hiermit möchte ich Euch in aller Kürze darüber informieren, dass Khaliq Asahi
und ich in der Höhle, wo seinerzeit das Hass-Relikt geborgen wurde, heute bei
einer ursprünglich privat motivierten Exkursion einen Fund gemacht haben, den
wir Euch neda vorenthalten möchten. Es handelt sich um ein altes Goldamulett,
das womöglich eine Verbindung zum Hause Omar aufweisen könnte. Genauere
Details geben wir gerne in einem vertraulichen Gespräch weiter. Das Amulett
befindet sich zunächst im Tempelkeller. Die Haatim werden parallel zu meinem
Schreiben an Euch auch ins Bild gesetzt, um sicherzugehen, dass wir neda un-
willentlich etwas übersehen, was uns später noch zum Verhängnis werden könn-
te. Sollte es Eure Zeit hergeben und Euer Interesse geweckt haben, dann scheut
neda, zwecks Terminvereinbarung auf Khaliq Asahi und mich zuzukommen.
Cebrail wird nach einer Weile ein Schreiben erhalten. Es trägt das persönliche Siegel des Emirs und der Bote des Palastes wird nicht ohne Antwort wieder aufbrechen:
Salam Alaikum Khaliq Cebrail, Khaliq Asahi,
Euer Bericht hat mich im Palast erreicht und ist es nicht ein interessanter Zufall, dass die Ereignise sich einmal mehr häufen?
Alte Artefakte, die mit meiner Familie zu tun haben könnten, tauchen auf, die Wüstenstürme entwicklen sich gerade zu einer Gefahr, die selbst unsereins überrascht und just in diesem Moment sind die Haatim mit ihren Aufgaben anderswo gebunden.
Wenn ihr beide mir das nächste mal abseits dieses Vorfalls schreibt, teilt ihr mir mit, das alles in Ordnung ist und ladet mich zu einer Tasse Mocca ein.
Da wir die Situation nun einmal so vorfinden, wie sie sich uns darstellt, bin ich sehr gespannt auf die Unterrichtung von Euch beiden.
Gebt meinem Boten einige Terminvorschläge mit oder nennt mir spontan einen Termin am Ende dieser Woche. Ich werde es einrichten.
In der Zwischenzeit aber haltet die Augen offen. Ich habe Vertrauen in eure Fähigkeiten, auch in den Zeiten, wo ältere Priester abwesend sind, Volk und Glaube hoch zu halten und weiß, das Ihr dieses Vertrauen nicht enttäuschen werdet.
Und so darf der Bote dem Khaliq wohl dabei zusehen, wie jener den Brief des Erhabenen im Stehen liest. Beim Wörtchen "Zufall" muss der übernächtigt wirkende Khaliq doch glatt schmunzeln, wenigstens ganz kurz. Jener Reaktion folgt ein leises Seufzen und Nicken, ehe er das Schreiben verstaut und dem Boten als mündliche Antwort mit auf den Rückweg gibt: "Wir laden den Erhabenen gleich am ersten Tag des kommenden Wochenlaufs zur zwanzigsten Stunde in die Hallen des Tempels ein. Sollte ihm ein anderer Abend lieber sein, richten wir uns nach ihm."
Nachdem der Bote den Tempel verlassen hat, macht Cebrail sich wiederum auf den Weg, um Asahi davon zu berichten, dass er in ihrer beiden Namen einen Termin vereinbart hat. Sie würde schon nichts dagegen haben, dass Cebrail dem Erhabenen direkt eine klare Antwort hat zukommen lassen. Immerhin kann man den Erhabenen schlecht warten lassen - und die gegenwärtige Situation erfordert inzwischen auch schnelles Handeln ...
*Ein Eilbote des Tempels wird den Erhabenen aufsuchen und im Auftrag Khaliq Cebrails davon erzählen, dass der Zustand Khaliq Asahis sich zunehmend verschlechtert. Außerdem habe eine Entität namens Darius über die Träume Khaliq Cebrails Kontakt zu eben diesem aufgenommen. Die Worte Darius' klängen wohl weit friedlicher und kooperativer als das, was Saqat bisher von sich gegeben hat, eher wie ein Hilfegesuch. Daher plane Khaliq Cebrail, Darius unter höchsten Sicherheitsbedingungen in den Tempel der All-Mara zu rufen, um sich mit ihm zu unterhalten, und hoffentlich auch zu erfahren, wie man Saqat unschädlich machen kann. Er bitte aufgrund der nicht auszuschließenden Gefährdung Menek'Urs aber um Erlaubnis für das Unterfangen.*
Ein Janitschar in der weißen Livree der Haris Khasoun wird Cebrail mitteilen, dass sein Anliegen durch den Emir genehmigt wurde. Die Wachen sollen jedoch entsprechend aufgestellt werden und auch die regulären Janitschare sollen informiert bleiben, für den Fall, sollte doch etwas schief gehen.
