Rückkehr in die Heimat. Rückkehr in andere Gefilde! Rückkehr in ein anderes Leben? Das Schiff nach Gerimor schaukelte während der ganzen Reise unruhig auf den Wellen des Meeres hin und her. War das vielleicht ein Ausdruck davon, wie es auch in ihrem Inneren bestellt war? Der Seelenspiegel war nicht mehr glatt wie bei einem ruhigen Tag am Meer, nein nein… er war aufgepeitscht, stürmisch, fordernd. Und Gedanken forderten sie dieser Tage wahrlich viel zu viele. Wieso hatte ihr Vater bloß nichts gesagt, wieso hatte er immer zu geschwiegen, sein ganzes Leben lang? Es wäre alles so viel einfacher geworden, so viel klarer. Natürlich hätte sie es als Kind vielleicht noch nicht so verstanden, wie sie es jetzt als herangewachsene Frau tat. Und doch, sie wäre vielleicht ein anderer Mensch geworden, oder? Vielleicht wäre ich Templerin geworden… vielleicht, Alatar allein weiß es. Seufzend lag Tanai in ihrer Koje auf der harten Pritsche mit unter dem Strubbelkopf verschränkten Händen und es erinnerte sie kurz daran, wie sie damals auf dieser verdammten Treppe gelandet war, die sich hart in ihr Rückgrat gebohrt hatte. Seit den Alatarischen Rüsttagen war alles anders geworden, und auch wenn es eine herausfordernde Zeit war, so war es doch eine Zeit gewesen, die ihr viel gegeben hatte. Die Mundwinkel zuckten dezent empor. Oh jaa, und wie viel du mir gibst. Heimlich musste sie sich eingestehen, dass sie sich auf die Rückkehr freute. Und so hing sie den Gedanken weiter nach, bis sie irgendwann leicht seekrank einschlief. Und dabei waren es seine Lindaugen, die sie bis in den Schlaf verfolgten. Als sie später aufwachte, hörte sie garstige Möwenschreie und die unzähligen Geräusche eines tüchtigen Hafens. Sie waren angekommen, Rahal hatte sie wieder. Die gekauften Stoffe wurden am Hafen durch einige Arbeiter abgeladen und sie machte sich indessen auf den Weg zu einem ganz bestimmten Ort… zu einem ganz bestimmten Menschen. Und jener empfing sie so freudig, als wäre sie eine halbe Ewigkeit weg gewesen. Es fühlte sich gut an. Zu gut.
Tage später, längst schon alle Reisesachen wieder an ihren alten Platz verräumt und die neuen Errungenschaften in ihrer Schneiderei einsortiert, da fand des Abends die Feier zum Getarestod am Schrein der blutroten Hand neben Düstersee statt. Dort war sie natürlich als Tempelwächterin an der Seite der Templerschaft, und doch waren die Meeraugen immer wieder auch abgedriftet und hatten sich an einem ganz bestimmten Punkt eingependelt. Konzentrier dich, nicht hier, du hast eine Aufgabe. Und was für eine! Das zeigte sich später, als am Nachthimmel plötzlich Kreischen und Zetern zu hören war. Flügelschläge und dann die nahezu sirrende Luft, als Harpien zum Angriff übergingen. Sie kämpften ohne zu zögern, mit vereinten Kräften. Und am Ende zogen sich die Ungetüme schließlich zurück, flogen gen Varuna in die Nacht davon. Weitere Tage später wurde es weit weniger kämpferisch, zumindest in der Praxis. In der Theorie aber, da stellte die Bruderschaft sich vor, erklärte ihr Wirken, ihre Stellung im Reich, ihre Aufgaben. Es war durchaus interessant gewesen und auch hier hatte sie noch so einiges lernen können. Dass der Abend damit endete, dass sie ihre Sturheit endlich überwand, das war selbst für Tanai neu. Doch er gab ihr Mut, und den brauchte sie auch, als sie Tetrarch Vindheim ansprach. Es war an der Zeit. „Tetrarch…?“ Und wieder sprach er sie da mit Fräulein Tayris an, nicht mit Frau… sie wusste in jenem Moment nicht, ob sie Cailen plötzlich mögen sollte oder noch mehr hasste. „Wärt ihr so gut meine Verlobung wieder zu lösen? Der verlustige Vicarius scheint sich wohl verlaufen zu haben.“ Seine Antwort kam so prompt, dass sie selbst verwundert war. Gelöst. Ich bin frei. Dass sie in jenem Moment einen Blinzeln vom Rotschopf empfing, ließ sie tatsächlich sogar grinsen. Als sie den Hort gemeinsam verließen, dauerte es nicht lange, bis sie in Grenzwarth hinter verschlossener Tür dicht beieinanderstanden und er sie lange ansah. „Jetzt kann mein kleiner Kolibri frei fliegen.“ Und wie sie das nun konnte, mit ihm an ihrer Seite. Sei frei, kleiner Kolibri.
Es ist so unerträglich heiß, so schwül… sooo heiß! Kleiner Kolibri, dir ist nur aus einem einzigen Grund heiß, und du kennst ihn ganz genau! Genieß' es und lass es einfach zu. Ist ja schließlich kein Wyrm, der dir Feuer unter'm Hintern macht, nicht wahr? Nur diese Lindaugen… oh Alatar! Schwer atmend badete Tanai in dem Wasserbecken im Grenzwarther Keller, versuchte sich damit Abkühlung zu verschaffen, und doch… so richtig kalt wurde ihr nicht. Wie auch, sie stand unter Dauerfeuer, und das gleich in mehrerer Hinsicht. Nach ihrer Rückkehr aus Cantir, da war so viel passiert, dass sie kaum mehr Zeit dafür fand die mitgebrachten Stoffe zu verarbeiten. Zum einen war da der Ausflug nach Varuna aufgrund dieser merkwürdigen Harpienplage. Sie konnte sich noch immer sehr gut an die Aussage des obersten Tempelwächters erinnern.. „Dieses Mal klappt es besser mit dem Schutz der Geweihten“… oh ja, sie warf sich mehrfach vor Cailen (hatte er das überhaupt verdient?) und fing sich so einige Blessuren ein, während sie gegen die Harpien kämpften. Doch immerhin war am Ende eine dieser Kreaturen ihre Gefangene, und niemand war sonst zu Schaden gekommen. Deine Kampfkunst wird immer besser, Alatar sieht das mit Wohlwollen. Mittlerweile konnte sie sich mit Fug und Recht Kampfschneiderin nennen, doch es zeigte ihr auch… dass die Ausflüge mit Darean in die Höhlen sie stärker machten. So viel mehr, so großartig, so… atemberaubend. Oh ja, sie hatten gemeinsam ihren ersten Wyrm erlegt, und sie waren mittlerweile ein eingespieltes Paar, dass genau wusste, wie der jeweils andere tickte. Sie gehörten zusammen, im Kampf wie auch anderswo, und jenes Gefühl war erhebend. Tropfendnass stahl sich Tanai aus dem Wasserbecken und schlenderte nackt in das Schlafzimmer, um sich dort nach dem Abtrocknen anzuziehen. Sie musste noch dringend nach Cabeza, wo massig Arbeit auf sie wartete.
Soooo schwül, sooo heiß, oh Alatar… ich zerfließe. Die tropische Hitze von Cabeza raubte ihr die Luft, und dieses Mal wusste sie, dass es nicht davon kam, an den Rotschopf zu denken. Nein, es war einfach nur heiß und es war ihr erster Sommer auf der Isla. Doch sie hatte es so gewollt und ihre Hütte wollte sie gegen nichts mehr auf der Welt eintauschen. Was sie indessen noch jagte, war der Gedanke daran, wie viel Arbeit mit dem Auftrag vom Orden der Arkorither auf sie zukam. Wandgobeline herstellen, Dutzende! Aber es war ihr Spezialgebiet und wenn jemand sich in Alatarien damit auskannte, dann sie. Ihre gesamte Leidenschaft floß in die Herstellung der Gobeline und sie freute sich darauf, den Auftrag auszuführen (und ein wenig geehrt fühlte sie sich ebenfalls, auch wenn falscher Stolz hier fehl am Platz war). Ihre Fingerchen wurden mit der ganze Knüpferei wund und doch machte es ihr Freude. Sie wusste, dass sie sich damit hervortun konnte und was es bedeutete, wenn man einen solchen Auftrag gar ablehnen würde. Es war eine eigene Kunst für sich und jene lebte sie mit ihrem ganzen Herzblut aus. Kunst indessen gab es in letzter Zeit auch zu Hauf in Bajard an den Marktständen, an denen sich immer mehr Letharen einnisteten und ihre Waren verkauften. Einige davon hatte sie erstanden, für Darean, aber auch für sich selbst. In ihrem Fall war es Kleidung, die ihren Leib schmeichelhaft betonte. In seinem Fall waren es groteske Basaltmöbel, die wunderbar in das Haus der Obskuritäten passten. Du weißt, dass es verpönt ist Geschenke zu machen in Alatars Geboten, und doch… sie riefen deinen Namen, sie gehören nun dir. So wie ich. Seufzend knüpfte Tanai den Wandgobelin weiter und dachte daran, dass die Markttage der Letharen vielleicht noch etwas anderes brachten. Sie hatte Kyror’dur, der ihr von den Rüsttagen schon bekannt war, darum gebeten einen Unterricht in der Kampfkunst für die Tempelwächter abzuhalten. Vielleicht auch für das gesamte Alatarische Volk. Sie würde sehen, wohin jene Anfrage führte… und doch fühlte sie sich schon jetzt geehrt, dass der Lethar darüber nachdachte, ihren Wunsch in die Tat umzusetzen. In Seinem Namen, für Alatar!
