„Eine Reise ist erst dann zu Ende, wenn du aufgibst deinen Träumen zu folgen.“
Die Sonne stieg langsam über den Horizont und tauchte die kleine Hafenstadt Bajard in goldenes Licht. Möwen kreisten über den Masten der Aardig, die stolz am hölzernen Pier vor Anker lag. Bajard selbst war noch zum großen Teil im Schlaf versunken und somit von der morgendlichen Stille erfüllt. Lediglich der ein oder andere Hahn begrüßte den neuen Tag. Die einzigen Klänge welche sich sonst noch an die Ohren wagten und mitnichten nach und nach das Volk aus dem Schlaf locken würde, war das Klopfen und Hämmern, das Rufen der Matrosen und das gesamte Treiben am Hafen und an Deck der Aardig.
Kapitän Hauke stand am Bug, die Hände fest auf dem knorrigen Holz des Geländers ruhend. Sein wettergegerbtes Gesicht war von Entschlossenheit geprägt, doch die Augen verrieten einen Hauch von Wehmut. Bajard hatte ihm und seiner Mannschaft für viele Jahre als Zuhause gedient, die Menschen sind ihnen ans Herz gewachsen.
Doch die Herzen der Matrosen, sein Herz, sehnten sich nach der endlosen Weite des Meeres und der stürmischen See, nach Abenteuern und danach, diese noch einmal ausgiebig erleben zu dürfen.
Die Vorräte waren aufgefüllt, der Quartiermeister hatte den Laderaum ordentlich gefüllt, mit Fleisch, Brot, Wasser und allen Zutaten welche nicht verderblich waren und die Mannschaft lange Zeit satt machen würden. Das Deck wurde die letzten Tage geschrubbt, der Rumpf gereinigt und die Nähte wieder ordentlich abgedichtet, die alte Aardig stand da wie aus dem Ei gepellt. Stolz hoben sich die Mundwinkel des Kapitäns an und er klopft mit der Hand auf das Holz.
Gemächlich führen ihn die Schritte die Planken entlang, die Augen wandern zufrieden über die nun versammelte Mannschaft an Deck. Hier und da werden sich mittlerweile am Hafen einige neugierige Bürger versammelt haben. Junge Burschen, die mit großen Augen das Treiben betrachten und kleine Kinder, welche den Rockzipfel der Mutter in der Hand hielten und den Seemännern zuwinkten.
Ein lautes Horn ertönt, das Zeichen zum Ablegen. Wieder kehrt Bewegung in die Mannschaft. Die Ankerketten werden mit vereinten Kräften eingeholt, während sich die Segel langsam im Wind spannen.
Kapitän Hauke sieht hinauf zum Steuermann und nickt ihm fest zu, dann hebt er die Hand, eine Geste des Abschieds, ehe das Schiff sich langsam auf den Weg zu neuen Abenteuern begibt.
Fast täglich ging Ksarraja zum Hafen und blickte wehmütig auf die Aardig und das treiben darauf, sie wusste wie es der Mannschaft und dem Kapitän erging, gern wäre sie selber mit an Bord doch ihre Aufgabe in Bajard und ihre Wurzeln die sie mittlerweile dort geschlagen hatte waren zu tief. Doch die Sehnsucht nach dem Meer konnte sie sehr gut verstehen und seufzte leise vor sich hin.
In den Abendstunden vor der Abreise, machte sich Ksarraja mit ein paar Bürgern auf den Weg durch die Hafenstadt um die Heimaterde in eine Kiste zu schaufeln, sie sollten wie es traditionell in Bajard üblich war, diese mit sich führen.
Früh am Morgen gingen sie mit der Kiste zum Hafen und übergaben der Mannschaft die Kiste mit Heimaterde, einige sprachen noch miteinander doch Ksarraja trat einige Schritte zurück und blickte zum Kapitän, sie lächelte Hauke an und verneigte ihr Haupt respektvoll.
Gemeinsam blickten sie der Aardig nach als sie langsam am Horizont verschwand, die Wehmut stand allen Bürgern ins Gesicht geschrieben und doch konnten es auch alle verstehen, sie wussten das sie eines Tages zurückkehren würden um hier in ihrer Heimat den Lebensabend zu genießen.
Einen Tag nach Abreise der Aardig Swantje erwachte Madita in der Frühe und trat hinaus in den Garten.
Die salzige Meeresluft strich ihr scharf und kräftig um die Nase – jener Geruch, der ihr seit gar vielen Jahren Heimat gewesen war.
Ihr Blick schweifte über den Hafen, doch verwunderte sie die unsägliche Stille, die sich über die Gassen gelegt hatte.
Eine solche Stille war sie wahrlich nicht gewohnt.
Flugs schritt sie zurück ins Haus, kleidete sich eilends und rannte hinab zum Hafen.
Dort, wo sonst die stolze Aardig Swantje vor Anker lag, fand sie nur gähnende Leere.
Auch von den Wachen, die den Freihafen zu schützen pflegten, war weit und breit keine Spur.
„Wo sind sie alle geblieben?“ sprach sie bei sich selbst.
So schnell sie konnte, trug sie ihre Füße hin zum Milizgebäude.
Doch auch dort fand sich kein Mensch.
Da ward es ihr, als ob jenes düstere Gerücht, das seit langem im Verborgenen gemunkelt wurde, nun Wahrheit geworden sei.
Sie ließ den Kopf sinken, und ein unermesslich schwerer Kummer legte sich auf ihre Seele.
Wütend war sie auch, doch nicht auf andere, sondern auf sich selbst.
Während ihrer Amtszeit war es ihr nicht gelungen, den Freihafen wieder in rechte Bahnen zu lenken und ihm neues Leben einzuhauchen.
Zu wenig vor Ort waren die drei Säulen der Ratsleute und zu müde die Bürger gewesen für ein Miteinander.
Es hatte an Zusammenhalt gemangelt, und all ihr Streben war vergeblich geblieben.
Nun grübelte sie in stiller Sorge, was wohl aus dem Freihafen und seinen Leuten werden sollte – ohne Wehr, ohne starke Führung, die ihnen Halt gab.
Lange saß sie am Lagerfeuer, den Blick tief in die züngelnden Flammen versenkt.
Eine Träne stahl sich aus ihrem Auge, die sie mit harter Hand fortwischte.
Tief holte sie Atem und fragte sich: „Ist dies der Weg, den ich noch gehen will? Soll ich mich weiterhin diesem Orte widmen, der so lange meine Heimat war, oder ist es an der Zeit, Neues zu suchen?“
Manchmal sehnte sie sich zurück nach dem alten Bajard, das einst so lebendig und voller Zuversicht gewesen war.
Doch sie wusste nur zu gut, dass diese Tage nicht wiederkehren würden.
Entschlossen erhob sie sich, strich sich den Staub vom Gewand und wanderte durch die stillen Gassen des Freihafens.
Ihre Gedanken kreisten, denn sie musste für sich entscheiden, wie es weitergehen sollte – und was sie brauchte, um ihres Herzens froh zu werden.
Bleiben oder ihre Heimat verlassen , eine Entscheidung die sie ganz alleine Treffen musste für sich .
Sie brauchte Rat von ihren einzig besten Freunden
Zuletzt geändert von Madita Seidelhalm am Freitag 6. Dezember 2024, 14:46, insgesamt 2-mal geändert.