügel, kein Platz zur Flucht. Schlieren umgreiften die Krähe in dieser Klemme, formte Finger, Schultern und weitere Körperteile aus dem Federwerk. Die Rückverwandlung zerbarst die Fessel aus Holz, irgendwo an der Wand stand die Pirscherin mit der Truhe in der Hand, starr vor dem lebenden Staubnebel, während der Boden unter ihnen sich langsam in ein Atmen aus knarrenden Kehlen verwandelte. Hier war nichts mehr sicher.

Der Strick wartete. Nemia setzte an, ließ Splitter und Staub und einen letzten knirschenden Protestgeräusch hinter sich, glitt an die Kante der Lücke, griff den Knoten und rutschte, ein zorniger Schatten an schwarzem Tau, herunter in die Dunkelheit des Erdgeschosses, als ob die Nacht sie an sich nahm.

Er stand plötzlich da, nicht als Erscheinung, sondern als Fakt: Aaryon, so nahe, dass die Luft zwischen ihnen eine andere Dichte bekam. Ihr eigener Blick folgte unwillkürlich an sich herunter zu dem Gürtel, der Schwertscheide. Bekam sie nun doch die Chance, dass zu kriegen was sie wirklich wollte und lässt Schwertscheide einfach Schwertscheide sein?

Doch was folgte, hatte die Eleganz eines schlechten Jahrmarkts: ein Funkenstoß, elektrisch, ohne Poesie, schlicht brutal. Die Wucht erwischte sie offen, warf sie zurück, geradewegs in den wieder aufstehenden Plattenträger, dessen Rüstung den Stoß in ein metallisches, beleidigtes „Klong“ verwandelte. Der Körper prallte ab, schickte sie wieder vorwärts, dann wieder weiter. Ein grotesker Takt: vor – zurück – seitlich – wieder vor. Die Szene kippte in Farce, als sei das Haus zur Bühne und alle zu Darstellern verkommen. Die Pirscherin setzte zum Stolperangriff an, stellte Bein nach vorne und Nemia segelte an dieser Trick-Kante vorbei, direkt an die Metalltür „Klong“, direkt danach warf sie sich auf die taumelnde Arkoritherin und fixierte sie. Doch diese fing an sich mit Krallenhandschuhen herum zu fuchteln wie eine Furie, riss irgendwo Stoff, sogar irgendwo Haut? Da war definitiv etwas.

Die Nähe zum Ziel war ein gefährlicher Magnet. Es war so verdammt nah! Ihre Finger fanden den Waffengurt, der braune Riemen gab nach als sie das Zerren daran bemerkte ließ sie davon los und griff zwischen Leder und Zorn nach dem kleinen Fläschchen in ihrer Innentasche. Ruß, Kohle, winzig, jedoch zuverlässig. Der Boden unter ihnen vibrierte vom Kampf und vom Haus, das seinen Zerfall inzwischen offen zelebrierte. Das Fläschchen traf die Dielen, zerplatzte, und die Luft füllte sich mit schwarzer, trockener Nacht. Eine Staubwolke, die sich wie blindes Tuch um Köpfe legte, Hustengesten erzwang und die Welt auf Armlänge entfernte.

Eine Klinge fand sie dennoch. Ein Stoß, spitz, nicht tödlich, aber hell – die Schulter brannte, als hätte jemand Funken in Fleisch genäht. Schmerz trieb den Körper aus der Mitte und hinein in reinen Zweck. Die Hände lösten, rissen sich frei, Schultern drehten, Beine fanden Tritt. Rauch, knarzen, ein Riegel, der nachgab, eine Tür, die mehr aus Lücke als aus Metall bestand. Ein geprobter Abgang, der sich wie Flucht anfühlte und auch so war, mit tosendem Geschrei und Verfluchungen .

Draußen sammelte die Nacht sie wieder ein. Hinter ihr knallten Geräusche, wie schlecht geprobte Einsätze einer Musikgruppe, die den eigenen Takt nicht kennt: Rüstung gegen Wand, Husten um Husten. Nach pausenlosem Gerenne im Wald erstickte sie die Hitze in sich, bis aus dem heißen Rest ein Laut wurde, der zugleich Hohn und Erleichterung war:

Das Lachen kam zuerst brüchig, dann voll und ausgefallen, schallte durch die Waldluft bis ihr Blick die eigenen Krallenhandschuhe fand und dort diesen kleinen roten Fleck bemerkte. Begierig und kühl starrte sie diesen an und konnte nicht aufhören zu grinsen.

Warum.....?


Zuletzt geändert von Nemia Werheim am Samstag 23. August 2025, 21:34, insgesamt 3-mal geändert.
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Nemia Werheim
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Registriert: Samstag 29. Dezember 2018, 19:11

Beitrag von Nemia Werheim »

Warum lachte sie? Warum grinste sie so versessen?

