Der verschollene Soldat

Geschichten eurer Charaktere
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Berchgard, später Abend

Der Mond hing blass über Berchgard, als Marlan noch einmal ins Hospital zurückkehrte.
Drinnen roch es nach Eisen, Blut, Rauch – die letzten Verwundeten waren versorgt, Cecilia wusch sich gerade die Hände an einer Schale.

Er blieb in der Tür stehen, beobachtete sie einen Moment. Die junge Heilerin wirkte erschöpft, die Bewegungen langsamer, aber ihre Augen wachsam, jeder Griff geübt.
„Cecilia“, sagte er schließlich leise. „Du brauchst eine Pause.“

Sie wirbelte fast erschrocken herum, das nasse Tuch noch in der Hand.
„Marlan? Ich dachte, Ihr seid längst beim Regiment.“
Er schüttelte den Kopf. „Nicht bevor ich hier fertig bin.“
Sein Blick glitt durch den Raum: Blut auf den Tischen, zerschlissene Verbände, verstreute Fläschchen.

„Ich helfe dir, richte den Raum her.“
„Nein!“ Cecilia hob hastig die Hände. „Ihr seid… Ihr wart ein Oberst! Ihr seid Soldat. Das… das geht nicht.“

Marlan sah sie nur an.
Dann, ohne ein Wort zu sagen, griff er an seine Riemen, löste den Reiterschild, legte die Armschienen ab, zog den Harnisch über den Kopf.
Schließlich stand er da, nur in Hemd und Hose, die Narben auf den Armen sichtbar, der schmale Körper eines Mannes, der sich langsam wieder ins Leben kämpfte.

Er schnappte sich ein Tuch, tauchte es ins Wasser, begann wortlos den Tisch abzuwischen.
Cecilia stand wie angewurzelt da, die Augen groß.
„Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll…“ murmelte sie.

„Dann sag nichts“, brummte Marlan, die Stirn leicht gerunzelt, während er eine rote Spur vom Holz schabte.
„Wir sind hier alle gleich, Cecilia. Wir alle kämpfen, nur mit anderen Waffen.“

Eine Weile arbeiteten sie nebeneinander.
Der alte Soldat und die junge Heilerin.
Die Nacht kroch draußen langsam heran, das Kastell atmete schwer.

Und Marlan spürte – für einen Moment – eine Ruhe, die er lange nicht gekannt hatte.
Er konnte noch helfen.
Nicht nur mit Schwert und Schild.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Der Stoßtrupp

Am nächsten Morgen hing der Himmel bleigrau über den Feldern vor Berchgard. Die Nachricht war gekommen: Die Rahaler hatten eine alte, verlassene Festung besetzt, und Späher berichteten, dass sie Katapulte vorbereiteten. Das durfte nicht passieren – wenn diese gewaltigen Geschütze fertig würden, könnten sie Berchgard in wenigen Tagen dem Erdboden gleichmachen.

Die Kronritterin, Dame von Alstedt, hatte die Truppen in kleinere Gruppen aufgeteilt. Arenvir von Tilianas, der alte Freund und frühere Oberst, führte einen Stoßtrupp an, der direkt hineinstoßen und die Katapulte zerstören sollte. Nur: Sie brauchten jemanden, der den Trupp „blockte“, der im Notfall die Feinde auf sich zog, bis die Mission erfüllt war.

Arenvir hatte sich nicht lange besonnen.
„Marlan“, hatte er nur gesagt. „Ich brauche dich.“
Und das war genug.

Vor der Festung

Der Stoßtrupp zog bei Nebel los, vorsichtig, immer die Festung im Blick. Marlan saß schwer gerüstet auf seinem Pferd, das Schild am Rücken, den Blick nach vorne gerichtet. Sein Arm schmerzte noch immer von der letzten Nacht, aber das war egal.

