Die Kühle der Nacht stand im Kontrast zur Hitze, die am Tag im Sonnenreich herrschte, während Asahi sich bereit machte, um Cebrail in die Weite der Durrah zu begleiten. Mit geübten Handgriffen legte sie ihre Rüstung an, spürte das Gewicht des Materials auf ihren Schultern und zog schließlich den Helm über ihren Kopf. Das Gefühl der Sicherheit durch eine Rüstung, das vor mehr als einem Jahr ihr noch gänzlich neu und merkwürdig, war nun jedoch etwas Gutes. Die Rüstung, gefertigt aus den Händen des familieneigenen Kunsthandwerkers war wie eine zweite, schützende Haut. Auch wenn sie nicht mit außergewöhnlich großen Gefahren rechneten, so war es doch stets ratsam nicht ohne Schutz in die Durrah zu reisen und so waren die Khaliq bei der Planung des Abends einig gewesen, dass sie sich gerüstet auf den Weg machen sollten.
Mit raschen Schritten verließ sie das Familienhaus, um sich auf den Weg zum Treppunkt zu machen, dort würde Cebrail auf sie warten und gemeinsam würden sie die Durrah durchwandern, bis sie die Höhle erreichen würden, an welcher das Hass-Relikt vor einigen Mondläufen gefunden wurde. Sie konnte seinen Wunsch diese Höhle zu sehen verstehen, war er doch selber zur Zeit seines Wirkens krank gewesen und so war es ein Stück Geschichte, das er mit einem Ort in Verbindung bringen konnte. Cebrail war wie sie gerüstet, wenn auch wesentlich offensichtlicher und nach einem kurzen verbalen Austausch machten sie sich in der Abenddämmerung auf den Weg.
Der Sand knirschte unter ihren Schritten, während der Wind über die Dünen strich und kleine Sandverwehungen erschuf. Die Sonne war fast gänzlich verschwunden und so war es eher der Mond, der immer höher den Himmel hinauf kletterte. Warum hatten sie dieses Vorhaben nochmal nicht am Tag gemacht? Verpflichtungen vermutlich.. Asahi ließ den Blick schweifen, achtete auf jede Bewegung, die sich im Dunkel der Nacht abzeichnete. Sie wusste, dass die Durrah nie schläft. Als sie schließlich die Höhle erreichten, drang aus dem Osten das Kreischen der Harpien an ihre Ohren, doch sie verließen ihr Nest nicht. Sie betrachteten den Ort, der sich vor der Höhle erstreckte. Ein Ort, der für Asahi nicht einfach nur ein Stück Land war – hier hatte sie einst ein Ritual durchgeführt, eines ihrer ersten. Jene, die sich besonders tief in die Erinnerungen gruben.
»Hier haben wir das Ritual durchgeführt...« begann sie, die Stimme leise, bis sie zum Eingang der Höhle deutete.
»Das Relikt befand sich in der Höhle. Es war damals ein... grausamer Anblick. Der Hass, den das Relikt verbreitete, hat sich auf die Menekaner übertragen... und sie haben sich in ihrem Zorn gegenseitig abgeschlachtet.«
Sie schwiegen für einen Augenblick, betrachteten den Eingang, bis sie sich schließlich dran machten, die Höhle selber zu betreten. Sie wirkte optisch unauffällig. Recht schäbig und dunkel. Der Geruch vom alten Dreck hing in der Luft. Cebrail sorgte mit einem leisen Gebet für etwas mehr Licht in der Umgebung und zusammen betrachteten sie die Überreste, die sie dort fanden. Alte Matten, ein längst erkaltetes Feuer. Immerhin waren die Leichen von damals verschwunden. Asahi selber spürte etwas Merkwürdiges, einen Hauch von Vertrauen, aber sie konnte nicht wirklich bestimmen, woher das Gefühl kam.
Sie zeigte Cebrail die exakte Stelle, an dem das Hass-Relik damals gefunden wurde und er begann nachdenklich die Felsen und Wände zu betrachten, als würde er nach etwas suchen? Asahi wusste nicht so recht, warum er das tat, also erzählte sie einfach ein wenig von dem, was damals passiert war. Obwohl sie in einer Höhle waren, die eigentlich Windstil hätte sein müssen, war da ein zarter Lufthauch, der beide irritierte.
Für einen winzigen Moment glaubte sie ein sehnsuchtsvolles Ziehen in ihrer Brust zu bemerken, doch es verschwand, so schnell wie es gekommen war. Der andere Khaliq schien währendessen noch immer damit beschäftigt, die Felswand und nähere Umgebung abzusuchen, er gab an, er hätte eine Art Bauchgefühl - davon konnte Asahi allerdings nichts bemerken. Wieder überkam sie ein merkwürdiges Gefühl, dieses Mal eher melancholisch, seltsam, ohne dass es direkt als unangenehm zu bezeichnen war und wieder war da ein sanfter Windzug. Schließlich lenkte Cebrail den Blick auf Asahi.
