Das Chaos
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Die letzten Worte des Isidor von Hohenfels waren keine Worte der Liebe, es waren Worte welche voller Überzeugung gesprochen wurden. Allzu lange hatte seine Eminenz von Salberg nicht inne gehalten bis er die erste Fackel in das Holz warf und seine Begleiter seinem Beispiel folgten. Das Knistern des Feuers nahm seinen Lauf, nach und nach wuchs es und mit ihm auch die Rauchentwicklung. Der Rauch frass sich unbarmherzig in die Lungen, wie ein lebendiges Wesen, waberte er um Isidor, umhüllte ihn und raubte ihm nicht nur den Verstand, sondern auch immer mehr seines Lebens.
Das Chaos tobte rings um den Scheiterhaufen, ein Sturm aus Stahl, Feuer und Glaube. Pfeile flogen, Schwerter klirrten aneinander, Freunde standen beieinander und alte als auch neu gewonnene Feinde sich gegenüber. Die Luft war erfüllt von all den Gefühlen, dem Hass, der Wut, der Verzweiflung und dem faden Beigeschmack der Rache auf beiden Seiten.
Der Scheiterhaufen hatte schon seit einer Weile Feuer gefangen, das Holz vom Schnee und der Kälte der Nacht leicht angefeuchtet, entwickelte eine enorme Rauchentwicklung. So ein dichter, dunkler Rauch, dass dieser, je nachdem wie der Wind wehte, beissend in Lunge und Auge trat. Die Liedwirker, in den dunklen, schwarzen Roben, kämpften verzweifelt darum, das Feuer zu ersticken. Flammen, die sich zuvor hungrig in das Holz fraßen und sich dort ausbreiteten, zischten unbarmherzig auf, wurden gesammelt und fanden eine neue Heimat.
Im letzten Moment der Klarheit durchzuckte ihn ein Gedanke: “Es ist noch nicht vorbei.” Der Gedanke war nicht laut, nicht triumphierend, sondern ein leises, festes Flüstern der Wahrheit, welche sich weder der Zeit noch dem Tod unterwirft. Isidors Kopf sank nach vorne, der Körper erschlaffte. Der Rauch hatte ihn eingenommen, er hatte ihn erstickt, seine Lungen versagten, sein Herz hörte auf zu schlagen. Doch tief im Inneren, hinter all den Mauern und der Facette des Seins, sackte etwas in sich zusammen, ein zäher Klumpen. Kein gänzlicher Frieden, keine Erlösung, sondern ein stiller Widerstand. Tief in den dunklen Falten seines Geistes, verborgen vor den Augen der Lebenden, lag ein Schimmer von etwas Unergründlichem und die Welt ahnte nicht, welche Konsequenzen dieser stille Widerstand noch tragen würde.
Man hatte ihn gerettet, mit letzten Kräften hatte man die Hülle, den leblosen Körper aus den Fängen des Rauches gezerrt, ihn nach Rahal geschleppt und ihn dort in sein Gemach gelegt. Isidor war nicht mehr da, zumindest nicht lebend.
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In der Nacht
Der Palast in Rahal war still. Die einst prunkvollen Hallen die von Leben und Macht erfüllt waren, schienen in einem Bann zu liegen, einer erdrückenden Schwere, die selbst die Luft schwer atmen ließ. In den Gemächern, die einst Isidor gehört hatten, lag nun sein lebloser Körper aufgebahrt auf einem Bett aus dunklem Samt und Seide. Die Kerzen um ihn herum flackerten sanft, als ob sie nicht wagten, die Dunkelheit vollständig zu vertreiben.
An seiner Seite ruhte der Schädel und die Gebeine von Anara, seiner Mutter. Ein Relikt das so lange von seinem Sohn getrennt gewesen war. Der Schädel war seltsam still. Der einstige Riss, der sich vom Auge bis zur Stirn zog war verschwunden und die blutigen Tränen, die zuvor die Wangen des Schädels hinuntergeronnen waren, hatten sich wie von selbst zurückgezogen.
