Ein Tropfen Respekt
Der Stein war kalt, aber nicht neu. Er hatte diesen Ort schon gespürt, lang bevor man ihn hier hineingestoßen hatte.
Er kannte feuchte Wände.
Kannte Dunkelheit.
Kannte das Gefühl, wenn man nichts hört außer Tropfen - langsam, stetig, wie vergessene Sekunden, die zu Stunden werden.
Doch was Bork nicht kannte, war der Mann namens Sturmwind.
Er kam nicht wie ein Henker. Auch nicht wie ein Wächter, der sich wichtig macht.
Er trat in den Gang wie jemand, der schon oft mit Leuten wie Bork gesprochen hatte. Zu oft.
Schloss klirrte. Die Tür öffnete sich.
Ein Schatten füllte die Zelle.
Breit. Stille. Und dann:
„Respekt“, sagte er.
Nicht laut. Nicht als Drohung.
„Respekt ist etwas, das man sich verdient. Nicht erzwingt.“
Bork hockte da, das Kinn in der Hand. Das linke Auge schwoll schon leicht vom Schlaf auf hartem Boden.
„Vielleicht bin ich das gar nicht“, sagte er, und hob die Schultern, als wär das ein Witz.
„Wie meinst du das?“
„Na… ich mein, vielleicht war ich das gar nicht. Vielleicht war das der andere Bork.“
Der Wächter schwieg.
„Der Kalure, weißt schon. Dabei heißen die doch alle komisch... na normalerweise... – Stump’n oder Lumpi oder so.“
Er grinste. Ein müdes, schiefes Grinsen.
„Ich bin Tarin. Tarin Voss. Der andere ist Bork. Der hat das bestimmt gemacht.“
Sturmwind sah ihn lange an.
Kein Zucken. Kein Lächeln. Nur Blick.
Dann hob er den Eimer.
Kalt. Unerbittlich.
Das Wasser prallte wie Hohn auf Borks Schädel.
Etwas in Bork kochte. Nicht vom Wasser. Vom Ton. Von den Worten.
„Du redest von Respekt“, knurrte er, „aber du kommst hierher und gießt mich aus wie’n alter Blumentopf.“
Er stand jetzt.
Nass. Zitternd. Aber aufrecht.
„Wenn du so’n Ehrenmann bist, dann halt das Wasser. Oder halt dein Maul.“
Der Wächter hob die Braue.
Schweigen.
Dann Bork, lauter:
„Sohn einer Hündin!“
Es ging schnell.
Keine Warnung.
Nur ein metallisches Pfeifen – und der Aufprall.
Panzerhandschuh.
Links. Direkt ins Gesicht.
Schmerz explodierte in Farben, die kein Maler malen konnte.
Die Welt kippte.
Stein war plötzlich oben.
Und dann-nichts.
Kein Licht. Kein Geräusch.
Nur ein Druck im Schädel, wie von innen zerdrückt.
Ein pochendes Nichts.
Als er wieder kam, war das Auge zu.
Dick. Warm.
Geschmack von Blut im Mund.
Er lag auf der Seite.
Sturmwind war weg.
Die Tür war zu.
Und es war ruhig.
Sogar der Tropfen hatte aufgehört.
Und Bork… träumte.
Von Bäumen.
Von Dorn.
Von einem Leben ohne Wände.
