Von pechschwarzer Rabenfeder und farbenfrohem Kolibri

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Tanai Tayris
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Kapitel 106 - Die Gabe des Glaubens

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Kapitel 105 - Die Gabe des Glaubens
Unbarmherzig riss der kalte Wind des Winters an der blutroten Tempelrobe und sorgte dafür, dass eine ganz bestimmte Catula fröstelte. Vielleicht aber fröstelte es ihr in Wahrheit nur vor dem Unvermeidbaren. Der Anblick dieser ganz besonderen Fischerhütte wirkte noch lange auf den Geist ein, bis sich der Körper endlich aus seiner eisigen Starre lösen konnte. Es war an der Zeit, und nun gab es kein Zurück mehr. Mit einem leisen Seufzen humpelte Tanai zu der Fischerhütte ihres Vaters und hob die Hand zu einem leisen Klopfen an die Tür. Es dauerte nicht lange, bis diese knarzend aufschwang und Variun in das Gesicht seiner Tochter blickte. Und jener Gesichtsausdruck, den der Fischer da aufsetzte, zeigte sehr deutlich seine Überraschung... vielleicht sogar seinen Unglauben. "Tanai, was machst du denn hier... in... Tempelkleidung? Hast du die etwa gestohlen? Sag mir nicht, du hast wieder Ärger gemacht?" Da traf ihren Vater ein diebisches Grinsen und sie schnurrte ihm dann zu. "Keineswegs, es ist nur... kann ich reinkommen? Es gibt da etwas, das du erfahren solltest." Mit reichlich Verwirrung in den Gesichtszügen trat Variun beiseite und gewährte seiner Tochter Einlass in die Fischerhütte, ehe die Tür zufiel und er nachsetzte. "Jetzt sprich schon, Nai. Wie kommst du dazu die Kleidung des Tempels zu tragen? Sag mir, wie das 1. Gebot lautet. Nein, sag mir gleich wie alle 10 Gebote lauten! Du solltest wirklich mehr Ehrfur..." Tanai unterbrach ihren Vater und lächelte dann zögerlich, während sie ihre linke Hand auf seiner Schulter ablegte. "Deine kleine Nai ist... seit dem Goldblatt letzten Jahres eine Catula... und wahrscheinlich bald Vicaria, wenn der Herr es so will. Ich trag' die Tempelkleidung voller Ehrfurcht, glaub' mir, Vater..." Da blinzelte der Fischer zweimal und wirkte für den Moment wie vom Blitz getroffen, ehe er Tanais linke Hand mit seinen beiden umgriff und zu ihr sprach. "Kann das wirklich... wahr sein, ist das dein Ernst?" Da folgte ein dezentes Nicken vom Strubbelkopf, ehe ihr Vater weitersprach. "Setze dich hin, Kind. Dann... ist es nun wohl an der Zeit für eine Gabe des Glaubens."

Es dauerte eine Weile, während Variun im Schlafstübchen verschwand und dort kramte. In dieser Zeit machte es sich Tanai am Küchentisch bequem und war froh, dass sie ihr rechtes Bein kurz ausruhen konnte. Gerade als sie den Meerblick durch die Küche schweifen ließ, kam Variun wieder mit einer alten Schatulle zurück. Jene war klein, mit Muschelpatt- und Perlmuttintarsien im Deckel, welche stürmische Wellenmuster zeigte. "Eigentlich wollte ich dir jene Gabe erst überreichen, wenn du dereinst vermählt bist... damit es dich daran erinnert, dass du stets Seinen Geboten folgst... aber wir beide wissen ja, wie das ausgegangen ist." Vorsichtig schob Variun die Schatulle vor Tanais Nase auf den alten Holztisch und da streckte sie ihre Hand auch schon danach aus, um den Deckel langsam zu öffnen. Innen war dunkelroter Samt ausgelegt und behütete etwas ganz Besonderes. Eine alte Gebetskette aus tiefschwarzen Onyxsteinen zeigte sich den Meeraugen und die Fingerchen des Strubbelkopfes konnten einfach nicht anders als jene aus der Schatulle zu heben und sie genauer zu betrachten. Die Gebetskette schien wirklich