Schon den ganzen Tag war sie unterwegs, ohne dass ihre Reise ein bestimmtes Ziel gehabt hätte. Stattdessen genoss sie die Ruhe der Natur.
Die immer kühler werdende Luft, die ihre Lungen füllte. Den Frieden, den ihr die Wälder des Herzogtums zeigten und der sie zur Ruhe kommen lies.
Nach ihrer Ankunft auf dieser Insel hatte sie schnell gelernt, dass diese Zeiten notwendig waren. Zeiten, in denen man aus den alltäglichen Routinen und den Pflichten, die diese mit sich brachten, ausbrach, um so wieder Kraft für die kommenden Erlebnisse schöpfen zu können.
Ihr Leben hatte sich, seitdem sie zusammen mit ihrer Schwester die Insel betreten hatte, vollkommen verändert.
Es war das Leben einer anderen Person. Ein Leben, das mehr dem glich, was sie sich für sich vorstellte und nicht das Leben, das ihre Eltern für sie vorgesehen hatte.
Doch musste sie sich eingestehen, dass sie selbst mittlerweile davon ausging, dass der Wunsch ihrer Eltern für sie vermutlich sogar der leichtere Weg gewesen wäre.
Doch wenngleich sie ihre Flucht vor den Regeln ihrer Familie nicht bereute, gab es nun doch Situationen, die ihr zu schaffen machten. Sicher, war ihr mehr als bewusst, dass ein Leben niemals einfach war. Allerdings hatte sich in den letzten Mondläufen so vieles verändert und drohte so ihre innere Sicherheit zunehmend in sich zusammen stürzen zu lassen, ohne dass es ihr möglich schien, diese Situation augenblicklich ändern zu können. Ihre Einstellung, nach außen stark zu sein, machte das Ganze absolut nicht besser, wusste sie nicht einmal, mit wem sie ihre derzeitigen Gedanken wirklich teilen sollte.
Es war Segen und Fluch zugleich, dass sie drei Familien angehörte. Wenngleich sie vor einer dieser Familien geflohen war, gab es selbst auf dieser Insel mittlerweile zwei, die sie mehr liebte alles andere und für die sie alles tun würde. Und doch waren diese Momente der Ruhe manchmal nötig.
Und dann gab es da noch diese Frau, die ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie mochte diese Frau. Der Abend vor einigen Tagen mit ihr war sehr interessant gewesen und sie hoffte, dass es weitere Gelegenheiten für gemeinsame Treffen geben würde. Irgendwas sagte ihr, dass sie sich wieder treffen würden. Doch nicht heute. Vermutlich würden sie sich am kommenden Tag wieder treffen.
Doch für heute zog sie sich zurück, um sich mit einem Glas Wein und in eine Decke gewickelt in nachdenklicher Stimmung an einem steinernen Ufer niederzulassen und die immer dunkler werdenden Wellen des Meeres zu beobachten.
Wurzeln im Wind
- Eva Granderath
- Beiträge: 111
- Registriert: Freitag 16. Februar 2024, 00:10
Neun Mondläufe etwa. So viel Zeit war vergangen, seit sie sich auf dieser Insel niedergelassen hatten. Es sollte ein Neuanfang sein. Ein Leben in einer Freiheit, die ihnen die Möglichkeit bot, selbst über ihren Weg zu bestimmen. Nicht ihre Eltern.
Doch, wo die symbolischen Gitterstäbe der Familie, die die Mädchen gefangen hielten, durchgesägt waren, hatte das Schicksal offenbar bereits neue geschmiedet. Zumindest für eine der Beiden.
Als Kind hatte sie die Dunkelheit geliebt. Diese Zeit, die nur durch Flammen von Kerzen oder dem Feuer eines Kamins erhellt wurde, und so Schatten an Wänden bildete, die ihre Fantasie anregten und ihr immer wieder Geschichten entlockten.
Mittlerweile jedoch barg die Dunkelheit Gefahren. Die tanzenden Schatten, die für sie als junges Mädchen noch hübsch gekleidete Frauen auf Bällen waren, waren verschwunden und den Gestalten und Fratzen von Angst, Wut und Hass gewichen.
Sie hatte sich gerne auf dieser Insel niedergelassen, hatte geglaubt, ein Zuhause gefunden zu haben. Allerdings blieb in den schlimmen Nächten kaum mehr als die Frage zurück, was aus diesem Zuhause geworden war.
Ihre Schwester war verschwunden. Nie war es ihr möglich, die Frage nach ihrer Rückkehr zu beantworten und mit jeder Frage danach, hatte sie mehr das Gefühl, dass ein Teil von ihr fehlte. Immer mehr hatte sie den Eindruck, dass sich jeder von ihr zurückzog, während sich von Tag zu Tag mehr eine Kälte, gegen die nicht mal das warme Feuer eines Kamins ankam, in ihr ausbreitete.
Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und wäre nie mehr aufgestanden. Einfach nur schlafen. Zumindest, wenn da nicht diese Träume wären.
Die Bilder, die sie sah, wenn sie die Augen schloss, hatten sich geändert. Angenehmer geworden waren sie jedoch schon lange nicht mehr. Das Einzige, was immer wieder blieb, war die Angst nach dem Aufwachen. Immer nur Angst.
Doch, wo die symbolischen Gitterstäbe der Familie, die die Mädchen gefangen hielten, durchgesägt waren, hatte das Schicksal offenbar bereits neue geschmiedet. Zumindest für eine der Beiden.
Als Kind hatte sie die Dunkelheit geliebt. Diese Zeit, die nur durch Flammen von Kerzen oder dem Feuer eines Kamins erhellt wurde, und so Schatten an Wänden bildete, die ihre Fantasie anregten und ihr immer wieder Geschichten entlockten.
Mittlerweile jedoch barg die Dunkelheit Gefahren. Die tanzenden Schatten, die für sie als junges Mädchen noch hübsch gekleidete Frauen auf Bällen waren, waren verschwunden und den Gestalten und Fratzen von Angst, Wut und Hass gewichen.
Sie hatte sich gerne auf dieser Insel niedergelassen, hatte geglaubt, ein Zuhause gefunden zu haben. Allerdings blieb in den schlimmen Nächten kaum mehr als die Frage zurück, was aus diesem Zuhause geworden war.
Ihre Schwester war verschwunden. Nie war es ihr möglich, die Frage nach ihrer Rückkehr zu beantworten und mit jeder Frage danach, hatte sie mehr das Gefühl, dass ein Teil von ihr fehlte. Immer mehr hatte sie den Eindruck, dass sich jeder von ihr zurückzog, während sich von Tag zu Tag mehr eine Kälte, gegen die nicht mal das warme Feuer eines Kamins ankam, in ihr ausbreitete.
Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und wäre nie mehr aufgestanden. Einfach nur schlafen. Zumindest, wenn da nicht diese Träume wären.
Die Bilder, die sie sah, wenn sie die Augen schloss, hatten sich geändert. Angenehmer geworden waren sie jedoch schon lange nicht mehr. Das Einzige, was immer wieder blieb, war die Angst nach dem Aufwachen. Immer nur Angst.