Der verschollene Soldat

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Marlan Kabo
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Der verschollene Soldat

Beitrag von Marlan Kabo »

Marlan Kabo war Soldat, lange bevor man seinen Namen kannte – und lange, nachdem viele ihn vergessen hatten.

Seine ersten Jahre im Dienst der Hohenfelser Reiterei waren geprägt von harter Disziplin

Als in den ersten Monaten nach dem Fall Varunas die Lage an den Grenzen instabil blieb, war es Marlan, der den Befehl übernahm, einen kleinen Trupp auszurüsten, um einem benachbarten Herzogtum bei der Sicherung eines Grenzpasses auszuhelfen.

Es war ein Auftrag von strategischer Bedeutung – aber im Kern schien es eine einfache Reitmission.

Der Aufbruch erfolgte im Spätherbst des Jahres 253 n. A., Adoran stand bereits, doch seine Fundamente waren noch jung.

Die Reiter verließen die neuen Wehrmauern mit gereckten Lanzen und dem Banner Hohenfels im Wind – es war das letzte Mal, dass man sie so sah.

Die Überlieferung sagt: Der Tross geriet östlich der alten Nebelwälder in einen Hinterhalt. Was genau geschah, weiß niemand. Was blieb, waren verscharrte Reste von Ausrüstung, zerfetzte Rüstfragmente – und das Schweigen.

Doch Marlan war nicht tot.

Er wurde verschleppt – von Wesen, die weder Ehre noch Barmherzigkeit kannten. Letharen. Schwarzzungen der Disharmonie, Diener des Alatar, Mörder des Lichts. Sie hielten ihn nicht als Gefangenen – sie hielten ihn als Trophäe.

Über vierzehn Jahre lang schwand der Name Marlan Kabo aus dem Gedächtnis der Welt. In einem unterirdischen Gewölbe, das einst ein Tempel gewesen sein mochte, heute aber nichts mehr war als ein blutgetränkter Altar ihrer Bosheit, wurde er gefangen gehalten.

Dort war weder Zeit noch Licht. Die Letharen fesselten ihn an einem Kettenblock, schlugen ihn nicht täglich – sondern wenn sie Lust verspürten, das Spiel erneut zu beginnen. Seine Wunden waren keine Strafen – sie waren Unterhaltung.

Die Narben auf seiner Brust sind wie Schriftzüge; brennende Eisen rissen ihm die Haut von den Rippen, immer wieder. Der Rücken trägt die Spuren ritueller Schnitte, geometrische Muster, die einzig den Wahnsinn zeichnen.

Und auf der linken Seite seines Gesichts: eine tiefe, gezackte Narbe von der Schläfe bis zum Nasenbein. Ein Priester der Letharen – ein sogenannter „Züngler“ – führte das Messer selbst. Die Narbe war keine Strafe, sondern ein Schnitt, der „das Licht aus dem Blick nehmen“ sollte. Er zielte aufs Auge. Doch Marlan wich im letzten Moment aus.

Das Auge blieb.

Der Schnitt blieb auch – als ewiges Echo des Schmerzes.

Trotz allem: Marlan brach nicht.

Nicht aus Glauben – denn sein Glaube war nie das, was ihn trug. Temora war für ihn eine stille Flamme, keine Fackel. Kein Prediger, kein Rezitierer, kein Tempeldiener. Für Marlan war die Göttin eine Kraft im Innern – etwas, das man nicht rief, sondern das blieb, wenn nichts anderes mehr da war. Er fluchte nie. Er betete. Aber er hielt durch.
Zuletzt geändert von Marlan Kabo am Sonntag 4. Mai 2025, 23:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Der Wärter und die Flucht

Er war jung.

Das war das Erste, was Marlan bemerkte, als die Schritte zum ersten Mal anders klangen – nicht schwer und herrisch wie die seiner Folterer, nicht schleichend wie die der Schattenpriester, sondern leicht, vorsichtig, beinahe ängstlich. Die Tür öffnete sich knarrend, das Scharnier quietschte in einem Ton, den Marlan nach all den Jahren als eine Form von Musik empfand. Der Junge – kaum älter als zwanzig Winter – trug das Zeichen der Letharen nicht offen, nur ein loses Tuch über den Haaren, einen Eimer mit Wasser in der einen, eine Schale mit trockenen Brotstücken in der anderen Hand.

Er stellte beides ab, wortlos. Der Blick wich Marlan aus. Der Junge wollte nicht sehen, was vor ihm lag – den Körper, der kaum noch Mensch war: knochige Schultern, Narben, eingefallene Wangen, zitternde Hände, Ketten um Knöchel und Handgelenke, und das Gesicht mit dem klaffenden, halbverheilten Schnitt.

„Du hast Angst“, krächzte Marlan.

Der Junge erstarrte.

