Intermezzo - Orangenblüten und Würfel.
Siebenwacht - Schon ein paar Tage zuvor.
Eduard Hurtig war dritter Sohn des Ewald Hurtig, einem mehr oder minder bekannten Boten-Unternehmen in Familienhand. Wer von Gerimor aus einen Boten schicken wollte, der nahm Hurtig - Botenlieferungen in Anspruch, oder irgendeinen anderen Botendienst, der Markt ist ja umkämpft. In Bajard bietet ja jeder dahergelaufene Schiffsjunge Botendienste an, für ein paar Kekse und eine Hand voll Münzen.
Eduard Hurtig war jedoch mit einem Auftrag unterwegs. Er sollte nach Kalm reisen, zu einem Baron Beak von Sankurio. Kalm, Arsch der Welt.. Nein, orkenverseuchtes Furunkel am Arsch der Welt. Aber die Dame zahlte gut. Wobei, Dame... Naja, das Mädchen war eine Schlachtenjungfer. Unterarme wie ein verdammter Thyre, vermutlich hätte sie ihn mit ihren Schenkeln zermalmen können. Vielleicht wäre sie mal süß gewesen, wenn sie nicht mehr Narben hätte, als ein Veteran der Stadtwache von Varuna. Und diese Augenklappe. Knappe... Eduard hoffte, dass sie nicht alle so aussahen.
Egal, sie zahlte gut.
Eduard hatte das Schreiben in Empfang genommen und war von Gerimor nach Schwarzwasser aufgebrochen. Von Siebenwacht aus, liefen Schiffe eigentlich nach überall hin aus. Außerdem konnte man in Siebenwacht mal so ordentlich auf den Putz hauen, ohne dass es Ewald Hurtig mitbekam.
Eduard hatte schon eine Nacht mit gleich mehreren Damen durchgemacht, sodass von seinem Lohn schon ein nicht gerade kleiner Teil weggeschmolzen war. Oder abgeflossen? In die Höschen von.. Eduard grinste bei der Erinnerung an die letzte Nacht.
Doch nun sollte er vielleicht versuchen, einen Teil seiner Ausgaben wieder rein zu bekommen, damit es seinem Vater nicht so auffallen würde. Und da sah er seine Gelegenheit: Orangenhändler.
Zwei Kerle, gekleidet in feine Stoffe, duftend nach fremdländischem Duftwasser. Ihre Westen mit schicken Mustern von Orangenblüten geziert und Hände und Hälse geschmückt mit Geschmeide aus Gold. Verdammt, diese Kerle waren auffälliger als ein Pfau. Sie hatten sonderbare geflochtene Armbinden, in Schwarz und Blau. Sehr hübsch waren sie auch, exotisch und überaus gepflegt. Sie hatten wohl exotische Singvögel und Orangen in Siebenwacht verkauft. Damit scheint man wohl gewinn zu machen, dachte sich Eduard, als er die Kerle so betrachtete.
Eigentlich waren sie ihm zuwider. Elende Fremdländer, irgendwo aus dem Süden. Sonnengebräunt, stattlich.. noch dazu offenbar erfolgreich.
Da fasste er einen Entschluss: Diese zwei Kerle sollten für seine Kost und Logie aufkommen.
Würfeln - das war Eduards Steckenpferd. Nicht nur, weil er recht gut war, nein. Eduard hatte gezinkte Würfel - gleich drei.
Natürlich ließen sich die Kerle darauf ein - dumme Ausländer! Manura, Heimat der Orangen - und der dämlichen Idioten.
So endeten sie in einem Keller, schummriges Licht, Würfel auf dem Tisch. Und Eduard würfelte. Er gewann. Sie fingen mit kleinen Beträgen an.
Doch nach zwei Stunden, hatte er die Ausgaben für die letzte Nacht wieder drin. Wieso aufhören? Er könnte nochmal so eine Nacht haben, nein drei Nächte! Da erhöhte er die Einsätze. Die Orangen-Trottel zogen mit.
Doch dann, verlor er. Jeder konnte mal verlieren, klar.. Doch er verlor erneut. Und wieder.
Er würfelte drei Sechser, der Manuraner vier Sechser. Dann hatte Eduard eine große Straße - der Manuraner die höhere. Fünf Fünfer! Natürlich, der andere hatte fünf Sechser. Aus der Traum, das Gold war weg.
Da sprang Eduard auf und schrie, "So ein Scheiß! Ihr seid Würfelzinker! Ihr elenden verdammte, Scheißkerle..!"
"Aha? Du nennst uns Betrüger?" meinte der Mann, ihm gegenüber und schaute drein, als könne er kein Wässerchen trüben.
"JA! Scheiß-Elende-Drecks-Betrüger!" schnaubte Eduard, den Mann mit wutglühenden Augen anstarrend, " Ihr elenden ausländischen Zitronen-Fi...."
Da spürte er die Präsenz des zweiten Mannes hinter sich. Plötzlich griff ihn eine starke Hand am Gesicht, so fest, dass er spüren konnte, wie der goldene Ring in Form eines Tentakels, sich in die Haut seines Gesichts presste. Er hatte den zweiten Kerl vergessen! So ein Mist!
"Matteo." der Mann ihm gegenüber nickte einmal, damit war Eduards Geschichte besiegelt. Ein Rasiermesser glitt über seinen Hals. Zuerst spürte er nichts, dann eine Wärme, die zum Brennen wurde. Er bekam keine Luft mehr... und dann Dunkelheit.
... Ein paar Stunden später fand die Siebenwachter Stadtwache die Leiche von Eduard Hurtig in einer Kiste voller Fischabfälle. In seinem Mund eine Orange, die Zunge gespalten und tiefer im Rachen - drei gezinkte Würfel... Eduards Würfel. Todesursache: Kehlenschnitt. Organisierte Kriminalität, eindeutig.
Die Nachricht an Beak von Sankurio? ... Würde wohl nie ankommen. Er würde nie erfahren, dass seine treue Knappin ihm zur Hilfe eilte.