Im Namen des Lebens

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Viktoria Hamberg
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  • Schwingenstein, 04. Schwalbenkunft 268
    Nerium Oleander Apotheke

    Der Schlaf wollte die letzte Nacht nicht recht kommen. Vielleicht, weil der Wind durch die Gassen pfeift, vielleicht auch, weil mein Herz ein wenig schwerer schlägt als sonst. Es ist eines jener Morgengrauen, an denen die Gedanken lauter sind als das erste Zwitschern der Vögel. Der Tag hat noch nicht recht begonnen, und doch scheint mein Herz längst erwacht zu sein. Ich schreibe, weil ich sonst wohl nicht zur Ruhe komme. Die Gedanken fließen wie warmer Tee aus der Kanne, leise, dampfend, tröstlich und zugleich ein wenig nachdenklich.

    -------------------------------

    Ich mache mir Sorgen um ihn. Um Antarian.
    Es fällt wohl keinem gleich auf, denn er spricht ruhig, wie immer, und trägt sein Amt mit der gewohnten Würde. Doch ich kenne ihn nun lang genug, um die Schatten zu erkennen, die nicht von der Sonne stammen.

    Sein Blick verliert sich öfter, wandert an Gesprächspartnern vorbei wie ein Blatt im Wind. Seine Hände ruhen seltener, sein Schritt ist eiliger als nötig, und es scheint, als sei kein Moment des Tages mehr wirklich sein.
    Ich sehe, wie sehr ihn all das fordert.

    Seine Augen sind müde, tiefer gezogen, als sie es sein sollten bei einem Mann, der den Menschen so viel Licht bringt. Er trägt den Druck des Hofes und der Welt mit einer Stärke, die mich beschämt, doch ich sehe, wie sie ihn auffrisst. Wie er sich abmüht, allem gerecht zu werden, und doch das Gefühl nicht loswird, irgendwo zu versagen.

    Und mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, dass er kaum noch weiß, wie man tief einatmet, ohne dass es im Brustkorb drückt.

    Ich legte ihm, im letzten Gespräch, still die Hand auf seine. Nur kurz, nicht mehr als ein Hauch. Ein stilles Zeichen nur, dass er nicht allein ist. Dass ich da bin, auch wenn er nicht spricht. Dass ich ihn sehe.

    Er lächelte.
    Nur ein Hauch.
    Aber es war echt.

    Ich wünsche mir, dass ich mehr tun könnte, als Tee kochen und zuhören.
    Aber vielleicht… ist das manchmal genug.

    Ich sorge mich dennoch.

    -------------------------------

    Gestern...

    Gestern wurde ich zur Gardistin befördert.
    Ich habe es natürlich kommen sehen. Wachtmeister Breg hatte es bereits Tage zuvor erwähnt.
    Aber als der Feldwebel mich vortreten ließ, mit diesem rauen Stolz in der Stimme, sagte sie:

    "Rekrutin Hamberg... Erstaunlich schnell und mit viel Talent zum motivieren von Kameraden, wie mir scheint... Hiermit ernenne ich euch Zum Gardisten des Regiments."

    Und ich weiß nicht warum, aber das hat mehr in mir bewegt als all die Orden, die man je verteilen könnte.

    Aber ich fühlte einen warmen Stolz, ganz tief innen. Einen, den man nicht zur Schau stellt, sondern wie einen kostbaren Stein im Beutel mit sich trägt.

    Ich habe diesen Dienst gewählt, um zu helfen. Um das Leben zu schützen. Und wenn ich das ein klein wenig besser tun kann als gestern, dann ist das vielleicht schon genug.

    Es fühlt sich gut an.

    -------------------------------

    Und da ist noch dieser Gedanke...

    Er kehrt immer zurück, besonders in der Stille.
    Ein Name, den ich nicht ausspreche.
    Ein Gesicht, das nicht verblasst.
    Ein Lächeln, das manchmal zwischen den Schatten tanzt.
    Manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe, glaube ich, einen vertrauten Schritt zu hören.

    Und manchmal frage ich mich, ob irgendwo jemand ebenso horcht, ob auch ihm die Erinnerung an mich auf der Zunge liegt wie ein Tropfen Honig, den man nicht zu schnell vergessen will.

    -------------------------------

    Ich sollte noch etwas ruhen.
    Aber vielleicht bleibe ich noch einen Moment am Fenster.
    Nur ein kleines Stück Morgendämmerung mit ansehen, ehe ich gleich wieder zum Dienst muss.

    Vielleicht weht der Wind heute Antworten mit sich.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:02, insgesamt 4-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Adoran - Adelsviertel, 08. Schwalbenkunft 268
    Anwesen derer von Dynal - Zu später Stunde

    Es ist still geworden.

    Nicht die drückende, unheilvolle Stille, die vor einer Schlacht liegt. Auch nicht die betäubte, erschöpfte Stille, die nach dem letzten Hieb auf ein verwundetes Land folgt. Nein, es ist eine andere Stille. Eine, die atmet. Die Leben zulässt.

    Berchgard liegt hinter uns. Der Rauch, der einst über den Mauern stand, ist verweht. Die Schreie der Verletzten sind verklungen und auch wenn ihre Schatten manchmal noch durch meine Gedanken huschen, so geschieht es inzwischen mit einer Art Frieden im Herzen.

    Der Krieg ist nicht vergessen. Aber er ist vorbei.

    Und nun kehrt das Leben zurück, das ganz gewöhnliche, das sich wie Wellen auf festem Grund ausbreitet.

    Der Alltag.
    Aber er fühlt sich nicht alltäglich an.

    Vielleicht ist es, weil jeder Handgriff jetzt Bedeutung trägt.
    Vielleicht ist es, weil wir gelernt haben, das Kleine zu sehen.
    Vielleicht ist es, weil ich inmitten all dessen Menschen treffe, die mein Leben reicher machen.

    Es ist ein seltsames Gefühl, dieser „Frieden“. Ich dachte einst, er sei eine leere Fläche, frei von Bewegung. Doch das stimmt nicht.

    Frieden ist nicht Stillstand.
    Frieden ist Bewegung, aber ohne Zerstörung.

    Er bringt Arbeit mit sich, aber keine Verzweiflung.
    Er bringt Aufgaben, aber keinen Angstschweiß.
    Er bringt Gesichter, neue, neugierige, vertraute und Geschichten, die gerade erst beginnen.

    In den Schreibstuben wird geschrieben, in den Ställen gelacht, auf dem Hof geübt und im Lazarett… gepflegt. Nicht in Eile, sondern mit ruhiger Hand.

    Ich erwische mich oft dabei, wie ich mit leichtem Schritt durchs Anwesen gehe, manchmal ganz ohne Ziel. Nur, weil ich es kann. Weil keine Trommeln mehr schlagen.

    Es ist gut. Es ist neu. Und es fühlt sich lebendig an.
    Der Alltag mag zurückgekehrt sein.

    Aber ich, ich habe ihn willkommen geheißen.

    -------------------------------

    Heute Abend habe ich mir, ganz ungewöhnlich, einen Moment der Stille gestohlen. Zwischen Berichten, Besprechungen, Unterweisungen und all den kleinen, niemals endenden Dingen, die der Alltag mit sich bringt, saß ich einfach da.

    Und atmete.

    Und plötzlich war da dieses Gefühl in mir, zart und leise, wie Morgendunst auf dem Wasser.

    Zuhause.

    Es überrascht mich selbst, wie sehr sich das Anwesen der Dynals, diese altehrwürdigen Hallen in Adoran, wie ein Stück Heimat anfühlen. Nicht wie das, was ich früher als Zuhause kannte, nein, anders.

    Aber nicht weniger wertvoll.
    Vielleicht sogar mehr.

    Ich weiß kaum noch, wann ich das letzte Mal länger in meinen eigenen Gemächern war. Mein Leben spielt sich fast gänzlich in Adoran ab. In den Gängen des Hauses Dynal, im Dienst auf den Straßen der Hauptstadt, in den Blicken derer, die mich inzwischen mit Namen kennen. Ich schlafe dort, ich arbeite dort, ich lache dort. Und irgendwie… wohnt mein Herz inzwischen dort.

    In Adoran.
    Und in dem, was sich darum gelegt hat.

    Die Tage sind voller Aufgaben, und voller Sinn. Es gibt kaum ruhige Abende, und wenn, dann bin ich oft zu müde, sie ganz zu begreifen.

    Aber ich klage nicht.
    Im Gegenteil.
    Es erfüllt mich.

    Ich hätte nicht gedacht, dass man so glücklich sein kann, ohne dass man es an einem bestimmten Moment festmachen muss.