Rückblick von vor einer Woche......


Nemia schritt den schmalen Waldpfad entlang, ihre Finger glitten gelegentlich über die knorrigen Äste, die wie düstere Finger aus dem Unterholz ragten. Der Nebel, der zwischen den Baumstämmen hing war feucht und kalt, mit jedem Schritt schien die Welt um sie herum stiller zu werden. Der Boden wurde weicher, feuchter, mooriger, ein schleichendes Vordringen in jene verfluchte Grenzregion, an deren Ende die Schatten von Varuna drohten. Dort, wo die alten Mauern der Stadt wie gebrochene Zähne in den Himmel ragten, lauerte die Erinnerung an altes Unheil.
Doch ehe sie die Schwelle der Totenstadt erreichte, bog sie ab. Ein kurzer Pfad führte sie tiefer ins Dunkel, wo kein Laut der Natur mehr willkommen schien. Dort erhob sich der Eingang mit einer Allee aus Käfigen, eine schwarze Tür, eingerahmt von verwittertem Stein, über dem die Luft schwer und nach Verfall schmeckte. Sie hob den Arm und pochte mit diesen knochigen Handschuhen.

Die Tür öffnete sich mit einem kratzenden Laut und das vertraute Gesicht des einstigen Besuchers aus dem Ordenshaus in Rahal erschien, Emilia. Mit einer Geste bat sie Nemia einzutreten und der Weg führte direkt hinauf in den oberen Ritualraum. Hinter ihr bereits eine weitere Stimme die sie nun schon ein paar mal vernahm. Weitere bekannte Stimmen sprachen, Gesichter drehten sich, einige verhüllt, andere mit bereits ruhigen, konzentrieren Blick. Und dort war auch jener, den sie nur einmal zuvor maskiert gesehen hatte, nun war er sehr auffällig.

Ehe sie sich versah, mit einem Mal war sie wieder da: die Erinnerung an diese Nacht vor bereits einigen Jahren nun. Der Geruch von Blut und verbrannter Erde. Das höhnische Lachen, das sich in ihre Seele gefressen hatte. Krathors Herold, dessen Stimme wie eisiger Frost durch den Ritualplatz hallte. Ihre eigenen Schreie, Flüstern der Finsternis, der Schmerz, der sie damals durchdrungen hatte wie glühende Ketten. Ein Pakt, so unheilig und verderbt, dass selbst die Luft hier drückte.
Unwillkürlich schluckte Nemia, die Schatulle in ihren Händen schwerer als zuvor. Einen Moment zögerte sie, doch dann trat sie vor. Emilia erhob die Stimme, erklärte die Schritte, erläuterte die Gründe, die Opfergaben, die Pflichten, die nun zu erfüllen waren. Die Schwertscheide, dieser unscheinbare Gegenstand würde an seinen rechtmäßigen Träger zurückkehren und von dort aus das Chaos entfesseln.

Der Ritualplatz war vorbereitet. Aschehäufchen lagen wie kleine Grabmale verteilt, Kohleschalen glommen leise und warfen unheilvolle Schatten an die Wände warteten darauf, ihr Verderben zu entfalten. Ein Hirschfell und das Geweih, rissig und zerfleddert, als wäre es einem Tier entrissen worden, das zu lange in der Finsternis verharrt hatte.

Nemia trat weiter vor, reichte die Schwertscheide an und wich dann zurück, so weit es der Raum zuließ. Ihre Finger umklammerten ihr linkes Handgelenk, als könnte sie sich damit verankern, fern von der Furcht, die wieder in ihr aufstieg. Denn hier hatte sie gelitten. Hier war sie selbst das Opfer gewesen, in diesem Kreis, vor diesem Schatten.
Dann begannen die Diener des Raben. Stimmen erhoben sich, dunkel und beschwörend. Das Hirschfell und das Geweih wurden den Flammen übergeben und aus dem Opferfeuer stieg ein schwarzer Rauch auf, dick und beißend.


Krathor Dunkler Fürst erhöre deine Diener!
Blicke hinab auf unser Tun Krathor!
Oh Krathor erhöre unsere Worte die wir an dich richten oh Herr

Der Rauch und Qualm wirbelte, zog Kreise, legte sich wie eine lebendige, geifernde Schlange um die Schwertscheide. Die Gebete an Krathor wurden lauter, fordernder und mit jedem Laut schien der Rauch schwärzer, schwerer, dichter zu werden.

... um dir zu dienen, Angst zu streuen, Misstrauen auf jener Schwertscheide und letztlich im Kopf seines Besitzers einzupflanzen.
Er wird hinter jeder Ecke einen Feind sehen ...

Stimmen flüsterten leise, unheilvoll glitten die Worte durch den Raum, wie ein Matra schallte es an den Wänden ab.
-Misstrauen-
...Misstrauen...
Die Saat ist gesäht, ein kleiner Funke, der Enden wird als Waldbrand des Wahnsinns....