*Noch mitten in der Nacht wird ein versiegeltes Schreiben des Tempels am Palast abgegeben, mit der Auflage, es dem Erhabenen oder der Esra zu überreichen. Das Schriftbild wirkt unruhig, so als habe der Verfasser des Briefes schneller schreiben wollen, als er denken konnte.*
As-Salamu 'alaikum Erhabener,
ich schreibe Euch, noch etwas aufgewühlt vom gerade Erlebten. Daher seht es
mir hudad nach, sollten meine Worte etwas wirr klingen oder ausschweifend
werden. Ich habe Sorge, wichtige Details zu vergessen, bevor ich versuche,
etwas Schlaf zu finden. Vorab aber das Wichtigste: Derzeit besteht keine
akute Gefahr für die goldene Stadt und ihre Bewohner.
Nun aber zu dem, was heute Abend passierte:
Als Khaliq Aliza und ich gerade dabei waren, einen Bann- und Schutzkreis zur
Vorbereitung des Gesprächs mit Darius zu ziehen, erschwerte uns heftiger
Wind die Arbeit und trug eine gewisse Warnung mit sich. Fest entschlossen,
uns davon neda aufhalten zu lassen, fuhren wir jedoch fort und baten die All-
Mara um Beistand. Da flackerte das Abendrot am Horizont und ein schwarz-
rotes Schimmern mischte sich unter die auflebenden Sandböen. Kurz fürch-
tete ich schon, Getares erscheine im denkbar ungünstigsten Moment, doch
dem war neda so. Als ich Darius beim Namen rief, hallte der Nachklang eines
Aufschreis lang und verzerrt, wie ein Echo im fauchenden Wind, über den
Tempelvorplatz. Schemenhafte Schatten und ein Wabern verdichteten sich.
Der Wind peitschte immer mehr, sodass ich neda umhin kam, es als Warnung
der All-Mara zu verstehen. Jedoch erklang da auch schon Darius' Stimme.
Sie drang nur bruchstückhaft zu mir durch, schien aber meinen Namen zu
rufen. Ich frug die All-Mara, was sie mir damit sagen wollte, erhielt jedoch zu
dem Zeitpunkt noch keine Antwort. Mit Mühe bildete sich schließlich Darius'
geisterhafte Gestalt zwischen den Statuen der Weisen, statt, wie geplant, im
Bannkreis. Das Amulett, welches wir als Lockmittel mit nach draußen genom-
men hatten, begann, sich zu drehen, und das Salz um uns herum strahlte.
Ansonsten passierte beim Amulett nichts. Darius sackte anfangs erschöpft
zusammen, kaum, dass er sich materialisiert hatte. Zeitgleich zerrte ein
heftiger Wind an uns und brachte uns ins Wanken. Vollkommen unberührt
vom Wind, erhob Darius sich und fixierte mich sogleich. Er schien zu wissen,
dass ich derjenige bin, zu dem er Kontakt aufgenommen hatte. Seine ersten
Worte lauteten: "Dahye ... Sie ist hier ..."
Als ich ihn nach seinem Begehr fragte, zerrte der Wind beinahe gezielt an
mir. So heftig, dass er im späteren Verlauf gar meinen Turban vom Kopf
blies. Darius hatte unterdessen sichtliche Mühe, Worte zu formen, die bis zu
mir durchdringen. Ich verstand ihn immer nur teilweise, doch sinngemäß
erklärte er mir, dass Saqat versuchen wird, den Körper von Khaliq Asahi zu
besetzen, und wenn es ihr gelingt, dann wird sie darin leben und Asahis
Geist zur Ruhe legen. Er sprach etwas davon, dass 'sie dennoch keine Ruhe
finden wird, nicht so'. Wie zur Untermalung seiner Worte blitzten die roten
Schlieren am Himmel zornig auf. Erneut verstand ich neda alles, was Darius
sagte. Ich vermute, er sagte, dass Dahye ihm ins Jenseits folgen solle, aber
Saqat sei ein Teil von ihr, und jene würde ihm niemals folgen. Er bat darum,
mit Dahye reden zu dürfen, in dem Moment, wo Asahi den Kampf gegen
Saqat gewinnen würde und Dahye sich aus ihr lösen könnte. Er betonte, dass
beides gleichzeitig stattfinden müsste. Als ich ihn fragte, was er tun würde,
wenn er mit Dahye reden könnte, behauptete er, ihr die Wahrheit hinter ihrer
Wandlung zu Saqat verraten zu wollen. Er sei es nämlich gewesen, der ihre
Wandlung verursacht und sie damit verraten hat. Auf mich wirkte er reuend,
doch weil er im Märchen als Lügner und Intrigant beschrieben wird, bat ich
im Stillen die All-Mara um ein Zeichen, ob ich Darius vertrauen könnte.