    Es ist einfach da.
    In allem.

    In einer Tasse Tee am späten Abend.
    In der Ordnung eines sauberen Schreibtisches.
    In den Händen, die etwas Sinnvolles tun.
    In einem Blick.
    In einem Lächeln.
    In dem warmen Gefühl, gebraucht, nein .... gewollt zu sein.

    Ja, ich bin müde.
    Aber ich bin auch: angekommen.

    – V.H.


    -------------------------------

    „Loslassen ist kein Verlust - es ist die zarte Kunst, Platz zu schaffen für all das Schöne, das noch kommen will.“ – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:05, insgesamt 4-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Schwingenstein, 10. Schwalbenkunft 268,
    Nerium Oleander Apotheke - Nachtgedanken

    Welch ein wohltuender Tag, einer jener seltenen, kostbaren, die fast wie von selbst in den Stunden verfließen, ohne dass Hast oder Pflicht den Ton angeben. Heute war einer jener Tage, an denen ich endlich wieder Zeit für meine kleine Apotheke fand. Und wie sehr hat mir das gefehlt!

    Der Duft von frischem Lavendel, Thymian und den schweren, dunklen Wurzeln des Baldrians lag in der Luft, während ich mit ruhiger Hand Salben rührte und Tränke über dem kleinen Kupferkessel zum Sieden brachte. Die Welt vor der Tür schien für ein paar Stunden weit entfernt, nur das leise Klirren der Gläser, das sanfte Klingen des Mörsers und das konzentrierte Flüstern meiner Gedanken begleiteten mich.

    Ich habe Seifen gesiedet, duftend nach Rosmarin und etwas Jasmin und dabei fast vergessen, wie viel Freude mir dieses Handwerk schenkt. Ein älterer Herr, der mich schon vor einiger Zeit aufgesucht hatte, kam erneut in die Apotheke. Er suchte Hilfe gegen seine unruhigen Nächte, und ich konnte ihm mit einem sanften Schlaftrank weiterhelfen. Er verließ den Laden mit einem Lächeln, das mir tiefer ging als viele große Worte.

    Und auch wenn der heutige Tag reich an Licht war, so hallt doch besonders der gestrige Abend noch warm in mir nach. Der kleine Würfelabend im Dorfkrug zu Berchgard, wie viel Freude er doch gebracht hat! Es war beinahe rührend, Antarian inmitten all der heiteren Stimmen zu sehen, wie ein wenig Leichtigkeit sich auf sein Gesicht legte. Ich glaube, der Abend hat ihm gutgetan, vielleicht konnte er danach sogar etwas ruhiger schlafen.

    Später, als der Trubel leiser wurde und das Kerzenlicht weich über den Tischen flackerte, durften Lydia, er und ich noch einen stilleren Moment im Anwesen Dynals teilen. Unsere Gespräche waren wie ein leiser Faden, der sich durch Gedanken und Erinnerungen spann, vertraut und ehrlich. Ich schätze diese Nähe sehr. Inmitten all der Aufgaben, der Ehre, der Pflicht, sind es diese Augenblicke, die das Herz still machen vor Dankbarkeit.

    Und während draußen langsam die Nacht hereinbricht, spüre ich diese stille, tiefe Freude in mir: über den gestrigen Abend, den heutigen Tag, über das, was ich tun darf und über all das, was noch vor mir liegt.

    Es fühlt sich gut an.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Freitag 29. August 2025, 12:10, insgesamt 2-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Schwingenstein, 11. Schwalbenkunft 268,
    Nerium Oleander Apotheke

    Heute war einer dieser Tage, die sich wie sanft gewebte Fäden in das größere Tuch meines Lebens einfügen, unscheinbar vielleicht, aber von jener Sorte, die wärmen, wenn es kalt wird.

    Ich war mit Antarian unterwegs, ein halber Tag nur, voller kleiner Aufgaben, Abstimmungen, Planungen. Nichts Weltbewegendes. Und doch war da wieder diese stille Selbstverständlichkeit zwischen uns, die ich kaum benennen kann. Ein Blick, der genügt. Ein kaum merkliches Nicken, das mehr sagt als ein Dutzend Worte. Manchmal glaube ich, dass in der Stille zwischen zwei Menschen mehr gesprochen werden kann als in jedem lauten Gespräch.

    Bei ihm ist das so.
    Bei ihm ist vieles so.

    Er trägt so viel auf seinen Schultern, das Haus, die Pflicht, die Menschen, die ihn brauchen. Und er trägt es mit einer Ruhe, die nicht laut ist, sondern beständig. Manchmal wünschte ich, er würde sich mehr zumuten zu vertrauen. Aber dann überrascht er mich doch, mit einem schiefen Lächeln, einem leisen Dank, einem dieser seltenen Augenblicke, in denen er wirklich loslässt. Ich darf ihn dann für einen Moment sehen, wie er ist, nicht wie er sein muss.

    Bei einem Moment unseres kleinen Teerituals, zwischen dem Einschenken und dem ersten Schluck, hat er plötzlich gegrinst. Nicht einfach nur gelächelt, nein, es war ein echtes, fast schelmisches Grinsen. So etwas hatte ich an ihm bisher noch nicht gesehen.

    Und es hat mich überrascht.
    Sehr sogar.

    Es war, als hätte ein warmer Wind eine neue Seite in einem vertrauten Buch aufgeschlagen. Unverhofft, aber schön. Vielleicht ist da mehr hinter der Stille, als man im ersten Moment ahnt.

    Es ist schwer in Worte zu kleiden, was er mir bedeutet. Es ist kein Aufruhr, kein loderndes Feuer, das laut und fordernd brennt. Es ist eher wie das Leuchten einer Laterne in der Dämmerung, leise, beständig, da. Etwas, das bleibt, auch wenn alles andere sich wandelt. Wenn ich an ihn denke, wird alles in mir still, auf eine Weise, die sich wie Ankommen anfühlt. Wie ein warmer Platz am Fenster, wenn draußen der Regen fällt.

    Er ist nicht einfach nur Teil meines Lebens, er ist ein Teil von dem, was mich trägt. Ein stilles Versprechen im Alltag, das nicht gesprochen werden muss. Und wenn er lacht, dieses echte, seltene Lachen, dann, glaube ich, atmet selbst mein Herz ein wenig leichter.

    Ich wüsste nicht, wie ich ihn anders nennen sollte als: meine Heimat in Menschengestalt.

    Morgen werde ich ihm zur Seite stehen, wenn er seine Gäste empfängt. Zwei an der Zahl und einer davon ist kein Geringerer als der kleine Baron. Ich bin schon ganz gespannt auf seine Worte, die irgendwo zwischen vorlauter Schärfe und entwaffnender Ehrlichkeit pendelt. So klein wie sein Titel es glauben macht, ist sein Wesen nämlich nicht. Und wie immer wird Antarian es mit jener stoischen Ruhe nehmen, die ihm so eigen ist. Ich freue mich darauf, dabei zu sein und sei es nur, um zwischen den Worten ein wenig Ordnung in den Empfangstisch zu bringen und sie kurz zu begrüßen.

    -------------------------------

    Was für ein Abend. Ich sollte mir wirklich endlich angewöhnen, meine eigenen Zettel besser zu lesen oder zumindest auf die Uhr zu schauen. Ich war sicher, wir hätten uns zur siebten Abendstunde verabredet … dabei war es längst die sechste. Djurgeirr hat es mir nicht krummgenommen, im Gegenteil. Er hat gelächelt, ganz ruhig, fast schelmisch, wie er eben manchmal ist. Ich hätte mich trotzdem am liebsten unter seinem Schild versteckt.

    Trotz meiner Schusseligkeit wurde der Abend ein sehr feiner. Wir haben gemeinsam über Wundbehandlung gesprochen, und Djurgeirr war sehr aufmerksam. Er hört zu, wie man es sich als Lehrende nur wünschen kann. Und als er das Anlegen eines Druckverbandes übte, an meinem Arm, der ja wirklich nicht viel hergibt, war er so behutsam und respektvoll, dass ich innerlich fast lächeln musste. Seine Hände sind rau, das merkt man. Doch sie können auch sanft sein, wenn sie es wollen.

    Später, bei Met und Elchfleisch, hat er mir eine Geschichte erzählt. Von der „Dame im Wind“. Ich hatte diesen Namen noch nie gehört, ein alter Brauch aus seiner Heimat, glaube ich. Etwas zwischen Sage und Glaube, geheimnisvoll wie der Nebel, der manchmal am Waldrand hängt. Es hat mich berührt, wie er davon sprach.