Die Luft wurde immer drückender, jeder Atemzug kratzte im Hals, die Wände schienen näher zu rücken. Ein leises Heulen erhob sich, unheilig, verzerrt, wie Stimmen aus einem Abgrund, der nicht betreten werden durfte. Der Rauch kroch, als wäre er hungrig, in jede Ritze der Schwertscheide, sog sich immer weiter hinein.
Ein aufgescheuchtes Reh, das nicht weiss woher der Jäger kommt. Geplagt vom Bedürfniss sie in Feuerbällen brennen zu sehen,
werden die Freunde und Umstehenden verbrennen.
Aaryon von Hohenfels-
der Hirsch, der glaubt ein König zu sein und keiner ist.


Die Flammen erloschen, die Stimmen verstummte und nur das unheilvolle Nachhallen des Rituals blieb. Nemia trat vorsichtig wieder voran, diese kleine Truhe mit Abstand vor sich gehalten und die Schwertscheide wurde hinein gelegt. Ihre Mundwinkel zogen ein wenig an, es war vollbracht.

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Was daraus wurde..? Jemand war wohl auf abwegen, man sieht es:
hier
Zuletzt geändert von Nemia Werheim am Donnerstag 28. August 2025, 22:56, insgesamt 2-mal geändert.
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Innes Ontanu
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Innes Ontanu »

Ich hatte es schon einige Tage gespürt, dass Mikh sich immer weiter nach innen verzog und immer misstrauischer wurde. Ich hatte es den Ereignissen in der letzten Zeit zugeschrieben, die für einen enormen Druck in ihm gesorgt haben müssten. Bisschen Schlaf, bisschen Ruhe, leckeres Essen, ein Spaziergang an der See, würden es schon richten. Dachte ich.

Aber als ich ihm heute etwas bringen wollte, bemerkte ich sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Er hatte zwei mordlustige Hunde in seinem Garten platziert, die er selbst nicht im Griff hatte, wie sich schnell zeigte. Sein Haus war nur mehr durch den Dienstboteneingang zu betreten und als Mikh die schmale Holztür öffnete, schaute ich in Augen, die mir nicht mehr vertraut waren. Nun ist er verrückt geworden, schoss es mir durch den Kopf und ich handelte mehr instinktiv, aus dem Bauch heraus, als nach einer planvollen Überlegung. Mit Worten war Aaryon von Hohenfels nicht mehr zu erreichen und als er auch noch durch die Stadt irren wollte, wußte ich, dass ich das verhindern musste und so warf ich mich auf ihn, er fiel zu Boden und im nächsten Moment sah ich einen heißen Feuerball auf mich zu fliegen, dem ich nur knapp und auch nicht gänzlich ausweichen konnte.
Einige Zeit später, in der die Lage im Haus zu eskalieren drohte, erschien Kabo an der Dienstbotentür und ich schwöre, ich war noch nie so froh, ihn zu sehen.
Der erfahrene Regimentler vermochte es, Mikh ein wenig zu beruhigen, so dass dieser Marlan Kabo ins Haus ließ. Nur weil Kabo meine Festnahme versprach, konnte er einen Rest Vertrauen bei Mikh freilegen und so spielte ich die Scharade mit. Immerhin hatten wir jetzt wieder einen Fuss in Mikhs leicht aus den Fugen geratener Tür und so saß ich auch schon im Kerker des Regiments.

Ich hatte keine Ahnung, wie lang ich da nun würde schmoren müssen und erst als die Rekrutin Greya, meine über alles geliebte Cousine, erschien, beruhigte auch ich mich ein wenig. Sie versorgte mich mit Essen und einem starken Mocca, zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass es für viele Stunden das Letzte sein würde, was ich zu mir nahm.
Kabo war mit Mikh beschäftigt und wir wußten nicht, was vor sich ging, bis ein Bote Greya eine Nachricht brachte, welche die meine Freilassung anwies. Kaum war das geschehen, erhielt die Rekrutin einen Alarmbefehl, es ginge um eine Festnahme.

Es geht fast nie günstig für einen einfachen Bürger aus, wenn ein Adliger ihn des Hochverrats bezichtigt - ob wahr oder nicht, spielte selten eine Rolle. Vielleicht hatte Mikhs Paranoia auch auf mich abgefärbt, aber sicher war sicher und ich entschloss mich erstmal abzutauchen und mich in Richtung Berchgard zu bewegen und dann hoffentlich bei Helisande und Heinrik Unterschlupf zu finden. Auf dem Weg nach Berchgard, zog das Regiment vor einem Haus in Kronwalden meine Aufmerksamkeit auf sich und mit einiger Verwunderung schlich ich mich gut verhüllt näher, um den Grund des Auflaufs zu erfahren.