Daraufhin flaute der Wind ab und wurde zu einem sanften Wiegen. Auf ein-
mal wirkte ihre Präsenz versöhnlich und ich war mir sicher, dass sie zugehört
hatte. Mit neuem Mut versicherte ich mich ein letztes Mal, dass Darius wirk-
lich nur mit Dahye reden wollte. Er versicherte mir daraufhin, dass er, selbst,
wenn er es wollte, ihr neda schaden könnte, da die Kraft, die sie in Saqat wan-
delte, jene ist, die ihm nun fehlt. Außerdem offenbarte er uns, dass er neda
nur Dahyes Präsenz spüren konnte, sondern auch die einer anderen Person -
Khaliq Asahi - die gegen Saqat kämpft. "Wenn Dahye sich lösen sollte, ist
Saqat frei, und in dem Moment muss sie bereit sein. Die, die ihr Schicksal
mit Dahye teilt", sagte er. "Sie ist es, die kämpfen muss und ihr seid es, die
sie stützen müssen." Seine Hoffnung sei es, dass Dahye ihm ins Jenseits
folgt, wenn er ihr gestehen kann, dass er bereut, sie verraten zu haben. Am
Ende sei es aber ihre Entscheidung. "Du bist es, der diesen letzten Kampf,
das Ritual, dazu vorbereiten und leiten muss, aber ich muss dich loslassen",
erklärte er. Auf meine Nachfrage hin versicherte er mir, dass ich mich darauf
auch verlassen könnte, wenn ich ihm im Gegenzug die Gelegenheit zum
Gespräch mit Dahye böte. Bevor ihn seine Kraft zu verlassen schien, meinte
er noch: "Ihr alle aber sollt meine Worte an Dahye hören und mitnehmen,
was damals geschehen ist ... Es ist nach all den Dekaden nicht vorbei. Sie
sind noch immer da, mächtiger denn je." Mit "sie" meinte er offenbar die
"Wüstenrosen", wer oder was auch immer das ist. Das gilt es, noch heraus-
zufinden. Wir kamen leider neda dazu, ihn danach zu fragen, denn er schwä-
chelte sichtlich und streckte seine Hand flehend nach dem anwesenden
Ishmael aus. Ishmael blieb tatenlos stehen, sah absichernd zu mir. Auch
Darius rührte sich neda, doch seine Konturen verschwammen zunehmend.
Erneut streifte mich ein sanfter Windhauch, einem Streicheln gleich. Eine
Sehnsucht schwang mit ihm. Gleichzeitig zuckte es tiefschwarz am Himmel,
es grollte und donnerte, wie ein wütendes Brüllen in unmittelbarer Nähe. Ich
vermute, das war Saqat, die Darius' Präsenz genauso spürte wie er die ihre,
obwohl sie sich neda sahen. Ich forderte Ishmael aus einer inneren Einge-
bung heraus dazu auf, Darius seine Hand zu reichen, was er auch tat, und so
schien es, dass Darius in ihn einfuhr, jedoch ohne Ishmael sein Bewusstsein
zu rauben. Ishmael gab nach einem Moment der Besinnung an, Darius hätte
sich bedankt, und ansonsten fühle Ishmael sich neda anders als zuvor.
Für Rückfragen stehe ich selbstredend jederzeit zur Verfügung. Falls Ihr keine
haben solltet, werde ich mich wieder bei euch melden, sobald ich klar habe,
wie wir besagtes letztes Ritual angehen können.
*Dem Erhabenen wird mitgeteilt, dass die jüngst geprüften Prehaatim Asahi und Cebrail zu einem Mocca und Erlebnisbericht in den Tempel der All-Mara einladen. Vorab ließen sie ausrichten, dass die Gefahr nun gebannt sei.*