Marlan sah ihn an. Sein Blick war ruhig, nicht drohend – aber durchdringend. Es war der Blick eines Mannes, der alles verloren hatte, und der nun versuchte, das Letzte zu tun, was ihm blieb: leben.

„Wie heißt du?“ fragte er.

Keine Antwort. Nur ein Schlucken. Dann: „Sarel.“

„Sarel.“ Marlan ließ den Namen schmecken wie ein Soldat den ersten Schluck Wasser nach der Wüste. „Du bist kein Lethar.“

„Doch... ich...“ Der Junge verstummte.

„Du zitterst jedes Mal, wenn du die Tür öffnest. Ich rieche die Angst an dir. Du dienst ihnen – aber du gehörst nicht zu ihnen.“

Ein langes Schweigen. Dann trat der Junge zwei Schritte zurück. Schien fliehen zu wollen.

„Warte“, sagte Marlan – nicht befehlend, sondern ruhig, wie ein Mann, der weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat. „Ich kenne diesen Ort. Ich habe ihn gezählt. Jeden Stein. Jeden Schritt. Sie haben mich gebrochen, ja – aber ich atme noch. Und du kannst das ändern.“

Sarel schaute auf den Boden. Eine Minute verstrich. Dann ging er.

Aber er kam wieder.

Am nächsten Tag brachte er das Brot in einem Tuch. Wasser in einem sauberen Krug. Zwei Tage später waren die Fesseln an Marlans Füßen nicht mehr so eng. Beim vierten Besuch ließ er ihm einen Knoten in der Fußkette, den Marlan leicht lösen konnte – eine winzige Geste, aber für den Gefesselten ein Zeichen: Hoffnung.

Am Abend des zwölften Tages kam der Sturm.

Ein Heulen raste durch die Gänge. Der Boden bebte, Steine lösten sich aus der Decke, eine Seitenkammer stürzte ein. Das ganze Gewölbe bebte. Die Wachen schrien, liefen. Zwei der Schattenpriester gerieten in Streit. Ein Teil des Hauptgangs war verschüttet – und in diesem Moment, zwischen dem Chaos und der Panik, kam Sarel.

„Jetzt“, flüsterte er nur.

Er hatte ihm einen rostigen Metallhaken mitgebracht, kaum mehr als ein abgebrochener Pfannenhaken, aber für Marlan war es eine Waffe. Sarel entriegelte die Tür.

„Du musst nach Osten. Die Wurzeln zeigen den Weg, wo einst der Tempel war. Wenn du rauskommst... dann… vergiss mich nicht.“

Marlan packte seine Schulter. Keine Umarmung – ein Griff, wie ihn nur Soldaten geben: stumm, fest, bedeutungsvoll.

Dann war er draußen.

Der erste Gegner kam zu schnell. Marlan hörte ihn nicht – aber der Schattenriss, den die Fackel an die Wand warf, verriet ihn. Ein junger Lethar, schwarzgewandet. Marlan sprang ihm in den Rücken, riss ihn zu Boden, wickelte die Kette um seinen Hals. Kein Kampf – ein Überlebensakt.

Der zweite sah ihn. Zückte ein Messer – ein gezacktes Ding, das flüsterte, wenn es durch die Luft fuhr. Es schnitt Marlan über den Oberarm, aber Kabo rammte ihm das Knie in die Magengrube, entriss ihm die Waffe und trieb sie ihm in die Seite. Kein Laut. Kein Zögern.

Er lief.

Blutend, barfuß, mit aufgerissenen Sohlen, durch Gänge, die er aus Erinnerung kannte. Als die ersten Wurzeln durch die Decke ragten, wusste er: Er war nah. Erde. Wind. Regen. Der erste Atemzug frischer Luft – ein Keuchen, ein Husten, ein Zittern in den Knien.
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Sein Zeichen. Sein Name.

Viele Tage war er unterwegs. Ohne Ziel, ohne Richtung – aber mit einer einzigen Absicht: nicht sterben, bevor er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, der nicht nach Blut roch. Der Körper zitterte, taub vor Kälte, das Gesicht eingerissen vom Wind. Er trank aus schlammigen Pfützen, kaute Rinde, presste Moos auf seine Wunden, nur um das Blut zu stillen. Die Kette, die ihn so viele Jahre gebunden hatte, trug er jetzt als Gürtel. Und unter dem Lumpen aus Leinen, den man ihm einst als Lendenschutz gab, trug er es noch immer:

Ein Stück Leder, dunkel vom Schweiß, scharfkantig am Rand, in das einst das Wappen Hohenfels gebrannt war: Ein Reitspieß vor dem Licht, das alte Emblem der Kavallerie. Die Farben waren längst verblichen, doch die Form blieb. Marlan hatte es sich einst vom Panzer gerissen, kurz bevor man ihn verschleppte. Es war das Einzige, was sie ihm nicht nahmen – weil sie es für wertlos hielten.