alt, die Onyxsteine waren schon recht matt, und doch zeigten die kleinen runden Kugeln auf ihrer Oberfläche winzige Einkerbungen, die irgendwie an Pantherkrallen erinnerten. An der Gebetskette baumelte aber noch etwas herunter. Es war ein kleiner Kolibrianhänger aus meergrün bemaltem Holz, der mit Intarsienarbeiten in den Blau- und Grüntönen eines stürmischen Meeres verziert war. "Was... ich meine... also wieso wolltest du mir die zur Hochzeit geben? Woher hast du sie?" Da pietzten die Meeraugen beinahe misstrauisch zu Variun, doch der lächelte nur, ehe er zu seiner Tochter sprach. "Du musst wissen... diese Gebetskette ist schon sehr alt, älter als du sogar. Und sie hat eine besondere Geschichte, ihr Besitzer war einst... mein Vater. Er hat sie damals selbst angefertigt als er noch Catulus war und Seinen Glauben im Herrn beinahe fanatisch verfolgte. Die Gebetskette hat ihn durch alle Herausforderungen, die der Herr für ihn bereithielt, begleitet... doch wie du weißt, ist dein Großvater eines Tages gescheitert. Ich habe dir nur nie gesagt, woran..." Nachdenklich begann Tanai die onyxfarbenen Kugeln der Gebetskette durch ihre Finger gleiten zu lassen, während sie weiter zu ihrem Vater sah. Dennoch war allein das Gefühl jener Berührung auf seltsame Weise beruhigend für sie.

"Du weißt, dass es mir stets wichtig war, dass du dem 2. Gebot Folge leistest. Nicht umsonst haben dir die Templer in Cantir die Füße verbrannt, als du ungehorsam warst und wieder einmal weggelaufen bist. Nun... dein Großvater hatte auch so seine lieben Probleme mit diesem Gebot. Du dachtest bisher, dass dein Eigensinn... dein Freiheitsdrang... von deiner Mutter stammt, doch die Wahrheit ist, dass dein Großvater dir diesen Starrsinn vererbt hat. Er war in vielerlei Hinsicht wie du. Er ist gestorben als er kurz vor der Weihe zum Clericus stand und an seiner Aufgabe scheiterte. Ich weiß nicht genau, was geschehen ist, dies wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Nur so viel, dass es mit dem 2. Gebot zusammenhing. Er wurde eines morgens tot am Strand gefunden, in seinen blutigen Händen umklammerte er diese Gebetskette. Man gab sie mir, als der Tempel ihn zu Grabe trug, und ich habe sie seit jeher aufbewahrt. Es ist ein Familienerbstück, wenn du so willst. Und nun möchte ich, dass du diese Gabe des Glaubens an dich nimmst, und ich habe ihr auch noch einen selbstgeschnitzten Anhänger aus Treibholz für dich angefügt. Ich weiß nun, dass du nicht in Fesseln gelegt werden kannst, du musst frei fliegen, kleiner Kolibri... nur so wirst du Seinen Willen erfüllen. Denke niemals, dass dies deine Schwäche ist. Es wird dich beflügeln und eines Tages wirst du deinen eigenen Prüfungen entgegensehen. Und du wirst sie bestehen, wenn du die Gabe des Glaubens annimmst und verfolgst." Da blickte Tanai auf die Gebetskette herab und betrachtete den Anhänger. Er war wirklich hübsch und irgendwie fühlte sich der Strubbelkopf schon nach so kurzer Zeit mit jener Gabe verbunden. Es erdete sie, gab ihr Stärke, gab ihr Zuversicht. Es war wie die Urgewalt eines tosenden Meeres, dass über sie hereinbrach und doch dafür sorgte, dass sie nicht ertrank, sondern sich darin erhob. "Es... ich weiß nicht, was ich sagen soll, Vater. Du weißt... ich bin selten sprachlos, du hast mich jahrelang getadelt wegen meinem frechen Mundwerk. Auch heute bekomm' ich diesen oft zu spüren, wenn ich im Tempel wieder zu viel plappere. Aber... es... bist du dir sicher, dass ich diese Gebetskette verdient habe? Dass sie zu mir gehört, wie der Glaube es nun tut?"