Dann: Bewegung. Kurz vor der Festung schnitten ihnen Rahaler den Weg ab – schwer gerüstete Soldaten, maskierte Helme, Zweihänder, Speere. Vor ihnen eine Kriegerin in schwarzer Rüstung, mit einem Morgenstern in der Hand, das riesige Schild in der anderen. Eine Rashar. – Kriegerinnen, die sich durch ihre Härte und Wildheit auszeichnen. Brutale Gegner, ohne die lähmende Dunkelheit der Letharen, aber nicht minder gefährlich.

Arenvir drehte sich kurz um.
„Marlan, ich brauche Zeit.“
Und mehr Worte brauchte es nicht.

Er sprang vom Pferd, zog das Schild vor, zog das Schwert.
Die Rashar kam auf ihn zu, der Morgenstern sauste – er duckte sich, parierte, wich aus. Dann schlug er zu, traf sie am Schildrand, spürte den Gegenschlag bis in die Schultern.

Sie rief ein kampflustiges Brüllen, schlug wieder zu, traf die Schulterplatte. Die Dornen des Morgensterns drangen durch das Metall, rissen Löcher, Blut sickerte hervor.
Aber Marlan stand. Jeder Schlag, jedes Ausweichen, jede Parade verschaffte Arenvir und dem Stoßtrupp Zeit.

Dann, plötzlich, hörte er es.
Ein Brüllen, das nicht menschlich war.
Er drehte sich kurz um – und sein Herz stockte.

Ein gewaltiger Dämon war beschworen worden, ein schwarzes, brennendes Biest, das sich direkt auf Arenvir stürzte.
„Verdammt!“ keuchte Marlan, wich einem weiteren Schlag der Rashar aus.
Es gab nur noch eine Chance.

Er pfiff laut – sein Pferd kam angesprengt, die helle Stute, die er erst vor Kurzem erhalten hatte. Mit einem geübten Satz sprang er in den Sattel, spürte das Brennen im Arm, das heiße Blut an seiner Seite.
„Halte durch, Alter“, murmelte er, und preschte los.

Der Ritt war knapp. Das Biest riss den Boden auf, Arenvir stolperte. Marlan warf sich aus dem Sattel, packte Arenvir am ausgestreckten Arm, zog ihn hoch, zog ihn mit sich auf das Pferd.
Schmerz schoss durch seinen Körper, aber er hielt durch – der alte Kürassier, der noch wusste, was Pflicht bedeutete.

Der Abend

Als sie Berchgard erreichten, einer nach dem anderen, manche mehr verletzt als andere, war Marlan der Letzte, der abstieg.
Sir Keylon war schwer verwundet und wurde sofort zu Cecilia gebracht. Marlan wartete still, lehnte an der Mauer, während alle anderen versorgt wurden.

Erst als Viktoria und Cecilia fertig waren, als die Schwerverwundeten ruhig atmeten, ließ er sich endlich auf eine Bank sinken.
Cecilia trat vor ihn, verschränkte die Arme.
„Ihr seid verrückt“, sagte sie mit fester Stimme. „Ihr habt die ganze Zeit geblutet. Ihr hättet zusammenbrechen können!“

Marlan hob nur leicht eine Augenbraue.
„Ich bin noch nicht zusammengebrochen.“

Cecilia schnaubte leise, aber Marlan sah den Anflug von Sorge in ihren Augen.
Als sie die Schulterplatte abnahmen, lief das Blut förmlich heraus.
„Ihr habt ein Glück, dass Ihr überhaupt noch steht“, murmelte Viktoria.
Aber Marlan zuckte nur leicht mit den Schultern.
„Es musste getan werden.“
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Berchgard – Aus der Sicht eines Überlebenden

Die Luft roch nach Öl und Eisen, nach nassem Stoff und Blut, das seit Tagen nicht mehr richtig trocknen konnte.