    Mit leiser Stimme, fast ehrfürchtig.
    Die Dame im Wind.
    Ich möchte mehr darüber erfahren.

    Ich glaube, ich habe heute nicht nur unterrichtet, sondern auch selbst etwas gelernt.

    Ein Tag, der schöner endete, als er begonnen hatte. Und einer, der morgen neue Geschichten bereithalten wird. Und so nehme ich diesen Tag mit einem stillen Lächeln in mein Herz, reich an kleinen Wundern, sanften Gesten und einem Gefühl von Angekommensein, das leise, aber tief in mir nachklingt und dennoch immer lauter wird.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Adoran, 13. Schwalbenkunft 268,
    Nerium Oleander Apotheke - Ein Nachtgedanke


    Etwas in mir ist leiser geworden. Und zugleich lauter.

    Ich spüre es schon seit Tagen, wie sich etwas verschiebt, als hätte sich die Welt um ein winziges Maß gedreht. Kaum merklich für andere, doch in mir ist es wie ein zarter Riss in der Oberfläche eines lang vertrauten Sees. Der Überfall auf meine Apotheke in Schwingenstein war ein Schnitt, nicht nur durch meine Mauern, sondern durch mein Herz. Ich habe versucht, das Vertraute zu bewahren. Habe Türen repariert, Schubladen sortiert, Tränke angesetzt, als könnte ich das Gefühl von Sicherheit in Fläschchen füllen. Doch der Duft von Thymian und getrocknetem Veilchen konnte nicht länger die Schatten vertreiben, die sich heimlich in die Ecken geschlichen hatten.

    Und so habe ich mein Zuhause verlassen.

    Ich habe den Schlüssel zum letzten Mal in der alten Tür gedreht, den kleinen Mörser eingepackt, der mich all die Jahre begleitet hat, und bin nach Adoran gezogen. Es fiel mir schwer, schwerer als ich es mir eingestehen wollte. Das Häuschen in Schwingenstein war mein erster eigener Ort, ein Nest voller Träume, voller Anfänge. Aber vielleicht… ja, vielleicht braucht es manchmal einen stillen Abschied, um einen neuen Anfang möglich zu machen.

    Adoran empfängt mich mit offenen Armen, nicht durch Worte, sondern durch Menschen. Menschen, die mein Herz längst erkannt hat.

    Ich wohne nun ganz in der Nähe des Regiments, der Kameraden, die mir inzwischen wie Familie geworden sind. Es gibt mir das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. In die Nähe von Antarian, dessen bloße Präsenz in einem Raum Ordnung in mein Innerstes bringt. Und Nathanael, mit seinem stillen Blick und der Stärke, auf die man bauen kann. In die Nähe der Stahls, die mir mit ihrer offenen Art und ihren herzlichen Worten ein Netz aus Vertrautheit gesponnen haben.

    Ich beginne neu.
    Mitten in Adoran.

    Inmitten von Lachen, neuen Aufgaben, vertrauten Blicken, und einer Zukunft, die ich noch nicht ganz fassen kann, aber schon jetzt liebevoll erahne. Es ist ein Anfang, ja und vielleicht war es genau dieser, den ich gebraucht habe.

    Ich fühle mich angekommen, obwohl der Abschied von Schwingenstein mir das Herz schwer gemacht hat. Mein altes Haus war voller Erinnerungen, an Nächte mit offenen Fenstern und duftenden Teekräutern, an erste Heilversuche, an leise Gespräche mit Patienten, die mit gebrochenen Herzen zu mir kamen und mit einem Lächeln gingen.

    Aber vielleicht… muss man manchmal etwas loslassen, um Raum zu schaffen für das, was kommen darf.

    Ich blicke aus meinem neuen Fenster und sehe nicht mehr nur Dächer, ich sehe Möglichkeiten. Und mitten darin mein Leben, das weitergeht.

    Behutsam.
    Und doch mutig.

    Und so schreibe ich dies bei Kerzenschein, in einem neuen Zuhause, das noch fremd riecht, aber vertraut klingt.

    Und vielleicht… vielleicht wird es hier eines Tages wirklich mein Zuhause sein.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:50, insgesamt 4-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Adoran, 15. Schwalbenkunft 268,
    Nerium Oleander Apotheke

    Heute hat mein Herz ein kleines Stück mehr geleuchtet.

    Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll, denn es fällt mir schwer, all das, was ich fühle, in Worte zu kleiden. Aber vielleicht ist das auch nicht schlimm, vielleicht genügt es, dass ich schreibe, dass heute einer dieser seltenen Tage war, an denen man nicht nur atmet, sondern wirklich lebt.

    Threlm Rauh kam heute in die Apotheke. So still und aufrecht, wie man es von ihm kennt, mit diesem feinen Blick, der mehr sieht, als man ihm zutraut. In seinen Händen hielt er eine kleine Schatulle, auf Hochglanz poliert. Ich habe sofort gespürt, dass es etwas Besonderes war.

    Als ich es öffnete, stockte mir der Atem.

    Mein Silberarmband.
    Das alte Erbstück meiner Mutter, meiner Großmutter, viele Generationen davor.

    Poliert, aufbereitet, mit einer Sorgfalt, die fast liebevoll war, die Gravuren wieder deutlich, jedes feine Blatt, jeder kleine Schnorkel trat hervor, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich wieder atmen zu dürfen. Es war, als würde Eluives Handschrift darin flüstern.

    Ich habe es so lange nicht tragen können, nicht in diesem Zustand. Und ich hatte beinahe Angst, es zu verlieren, wenn ich es weiter unbeachtet ließ. Doch nun, nun glänzt es wieder an meinem Handgelenk, als wäre es nie anders gewesen.

    Ich glaube, Threlm hat nicht gesehen, dass mir die Augen feucht wurden, als ich ihm dankte. Oder vielleicht hat er es gesehen und einfach geschwiegen, wie er es eben tut. Aber ich war so voller Dankbarkeit, dass mir fast das Herz überlief.

    Ich habe an meine Mutter und meine Großmutter gedacht. An all die Abende, an denen sie mir erklärten, was die kleinen Pflanzen auf dem Armband bedeuten. Wie sie mir sagten, dass es kein Schmuckstück ist, sondern ein Versprechen. Ein Erbe. Eine Erinnerung an die Kraft, die von einer Heilerin zur nächsten weiterfließt, durch Generationen.

    Jetzt trage ich es wieder. Und bei jedem Blick darauf weiß ich: Ich bin nicht allein. Aurelia, meine Großmutter ist da. Und all die Frauen vor ihr auch.
    Und ich werde es eines Tages ebenso weitergeben, wenn die Zeit reif ist.

    Heute war ein stilles, aber kostbares Geschenk.
    Und ich werde diesen Tag nie vergessen.

    Ich werde nie vergessen, was Threlm für mich getan hat.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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Beitrag von Viktoria Hamberg »



  • Adoran, 16. Schwalbenkunft 268,
    Nerium Oleander Apotheke - Nachtgedanken

    Es gibt Tage, die sich anfühlen, als wären sie mit dünnem Papier über die Welt gelegt, zart, fast durchsichtig, und dennoch trennen sie einen seltsam ab von allem, was sonst so vertraut ist. Heute war so ein Tag. Etwas traurig, aber nicht schwer im eigentlichen Sinne. Eher… still. Eine Stille, die nicht leer ist, sondern voll mit unausgesprochenen Gedanken, mit Erinnerungen und kleinen Fragen, die man lieber noch nicht laut stellt.

    Aber vielleicht sollte man das. Vielleicht müssen sie ausgesprochen werden.
    Denn wenn sie zu lange in der Stille verweilen, beginnen sie zu wachsen – wie Dornen im weichen Gewebe meines Herzens.
    Es zerfrisst sonst mein ansonsten so heiteres, fröhliches Gemüt.

    Und das tut weh.
    Auf eine Weise, die ich nicht recht benennen kann.

    Es ist nicht laut, nicht dramatisch.
    Es ist dieses stille Ziehen, dieses feine Risseln unter der Oberfläche.

    Als würde etwas in mir leise flüstern: „Schau hin. Sprich es aus. Hör auf, es wegzulächeln.“

    Und doch... ich weiß noch nicht, wie.
    Noch nicht.

    Etwas in mir fühlt sich im Wandel. Vielleicht ist es der Frühling, der mit der Schwalbenkunft so vieles aufbrechen lässt. Vielleicht aber ist es auch etwas in mir selbst, das sich leise von Altem löst. Ich weiß es nicht. Ich glaube nur, dass man manchmal einen Schritt zur Seite treten muss, um Platz für das zu machen, was kommen soll.

