Der Fall eines Drachen

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Merrik von Aerenaue

Der Fall eines Drachen

Beitrag von Merrik von Aerenaue »

Spät in der Nacht brannte im Haus des Erzmagiers noch das Licht. Genauso hörte man, auch noch aus eben diesem Hause kommend, tumult artige Geräusche, als zerlege jemand gerade die Inneneinrichtung. Allerdings kümmerte das die Nachtwache nicht einmal im Geringsten.
Nicht nur waren sie es bereits gewohnt, dass es im Haus ihres Oberstleutnants nicht immer ruhig war, auch zu nachtschlafener Stunde, viel mehr hatten sie sogar teils Angst nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Manch einer munkelte, ein Frischling sei bei einer unbedachten Nachfrage mit Haut und Haaren verschlungen oder an die Ziehtochter des Oberstleutnants verfüttert worden, als er diesem auf dem falschen Fuß erwischte.
Das ist natürlich nie passiert, aber Gerüchte halten sich gerne.

Im Inneren des Hauses wurde jedoch, entgegen aller Behauptungen, lediglich umgeräumt. Und da der Bewohner des Hauses über die Jahre so viele Dinge angesammelt hatte, gab es nun mal viel zu räumen. Merrik hatte ein Schreiben erreicht, das doch recht dringlich seine Anwesenheit abseits Gerimors erforderte. Und da er damit rechnete, einige Tage, wenn nicht Wochen, weg zu sein, musste er natürlich alles entsprechend vorbereiten.
Verderbliche Lebensmittel mussten nach Möglichkeit entsorgt oder besser zu Orten gebracht werden, wo sie auch Verwendet würden, bevor sie ungenießbar werden. Der Stapel an Papierkram müsste noch einmal durchgegangen und die wirklich dringlichen Dinge beantwortet werden. Die Dienstpläne für mindestens 3 Wochen müssten erstellt werden. Und natürlich musste zugesehen werden, dass seine Ziehtochter Saria für die Zeit versorgt ist.
Doch all das würde schon irgendwie funktionieren. Und das Herzogtum würde auch ohne ihn weiter laufen. Nicht wie ein Uhrwerk, aber das tat es auch mit ihm nicht wirklich.


Merrik brauchte nicht lange, bis er die Sachen für seine Reise gepackt hatte. Zugegeben würde die Reise auch nicht wirklich lange dauern. Konnte er sich nicht über so weite Strecken teleportieren, hatte er doch eine recht eigene aber eindeutig effektive Methode um schnell von einem Punkt zu einem anderen zu kommen.

Er verließ sein Haus, wünschte der Nachtwache im Adelsviertel noch eine ruhige Wacht und folgte den großen Straßen durch Adoran, bis vor die Mauern in Wellenruh. Hier, abseits der engen Wege und der schlafenden Zivilisation, hatte er genug Platz und Ruhe seine Reise anzutreten.
Tief sog er die kalte Nachtluft ein und blickte auf das Meer hinaus, das sich im Osten Gerimors erstreckte. Er kannte die Strecke, zugegeben 'immer geradewegs nach Osten' ist auch nicht schwierig, wenn auch man, so ganz ohne Anhaltspunkt auf dem weiten Meer, gerne mal die Himmelsrichtungen aus dem Auge verliert. Und wie ein Mensch niemals ohne Anhaltspunkte genau geradeaus laufen kann, kann man das fliegend offenbar auch nicht.

Er begann damit seinen Geist über die körperlichen Fesseln hinaus zu erstrecken und griff nach allen möglichen Elementaren Energien in der Umgebung, um sie nach und nach zu sich zu ziehen. Bevor er damit anfing seine eigene Klangstruktur zu verändern, verstopfte er mit einem einzelnen Impuls eine Verbindung zwischen Geist und Körper, die den Knotenpunkt des Schmerzempfindens darstellt, und machte sich dann nach und nach daran die vorhandenen Elementarstraenge zu zerfasern und die herangezogenen beizufügen. Mehr und mehr wurde seine eigenen Klangstruktur mit Elementaren Energien angereichert und zügig wuchs der menschliche Körper weit über seinen natürlichen Zustand hinaus. Die Haus wurde dicker und nahm mehr und mehr eine nicht nur grünlich-silberne Farbe sondern auch eine schuppige Form an. Die Gliedmaßen verlängerten sich wesentlich und aus Händen und Füßen wurden klauen mit spitzen Krallen. Flügel wuchsen ihm aus dem Rücken heraus, der aus der Senkrechten in die Horrizontale gewechselt ist. Der Hals wuchs um ein Vielfaches und letztlich wandelte sich auch der Kopf passend zum ganzen Rest des Körpers.