Berchgard hatte gehalten. Keine Festung – eher ein Kadaver, den wir mit Händen und Willen zusammenhielten. Ich weiß nicht, wie viele Nächte es waren. Sie fließen ineinander, wie der Schmerz in meiner Schulter, den ich irgendwann nicht mehr vom Reiben der Rüstung unterscheiden konnte.

Ich erinnere mich nicht an einen Moment der Ruhe, nur an Zwischenräume. Zwischen dem letzten Schrei und dem nächsten Feuerball. Zwischen den Befehlen, zwischen dem kurzen Schnauben der Pferde, zwischen den Blicken der anderen. Jeder trug sein eigenes Gespenst mit sich herum. Meines hatte einen Namen: Pflichterfüllung.

Ich kämpfte, trotz allem. Die Schulter war eingerissen, das Gewebe entzündet, doch ich konnte das Schwert noch führen. Das reichte. Die Rüstung hatte sich tief in den Rücken gefressen. Als ich sie das erste Mal wieder abnahm, war das Hemd hinter mir rot und schwarz zugleich. Die Heilerin meinte nur, das sei „nicht das Schlimmste, was sie heute gesehen hätte“.

Wenig tröstlich.

Inmitten dieser Hölle begegnete ich Arenvir. Er sprach nicht viel, aber wenn er es tat, saßen seine Worte wie ein Keulenschlag. Kein Trost, keine falsche Hoffnung – nur Ehrlichkeit. „Der Tag wird kommen, Marlan, an dem du dich fragst, wofür das hier war.“ Ich nickte. Und fragte nicht zurück.

Antarian war das Gegenteil. Er sprach mit Zuversicht, mit Feuer – auch dann, wenn wir nur noch vier Krüge Wasser und ein halbes Brot hatten. Er war da, ständig. Ich beneidete ihn nicht, aber ich achtete ihn. Auch wenn ich ihm nicht alles sagen konnte. Nicht über die Nacht, in der ich dachte, das Tor sei gefallen. Nicht über die Minuten, in denen ich mich fragte, ob wir besser wären, wenn wir einfach verschwänden.

Doch wir verschwanden nicht.

Als das letzte Signalhorn verklang und kein Gegenschlag mehr kam, saß ich in einer Ecke der oberen Mauer, das Schwert auf den Knien. Ich war nicht stolz. Ich war nicht froh. Ich war einfach leer. Der Sieg? Wenn man ihn so nennen will, hatte einen Preis, den keiner zahlen wollte, aber jeder musste.

Berchgard steht noch. Wir auch. Irgendwie.

Ich werde weiterkämpfen, solange man mich lässt. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages die Rüstung ablegen kann, ohne zu fürchten, was ich dann fühle.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Die Nächte

Der Raum war leer.
Kein Tisch. Kein Schrank. Nur eine einfache Matratze auf dem Boden, eine Decke, zu dünn für kalte Nächte. Der Steinboden war noch staubig, die Fensterläden schlossen schlecht, und draußen bellte ein Hund in der Ferne.

Marlan lag auf dem Rücken, die Arme über der Brust verschränkt, die Augen offen.
Er wagte kaum, sie zu schließen.

Und doch kam es.
Wie immer.

Das Rattern von Ketten.
Der kalte Atem an seinem Nacken.
Der Schmerz, der nicht nur stach – sondern brannte, schnitt, zersägte.

Er schrie nicht. Nicht im Traum. Nicht im Schlaf. Nicht einmal jetzt, als er plötzlich hochfuhr, keuchend, schweißgebadet.
Die Narben an seinem Rücken zogen sich zusammen, brannten, als hätte man sie eben erst geöffnet. Seine Hand zitterte, als er nach dem Krug Wasser griff – den er in der Dunkelheit umstieß.

Die Matratze roch nach Staub. Sein Hemd klebte am Leib.

Er war zurück gewesen. Wieder.
Nicht in Adoran. Nicht in Berchgard.
Sondern in diesem Raum.
Mit der Kälte. Den Stimmen. Den Händen.

