Der Wind trug den Geruch von kaltem Holzrauch und feuchter Erde über das Land. Er strich durch die hohen Bäume, ließ ihre Kronen rauschen und spielte mit den letzten Schneeflocken, die in der Dämmerung fielen. Lykka stand an einem der äußeren Palisadenpfosten Wulfgards, den Blick in die Ferne über Sturmmouve gerichtet.
Die eisige Luft biss in ihre Wangen, aber sie schenkte ihr keine Beachtung. Der Wind war ein alter Bekannter, einer, der zu den Thyren gehörte wie die Felsen zu den Bergen. Und doch trug er heute etwas in sich, das ihr keine Ruhe ließ.
Warum ich?
Es war eine Frage, die sie schon oft gehört hatte – von anderen. So stolz sie waren, so ehrvoll sie waren… jeder trug hin und wieder Zweifel in seinem Herzen. Die Frage war jedoch – was konnte daraus erwachsen?
Jetzt war es ihr eigener Gedanke. Warum hatte gerade sie die Stimmen gehört? Warum hatten die Ahnen gerade sie erwählt, eine Hagvirkr zu sein?
Sie legte die Stirn gegen das raue Holz des Pfostens, als könnte es ihr eine Antwort geben. Und wie sich ihre Gedanken um ihre Frage kreisten, fand Sie immer wieder den Weg zur Erinnerung an Ihren Dah, Sverrir Sigurdsson vom Clan der Hinrah.
Sein Name bedeutete nicht nur etwas für sie, sondern für jeden, der ihn gekannt hatte.
Ein Mann aus Eisen und Feuer. Eine Eisenhand.
Nicht nur, weil er es gelernt hatte, sondern weil er es war – mit jeder Faser seines Wesens.
Ihre Lider fielen zu und Sie gab sich den Erinnerungen hin.
Sie sah das Glühen der Esse, das Tanzen der Funken, hörte das rhythmische Schlagen des Hammers auf Metall. Sie hörte sein Brummen, tief und gleichmäßig wie das Grollen eines fernen Gewitters. Ein Mann aus Eisen und Feuer, unnachgiebig, stark. Einer, der mit Hammer und Amboss sprach wie andere mit Worten. Einer, der das Metall zwang, sich zu fügen, und der wusste, dass es dafür Kraft und Geduld brauchte.
Der Klang der Erinnerungen verschwand als sie wieder die Augen aufschlug und den Blick auf ihre Hände richtete. Auch Sie hatte diesen Weg beschritten. Mit Stolz und Überzeugung. Heute noch erzählten Sie davon - langgliedrige, starke Hände, inzwischen weicher, aber gezeichnet von feinen Narben verheilter Verbrennungen, Quetschungen und Schnitten. Sie würde nie vergessen wie sich der Griff eines Hammers anfühlte, das Gewicht von rohem Erz und die Hitze, wenn das Eisen geformt wurde. Sie hatte das Feuer der Esse geliebt, den Rhythmus des Hammers auf Stahl, das Zischen, wenn das erhitzte Metall ins Wasser tauchte. Es war eine ehrliche Arbeit, eine Arbeit, die Stärke verlangte – nicht nur in den Armen, sondern auch im Willen. Ihr Dah hatte es ihr beigebracht: „Eisen gibt nicht nach. Es wird nur unter Feuer und Schlag geformt.“
Doch der Hammer war nicht mehr ihr Werkzeug.
Jetzt war es die Stimme. Erinnerungen. Wille. Überzeugung.
Die Dame im Wind hatte uns gerufen – oder doch nur mich?
Ihr Magen zog sich zusammen, als sie an die Überfahrt nach Sturmmouve dachte. Die Wellen, schwarz wie Pech, die Schreie brechender Wellen ohrenbetäubend. Das Rufen nach dem Beistand der Ahnen und das immer wiederkehrende verfluchen der Leviathanin.
Und sie erinnerte sich… Sie erinnerte sich an den Moment, in dem der Sturm stärker wurde. Der Moment in dem sie wusste, dass nicht alle von ihnen ankommen würden. Und sie erinnerte sich an ihren Dah. Er war einer von denen, die zürückblieben.
In all der verganenen Zeit hatte sie Kontakt mit vielen Ahnen. Wenn Sie lauschte waren Ihre Stimmen manchmal so zahlreich, dass sie kaum unterscheiden konnte, wo eine endete und die nächste begann. Und doch – sein Name fiel nie.
Warum?
Es war eine Ehre, Hagvirkr zu sein. Eine Ehre, den Ahnen zu dienen. Eine Ehre, ihren Willen zu hören.
Es war an der Zeit , dass man in Sturmmouve die Geschichte ihres Dah hörte. Die Geschichte eines Mannes aus Eisen und Feuer. Ihr Ahn. Der Name Sverrir Sigurdsson war mehr als nur ein Klang in der Luft, mehr als nur ein Schatten aus der Vergangenheit. Es war ein Erbe, das tief in ihren Adern pulsierte, das nie vergessen werden durfte. Ein Erbe das eine stolze und starke Ahnenruferin erschuf und jeder sollte erfahren woher sie kam…