Kaum jemand konnte dieses Spektakel bezeugen, höchstens ein zwei der Nachtwachen von den Toren, die ihre Aufmerksamkeit mit immer noch vorhandenem Staunen auf das Tun des Magiers richteten. Merrik hatte sich zwar einen ruhigen Ort gesucht, der genug Platz bot, doch ewig weit weg von der Stadt musste er ja nicht.
Es dauerte auch nicht lang und bedurfte nur ein paar stampfende Schritte Anlauf, bis sich der gewaltige Drachenkörper, der für einen Drachen allerdings immer noch nicht groß war, mit einigen kräftigen Flügelschlägen in die Lüfte begab, ziemlich zügig an geschwindigkeit zunahm und, ehe es sich die Wachen versahen, weiter und weiter in die Lüfte stieg und Gerimor, geradewegs in Richtung Osten, hinter sich lies.

Merrik liebte das Gefühl des Fliegens, auch nach all den Jahren. Oder vielleicht sogar noch mehr als früher, seit er selbst die Gestalt der gefürchtesten Jäger der Lüfte annehmen durfte und konnte.
Der Himmel war zwar mit Wolken bedeckt und selbst das Mondlicht hatte Schwierigkeiten hindurchzukommen, doch war es ruhig und nicht regnerisch. Wenn auch es nicht gerade warm war, waren es doch zumindest passable Voraussetzungen für einen Flug.
Merrik versuchte sich, zumindest solange es ging, ander kleiner werdenden Insel hinter sich zu orientieren. Doch sobald in allen Richtungen nur noch Wasser zu sehen war, konnte er sich nur darauf verlassen nicht zu weit vom Kurs abzukommen. So weit oben sah man zwar auch viel weiter, aber das reicht leider auch nicht immer.

Merrik schloss seine Augen, wie er es nur allzu oft tat, wenn er flog, um den Wind zu genießen, der ihm unnachgiebig entgegen drückte. Vielleicht war es eine schlechte Angewohnheit, doch konnte er so auch weit oben im Himmel etwas Ruhe und Entspannung finden. Und viel mehr als fliegen, konnte er ja ohnehin kaum. Doch mehr und mehr mischte sich ein Rauschen in das windige Brausen, das seinen Kopf entlang und in seine Ohren hinein strömte. Und ehe er sich versah, prasselte kalter, nasser Regen ströment auf ihn herab. Wie aus tiefstem Schlaf gerissen, riss er seine Augen auf, kniff sie aber direkt wieder zusammen, als die ersten Regentropfen drohten seine Augen zu treffen. Blitze finden an aus der Wolkendecke hinab zur Meeresoberfläche zu schießen. Er konnte unmöglich in diesem Sturm bleiben. Er musste höher.

Kräftig schlug er mit seinen Flügel um weiter an Höhe zu gewinnen. Er wollte die Wolkendecke durchbrechen um so dem Sturm zu entgehen. Als er sich mehr und mehr der Wolkendecke näherte, schlugen zeitgleich mehr und mehr Blitze aus selbiger hervor, die sich mehr und mehr auf eine gefährliche Nähe begaben. Und doch schaffte er es nicht nur die Wolkendecke zu erreichen, sondern auch in sie zu gelangen. Doch konnte er in den Wolken nicht nur weit weniger sehen, zuckten auch Blitze direkt durch das riesige Wolkenmassiv, das hoch oben über dem Meer thronte. Er konnte unmöglich erkennen, wie weit er durch die Wolke dringen musste, um wieder aus ihr herauszukommen und damit vor dem Sturm in Sicherheit zu sein.