Er lehnte sich gegen die nackte Wand, presste die Stirn an das kalte Gestein.
Versuchte zu atmen. Zählte.
Fünf ein. Sieben aus.
Wieder. Und wieder.
Nur so kam er zurück.

Er erzählte es niemandem.
Nicht Arenvir. Nicht Antarian.
Niemandem.

Denn wie erklärt man,
dass man noch immer dort ist –
obwohl man längst befreit wurde?
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Zwischen den Nächten

Die Träume kamen jede Nacht.
Wie Messer schnitten sie durch den Schlaf, rissen ihn aus jeder Ruhe, raubten ihm Atem, Zeit, Kraft.
Er wachte oft auf, bevor das erste Licht die Fenster streifte – nicht weil er genug geschlafen hatte, sondern weil der Schlaf ihn aufgab.

Dann ging er hinaus.
Ins Feld.
Übungen, Hiebe, Schrittfolgen. Wieder und wieder.
Nicht um besser zu werden.
Sondern um sich daran zu erinnern, wer er war – und wer er nicht mehr sein wollte.

Und doch… war da etwas anderes.
Etwas, das sich nicht mit dem Schwert bekämpfen ließ.
Eine Stimme, die blieb.
Ein Blick, der sanft war in einer Welt aus Eisen.

Sie sprachen oft. Viel. Lachten sogar, manchmal.
Wenn niemand hinsah, standen sie an Fenstern oder saßen an einer Mauer, sprachen über den Wind, die Welt, das, was sie verloren hatten.
Sie berührten sich nie. Aber in den Gesprächen waren sie einander näher als viele, die sich täglich umarmen.

Und Marlan wusste:
Es wird nichts werden.
Sie war jung, voller Licht, voller Leben. Und er – er war ein Schatten seiner selbst, zusammengenäht aus Erinnerung und Schuld.
Aber er konnte nicht anders.

Er suchte sie. Immer wieder.
Weil sie ihn atmen ließ, ohne dass er an Ketten dachte.
Weil ihre Nähe ihn an das erinnerte, was er vielleicht irgendwann einmal war.

Und weil das Herz manchmal weitergeht, selbst wenn man längst stehen geblieben ist.
Zuletzt geändert von Marlan Kabo am Sonntag 22. Juni 2025, 01:43, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Der Zusammenbruch

Die Wände des Schulungsraums wirkten enger als sonst.
Gardistin Lydia von Stahl stand vorne, erklärte präzise die Grundlagen taktischer Bewegungen in unebenem Gelände – eine theoretische Einheit, ruhig, sachlich.

Marlan saß auf einer der Bänke, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt. Es war nicht das erste Mal, dass er so eine Lektion begleitete – doch diesmal kostete ihn jeder Atemzug Kraft.

Die Nacht lag ihm noch in den Knochen.
Nicht wegen Schlafmangel allein – sondern wegen dem, was in diesen Stunden kam, Nacht für Nacht: Bilder, Stimmen, Schmerzen, die er längst hätte hinter sich lassen sollen.
Aber sie waren noch da. Und sie wurden stärker.

Ein Krampf zog sich von seiner linken Seite bis in die Brust. Sein Blick verschwamm für einen Moment. Dann kam der kalte Schweiß.

Er versuchte, sich aufzurichten, aber sein Magen rebellierte, sein Puls hämmerte in den Schläfen. Die Bank knarrte unter seinem Gewicht, und Lydia verstummte für einen Moment.

Viktoria Hamberg, die junge Heilerin unter den Rekruten, war bereits aufgestanden.
„Gardist Kabo?“ fragte sie mit ernster, aber ruhiger Stimme.

Marlan hob eine Hand.
„Ich… bin bei Sinnen.“ Seine Stimme war rau.
„Aber ich muss… ins Hospital.“
Viktoria trat näher, kniete sich neben ihn, prüfte den Puls am Handgelenk.