»Spürst du das auch?«
»Meinst du.. den Windhauch?«
Eher zögernd. Sie war sich unsicher bei dem, was sie in ihrer Brust spürte, aber offenbar war sie nicht allein mit dieser Art von Empfindungen.
»Auch, aiwa ... und dieses Gefühl ... Ich kann es neda ganz beschreiben. Es ist wie eine Art ... Sehnsucht? Zuversicht? Als erwarte uns hier irgendetwas.«
»Aiwa... aber auch etwas... trauriges? Ob es der Nachhall jener ist, die sich hier gegenseitig... unter dem Einfluss des Relikts getötet haben?«
»Spannend ... Das ... fühle ich neda.«
Ehe er noch weiter darauf anging, fing er plötzlich an im Dreck, zwischen Pilzen und Schlick zu wühlen, als hätte er etwas gefunden. Asahi konnte ihn nur ein wenig verwirrt betrachten, sie verstand nicht so wirklich, wie er darauf kam und noch verwirrter war sie, als Cebrail sie darauf hinwies, dass dort etwas sein musste. Tatsächlich offenbarte sich im schummrigen Licht etwas Glitzerndes und noch während sie sich vorneigte, um Cebrails Fund genauer zu betrachten, spürte sie wieder etwas. Dieses Mal heftiger, fast schon chaotisch und erdrückend. Ein Verlangen, wie ein stummer innerer Befehl, das Amulett zu greifen, welches Cebrail mittlerweile vorsichtig aus dem Schlick gezogen hatte. Da war eine irrationale Sicherheit in ihrem Inneren, dass sie genaue deswegen hier sein mussten und dass SIE es haben musste. Sie griff getrieben von diesem aufflackernden Verlangen so hektisch nach dem Amulett, dass Cebrail sie verwirrt blinzelnd betrachtete.
In dem Moment als ihre Finger sich um das Amulett schlossen, als wäre es ein kostbarer Schatz, von dem sie bis hier hin noch gar nicht gewusst hatte, fühlte sie den kurzen, stechenden Schmerz. Die Gefühle verschwanden und zurückblieb ein stumpfes Pochen in der Handfläche, als die das Amulett wieder losließ. Blut schimmerte auf der Oberfläche, die alten Zacken und Gravuren hatten einen feinen Schnitt auf ihrer Handfläche hinterlassen. Wie unvorsichtig von ihr und doch war sie in diesem Augenblick einfach nur verwirrt. Verwirrt über das Verlangen, welches nun verschwunden war, verwirrt über ihre eigene Hast und vorschnelle Handlung. Das war normalerweise nicht ein Teil ihres Wesens.
Cebrail trug eine gewisse Belustigung, aber auch Irritation auf seiner Mimik, neckte sie noch wegen der fehlenden Handschuhe und schließlich widmeten sie sich wieder dem Amulett, damit sie es eingehender betrachten konnten.
Das Amulett wirkte alt. Das vermutlich goldene Material war angelaufen und zerkratzt. Doch erkannte man noch den stolzen Falken, der in der Mitte prangte. Ein Symbol der Herrschaft der Omar, aber... gänzlich untypisch für das Sonnenreich, wurde jener Falke von einer Krone und einem Zepter geziert. Symbole aus dem Grünland. Die Khaliq tauschten mehr fragende Blicke aus, der Schnitt an ihrer Hand war schon fast wieder vergessen. Er war nicht tief und blutete kaum.
»Welcher Banause hat das denn angefertigt? Das sieht wie eine schlechte Kreuzung grünländischer und menekanischer Herrschaftssymbole aus. Ich mein, schau dir das Zepter und die Krone an. Welcher Omar würde sowas führen?«
»Keiner... aber vielleicht... sollte es ein Geschenk aus dem Grünland sein... ein unbedachtes Geschenk. Es erinnert mich an ein Märchen, das meine Mara mir damals in Akmene manchmal erzählte. Ich erinnere mich neda mehr an den genauen Wortlaut. Meine Mara hatte die Eigenschaft... Märchen manchmal ein wenig anders zu erzählen, als würde sie neda immer das gleiche erzählen wollen.«
Eine Eigenart ihrer Mara, hatte sie immer geglaubt. Manchmal erfand sie neue Dinge zu alten Geschichten, manchmal ersetzte sie jene uns so hatte sie auch damals, als sie das Märchen für Maheen aus ihren Erinnerungen niederschrieb, eine Variante geschrieben, welches jene Symbol nicht enthielt. Es kam ihr einfach zu unwichtig vor. Cebrail krauste nachdenklich die Stirn, während er das Amulett betrachtete.
