Waren es nun zwei Jahre? Oder doch nur ein Jahr? Oder viel mehr? Wie lang war es nun her wo sie damals doch das Bild Friedrichs für Lydia hatte malen lassen wollen und ihr kaum jemand helfen konnte... eigentlich gar niemand. Es hatte Gespräche mit einigen aus der Ritterschaft gegeben, Vorschläge und am Ende kam doch alles anders. Der Searum näherte sich mit rasanter Geschwindigkeit, ein Punkt den sie auf jeden Fall wusste in all den Dingen die in ihren Erinnerungen lebten. Vieles war zurückgekehrt, jedoch nicht alles und jene Lücken waren gefüllt mit Erinnerungen an Dingen die niemals geschehen waren. Bis heute hatte sie nicht alles zuordnen können, bis heute schmerzten die Narben, wenn das Wetter wechselte oder es kalt war. Bis heute waren die Albträume da. Sie waren gegangen, aber mit Merriks Tod waren sie wiedergekommen und es gab selten einen erholsamen Schlaf aus dem sie nicht schweißgebadet erwacht war. "Es ist gut, dass Ihr vorangeht", war ihr gesagt worden und doch war es als würde sie eher auf der Stelle stehen und nur nach außen hin ein Gesicht zeigen, das nicht ihr eigenes war. Es brannte noch immer in ihr, die Trauer fraß sich noch immer durch die Heilersfrau. Und da, an einem der Abende in denen sie durch Merriks Nachlass schaute, das Drachenmädchen nahe bei sich, da war sie auf den Brief des Herzogs gestoßen. Eine Erinnerung die verloren gegangen, aber eine die wiedergekommen war, eine echte.
Der Wunsch war für jemand anderem entsprungen, für ihre Freundin, für Lydia. Und nun wurde sie schmerzhaft erinnert wie schnell es einen selber treffen konnte, doch nicht nur sie sondern bestimmt auch jeden anderen irgendwann. Nur dann würde es vielleicht zu spät sein und irgendwie wollte sie nicht, dass sich das Schicksal von Lydia wiederholen würde oder überhaupt: So oft hatte sie gehört wie man sich an Namen, aber nicht an Gesichter erinnerte. Vielleicht sollte es so sein, vielleicht war es ein Zeichen gewesen das man ihr geschickt hatte, endlich diesen Gedanken zuende zu bringen, auch wenn der Stein der Erinnerung nur zu sehr schmerzte. Sie zögerte nicht und setzte sich an die lange und mühsame Aufgabe einen Brief für den Herzog aufzusetzen. Bücher, alte Briefe, Berichte... alles wurde zur Hand genommen um möglichst fehlerfrei und halbwegs angemessen zu schreiben. Einiges hatte Merrik ihr beigebracht, aber nicht alles, dafür hatte die Zeit nicht mehr gereicht.
Eine Weile hatte es gedauert und am Ende kam nicht nur die Antwort sondern auch eine neue Idee. Der Palast hatte scheinbar nicht genug Platz für all die Gemälde und Büsten also wollte sie einen neuen Ort bauen... nein, nicht neu. Sie wollte ihn ergänzen, so wie Merrik es einst wollte und dann nicht mehr konnte. Ein Platz mitten in Adoran, ein Ort, selten besucht obwohl er im Herzen der Stadt lag und seine ganz eigene Schönheit mit sich brachte. Es war Zeit, dass man ihn mit Erinnerungen füllte, ein Ort um sich zu treffen um sich an alte Zeiten zu erinnern, ein Ort wo man sich traf, miteinander redete und auch blieb. Ein Ort, der einlud und voller Gedanken sein sollte. Ein Ort an dem das Nichts und das Vergessen nichts zu sagen haben sollten, sondern nur die, die sind und irgendwann sein werden. Nur wie? Sie wusste nicht wie man ein Haus baute, nur dass es vier Wände, eine Decke und ein Dach hatte. Es brauchte also einen Hausbauer oder Steinmetz, Hauptsache jemand der irgendwie wusste wie man ein Haus baute. Und sie hatte ihn gefunden. Die Erlaubnis von Nyome war auch sehr schnell da.
Jetzt fehlte nur noch ein weiterer Teil: Die Erinnerungen die ihren Platz erhalten sollten. Einen Platz, wie sie selber erinnert werden wollten. Es würden viele Gespräche folgen müssen, viel gewartet werden und viele Gedanken gemacht werden. Gedanken, die sie immerhin ein wenig von ihrem Schmerz ablenkten, Gedanken die ihn überraschenderweise erträglicher machten, wenn sie daran dachte, dass immerhin viele andere sich keine Sorgen machen müssten irgendwann zu vergessen oder vergessen zu werden.
Eine Halle der Erinnerung. Eine Halle der Freude wie auch der Trauer. Eine Halle der Zusammenkunft.