Er trug es all die Jahre an einer groben Schnur um den Hals. Manchmal presste er es gegen die Brust, wenn er dachte, dass es vorbei sei. Es erinnerte ihn daran, wer er gewesen war – und wer er noch sein konnte.

Am Morgen des zehnten Tages – schwach, blutverkrustet, von Dornen gezeichnet – sah er Rauch in der Ferne. Kein dunkles, rituelles Feuer – sondern das bleiche Aufsteigen von Feldrauch. Kochstelle. Patrouille. Leben.

Er kroch den Hang hinab. Nicht laut rufend. Nicht flehend.

Er wartete.

Die Grenzposten waren ein Trupp aus Adoran – zwei Reiter und ein Späher, unterwegs zur Sicherung eines Versorgungspfades. Sie bemerkten ihn erst spät – eine Bewegung im Gestrüpp, ein Ast, der knackte, ein Schatten. Als sie sich näherten, griff Marlan nicht zum Haken, der noch an seiner Hüfte baumelte. Stattdessen zog er die Schnur von seinem Hals – langsam, mit letzter Kraft – und hielt das Abzeichen in die Höhe.

„...Hohenfels“, flüsterte er heiser.

Die Soldaten blickten einander an. Der Späher stieg ab, trat näher. Nahm dem Mann das Lederstück aus der Hand, betrachtete die eingeritzten Linien, das Emblem – und dann den Blick darunter.

Ein Auge, das gesehen hatte, was kein Mensch sehen sollte. Und doch: kein Wahnsinn darin. Nur tiefer, stiller Zorn. Und ein Wille, der sich geweigert hatte zu sterben.

„Holt einen Träger“, sagte der Späher leise.
„Wer ist das?“ fragte der Jüngste der Reiter.

Der Späher antwortete nicht sofort. Er sah noch einmal auf das Wappen, und dann in das Gesicht des Mannes mit der Narbe über der linken Schläfe.

„Das... war einmal ein Oberst.“
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Richtung Adoran

Die Soldaten brachten ihn zu einer kleinen Feldstation an der Grenze – ein provisorischer Außenposten, kaum mehr als ein paar Zelte, ein schiefer Wachturm und eine Handvoll Männer, die dort Wache hielten. Keine hohen Offiziere, keine Fragen, keine Protokolle.

Man brachte ihm Wasser. Brot. Einfache Brühe. Und eine Decke.

Die Heilerin – eine schweigsame Frau mit einer ruhigen Stimme – schälte ihm die Lumpen vom Leib. Säuberte seine Wunden. Betrachtete die Muster auf Rücken und Brust – und stellte keine Fragen. Nur ein einziges Mal sagte sie: „Sie haben dich nicht gebrochen.“

Er antwortete nicht. Aber sie hatte recht.

Vier Wochen blieb er dort. Nahm zu. Schlief viel. Sprach wenig. Jeden Abend saß er am Rand des Lagers, sah in das Feuer und drehte das Lederabzeichen zwischen den Fingern. Es war nicht mehr viel von ihm übrig. Aber es war genug.

Dann, an einem regnerischen Morgen, bat er um Stiefel. Einen Mantel. Und einen Kompass.

Niemand hielt ihn auf.

Er nahm nichts weiter mit – keine Fahne, kein Rangabzeichen, kein Brief. Nur das Wappenband um den Hals, und die Narbe über dem linken Auge, die ihn nun überall vor sich selbst ausweist.

Und so ging Marlan Kabo eines Morgens, still, die Straße nach Süden entlang. Richtung Adoran.

Die Reiter, die ihn einst fanden, sprachen später kaum über ihn. Nur einer von ihnen sagte irgendwann beim Bier:

„Er hatte diesen Blick… so wie einer, der das Dunkel gesehen hat und trotzdem weitergeht. Nicht weil er muss. Sondern weil er noch was offen hat.“
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Ankunft in Adoran

Die Tür zum Stadttor war offen. Marlan wusste nicht, wie lange er gelaufen war. Seine Füße waren nur noch ein pochender Schmerz, blutig, zerschunden. Er stützte sich schwer auf einen alten Stock, den er am Wegesrand gefunden hatte. Unter dem Mantel hing der Körper schlaff, die Wangen eingefallen, der Bart wirr, die Haare klebrig vom Schweiß der letzten Tage.

Zwei Gardisten standen am Tor, ein Mann und eine Frau. Ihre Hände gingen automatisch zu den Waffen, als sie ihn sahen. Doch als der Mann mit dem langen Mantel näher kam, stolpernd, taumelnd, mit einer Hand das lederne Wappen umklammernd, hielten sie inne.

„Bei Temora… wer seid Ihr?“ fragte die Frau.