Seit ihrer Rückkehr aus Cantir war es ruhig geworden um Tanai herum, zu ruhig vielleicht? Nein, sie genoss es im Moment zuweilen Zeit für sich zu finden, in der sie ihrer Schneiderarbeit nachgehen konnte oder in Gebeten zu Alatar versank. Seitdem sie von ihrer Familiengeschichte dieses kleine und nicht ganz unwichtige Detail erfahren hatte, sah sie die Welt des Tempels gewissermaßen mit neuem Blick. Und jener fokussierte sie noch mehr auf ihre Aufgabe als Tempelwächterin. Wann immer sie konnte, verrichtete sie Dienst und die merkwürdige Geschichte um diese Harpienplage beschäftigte den Geist ebenso sehr wie so manch andere Dinge. Autsch! Knurrend blickte sie auf ihren Finger, aus dem von einem unachtsamen Nadelstich ein Bluttropfen hervor ran. Sie sog diesen mit dem Mund sanft auf und blickte dabei aus ihrem Fenster in Richtung des Cabezianischen Dschungels. Die Gedanken begannen wieder zu treiben und sie spürte zunehmend, wo sie sich schließlich einpendelten. Das ist diese verdammte Hitze, hier auf Cabeza wird es immer heißer, ganz eindeutig. Mit hochgezogenen Augenbrauen ging sie in ihr Schlafzimmer und begann sich in ihre Balronlederrüstung zu hüllen. Flucht nach Gerimor, dort ist es hoffentlich etwas kühler... Zumindest so lange bis... Arrr, konzentrier dich, du... Duuuu. Chrm! Eine Jagd würde ihr sicher gut tun, gefolgt von einem kühlen Bad in seinem Haus. Also zog sie die Riemen der Rüstung fest, zurrte die Waffengurte und richtete ihre Kapuze auf dem Strubbelkopf. Und wie sie sich dann so gerüstet im Spiegel betrachtete, da wusste sie, dass sie immer kämpfen würde, dass ihr Wille niemals wieder gebrochen werden würde. Sie war bis an die Zähne bewaffnet und ihre Fähigkeiten mit dem Rabenschnabel zu kämpfen, die wurden immer besser... Tödlicher. Ohhh jaaa, genau das ist dein Wille und ich werde niemals mehr davon abweichen, du hast mich stark gemacht. Ein tiefes Durchatmen folgte, ehe sie sich auf den Weg nach Gerimor zum Hafen von Cabeza machte, um dort die nächste Schiffspassage zu nehmen. Ihr meergrüner Blick richtete sich mit sturmgrauen Funken in den Iriden auf das Meer während der Überfahrt. Und da wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass sie ihre Angst, mit Schiffen zu fahren, überwunden hatte. Ihr Glaube an den All-Einen war stärker denn je, und sie würde erst in sein Reich eingehen, wenn er es eines Tages wollte.
Auf Gerimor war es etwas kühler als auf Cabeza, und jener Umstand erfreute sie über die Maße. So bahnte sie sich ihren Weg zu den vergessenen Ebenen und stürzte sich dort direkt in den Kampf. Skelettknochen knackten, Orkfleisch riss entzwei, Geister jaulten auf. Sie schwang ihren Rabenschnabel voller Kraft und intuitiv nach den Wesen und hinterließ eine feurige Schneise aus Verdammnis. Als sie bei einem ganz bestimmten Tunnel ankam, der Richtung Balron führte, zog sie die Mundwinkel dezent hinauf. Nur mit dir, mit niemandem sonst. Und so schlug sie den anderen Weg schließlich ein und kämpfte sich mit garstiger Entschlossenheit gegen den Dämon und die dort folgenden Schlangenwesen vor, bis sie irgendwann am Ausgang bei Bajard wieder an die Oberflächen gelangte. Sie stand voller Höhlendreck, Monsterblut und auch Schweiß, und doch war jede ihrer Bewegungen so stark, dass man bei ihrem Anblick beinahe vermuten konnte, dass sie mit jedem Schritt mehr den Wald anzünden würde, denn um sie herum loderte das Feuer ihres eigenen Willens. Sie war einst ein Kind des Meeres gewesen, eine Fischertochter, doch nun war sie zu seinem Werkzeug geworden und stand regelrecht in Flammen. Und jenes erhebende Gefühl begleitete sie bis nach Grenzwarth, wo sie sich in das Haus ihres Kussdiebes zurückzog, um sich zu waschen und den Abend damit zu verbringen, ihre Waffen zu polieren und den eigenen Gedanken nachzuhängen. Sie wusste nicht, wo Darean steckte, doch sie spürte, dass es Gründe für sein Fortbleiben gab und er wohlmöglich für das Reich spionierte. Was es auch war, sie würde auch hier nicht weichen, denn es war mit ihm so echt und stark wie ihr Glaube an Alatar. Im Flammenspiel ihres Herzens würde dieses Gefühl niemals vergehen, denn sie hatten sich für diesen gemeinsamen Weg entschieden und jener würde nur noch stärker werden, würde sie beide stärker machen. Wo immer du bist, Kussdieb, ich bin bei dir und du bist es auch bei mir. Nie wieder anders, ich gehör' dir.
Es gab kein immerwährendes Weglaufen mehr, kein unbedachter Schritt auf die falsche Stelle, kein heilsames Durchatmen, nur noch die reine und überdies brutale Konfrontation mit der nackten Wahrheit. Mit dem unerschütterlichen Wissen daran, dass ihr ganzes Leben auf diesen einen vielversprechenden Moment ausgerichtet worden war. Ihre Mutter? Eine Hure, die zweifelsfrei unermesslichen Spaß an ihrem Gewerbe hatte. Ihr Vater? Ein hoffnungsloser Fischer, der sich hinter der nagenden Vergangenheit seines templerischen Vaters versteckte. Und sie selbst? Ihre Erziehung, wenn man das so nennen konnte, hatte sie auf einem steinigen Pfad entlanggeführt. Tanai konnte sich nur noch schwer an all die Strafen erinnern, die sie in ihrer Jugend "genossen" hatte. Zwei davon aber hatten sich mit solcher Schärfe in ihren widerspenstigen Geist eingebrannt, dass sie diese nie wieder in ihrem Leben vergessen würde. Die eine, so subtil, dass es schon an perverser Genialität grenzte. Der Catulus in Lanisand hatte sie zur Strafe für eines ihrer zahlreichen, wenig alatargefälligen Vergehen stundenlang Krabben schälen lassen, sodass ihre Finger vor Schmerz aufgeweicht und blutig geworden waren. Bis heute hegte sie eine Abneigung gegen die glitschigen Schalentiere, als Fischertochter war es zweifelsfrei grausam sie derart damit zu konfrontieren, wo ihr Platz im Leben war. Nein, gewesen war. Die andere Strafe indessen, nun… sie hatte ebendiesen Catulus fast abgefackelt, weil ihr Hass gegen ihn so stark aufgeflammt war, dass sie sich widerspenstig gegen ihn zur Wehr gesetzt hatte. Dummerweise war sie nicht schlau genug gewesen, um den Bastard abzufackeln, er hatte überlebt. Vielleicht auch ein Zeichen des All-Einen, das sich wenig später so unendlich garstig in ihre Fußsohlen gebrannt hatte. Bis heute trug sie diese Narben und erinnerte sich noch immer an den beißenden Geruch von verbrannter Haut, und an den Schmerz, der ihr fast die Sinne geraubt hatte. Heute wusste sie, dass ihr Vater nur dafür sorgen wollte, dass sie eine ehrbare Alatari würde, getrieben von der Versagensangst als Vater, da der seinige doch so sehr vor Alatar das Gesicht verloren hatte.