Es war als hätte die Ankunft Isidors in Rahal, selbst im Tod, eine Ruhe auf das Relikt gelegt – eine Stille, die mehr sprach als jedes Wort. Zwei Seelen, die so lange getrennt waren, hatten endlich den Weg zueinander gefunden.
Die Ritter als auch die Templer die den Raum bewachten oder betraten, hielten respektvolle Distanz, doch sie spürten es, eine Veränderung lag in der Luft, ein seltsames Prickeln auf der Haut, ein Gefühl, das zwischen Ehrfurcht und Furcht schwebte. Es war, als wäre der Tod hier nicht das Ende, sondern nur ein weiterer Übergang.
Die Nacht senkte sich über Rahal, doch in den Schatten des Palastes regte sich etwas. Die Träume, die in dieser Nacht durch Rahal schwebten waren wie Botschaften, unklar und doch von einer schicksalhaften Dringlichkeit. Sie suchten sich ihre Auserwählten mit Bedacht, legten sich wie Schleier über ihre Sinne und zogen sie in eine andere Realität.
Die Geweihten des Herrn werden wieder einen unruhigen Schlaf haben, wieder wird eine Dringlichkeit ihre Sinne berühren, als hätten sie das stetige Gefühl etwas nicht vollendet zu haben.
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Die erste Traumsequenz:
Die Wurzeln
Die Dunkelheit des Schlafzimmers umhüllte dich, doch bald begann der Raum zu atmen. Wurzeln – dick, knorrig, lebendig – brachen aus dem Gemäuer hervor, langsam, bedächtig, wie Hände, die greifen und halten wollten. Sie wanden sich um das Bett, das den leblosen Körper Isidors trug, und ließen keinen Zentimeter unberührt. Die Urne und der Schädel wurden von diesen Wurzeln ergriffen, ihre Bewegung schien zielgerichtet, fast gütig.
Die Masse der Wurzeln begann die drei Relikte miteinander zu verbinden. Ein Geflecht aus Holz und Leben, das alles umschloss, bis nichts mehr zu sehen war. Du fühltest ein Kribbeln in deiner Brust, ein Sog, der von den Wurzeln ausging, als wollten sie nicht nur den Körper, sondern auch die Seelen verschlingen und vereinen. Ein dumpfes Pochen hallte im Traum, ein Herzschlag, der immer lauter wurde, bis du plötzlich aufschrecktest. Doch der Klang dieses Herzschlags schien dir nachzuhallen, selbst im Wachsein.
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Die zweite Traumsequenz:
Die Stechmücke
Du warst keine Person mehr, sondern ein Geschöpf der Nacht – eine Stechmücke, getrieben von Hunger. Deine Flügel summten leise, während du dich durch die Straßen und Gassen der Städte bewegtest: Düstersee, Wetterau, Grenzwarth, Rahal, überall dieselbe verzweifelte Suche. Menschen schliefen in ihren Betten und du fühltest die Hitze ihres Blutes, rochst den metallischen Duft des Lebens. Mit jedem Stich fülltest du dich mehr, dein Körper dehnte sich, immer schwerer wurdest du, bis du kaum noch fliegen konntest.
Schließlich erreichtest du ein prunkvolleres Zimmer, ein Ort, der dir vage bekannt vorkam. Dort, auf einem Bett aus Samt und Seide, lag ein blasser Körper mit halb geöffnetem Mund und leeren Augenhöhlen – Isidor. Du fliegst näher heran, der Hunger treibt dich, doch in dem Moment, in dem du dich nähern willst, spürst du ein Ziehen, ein Zerreißen. Es ist, als würde etwas deinen Körper auseinanderreißen. Schicht um Schicht, bis nichts mehr bleibt.
Plötzlich hast du wieder eine menschliche Sicht und siehst, wie die Stechmücke platzt. Blut spritzt in alle Richtungen, über die Wände, den Boden, und selbst der leblose Körper wird nicht verschont. Doch das Blut scheint zu pulsieren, als hätte es noch Leben in sich, als würde es sich sammeln und bewegen. Der Traum endet in einem Schauer von Dunkelheit, doch das Bild bleibt: Blut, das lebt und etwas erwecken will.