„Marlan… Kabo… Hohenfels…Regiment....Kommandant“ brachte er mühsam heraus. Und zeigte sein Wappen vor.

Das genügte.

Der Heilkundige kam schnell, ein junger Rekrut mit ruhigen Händen, der ihn mit prüfendem Blick musterte und gleich an Ort und Stelle begann, die schlimmsten Wunden zu versorgen. „Ruhig, Soldat, ruhig… Ihr seid in Sicherheit.“

Man brachte ihm Wasser. Brot. Eine warme Suppe. Er konnte nur kleine Schlucke nehmen, doch jeder Tropfen war wie eine Flamme, die durch seinen ausgezehrten Körper ging. Hände halfen ihm ins nächste Wirtshaus, wo man ihm ein Zimmer herrichtete – einfach, aber sauber. Ein Bett. Ein echtes Bett.

Er fiel hinein wie ein Toter.

Der Schlaf kam ohne Traum.
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Marlan Kabo
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Der Appell

Die Sonne stand schief über den Mauern, als Marlan am Appellplatz ankam. Seine Schritte waren langsam, jeder begleitet von einem scharfen Schmerz in den Füßen. Doch er ließ sich nicht helfen, als er durch den Innenhof trat, wo sich die Soldaten in geordneten Reihen versammelt hatten.

Er war früh gekommen.
Niemand hatte ihn angekündigt.
Niemand wusste, wer er war.

Er stand am Rand des Platzes, stützte sich schwer auf seinen Stock, das alte Hohenfelser Abzeichen um den Hals. Seine Kleidung hing lose an ihm, das Gesicht schmal, gezeichnet – doch die meeresblauen Augen blickten klar.

Als die Gräfin eintraf, flüsterten die Männer. Eine kleine, feine Frau mit wachem Blick.

Marlan wusste, dass dies der Moment war.

Er trat vorsichtig vor. Nicht weit, nur bis er gut zu sehen war. Seine Stimme war rau, vom Hunger und den Jahren der Stille, doch sie hielt.

„Marlan Kabo. Ehemals Oberst… Hohenfelser Regiment.“

Stille. Köpfe drehten sich. Die Gräfin blinzelte kurz, als müsse sie den Namen einordnen.

Keylon trat einen Schritt vor, das Pferd kurz am Zügel haltend. Sein Blick glitt über den alten Soldaten: den vernarbten Körper, die erschöpften Schultern, das wettergegerbte Gesicht – und das Wappenband, das alles erklärte.

„Ihr seid lange unterwegs gewesen, Herr Kabo“, sagte er ruhig.

„Fünfzehn Jahre ungefähr“, erwiderte Marlan. „Gefangenschaft. Folter.“
Er ließ die Worte fallen, ohne Dramatik.

Keylon nickte nur knapp. „Habt Ihr noch eine Bleibe?“

„Herberge. Ein Zimmer, heute Nacht.“
Er zog das Kinn etwas an. „Ich wollte mich vorstellen. Ich bin nicht hier, um Almosen zu nehmen. Ich bin hier, um zu dienen.“

Die Gräfin trat jetzt näher, den Blick fest auf ihn gerichtet. „Wir prüfen, was Ihr sagt, Herr Kabo“, sagte sie sachlich, aber nicht kalt. „Bis dahin – stellt sicher, dass Ihr wieder zu Kräften kommt. Sir Keylon – kümmert Euch darum.“

Keylon legte eine Hand auf Marlans Schulter. „Kommt. Wir besorgen Euch etwas Kleidung, und dann etwas zu essen.“

Für einen Moment stand Marlan nur da, der Stock in der Hand, das Herz laut schlagend.
Zum ersten Mal seit Jahren spürte er etwas Seltsames in seiner Brust.
Etwas, das wie… Hoffnung schmeckte.
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Einige Tage später

Die helle Stute setzte ruhig einen Huf vor den anderen. Marlan hielt die Zügel locker, die Schultern schmerzhaft steif. Der Wind fuhr durch die Bäume, zog an den losen Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht gefallen waren. Es war eine ruhige Morgenstunde, und doch lag eine seltsame Spannung in der Luft.

Er kannte diese Wege nicht. Die Welt hatte sich verändert.
Er selbst hatte sich verändert.

Seine Augen waren müde, aber wachsam. Und so entging ihm nicht die Gestalt am Waldrand.

Ein Mann in schwerer Kettenrüstung.
Der Helm maskenartig, mit dunklen Augenschlitzen, die jedes Gefühl verbargen.
Ein riesiger Zweihänder ruhte in seinen Händen, die Bewegungen ruhig, kontrolliert.

Neben ihm stand ein junger Mann, schlank, die Hände in einer abwartenden Geste erhoben. Keine Waffe, kein Instrument. Aber seine Kleidung, die Stickereien, die Runen am Gürtel – alles sprach von Magie. Ein Liedwirker. Ein Magier.