Es zog sich eine gefühlte Ewigkeit, bis sein Kopf endlich durch die Wolken stieß und das erhellende Licht des Mondes die Augen des Magiers erreichte. Doch mit einem mal durchzuckte den massigen Drachenkörper des Magiers eine enorme Energie. Ein Blitz zuckte nicht nur zu nah sondern direkt durch den Körper und durchfuhr ihn wie eine Naturgewalt, die so ein Blitz nun mal ist. Das Licht des Mindes wich einer tiefen Schwärze, als Merrik sein Bewusstsein verlor. Dem Verlust des Bewusstseins folgte, was folgen musste. Unkontrolliert und mit der vollen Kraft des Liedes selbst, wandelte sich, was unnatürlich war, um den natürlichen Zustand wieder herzustellen. Der Drachenkörper schrumpfte zügig wieder zusammen, Gliedmaßen verkürzten sich und das ursprüngliche Menschliche zeigte sich wieder. Doch am wichtigsten.. verschwanden auch die Flügel, die den Magier so hoch oben hielten.
Im freien Fall, der Schwerkraft ergeben, sauste der flugunfähige Körper des Magiers bewusstlos nach unten. Weitere Blitze durchzuckten den Magier und hinterließen ihre Male. Meter um Meter fiel er tiefer und tiefer und selbst als die Wolkendecke wieder weit über ihm war blitze es unnachgiebig in den höchsten Punkt der Umgebung. Dass dieser Punkt ein fallender Mensch war, störte die Natur genauso wenig, wie die Tatsache, dass sich der Körper der Wasseroberfläche immer weiter näherte. Merriks Augen zuckten und nur flatterhaft öffneten sie sich. Für einen Herzschlag erlangte er wieder das Bewusstsein, bevor er es schlagartig wieder verlor. Unmöglich in der kurzen Zeit seine Situation auch nur ansatzweise zu erfassen.

Er war nur noch hunderte Meter vom Aufprall auf das Wasser entfernt, als sich seine Augen wieder aufrissen. Hecktisch sah er in alle möglichen Richtungen. Und da, ein kleines Stück Land, nicht weit entfernt. Sein Geist löste sich von seinem Körper, raste so schnell er eben konnte in Richtung des vermeindlich rettenden Eilands und zog letztlich den fallenden Körper ruckartig hinterher.
Er schlug auf hartem Boden auf, immerhin gebremmst durch die Teleportation, und rollte unweigerlich den schrägen untergrund herunter. Wieder verlor er sein Bewusstsein, unfähig das Weiterrollen zu verhindern, geschweige das, was darauf folgen würde. Er rollte unaufhaltsam die felsige Schräge herunter, wobei der felsige Untergrund seine Kleidung malträtierte. Doch das war ohnehin unwichtig. Am Ende der Schräge folgte eine tiefe Klippe und dem zufolge ein weiterer Fall. Doch statt auf einen sichernden Boden am Ende der Klippe zu fallen, warteten dort unten unzählige spitze gewachsene Steine. Und beim alten Kampf, Stein gegen Fleisch, gewann bisher schon immer der Stein. Warum sollte es dieses mal anders sein? Die Spitzen trieben sich durch das weiche Fleisch, das, von der Schwerkraft getrieben, auf sie fiel. Dieses mal war es nicht nur die Kleidung des Magiers, die geschunden wurde, wurden einige Stellen des Körpers des Magiers selbst vom Stein durchbohrt. Den Verletzungen folgte direkt der Fluss von Blut und ein unaushaltbarer Schmerz, der dem Bewusstlosen zumindest erspart blieb.

Merriks Herz hörte unweigerlich auf zu schlagen, als sein Körper den tödlichen Verletzungen erlag. Wo sein Geist danach hin ging, von welchem Gott oder ob überhaupt, das würde wohl nur er wissen, sobald er den Weg ins Jenseits, der ihm nun bevor stand, geschafft hatte.
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Elisabeth van Falkenglanz
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Beitrag von Elisabeth van Falkenglanz »

Regimentskaserne Adoran. 18. Wechselwind 268

Eiligen Schrittes kam der Gardist die Treppe hinauf und klopfte an der kleinen Schreibkammer. "Herein, ist eh offen.", erklang eine grantige Frauenstimme vom Inneren

Er trat ein, salutierte und blieb stehen. Kurz darauf wurde ein Aktenstapel beiseite geschoben und eine junge Korporal erwiderte den Salut. "Nachricht vom Oberstleutnant, Gardist..?"

"Nein, Korporal. Keine." Erwiderte dieser kurz und bündig.

"Dann ists soweit. Ich melde den Oberstleutnant hiermit als vermisst. Gebt Meldung an den Palast und an das Konvent. Ich suche nach den Akten und werde bei Zeiten seinen Angehörigen schreiben..." murrte die junge Unteroffizierin.

"Aber Korporal, wirklich? Ich meine, was wenn er Morgen wieder kommt?" der Gardist sah seine Vorgesetzte etwas unsicher an. " Er ist ja immerhin Erzmagier...?"