Arenvir von Tillians und das Regiment begehrten Einlass in das Haus der netten Schreinerin Serina und ich erfuhr, dass man den Hochedlen von Hohenfels hier vermutete und ihn festnehmen wollte. Ich war erleichtert, weil Arenvir dem Hochedlen wohlgesonnen war und über die Fähigkeit des klaren Denkens verfügte, so würde Mikh letztlich geholfen werden, was auch immer ihn da befallen hatte.
Ich versuchte die tumulthaften Zustände um das Haus herum zu verdrängen und mich ganz und gar auf die Beobachtung der Festnahme zu konzentrieren. Und als diese endlich vollzogen werden konnte, zog ich mich leise und unauffällig zurück.

Würde man erkennen, in welchem Zustand Mikh sich befand?
Mir schien es sicherer nun lieber nicht nach Berchgard zu gehen und erst einmal Ruhe und Klarheit in die Angelegenheit einziehen zu lassen, vor allem Klarheit. Schließlich mochte ich meinen Kopf auf meinem Hals und ich vertraute jenen, die über mein Wohl oder Wehe entscheiden würden.

Herr Saftpresse, schoss es mir durch den Kopf, ich kannte ihn noch nicht wirklich gut, aber er war ein Soldat und an eben jenen Kodex würde ich appellieren und um Unterstützung bitten. Ich fand ihn in Bajard und ich sah die Skepsis in seinem Blick, spürte das kurze Zögern, dann aber begann er mitzudenken und befand, wie ich zuvor, dass es sicherer war für einige Zeit zu verschwinden.

Kawi. Ein Strand in Kawi. Eigentlich der Beginn einer schönen sonnendurchfluteten Geschichte, heute aber ein Ort, der mir Schutz bot und ein gewisses Maß an Sicherheit. Herr Saftpresse und ich saßen am Lagerfeuer und ich spürte einfach nur eine gewaltige Erschöpfung. Ich war stundenlang herum gerannt, ohne Essen, ohne Getränke und mit der Sorge um Mikh und auch um mich. Immer wieder gingen meine Gedanken zu Nymeria. Ob sie es doch irgendwie geschafft hatte, ihr Gift auf den Hochedlen träufeln zu lassen? Und wie war die Lage in Adoran?
Zu meiner unendlicher Erleichterung versprach Herr Saftpresse am nächsten Tag nach Adoran zu reisen und zu versuchen über Greya oder Kabo heraus zu finden, wie der Stand der Dinge war und wie ich mich verhalten musste.

Es war diese Erschöpfung und die keimende Zuversicht, dass hoffentlich alles gut werden würde, die mich mitten im Gespräch einschlafen ließ. Seine Stimme brummte aber auch so schön beruhigend.
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Nemia Werheim
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Beitrag von Nemia Werheim »

Unter den dunklen Gassen, in denen die Schatten länger wirkten als das Licht selbst, schritt Nemia dahin. Die Schwertscheide war ‚übergeben‘, ein Etappenziel erreicht und nun war es an der Zeit, die Krallen einzuziehen – vorerst. Als Arkoritherin und mit diesem schattenhaften Hintergrund wusste sie, wann der Ton sanft klingen musste und wann er schneidend sein konnte. Heute war es der sanfte, abwartende Ton. Wunden lecken, sich sammeln, beobachten.
Und wo lässt es sich besser beobachten als dort, wo Zungen sich lockern und Menschen ihre Masken fallen lassen? Bei Einkäufen. So führte ihr Weg sie in ein Schneideratelier, dessen Fenster von purpuren Vorhängen verschleiert waren.

Kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt, blieb ihr Blick an einer Gestalt hängen. Ein Mann. Vertraut und doch nicht vertraut genug, als dass er die Schatten bemerkt hätte, die ihn schon damals, vor geraumer Zeit umschlungen hatten. Er ahnte nichts. Aber Nemia tat es. Und dann – ein Ruck in ihren Zügen, kaum merklich, da war sie: Innes. Griesgrämig, verkniffen, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen, die nie wieder aus ihrem Mund wich. Nemias Lippen spannten sich, ein verräterischer Anflug von Heiterkeit, der sofort von einem ebenso giftigen Blick erstickt wurde, wie Innes ihn ihr schenkte. Eine Tänzerin in der Maske der Freundlichkeit, das war sie nach kurzer Zeit. Lächeln, Worte, die schmeichelten, Gesten, die provozierten. Nemia wusste, wie man sich in einem Raum einnistete, ohne darum gebeten zu werden.