    Und da wird etwas kommen.
    Unausweichlich.
    Aber es ist gut.

    ------------------------------

    Am späten Nachmittag habe ich Julius für das Regiment gemustert. Ein junger Mann mit einem schweigsamen Wesen, das mehr sagt als viele Worte es könnten. Als er das Hemd auszog und ich die Narben sah, stockte mir kurz der Atem. Ich bin Heilerin, ich habe vieles gesehen. Aber diese Spuren… sie erzählen nicht nur von Schmerz, sondern auch von Machtmissbrauch, von Gewalt, die nie hätte geschehen dürfen.

    Und doch war er ruhig.
    Meinem Blick standhaft.

    Als trüge er all das mit einem stummen Stolz, den ich tief bewundere. Ich habe mir Mühe gegeben, meine Erschütterung nicht zu zeigen. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Vielleicht werde ich ihm eines Tages sagen, wie sehr mich sein Anblick heute berührt hat.

    Vielleicht aber auch nicht.
    Manchmal ist es besser, einfach zu schweigen.

    ------------------------------

    Am Abend, nachdem ich Julius zum Regiment gebracht habe, durfte ich Wachtmeister Breg bei einer Anzeige begleiten, eine gemeinsame Arbeit, die mir mehr Freude bereitet hat, als ich vielleicht zugeben mag. Er hat diese ruhige, klarsichtige Art, die mir das Gefühl gibt, dass alles ein Stück weit geordneter ist, wenn er dabei ist. Und ich schätze seine Ernsthaftigkeit, sein genaues Hinhören und dass er mir, ohne große Worte, das Gefühl gibt, Teil eines Ganzen zu sein. Ich lerne viel von ihm, mit jedem Mal ein wenig mehr. Und ich freue mich schon auf den nächsten gemeinsamen Dienstgang.

    Ich werde mich gleich noch an den Bericht für Breg setzen, die Worte werden langsamer als sonst fließen, denn ich will ihnen gerecht werden. Mit seiner Erlaubnis habe ich mir den Brief von Melyna aus dem Büro geholt, damit ich alles sauber und vollständig zusammenfügen kann. Auch die Vorladung für den nächsten Zeugen liegt bereit. Es mag unscheinbar wirken, ein Stück Pergament, ein paar Zeilen Federstrich und doch trägt es Gewicht.

    Verantwortung.
    Gerechtigkeit.

    Es ist seltsam… wie sehr mich diese Arbeit erfüllt. Wie viel sie mir bedeutet.
    Ich hätte nie gedacht, dass das Regiment, mit all seiner Strenge und Ordnung, mir eines Tages wie ein zweites Zuhause werden könnte. Doch mit jedem Schritt, den ich zwischen Akten, Zeugen und Berichten gehe, wird mir klar: Hier schlägt ein neues Stück meines Herzens.

    Eine Leidenschaft, die nicht laut ist, aber echt.
    Und stark. So, wie ich es sein will.

    Heute Abend brennt nur eine kleine Kerze auf meinem Tisch. Der Tee dampft noch leise und draußen trommelt der Regen gegen die Fenster. Es war kein lauter Tag. Kein solcher, der sich mit Farben oder Aufregung aufdrängt.
    Und doch… werde ich ihn nicht vergessen.

    Er war still.
    Aber nicht leer.

    Er war gefüllt mit kleinen Blicken, mit Gesten, mit all den unausgesprochenen Dingen, die sich zwischen Menschen ereignen, wenn keiner von beiden die Stille stört.
    Manche Tage brauchen kein großes Geschehen, sie hinterlassen Spuren, ohne sich aufzudrängen.
    Wie ein stiller Wind, der die Segel neu setzt, ohne dass man es im ersten Moment bemerkt.

    Heute hat dieser Tag Spuren in mir hinterlassen.
    Zarte. Tiefe.

    Ich weiß nicht, wohin sie führen, aber ich werde ihnen folgen.
    Denn nicht jeder Weg beginnt mit einem Schritt. Manche beginnen einfach… mit einem Gefühl.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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Beitrag von Viktoria Hamberg »

  • Adoran, 29. Schwalbenkunft 268
    Nerium Oleander Apotheke - Ruhelose Gedanken.


    Es war ein ruhiger Abend. Doch die Ruhe war keine freundliche.
    Sie war angespannt, wie ein Bogen, kurz bevor die Sehne schnellt.

    Heute wurde ein Leben genommen.
    Nicht auf dem Feld, nicht im Sturm, nicht zwischen Stahl und Geschrei, sondern auf blankem, totem Holz.

    Gustav Grann ist tot.

    Es war ein Akt der Gerechtigkeit, wie man sagt.
    Ein geregelter Vorgang, in klaren Abläufen, mit klerikaler Zustimmung, unter wachsamen Blicken.

    Ich habe ihm nicht nahegestanden, nicht als Mensch, nicht als Kamerad.
    Und doch stehe ich nun hier, spüre, wie sich die Kälte seines Endes in meine Gedanken schleicht.

    Der Tod auf dem Schlachtfeld ist laut, chaotisch, wild.
    Er lässt kaum Zeit für Gedanken. Nur Handeln. Überleben.

    Aber das hier, diese Art von Tod, ist still. Er hat einen Anfang, ein Ende.
    Eine Bühne, ein Publikum. Und keine Gnade.

    Ein Ehrenhafter Tod. Sagte Renold.
    Ist es das?

    Ich zuckte, als mein Name fiel. Nicht, weil ich schuldig wäre.
    Sondern weil ich wusste, dass es nun vorbei war.
    Renold stand auf einmal an meiner Seite, ruhig, fest, wachsam.
    Seine Hand auf meiner Schulter: kein Befehl, kein Urteil.

    Nur Nähe.
    Nur Mensch sein.

    Er blieb zurück und entließ die Kameraden zum Kastell.
    Schweigend beobachteten wir, wie der Henker die letzten Spuren eines verlöschenden Lebens von der Bühne des Schicksals kehrte und still davontrug.

    Ich habe mich gefragt, ob ein Funke von Grann gereicht hätte.
    Ein Funke von Reue, von Einsicht, irgendetwas, das das unausweichliche Ende vielleicht… hätte wenden können.

    Ich fragte mich, ob Reue etwas geändert hätte.
    Ob ein Wort, ein Blick, ein Atemzug voller Einsicht etwas gerettet hätte.
    Aber er sprach nicht. Nicht wirklich.

    Vielleicht war seine Seele schon gegangen, lange bevor der Körper ihr folgte. Vielleicht hatte er keinen Weg zurück gefunden, vielleicht nie gesucht. Aber es war keiner da. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Vielleicht war seine Seele längst woanders, lange vor dem Fall des Beils.

    Und das Geräusch, so sauber und endgültig es auch war, hallt mir nach. Vielleicht nicht in den Ohren, aber in einem inneren Raum, den ich nur selten betrete. Dort, wo Erinnerungen an Gewicht gewinnen.

    Ich habe auf dem Schlachtfeld Leben genommen. Ich weiß, wie es ist, jemanden zu Fall zu bringen, weil er sonst mich fällt.

    Aber das hier war anders. Es war kein Zorn, kein Chaos. Es war Stille.
    Und Stille ist schwerer zu ertragen als jedes Kampfgeschrei.

    Wir sprachen darüber, Renold und ich.
    Über Gerechtigkeit. Über Ordnung. Er ist ein Vertreter der Pflicht, aber einer mit offenem Herzen. Der ruhende Fels.

    Seine Worte waren klar, wie immer. Er sagte:
    „Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.“
    „Bedauert nicht den Toten, bedauert den Lebenden Gustav Grann.“

    Er meinte es nicht kalt, nicht grausam. Er meinte es als Wahrheit. Und als Schutz. Ich bewundere ihn dafür, wie gefasst er bleibt. Wie er das rechte Maß sucht, nicht aus Rigidität, sondern aus Verantwortung.

    Und doch, ich bedaure es.
    Ich bedaure jedes Leben, das nicht erhalten werden kann.

    Auch das von Gustav Grann.

    Es war nicht Mitleid, das ich fühlte. Es war Bedauern. Es war Mitgefühl.

    Und vielleicht war es auch ein leiser Schmerz darüber, dass nicht jeder Mensch gerettet werden kann. Dass nicht jede Seele den Weg zur Einsicht findet. Und dass manchmal ein Ende das Einzige ist, was bleibt.