"Dann wird er mir hoffentlich für meine Arbeit danken ... und ich kann zurück an die Grenze..?" antwortete die Unteroffizierin fast schon etwas unterkühlt. "Geht und meldet es bitte dem Palast .. danach dem Konvent. - Er gilt ab sofort als Vermisst. Wir leiten keine Suchaktion ein, da er nicht auf dieser Insel vermutet wird."

Der Soldat drehte sich auf den Hacken herum, doch blieb er nochmals in der Türe stehen und blickte zu der jungen Soldatin hinter dem Schreibtisch zurück, "... was wenn.. er verstorben ist..?"

"Dann.. entzünde ich für ihn auch eine Kerze in der Kapelle des Klosters - wie ich es für jeden gefallen Kameraden tue.. und hoffe, dass man schnellstmöglich Ersatz für den Oberstleutnant bereitstellt." sie blickte nur kurz von den Akten auf und merkte, dass der Gardist erschüttert war. "Kamerad, wir sind Soldaten.. Und welchen Unterschied macht es, ob es einen einfachen Soldaten wie uns trifft oder einen Oberstleutnant? Es ist um jeden Kameraden schade - aber so ists nun mal.. Ich erinnere mich an sie, mehr können wir nicht tun. Ob sie nun Merrik von Ährenaue heißen, oder Lennard von der Wachmannschaft von Junkersteyn."

"Ihr erinnert euch an Lennard?" entfuhr es ihm überrascht.

"Sicher, er stab keine zwei Schritt von mir... wir hatten zuvor noch gemeinsam gebetet." sie deutete auf ihre Augenklappe. "Es war der Tag.. Aber noch gilt er ja nur als vermisst.. erwartet nicht gleich das schlimmste, ihr habt ja selbst gesagt, dass er Erzmagier ist."

Da ging der Gardist eilig los um dem Konvent und dem Palast die Nachricht zu überbringen...
- Oberstleutnant Merrik von Ährenaue gilt ab heute offiziell als "vermisst" -
Zuletzt geändert von Elisabeth van Falkenglanz am Freitag 18. April 2025, 13:49, insgesamt 2-mal geändert.
Der Erzähler

Beitrag von Der Erzähler »

Im Lied verbunden... Phanodain hatte seinen Segen in den letzten Dekaden nur selten an die Edain vergeben und doch klangen zwei menschliche Lieder im ewigen Choral der Eledhrim. Zwei, die seinen Segen erhalten und mit ihnen allen im Lied verbunden waren. Zwei die durch die Nähe zum goldenen Fuchs und seinen Kindern seine Gunst erworben und die Gabe erhalten hatten, die Sprache der Eledhrim zu verstehen. Zwei, die längst eins im der großen Harmonie Phanodain Adars waren.
Waren...

Es begann mit einem Schmerz vor einigen Wochen.
Ein Ziehen im Zentrum aller Emotionen. Entsetzen und oftmals ein damit verbundener, kleiner Aufschrei. Der Schrecken und Schock, der manche der Eledhrim taumeln ließ oder sie gar kurz zum Hinsetzen bewegte. Dann der Kummer und das Leid, welches aus manchen Augen Tränen rinnen ließ.
Aber danach übermannte sie die Verwirrung, denn es ging keine Sinfonie im Lied auf, nein, etwas war anders, ganz anders als gewohnt.

So lebten sie etwa den Lauf eines Mondes ohne zu begreifen, was geschehen war und wussten nicht, dass sich ein kleines Wunder zutragen würde. Es geschah in der Nacht und ließ sowohl Melancholie als auch Dankbarkeit zurück, als ein Freundschaftsband für alle Ewigkeit neu geschmiedet wurde.
Das Fehlen eines Klangs, eines reinen Tones eines einzelnen Edain fand sich plötzlich wieder ein. Nein, nicht als Lebender, nicht als der, den sie "Merrik" nannten, ganz ohne Titel und Rang, nur "Mellon en Eledhrim" - nein, sein Herz schlug nicht mehr auf der Welt, sein Atem behauchte sie nicht mehr und er würde nie mehr in Fleisch und Blut unter ihnen wandeln. Wenige der Eledhrim, nur diejenigen, die ihn gut kannten, könnten in jener Nacht vielleicht sogar vereinzelte Szenen von seinem finalen Flug als Vision erlangt und durch seine Augen ein letztes Mal gesehen haben. Es blieb kein Zweifel, Merrik war nicht mehr... doch der Klang, er war im ewigen Kreislauf des Liedes und harmonierte dort, mit all den Tönen der vergangenen Eledhrim um dort in den Händen Phanodain Adars zu schlummern, der ihn behüten und bewahren würde, wie all seine Kinder.
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Amaethariel Saelind
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Registriert: Sonntag 16. Oktober 2016, 22:10