Marlan zog die Zügel straff. Die Stute schnaubte unruhig.

„He! Ihr da!“ rief er rau.

Es geschah in einem Atemzug.

Der Rahaler hob das Schwert.
Ein dumpfer Schlag, ein geübter Hieb.
Der Magier brach lautlos zusammen.

„Verdammt!“ knurrte Marlan, sprang aus dem Sattel. Sein Körper protestierte, doch er packte den Jungen, schleifte ihn mühsam zum Pferd. Der junge Mann war bewusstlos, das Gesicht blass, die Lippen leicht blutig.

Marlan stemmte die Zähne zusammen, rang den halb leblosen Körper über den Sattel, schwang sich selbst mit einem rauen Laut hinterher. Die Stute blieb ruhig, als ahnte sie, dass jetzt keine Hast, sondern Ausdauer gefragt war.

Schritt um Schritt, zurück zur Stadt.
Jeder Atemzug brannte.
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Im Hospital

Marlan kniete auf den kalten Dielen, die helle Stute draußen angebunden.
Der Junge lag vor ihm, bleich, die Stirn schweißnass, das Hemd an der Seite zerfetzt, Blut sickerte aus einer tiefen Wunde.

„Bei den Göttern…“ murmelte Marlan, während er sich das alte Soldatenmesser zwischen die Zähne klemmte, einen alten Streifen Stoff aus seiner Tasche zog, ihn notdürftig zu einem Druckverband wickelte. Die Hände zitterten, nicht nur vor Erschöpfung.

„Halt durch, Junge… Ich hab dich nicht von der Straße geholt, damit du mir hier wegstirbst.“

Er zog die Bandage fest, bis der Junge ein leises Stöhnen von sich gab. Die Augen waren noch geschlossen. Die Atmung flach. Marlan fühlte kurz den Puls – schwach, aber da. Er lehnte sich zurück, atmete schwer aus, rieb sich mit blutverschmierten Händen über das Gesicht.

Draußen hörte er Schritte. Eine Wache kam hereingestolpert, keuchend.
„Ich… ich hab jemanden geholt. Die Heilerin kommt gleich!“

„Gut.“ Marlans Stimme war rau. „Beeil dich, verdammt.“

Die Tür ging auf.

Eine junge Frau trat ein, kaum älter als zwanzig.
Schlanke Gestalt, braunes Haar unter einem schlichten Tuch. Schmale Hände, die nervös an der Ledertasche zogen, die sie über der Schulter trug.

Ihre Augen – weit, erschrocken – huschten über die Szene: der schwer verwundete Junge, der blutverschmierte alte Soldat, der am Boden kniete.

„Bist du… bist du die Heilerin?“ fragte Marlan, die Stimme rau, aber nicht unfreundlich.

„Ja… ja… ich bin Cecilia.“ Ihre Stimme war weich, fast schüchtern, und zitterte leicht. Sie kniete sich vorsichtig neben den Jungen, öffnete ihre Tasche, zog Kräuter, Salben, kleine Phiolen heraus. „Was… was ist passiert?“

„Ein Rahaler mit Zweihänder. Hat zugeschlagen und ist verschwunden.“ Marlan beobachtete sie scharf. „Kannst du ihm helfen?“

„Ich… ich glaube… ja.“ Cecilia befeuchtete ihre Lippen, schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, dann fuhr sie mit geübten, wenn auch etwas zittrigen Händen über die Wunden, murmelte leise Gebete, öffnete Fläschchen, strich Salben auf die schlimmsten Stellen.

Marlan setzte sich schwer gegen die Wand, ließ sich kurz die Augen zufallen.
Das erste Mal seit Tagen, dass er spürte, wie die Last ein wenig leichter wurde.

Er sah zu Cecilia hinüber, wie sie sich über den Jungen beugte, konzentriert, mit leicht gerunzelter Stirn.

Es war die erste Begegnung.
Und Marlan wusste: Es würde nicht die letzte sein.
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Marlan Kabo
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Beitrag von Marlan Kabo »

Hospital – Spätere Stunde

Der Geruch von Salben und frischem Verband hing in der Luft.
Marlan stand mit verschränkten Armen am Fußende des Bettes, die Stirn in Falten gelegt. Die schlimmsten Wunden des jungen Mannes – Mikh, wie die Heiler ihn genannt hatten – waren versorgt. Er atmete ruhiger, die Haut hatte wieder etwas Farbe.

„Verdammter Bengel…“ murmelte Marlan leise.
Er wusste es jetzt. Kannte diese Gesichtszüge, auch wenn sie jung waren, unerfahren, noch ungeschliffen. Er hatte unter diesem Banner gedient, als er selbst noch jung war. Er kannte das Blut, das durch diese Adern floss.