    Der Korporal sagte, das sei kein Zeichen von Schwäche.
    Und doch ist sie ein Gewicht, das wir tragen. Weil wir wissen, was Leben bedeutet.

    Vielleicht ist das wahr.

    Ich bedaure jedes Leben, das verloren geht. Auch dieses.

    Ich weiß nicht, ob die Schwertmaid Gustav empfängt oder ob Eluive seine Asche in die Dunkelheit trägt.
    Ich weiß nur, dass ich heute Nacht an ihn denken werde.

    Nicht lange.
    Nicht voller Gram.
    Aber ehrlich.

    Ich weiß nicht, ob ich es je ganz vergessen werde.
    Aber ich werde weitergehen.

    Und ich habe letztendlich begriffen: Dieses Mitgefühl ist keine Schwäche.

    Vielleicht war es Renolds Blick, der mich aufrecht hielt - ruhig, klar und standhaft wie ein Leuchtfeuer im Nebel und inmitten all der Stille war er es, der mir zeigte, dass meine Gedanken kein Bruch in der Rüstung ist, sondern das, was uns menschlich bleiben lässt.

    Mitgefühl.
    Im rechten Maß.


    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:53, insgesamt 3-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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  • Adoran, 01. Cirmiasum 268
    Nerium Oleander Apotheke

    Manchmal sind es die stillen Abende, die das Herz am lautesten berühren.

    Gestern war so einer.

    Lydia und ich. Wir saßen nach dem offiziellen Dienstgespräch noch beisammen. Es hätte wie viele andere Male verlaufen können: nüchtern, sachlich, vielleicht sogar ein wenig distanziert. Doch diesmal... war es anders. Wie aus heiterem Himmel fiel das Protokoll von uns ab. Und da waren wir wieder, wir selbst. Ohne Rüstung, ohne Titel.

    Zwei Seelen, die sich gut kennen.
    Und vermisst haben.

    Wir haben gelacht. Herzlich, ehrlich, fast kindlich. Wir haben gescherzt, Erinnerungen geteilt, Blicke ausgetauscht, die mehr sagten als Worte. Und dann, ganz unvermittelt, wurde es still zwischen uns. Nicht unangenehm... nein, vielmehr vertraut. In dieser Stille konnten wir beide atmen. Uns öffnen. Und plötzlich waren da Gespräche, die tief gingen. Über Schuld. Verantwortung. Sehnsucht. Über das, was war und das, was bleibt.

    Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut tut, sie wieder so nahe zu wissen.

    Es war fast wie früher.

    Fast... aber nicht ganz. Denn wir sind beide gewachsen. Verletzter vielleicht. Ernster. Aber auch stärker. Und doch war da dieses Leuchten in ihren Augen, das ich sofort erkannt habe. Das gleiche, das sie früher trug, wenn sie sich fallen ließ, für einen Moment.

    Bei mir.

    Ich weiß nicht, was morgen bringt. Vielleicht wird es wieder still. Vielleicht war es nur ein Flackern in der Nacht.
    Aber heute? Heute trage ich sie in meinem Herzen. Und es fühlt sich nicht mehr ganz so schwer an.

    – V.H.
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Viktoria Hamberg
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Beitrag von Viktoria Hamberg »



  • Adoran, 05. Cirmiasum 268
    Nerium Oleander Apotheke

    Windstill lag der Abend über dem Strand wie ein Versprechen, als hätten die Wellen sich für einen Moment entschieden, zu lauschen statt zu raunen.

    In dieser Woche war einer jener Tage, die sich nicht in ihrer Dauer, sondern in ihrer Dichte messen lassen. Wir waren viele: Kameraden, Freunde, Weggefährten. Und doch war da in allem ein zartes Band aus Gemeinsamkeit, das uns trug, fast wie die Sonne über dem Wasser: mühelos, aber warm.

    Der Appell begann mit dem Salz des Meeres auf der Haut und dem Lachen der anderen in der Luft. Die Schwimmübungen, wie hätte ich ahnen können, dass das Wasser nicht nur kühlt, sondern auch trägt? Vincent war geduldig, fordernd, aber nie übergriffig. Er hat mir gezeigt, wie man sich dem Wasser anvertraut, nicht widersteht. Ich erinnere mich an einen Moment, in dem ich mich treiben ließ, die Augen geschlossen, die Ohren voller Meer. Und ich war einfach nur da. Schwerelos. Fast frei.

    Später, als das Feuer knisterte und der Stockfisch seinen Duft verströmte, saßen wir im Sand wie Kinder, nur dass unser Schweigen oft lauter sprach als unsere Worte. Geschichten wurden getauscht, manche tief wie Wunden, andere leicht wie das Treibholz am Ufer. Aber jede war gehalten von Blicken, die mehr verstanden, als gesagt wurde.

    Ich spürte es so deutlich wie selten: Freundschaft.
    Diese stille Einigkeit, dass man einander hält, auch ohne sich festzuhalten.
    Dass man nebeneinander sitzt, im Rauch des Grills und unter dem offenen Himmel, und spürt:

    Ich bin nicht allein.

    Aus Kameradschaft wird Freundschaft.
    Aus Freundschaft wird mehr.
    Wird es das?

    ----------------------------------------

    Es war einer dieser Abende, an denen sich die Welt in weicheren Tönen zeigte. Der Himmel war klar, das Licht flüchtig, als würde es sich langsam zurückziehen, um Raum zu lassen, nicht für Dunkelheit, sondern für etwas Tieferes, Stilleres. Wir gingen nebeneinander her, nicht schweigend, aber auch nicht in einem Gespräch, das unbedingt Worte brauchte. Es war ein Gleichklang, wie er selten ist. Zwei Menschen, nicht gleich, nicht verwandt, aber seltsam verbunden in einem Moment der inneren Auflösung.

    Ich dachte, ich hätte längst gelernt, wie man Dank ausspricht. Doch es fiel mir schwer. Es war nicht der Dank für eine Tat, sondern für etwas Feineres, das sich nicht messen lässt.

    Für einen Blick, der nicht gewertet, sondern erkannt hat.
    Für Worte, die nicht gefallen wollten, sondern gefunden wurden.
    Für eine Nähe, die nichts forderte, aber alles bot.

    Ich sagte es ihm, auf meine Art. Unsicher, doch wahrhaftig. Dass er mir mehr gegeben hat, als er je beabsichtigt haben könnte. Nicht aus Großmut, sondern einfach, weil er so ist. Es gibt Menschen, bei denen man sich nicht beweisen muss. Bei denen man nicht klüger, stärker oder kontrollierter sein muss. Sondern einfach genug ist. Er ist einer davon.

    Und ich sagte es ihm, leise, aber aufrichtig.

    Er nahm es an, ohne Stolz, ohne Zurückweisung. Mit einem jener stillen Lächeln, die nicht für die Lippen gemacht sind, sondern für das Herz. Kein Geständnis folgte, keine Wendung ins Drängende. Nur das Einverständnis, dass etwas zwischen uns gewachsen war.

    Etwas Kleines vielleicht, aber echt.

    Und dann, ganz beiläufig, sprachen wir vom Maskenball. Nicht direkt, nicht einmal mit einer Frage. Doch sie lag in der Luft. In der Art, wie er sprach, wie seine Stimme einen Ton annahm, den ich noch nicht oft bei ihm gehört habe. Amüsiert, aber offen. Nicht fliehend, sondern einladend. Wie ein Schritt, der gemacht wird, ohne zu wissen, ob der andere mitgeht.

    Ich habe noch kein Kostüm. Aber ich werde eines haben.

    Sein Vorschlag kam nicht direkt. Es war vielmehr eine Einladung, sorgfältig verpackt in einem Spiel aus Worten und Blicken. Hätte ich nichts gesagt, wäre sie trotzdem gekommen?

    Vielleicht.
    Vielleicht auch nicht.
    Aber sie kam.
    Und sie war aufrichtig.

    Was als ein unbeschwerter Abend begann, wurde rasch zu einem, dessen Nachklang wohl noch lange in mir verweilen wird. Nicht allein wegen der Hitze des Tages oder dem kühlen Stein unter unseren Füßen, sondern wegen der Worte, die gesprochen wurden, und der Zwischentöne, die viel lauter klangen als alles Gesagte.

    Ich weiß nicht, wohin diese Schritte führen. Ob wir beide sie gehen werden oder irgendwann wieder stehen bleiben. Aber ich weiß, dass ich etwas gesehen habe, das ich lange nicht gesehen habe:

    Aufrichtigkeit, eingebettet in Humor.
    Unsicherheit.
    Hoffnung.
    Albernheit, die mein Herz aufblühen ließ.

