Ein Leitsatz und Schwur an das Handwerk der Heilkunst
von Viktoria Hamberg
In diesen wenigen Worten liegt alles, was Viktoria Hamberg ausmacht: Pflichtgefühl, Mitgefühl, Entschlossenheit und eine tiefe, unerschütterliche Achtung vor der Schöpfung selbst.
Es ist kein Schwur, den man laut in einer Halle ablegt. Es ist einer, der in stillen Nächten bei schwachem Licht der Öllampe gefasst wird, wenn die Hände blutig sind, der Atem schwer und das Leben eines anderen in den eigenen Fingerspitzen liegt.
Für Viktoria ist dieser Leitsatz kein bloßes Ideal, sondern tägliche Praxis: ob im Lazarett, im Schatten der Schlacht, oder in der Stille ihrer Apotheke zu Schwingenstein.
Der Erhalt von Leben ist ihr Werk. Und ihre Antwort auf eine Welt, die oft genug das Gegenteil will.
Tagebucheintrag
- Schwingenstein, 17. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Ich bin zurück.
Die Häuser von Schwingenstein stehen noch immer so da, wie ich sie in Erinnerung trage. verwittert vom Regen, aber standhaft. Es ist ein leiser Empfang, niemand weiß von meiner Rückkehr, und ich bin froh darum. Die Stille meiner Apotheke empfängt mich wie eine alte Freundin. Der Geruch von getrocknetem Lavendel und Wurzelharz liegt noch immer in den Balken, als hielte die Zeit hier den Atem an.
Ich öffne die Fenster. Verjage den Staub. Binde die Kräuter neu. Es ist seltsam, wie schnell sich ein Ort wieder wie Zuhause anfühlt, wenn die Hände beschäftigt sind und das Herz zur Ruhe kommt.
Noch ist alles friedlich. Die Krähen kreisen über dem Dach, nicht über den Schlachtfeldern. Möge es so bleiben.
-V.H.
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Schwingenstein, 21. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Es ist ein ruhiger Tag, beinahe zu ruhig. Ich sitze an meinem Tisch, sortiere Kräuter und mache Notizen in mein Feldbuch, als die Tür plötzlich aufgerissen wird. Ein Mann in zerlumpter Kleidung tritt ein. Er wirkt wie einer jener Halunken, die sich manchmal auf den Märkten oder in den Ställen herumtreiben. Doch diesmal steht er in meiner Apotheke – mit einer deutlich finsteren Absicht.
Mit heiserer Stimme fordert er: „Gold oder Leben“, während er ein Messer hebt, dessen Klinge das letzte Licht des Abends einfängt. Ich erwidere seinen Blick ruhig, lasse ihn wissen, dass er nicht der Erste ist, der so etwas versucht und wohl auch nicht der Letzte sein wird. In fester Stimme erkläre ich ihm, dass ich sehr wohl weiß, wie ich mich zu wehren habe.
Er scheint zu zögern. Vielleicht ist es meine Entschlossenheit, vielleicht die Ruhe, mit der ich ihm gegenüberstehe. Jedenfalls wird deutlich, dass er sich seiner Sache plötzlich nicht mehr ganz sicher ist. Er lässt seine Klinge drohend durch die Luft gleiten, doch ich bleibe standhaft. Dann, in einem plötzlichen Wutanfall, reißt er mehrere Regale um, Flaschen zerbrechen, Kräuter verteilen sich auf dem Boden. Er starrt mich abschätzig an und murmelt, dass er mich sich noch holen werde. In seiner Stimme liegen Resignation und Unsicherheit.
Ich nutze den Moment, weiche seinem Versuch aus, mich zu packen – doch er hat bereits die Tür erreicht. Ohne weitere Worte flieht er aus der Apotheke, sein Plan gescheitert.
Ich bleibe gefasst, auch wenn der Schock tief sitzt. Die Einrichtung ist verwüstet, aber mein Entschluss steht fest: Ich lasse mich davon nicht entmutigen. Noch am selben Abend verlasse ich die Apotheke und melde den Vorfall beim Regiment, damit der Täter nicht ungeschoren davonkommt.