Da griff Variun nach dem zarten Gesicht seiner Tochter und legte seine Hände an ihre Wangen. "Das bin ich absolut, Nai. Mache mich stolz und zeige der Welt, was für eine Templerin du sein kannst. Der Herr wird dich begleiten, das weiß ich nun. Dein Weg bis hierhin war steinig, aber du hast allem getrotzt." Beinahe verstohlen lächelte Tanai zu ihrem Vater, während sie die Gebetskette weiter mit den Fingerspitzen umspielte. Das matte Onyx fühlte sich unglaublich an und beinahe fühlte es sich an, als würde das Betasten jener Steine sie auch mit reiner Energie erfüllen. "Ich werd' dich nicht enttäuschen, ich werd' den Herrn nicht enttäuschen. Er wird wissen, dass Er mit mir die richtige Wahl getroffen hat. Danke, Vater... ich lieb' die Gebetskette schon jetzt und ich weiß nun, dass meine Familie stets bei mir sein wird auf diesem Wege." Da nickte Variun nochmal und ließ seine Hände sinken, ehe er dann auf die Gebetskette deutete. "Dein Großvater mag versagt haben, aber du wirst es nicht. Ich weiß es. Aber nun lass uns etwas essen, denn der Leib muss so stark sein wie der Wille, damit wir Seinen Lehren folgen können." Vorsichtig besah sich Tanai die Gebetskette noch einmal und dann schlang sie sich jene über den Kopf um den Hals, ehe sie nach dem Ende mit dem Kolibrianhänger griff und die Gebetskette unter ihrem Robenausschnitt verschwinden ließ. Es war also alles so gekommen, wie es bestimmt war... sie hatte es so lange nicht gesehen. So lange nicht verstanden. Doch jetzt hatte sie dieses Wissen und es gab ihr eine andere Perspektive auf ihre Vergangenheit. Und sie wusste auch, dass sie sich der Zukunft stellen konnte, und diesem Abgrund, der noch immer wie ein Meeresungeheuer in den dunklen Wellen des Ozeans auf sie lauerte...
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Tanai Tayris
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Kapitel 107 - Von Gesandten und Geweihten

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Kapitel 107 - Von Gesandten und Geweihten
Leise tropfte Wasser von einer Höhlendecke und landete mit einem zähen 'Plitsch' auf dem Boden. Emsig krabbelten Hunderte kleine Spinnen über das Gestein, wichen den Tropfen geschickt aus. Ein garstiges Zischen war zu hören, als eine blasse Frau mit schwarzen und langen Haaren ihre Diener mit einer Handbewegung zu sich rief. „In meiner Höhle fresse nur ich!“, schlug es dem Strubbelkopf entgegen und eigentlich hätte sie sich fürchten sollen. Doch sie tat es nicht, es war faszinierend. Atemberaubend. Einzigartig. Mit einem Blinzeln schlug Tanai die Augenlider auf und wiegte den Strubbelkopf sanft in ihrem Federkissen. Der Traum wirkte noch verlockend nach und sie hatte das Gefühl von innerem Frieden in ihrem Körper. Und das lag sicher nicht nur daran, dass sie seit dem Besitz der Gebetskette ihres Großvaters ruhiger wurde. Nein, es lag auch daran, dass sie langsam aber sicher über sich hinauswuchs. Und aus der kleinen Nai, die immer zu weggelaufen war, wurde so allmählich eine gerissene und gleichsam tiefgründige Frau. Eine Templerin, die für den Moment noch im Stand einer Catula lernte, während ihre Glaubensbrüder vor einiger Zeit ihre zweite Weihe erfahren hatten. Damos und Horatio im alten Tempel zu sehen, wie sie dort im Blutbecken ihren Willen bekundeten, Alatar zu dienen... das war für sie nichts Besonderes gewesen. Es war so natürlich wie Atmen. Und da war noch etwas... das Moosäuglein wurde vor einiger Zeit von ihr darum gebeten, ihr Unterricht in Foltermethoden zu geben. Oh jaaa... Tanai hatte zu tief in den Abgrund gesehen und jetzt leftzte sie nach mehr. Der Hunger war da, und doch konnte sie warten. Wie eine todbringende Spinne, die in den finstersten Schatten lauerte. Noch immer mit deutlicher Faszination in den Gesichtszügen erhob sich der Strubbelkopf aus dem viel zu weichen Bett und ging hinunter in die Küche, der morgendliche Kaffee rief und auch Karamell wollte ihr Frühstück so sehr, als hätte die Katze wochenlang nichts bekommen. Während Tanai draußen im Garten mit ihrem dampfenden Kaffee und einem angezündeten Glimmstängel stand, da dachte sie zurück an diese seltsame... hmm, Expedition? War das das richtige Wort dafür? Wohl kaum... und dennoch, diese unbekannte Rabendienerin auf ihrer Suche zu begleiten, das hatte am Ende eine gierige Liebe im Herzen der Catula entfacht.