    Ein Mann im Amselkostüm hat mich eingeladen, ihn zum Maskenball zu begleiten.
    Und ich habe Ja gesagt.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Samstag 5. Juli 2025, 02:28, insgesamt 1-mal geändert.
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Renold Breg
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Beitrag von Renold Breg »

"Ein einziger Tropfen genügt, um Klarheit in Farbe zu tauchen."
Die Gedanken des Vollblutsoldaten kreisten umher.

Sein täglich Brot bestand nur aus soldatischem Pflichtgefühl - für mehr war kein Platz; Aktenberge mit liebevoller Akribie von links nach rechts verschieben, unzählige Unterrichtseinheiten, die es zu planen galt, der stete Austausch mit dem herzöglichem Haushalt und dann gab es natürlich die Truppe, die bei Laune gehalten werden wollte - zu viel hatte man investiert, um einen Haufen mit derlei Qualität und Kameradschaftsgefühl zu formen. Zu viel Zeit und Schweiß.


Aber es war seine Familie und da war kein Platz für Anderes.

Nichtsdestotrotz hatte sich in den letzten Tagen - oder gar Wochen - ein Gedanke in seinen Geist geschlichen,
der wie ein steter Tropfen Tinte in einem Teich aus Quellwasser niederfiel.
Dieser Tropfen veränderte den Quell - in positivem Sinne - und färbte den Rest des Wassers ein.

Stück für Stück - Tropfen um Tropfen.

Er kündigte sich nicht an, wie ein Regenschauer, der heraufzieht nach einem lauen Sommertag - vielmehr kam er unentdeckt und vor allem unerwartet, wie ein leiser Duft, der in einem Raum zurückbleibt und dich nicht mehr loslässt.


Ist da Raum für mehr?

Einige neue Kameraden kamen in den letzten Wochen dazu und gingen Ihren Weg. Sie waren Ihm allesamt mittlerweile ans Herz gewachsen und er genoss die Zeit mit Ihnen - doch stets vereint im Dienste des Pflichtgefühls.

Es gab jene Kameradin, die den ersten Gedanken bei Ihm anstieß - sie war Ihm sehr ans Herz gewachsen. Eine große Stütze und gute Freundin, vereint im Geiste und seiner scherzenden Seite nie abgeneigt. Sie erinnerte Ihn stark an seinen Waffenbruder Fjalon aus längst vergangener Zeit - die selbe Geradlinigkeit, der selbe Humor. Mit ihr verband ihn eine Vertrautheit, die aus Kameradschaft geboren war.


Und dann gab es Jene, die diesen Gedanken unwissentlich in Ihm verstärkte. Ihm Nahrung gab, wie man dem anfänglichen Feuer mit Zunder zum Wachsen einlädt. Erst waren es nur stumme, teilnahmsvolle Blicke, die - ähnlich dem Feuer - heranreiften und schließlich in vertrauten Gesprächen mündeten, die mehr waren als bloße Worte unter Kameraden: vertrauter, leiser, wärmer.

Er ertappte sich immer öfter, ihr Blicke zu schenken, die länger verweilten als erlaubt. Und jedes Mal spürte er, wie etwas in ihm weicher wurde – etwas, das kein Befehl hätte verbieten können.

Freilich konnte man derlei Gedanken selten im starren Dienstverhältnis austauschen.
Und so mehrten sich Gelegenheiten, bei einem Spaziergang oder nach Dienstschluss, einmal mehr die Uniform abzulegen - und dem zivilen Leben mehr Raum zu geben.


Da ist noch mehr - und er möchte es zulassen.


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Viktoria Hamberg
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  • Adoran, 06. Cirmiasum 268,
    Nerium Oleander Apotheke

    Es ist ein verregneter Tag.
    Die Welt scheint zu ruhen - sie schlummert, atmet leise, sammelt neue Kraft.
    Ich sitze an meinem Arbeitsplatz in der Küche und blicke aus dem Fenster.
    Früher sah ich von hier aus Bäume und das Ufer des Meeres. Heute blicke ich auf Stein - das Haus des Nachbarn. Nur selten kommen Menschen vorbei, und wenn, dann hasten sie an meiner Apotheke vorüber, vom Regen gejagt, als könnten ein paar Tropfen sie auflösen.

    Mein Blick kehrt zurück zu dem Haus.
    Mein Nachbar. Ich meine, ihn zu kennen, doch der Gedanke entgleitet mir immer wieder.
    Wie ein Name auf der Zunge, der sich nicht fassen lässt.

    Meine Gedanken beginnen zu wandern.
    Sie fliehen - fort von dem, was eigentlich geschrieben werden möchte.
    Ich suche nach Worten, die noch nicht geboren sind. Worte, die sich gerade erst formen wollen.
    Zart, und doch voll stiller Kraft.
    Meine Hand zuckt. Der Federkiel tanzt leicht im Schimmer der Laterne.

    Die Feder.


    Ich erinnere mich an die Feder.

    __________


    Ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat, aber in letzter Zeit finde ich mich immer häufiger in Momenten wieder, in denen alles still ist. Nicht leer, sondern voll. Voll mit Fragen, Gedanken und einem Gefühl, das ich nicht sofort benennen kann.
    Da war ein Blick. Eigentlich viele. Manchmal treffen sich unsere Augen zufällig. Zumindest fühlt es sich so an. Aber dann bleiben sie einen Moment zu lang haften. Als würde keiner von uns ganz loslassen wollen. Es ist leise, beinahe schüchtern. Doch da ist ein Leuchten. Warm, ruhig. Und da ist etwas, das sich wie Vertrautheit anfühlt.

    __________


    Es gab da jemand, bei dem ich bereits dachte, dass es jenes Gefühl ist. Aber das war es nicht. Es war anders. Seine Blicke trafen meine nicht zufällig. Sie waren gewollt, bestimmt. Vielleicht war es der Krieg, der uns beide in diesen Moment hineingetrieben hat. Die Schlacht, das Chaos, das allgegenwärtige Wissen, dass jeder Augenblick der letzte sein könnte. Vielleicht war es dieses Drängen nach Leben, nach Nähe, nach etwas, das sich echt anfühlt inmitten all der Gewalt. Vielleicht war es das, was das Feuer so rasch entfachte. Dieses brennende Bedürfnis, nicht allein zu sein.

    Und es brannte. Lichterloh.

    Ohne Umwege, ohne Maß. Für einen Moment glaubte ich, mich darin verlieren zu müssen - als gäbe es keinen anderen Weg. Aber das Feuer loderte zu schnell, es ließ keinen Raum zum Atmen. Kein Raum zum Wachsen. Es verlangte ein „Jetzt“, wo ich noch gar nicht wusste, wer ich in diesem Jetzt bin.

    Es ist vergangen. Nicht ohne Spuren, aber es hat sich verändert.
    Doch aus dem, was übrig blieb, entstand etwas anderes. Keine Leere. Keine Bitterkeit. Sondern Glut, die nicht wärmen will, sondern ruhen darf. Aus ihr ist etwas Neues entstanden.

    Etwas Ruhigeres. Ehrlicheres. Freundschaft.

    Echte, tiefe Verbundenheit. Kameradschaft, auf die ich mich verlassen kann.
    Ich bin dankbar dafür.
    Sehr sogar.
    Und ich hoffe, dass auch er sie so spürt.

    __________


    Aber da ist noch etwas anderes. Kein neues Gefühl. Ein kleiner Funke, kaum wahrnehmbar. Und doch wurde er mit jedem Moment, mit jedem leisen Blick, mit jeder Geste der Zurückhaltung ein wenig genährt. Vorsichtig. Still.
    Es war von Anfang an da. Ganz still. Ich habe es vielleicht nicht sofort erkannt, doch ich habe es gespürt. Es war nur ein Hauch, kaum greifbar. Und doch wurde er mit jedem Moment, in dem er mir mit stillem Respekt begegnete, ein kleines Stück genährt. Nicht durch große Gesten, nicht durch Worte, sondern durch... Dasein. Durch das Nebeneinander-Sein, durch geteilte Blicke, durch das Wissen, dass er da ist, auch wenn nichts gesagt wird. Es ist ein Gefühl, das nicht drängt. Es bittet nicht um Antworten, es wartet.

    Geduldig.
    Es will nichts fordern. Es will wachsen.
    Langsam. Ohne Eile.

    Und genau das berührt mich mehr, als ich sagen kann. Es ist kein Sturm, sondern ein warmer Wind. Einer, der mich atmen lässt, ankommen lässt. Der mir Raum gibt, ich selbst zu sein. Ich weiß noch nicht, was daraus wird. Vielleicht bleibt es einfach ein unausgesprochener Bund, gewebt aus Nähe, Stille und gegenseitigem Respekt.