Dann die Ladeninhaberin. Welch eine Erscheinung! Nicht nur das Äußere, sondern der Klang ihrer Stimme, Melodie und Überheblichkeit in einem. Sie sprach mit großem Mund und dennoch – es klang schön. Nemia lauschte wie eine Katze dem Vogelgezwitscher vor dem Sprung. Die Stimmung zwischen den Anwesenden ausser der Hausbesitzerin sank und Nemia badete darin. Der Mann ging, mit ihm Innes mit einem Gesicht, düster wie sieben Tage Regenwetter und doch war nichts Schlimmes geschehen. Anscheinend gab es noch keinen Verdacht um die Schwertscheide. Die Zeit verstrich wie im Flug, Nemia wog die Atmosphäre und dachte: Hierher würde sie zurückkehren, wenn der Alltag ihr wieder zu dumpf und grau erschien.

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Ein anderer Tag. Neue Schatten, neue Gesichter. Zwei Männer. Einer ein Feind, er kannte sie nicht, aber sie ihn. Perfekt. Sie setzte sich dazu, ein Lächeln wie eine Klinge, die in der Sonne glitzert. Der eine redete, oh, wie er redete! Großspurig, prahlend, ein Prolet voller Geistergeschichten, die er selbst nicht glauben konnte und schon gar nicht wiedergeben konnte. Nemia hörte mit halbem Ohr zu, streute bereits die Gedanken, weswegen sie anhielt, denn der andere war ihr Ziel. Ein Mann, den sie bereits in ihr Spiel verplant hatte, ohne dass er es wusste. Noch nicht.
Der Prolet ging und Nemia rückte näher. Sie fragte, scheinbar belanglos, aber ihre Augen sprachen deutlicher als jedes Wort. Er kannte sie. Man sah ihm stets an, das die Erinnerung zurückkehrte, als der Schleier fiel und er das Monster sah, das hinter der zarten Haut lauerte. Was blieb ihm also anderes übrig? Er nickte. Er stimmte zu. Und er bekam, was er nicht wollte: einen Kuss auf die Wange. Zärtlich, wie ein kaltes Messer im Winterwind.




Weitere Tage, natürlich wieder in: Bajard. Erneut sehr auffällig gekleidet, scheinbar wurde sie immer freizügiger je mehr ihr Selbstbewusstsein wuchs. Würde darüber schon geredet? Ihr war es gleich, sie lebt - noch. Und das muss sie auskosten, denn was danach lauert wird Dunkel genug. Im Gegenzug wirkte der Hafen trist wie immer und zwischen Masten und Pier fand sie eine Vertraute. Nicht allein, nein, mit einem Mann. Nur diese enge Vertraute hielt sie dort, sonst wäre sie weitergegangen wie ein Schatten im Nebel. Sie stellte Nemia und ihn vor, warum tut sie so etwas? Sie müsste doch wissen wie vorsichtig die Arkoritherin immer ist. Aber ihr verzeiht man solch Malheur direkt, Glück hat sie. Der Mann aber, er starrte Nemia an, als sei sie ein Geist und dann brach er los. Ein Wortschwall, ein sprudelnder Quell aus Namen und Geschichten, aus Andeutungen und hoffentlich Wahrheiten?! Und mittendrin – sein Name - Hohenfels. Hier, am Hafen von Bajard, wo jedes Ohr eine Klinge war, sprach er von Lichtenthal, vom Chaos, vom aufgewühlten Staub ihrer Taten.
Innerlich bebte der Vulkan ihres Lachens. Nach außen? Ein höfliches Lächeln, eine glatte Fläche ohne Risse. Sie wich allem aus, ließ Spekulationen an sich abperlen wie Regen auf Wachs. Doch er, dieser redselige Kerl, war nicht wertlos. Man musste ihn warmhalten, ein Funke, vielleicht nützlich, vielleicht nicht. Die Zeit würde es zeigen.

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So schlenderte Nemia davon, Arm in Arm mit ihrer Freundin, das Lachen tief in ihr glühend und sie dachte an ihre Briefe die Aaryon erhielt. Hatte sie ihn nicht gewarnt? Ihn nicht gefragt wie viel ihm die Schwertscheide wert war? Ja, das hatte sie. Er war zu Stolz um auf diese Einzelheit zu antworten.
Wer nicht hören will, muss fühlen. Arme Innes.
Zuletzt geändert von Nemia Werheim am Montag 1. September 2025, 20:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Nemia Werheim
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Beitrag von Nemia Werheim »

Die Wiese lag friedlich unter der Sonne, das Gras wehte sacht, als wäre dies ein Ort von harmloser Eintracht. Doch nichts daran sollte harmlos bleiben.