Der vierte Leitgedanke begleitete sie seit jeher, schon damals in den Gossen von Cantirs heruntergekommenen Dörfern. Sie hatte so oft mit List und Zwietracht allerhand Dinge getan, an die sie sich noch immer sehr gut erinnern konnte. Die Strafen des Tempels von Cantir hatten sie wohl zurecht getroffen, denn oft war Übertreibung noch der nette Ausdruck für ihr Handeln. Rrrrr... ich bin schon immer so gewesen. Und nicht umsonst bin ich hier auf Gerimor so einigen Dieben in die Arme gerannt... nicht wahr, mein Rotschopf? Du fehlst mir, jeden Tag auf's Neue. Während Tanai den heruntergebrannten Glimmstängel in einem basaltschwarzen Aschenbecher ausdrückte und den kläglichen Rest des Kaffeebechers leerte, da raunte sie leise und zufrieden über die Begegnung mit M’rissanth. Sie war betörend gewesen, hatte ihre Gier nur mehr entfacht, während alle anderen Anwesenden eine gewisse Vorsicht an den Tag gelegt hatten. Nicht aber Tanai, nein nein. Sie wollte mehr, so viel mehr! Mit einem Seufzen ging sie in das Haus der Obskuritäten zurück und kleidete sich dann in die Gewänder des Tempels. Während sie dies tat, musste sie unweigerlich an die zurückliegenden Weihen denken. Erst die des Ahads Shasul und der Scharfschützin Dhara, dann zwei Tage später auch die von den Heiligkeiten Amara und Kyrian Rabenfels. Bei der ersten Messe hatte sie den Ahad Shasul am Vorabend zur Nacht der Einkehr begleitet und jede ihrer Handlungen, jedes ihrer Worte... alles hatte sich so natürlich angefühlt. Sie war voll und ganz mit ihrem Herzen bei der Sache. So auch am Tag der Weihe selbst, da sie die Eröffnung eingeleitet hatte und obwohl sie nie gut im Wort war, so waren ihre Worte so voller Herzblut aus ihrem Mund in den Tempel von Rahal gedröhnt. Und auch bei der Weihe der Heiligkeiten hatte sie die beschafften Siegelringe von Mychael überreicht und die abschließende Predigt gehalten. Und wieder... sie hatte so voller Inbrunst gesprochen, es war so leicht, so natürlich. Sie hatte nichts davon vorbereitet, sondern sich einfach von ihren Gefühlen leiten lassen. Und genau dies war ihr Weg. Oh mein Dieb, du würdest mich aus deinen Lindaugen regelrecht anstrahlen, das weiß ich ganz gewiss. Der Stolz würde sich auf deinen Lippen zeichnen, bevor sie die meinen verschlingen würden.
