Sie benötigte noch etwas für den weiteren Plan und so kam ihr diese Rasharii in den Sinn, die sie vor einiger Zeit kennenlernte, eine Heilerin. Der Weg führte in den Rakun. Wie gewohnt überschüttete die Rashar Nemia mit neugierigen Fragen, doch diesmal lag ein anderer Tonfall in der Stimme dieser Rasharii. Skepsis. Nachdenklichkeit. Sie sprach von seltsamen Vorgängen im Reich: Ihrem Stamm, der im Dunkeln gelassen wird. Nemia hörte schweigend zu und das Unbehagen, das die Worte der Rasharii in ihr auslösten, wuchs. Denn sie kannte es, auch der Orden wurde wieder im Ungewissen gehalten, auch ihnen blieben Zusammenhänge verwehrt, als würde man bewusst Schleier zwischen sie und die Wahrheit legen.
Nemia sah ihr die Frage an, ohne das sie es aussprechen musste. „Was verbergen sie vor uns?“
Nemia konnte ihr keine Antwort geben, auch wenn in ihren Gedanken eine andere Antwort bereits parat lag, dieser Nebel lag schon lange im Reich, war er auch einer der Auslöser für die Mission, auf der sie sich nun befand. Doch stattdessen hatte sie nur eine Geschichte anzusprechen, die immer wieder an die Oberfläche drängte, ob sie wollte oder nicht. Und so begann sie zu erzählen – nicht von Gerüchten, sondern von dem, was sie selbst erlebt hatte.
Ihre Stimme wurde leiser, als ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückkehrten: zurück vor die Tore von Adoran. Dort, wo das Schicksal den schwarzen Tyrannen und sie selbst auf so unmittelbare Weise einander verknüpft hatte. Sie lief ihm im Niemandsland vor Bajard einfach zufällig in die Arme, wie er alleine auf seinem hohen Ross scheinbar Richtung Lichtenthal wollte. Diese Präsenz die er versprühte war atemraubend, als wäre er der dunkelste Schatten höchst selbst. Nur sie beide, isoliert von allem, ein unentrinnbares Band, das sie in diesem Moment zusammenzwang. Zumindest für sie, denn sie folgte ihm. Ihre Hand ballte sich und in dieser unbewussten Bewegung spürte sie wieder den Zügel seines Streitrosses in ihrer Faust welches sie gehalten hat.
Doch war sie gar nicht so alleine. Die Letharen erschienen dort ebenso. Sie hielten stand, dort, wo andere längst zurückwichen und sich sogar gegen sie wendeten. Sie blieben bei ihm, während selbst die eigenen sich gegen den Alka wandten. Sie hörte die kreischenden Stimmen der Wut, als sich jemand in den Kampf eingemischt hat und die eigenen Leute sie bedrohten, nicht eingreifen zu dürfen. War dies der Ursprung des tiefen Misstrauens, das sie noch heute umgab? Trugen sie jenen Tag wie ein Brandmal in ihren Gedanken?
Seit jenem Augenblick war nichts mehr wie zuvor gewesen. Ein Schnitt in der Zeit, der alles verändert hatte.
Die Rasharii schwieg, während Nemias Worte verklangen. Doch das Funkeln in ihren Augen zeigte, dass sie die Last verstand. Nemia selbst war irritiert, wie konnte es sein, dass all diese Gedanken, die sie Nacht für Nacht in den Träumen heimsuchten, scheinbar auch in anderen Köpfen zu kreisen schienen? Als wolle das Rad der Zeit unweigerlich an denselben Punkt zurückkehren, an dem es einst gebrochen war.

Später am Abend..
Nemia saß vor dem Maestro, der in seiner ruhigen, durchdringenden Art sprach. Worte über Dämonen, über Jagdmethoden, über Gefahren und Möglichkeiten. Doch während er redete, war Nemias Aufmerksamkeit immer wieder bei dem Gegenstand in ihrer Hand: einem versiegelten Brief. Das Siegel erkannte sie sofort – es war ihr kleiner Hahn. Der Maestro erklärte beiläufig, er habe ihn in seinem eigenen Postkasten gefunden.
Ein Schauer durchfuhr Nemia. War er wirklich hier gewesen? Selbst wenn nur für Augenblicke? Der Gedanke, dass er den Weg in die Nähe des Ordens gefunden hatte, überraschte sie und zugleich beruhigte es sie, dass sie offenbar immer noch nicht wussten, wo genau sie lebte. Aber nein, er würde doch bestimmt Handlanger schicken, das passte besser in Nemias Bild von ihm.
Das Gespräch mit dem Maestro verlief tiefgründig, ernst. Sie sprachen über Pentakel, über Rituale und die Verantwortung, die auf ihr lastete. Doch immer wieder glitt ihr Blick zu dem Brief. Ihre Finger strichen über das Siegel, als würde sie die Worte darin schon durch das Pergament spüren. Schließlich, nach der Verabschiedung, besser gesagt, Wegscheuchung durch den Maestro, als die Tore der Ordensburg sich hinter ihr schlossen, hielt sie es nicht länger aus.
Das Siegel brach und ihre Augen flogen ungeduldig über die Zeilen. Zunächst musste sie schnauben, beinahe lachen – da war Spott, eine gewisse beißende Amüsiertheit, als wolle er sie reizen, verhöhnen. Doch je weiter sie las, desto ernster wurde ihr Gesicht. Manche Worte ließen sie mürrisch werden, lösten Unzufriedenheit aus. Sie kniff die Lippen zusammen.
Und doch … zwischen dem Gift, das in jeder Zeile tropfte, schimmerten auch Fragen hervor. Neugierde, Andeutungen, die sich nicht wie ein Abschied anfühlten. Nein, dies war kein Ende, sondern eher eine Aufforderung: „weiter so“.
Nemia schloss die Finger um das Pergament und ihre Augen verengten sich. Oh ja, sie würde weitermachen. Weiter, bis zum bitteren Kern. Denn da war noch etwas – etwas, worüber er in seinem Brief schwieg, aber das nur darauf wartete, ans Licht gezogen zu werden. Vielleicht schon mit dem Rosenschlüssel, dem sie ihm in seiner kleinen persönlichen 'Quest' hinterlegte.