Hätte sie doch nur gewusst, dass in ihrer Familie ein Templer dem All-Einen gedient hatte bis zu seinem Fall… die Erkenntnis saß noch immer tief und nun, da sie auf ihrer Terrasse saß und ihren Morgenkaffee schlurfte, da wusste sie, dass ihre kurze Lebensgeschichte sie genau zu diesem Punkt geführt hatte. Hier stand sie nun, nackt vor Seinem Antlitz, und fragte sich, was ihr Weg nun bringen würde. Sie war durch und durch eine Tempelwächterin, es war ihr heilig Seinen Dienern mit ihren Waffenkünsten Schutz zu bieten. Doch schützte sie sich selbst auch vor den unvermeidlichen Gedanken? Selbst als sie vom Festland geflüchtet war, da hatte ihr Alatar den Weg gekreuzt und einen Seiner Diener in ihr Leben geschickt, was zwangsläufig zur weiteren Konfrontation mit Seinem Glauben geführt hatte. Konnte sie noch weglaufen, wollte sie das? Gebetsmühlenartig murmelte sie einige bedächtige Worte an Alatar, hoffte inständig eine Antwort darin zu finden. Und als sie die Meeraugen aufschlug, da wurde ihr endlich klar, dass es kein Entkommen mehr gab. Im morgendlichen Anblick La Cabezas wusste sie es so deutlich wie noch nie in ihrem Leben. Mit einem tiefen Durchatmen stand sie von ihrem Hocker auf und ging in ihr Haus, um sich für den Dienst der Tempelwache zu rüsten. Als sie sich im Spiegel besah, da funkelten die Meeraugen mit sturmgrauen Funken auf. Funken der Entschlossenheit, denn sie hatte so lange all dem getrotzt, dass es nun umso schärfer in ihren Geist eindrang. Wie tanzende Flammen schlug ihr eigener Wille wild und verzehrend um sich, und es gab in diesem Moment nichts mehr, was sie deutlicher erkannte wie das. Sie würde jenem Ruf folgen, ganz gleich welche Äste entlang dieses brennenden Baumes noch glutlodernd entzweibrachen. Wie hatte Demian einst gesagt… es würde sich ein neuer Ast auftun, an welchem ihr Weg sie weiterführte, sie über sich selbst hinauswachsen ließ. Sie wusste, dass die Welt der Templer geprägt war von eiserner Selbstdisziplin und auch von peinigendem Schmerz, doch genau das war es schlussendlich, dass sie brauchte, auch wenn sie sich das nie eingestehen würde. Ein Ziel, das so unerschütterlich verfolgt wurde, dass jeder Gedanken, gar jede Emotion, erstickt wurde in dem feurigen Glauben an Alatar.
Mit einem weiteren, tiefen Durchatmen machte sich Tanai auf den Weg zum Festland und selbst im verschlingenden Bauch des Schiffes während der Seereise drehten sich ihre Gedanken unablässlich um Alatar. Ihr Wille, ihm zu dienen, war stärker denn je und selbst das juckende Brennen an ihrer Narbe am linken Unterarm, die Cailen ihr indirekt zugefügt hatte, änderte daran nichts. Es war vielmehr wie eine Vorahnung, die sie beinahe fanatisch zu ihrem Ziel führte. Am Hafen von Rahal angekommen, schlug sie ihre Schritte zielsicher zum Tempel der Stadt ein und kniete dort angekommen vor dem Altar nieder. Sie betete zum All-Einen und hielt während jener Zeit ihre Augen geschlossen, voll und ganz fokussiert auf ihre Gedanken. In ihrem Nacken spürte sie ein hässliches Kribbeln und doch blendete sie jenes vollkommen aus. War es eine Vorahnung? Ein Zeichen, dass sie den nächsten Schritt machen sollte? Es war ihr Wille, zweifelsfrei. Es verging gut ein weiterer Stundenlauf, bis sie die Augen öffnete und wieder auf den Altar sah. Es war zugig in den Gemäuern und das war ihr bei all der spätsommerlichen Hitze nur billig. „Einst bin ich dem Raben knapp entkommen. Und nun weiß ich, dass es Dein Wille war, der mich hierherführte. Ich war mir noch nie einer Sache so sicher. Deinem Ruf werde ich folgen, bis ich dereinst in Nileth Azur einkehre. Ich gebe dir meine Stärke, meinen Willen, meinen Geist. So gebe mir ein Zeichen, All-Einer, und ich werde folgen.“
Wenn die Nacht hereinzog und die erste klirrende Kälte des Herbstes sich des Körpers bemächtigte, dann lernte man zu zittern nach einem langen und warmen Sommer. Und wenn diese Kälte den Nacken hinaufkroch wie verschlingende Finger eines düsteren Schattens, dann musste man wirklich auf der Hut sein. Das zugige Gefühl nach stundenlangem Beten im Tempel von Rahal hatte Tanai durchgefroren. Im Vergleich zur Hitze Cabezas war die Kälte angenehm, ja sie mochte es sogar, und doch… irgendwas sagte ihr, dass das Kribbeln in ihrem Nacken nicht nur eine Nebenerscheinung der Kälte war. Etwas steif geworden stand sie vor dem Altar auf und verneigte sich, bis sie zum Portal des Tempels strebte und dann auf der Stufe nach draußen schlagartig innehielt. Wieder dieses Kribbeln im Nacken, unangenehm, fast beißend. Hmm hmm… Gerade als sie die Stufen herunterging, kroch ein Schatten auf vier Pfoten über das Steinpflaster, und sie erkannte darin eine kleine schwarze Katze, die sich hinter dem Tempel davon machte. Ein Raubkätzchen in Miniausgabe… hmm, wie gern‘ würd ich das wieder hören. Mit einem tiefen Durchatmen strebte der Strubbelkopf aus der Stadt heraus in Richtung der Kutschstation. Während sie den Weg entlang lief, machte sie sich Gedanken über den Grillabend in Grenzwarth. Nicht nur, dass man auf dem Fleisch herumgespießt hatte, nein… man hatte auch an ihr herumgespießt. Und doch machte sie sich mittlerweile nichts mehr daraus, denn sie ging nun anders damit um als früher noch. Doch eines wollte ihr bis jetzt nicht aus den Gedanken weichen.
Qy’lhor hatte sie gefragt, wie sie ihre Gefühle (dem All-Einen näher zu sein denn je) ausdrückten. Und wenig später am Abend hatte sie ein 4-Augen-Gespräch mit Demian gewonnen, das sehr direkt den Weg wies, den sie einschlagen sollte. Kaum waren die Gedanken wieder verflüchtigt, da spürte sie erneut dieses Kribbeln im Nacken und sie rieb sich etwas zu heftig dort, um sich davon freizumachen. Doch als sie den Meerblick wieder anhob, da bemerkte sie, dass sie nicht zur Kutschstation gelaufen war, sondern plötzlich vor der Pilgerstätte stand. Ein schweres Schlucken folgte unterbewusst, denn sie erinnerte sich an den letzten Besuch dort, wenn man das so nennen konnte. Damals war Demian dem Tode nahe gewesen und sie hatte als Tempelwächterin an seiner Seite gestanden so gut sie eben konnte. Doch nun, als was stand sie nun hier? Der schmale Leib straffte sich und dann zog sie aus ihrer Tasche den Schlüsselbund der Tempelwache, um das eiserne Tor zu öffnen. Gerade als sie den Schlüsselbart in das Schloss steckte, da spürte sie das Kribbeln erneut, und dieses Mal durchzog es ihren ganzen Körper wie ein kleiner Blitzschlag. Was im Namen des All-Einen ist das?!? Das dumpfe Gefühl, woher auch immer es kam, konnte sie nicht einordnen. Hatte sie anfangs noch geglaubt, es kam vom stundenlagen Beten zum Herren, war ihr nun klar, dass es etwas anderes sein musste. Innerlich hoffte der Strubbelkopf, dass Demian in der Pilgerstätte anzutreffen sein würde und so lief sie eiligen Schrittes hinein. Es war kühl in den Gemäuern, und erste suchende Blicke offenbarten ihr, dass sie wohl allein war, zumindest glaubte sie das. „Des All-Einen Segen! Ist jemand hier?“, rief sie durch das Haus und lauschte. Es folgte keine Stimme, doch ein letzter Schauer überzog sie wie ein pfeifender Wind, wie eine Vorahnung. Nur auf was?
Kapitel 96 - Von starr Besaiteten und zart Beseiteten
Plitsch, Platsch, Plitsch, Platsch. Tropf, tropf, tropf. Wasser wischte alles hinfort, und holte dabei gleichsam alles aus der putzenden Tempelwächterin heraus. Selbst die Dinge, die sie nicht zu Tage befördern wollte. Sie flossen aus ihr wie Blut aus einem Körper, der gerade erst sein Leben ausgehaucht hatte. Mit einem leisen Knurren wurde der ranzige Wischlappen ein letztes Mal über die kalten und harten Steinfließen gezogen. Beinahe hätte man es meditativ nennen können, doch etwas in dieser seltsamen Ruhe störte dabei beträchtlich. Es war nicht das Wasser (welches sie auf groteske Weise an diverse Strafen aus Cantir erinnerte), das hier störte und ihre Finger zunehmend aufweichte. Es war der Schmerz in ihren Fingerspitzen, die sich weit früher am Tag todesmutig zwischen ihren zarten Hals und die würgende Gebetskette in die Brandung geworfen hatten. Doch wie war es dazu gekommen? Wie konnte das widerliche Gefühl von aufgeweichten Fingern durch den Schmerz dieser Peinigung übertüncht werden, die sie da erlebt hatte?
