Voller Begierde hatte er sich nach seiner Prüfung so bald wie möglich auf die Unterlagen gestürzt, die den Studiosi für Verwandlungen zur Verfügung standen, ohne den weiterführenden Unterricht abzuwarten. Wozu hatte man ihnen schon als Novizen eine Grundlektion in "Verwandlung" gegeben, wenn sie sich als Studiosus immer noch nicht damit hätten beschäftigen dürfen?
Und ja... die seitenlangen umständlichen
"Liedstrukturdarstellungen für Anfänger in der Morphologie"
waren alles andere als spannend oder gar leichte Lektüre, aber herrje: woher sonst sollten die Zöglinge lernen, wie die Liedstruktur eines "Löwenjungen" aussah?! Eichhörnchen zu beobachten, mochte ja grundsätzlich leichter erreichbar sein - Aaryon schmunzelte, als er darüber nachdachte, wie viele Eichhörnchen er wo kannte, darunter ein sehr spezielles - aber sie hielten selten lange genug still, um sich auf ihre Liedstruktur einzustimmen.
Sehr schnell blieb er an etwas hängen, was als "Creatura lucis -für Studiosi" bezeichnet wurde.
Eine Lichtkreatur?! Ernsthaft?! Begeistert klappte Aaryon die Kinnlade herunter, als er sich daran erinnerte, wie sich Arcomaga von Meerswacht in ein solch beeindruckendes, geflügeltes, mindestens zwei Meter großes schlankes Wesen verwandelt hatte, um die Kreaturen in Varuna Sitten zu lehren. Und das konnte man schon als Studiosus?!
Zwei Nächte hockte er über den verworrenen Zeichnungen und studierte die Linien. Nickte schließlich, als er der Meinung war, es so grob begriffen zu haben. Ausdrücklich wurde empfohlen, diese Gestalt und ihre Fähigkeiten zu nutzen, um "Licht in von Ogern und dergleichen durchseuchte Höhlengänge" zu bringen. Nun denn! In Gedanken krempelte er die Ärmel hoch - und ging erstmal schlafen, schließlich war es schon fünf Uhr morgens.
Wie erwartet weckte Valentin ihn ohnehin früh genug. Wenn nicht zu früh. Aber egal. Ja, auch er wollte wissen, was der ihm nun erlaubte Zugriff auf die Sekundärenergien für einen Unterschied machte!
Und wo hin? Unheilsberg? Wahrscheinlich überlaufen wie immer. Die Katakomben der Arkorither boten sich an: die kannte Aaryon halbwegs, es gab eine gute Mischung aus anfänglich zuverlässig zu bewältigenden Skeletten, selbst wenn etwas nicht so klappen sollte, dann halt Zweiköpfe, Oger...
"Mal sehen, wie wir mit den Dämonen und dem Drachen klar kommen!", meinte Valentin unternehmungslustig. Aaryon schaute skeptisch, wollte aber keine zu großen Bedenken äußern - immerhin hatte Valentin es vor Kurzem alleine geschafft, mit dem Blut und der Haut eines selbst erlegten Arkandrachen aus dem Käferlabyrinth zurück zu kehren.
Bevor sie die Höhlen betraten, ging es jedoch also an die Verwandlung. Wie es Arenvir ihn gelehrt hatte -auch wenn die Formulierung reichlich banal klang: "Ich bin eine Katze... Ich bin eine Katze. Ich bin.."
Na schön.
Er schloss die Augen. Konzentrierte sich auf seine eigene Liedstruktur und tastete sie ab. "Ich bin Licht." Das fiel ihm leicht. Erstaunlich leicht. Licht war eine schöne Sache. Goldenes, warmes Glühen. "Leuchten. Ich habe Flügel..." Er spürte, wie Schwere von ihm abfiel. "Ich bin Teil des Lieds. Leuchten. Schweben. Mit Flügeln, Füßen, Körper..." Zwei Füßen. Er lächelte, als er die nötigen Strukturen ergänzte. Es war zwar wie vorgewarnt durchaus nicht angenehm, so viel von sich abschütteln zu müssen, wie es den Zeichnungen zu entnehmen gewesen war, aber es war gleichzeitig so unglaublich leicht, diese Last abzustreifen, das Humpeln, die schweren Krücken, all das war nicht nötig... Bereitwillig überließ er einen Teil seiner Struktur dem Lied und ließ sich auf natürlichste Weise von ihr durchfließen... diese Kreatur war fliegende Magie!