Hinter ihm öffnete sich die Tür.
Schwere Schritte, leise Rüstung, kein überflüssiges Geräusch.

Marlan drehte sich langsam um.

Ein Mann trat herein – mit ernstem Gesicht, in einem Mantel, dessen Schattierungen die Farben des Reiches trugen. Heinrik von Alstedt, Kronritter, bekannt für seine präzisen Worte.

Sein Blick fiel kurz auf Mikh, dann auf Marlan.
Ein prüfender, scharfer Moment.

„Ihr habt ihn gefunden?“ fragte Heinrik ruhig.

Marlan nickte. „Ja, Herr. Bei einem Rahaler. Hab ihn hergebracht.“

Heinrik trat näher, sah schweigend auf den jungen Mann.
Dann sprach er, ohne die Augen von Mikh zu nehmen, mit ruhiger, aber unmissverständlicher Stimme:

„Das ist ein ganz normaler Mann. Ohne Besonderheiten. Verstanden?“

Marlan hielt den Blick des Kronritters einen Moment lang.
Dann zuckte der Mundwinkel leicht, fast ein Schatten eines alten Soldatenlächelns.

„Verstanden, Herr.“

Keine Fragen. Keine Geschichten.
Für Marlan war alles gesagt.
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Marlan Kabo
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Zeitsprung – Mehrere Tage später

Die Tage in Adoran vergingen wie im Fluss – schnell, und doch schwer.
Jeden Tag wachte Marlan auf in der kleinen Dachgeschosswohnung über der Werkstatt von Arne Levar, dem königlichen Hofschmied. Das Zimmer war schlicht, aber gemütlich: ein ordentliches Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein kleines Fenster, das morgens die ersten Strahlen hereinfiel.

Er erinnerte sich noch genau, wie es dazu gekommen war.
Mikh, der junge Magier, schickte ihn zu Arne wo ihn eine Überraschung erwarten solle als Zeichen des Dankes. Es sollte eine neue Rüstung sein, damit er nächstes mal nicht selbst Schutzlos sei. Arne Levar selbst hatte sie gefertigt, und als sie ins Gespräch kamen, hatte der Schmied kurzerhand angeboten: „Wenn Ihr noch kein Quartier habt, Marlan Kabo, ich hätte da oben unter’m Dach noch Platz.“

Und so war er eingezogen.
Allein, aber nicht einsam.

Die Tage waren gefüllt mit alten und neuen Gesichtern.

Arenvir von Tilianas – jetzt Baron, früher Marlans Stellvertreter im Hohenfelser Regiment – hatte ihn mit kräftigem Händedruck empfangen, ein warmer Blick, der ein wenig von den schweren Jahren erzählte, die auch er hinter sich hatte. Sie lachten über alte Geschichten, und es war schön noch wieder Freunde zu sehen.

Dann war da Antarian de Dynal, der frühere Richter von Varuna. Ein Mann mit scharfem Geist, ruhigen Worten, und einem Blick, der spürbar immer noch alles sah. Auch er begrüßte Marlan, als sei keine Zeit vergangen – und doch klang in seinen Worten die Schwere der Jahre.

Von den neuen Gesichtern war es vor allem Elisabeth Falkenglanz, die Korporalin des Regiments, die ihn beeindruckte. Streng, klug, mit einer Stimme, die Respekt einflößte. Sie musterte ihn mit scharfem Blick, als sie sich das erste Mal begegneten, und sagte nur trocken: „Ihr seht aus wie jemand, der noch was leisten kann.“

Und überall, wo er ging, spürte er es:
Die Blicke, die Fragen, die Erwartungen.
Das Regiment war geschwächt. Es brauchte Männer, erfahrene Männer. Es brauchte ihn.
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Abends, in der Dachgeschosswohnung

Marlan saß am kleinen Tisch, die Rüstung neben sich auf einer Holzbank, die Hände um einen Becher warmer Milch gelegt. Er sah hinaus in die Dunkelheit, wo das Kloster sich gegen den Sternenhimmel abzeichneten.

Er war zurück.
Er war am Leben.

Aber war er bereit, wieder in den Dienst zu treten?
War er noch derselbe Mann?

Er streckte die Beine aus, spürte das Gewicht der Jahre in den Knochen, und doch auch etwas, das wieder erwachte – ein altes Feuer, ein alter Stolz.

Vielleicht.
Noch nicht heute. Aber bald.
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Marlan Kabo
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Wieder Training

Die neue Rüstung stand glänzend in der Ecke, makellos.
Marlan aber stand auf einem freien Feld in der nähe von Schiwngenstein Der Morgen war kühl, Dunst lag über den Feldern, und seine Muskeln zitterten unter der Anstrengung.

Der Schwertgriff in seiner Hand fühlte sich zugleich vertraut und fremd an.
Er führte das alte Klingenmuster aus – Aufschlag, Abwehr, Riposte, Drehung, tiefer Stand. Seine Arme brannten schon nach wenigen Minuten.