„Wobei so manche Dame glatt mit einem Grizzly zu verwechseln wäre.“

Zuerst vernahm die Magierin nur die Worte, doch dann sah sie die Person. Innes stand dort, in Gesellschaft eines Mannes, der Nemia schon vertraut war. Grizzly. Meinte sie etwa wieder Nemia? Schon ihr Tonfall verriet diese unterschwellige Anmaßung, dieses giftige Tröpfeln, das sie stets mit sich führte. Sie glaubte, alles und jeden zu quatschen zu können, als sei die Welt ihr Publikum. Wie Nemia heraus fand, fütterte sie irgendwelche wahllosen Personen mit Geschichten über Sie, das hört nun auf.
Das Wortgefecht begann wie eine Peitsche, die knallte. Worte, scharf und bissig, flogen hin und her. Innes schien wirklich überzeugt, dass sie nun, nach diesem „Überfall“ im Mörderhaus, einfach weiterplaudern könnte, ungestört, als hätte Nemia keine Stimme, keinen Zorn, keine Macht. Welch Irrtum.

Der Mann, der sich erst noch zwischen sie stellen wollte, tat einen Schritt zurück, als er die auflodernde Spannung spürte. Die Luft selbst begann zu vibrieren. Nemias Augen funkelten und in ihrer Hand ballten sich die ersten Partikel aus gleißender, lodernder Glut. Kleine Funken, tanzend und scharf wie Splitter, verdichteten sich zu einer Kugel aus reinem Feuer.
Nemia’s Stimme forderte, drohend, wie ein Schlangenbiss. Doch Innes gab nicht, sie windete sich, wie selber eine Schlange. Stattdessen wich sie zurück, das Lächeln verschwunden, Panik in ihren Augen, sie warf etwas, eine Ablenkung.

Wie ein Kaninchen, hackenschlagend, drehte sie sich um und floh. Ihr Atem flatterte, ihre Beine stolperten beinahe über das Gras. Und da, im gleichen Moment, wurde der Feuerball losgelassen – nicht in sie, nicht direkt, noch nicht. Nein. Er zischte durch die Luft, ein Flammenstoß wie aus der Feuerebene selbst und krachte ins Gras direkt neben ihr. Ein Funkenregen, Rauch und sengender Brandgeruch schossen auf.

Das Kaninchen durfte laufen. Vorerst. Wegen einem Grund.


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Ein anderer Tag, Nemia stand auf der Ordensburg, hoch über den Lichtern von Rahal. Die Feuerschalen flackerten, warfen tanzende Schatten über die Mauern und sie starrte lange in die Glut, bis ihr Blick sich löste, tiefer sank, zurück in die Erinnerungen, dorthin, wo so vieles zerbrach.

Das Ritual von Düstersee.

Sie sah es wieder vor sich: Der Leichnam Isidors, schwer und kalt, auf die Opferplatte gelegt, während die Gläubigen und Verbündeten ihre Gaben niederlegten. Manche Blut, manche Reliquien, Schwerter und Räuberherzen – teilweise armselige Opfergaben für ein Vorhaben, das größer war als ihre kleinen Leben. Sie wollten einen Alka zurück, die alte Ordnung, ein Reich, das wieder Hoffnung atmen konnte. Hoffnung… wie töricht sie klang.
Das Grollen setzte ein. Ein unterirdisches Beben, das Knochen zum Klirren brachte und jedes Herz in die Kehle trieb. Dann trat er hervor: der Panther. Schattenhaft, majestätisch, groß wie ein Albtraum. Mit Augen, die mehr waren als nur Blicke – Augen, die sezierten, prüften, richteten. Er schritt zwischen den Versammelten, blieb bei einigen stehen, bohrte sich tief in sie hinein.

Doch nicht bei Nemia.

Nicht diesmal. Nicht so wie damals, im Tempel von Rahal. Dort hatte er sie noch gesehen. Dort war er sogar in sie gedrungen, hatte sich durch sie hindurchgearbeitet, als sei sie ein Gefäß, als habe er Fäden aus schwarzem Rauch in ihr Herz gesponnen. Sie hatte geschmeckt, was es bedeutete, berührt zu sein von etwas Größerem, Dunklerem. Und jetzt? Jetzt war sie nichts mehr. Übersehen, übergangen, bedeutungslos. Oder einfach nicht mehr zum Benutzen geeignet?
Ein Riss ging durch sie, hörbar, fühlbar: Knack.

Und während Isidor nicht zurückkam, sondern stattdessen zwei Neue – ein Ritter und eine Clerica – erhoben wurden, dachte Nemia zurück. Ihr Geist wanderte, suchte in den Schatten ihrer Vergangenheit nach den verlorenen Stücken.