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Tanai Tayris
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Kapitel 108 - Wie das Lamm vor die Wölfe

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Kapitel 108 - Wie das Lamm vor die Wölfe
"Genießt du es gefressen zu werden, jaaa?" Kalt und schmerzend bohrten sich die Worte in ihren Leib, ergriffen Besitz von ihrem Geist, ließen sie in totengleiche Starre verfallen. Der Aufprall war so heftig, hinein in den Abgrund, tief in den Kaninchenbau. Und was dort lauerte, das war schlimmer als der Tod. Es war ihr eigener Abgrund, der sich nun auch mit scharfen Dolchspitzen von allen Seiten in ihren Körper bohrte. Der Boden in diesem allesfressenden Abgrund wurde Blutrot, verschlang sie in einem tobenden Wirbel aus mannigfaltigen Gefühlen, während von oben herab moosgrüne Augen zufrieden auf sie starrten. "Naaa, fehlen dir die Worte? Dann SCHREI!" Mit einem heftigen Rucken fuhr Tanai in ihrem Bett auf, ihr Atem überschlug sich und Schweißperlen liefen über ihre Stirn, verfingen sich in den zerstrubbelten, rabenschwarzen Haarsträhnen. "Ach du schei.... das darf doch wohl nicht... nein... nein, nein, nein!" Sie wischte sich einmal träge mit den Händen durch ihr Gesicht und versuchte wieder zu normalen Atem zurückzufinden, während in ihrem Strubbelköpfchen die Frage offenblieb, was dieser Albtraum bedeutete. M'rissanth und die Hinterlist? Velvyr'tae und der aufgegangene Abgrund? Cailen und das Opfer der vergangenen Nacht? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem, befand sie verwirrt und stand aus ihrem Bett auf, um sich dringend besonders starken Kaffee zu machen und wie üblich die maulende Karamell zu versorgen. Die Übernahme des Ritualopfers war so plötzlich gekommen, dass Tanai beinahe umgefallen wäre. Hatte sie bisher gedacht, dass ihre Ausbildung gut lief, so wurde ihr nun klar, dass sie vollkommen von ihren Gefühlen überrollt worden war. Die Erinnerung an ihren ersten Mord, an das Opfer im Alatner, da sie einem Junkersteyner Gardisten mit absoluter Hinterlist das Herz aus dem Leib geschnitten hatte. Und der darauffolgende Blutrausch. Alles war wieder präsent und sie musste sich während des anstehenden Ritualopfers sehr zusammenreißen, dass sie von diesen Erinnerungen nicht verschlungen wurden. Oder dass sie wieder ungezügelt Besitz von ihr ergriffen.

Ob ihr das gelungen war, blieb fraglich. Doch sie wusste, dass der Tetrarch unzufrieden war. Weil sie das Opfer hinterlistig erstochen hatte? Weil ihr Mitcatulus Drin'belrak das Opfer nach aller gebührlichen Kneipenmanier brutal zusammengeschlagen hatte? Einerlei... sie erinnerte sich an die Worte von Demian. Ein Fehler des Einen, war ein Fehler Aller. Und wo bei Kra'thor waren eigentlich die feinen Herrschaften Vicarii gewesen, für die sie nun so unverhofft das Ritualopfer übernehmen hatten müssen?!? Sie verfluchte Damos und Horatio mit der übelsten Gossensprache, die noch immer aus ihrer Zeit in Cantir in ihr schlummerte. Ungehörte Morddrohungen (sah man mal von der maulenden Katze ab, die das alles am eigenen Fell miterlebte) waren da noch das kleinste Übel. Man hatte sie wie das Lamm vor die Wölfe geworfen und sie war gefressen worden. So viel war klar. Was man mit ihren Überresten machen würde, blieb vorerst ebenso offen. Bei all dem Ärger und der Wut über den zurückliegenden Abend, bemerkte Tanai nicht einmal, wie sie ihre Kaffeetasse viel zu fest umklammerte und das Steingut schließlich mit einem ächzenden Knacken nachgab, um in ihren Händen zu zerbersten. Verdammt nochmal, reiß dich zusammen, Tayris. Und jetzt mach' dich an die Arbeit, der Tempel muss ausgefegt werden, bevor Vindheim noch einen Ansatz für Fehlverhalten voller Freude entlarvt. Bei all ihrem Gezeter und Gefluche warf sie einen kurzen Blick auf den Kalender in der Küche und stellte mit Entsetzen fest, dass sie ihren eigenen Geburtstag vollkommen vergessen hatte. Fast zwei Wochenläufe später fiel ihr das auf und sie schüttelte nur heftig den Strubbelkopf. "Ich hätte ihn nie vergessen, mein Raubkätzchen. Der Tag wäre für dich unvergesslich geworden, dafür hätte ich gesorgt." Sie seufzte leise, als sie in ihrem Geist die Stimme ihres Diebes vernahm, ehe sie sich daran machte die Scherben aufzukehren und dann später in den Tempel eilte, um dort auch wirklich den allerletzten Staubkrümel aus den Gemäuern zu verbannen.