„Ich begleite Euch“, bot sie an, sachlich, dienstlich.

Viktoria hatte einen knappen Bericht an die Wache gegeben und sich zurückgezogen, schweigend, mit Respekt.
Zuletzt geändert von Marlan Kabo am Montag 23. Juni 2025, 01:57, insgesamt 2-mal geändert.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Zwei Tage Licht

Im Hospital roch es wie immer nach Salbei, altem Holz und Eisenkraut.
Sie war sofort zu ihm geeilt, als man ihn brachte – mit ruhigen Händen, geschultem Blick. Doch diesmal erkannte sie es nicht sofort. Es war kein offener Bruch, kein Fieber, kein Hieb.
Nur Müdigkeit.
Erschöpfung.
Und etwas in den Augen, das sie nicht greifen konnte.

„Was fehlt Euch?“
Ihre Stimme war leise, vorsichtig.

Er zögerte. Sah sie nicht direkt an.
Dann, fast schroff:
„Ich schlafe nicht. Und wenn ich es tue, will ich nicht wieder aufwachen.“
Ein Moment Stille.

Sie sagte nichts, tat nur das, was sie immer tat: sie blieb. Versorgte ihn. Gab ihm Wasser. Und ließ ihm Raum.

Er wollte nicht bleiben.
Nicht in diesem Raum. Nicht in einem Bett.

Und sie ließ ihn gehen – aber nicht allein.
Sie begleitete ihn, die nächsten zwei Tage.
Blieb in seinem Haus, das kaum möbliert war. Eine Matratze, ein Wasserkrug, ein Sessel.
Die Fenster waren noch mit Tuch verhängt gewesen.
Dunkel. Wie damals.

Gemeinsam nahmen sie das Tuch herunter, ließen Licht herein, stellten Kerzen auf, bewegten Dinge, als würde das etwas ändern.
Vielleicht tat es das.

Nachts, wenn er aufschreckte, war sie da.
Im Sessel, eine Decke über den Knien. Wach. Wartend.
Manchmal sprach er sofort. Manchmal erst nach Minuten. Und irgendwann erzählte er alles.

Die Träume.
Die Ketten.
Den Schmerz.
Die Stimmen.
Was er fühlte, wenn er aufwachte – und was er fühlte, wenn er es nicht tat.

Sie hörte zu.
Ohne Urteil.

Und wenn er sprach, wirkte es, als würde er selbst zum ersten Mal zuhören.

In diesen zwei Tagen sprachen sie mehr als in allen Wochen zuvor.
Sie lachten leise. Weinten nicht.
Teilten Brot, Suppe, Schweigen.

Er schlief nie ganz durch.
Aber wenn er aufwachte, war da Licht.
Und manchmal war das schon genug.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Weg zurück

Für Marlan begannen die Tage wieder früher.

Noch vor Sonnenaufgang stand er auf dem Feld, das Schwert in der Hand, den Blick auf den Boden gerichtet.
Schrittfolgen. Hiebwinkel. Atmung.
Disziplin.

Er zwang den Körper, sich zu erinnern.
Die Muskeln schmerzten, die Gelenke brannten – aber das war gut. Schmerz bedeutete, dass noch Leben da war.

Und mit jedem Hieb, jeder Wiederholung kam etwas zurück.
Nicht nur Kraft.
Etwas anderes.
Etwas, das tiefer saß.

Er wusste nicht, wann es begonnen hatte. Nur, dass er es spürte.
Eine Leere, die sich nicht mehr nur wie Müdigkeit anfühlte.
Ein Fehlen.

Nicht körperlich.
Nicht laut.
Nur dieses stille Ziehen im Inneren, wenn er allein war.
Wenn die Tür ins Schloss fiel und kein Licht mehr durch das Fenster kam.