„Verdammt.“
Er ließ das Schwert sinken, atmete schwer.

Jahre in Fesseln, geschwächt, unterernährt – seine Muskeln hatten abgebaut, die Bewegungen waren rostig, der Atem kurz. Aber der Kopf war klar. Jeder Schritt, jede Bewegung war ihm noch eingebrannt. Er wusste, was er tun musste. Es war nur der Körper, der noch nicht mitspielte.

Er griff wieder zu.
Wieder der Schlag, wieder die Drehung, wieder das Abwehrmuster. Langsam. Präzise.

Schweiß rann ihm den Rücken hinab.
Seine Hände zitterten.

Er machte eine Pause, setzte sich auf einen niedrigen Stein, wischte sich das Gesicht mit einem alten Tuch ab. Die helle Stute, die er von Sir Keylo bekommen hatte, stand angebunden, kaute gemächlich Heu und warf ihm ab und zu einen Blick zu.

Marlan atmete durch.
„Noch mal.“
Er stand wieder auf.
Schwert heben. Schritt nach vorn. Schlag. Abwehr. Riposte.
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Marlan Kabo
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Einige Tage später – Trainingsergebnisse

Marlan spürte es beim Training.
Der Griff saß wieder fester.
Die Arme, noch dünn, hatten wieder etwas Spannung.
Die Schritte waren präziser, die Atemzüge länger.
Er war noch nicht der Mann, der er vor fünfzehn Jahren war – aber er war auch nicht mehr der abgemagerte Überlebende, der auf einem Stock nach Adoran hereingehumpelt war.

Er schlief nachts schwer, aber tief. Er aß wieder mit Appetit. Er stand jeden Morgen früh auf, führte die Übungen aus, bis der Schweiß lief. Es kam zurück. Langsam, aber es kam zurück.

Im kleinsten Büro des Kastells

Das Büro war schlicht. Ein kleiner Holztisch, zwei Stühle, ein Regal mit Listen und Dokumenten. An der Wand hing eine alte Karte der Region, an den Ecken eingerissen.
Elisabeth Falkenglanz saß hinter dem Tisch, Marlan ihr gegenüber.

Es war spät, das Kastell war still.

Elisabeth hatte die Arme vor der Brust verschränkt, runzelte die Stirn.
„Ihr wisst, dass es keinen Oberst gibt. Auch keinen Oberstleutnant. Nur mich als Korporalin.“
Ihre Stimme war leise, aber fest. „Wir sind schwach, Kabo. Zu wenige, zu zerschlagen.“

Marlan nickte.
„Ich verlange keinen Titel. Ich verlange, dass ich dienen darf.“
Er sprach ruhig, den Blick direkt auf sie gerichtet. „Aber ich werde kein Rekrut sein. Nicht nach all den Jahren, nicht nach dem, was ich war.“

Elisabeth hielt seinen Blick. Dann atmete sie aus, ließ die Schultern leicht sinken.
„Gardist.“
Sie sprach es aus, als wäre es ein Vertrag, ein Schwur. „Mit der Aussicht, wenn ihr euch bewährt. Wir brauchen einen Wachtmeister. Bald.“

Marlan nickte nur.
Kein überschwängliches Danke, kein breites Grinsen. Einfach ein Nicken. Ein Soldat, der wusste, dass Worte hier nichts nützten. Nur Taten.

Elisabeth zog eine Kiste unter dem Tisch hervor, darin die Uniform, das Wappen, das Band.
„Willkommen zurück, Marlan.“

Er nahm die Sachen still entgegen. Als er später, allein in seiner kleinen Kammer, die neue Kleidung anzog, nahm er das abgenutzte, alte Hohenfelser Abzeichen aus seinem Beutel.
Er drehte es in den Händen, strich über das Metall, spürte, wie ihm für einen Moment das Herz schwer wurde. Dann befestigte er es auf der Innenseite seines Oberteils – nahe am Herzen, verborgen, aber immer dabei.

Das Alte war sein. Das Neue war der Weg vor ihm.
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Im Lager des Kastells

Der Raum war kühl und roch nach Leder, Metall und altem Holz. Reihen von Waffenständern, Kisten, Rüstungen, Helmen, Schilden – all das war hier sorgfältig sortiert und gelagert.

Marlan stand vor dem großen Tisch, hinter dem eine schmale, junge Frau in einfacher Kleidung eifrig Listen überprüfte. Ihr schulterlanges Haar war leicht zerzaust, ein Tintenfleck zierte ihren Daumen.
Als sie aufsah, trafen sich ihre moosgrünen Augen mit Marlans.

Es war die Heilerin aus Berchgard.
Cecilia.