Heiter. Gelöst. Mit einem Kichern öffnete er begeistert die Augen, als es sich wirklich anfühlte, als würde er schweben...
Er schwebte!
Und die Welt war so herrlich frisch grün!
Moment...
Wo, zum Kuckuck, war er?
Verwirrt kämpfte er sich durch hüfthohes, störrisches Gestrüpp, bevor seine Füße... - er konnte laufen! Freudig hüpfte er auf und .. blieb irgendwie in der Luft hängen. Ein seltsames Geräusch erklang hinter ihm: als würde einem ein Kolibri direkt um die Ohren flattern. Er drehte sich um sich selbst. Das Flattern... war er selbst! "Valentin?"
Irritiert prallte Aaryon gegen einen dunkelgrünen schlanken Stamm. Nein, keinen Stamm... er flog höher, auch wenn es ein ziemlich unkoordiniertes Schaukeln war, wie ein besoffener Schmetterling. Dann sah er auf das, was... sich aus der Luftperspektive als eine gewaltige rote Blume präsentierte. Und WIE riesig! Mit einer waschbeckengroßen Ansammlung von Wasser an den Blütenblättern. "Sieht aus wie eine viel zu große Gerbera", erkannte er. Blumen mochte er ja eh. Aber wer baute sich eine Art Badelandschaft, oder was immer das hier sein sollte, in Form einer Gerbera?
Er sah sein Spiegelbild im Wasser. Blinzelte. Schaute überrascht und skeptisch, betrachtete seine elfisch - nein, noch spitzeren - Ohren und die zarten, durchscheinenden Flügel. Er hatte einen menschlichen Körper, ja, aber
das... äh...
war nicht die leuchtende, geflügelte Kriegergestalt, die Nyome gewesen war...
Schon gar nicht zwei Meter groß. Eher zwölf? Nein, nicht Meter. Zentimeter!

Als Valentin sich von dem Lachanfall beruhigt hatte, entschlossen sie sich, doch auszuprobieren, ob mit der Magie, die er klar wie nie durch seinen Körper strömen spürte, in den Tunneln etwas anzufangen war.
Oh ja!
Solange Valentin vorne stand und die Oger nicht um Aaryon herum in die Hände klatschten, waren sie ein durchaus erfolgversprechendes Duo! Leider musste Aaryon feststellen, dass er in dieser Gestalt nicht reden konnte. Also: konnte er schon. Laut Valentins dröhnend dumpfer Stimme musste es sich allerdings wie Mäusepiepsen anhören und reizte seinen Leibwächter zu neuerlichem Gelächter. Er ließ es einfach.
Stunden später, als sie die Katakomben der Arkorither wieder verließen, setzte sich Aaryon erschöpft auf einen gemütlich großen Champignon. Das war anstrengend gewesen! Aber toll!
Langsam sollte er sich jedoch zurück verwandeln, bevor er doch zu lange in dieser Form blieb.
Zum Eingang zurück blickend... fiel ihm ein Schatten auf. Groß. Irgend etwas an dem Schatten schnürte ihm sofort die Kehle zu. Zu dunkel für einen Schatten. Zu bedrohlich. Er versuchte, doch zu sprechen, nein, zu schreien, denn er musste Valentin warnen:
"Valentin! Lauf! LAUF WEG! Das ist...! irgendwas Böses! LAUF! Lauf, verdammt!
Nicht stehen bleiben, es verwandelt sich zurück!
Das ist ein Arkorither!
Verdammt, das ist ALTHAN! Der Maestro! VAAAALENTIIIN! Lauf jetzt endlich! Ich kann weg fliegen, LAUF du! DA! IST! DER! WALD!"
Was sich der Maestro der Arkorither wohl dachte, als einem ihm flüchtig bekannten Krieger ein albern kleines, geflügeltes, leuchtendes Feenwesen mit panischem Fiepen um den Kopf flog und an einem der Menschenohren zog, Richtung nahem Waldrand, bevor das Flattervieh selber in eine Baumkrone flüchtete? Wusste es, dass man es selbst zwischen den Blättern noch fröhlich leuchten und glitzern sehen konnte?