Die Wachen reagieren rasch. Schon bald darauf können sie den Mann, Tarin Voss, identifizieren und aufgreifen. Ich erkläre, dass er es auf alles abgesehen hatte, was von Wert ist.
Sie führen ihn ab und während der Ärger noch nachhallt, wächst in mir die Erleichterung. Trotz des Chaos bleibe ich entschlossen, Ordnung zu schaffen.
Meine Apotheke ist verwüstet. Aber ich werde sie wieder herrichten.
– V.H.
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Schwingenstein, 22. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Der Tag bringt seine üblichen Herausforderungen mit sich. Die Apotheke ist inzwischen in einem besseren Zustand, nachdem der Halunke, der mich am Vortag überfallen hat, nun in den Händen der Wachen ist. Doch als der Abend hereinbricht und die Dämmerung die Straßen von Schwingenstein in ein sanftes Licht taucht, tritt eine neue Herausforderung über die Schwelle meiner Apotheke.
Es ist Askan Duran.
Er kommt ruhig, beinahe schüchtern auf mich zu. Sein Blick gleitet prüfend über Fläschchen und Tinkturen, doch seine Haltung verrät, dass er mehr als nur eine einfache Frage mitgebracht hat. Ein langer, dunkler Mantel liegt über seinen Schultern. Waffen trägt er keine. nur eine schlichte Tasche mit Utensilien, die bereits Hinweise auf seine Absicht geben.
Er grüßt höflich, mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, und fragt, ob er störe. Ich verneine, bleibe jedoch wachsam, irgendetwas an seiner Erscheinung kommt mir seltsam vertraut vor. Vielleicht ist es die stille Stärke in seiner Bescheidenheit. Vielleicht nur ein Gefühl. Ich warte, dass er sich erklärt.
Er sagt, er habe von meinen Heilfähigkeiten gehört, von all jenen, denen ich geholfen habe. Dann fragt er, mit Bedacht und sichtbar vorbereitet, ob ich bereit wäre, einen Lehrling aufzunehmen.
Die Stille, die folgt, ist beinahe greifbar. Ich mustere ihn aufmerksam. In seinen Augen liegt jene Mischung aus Entschlossenheit und Hoffnung, die ich nur bei Menschen gesehen habe, die aus tiefer Sehnsucht nach Wissen handeln. Es ist derselbe Blick, den ich einst in Klein-Aschenfeld in mir selbst gespürt habe.
Ich frage ihn schließlich, ob er wirklich mein Lehrling werden will, und lege mein Notizbuch zur Seite. Er nickt und sagt, dass er vieles gesehen und erfahren habe, nun aber lernen wolle, wie man wirklich hilft - nicht nur mit Medizin, sondern auf eine tiefere Weise. Es gehe ihm um mehr als das Verabreichen von Tränken oder das Versorgen von Wunden. Heilkunst bedeute für ihn auch, Hoffnung zu geben. Und ja, am Ende strebt er an, selbst einmal Apotheker zu werden, so wie ich.
Seine Worte tragen Gewicht. Und obwohl ich hohe Maßstäbe anlege, spüre ich, dass dieser junge Mann das Wesen und die Verantwortung dieses Handwerks begreift.
Ich erkläre ihm, dass Heilkunst nicht allein in Büchern zu finden ist. Sie besteht aus Geduld, Empathie und dem Verständnis, dass Leben niemals geradlinig verläuft. Die wahre Kunst liegt im Umgang mit Menschen - mit ihren Ängsten, ihren Zweifeln und Hoffnungen. Es ist ein ständiges Streben nach Wissen, das niemals endet.
Er sieht mich an, als wolle er jedes meiner Worte in sich aufnehmen. Dann tritt er einen Schritt zurück, atmet tief durch und sagt, dass er versteht und bereit ist, jede Aufgabe anzunehmen, die ihm anvertraut wird.
Ich antworte schließlich, dass er beginnen soll, seinen Platz hier zu finden. Aber er solle sich darüber im Klaren sein, dass dieser Weg nicht leicht ist, dass wir an seine Grenzen gehen werden, körperlich wie geistig. Und dass es nicht immer so ruhig bleiben wird wie heute Abend.