Eigentlich… ja, ganz eigentlich, hatte sie nur im Donnerholm an ihren Waffenkünsten feilen wollen. Doch es war die blutrote Robe eines Tetrarchen gewesen, die ihr aus den Augenwinkeln sofort aufgefallen war. Demian, bei Alatar, was suchte er hier? Eine Weile hatte er ihr zugesehen und sie dann auf direktem Wege in den Tempel Rahals befehligt, und sie wäre dumm gewesen nicht zu folgen. Doch wahrhaftig dumm war der Umstand gewesen, der zu ihren schmerzenden Fingerspitzen geführt hatte. Doch da gab es etwas, was er zuvor gesagt hatte, das ihre Gedanken schier in Flammen gesteckt hatte. “Wenn die Türe sich von alleine schließt… ist es… vorbei.“ Was bei Alatar hatte er damit gemeint?!? Wenig später sollte es ihr klar werden, als Demian sie in einer Art Lehrsaal fragte, wieso sie in letzter Zeit öfter in der Pilgerstätte verweilte. Er hatte sie bemerkt, und der Umstand kratzte im hintersten Winkel ihres Geistes etwas an… fraglich nur, was das nun für sie bedeutete. Sie hatte ihm erklärt, dass sie seit dem Tag nach dem Grillfest in Grenzwarth ein garstiges Kribbeln in ihrem Nacken spürte und auf der Suche nach einer Antwort für etwas war, das sie sich nicht erklären konnte. Die Frage danach, ob etwas in ihrer Nähe in Flammen aufgegangen wäre, hätte vielleicht merkwürdig angemutet, wenn sie genau dieses Gefühl nicht selbst bei den zurückliegenden Jagden in sich gespürt hätte. Und es war definitiv kein Blutrausch, der sie da umtrieb, nein nein… es war ihr brennender Wille dem All-Einen zu dienen. Sie stand jedes Mal in verzehrenden, alles verschlingenden Flammen, und sie wusste woher das rührte, wenn auch unterbewusst. Es war ihr Wille, ihm mehr zu dienen als sie es bisher tat und selbst Demians kratzende Frage danach, was das bedeutete, konnte sie umgehend beantworten. „Ihm als seine Dienerin dienen. Denn ich glaube.. nein, ich weiß nun, dass mein Leben darauf ausgerichtet wurde... auch wenn ich es damals nicht erkannt habe. Mein Großvater war Templer und mein Vater wollte mich sehr streng erziehen... ging in die Hose, weil’s nicht mein Willen war. Aber jetzt hab‘ ich erkannt, dass mein Wille stärker denn je ist.“
Es hatte gereicht, um den Templer zum Aufstehen zu bewegen und der starr Besaitete brüllte plötzlich Worte, die sie in wahren Zorn verfallen ließen, denn er hatte schon einmal einen Tempelwächter zu jemanden geformt, der ihr nur allzu bekannt war. Ihre garstig dahingespuckten Worte über Schwäche und Versagen sollten der Anfang von etwas sein, dass ihr die Luft zuschnürte, denn Demian fing sie mit seiner Gebetskette ein wie ein verwirrtes Fohlen mit einem Lasso und begann sie damit zu würgen, während er ihr eine Aufgabe zuteilwerden ließ. „Tanai, ich sage dir vor vorne rein, ich werde dich auf alle erdenklichen Grundlagen prüfen. Vielleicht schlimmer als jeden Letharen oder einen Menschen zuvor. Solltest du dem nicht standhalten können, oder gar einen Zweifel haben, erledige diese Aufgabe nicht.“ Während er sie mit der Gebetskette weiter würgte und sie dagegen ankämpfte wie eine Furie, forderte Demian von ihr ein Opfer. Sie sollte dem All-Einen etwas opfern, das ihr wichtig war. Sie sollte entbehren wie ein wahrhaftiger Templer, und außerdem erhielt sie den Auftrag, keine Nadel mehr anzurühren, bis sie Bericht gegenüber dem Tempel erstattet hatte. Vor lauter Wildheit spuckte sie dem Tetrarchen weitere garstige Worte hin, während sie gegen das Gezerre an ihrem Hals ankämpfte und ihre Fingerspitzen weiter eingequetscht wurden als letzte Barriere gegen des Tetrarchen Peinigung. Selbst das hingespuckte „Dann muss ich wohl nackt kämpfen“ führte dazu, dass sie zur Strafe in Kettenrüstung kämpfen sollte, für sie als Cantirerin eine absolute Demütigung, war es doch der Stolz ihrer Heimatprovinz. Als kleine Zugabe hatte sie den Putzauftrag für die Tempel in Rahal und Düstersee geerntet. „Und wehe ich finde eine Kerze, die auch nur kurz vor dem Ausgehen ist… Stell keine dummen Fragen oder ich wische mir dir den Boden im Tempel und werde dich wie ein Ferkel über den Kerzen grillen.“ Noch immer klingelte diese letzte Drohung in ihren Ohren, doch zumindest das Grillen von diversen Körperteilen wäre für sie nichts Neues gewesen, und bei dem Gedanken juckten ihre brandvernarbten Fußsohlen wie von selbst.
Nach dem ganzen Desaster hatte Demian sie aus dem Tempel herausbefördert und dann war sie umgehend in die Tempelwache geeilt, um Putzeimer und Wischlappen zu besorgen. Nach am selben Abend war sie der Strafe nachgekommen, und währenddessen dachte sie über die Aufgaben nach. Es war ihr von Anfang an klar gewesen, was sie opfern würde, sie war sich nur nicht sicher, ob dem Tetrarchen das gefallen würde. Das kleine zart Beseitete Etwas trug sie immer mit sich herum und es begleitete sie seit vielen Monden, so unscheinbar es auch war. Der emotionale Wert dieses Buches war immens, das stand außer Frage. Doch sie brauchte es nicht mehr und umso länger sie darüber nachdachte, umso bewusster wurde ihr, warum das so war. Spät in der Nacht, nachdem beide Tempel geputzt waren, hatte sie ein Schiff nach Cabeza genommen und einige Stundenläufe danach damit verbracht, einen Bericht niederzuschreiben, während sie ihren Gedanken nachgehangen hatte. Natürlich wurde dieser am Ende in zweifacher Ausfertigung in Umschläge gesteckt und so war sie bei Morgengrauen wieder nach Gerimor aufgebrochen, um die Tempel um ein Neues zu putzen. Die Böden wurden geschrubbt, abgebrannte Kerzen ausgetauscht und selbst die kleinsten Spinnennetze in den hintersten Winkeln der Tempel entfernt, nur zur absoluten Sicherheit… Danach wurden die Berichte in der Pilgerstätte von Grünwaid und im Tempel von Rahal für den Tetrarchen abgegeben und sie zog sich für den Rest des Tages wieder nach Cabeza zurück, um dort zu meditieren und ihre Gedanken zu sortieren. Was stand ihr bevor? Sie hatte eine leise Vorahnung dazu, wusste sie doch durch ihre Vergangenheit in Cantir, was der Tempel so alles mit Menschen anstellen konnte. Und auch die Erfahrungen um ihren einstigen Verlobten machten die Zukunftsaussichten nicht rosiger. Seufzend legte sie sich am Nachmittag zur Ruhe und starrte an den Baldachin ihres Bettes. Als sie die Augen schloss, sah sie lindgrüne Augen in ihrem Geist und wusste, dass sie alles schaffen konnte. Sie hatte es an den Rüsttagen bewiesen und die Zuversicht, dass sie eines Tages vielleicht nicht nur Alatars Gunst gewann, sondern auch den Stolz ihres Rotschopfes, die ließ sie entspannt in einen tiefen Schlaf wegdämmern.
So viel Schmerz, genährt von Zorn. So viele Gedanken, gebadet in Hass. Und so viele Pläne, gespickt mit Mordlust. Und noch so vieles mehr, das unter der Oberfläche kochte wie ein brodelnder Vulkan im RaKun. Tausend Ideen spukten durch den Strubbelkopf, und sie wollten allesamt an die Oberfläche. Sie würde Zar’ffyn auf alle erdenklichen Weisen foltern... quälen, bis er jauchzte, ihm alles aus seiner Schnute ziehen, bis er wimmerte wie ein kleines, verwundetes Rehkitz. Der garstige Letharf würde schon sehen, was er davon hatte. „Schrei lauter, damit ER dich hört!“. Sie hatte es ihm hinterhergerufen, als er seine blutige Tat an ihr begangen hatte. Doch wie hatte all das eigentlich begonnen? Tanai war bei Minfay’s gewesen, hatte nach ihrer Mutter gefragt, doch sie hatte Kundschaft und so war der Strubbelkopf wieder abgezogen. Doch auf dem Weg zu ihrer Hütte... jaaa, da war sie diesem Letharf begegnet. Sie wusste nicht so recht, was er von ihr wollte, lediglich, dass er nach ihr suchte. Natürlich hatte sie sich nichts dabei gedacht, und so war das Kind des Vaters bereitwillig in ihre Hütte eingeladen worden. Was dann aber gefolgt war, sie konnte es noch immer nicht zu Gänze umreißen. Er hatte irgendwas gefaselt, davon, dass er geschickt wurde. Nur von wem, wozu? Es spielte keine Rolle, denn wenig später hatte er sich mit einer Zange bewaffnet auf sie gestürzt, um ihr den Fingernagel des Ringfingers auszureißen. Der Letharf hatte schon kurz darauf gespürt, wie wenig Tanai davon hielt, denn sie hatte mithilfe ihrer guten und sehr alten Wurfmesser nach ihm gestichelt, Wunden zugefügt, wo es nur ging. Doch in einem unachtsamen Moment hatte er es geschafft ihren Nagel zu erwischen, und ihr diesen gewaltsam vom Finger gerissen. Gerade, als er flüchten wollte mit seiner Beute, da hatte sie ihm einen weiteren Wurfdolch zugeworfen, und direkt in sein Bein getroffen. Der Drecksack wankte aus ihrer Hütte und schrie laut, als er den Wurfdolch aus seinem Bein riss, da er schon vor der Hütte am Strand angelangt war. Und wie sie ihm hinterhergeschrien hatte. Er sollte leiden, er sollte büßen, und er sollte in Demut vor dem Herrn im Sand kriechen wie ein runzeliger Madenwurt!