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Die dritte Traumsequenz:
Der Ritus
Du findest dich inmitten eines weiten Ritualkreises wieder, die Enden zieren brennende große Kohlebecken, deren rotes, flackerndes Licht die Dunkkelheit durchdringt und die Schatten der Anwesenden sanft tänzeln lässt. Die Luft ist schwer, alles wirkt wie ein leises, aber unaufhaltsames Rauschen im Hintergrund.
Die Templer verharren in ihren Gebeten und Sprechgesängen, welche durch die Nachtluft hallen. In einer Hand halten sie die Kelche und in der anderen den Dolch, die Klingen der Messer glänzen im Schein des Feuers, immer wieder fallen rote Tropfen von ihnen, als ob das Blut selbst den Fluss des Rituals steuert. Du beobachtest, wie sich die Flüssigkeit in den Kelchen sammelt, zunächst zögerlich, dann immer schneller, als könnte der Kelch die aufsteigende Flut nicht mehr halten.
In den Schatten der Flammen erkennst du Gesichter, vielleicht Bekannte, vielleicht Fremde, sicher ist jedoch es sind viele Gläubige die hier sind. Immer wieder erscheinen die Gesichter der Templer vor den Gläubigen. Dann bei genauem hinsehen erkennst du, dass eine Hand den Dolch berührt, wieder rinnt etwas Blut in den Kelch, dein Blut. Es ist, als ob jeder einzelne Tropfen, jedes Gebet und jedes Wort eine Geschichte erzählt, die über die Zeit hinausgeht – eine Geschichte von Opfern, von Schicksalen, von Leben und Tod.
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Die vierte Traumsequenz:
Die schlagenden Herzen
Du stehst in einer unheimlichen Dunkelheit, umgeben von einer Stille, die so tief ist, dass sie fast schmerzt. Deine Hände fühlen sich schwer an, warm und klebrig. Als dein Blick auf sie fällt, stockt dir der Atem. In deinen Händen liegen zwei schlagende Herzen, identisch in Form, Farbe und Rhythmus. Sie pochen wie ein Echo zueinander, als wären sie Teile eines Ganzen, unzertrennlich und doch seltsam fehl am Platz in deinen Händen.
Ein schweres Gefühl breitet sich in dir aus, ein unbändiger Drang, die Herzen zu zerdrücken, sie zu zerstören. Du versuchst, dich dagegen zu wehren, doch die Versuchung ist überwältigend, fast als ob sie nicht von dir selbst käme, sondern von etwas Fremdem, das dich steuert. Zitternd, beinahe widerwillig, beginnst du, deine Finger zu schließen.
Das Fleisch der Herzen gibt nach, es drückt sich durch die Lücken zwischen deinen Fingern, warm und lebendig. Dein Griff wird fester, und mit jedem Moment spürst du, wie sich ein verzerrtes Gefühl von Macht und Verzweiflung in dir aufbaut. Plötzlich spürst du es: ein stechender, durchdringender Schmerz, als würde ein Dolch durch dein eigenes Herz fahren.
Du schreist, doch es ist nicht deine Stimme. Es sind zwei Stimmen, die aus dir herausbrechen, ein dissonantes Echo, das die Luft zerreißt. Es klingt, als würden sie einander überlagern, ein schmerzhafter Chor, der nicht verstummen will.
In diesem Moment zerbricht die Welt um dich. Die Dunkelheit, die Wärme, die Herzen – alles löst sich in einem einzigen, überwältigenden Gefühl von Verlust auf. Du schnappst nach Luft, dein Körper zittert, als du in dein eigenes Bett zurückkehrst, schweißgebadet und mit einem pochenden Schmerz in deiner Brust.
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Die Träume versickern nicht und verirren sich auch nicht in den restlichen Träumen oder im schwarzen Nichts, sie sind wiederkehrend, selbst in der Nacht.