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Tanai Tayris
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Kapitel 109 - Die zweite Weihe

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Kapitel 109 - Die zweite Weihe
Friedlich trieb der zerschnittene Leib der Catula in blutrotem Nass, eingehüllt von der Wärme Alatars, sie brauchte nicht einmal zu atmen und einfach nur sein. Es war, als wäre sie gestorben, und nun ganz gewiss in Nileth Azur. Doch dann riss den treibenden Leib etwas an die kalte Oberfläche der Realität und schleuderte sie mit unnatürlicher Kraft auf den Boden. Der geschundene Leib richtete sich auf und plötzlich stand sie vor einem seltsamen Spiegel. Und das Gesicht darin war ihr so wohl bekannt, ein Abbild ihrer Selbst, nur irgendwie... grässlich verzerrt. Es lachte sie garstig aus, funkelte ihr hinterlistig entgegen und dann griff eine Hand aus dem Spiegel und würgte sie am zarten Hals ihres blutüberströmten Leibes, bis sie in abgrundtief schwarze Ohnmacht fiel. Tanai schreckte auf und die Meeraugen tanzten in dunklen Schatten durch das Schlafzimmer, nur einige Sprenkler aus lindgrünen Funken mischten sich darunter. War sie allein? War das real? Was bedeutete das? Mit trägen Bewegungen schob sie sich aus dem Bett und griff nach einem dunkelroten Morgenmantel aus cabezianischer Dupionseide, ehe sie sich vor den Spiegel schob und sich in der glänzenden Oberfläche betrachtete. Doch das Spiegelbild lachte sie nicht aus, nein. Es war wie immer, zumindest beinahe... ein kleines Detail aber hatte sich verändert. "Du siehst anders aus, mein Raubkätzchen. Erhabener als vorher, und so verdammt hinreißend." Einige Male musste Tanai blinzeln, als sie die wohlbekannte Stimme in ihrem Geist hörte, dann aber sah sie sich genauer an und stellte fest, dass da keine Wunden an ihrem Leib mehr waren. Keine blauen Flecken vom Aufprall, keine Stichwunde unter ihrem linken Schlüsselbein, keine Schnitte an den beiden Armen. Nicht einmal die Stichwunde an ihrem rechten Schulterblatt. Sie griff sich am Holz ihres Frisiertisches fest und ließ den Strubbelkopf sinken. Wirst du Schritt halten können? Oder gehst du jämmerlich unter? Zähneknirschend ging sie in die Küche und machte sich den morgendlichen Kaffee, bis sie sich gegen die Küchentheke lehnte und den gestrigen Abend im Geiste Revue passieren ließ.

Das ist nicht dein verdammter Ernst? Das hast du nicht wirklich dort hingelegt?! Tanai hatte es nicht glauben können als da das vermaledeite Buch von Demian auf den Altar gelegt wurde. Es war das Buch ihres einstigen Verlobten mit den 10 Geboten, dass sie damals daran erinnert hatte eine starke Alatari zu sein, die stets dem Weg Alatars folgen sollte. Das Buch, dass sie Demian damals bei ihrer ersten Weihe geopfert hatte, weil sie kein Papier mehr brauchte, um sich an Seine Gebote zu erinnern. Der Zorn in ihr wallte noch, als Demian ihr schon längst den Befehl gegeben hatte damit im Alten Tempel einzukehren. Dort kniete sie eine gefühlte Ewigkeit vor dem Altar, bis die anderen Templer nachkamen. Es war alles so schnell gegangen, als sich Demian ihrer verlorenen Seele angenommen hatte. "Du wirst nie wieder... eines Seiner Worte versuchen in Frage zu stellen... und heute... werde ich dich brechen... Nein, ER wird dich brechen... So richte deine vielleicht letzten Worte in Seinen Heiligen Hallen..." Die Stimme des Tetrarchen klingelte noch immer in ihren Ohren, ebenso wie ihre Antwort. In jener Situation war ihr widerspenstiges Naturell hervorgekrochen und sie hatte Demian nur entgegengeworfen, dass er