Deutlich erschöpft hatte sie die kleine Made mit seiner Verletzung ziehen lassen. Am Ende wusste sie, dass er definitiv den größeren Schmerz davontrug. Eine Wunde am Bein konnte bluten, schließlich eitern, und vielleicht sogar das ganze Bein kosten. Was war dagegen schon ein gestohlener Fingernagel? Es tat weh, das spürte sie am permanenten Pochen an ihrem Ringfinger, das wie das garstige Echo ihres Herzens schlug. Es blutete unerlässlich in einem feinen Rinnsal und so versuchte der Strubbelkopf die gerissene Wunde in der Küche notdürftig zu versorgen. Sie kippte sich den guten, alten Cabezianischen Rum über die Wunde (und es brannte zweifelsfrei wie ein allesverschlingendes Fegefeuer auf der Wunde). Kurz darauf landete etwas von dem Schnaps in ihrer Kehle, vielleicht auch etwas mehr... sehr viel mehr! Dann aber besann sie sich, um die Wunde lose mit einer Bandage zu verbinden und trank danach nochmal einen guten Schluck vom Rum. „Du kleine, hässliche Made. Du hast nicht eine verdammte Ahnung davon, was du da ausgelöst hast. Ich werd‘ dich jagen. Und wenn ich dich gefunden habe, dann foltere ich dich auf die übelste Art, die mir einfällt. Du wirst schon sehen, was du davon hast, ohh jaaa. Freu dich drauf‘, ich hab‘ furchtbar viele Ideen für meine Rache. Und sie wird dich treffen, so wahr mir Alatar helfe. Kind des Vaters hin und her, du hast 'ne Grenze überschritten und jetzt hol‘ ich mir deine Ohren.“ Tanai flüsterte zu sich selbst, halb wahnsinnig vor Zorn und Schmerz. Doch ganz klar war, dass sie diesen Diebstahl nicht ungesühnt lassen würde. Es gab nur eine Person, die sie willentlich bestehlen durfte, und das war zweifelsfrei kein madiger Letharf.
Wild zuckten die Augenlider im Schlaf, unruhig war der Körper und aufgebracht der Geist, der eigentlich ruhen sollte - doch er tat es nicht. Stattdessen weilte er an einem Ort, der anziehend wie abstoßend zugleich war. Wabernd und dickflüssig schwappte etwas in einem uralten Becken. Tiefschwarze Schatten und blutrote Funken strebten empor. Und dann griff eine ungnädige Hand ins Nichts. Schwer atmend schreckte Tanai aus ihrem Schlaf auf und blinzelte weg, was da war und irgendwie wieder doch wieder nicht. Sie rieb sich über die Stirn mit beiden Händen (wobei ihr malträtierter Ringfinger wieder herrlich pochte) und versuchte zu sortieren, was sie da gesehen hatte. Sie kannte diesen Ort… und die wenigen Male, da sie ihn als Tempelwächterin zu Gesicht bekommen hatte, die waren schon zu viel gewesen. Der kupfrige Geruch in der Luft, der Moder von gefühlten Dekaden an Geschichte, das unheilvolle Flimmern in diesen zerfallenen Ruinen. Der Alte Tempel war seit jeher ein Ort gewesen, um den sie einen Bogen gemacht hatte, doch nun zog etwas an diesem Ort sie an wie eine wispernde, lockende Stimme und das sollte ihr eigentlich Angst machen. Und doch… irgendwas hatte sich verändert. Der Strubbelkopf stieg seufzend aus dem Bett und machte sich erstmal einen sehr starken Kaffee, während sie weiter in Gedanken dem Traum nachhing. Sie musste langsam eine Erklärung finden für das, was sie da spürte… erst dieses garstige Kribbeln im Nacken, dann die Prüfung durch Demian, jetzt dieser seltsame Traum. Es gab nur einen Weg, um herauszufinden, was da passierte. Sie wusste schon, wohin ihre Schritte sie führten, noch ehe sie jene körperlich wahrnahm. Wenig später saß sie im Schaff nach Rahal und wusste auch, dass diese Schiffsreisen schon bald ein Ende nehmen mussten.
In Rahal am Hafen angekommen strebte der Strubbelkopf gen Tempel und dort wurde nach einem kurzen aber innigen Gebet am Altar der Weg hinauf zu den Stufen der Galerie genommen. Gut verborgen im hinteren Teil des Tempels waren dort einige basaltschwarze Bücherregale und sie begann die teilweise sehr alten Bücher darin vorsichtig zu durchsuchen. Papier knisterte verdächtig und die Stirn der Tempelwächterin ging immer mehr in Falten, umso länger die Suche nach Wissen anhielt. Was suchst du eigentlich? Glaubst du wirklich, hier eine Antwort zu finden? Natürlich war es überaus töricht das zu glauben, denn es würde wohl kaum etwas über die Geschichte des Blutbeckens oder über den Alten Tempel in öffentlich zugänglicher Literatur stehen. Und doch hoffte der Strubbelkopf auf einen Anhaltspunkt, auf einen winzigen Funken, der sie irgendwie weiterbrachte. Sie wurde das schleichende Gefühl nicht los, dass ihr Leben sich hinter nebelartigen Schatten immer mehr mit dem verwob, was den Tempel des All-Einen ausmachte, was die Templer ausmachte… was sie vielleicht eines Tages einmal ausmachen würde? Deutlich frustriert von der erfolglosen Suche schlug sie die alten Wälzer wieder zu und stellte sie vorsichtig in die Regale zurück. Gerade wollte sie sich auf den Weg nach Grenzwarth machen, als sie im unteren Bereich des Tempels ein Geräusch wahrnahm. Gut verborgen hinter einer Säule hoch oben auf der Galerie spähte sie hinunter und versuchte herauszufinden, wer oder was dieses Geräusch verursachte. Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Vielleicht wurde sie auch langsam verrückt, der wusste das schon so genau…
In zusammengestauchter Embryostellung lag ein geschundener Leib in blutigen Bettlaken und zuckte im Schlaf immer wieder heftig zusammen. Der kahlgeschorene einstige Strubbelkopf wälzte sich auf einem ebenso blutig gewordenen Kissen und die zusammengekniffenen Augenlider flackerten wild, denn sie sahen im Traum die Konturen eines Aschepanthers, der sie durch den Tempel von Rahal jagte. „Renn, kleine Tanai... RENN!“ Ein Schrei verließ Tanais Mund und dann riss sie die Augenlider auf, hinter denen sich der gequälte Meerblick verbarg. Ihr Gesicht war verzerrt von Schmerz und Erschöpfung, während ihr Körper schon zu zittern begann. Sie lag vollkommen nackt in Dareans Bett im Keller des Hauses der Obskuritäten. Nach der zurückliegenden Pein der letzten Nacht hatte sie es nicht mehr bis nach Cabeza geschafft und stattdessen die wohlige Sicherheit im Heim ihres Diebes gesucht. Die blutrote Leinenrobe des Tempels hatte sie sich unter schmerzenden Bewegungen vom Körper gezogen und neben dem Bett zu Boden gleiten lassen, ehe sie vor Erschöpfung weggedämmert war. Doch nun, im wachen Zustand, da pochte ihr die Stirn und die tiefen Wunden an ihrem Rücken zogen verzehrend an ihren Sinnen. Sie zwang sich aus dem Bett zu kriechen und schlurfte in das Bad nebenan, in dem sie sich unter gepresstem Keuchen in das Wasserbecken sinken ließ. Schwappend spülte das Wasser an ihrem Rücken das Blut und die Säure aus den Peitschennarben. Und auch die Wunde des Pantherbisses an ihrem rechten Schulterblatt weichte in dem Wasser auf, um weiteres Blut aus ihrem Körper zu treiben. Trotz des warmen Wassers zitterte sie und zog die Hände um den schmalen Leib, als würde ihr das irgendwie Sicherheit geben. Wie sehr wünschte sie sich in jenem Moment, es wären die besitzergreifenden Arme ihres Diebes gewesen, doch er war nicht hier und sie musste mit den Folgen ihrer ersten Weihe allein zurechtkommen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass man dich prüft. Stell‘ dich auf mehr davon ein, so viel mehr… Die Gedanken an den zurückliegenden Abend des 3. Goldblattes 267 wollten nicht weichen und sie tauchte mit dem kahlgeschorenen Kopf tief unter Wasser, um ihren Geist und ihren Körper zu beruhigen.