    Vielleicht wird es mehr.
    Vielleicht auch nicht.

    Aber was ich weiß: Ich will diesem Gefühl Raum geben. Nicht durch Worte. Nicht durch Entscheidungen. Sondern durch Zeit. Und durch Nähe, die sich nicht erklären muss. Es ist kein Feuer, das mich verbrennt. Es ist eine Flamme, die wärmt. Und in deren Licht ich mich erkenne.

    Wie eine kleine Kuppel aus Licht, in völliger Dunkelheit.

    – V.H.
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Viktoria Hamberg
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Beitrag von Viktoria Hamberg »



  • Adoran, 08. Cirmiasum 268,
    Nerium Oleander Apotheke

    Es ist ein Tag, der kaum Luft zum Innehalten lässt. Gedanken jagen einander, Pflichten reihen sich aneinander wie Perlen auf einem Band und doch fehlt mir die Ruhe, sie einzeln zu betrachten. Ich müsste schreiben… so viele Zeilen, so viele Dinge, die in meinem Herzen und Kopf miteinander ringen.

    Antarian ist zurück. Ich gestehe mir ein, ich habe ihn wirklich vermisst. Seine stille, zuverlässige Art bringt eine Form von Sicherheit mit sich, wie ein wärmender Mantel in der Morgenkühle. Zu wissen, dass da jemand ist, der zuhört, der Rat gibt, der einen Tee teilt und den Moment zur Ruhe bringt - genau das ist es, was ich gerade so dringend brauche. Es tut mir gut, zu sehen, dass er wohlauf ist. Und dass er eine Begleitung für den Ball gefunden hat - das erleichtert mein kleines Herz.

    Eine Sorge weniger.

    Da sind die Rosen. Inzwischen Neun an der Zahl. Die erste schon im Begriff, ihr Haupt zu neigen. Sie stehen auf meinem Arbeitstisch, schweigend, und doch so laut in ihrer Wirkung. Ich sehe sie jeden Tag, nehme sie einzeln aus meinem Postkasten, und frage mich, wer sie wohl sendet. Keine Zeile, kein Absender, kein Wort, nur Blüten und Stille. Es ist das Nichtwissen, das schwerer wiegt als jedes geschriebene Wort.

    Ungewissheit.

    Dann ist da Garvin. Sein Bein. Der Trümmerbruch lässt meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen, sie drehen Kreise, finden keinen Ausweg, keine Antwort. Ich hoffe so sehr, dass Arenvir helfen kann, dass seine Erfahrung uns eine Lösung bringt. Sonst… ich fürchte, er könnte das Bein verlieren. Ich habe Vincent gestern Abend davon erzählt, einer der Stahls sollte es wissen. Nur Garvin nicht. Noch nicht.
    Seine Gesundheit ist jetzt wichtiger als alles andere. Was zwischen uns steht, bleibt unausgesprochen.

    Es hat Zeit.

    Und nun… der Wettkampf im Schwimmen.
    Ich weiß nicht, welcher Gedanke Antarian und Vincent da gepackt hat und wie ich da hineingeraten bin, ist mir selbst ein Rätsel. Doch nun bin ich Teil davon. Offenbar werde ich schwimmen, gegen jemanden, den Antarian auswählt und trainiert, während Vincent… mich in seine Obhut nimmt.
    Ein wenig Furcht regt sich in mir, das muss ich gestehen. Beide hatten diesen ernsten Ausdruck in den Augen, ein Blitzen wie Sonnenlicht auf dunklem Wasser. Wenn es ihnen Freude bereitet - so sei es. Vincent hat ja ohnehin schon entschieden.

    Ich werde antreten.

    Zwischen all dem Lärm in meinem Inneren ist da aber auch noch etwas anderes. Etwas Kleines, Warmes. Es war lange still, doch jetzt wird es wieder spürbar. Ich glaube, ich habe es zuletzt empfunden, als ich meine Großmutter umarmte… ihr dankte, dass sie mir das Leben gerettet hat.
    Dieses Gefühl… Wärme, die sich in der Brust ausbreitet, wie Licht in einem stillen Raum.

    Ich bin Zuhause.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Viktoria Hamberg
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Beitrag von Viktoria Hamberg »



  • Adoran, 09. Cirmiasum 268,
    Nerium Oleander Apotheke


    Es war das Vogelgezwitscher in der Dämmerung, das mich weckte, zart und doch eindringlich, wie ein Ruf zurück ins Leben.
    Die Nacht war kurz, ruhelos, gefüllt mit einem Schlaf, der keiner war. Mein Körper lag verkrümmt in dem alten Sessel meiner Stube, dessen Lehnen einst Trost spendeten, doch heute nur den Rücken schmerzen ließen.

    Garvins Atemzüge durchbrachen die Stille, rau und schwer, und jedes Geräusch, jeder Laut aus seiner Kehle ließ mich aufschrecken, als wäre ich selbst auf der Schwelle zwischen Wachen und Traum gefangen. Ich habe es verlernt, meinen Schlaf mit jemandem zu teilen. Und doch war ich stündlich an seiner Seite, prüfte sein Bein, achtete auf die Stelle, die ich bewusst am Verband freigelassen hatte. Die Wunde zeigte sich ruhig, die Naht hielt, das Gewebe begann zu schließen. Es ist ein gutes Zeichen, eines, an dem mein Herz sich ein wenig festhalten kann.

    Nun sitze ich mit müden Augen in meinem kleinen Garten. Die Sonne legt sanft ihre Wärme auf meine Schultern, der Tee neben mir dampft leise, wie ein Atemzug des Friedens. Adoran erwacht. Menschen beginnen ihren Tag, Gesichter ziehen an mir vorbei, manche vertraut, manche fremd, aber viele schenken mir ein Lächeln oder ein freundliches Wort.
    Sie reden von einer ruhigen, erholsamen Nacht.

    Meine war es nicht.

    Ich sitze hier draußen, weil ich den Geruch der vergangenen Stunden nicht aus den Räumen meines Hauses bekomme. Dort riecht es noch immer nach Blut, nach Schweiß, nach Angst. Ein Geruch, der Erinnerungen weckt, die ich so gern hinter mir lassen würde.

    Es riecht nach dem Lazarett.
    Nach Berchgard.

    __________


    An all das, was dort geschah und an einen Blick, der mich mehr traf als jedes gesprochene Wort. Banale Sätze wurden gewechselt. Belangloses. Doch seine Augen sprachen etwas anderes, und ich begreife erst jetzt, wie viel darin lag.

    Er hat etwas in mir berührt, das lange still gelegen hatte.

    __________


    Mein Blick fällt auf mein kleines Haus, schlicht und fein, wie ich es liebe. Doch ein leiser Schauder durchfährt mich, wenn ich an die vergangene Nacht denke. Ich habe es in seinem Gesicht gesehen, wie viel Kraft es ihn gekostet hat.

    Habe ich zu viel von Arenvir verlangt?
    Er hat gegeben, ohne zu zögern. Ohne Fragen.

    Nicht aus Pflicht. Nicht aus Schuld. Vielleicht aus Erinnerung. Vielleicht aus stiller Freundschaft. Vielleicht einfach, weil ich damals bei ihm wachte, als draußen der Feind lauerte.

    War es Dank? War es Erinnerung? War es einfach seine Natur?

    Was es auch war, er war da.
    Er hat geholfen. Und für das, was er tat, werde ich ihm immer in Dankbarkeit verbunden sein.

    Gemeinsam haben wir Garvins Bein in einen Zustand bringen können, der die Hoffnung auf Heilung erlaubt. Ich schnitt ein Knochensplitter aus seinem Oberschenkel, und er entfernte das andere mit dem Wirken im Lied. Wir beide gingen an unsere Grenzen, um ein einziges Leben zu erhalten. Um dieses Leben zu bewahren.

    Garvins Leben.

    Arenvir richtete die Knochen aus, so gut es ging, und nun liegt es am Körper des Mannes selbst, zu heilen, was wir nicht mehr tun können. Es wird lange dauern. Vielleicht wird es nie wieder so sein wie früher.

    Aber er wird leben.
    Und das ist genug.

    Ich habe den Moment gefürchtet, als alle gegangen waren und ich mit Garvin allein im Raum blieb. Seine Worte waren kalt, wie Stahl in der Winterdämmerung. Ich glaube, sie waren dazu gedacht, zu verletzen. Und das taten sie auch. Aber nicht mehr so, wie sie es einst getan hätten. Ich habe keinen Dank erwartet, für das, was Arenvir und ich getan haben. Ich habe mir nur gewünscht, dass etwas abgeschlossen wird, das schon zu lange zwischen Garvin und mir steht.

