Tief in den dunklen Schatten der Bäume, dort wo die Sonne schon lange untergegangen und die Nacht ihren Schleier über den Wald gelegt hatte, saß der Rabe oben im Blätterdach am Waldesrand. Versteckt und lauernd, wartend auf frische Beute.
Im Goldblatt war sie ihr das erste mal begegnet. Rehbraunes, fast kupfriges Haar, welches ihr glatt bis zum Steiß über die Schultern fiel. Die Haut nur zart von der Sonne geküsst, die Wangen von Sommersprossen geziert und der Körper von anmutiger Gestalt. Alles in allem eine ansehnliche, junge Frau. Eine von vielen… Und doch entfachte sie die Neugierde des Raben. Ein Gefühl, nur ein winziger Keim der im Raben aufblühte, zog letztendlich doch die Aufmerksamkeit auf sich. Noch nie hatte sich der Rabe geirrt, wenn es um die eigene Intuition ging und so behielt sie auch diesmal Recht. Einige Tage hatte der Rabe sie beobachtet, immer auf dem selben Pfad. Ein Weg am Waldesrand, eine Taverne abseits der Stadtmauern und stets ein neuer Begleiter an ihrer Seite. Mit jedem Mal schienen die Männer nobler zu wirken, waren besser gekleidet als die Vorgänger.
Weitere Tage vergingen und die Neugier des Raben stieg mit jeden Tag stetig an, brodelte voller Vorfreude in der schwarz gefiederten, kleinen Brust. Laut krachend schlugen die Türen der Taverne auf, als auch schon einer der Gäste, erst rückwärts taumelnd, in den Dreck fiel. Ein anderer Mann folgte ihm auf den Schritt, setzte mit seiner Faust nach und schlug ihm in das schöne Gesicht. Mit verschränkten Armen vor der Brust, lehnte die junge Frau im Türrahmen, beobachtete die beiden kämpfenden und blickte dem geschlagenen verhöhnend in die Augen. Arrogant und eitel zugleich. Erst als sich der stärkere der beiden wieder der Taverne zugewandt hatte, legte sie ihre Maske aus Unschuld und zierlicher Schwäche auf. Da war er, der Keim auf den der Rabe so innig und voller Geduld gewartet hatte! Ihre Weiblichkeit war ihre Waffe, ihre vorgetäuschte Unschuld ihr Schild. Sie wusste diese Waffen für sich zu nutzen, ihren Willen zu erreichen und ihre Opfer gegeneinander auszuspielen, durch süße Worte, die sie ihnen wie samtenen Honig in ihre Ohren flüsterte und langsam ihre Geister vergiftete. Es waren die selben Waffen die auch der Rabe schon so unzählige Male genutzt hatte, immer in einer neuen Form, einer neuen Art und Weise und stets an ihre ausgewählte Beute angepasst. Genau das war es, was der Rabe in ihren Augen sah.
In den kommenden Abenden legte sich der Rabe ein neues Gefieder an. Den Schleier einer fast schon unscheinbaren Frau. Weniger üppig oder reizend, auch nicht anmutig oder elegant. Die Verkleidung war diesmal schlicht und einfach gewählt. Und auch der Platz in der kleinen Taverne war gut ausgesucht. Immer der selbe Tisch… Immer im Blickfeld ihrer Beute, Abend für Abend. Zur späteren Stunde näherte sich der Rabe ihrer Beute, gesellte sich an ihren Tisch, erzählte von Gerüchten über die Männer, welche sich förmlich um sie prügelten und fragte sie mit aufrichtiger Neugier um ihr Geheimnis. Der jungen Frau gefiel der Wissensdrang des Raben, badete darin und erzählte ihr in ihrer Überheblichkeit von den tiefgründigen Geheimnissen, die sich hinter ihrem Tatendrang verbargen. Mit großen Augen lauschte der Rabe und erzählte ihr von einem jungen und hübschen Mann, wohlhabend und die perfekte Beute, welcher auf der anderen Waldseite lebte. Natürlich biss sie sogleich an und folgte der Einladung des Raben. Mit zuversichtlichen Worten lockte der Rabe sie in den Wald, nahm ihrer Beute den schweren Mantel ihrer Verunsicherung ab, versicherte ihr das es eine Abkürzung sei und führte sie leichten Schrittes immer tiefer in die Finsternis. Ihre eigene Überheblichkeit wurde ihr nun zum Verhängnis.
Louise….