ihr das schon einmal gesagt hatte. Danach war alles so furchtbar schnell gegangen. Sie war von ihm an den Strubbelhaaren gepackt worden und fand sich auf dem Boden wieder, bis ihre Tempelrobe zerschnitten wurde und auch alles, was sich sonst noch darunter befand. Die Verletzungen kamen so schnell, dass sie sich nicht darauf vorbereiten konnte, und zum ersten Mal schrie sie ob der unerwarteten Schmerzen, wo sie doch sonst immer so stolz darauf war jene zu kontrollieren. Sie war in einen dämmrig-warmen Zustand verfallen und führte nur noch den Befehl aus, das Buch mit den 10 Geboten an sich zu nehmen, welches auf dem Altar bei ihrer Ankunft im Alten Tempel abgelegt worden war. Jetzt hielt sie es in ihren Armen, während das eigene Blut den Einband und das Papier tiefrot und verzehrend tränkte. Und wartete darauf, dass sie starb. Doch stattdessen vernahm sie nur Wärme, Ruhe und Frieden... es würde bald vorbei sein, doch Demian tat ihr diesen Gefallen nicht.

"Folge seinen Geboten... Nie wieder wirst du, was... IHM gehört, in Frage stellen. Sei kein dummes Opfer... sein ein Opfer für den Herren... Dies wirst du nur in seinem Becken sein... Also... der Weg ist frei... mit heißen Kohlen gespickt... um... dich nochmals in die Vergangenheit zu rufen, was du falsch gemacht hast!" Hass war da in ihren Meeraugen aufgelodert, tiefschwarz wie ein herannahender Orkan. Selbst als Cailen sich angelockt von dem frischen Blutgeruch hinter ihr einfand, war sie davon nicht wie üblich ängstlich beklemmt. Stattdessen stand sie wankend auf und legte das Buch wieder auf den Altar, ehe ihre vernarbten Füße sie zum Blutbecken trugen. Sie hatte die Wahl auszubluten oder durch die Kohlen zu laufen... und mit einem Fluch lief sie hindurch, der Schmerz schoss ihr augenblicklich in die Füße, bis sie dann im Blutbecken versank und darin heruntergezogen wurde. Es war so friedlich dort, so unfassbar einlullend, wie im Leib einer Mutter. Doch dann war der Frieden vorbei, als sie jäh an die Oberfläche gezerrt wurde und dort etwas zum Vorschein kam, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Ein Abbild ihrer Selbst, nur irgendwie schöner und vollkommen Blutrot. "Was suchst du hier? Dies ist nicht dein Platz. Du bist nichts. Schwach. Bedeutungslos. Sieh dich an, Tanai! Ein Schatten ohne Gewicht, ein Flüstern im Wind. Ein Nichts. Wertlos. Du streckst dich nach ihrer Anerkennung, doch ihre Blicke gleiten über dich hinweg... als wärst du nicht da. Du bist ein Nichts." Die angeekelten Worte prasselten auf sie ein, sickerten wie zähflüssiges Blut bis in die tiefsten Abgründe ihres Geistes. Sie war nicht schwach, sie war dieses Abbild, stark und erfüllt vom Herrn selbst. Und so hatte sie aufgeschrien, dass sie alles war, denn sie war Alatars Werkzeug. "Weißt du, warum sie dich nicht sehen? Dich übersehen? Weil du schwach bist. Wankelmütig. Zerrissen von Zweifeln. Du wirst niemals eine von ihnen sein. Schwach! Nichts wert! Du bist für IHN kein Gewinn! Was lässt dich glauben, dass Alatar dich tragen wird? Dass Sein Wille dich umhüllt?" Der Hass in ihr war so stark aufgekocht, dass sie dem Abbild entgegenkeuchte, weil sie kaum Luft bekam. Sie war dafür bestimmt. Er hatte sie erwählt, um ihm zu dienen. Sie war dafür geboren! Das blutige Abbild hatte sie wieder in das Becken zurückgetaucht, drückte sie tief hinab, bis sie nach einer gefühlten Ewigkeit an den Strubbelhaaren gepackt und aus dem Blutbecken zum Altar geschleudert wurde. Der Aufprall war heftig gewesen und doch... ihr Hass, ihr Wille erlebte darin eine zähzornig verschlingende Wiedergeburt.