„Renn, kleine Tanai… RENN! … Renn zum Altar!“ Während sie auf der Galerie gestanden und den Templern unten im Altarraum heimlich zugesehen hatte, war ein aschgrauer Panther um die Ecke geschlichen und hatte begonnen sie durch die Bibliothek und schließlich die Treppe hinab in den Altarraum zu treiben. Sie war direkt in die Templer hineingerannt und kaum stand sie umzingelt wie ein Opferlamm dort, da verwandelte sich der Aschepanther in Demians Gestalt. Sie knurrte und fauchte, war so in die Enge getrieben worden, dass ihr pure Wut in den Körper gekrochen war. „Verstecken... in seinen Hallen... Zwecklos. Sprich dein vielleicht letztes Gebet!“, hörte sie Demians Stimme hinter sich und dann war alles so furchtbar schnell gegangen. Sie hatte ihm das geforderte Opfer gegeben, das Buch mit den 10 Geboten, welches ihr einst von Vincent gegeben worden war. Wenig später betraten die Templer mit Tanai im Schlepptau den Alten Tempel. Dort stand sie vor dem Altar, während Demian sich hinter ihr postierte und Cailen von vorne zu ihr sprach. Warum war sie hier? Natürlich wollte sie IHM dienen und zu SEINEM Werkzeug werden. Und genau das spürte sie wenig später sehr direkt an sich, als zwei Catuli von beiden Seiten auf sie zutraten, um ihr Haar und Kleidung zu rauben. Früher hätte sie sich wohl geschämt, sich so nackt wie der Herr sie schuf zu zeigen, doch sie reagierte schnell genug und zog das Kleid allein vom Körper, noch ehe die gierigen Messer der Catuli es zerschlitzen konnten, während ihnen dafür der Anblick ihres schmalen Leibes mit Kampfnarben, Brandmalen und alten Peitschennarben entgegenschlug. Es machte ihr nichts aus, dass man ihr die Strubbelhaare abschnitt, doch die Blutrinnsale, die von Schnittverletzungen vom Kopf herabliefen, die ließen sie schauern. Nach jener Prozedur begann Cailen die Leitgedanken des Herren von ihr zu erfragen. Jedes Mal, wenn sie Antwort gab, traf sie neben Vertiefungen zu jenen Leitgedanken auch der garstige Hieb einer mit Säure getränkten Peitsche. Eine ihrer Peitschen, eine von 10, die sie für Demian einst gefertigt hattte… Die Säurepeitsche riss ihr Fleisch auf und verätzte die frischen Wunden in brennender Begierde. Beim schließlich vierten Leitgedanken und vierten Peitschenhieb kippte sie vor Schmerzen beinahe vornüber und hielt sich kaum noch auf den Knien, während sie am ganzen Körper zitterte.
Sie bekam kaum noch mit, wie sich im Blutbecken des Alten Tempels etwas regte und ein Grollen durch die Ruinen ging, welches sich vor zum Altar schlich wie ein dunkler, kriechender Schatten. Es war schließlich der Atem in ihrem Nacken, der sie wieder aufschrecken ließ und sie an das garstige Kribbeln erinnerte, was sie nun schon so lange gespürt hatte. Doch was dann geschah, ließ Tanai laut und kehlig aufschreien vor Schmerzen, denn aus den Schatten hinter ihr formte sich ein schemenhafter Panther und schlug seine scharfen Reißzähne tief in ihre rechte Schulter hinein. Ihre Augen verdrehten sich und das Zittern vertiefte sich noch mehr in ihren Leib, während der schemenhafte Panther wieder am Blutbecken verschwand und Cailen mit seinem Stab zu Boden tockte. „Catula Tayris…“, doch sie nahm es kaum wahr, schwebte zwischen Schmerz und Bewusstlosigkeit. An vielmehr konnte sie sich kaum noch erinnern, alles war verschwommen. Demian hatte ihr eine Leinenrobe über den geschundenen Körper gezogen und ihr dann noch für ihr widerspenstiges Wesen die Auflage aufgetragen, zukünftig eine Ringrüstung zu tragen, bis jene Strafe von einem Tetrarchen wieder aufgehoben wurde. Wenig später hatten die zwei anwesenden Catuli (die sie auch noch nackt gesehen hatten, noch bevor sie überhaupt ihre Namen kannte) sie durch die Kellergewölbe des Tempels von Rahal geführt, begleitet von Demian im Hintergrund. Irgendwann dann verband er die drei Catuli zu einer Einheit, versprach ihnen, dass jeder Fehler des einen auch der des anderen sein würde. Sie würden für jede Schwäche, jeden Fehltritt… gleichermaßen leiden. Eine Einheit, sowohl in Lehre als auch in Schmerz sein. Horatio, Damos und Tanai - wer wusste schon, wohin diese Verbindung sie alle noch führen würde. Nach dem Abschied von Demian und den beiden Catuli war Tanai unter Schmerzen zur Kutschstation vor Rahal gestolpert und nach Grenzwarth gefahren. Mit letzter Kraft hatte sie sich in Dareans Haus geschleppt und war die Stufen den Keller hinab in das Schlafzimmer gestolpert, um dann in einen beinahe narkotischen Schlaf zu fallen.
“Geh! Bleib nicht stehen! … Renn, kleine Tanai, renn!“ Keuchend wachte Tanai aus ihrem Traum auf und sah mit weit aufgerissenen Meeraugen an die Decke des Kellergewölbes. Sie lag in Sicherheit, weit weg vom Blutbecken… weit weg vom Herrn des Hasses. Noch immer konnte sie nicht zu Gänze verarbeiten, was in den letzten Tagen passiert war, alles schwappte über ihren Geist wie das dickflüssige Blut im Alten Tempel, selbst in ihren Träumen. Die Erscheinung des Herrn des Hasses war hervorgerufen worden durch das Blut -Seiner- Templer. Sie alle hatten es gegeben, auch Tanai, kaum mehr als ein paar Tage geweiht als Catula und wieder floss ihr Lebenssaft für Ihn. Wie dieses Wesen… dieser Gesandte zu ihnen allen gesprochen hatte. Nein, es war kein sprechen, er hatte sie angeherrscht, damit sie alle aus ihrer Trägheit erwachten, sich nützlich machten. Und jener Moment, da Velvyr’tae den Schädel von Anara zu Tage befördert hatte und eine Urne mit den restlichen Gebeinen aus dem Blutbecken emporgestiegen war, … Tanai würde es nie wieder vergessen. Hatten sie all die Jahre die Überreste von Isidor‘s und Ador‘s Mutter hier im Heiligen Alatarischen Reich vor den Ketzern verborgen? Schnaufend krabbelte Tanai aus dem Bett und versuchte sich einmal mehr von ihren Wunden im Wasserbecken reinzuwaschen, die gefühlt mit jedem Tag zunahmen. Nach der Zusammenführung von Anara’s Gebeinen waren sie in der Kapelle des Tempels verwahrt worden, und Tanai… die hatte die Peitsche wieder zu spüren bekommen, direkt vor dem Altar (warum das nötig war, war ihr bis jetzt noch nicht klar, aber es hatte die Wunden wieder aufgerissen). Grummelnd stieg das kleine Raubkätzchen aus dem Wasser und schlang sich ein Handtuch um den Leib, das den sanften Geruch nach Kirschen und Vanille verströmte. Hmmmm… so wunderbar. Immer.
Geschunden und müde kroch Tanai die Kellertreppen hinauf und begann damit das morgendliche Ritual im Garten, Kochen von Kaffee über offenem Feuer, zu vollführen. Hier stand sie nun, und sie würde noch eine Weile hierbleiben, denn nun war ihr Heim auf Cabeza aufgegeben. Ihre Mutter würde sie sicher weiter von Zeit zu Zeit besuchen, doch die Pflichten des Tempels knapsten viel Zeit ab. Und jene Pflichten wurden immer größer, das war ihr spätestens am letzten Abend klar geworden, als im Palast von Rahal die Verkündung durch den Tempel erfolgte, dass die Gebeine Anara’s sich in dessen Obhut befanden, und der Herr des Hasses verlangt hatte aus der trägen Lethargie auszubrechen, um Sein Werk zu vollrichten. Womit sie an jenem Abend nicht gerechnet hatte… dass Cailen höchstselbst ihr Anara’s Gebeine auf einem roten Samtkissen, bedeckt von einem ebenso roten Tuch, überreichen würde und sie dafür verantwortlich war, dass sie im rechten Moment enthüllt wurden. Die Gedanken daran, was passiert wäre, wenn sie auch nur einen falschen Schritt getan hätte, wenn sie gefallen wäre und vor aller Augen versagt hätte… noch immer schauerte sie dabei. “Geh! Bleib nicht stehen!“ Es war geglückt, sie hatte nicht versagt und auf Cailen’s Zeichen die Artefakte auf dem Thron niedergelegt und enthüllt. Das Raunen und die Aufregung in der Menge war groß gewesen, viele Fragen prasselten auf den Tempel ein, und Tanai hatte jenen Moment einerseits genutzt, um durchzuatmen… andererseits, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung. Und die war mehr als aufgeheizt, die Saat für das Emporsteigen neuen Hasses war gesät. Zum großen „Glück“ des Raubkätzchens musste sie Anara’s Gebeine am Ende des Abends dann auch noch zurückverfrachten in die Kapelle und sie hatte danach schon mit weiteren Peitschenhieben gerechnet, doch sie waren ausgeblieben. Stattdessen hatte sie unverhofft ein „Lob“ von Aliyahna eingeheimst und danach noch eine recht hitzige Debatte zwischen den drei Tetrarchen mit angehört. Irgendwann dann aber war sie geflüchtet, denn es war nie eine gute Idee mit Drei von dieser Sorte allein in einem Raum zu sein.