Beitrag von Amaethariel Saelind »

Es kam selten vor, dass Elfen mehr als einige Stunden in tiefer Meditation verbrachten, um zu ruhen, selten, dass eine traumähnliche Phase erreicht wurde…aber noch viel seltener kam es zu dem Umstand, dass sie Visionen sahen, Bilder der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft und fast immer waren es jene unter ihnen, die zu ihrem Adar Phanodain ein besonders enges Band geknüpft und den Weg eines Faernestors eingeschlagen hatten.

Umso ungewöhnlicher war es in dieser Nacht, dass sich die bernsteinfarbenen Augen schlossen und aus der Tiefe des Liedes Formen, Klänge, Emotionen und Bilder in ihr aufstiegen.

Etwas war geschehen…sie spürte es schon eine ganze Weile lang und konnte es doch nicht zuordnen. Die Abwesenheit von etwas, das lange gewesen war, zu ihr gehört hatte und doch…doch anders war als alles, was sie bisher empfunden hatte. Es glich dem erdrückenden Schmerz, wenn einer der Geschwister von ihnen ging und doch fehlte sie…die versichernde Gewissheit, den Klang zumindest in der sie und alle Wesen umfassenden Mannigfaltigkeit des Liedes erneut zu spüren…denn nichts ging je verloren…zumindest für das Volk der Eledhrim.

Während die Sterne über den klaren Himmel ihres kleinen Plätzchens im Hafen Ered Luins zogen, das Buch mit seinem verborgenen und unendlichem Wissen im dunklen Blau schimmerte, ließ sich die Liedwirkerin tief ins Lied gleiten, wie ein Schwimmer unter die Wasseroberfläche taucht, öffnete alle Sinne für die zu ihr driftenden Eindrücke und lauschte…

Fallen…sie spürte das Gefühl von Wolken näherkommen.

Schmerz…Spannung, die sich in einem leuchtenden Bogen über den Himmel zog, ihn hell erleuchtete und dann…auch sie durchfuhr.

Veränderung…ihr Körper schrumpfte und hinterließ ein seltsam taubes Gefühl

Erkenntnis…ein kurzer Atemzug des Wissens, als sich die Oberfläche aus weitem Blau über und unter ihr zu vereinen schien.

Leid…ein letzter Gedanke, ehe alles um sie herum verschwand, kein Schmerz, keine azurblaue Weite, keine Himmelslichter mehr…nur noch ein Körper, der fiel…und eine Leere, die das Verschwinden dieses Körpers hinterließ.

Ein enges Band spannte sich um ihre Brust, nahm ihr den Atem als sich die Gewissheit, wessen Leben geendet hatte, in ihr Bewusstsein stahl. Wenige Menschen schafften es, mehr als nur „Zaungäste“ im langen elfischen Leben zu sein…war doch die Zeit, in der sie am Horizont vieler hundert Jahre aufflackernden, viel zu kurz. Doch diesen Adan hatte sie zu schätzen gelernt, hatte ihn auf manchen besonderen Schritten seiner viel zu kurzen Zeit begleitet und hatte ihn am Ende aus tiefem Herzen Freund genannt…

Sie erinnerte sich an die Prüfung der Drachen, in der sie ihn für würdig befunden hatten, jenes Drachenkind als sein Fleisch und Blut anzunehmen…

Sie sah, wie er an der Seite des elfischen Volkes die schreckliche Vergangenheit aus Verrat und Tod erlebte…

Sie spürte seinen Klang, der verwoben mit anderen Liedwirkern für sie und die Geschwister gekämpft hatte…

Ein freundliches Wesen, ein für einen Menschen bedachter und fähiger Wirker im großen Lied…

Merrik war nicht mehr.

Eine Traurigkeit, die sie selten erlebte, wusch wie Wellen über sie und badete den hellen Klang eines klaren Frühlingswindes in gedämpfte Dunkelheit.

Doch lange hielt das Gefühl nicht an, denn in die grauen Schlieren und Schwaden hinein begann ein Licht zu erstrahlen, ein einzelner kleiner Ton, der sich auszubreiten schien, anschwoll, bis er zu einer ihr bekannten Melodie gewachsen war.