»Hrmhrm ... und darin kam ein unwissender Suktar vor, der dem Emir ein schlechtes Geschenk macht?«
»Ein wenig aiwa, es ging um einen Grünländer, der den Emir töten wollte. Mit einem Geschenk, das seinen Tod bringen sollte und ich glaube mich an dieses Symbol zu erinnern... was damit in Verbindung stand. Ich habe das Märchen damals niedergeschrieben für Maheen und die Bibliothek. Aber ich hatte... dieses Detail ganz vergessen.«
»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass da was dran sein soll und dieses 'Geschenk' ausgerechnet hier rumliegt?«
»Vielleicht... ist es nur eine Nachahmung von jemanden der das Märchen kannte.«
»Womöglich. Ich wüsste ehrlich gesagt neda mal, wie ein solches Amulett jemanden umbringen soll.«
»Oh neda... ich... glaube auch nicht... das es in der Geschichte ein Amulett war? Ich erinnere mich... an ein kleines Kistchen, das dem Emir überreicht werden sollte, laut des Märchens und dass... das Kistchen ein Symbol trug, was Grünland und Wüstenreich verbinden sollte. Wie gesagt.. ich hatte es ganz vergessen, in dem Märchen in der Bibliothek steht daher einfach... nur, dass es ein Kistchen war... aber nun wo ich das Symbol wieder sehe... höre ich wie meine Mara mir davon erzählt.«
»Ah. Gut, dann ist es sowieso was anderes.«
Es war ein merkwürdiger Zufall eine Halskette mit diesem Symbol zu finden, das aus einem Märchen stammte, aber die beiden Khaliq entschieden sich dennoch vorerst den sicheren Weg zu gehen, auch wenn beide glaubten, das es vermutlich nur eine Nachbildung oder Ähnliches wäre. Nachdem sie sich auf den Rückweg gemacht hatten, diesmal ohne nennenswerte Gefahren, beschlossen sie den Erhabenen über den Fund zu informieren, sowie die Haatims Callista und Maheen. Das Amulett platzierten sie zwischen den Statuen der Weisen im Kellers des Tempels, wo es vorerst liegen würde, damit die Haatims es sich vielleicht ansehen könnten. Asahi selber kehrte später in der Nacht nach Hause zurück, um sich um den Schnitt an ihrer Hand zu kümmern. Das Pergament mit der Nachricht für die anderen Khaliq ließ sie recht offensichtlich auf dem großen Schreibtisch im Tempelkeller liegen.

Salam Aleikum hochgeschätzt
Haatims und Khaliqs
Cebrail und ich haben uns heute Abend auf den Weg gemacht, um noch
einmal die Höhle in der Durrah zu untersuchen, in der wir das Hass-Relik
vor einigen Monden gefunden haben.
Eigentlich war es nur eine kleine Exkursion, geboren aus Neugierde,
da Cebrail damals neda dabei sein konnte. Allerdings konnten wir in
der Höhle bereits spüren, dass irgendetwas merkwürdig erschien.
Wir schienen beide etwas zu fühlen, was wir neda genau betiteln können.
Eine gewisse Melancholie, eine gewisse Erwartung oder gar Aufregung.
Dabei fühlten wir beide unterschiedliche Dinge.
Wir haben gedacht, dass es vielleicht ein Nachhall von all jenen ist, die
dort gestorben sind und machten uns vorerst keine genaueren Gedanken
darüber.
Cebrail wurde schließlich auf etwas aufmerksam, er beschrieb es, als
hätte die All-Mara ihn selber zu diesem Ort hingezogen, um zwischen Pilzen
und Schlick ein Schmuckstück zu finden.
Mich selber überkam in dem Moment ein aufwühlendes und überwältigendes
Gefühl, von dem ich neda beschreiben kann, woher es herkommt. Es war
wie ein inneres Verlangen, dass ich dieses Amulett haben musste, als würde
es mir vermitteln wollen, dass wir genau deswegen hier wären.
Beim Griff des Amuletts habe ich mich zwar verletzt, aber alle Gefühle sind
bei uns Beiden schließlich verschwunden, als wären sie niemals da gewesen.
Zur Sicherheit haben wir uns jedoch entschlossen, das Amulett vorerst bei
den Statuen der Weisen im Tempelkeller zu hinterlegen.
Vielleicht wäre es ratsam, sich bei nächster Gelegenheit dieses anzuschauen.
Möge die All-Mare ihre schützenden
Hände über ihre Kinder halten
gez.