Er nickt, nun mit fester Entschlossenheit im Blick, und bekräftigt seine Bereitschaft.
Ich weiß in diesem Moment: Das ist ein neuer Anfang. Für ihn. Für mich. Und vielleicht auch für die Apotheke selbst.
– V.H.
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Schwingenstein, 31. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Gestern lernte ich seine Hochgeboren Antarian von Dynal kennen – einen Mann, der nicht einfach einen Raum betritt, sondern ihn erfüllt. Es liegt etwas in seiner Haltung, das innehalten lässt: eine stille, selbstverständliche Autorität, die weder laut noch überheblich ist, sondern sich wie altes Eisen unter feinem Tuch verbirgt. Seine Höflichkeit ist makellos, seine Wachsamkeit spürbar, und in seiner Ruhe liegt eine Strenge, wie sie nur jenen zu eigen ist, die schon lange Verantwortung tragen, für sich selbst und für andere.
An seiner Seite steht sein Gefolgsmann Jean-Pierre Vinet, ein Mann, der spricht, als entrolle er jedes Wort von edlem, leicht brüchigem Pergament. Seine Sprache ist gewählt, geschliffen, mit einem feinen Zug von Ironie durchzogen, nicht spöttisch, sondern wie das Lächeln eines Mannes, der die Regeln des Spiels kennt, sie längst durchschaut hat und nun eher aus Interesse als aus Pflicht mitspielt.
Sie kommen in meine Apotheke, um sich nach Mitteln und Tinkturen zu erkundigen, Schutz für Leib und Geist, für das, was in den Höhlen von ihnen gefordert werden wird. Ich höre, was sie nicht sagen. Das Schweigen zwischen den Worten erzählt mehr als die Formulierungen selbst.
Ich empfehle ihnen ein altes Rezept. Eine Zusammensetzung, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen stärkt, bitter in der Zunge, aber kräftigend in der Tiefe. Hochgeboren Antarian nimmt die Beschreibung mit einem kaum merklichen Nicken entgegen, wie jemand, der nicht leichtfertig urteilt, sondern abwägt, prüft und dann entscheidet. Jean-Pierre hingegen lächelt. Ein ehrliches Lächeln, offen und fast ein wenig überrascht, vielleicht das erste echte Lächeln, das mir heute begegnet.
Sie wissen genau, was sie brauchen. Kein Zögern, kein Zaudern – nur Klarheit. Ich nehme den Auftrag an, gebe mein Wort, mich darum zu kümmern. Es ist mehr als ein Handel, es ist ein stiller Austausch von Vertrauen.
Und obwohl der Kauf längst besiegelt ist, verweilt der Freiherr. Es ist keine jener höflichen Pflichten, kein Rest an Etikette. Es ist, als wolle er bleiben – als finde sich zwischen uns ein Gespräch, das nicht gesucht wurde, sondern einfach geschieht.
Wir sprechen. Über Vergangenes, das noch nachklingt, wie eine alte Melodie unter der Oberfläche der Zeit. Über das, was kommt, über Schatten, die sich in Gedanken formen, lange bevor sie auf den Wegen der Welt erscheinen. Es fühlt sich seltsam vertraut an. Wie zwei Seelen, die sich lange nicht gesehen haben, obwohl sie sich vielleicht nie begegnet sind. Als hätten wir ein Gespräch fortgesetzt, das irgendwo in einer anderen Zeit begonnen hatte.
Es ist ein stiller, klarer Abend. Der Tee zwischen uns dampft leicht. Ein einfaches Gebräu, das plötzlich reich schmeckt, vielleicht, weil wir es teilen.
Ich höre mich selbst sagen, dass ich bereit wäre, ihn zu begleiten. In die Höhlen. Als seine Heilerin. Nicht nur als Kräuterkundige, sondern als jemand, der an seiner Seite steht, wenn der Boden unter den Füßen bebt und das Dunkel flüstert. Er sieht mich an, lange, ruhig und ich weiß: Er versteht.
Und ich weiß auch, dass dies kein Zufall ist.
Es ist ein Anfang.
-V.H.