Seufzend mit einem Zittern am Leib goss sich Tanai den fertigen Kaffee ein und dachte an den Traum der letzten Nacht. „Geh! Bleib nicht stehen!“ Die Erinnerungen daran vermischten sich mit der Szene an dem Blutbecken, als der Herr des Hasses sich gezeigt hatte. Und an den Tag ihrer Weihe, ebenfalls im Alten Tempel. Es war eine einzige Masse aus waberndem, verschlingendem Blut. Und aus Hass, der immer mehr genährt wurde von Gedanken. Gedanken, denen man nicht ausweichen konnte und die selbst im vermeintlich sicheren Traum mit einer garstigen Warnung gespickt gewesen waren. „Er wird dich richten.“ Durstig trank Tanai von ihrem Kaffee und verbrannte sich dabei die Lippen und auch die Zunge, doch die Gedanken daran, was passieren würde, wenn sie versagte… die waren der weitaus größere Schmerz. Ein Schmerz, der so garstig war, dass er immer tiefer in den schmalen Leib eindrang, bis er irgendwann das kleine pochende Herzchen des Raubkätzchens ganz und gar einnehmen würde. Ihr Kiefer schmerzte, so sehr biss sie die Zähne zusammen und dann kroch sie ermattet in das Haus der Obskuritäten zurück, um sich für den Tag in ihre blutrote Leinenrobe zu hüllen. Die Gebeine Anara’s würden auch an diesem Tag bewacht werden, so wie an den zurückliegenden und auch an den folgenden. Es blieb ein Rätsel, was mit ihnen geschehen würde und die Catula war sich sicher, dass sie alle es schon sehr bald herausfinden würden.
"Tanai... Nai Nai Nai... armes, kleines Mäuschen. Wo sind all jene, die dich schützen wollten jetzt gerade? Verlobter... und dein lieber, treuer Herr PAPA? Du hast dir einen anderen Vater gesucht. Soll ich dir sagen, wie diese Geschichte auch ausgehen wird? Ja? Weißt du es schon? Er wird dich fallen lassen, im STICH lassen, wenn du ihn brauchst." Keuchend schlug Tanai ihre geballte Hand auf die Küchenzeile (und es schmerzte furchtbar ob der frischen Wunde des Pflocks), um diese Stimme aus ihrem Kopf zu bekommen. "Alles was mich schützt, ist in mir, mein Glauben für den Herren... und du kleine Made endest im brutzelnden Fett eines letharischen Topfes!", brandete ihre zornige Erwiderung auf die Worte Getares noch immer in ihren Schläfen. "Nein, nein, Zuckerschneckchen, ich werde ihm etwas nehmen, auf das er sehr stolz ist... und du wirst ihn nicht trösten können. Töchter sind etwas... Besonderes. Das weißt du auch." Ihr Schädel war beinahe explodiert, so sehr hatte das hell aufkreischende Lachen sie eingenommen. Und doch... sie war in jenem Moment standhaft geblieben, als sie dort mit der Templerschaft am Schrein der Drei nahe des RaKuns gestanden hatte. Die Verbindung zur Dreieinigkeit war offenbar zunächst nicht geglückt, denn der blutige Pflock, den Cailen den drei Catuli dort überreicht hatte, war erneut in Blut getränkt worden, nachdem er in Düstersee zum Tode von unschuldigen Bürgern geführt hatte während eines Angriffes der Harpien, die Getares da entsandt hatte. Und dann hatte da das Blut der drei jungen Templer geklebt. Während Zar’ffyn und Horatio es vorgezogen hatten, ihre Wunde mit einem Dolch zu schneiden, war Tanai da deutlich rabiater vorgegangen und hatte den Pflock direkt als Dolch genutzt. Wenig später hatte an jedem Schrein ihrer Dreier frisches Blut als Opfer seinen Platz an den Altären gefunden, gefolgt von Gebeten und Anrufungen an den Herren selbst. Was dann aber geschehen war... sie konnte es noch immer nicht so richtig verarbeiten.
Getares hatte zu ihnen gesprochen und hatte einem jeden Templer Worte der Zwietracht in den Geist geschickt, versucht sie davon abzubringen die Macht Alatars heraufzubeschwören. Von jener schlangenhaften Zunge hatte sie erst als letzte in der Reihe ganz persönliche Worte in ihren Geist geflüstert bekommen, und doch waren sie derartig garstig, dass sie ins Wanken gekommen war. Zwar hatte sie jene Gefühle unterdrückt, solange wie sie vom Gefallenen heimgesucht wurden, der kurz darauf eine Schar seiner Harpien entsandt hatte, doch irgendwann dann... jaaa, irgendwann war sie heimgekehrt. In das Haus ihres Diebes, das nun seit zwei Tagen auch das ihre war. Bis spät in die Nacht hatte Tanai nach diesem Erlebnis geräumt, herumgestellt, dekoriert, jaaa... alles getan, um die Gedanken aus ihrem Kopf zu kriegen. Sie waren klebrig wie Blut, das an ihr herunterlief und in jede Pore ihres Körpers einzudringen versuchte. Sie haben mich nicht im Stich gelassen, sie haben mich stärker gemacht. Immer. Und stets bin ich wieder aufgestanden. Ich laufe nicht mehr weg, ich gehe weiter diesen Pfad des Herren. Ewig, bis der Tod mich holt. Schwer atmend zog Tanai ihre Hand von der Küchenzeile und ging hinauf in das Dach des Hauses, um sich dort an ihren Arbeitstisch zu setzen und zu schreiben. Sie schrieb einfach all ihre wirren Gedanken auf. Gebete mischten sich mit Vermutungen über Getares Absichten. Sätze darüber, wie wertvoll sie war, mischten sich mit dem, was ihr aus Minderwertigkeitsgefühlen das Herz schwer machte. In all dieser Zeit fragte sie sich, was Getares gemeint hatte mit der Eingebung "Töchter sind etwas... Besonderes“. Meinte er Alatars Kind? Meinte er den Spross Paia’s? Wenn ja, dann war die Warnung deutlich, denn er hatte offen zugegeben, dass er Alatar seine Tochter nehmen würde. Zähneknirschend rieb sich Tanai mit der verletzten und verbundenen Hand die Stirn, dann warf sie den Federkiel mit etwas zu viel Schwung auf das Gekritzel auf dem Papier. Du musst schlafen, in deinem Heim... in unserem Heim. Vielleicht werden die Worte Getares dann klarer... nun schlaf, kleine Nai.
Zuletzt geändert von Tanai Tayris am Montag 4. November 2024, 22:47, insgesamt 1-mal geändert.
Sanft wehte der Wind durch strubbeliges, rabenschwarzes Haar und liebkoste dabei auch die zart erröteten Wangen, während ein lindgrünes Augenpaar jede Regung des weiblichen Gesichtes fasziniert betrachtete. Wie eh und je stahl sich dabei ein diebisches Grinsen auf die betörenden Lippen, die nur wenige Momente später ihr verführerisches Werk begingen. Hier in diesem Kirschbaumhain gab es weder Zeit noch Raum, hier waren nur sie beide und langsam stahl sich der Gedanke in den Strubbelkopf, dass dies zweifelsohne Nileth Azur sein musste. Noch ein letzter zärtlicher Windhauch umspielte das verliebte Paar, welches innig umschlungen beieinander stand, dann wehte der Traum alles hinfort und ließ nichts als Frieden zurück. "Wach auf, mein Raubkätzchen, es ist bald Mittag“, hörte Tanai die so vertraute Stimme und blinzelte den letzten Rest ihres Traumes hinfort. Doch dies hier war kein Traum, nein nein, ganz und gar nicht. Die lindgrünen Augen waren real, als jene sie von oben bis unten betrachteten, während sie noch schlaftrunken neben dem Dieb im Bett lag. Sie wusste, dass der Friede des Traumes und jener der Wirklichkeit bald vergangen sein würde, doch klammerte sie sich noch einen Moment daran wie eine Ertrinkende. Sie hatte ihn gefunden, mitten in der Zeit der Entbehrung, und dies war für sie als Templerin zweifelsfrei eine harte Lektion. Doch sie hatte nicht anders gekonnt, sie musste ihn einfach suchen... und der All-Eine hatte ihr dabei wohlgesonnen zugesehen wie es schien. "Hmmm... kann ich nicht einfach noch etwas hier bleiben, mein entzückender Dieb? Nur ein bisschen... der Alatner ist bald vorbei." Da streichelte der Rotschopf sanft über das rabenschwarze Haar, ehe er dem Raubkätzchen zu wisperte. "Du musst zurück, es ist deine Alatar gegebene Pflicht. Doch ich werde immer bei dir sein, ganz gleich wo unsere Körper weilen." Wieder dieses diebische Lächeln, dann seufzte Tanai und krabbelte müde von der letzten Nacht aus den Federn, um sich für die Abreise bereit zu machen.