Und in das Geflecht aus Tönen gewoben, eine Gunst, ein einzigartiges Geschenk…

„Le Hannon Adar…“, flüsterten ihre Lippen stumm in die Nacht hinaus, ehe sie sich gestattete Freude und Schmerz zugleich zu fühlen, um den Verlust von Merrik zu trauern und gleichsam seine Rückkehr ins Lied zu feiern.

Erst, als die Morgensonne sich über dem Meer erhob und ihre sanften Strahlen den Morgen ankündigten, erhob sie sich von ihrem Platz am Leuchtturm und trat ins Innere, wo sie einen Bogen Papier und die Feder mit der bernsteinfarbenen Tinte hervorzog und zu schreiben begann. Es gab unter den Edain sicher viele, die von seinem Tod würden erfahren müssen, doch es gab eine, deren besonderes Band der Freundschaft zum Liedwirker ihr im Sinn geblieben war. Sie würde zuerst davon erfahren…und sie würde wissen, wer sonst in einem solchen Fall zu benachrichtigen war.

Mae Govannen Esther,
ich schreibe dir, weil ich dir eine traurige und zugleich doch Hoffnung spendende Nachricht überbringen muss…
Ich bitte dich um ein wenig deiner Zeit, so es deine täglichen Aufgaben zulassen.
Der Sterne helles Licht mit dir
Amae“


Versehen mit einer einzelnen weißen Blüte, sonst aber ohne jegliche Zier, würden die Zeilen ihren Weg zum Haus der Heilerin in Adoran finden, wo sie darauf warteten, von ihr gefunden zu werden.
Bild
Ich bin nicht einfach gestrickt! Ich habe Bommeln!
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Esther Sternlied
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Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07

Beitrag von Esther Sternlied »

  • Die Tage seit Merriks Abreise waren düsterer geworden. Irgendetwas war anders gewesen als sie sich verabschiedeten an diesem einen Abend, ein Gefühl das an ihr gezerrt hatte und sie dazu hatte bringen wollen Merrik unter keinen Umständen gehen zu lassen. Doch er musste, es war wirklich dringend gewesen und am Ende hatte sie versucht sich einzureden, dass es einfach die Angst sei dass ihm dort etwas passieren würde. Zurück Zuhause erwartete sie ein unruhiges und ganz schön unglückliches Drachenmädchen, welchem Merriks Abreise genauso wenig gefiel wie der jungen Heilerin selbst, sodass sogar ihre Leibspeise keine Erlösung bringen konnte und sie so gemeinsam mit dem Drachenmädchen die Nacht über wach geblieben war und der Dinge ausharrten. Irgendwann, irgendwann zog es böse in ihrem Bauch ohne dass sie sagen konnte warum oder woher es kam, nur dass es da und besonders schmerzhaft war und von einem anderen Gefühl begleitet wurde, was sie an die Seite schob. Saria war es nun auf die aufgepasst werden musste, nicht sie selbst. Sie hing vermutlich genauso an ihrem Ziehvater wie sie selbst, denn nichts anderes war Merrik in den letzten Jahren für sie geworden. Ein fremder Magier vor dem sie sich fürchtete weil er ein Magier war zu einem Freund, von einem Freund zum besten Freund und von jenem letztlich zu Familie die nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken war. So zogen die Tage dahin, das stete Geheimnis um ein Drachenmädchen mit sich tragend, doch jeder Tag der ohne Nachricht verging wurde länger und dunkler. Die Sorge kehrte ein und die leise Stimme, dass etwas geschehen war die aber vehement ignoriert wurde, denn es war genau jene Sorge die sie nicht daran hindern durfte ihren Aufgaben nachzukommen und vor allem sich auch um Saria zu kümmern. Merrik hatte sie ihr in Vertrauen übergeben für die Zeit seiner Abwesenheit, entsprechend sollte es ihr auch gut gehen. Merrik würde bestimmt ein wenig schimpfen, wenn er sehen würde dass Saria ein bisschen zugelegt hatte, weil die Heilerin ihr eben doch den einen oder anderen Leckerbissen zusätzlich gegeben hatte, immerhin war es ein Drachenkind! Das musste gut futtern damit es seine Kräfte behielt, aber jeder Tag mehr wurde immer mehr ein Tag zuviel wo die Haustüre des Hauses Ärenaue sich nicht öffnete, mit jedem Tag wurde das dumpfe böse Gefühl stärker und die Heilerin immer stiller und gereizter bis... es an ihrer Türe klopfte. Merrik? War es Merrik? Nein, der klopfte nicht, der kam einfach rein, so war da doch die Überraschung nicht gerade klein als die Edhil Amae vor ihr stand. Esther hatte eigentlich schon gewusst welch traurige Nachricht sie mit sich nach Adoran gebracht hatte. Das Gesicht verriet es und vor allem die Augen, aber sie versuchte auch jetzt noch einfach wegzuleugnen was nicht wegzuleugnen war. Der Heilerblick sah eben oftmals mehr als manchmal selber für einen gut war. Als Heiler sah man jeden Tag Leben und Tod und es berührte einen irgendwann nicht mehr so wie am Anfang, nicht weil es leichter wurde es zu ertragen sondern weil man stärker wurde, so in etwa hatte es Helisande damals ausgedrückt, doch worauf einen niemanden vorbereitete war so eine Nachricht. Das Herz schmerzte, die Brust, einfach alles und für sie war dies alles nur ein ganz schlechter Scherz. Merrik konnte nichts passieren, er war ein Magier, er konnte sich doch selbst heilen und beschützen. Er hatte versprochen auf sich aufzupassen, jedoch blieben die Tatsachen wie sie waren, egal wie sehr die Heilerin sie auch nicht wahrhaben wollte, schmerzhafte Tatsachen.
    Lange Zeit hatten sie so in ihrem Häuschen gesessen während draußen, unbemerkt der Nachricht, das Leben seinen gewohnten Lauf weiterging und im Inneren Tränen vergossen wurden und die Welt zum Stillstand gekommen war.
    Irgendwann war sie eingeschlafen, eher vor Erschöpfung denn dass sie es wirklich konnte. Stille war eingekehrt während es im Inneren Esthers tobte und das Atmen zu einer Unmöglichkeit wurde. Es war einsam, so schrecklich einsam in ihrer Kammer und ihrem Haus geworden, vor allem seit Amae gegangen war, doch davon durfte sie sich nicht vollständig einnehmen lassen. Trockene Tränen hieß es zu zeigen, auch wenn sie alles andere als gut darin war. Es gab Menschen die darüber Bescheid wissen mussten, denn sie hatten ihm genauso oder ähnlich nahegestanden: Helisande und Heinrik, Arenvir, Nyome, vor allem aber Nunally und Onkel Edo in Nharam.