Sie erinnerte sich an Gefährten, die einst neben ihr standen. Manche hatten gelacht, mit ihr gekämpft, andere waren gefallen, ihre Namen längst von den Lippen der Welt gespült. Sie erinnerte sich an Bünde, an Schwüre, die zerbrachen wie morsches Holz. Sie erinnerte sich an angebliches "Vertrauen", das sie einst geschenkt hatte – an jene, die sie enttäuschten, verrieten, oder einfach verschwanden, als sei sie ihnen nie wichtig gewesen.
Und dann war da noch mehr. Dinge, die sie einst als Teil ihrer selbst empfand, aber die ihr entrissen wurden: Ein Glaube, eine Handvoll Hoffnung, die Vorstellung, dass sie selbst einmal auserwählt sein könnte. All das hatte sie zurückgelassen, auf dem Weg, Schritt für Schritt, wie Knochenteile eines Verhungerten auf einer einsamen Insel, die mit der Brandung immer weiter gespült werden.


Die Menge war längst zurückgewichen, ehrfürchtig und doch mit einigen Fragen. Nemia blieb zurück, wie eine Katze schlich sie zur Opferplatte, auf der Isidors Körper noch immer lag. Kein Leben mehr in ihm, keine Rückkehr. Nur die kalte Schwere des Todes.
Sie ging in die Hocke, ihre Augen kalt, ihr Herz leer. Kein Mitleid, keine Trauer, nur ein Rest von etwas Unausgesprochenem. Ihre Hand strich über seine Wange – eine leere Geste, wie ein Schatten von etwas, das sie längst verloren hatte.

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Dann erhob sie sich. Ohne zurück zusehen, schritt sie davon. Kein Wiedersehen?
Zuletzt geändert von Nemia Werheim am Montag 15. September 2025, 16:09, insgesamt 2-mal geändert.
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Nemia Werheim
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Beitrag von Nemia Werheim »

Der Tempel. Der Platz war leer, nur der kalte Wind spielte mit dem Staub und ließ die Fackeln an den hohen Mauern flackern. Das Gebäude erhob sich wie ein drohender Monolith vor ihr, seine schwarzen Steine wirkten, als hätten sie Jahrhunderte lang jedes Gebet, jeden Schrei, jedes Opfer in sich aufgenommen. Unter ihrem Umhang zog sie den Stoff enger um den Leib, als könnte er die Kälte abhalten, die nicht aus der Luft, sondern aus den Mauern selbst zu strömen schien.

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Heute war kein gewöhnlicher Tag. Heute musste sie den Schritt hinein wagen. Es war für sie kein einfacher Besuch, diesmal nicht.
Sie war zu lange ferngehalten worden, von Nebensächlichkeiten, von Pflichten, von ungebetenen und äusserst gebetenen Begegnungen, die sie ausgebremst hatten. Doch nun stand sie hier, vor dem Tempel. Vor der Schwelle zu den Gewölben. Und alles in ihr spannte sich an, ein stilles Beben zwischen Erwartung und Furcht.

Der Eintritt war ihr gewährt, kein Hindernis. Der Templer, schweigsam und pflichtbewusst, öffnete die Pforten und führte sie in das Innere und herab in die unteren Gewölbe. Mit jedem Schritt hallte das Klirren seiner Rüstung durch die Gänge, während ihre eigenen Schritte leiser, fast lautlos über die Steinplatten glitten. Die Dunkelheit fraß die Kerzenflammen, die nur kümmerlich Licht spendeten.

Als sie die Treppen hinabgingen, drängten sich Erinnerungen in ihr Bewusstsein. Die Stufen, der Geruch nach kaltem Stein, die Art, wie die Feuchtigkeit an den Wänden glitzerte – sie kannte es. Vor Jahren war sie schon einmal hier gewesen, zusammen mit einer Clerica. Das Lächeln jener Frau, ernst und müde zugleich, stieg in Nemias Gedächtnis, als wäre sie neben ihr. Das Echo ihrer Schritte noch immer in den Wänden gefangen. Vieles war gleich. Dieselbe Kälte, derselbe Geruch nach altem Stein.

Doch heute war anders. Heute war sie nicht gekommen, um zu glauben, um wirklichen Rat zu finden. Heute war sie gekommen, um zu suchen.
Sie beobachtete jeden Bogen auf ihrem Weg. Ein paar Dinge waren anders als früher – ein verschobenes Symbol, ein neuer Fackelhalter, hier und dort ein veränderter Stein. Fast unmerklich. Doch alles ziemlich identisch. Aber für sie fühlte es sich an, als ob jemand versucht hätte, Spuren zu verwischen, diese Suche endlos zu gestalten. Eine absichtliche Täuschung.

Alles in ihr wartete auf ein Zeichen, doch sie spürte nur Leere. Kein Hinweis, kein Flüstern, kein Schatten, der mehr verriet als nötig. Sie versuchte, das zu überspielen, redete von Belanglosem, von Dingen, die keinen Argwohn weckten. Die Dunkelheit half ihr dabei, jede Regung zu verbergen. Falls der Templer gesehen hatte, wie aufmerksam ihre Augen suchten, so war es belanglos, es konnte nicht wissen was sie Antrieb. So verblieb am Anfang nur der Plausch, den man nutzte um die Frage zu stellen, die ihre Augen nicht beantworten konnte. Ganz in ihrer Art, beiläufig, unaufällig. Es wurde verneint, damit war die Suche wohl auch hier beendet. Sein Ton war ruhig, aber nicht misstrauisch. Mit leisen Worten lenkte sie das Gespräch ab, nannte Gründe, warum sie hier unten ungestört sein wollte. Sie sprach von anderen Dingen, die sogar Grund dafür sein könnten, es abgeschieden zu besprechen. Und er nickte, war sogar selber Meinung. Keine Spur von Verdacht.