Trotz der noch blutigen, entzündeten Verletzungen an ihrem Leib fand sie irgendwie die Stärke und ging ohne jeden Zweifel wieder über die glimmenden Kohlen, zurück in das unheimliche Blutbecken, nur um ihrem Abbild gegenüberzutreten. "Du bist sein Werkzeug... ich bin es, wir sind ihm geweiht und bleiben es... bis... an unser Lebensende. Niemand wird je wieder sagen, was wir zu tun haben, in völliger Unterwerfung... denn es ist... Sein Wille, das Streben nach mehr niemals... enden zu lassen, immer weiterzugehen, egal was es kostet." Statt erneut Schmerz zu spüren, war eine unwirkliche Hand an ihre Wange geglitten und dann etwas passiert, mit dem sie wieder nicht gerechnet hatte. Das blutige Abbild verschmolz mit ihr, wurde eins mit ihr. Und da erst schlossen sich ihre Wunden, um durch Alatars Macht spurlos zu verheilen. "Sein Wille über allem." Die gehauchten Worte des Abbildes an ihrem Ohr waren das letzte Quäntchen gewesen, um mit voller Stärke wieder aus dem Blutbecken emporzusteigen und ohne Scheu nackt vor den anderen Templern zu stehen, tropfend vor Blut und mit dunkel funkelnden Meeraugen. Dabei bekam sie nicht einmal mit, dass Demian sie aufgefordert hatte, als Vicaria aus dem Blutbecken zu kommen, so sehr war sie eingenommen von dem Gefühl, dass sich in ihr ausgebreitet hatte wie ein Lauffeuer. "Forsch .... unausstehlich ... Am Leben." Cailen reichte ihr mit einem zahnbewährten Grinsen ein samtrotes Bündel und statt ihr die Robe einer Vicaria überzuziehen, tat sie dies selbst (jaaa, sie wollte wirklich nicht auch noch seine Hände an sich spüren, es war schon so heftig genug gewesen). Nach diesem Erlebnis ging sie noch mit einem Nicken an Horatio und Drin'belrak vorüber, ehe sie sich am Altar niederkniete und zu Alatar betete, bis nur noch Demian im Alten Tempel zurückblieb. Seltsam lächelnd war sie an seine Seite gegangen und hatte ihm ein "Lebe" zugewispert. Eine Weile hatten sie sich unterhalten, dann aber erhielt sie einen letzten Rat vom Tetrarchen. "Lasse dich nicht von der Gier überwinden. Etwas im Auge zu haben als Ziel... ist wichtig... aber man verliert nur das drum herum. Sei dir dessen bewusst. Nun denn... ich will mal veröffentlichen gehen... dass aus dir doch was wird..." Und so war sie noch einen Moment im Alten Tempel allein geblieben, nur mit sich selbst und Alatar, während sie sinnierend auf das Blutbecken gestarrt hatte.

"Tayris, wie hast du das nur überlebt? Sie werden dich immer und immer wieder brechen, ist dir das klar?" Während Tanai leise mit sich selbst sprach, ging sie in ihr Bad und fand dort auf dem Stuhl ihre Robe vor. Es war nicht mehr das einfache Leinen einer Catula. Nein... es war nun die standesgemäße Tempelrobe einer Vicaria. Und als sie jene bedächtig anzog und sich dann im Spiegel betrachtete, da sahen von Schatten eingewobene Meeraugen mit lindgrünen Sprenklern die ganze Anmut, die ihr innewohnte, nun da dieses blutige Abbild ein Teil von ihr war. Nun, da sie voll und ganz ein Teil von Alatar war, sein Werkzeug - auf ewig. Sie musste sich nur vor einem hüten... der Gier, die immer stärker in ihr wuchs und sie in diesen tiefen Abgrund trieb... diese Gier konnte ihr zum Verhängnis werden, wenn sie sie nicht kontrollierte.
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