    Der erste Weg führte sie nichtsdestotrotz zu Nyome, weil sie auf sie gestoßen war. Der nächste zu Helisande und Heinrik, wo es wenigstens keiner Worte gebraucht hatte und wo es erstmals Trost und Verständnis gab. Vor allem aber Halt und irgendwie ein Gefühl der Sicherheit. Ein sicherer Hafen. In genau diesem Moment hatte sich die Last leichter und erträglicher angefühlt und in der überwältigenden Trauer mischte sich ein nicht nur geringes Gefühl der Dankbarkeit. Sie musste nicht alleine sein und durfte bleiben. Bleiben egal wer sie war, nicht allein mit der Leere, dem Schmerz und vor allem mit sich selbst, denn vor allem der Schmerz war es, der alles andere noch schlimmer machte. Ein Schmerz wie sie ihn bisher nie gekannt hatte, der Erinnerungen hervorholte an gute Momente, an weniger gute, Schmerz der Vorwürfe herauskramte und sie ihr gegen den Kopf warf. All das war jedoch ein bisschen leichter geworden dank ihnen.

    Es war schwer zu atmen, es war schwer zu denken weil auch eine Art Heimweh kam. Die Erinnerung, wo sie gemeinsam mit Liana in Merriks Haus war und "sein Hund" unruhig geworden war und sie heimlich aus seinem Suppentopf genascht hatten. Der Tag an dem Liana sie das erste Mal ins Konvent geschleppt hatte damit sie Merrik die tropfnassen "Papiere" aus dem Fluss verkaufen konnte und er schon fast beleidigt war, weil sie Furcht vor ihm hatte. Merrik, wie er gemeinsam mit Liana ins Hospital gestürmt kam nachdem sie den Letharen um Haaresbreite gerade noch vor den Toren Adorans hatte entkommen können. Eine Sorge, die sie überrascht aber auch erfreut hatte. Das erste Mal wo er sich verraten hatte, dass er auch eine Tochter hat. Der Anblick wo er mit den anderen ziehen musste während sie in den Fängen des Westens verblieb. Der erste Flug auf seinem Rücken vor dem sie sich lange gesträubt hatte...
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Esther Sternlied
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Registriert: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:07

Beitrag von Esther Sternlied »

  • In Nharam...