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Als sie die Treppen wieder hinaufstieg, brannte die Erleichterung nur einen kurzen Moment in ihrer Brust. Denn sofort kroch die alte Missgunst herauf, biss sich fest wie ein Parasit. Das, was sie suchte, war nicht hier. Wieder nicht.

Verdammt.

Die Kälte empfing sie, als sie den Tempel verließ. Ihre Gedanken aber blieben unten in den Gewölben zurück. Erinnerungen überlagerten die Gegenwart, zogen sie zurück in alte Bilder, die sie längst hätte verdrängen sollen. Wo war es?!
Zuletzt geändert von Nemia Werheim am Mittwoch 8. Oktober 2025, 02:10, insgesamt 1-mal geändert.
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Nemia Werheim
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Re:

Beitrag von Nemia Werheim »

Der Regen fiel leise gegen die Scheiben, wie ein gleichmäßiges, unaufhörliches Pochen aus einer Welt, die ihr fremd geworden war. Nemia saß in ihrem Zimmer, die Hände reglos im Schoß, der Blick leer. Die Kerze vor ihr war fast niedergebrannt, der Docht verkrustet in Wachs, das an den Rändern des Tisches erstarrte. In ihrem Innern aber brannte gerade nichts mehr, nur ein Flackern, kaum noch zu erkennen. Beinah jede der letzten Nächste war sie wach, gefangen in einem Kreislauf aus Bildern, die nicht vergingen. Immer wieder sah sie den Tempel vor sich, die kalten Steine, den Geruch von altem Blut, das ferne Dröhnen der Stimmen, als sich die Pforte öffnete. Eine Pforte aus Rot und Verderbnis, in der sich Blut und Dunkelheit küssten.

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Sie erinnerte sich an den Moment, in dem diese Gedanken sich festsetzten. Wie sie dort stand, kaum atmend, gebannt vom Schimmer dieser blutroten Schwelle. Es war, als hätte etwas aus der Tiefe nach ihr gegriffen, nicht mit Händen, sondern mit einem Begierden, das durch Mark und Seele drang. Ihr Körper war starr geblieben, doch ihr Geist… ihr Geist war schon jenseits gewesen.
Doch was aus der Pforte kam, war kein Wunder. Kein Retter. Kein Gott. Nur Leiber, geschleudert wie von einer unsichtbaren Faust. Der Geruch von Eisen lag in der Luft, schwer und metallisch. Den Ahad, gebrochen und blutend. Und Isidor… stumm, leblos, mit offenen Augen, die nichts mehr sahen. Das war das Ende ihrer Hoffnung und doch wagte sie es nicht, es sich einzugestehen.

Warum hatte niemand gefragt? Wieso blieben alle darüber stumm?
Vielleicht, weil es sich kaum jemand wagte.

Die Tage vergingen. Einer nach dem anderen, farblos und kalt. Ihre Wege führten sie an Orte, die ihr nichts mehr sagten. Jeder Stein schien die gleiche Geschichte zu flüstern: Zu spät. Und in jeder Stille schlich sich der Zweifel wie eine Schlange in ihre Gedanken.
War sie jemals auf dem richtigen Pfad gewesen? Oder war all dies nur eine Laune, ein Spiel, in dem sie nichts war als eine bewegliche Figur, eine, die vergessen werden würde, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatte?
Der Tempel, die Gewölbe, die Gespräche, die Pläne, sie verwischten wie Spuren im Staub. Die Rückschläge breiteten sich aus, tiefer als ein Schnitt eines jeden Schwertes.

Wenn sie nun nachts erwachte, blickte sie in die Dunkelheit und versuchte, sich an die Stimmen zu erinnern. Die Stimmen, die sie einst geführt hatten. Aber es kam nichts. Nur das dumpfe Pochen ihres Herzens, wie das leise Echo einer Erinnerung, die sich weigert, zu sterben.

Und so saß sie da, still, unbewegt.
Draußen zog der Wind über die Dächer, brachte den Geruch von Herbst und Regen.

Ein weiterer Tag begann, so leer wie der letzte.
Sie richtete den Blick auf die verlöschende Kerze, es war sinnlos, sie sollte es sein lassen.

Der Docht zitterte ein letztes Mal – dann erlosch das Licht.
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