Sie stockte kurz, ihre Lippen öffneten sich leicht vor Überraschung. Dann lächelte sie etwas schüchtern. „Ah… Ihr seid also jetzt bei uns im Regiment.“
Sie nahm eine Kiste vom Regal. „Ich bin hier… äh, Lageristin. Ich kümmere mich darum, dass ihr auch alles habt, was ihr braucht.“

Marlan nickte knapp. „Ich erinnere mich an Euch.“
Er sagte es ruhig, ohne große Regung, aber in seinen Augen blitzte für einen Moment etwas Warmes auf.
„Ihr habt Mikh versorgt, als sonst niemand da war.“

Cecilia wurde leicht rot und nestelte am Lederriemen einer Rüstung. „Das… war doch meine Pflicht.“

Mit geschickten Bewegungen legte sie ihm die Teile der Plattenrüstung zurecht:
Schienbeinschützer, Beinschienen, Brustpanzer, Armschienen, Handschuhe. Alles mit dem Wappen des Regiments fein graviert – das neue Wappen, nicht das alte Hohenfelser Zeichen, das Marlan immer noch unter der Kleidung bei sich trug.
Dazu der Reiterschild, sauber poliert, mit fester Lederriemung.

„Das hier…“ Cecilia hob einen Helm mit breitem Nasenschutz hoch, „… ist eurer. Wenn irgendetwas nicht passt, sagt es bitte. Ich… also, ich hab’s nicht so mit Plattenrüstungen, ich hab lieber mit Kräutern zu tun, aber ich helfe euch, so gut ich kann.“

Marlan nahm die Teile ruhig entgegen, prüfte sie mit erfahrenem Blick.
„Das passt schon.“
Er legte die Hand auf den Schild, spürte das Gewicht, die Balance.
Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht. „Es ist lange her, dass ich so etwas getragen habe.“

Cecilia sah ihn eine Weile an, dann sagte sie leise: „Es ist schön, dass ihr wieder hier seid.“
Ihre Wangen wurden wieder leicht rot, und sie wandte sich rasch ab, um eine weitere Kiste zu sortieren.
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Marlan Kabo
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Registriert: Samstag 19. April 2025, 01:12

Beitrag von Marlan Kabo »

Berchgard, am Abend des Marschtags

Der Tag war lang.
Zu lang.

Marlan spürte jede Faser seines geschundenen Körpers, als er die schweren Schritte durch das Tor von Berchgard machte. Die Plattenrüstung war staubverkrustet, sein Wappenrock feucht vom Schweiß, die Schultern zogen dumpf, als würde ihn jede Erinnerung an die vergangenen Tage nach unten drücken.

Neben ihm lag Sir Keylon – schwer verwundet, der sonst so aufrechte Ritter war kaum mehr ansprechbar gewesen, als sie ihn vor den Toren gefunden hatten.
Marlan hatte keine Sekunde gezögert. Er war abgestiegen, hatte den Ritter vorsichtig aufgeladen, sich das Gewicht über die Schultern gelegt, als wären die Jahre nie vergangen.

Jetzt war er hier, im Kastell, am Hospital.

Cecilia war da.
Die junge Heilerin mit den nervösen Augen, den schnellen Händen, die in den letzten Tagen immer wieder an seiner Seite gewesen war – mal als Lageristin, mal als Heilerin, mal als schüchternes Gesicht hinter einem Stapel Verbände.
„Hier!“, rief sie, als Marlan mit Sir Keylon die Schwelle überquerte.
Sie eilte ihm entgegen, half, den Ritter auf eine der einfachen Pritschen zu betten.

Marlan trat einen Schritt zurück, wischte sich mit einem Tuch über das Gesicht, spürte die Narben, die sich über all die Jahre eingebrannt hatten, spürte die feine Linie von der Schläfe zum Nasenbein.

Er wusste, was da draußen war.
Er hatte es gesehen, als sie marschiert waren.
Diese Helme. Diese maskenhaften Gesichter.
Rahaler.
Letharen.

Er konnte die Ketten förmlich wieder spüren, das schartige Eisen an seinen Handgelenken, das Lachen, die kalte, feuchte Dunkelheit.
Er presste die Augen kurz zusammen, schob die Bilder weg. Nicht jetzt. Nicht hier.
Es war vorbei. Oder zumindest… für diesen Moment.

„Marlan?“
Cecilias Stimme holte ihn zurück. Sie hatte ihn angesehen, ein Moment zu lang, ein Moment zu aufmerksam.
Er richtete sich auf, straffte die Schultern.
„Alles gut“, murmelte er, die Stimme rau. „Versorgt ihn gut.“
Sie nickte eilig.

Draußen schlugen die Wachen die Riegel an den Toren vor. Berchgard verriegelte sich für die Nacht.
Marlan atmete tief ein. Morgen würde es weitergehen.
Heute… heute hatte er überlebt.
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