    Etwas, das Platz schaffen kann, für Neues.

    Für Klarheit
    Für Frieden.


    Er sagte, er habe gut gelebt in meiner Abwesenheit. Ich weiß, dass das nicht wahr ist. Ich habe die Narben gesehen. Wenn er eines Tages darüber sprechen will, werde ich zuhören. Wenn nicht, werde ich es auch gut sein lassen. Nicht jede Last will geteilt werden. Manche will man einfach nur tragen.

    __________


    Und dann waren da die Zeilen, die ich gestern Abend erhielt.
    Ich habe sie heute Morgen gelesen, als mein Herz noch schwer war, meine Gedanken müde und mein Körper von der Nacht gezeichnet.
    Und es war, als hätte jemand leise die Tür geöffnet, hinter der das Licht schon lange brannte, aber nie ganz zu mir drang.

    Diese wenigen, zarten Worte, geschrieben mit Bedacht und vorsichtiger Wärme, haben mehr in mir ausgelöst, als ich zu hoffen gewagt hätte. Sie haben mich erinnert, dass ich nicht allein bin. Nicht in meinem Denken, nicht in meiner Sehnsucht, nicht in meinem inneren Fragen, das oft so still ist, dass selbst ich es kaum noch höre.

    Sie sind wie Balsam auf einer Seele, die müde war vom Heilen anderer und vergessen hatte, sich selbst zu pflegen.

    Und in all der Stille zwischen den Zeilen, war da plötzlich ein Klang, der mich zurückholte, zu mir selbst. Diese Worte waren wie ein zaghafter Sonnenstrahl durch Nebel, wie warmer Tee an einem frostigen Morgen.

    Sanft.
    Zärtlich.
    Ehrlich.

    Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, gesehen zu werden.
    Nicht nur als Heilerin, nicht als Verantwortliche, sondern als Mensch. Als ich.

    Als Viktoria.

    Diese wenigen, behutsamen Zeilen… sie haben mein Herz berührt.

    In meinem Herzen brennt ein Licht, dessen Glanz allein ihm gilt - denn er war es, der es entfachte.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Donnerstag 10. Juli 2025, 19:55, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von Viktoria Hamberg »



  • Adoran, 14. Cirmiasum 268,
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    Der Schlaf meidet mich wie ein scheues Tier, das an meiner Schwelle verharrt, aber nicht eintreten mag. Vielleicht, weil mein Herz noch zu laut spricht. Vielleicht, weil der gestrige Tag zu viele Spuren auf meiner Seele hinterlassen hat, um sie heute schon zu schließen.

    Es ist, als hallten die Eindrücke des gestrigen Abends noch in mir nach, die leisen wie die lauten. Und ich fürchte, das Pergament wird ihnen nicht gerecht, so wie keine Tinte je Licht oder Duft festhalten könnte.

    Ich sah ihn. Den Greif.

    Ich sah ihn landen, ein majestätisches Wesen, kraftvoll und doch so geweiht, dass die Luft still stand, als seine Schwingen das Pflaster streiften. Kein Laut war mehr im Kirchhof zu hören, nur Ehrfurcht in jedem Blick. Die heilige Flamme, die er brachte, brannte wie aus einer anderen Welt. Ich habe versucht, den Moment zu fassen, doch das Wort erhaben reicht nicht. Es war, als hätte Temora selbst ihr Antlitz kurz über unsere Welt geneigt, und ich stand darunter.

    Ich durfte, Teil des Regiments, den geweihten Weg begleiten. Uniform, Haltung, Marsch, all das erschien mir plötzlich bedeutungsschwerer als sonst. Und doch war da etwas, das diesen Dienst überstrahlte: Arenvir.

    Er begleitete uns. Nicht in Menschengestalt, sondern als Falke. Und er wählte meine Schulter.

    Die Klauen waren kaum spürbar, sein Gewicht federleicht, doch das Vertrauen, das er mir damit schenkte, war gewichtig. Während wir die Geweihten zum Schrein begleiteten, blieb er bei mir. Unbewegt und wachsam. Und als Amyra selbst aus dem Schrein der Tugend herabstieg, war es nicht ein Ruf, nicht ein Befehl, sondern das sanfte, kaum spürbare Picken an meiner Wange, das mir den Blick dorthin lenkte. Eine Geste, so zart wie Vertrauen selbst.

    Und Amyra - sie strahlte.
    Direkt in mein Herz.

    Ich weiß nicht, ob ich würdig war. Aber ich war dankbar. Sie hat etwas in mir bewegt, das bereits da war.
    Es musste nur wieder in das rechte Licht gerückt werden.

    __________


    Am Abend stand ich neben ihm.
    Nicht dem Falken.
    Nicht dem Greif.

    Sondern dem Menschen, dessen Nähe mir längst vertrauter ist als der eigene Atem.

    Er hat mich überrascht. Nicht mit Worten allein, sondern mit dem, was er zeigte, ohne es sagen zu müssen. Der Blick auf der Brücke, der tiefe Atemzug, das unausgesprochene Zögern. Und dann seine Worte.
    So ungewohnt weich. So ehrlich. Als wären sie direkt aus seinem Inneren gestiegen.

    Seine Worte kamen nicht als Worte allein. Sie waren Blicke, Pausen, Atmen. Die Welt war ruhig geworden, der Regen zog sich zurück, als hätte selbst er dem Augenblick nichts hinzuzufügen.

    Eine Berührung folgte wie eine Antwort auf Fragen, die nie gestellt wurden,
    ein Versprechen, das nicht laut werden musste, um doch gehört zu werden.

    Heute wird er fort sein. Eine Woche. Sie klingt nicht lang, doch mein Inneres zählt bereits die Stunden rückwärts. Ich trage kein Band bei mir, kein Tuch, keine Gabe, nur das Gewicht seines Blickes, das ich wie einen Talisman mit mir nehme. Der Regen hatte seine Spuren an ihm hinterlassen, und doch schien er zu leuchten. Nicht von außen, sondern aus einem Licht, das ich kaum benennen kann.

    Vielleicht nenne ich es Hoffnung.

    Er hat versprochen, zu schreiben. Ich werde den Brief in meiner Soldkiste finden, sobald er da ist.

    __________

    Später am Abend ging ich zu Garvin.
    Nicht mehr als die Frau, die ihn einst liebte, sondern als die Heilerin, die er duldet. Die Naht an seinem Bein war in Ordnung, dennoch versorgte ich sie neu. Auch die wunden Stellen an seinem Rücken wurden gereinigt, verbunden, still behandelt.

    Seine Gegenwart ist schwer. Nicht schmerzhaft, aber sie ruft Erinnerungen auf, die wie alte Wunden reagieren, wenn das Wetter umschlägt. Und doch... haben wir gesprochen.

    Nicht viel. Nicht warm. Aber ehrlich.
    Er trauerte mir nach, so sagte er. Vielleicht nicht mehr mit Sehnsucht, aber mit Groll. Ich habe getrauert um das, was ich aufgab. Und wir haben uns zugestanden, dass es so war.

    Es war einmal und es ist vorbei.
    Ein Schlussstrich, leise gezogen, ohne Lärm, aber spürbar.

    Jetzt ist da nur noch ein stilles Miteinander, wie zwei Boote, die sich einst berührten und nun auf getrennten Strömungen treiben. Ohne Zorn. Ohne Liebe. Nur Abstand und das Wissen:

    Es war.
    Nicht mehr.

    __________

    Und doch... liegt nun eine andere Wärme in mir.
    Eine, die nicht brennt, sondern glimmt.
    Wie eine Glut, die nicht verlöscht, wenn der Wind sich hebt.

    Ich werde wachen.
    Ich werde schreiben.
    Ich werde warten.

    Nicht wie eine, die nichts anderes hat, sondern wie eine, die weiß, dass etwas Kostbares auf sie zurückkehrt.

    Ich glaube, gestern hat Amyra mir etwas gezeigt. Dass es Orte gibt, an denen man sicher ist, auch wenn sie keine Mauern haben. Und Menschen, die Heilung bringen, ohne die Hände zu heben.

    Vielleicht ist das, was nun wächst, noch zart.
    Aber es wurzelt bereits sehr tief.

    – V.H.
Zuletzt geändert von Viktoria Hamberg am Montag 14. Juli 2025, 13:30, insgesamt 2-mal geändert.
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