Es war, als hätte er etwas entdeckt, das er nie ganz verstanden hatte.
Etwas, das nicht Pflicht war. Nicht Dienst. Nicht Treue.
Sondern leiser.
Wärmer.

Und jetzt, wo es wieder fern war,
merkte er,
wie viel es bedeutet hatte.

Er sprach es nicht aus.
Nicht vor anderen. Nicht einmal im Stillen.

Aber er änderte sich.
Ohne es zu planen. Ohne es zu zeigen.

Und manchmal, wenn er allein auf dem Wall stand und in die Ferne sah,
dann fragte er sich,
ob es noch einmal möglich war,
nicht nur zu überleben –
sondern zu leben.
Benutzeravatar
Marlan Kabo
Beiträge: 168
Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Ein neuer Stand

Die Monate hatten ihn verändert.
Das regelmäßige Training, die geordneten Mahlzeiten, das Leben im Regiment – all das hatte seinen Körper zurückgeformt. Nicht mehr der abgemagerte Mann, der einst durch Adorans Tor stolperte, sondern wieder ein Soldat. Fester Stand, kräftiger Griff, klare Augen.

Auch die Nächte waren besser geworden.
Die Träume kamen noch, manchmal, aber nicht mehr jede Nacht. Sie rissen ihn nicht mehr in Stücke, sie ließen ihm Atem.

Und mit der Kraft kam die Verantwortung.
Zweimal hatte man ihn inzwischen befördert.
Jetzt war er Korporal.
Kein Offizier, nein – aber in diesen Tagen fühlte es sich fast wieder so an. Offiziere fehlten, und er übernahm, was er übernehmen musste. Seine Kameraden blickten auf ihn, vertrauten auf sein Urteil. Und er fühlte, dass er es noch konnte.

Verlust und Rückschlag


Auf der Schreinreise traf es ihn hart.
Sein treuer Begleiter, Tony – der goldbraune Wallach, der ihn seit seiner Rückkehr getragen hatte – wurde getötet. Er sprach nicht viel darüber, wie sollte er auch? Ein Reiter verliert mehr als ein Tier, wenn er sein Pferd verliert. Er verliert einen Teil seiner Seele.

Und dann, kurz darauf, die Begegnung mit einer Lethra.
Sie hatte gelacht, während sie von Folter sprach, als wäre es ein Spiel.
Für einen Moment war Marlan wieder dort gewesen – in der Dunkelheit, in den Ketten. Alte Wunden brachen auf, unsichtbar für alle, aber schneidend für ihn.

Doch so schnell sie aufrissen, so schnell schloss er sie auch wieder.
Nicht, weil es leicht war.
Sondern weil er wusste: diesmal ist er nicht allein.
Er hatte eine Truppe, die stand. Eine Truppe, auf die er stolz sein konnte – wie selten in all den Jahren.

Der neue Gedanke

Und so kam er zurück nach Berchgard, das Schwert geputzt, das Herz schwer, aber nicht gebrochen.
Er sah die jungen Gesichter im Regiment, die Kameraden, die Schulter an Schulter marschierten, die Hände, die nicht zögerten, einander zu stützen.
Und er wusste: Dies hier war mehr als bloß Überleben.

Die Frage, die ihn so lange begleitet hatte – „Ist es möglich, wieder zu leben?“ – sie bekam langsam eine Antwort.
Ja.

Denn er merkte, wie sein Blick fester wurde, wenn er sie sah.
Wie sein Herz sich öffnete, Stück für Stück, wie Rüstung, die man nicht länger geschlossen halten konnte.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit wagte er es, den Gedanken zuzulassen:
Vielleicht gab es noch mehr als Dienst.
Vielleicht gab es noch einen Weg zu einer Familie.
Nicht heute. Nicht morgen.
Aber irgendwann.

Und dieser Gedanke allein – machte ihn stärker als jede Rüstung.
Antworten