    Von allen Gängen die sie tun musste war wohl der nach Nharam am schwersten. Nunally und Onkel Edo hatten sich mindestens genauso große Sorgen gemacht, der rege Briefaustausch hatte es jedes Mal nur deutlicher werden lassen. Sie alle waren zu Familie geworden mittlerweile, es fühlte sich an als wäre es nie anders gewesen. Amae hatte ihr geholfen nach Nharam schnellstmöglich reisen zu können indem sie flogen. Wo sonst Angst gewesen wäre, war nichts außer Betäubung und der einfache Wille einfach so schnell es geht nach Nharam zu gelangen, da blieb selbst die Angst vor der Höhe fern oder vorm Fliegen. Man hatte Nunally schon aus der Ferne auf dem Gut sehen können, die Hoffnung die beim Anblick des Drachens kurz aufkeimte nur um zu verschwinden als sie erkannte, dass es nicht Merrik war, den sie da am Himmel sah und kaum am Boden angekommen hatte es keines einzigen verdammten Wortes gebraucht, Nunally hatte es ihnen angesehen. All die Tage auf Nharam waren wie in einem Traum voller Nebel. Das Gefühl, Zuhause, wirklich Zuhause zu sein, einen Ort als Zuhause nennen zu können ohne dass ihn Zweifel begleiteten paarte sich mit dem unsäglich und unerträglichen Gefühl des Schmerzes über den Verlust. Man weinte gemeinsam, man lachte gemeinsam und man nahm sich in den Arm und mitten drin ein Sander, der viel zu viele Fragen hatte.
    Gute Träume wechselten sich mit bösen ab, Träume voller Erinnerungen und Träume voller anderer Wahrheiten wechselten sich ab mit Realität und Suppenduft. Über dem Gut lag eine wohltuende und trotzdem schmerzende Ruhe, die selbst einen Connar dazu brachte sein tägliches Werken ruhen zu lassen und die Einsamkeit und den Schmerz gemeinsam zu vertreiben. Es waren lange Tage der Innigkeit und kurze Nächte der Trauer. Esther half bei den anfallenden Arbeiten mit, sorgte sich um Sander damit auch Nunally Zeit fand sich zu ordnen, denn selbst die herzensgute Frau mochte so eine Nachricht sehr mitnehmen. Es waren friedliche und sonnige Tage, wenn man es so wollte, was es schlimmer und auch erträglicher machte, auch wenn der ständige Gedanke dabei war, dass Merrik diesen Sonnenschein nicht mehr spüren konnte, nicht die Blumen riechen wie sie gerade dabei waren zu erblühen und ihren Duft zu verbreiten. Den Geruch der Weinreben oder des frischen Weins der angesetzt wurde. Warum nur begann man solche Dinge zu sehen, wenn es zu spät war? Warum waren Ängste manchmal zu groß um sie zu überwinden nur damit es zu spät war wenn man sie überwunden hatte.

    Und dann gab es die Momente, wo Nunally und sie gemeinsam mit Sander auf der Bank neben der Tür saßen, den Jungen schlafend in den Armen und auf dem Schoß während sie selbst angelehnt an Nunally saß und sie gemeinsam der Sonne dabei zusahen wie sie über Nharam unterging. Es würde trotz allem ihr Zuhause bleiben, dort wo trotzdem noch ein Teil Merriks war und bleiben würde. Doch der Frieden und der Stillstand der Zeit hielten nicht lange an als wieder ein Drache am Himmel erschien, der gleiche, der sie nach Nharam gebracht hatte. Sie musste zurückkehren, zurück in die Wahrheit vor der sie am liebsten für immer geflohen wäre. Für den Abschied von allen ließ sie sich aber Zeit, jeden kostbaren Moment davon in innerlicher Umarmung bis sie los musste um zurück nach Adoran aufzubrechen. Im Hintergrund, denn auch dort war es wichtig und mitten in Adoran war noch ein wichtiges Gut, Saria, um dass sie sich noch kümmern musste... nein, durfte. Amae hatte ihr deutlich gesagt, dass auch das Drachenmädchen ein neues Zuhause brauchte; nicht sofort aber bald, sodass die Heilerin die vielen kleinen Momente nutzte, um bei ihr sein zu können. Solange bis auch diese Zeit vorbei sein würde...
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