Die Rückreise nach Gerimor mit dem Schiff fiel Tanai unendlich schwer. Sie hatte noch nie so zerrissen gefühlt, denn stets war die Reise nach Gerimor ihr eine schiere Freude gewesen, war es doch ihre Flucht aus der trägen Wirklichkeit. Doch nun war ihre Wirklichkeit eine andere, und sie zweifelte, was das alles zu bedeuten hatte. Darean lebte, er war in Sicherheit und sie wusste, dass er auf sich aufpassen konnte, das tat er schließlich immer. Doch konnte sie das? Auf sich aufpassen, ohne ihn? Wenn es nach dem frechen Dieb ging, dann konnte sie das ohne jeden Zweifel, doch sie selbst... jaaa, die haderte schwer damit. Doch sie war nun eine Templerin, musste ihrer Pflicht folgen und sie würde selbst bis zu Kra'thor in sein Reich hinabsteigen, um das zu tun, wofür sie seit dem Goldblatt bestimmt war. All die Zweifel, die der Gefallene Getares ihr an diesem schicksalhaften Abend am Schrein der Drei eingeflüstert hatte, waren fort... überdeckt von der Liebe ihres Diebes. Sie war stark. Sie war mutig. Und sie würde dereinst eine Templerin werden, welche die Welt noch nicht gesehen hatte. Garstig, spitzfindig, tiefgründig. Oh jaaa... Gerimor würde noch sehen, was das kleine Raubkätzchen alles zu Stande brachte. Mit einem tiefen Durchatmen sahen die zusammengepietzten Meeraugen zu der Silhouette von Rahals Küste, das Schiff würde bald anlegen und es gab keine Zeit für weitere Verzögerungen. Der erste Weg würde sie direkt zum Tempel von Rahal führen, um dort mit voller Willensstärke dem All-Einen gegenüberzutreten. Sie war bereit, mehr denn je.
Schwere Schritten hallten, in den Armen ein so kostbares Gut. Der seltsame Geruch des einbalsamierten Alkas Isidors, die forschenden Blicke des Alatarischen Volkes, viele Worte über das göttliche Rätsel, welches nicht lösbar schien. Dann... eine kräftige tetrarchische Hand, die ihr mit einer Gebetskette die Luft abschnürte, sie schließlich zu Boden riss. Und wenig später umso schmeichelhaftere Finger, die ihre Wange streichelten. "Tanai... DU hast so viel Potenzial...", drang die Stimme Demians verführerisch in den schlafenden Geist. "Ich sehe dich in der Führungsrolle unter den Catuli...", waren dies Worte der Hinterlist? Schatten waberten, dann plötzlich starrten moosgrüne Augen in Tanais Gesicht, während die Hände einer Lethra sie an den Wangen streichelten, wieder so verführerisch... so intim. Und dann zerrten die Schatten an ihr, fraßen sich in ihr Inneres, schickten Welle um Welle des Schmerzes durch den träumenden Leib. Ein Pantherknurren in naher Ferne erklang, doch der Abgrund riss garstig an ihr und peinigte unbarmherzig jede Faser ihrer weltlichen Hülle. "Du bist anders als die anderen Catuli. Härter. Widerstandsfähiger. Und stacheliger.“ Die Worte rissen sie wieder zurück, zu diesen Moosaugen, zurück in die Schmeichelei. Und dann stach Velvyr‘tae unbarmherzig zu, mit dem gestohlenen Dolch einer Kronritterin Lichtenthals. Kontrolle, Beherrschung, Widerstand. Und dann... Schwärze, der Nebel der Rauschkristalle verzog sich und hinterließ eine rot tropfende Spur auf dem Fußboden im Gebäude des Ordo Trinitatis. "Du tropfst... Catula", riss die Stimme eines anderen Tetrarchen an ihr, während dessen Hand an ihrer Tempelrobe zerrte. Das Zerren ließ erst nach, als blutrote Schatten und giftgrüne Nebel sie vollkommen einhüllten und in den verschlingenden Abgrund zogen.
Schwer keuchend wachte Tanai aus ihrem unruhigen Traum auf und starrte mit geweiteten Meeraugen an den Baldachin ihres Bettes. Ihr rasender Herzschlag vermischte sich direkt mit dem schweren Pochen in ihren Schläfen, ein unliebsamer Begleiter des Rauschkristallnebels, den sie am Vorabend viel zu lange eingeatmet hatte. Und dann... jaaa, da war er, der beißende Schmerz in ihrem Oberschenkel. Velvyr’tae hatte die Catula nach aller Herzenslust in der Schmerzlehre unterwiesen, und es war zugleich Demütigung wie Würdigung gewesen. Und sehr intim, das spürte sie noch immer von dem schwachen Nachhall der letharischen Hände an ihren Wangen. Noch immer schwer keuchend krabbelte Tanai aus ihrem Bett und ging in das Bad, um sich dort zu waschen. Mit einiger Abscheu sah sie dabei im Spiegel an ihrem Hals die Male, welche die Gebetskette hinterließ, als Demian sie während Aliyahnas Unterrichts zu den Leitgedanken gewürgt hatte. Nicht, dass sie solche Strafen nicht aus ihrer Vergangenheit kannte, nein nein. Doch da war etwas anderes... verlockend, dunkel. Der Abgrund, und wenn sie nicht verdammt aufpasste, würde sie aus jugendlichem Hochmut dort hineinfallen und nie wieder zurückfinden. Die Schmerzen, welche ihr der Tetrarch und die Lethra zugefügt hatten, waren auszuhalten, und für einen kurzen Moment dankte sie dem Tempel von Cantir, dass sie seit ihrer frühsten Jugend abgehärtet worden war... Doch etwas anderes zerrte nun mehr an ihrem Geist als der körperliche Schmerz es tat.
Es waren die geistigen Schmerzen, die tief in sie hineinkrochen, wann immer die höheren Templer es wünschten. Sie konnte sich nicht dagegen widersetzen, und vielleicht sollte sie das auch nicht? Es war eine garstige Lektion... und wie sie so an sich herabsah, da wusste sie, dass die folgende Lektion sie weiterbringen würde... viel weiter. Als wenn es nicht schon ausreichte, dass Demian sie zur Strafe in ihrer Ringrüstung schlafen ließ, musste sie jetzt auch noch eigenhändig diese Wunde öffnen, mit dem Dolch einer Ketzerin. Würde die schmerzliche Erkenntnis darüber, dass die kronritterliche Klinge nun täglich in ihr zartes Fleisch eindringen würde, sie am Ende schwächen oder stärken? Ein unangenehmes Schlucken folgte, dann wusch sich Tanai zu Ende und machte sich danach daran, an ihrem Altar zu Alatar zu beten und zu meditieren, um sich für das Kommende zu wappnen. "Du kannst alles schaffen, mein Raubkätzchen", schnurrte eine diebische Stimme samtig in ihrem Geist und feuerte sie beinahe an, bis sie bereit war den Schmerz zu empfangen, der schon bald in ihren Oberschenkel hinabfahren würde.
Kapitel 104 - Wenn Schmerz wahrhaftigen Hass nährt
Ein Zucken und Winden, der Leib scheint sämtliche Kontrolle zu verlieren, denn er träumt. Er träumt so sanft, und doch... er träumt garstig, und so unfassbar gnadenlos. Er träumt von einer moosgrünen Augenweide. Von nachtblauer Haut. Von fein verzogenen Lippen. Eigentlich eine Schönheit, nicht wahr? Und da ist der Störenfried in dieser Tragödie, ein eisblauer Dolch, den Händen einer Lichtenthaler Kronritterin entrissen. Er steckt tief in menschlichem Fleisch, so furchtbar tief. Und als der Schmerz den ganzen Körper überrollt wie eine Sturmflut, reißen sich die Augenlider der Träumenden auf und in den Meeraugen liegt die rauschend schwarze Urgewalt eines ganzen Ozeans, der aus Hass genährt wird. Keuchend und vollkommen verschwitzt wachte Tanai auf. Ihr Brustkorb zuckte heftig, das Traumbild quälte ihren Geist. Ich hab' es überlebt, bei Alatar... sie wird mich nicht niederzwingen. Keiner wird das, niemals. Es dauerte Äonen, bis das kleine Raubkätzchen sich aus dem Bett quälte, die Schmerzen in ihrem Oberschenkel waren unerträglich und das Fieber zerrte sie zum Abgrund.
Die Aufgabe war bewältigt, vorerst... doch nun galt es dieses verdammte Schmerztagebuch in die Hände von Velvyr’tae zu spielen und zu hoffen, dass die Clerica mit dem zufrieden war, was dort in den letzten Tagen geschrieben wurde. Und was Tanai überlebt hatte, vorerst... Das Tagebuch war am Einband mit lauter Blutflecken übersäht und sah ziemlich mitgenommen aus. Doch das war nicht wichtig, nein nein. Viel wichtiger war die garstige Nachricht an die Lethra. "Viel Vergnügen, meine moosgrüne Augenweide." Mehr stand da nicht auf der kurzen Nachricht, das musste genügen. Das Päckchen fand dann alsbald seinen Weg in den Tempel des Axorns, während Tanai sich daran machte irgendwie wieder zu funktionieren, denn schon bald stand ein Ritual am Schrein der Blutroten Hand an, mit welchem der Tempel erneut versuchen wollte den Alka zurück zu den Lebenden zu holen. Seufzend trank Tanai ihren viel zu starken Kaffee und dachte nochmal über das nach, was sie in den letzten Tagen in das Tagebuch geschrieben hatte. Sie hatte eine Abschrift davon auch in ihrem eigenen Tagebuch festgehalten, nur um sich daran zu erinnern. Später vielleicht... irgendwann einmal, wenn aus ihr etwas wurde. Nur was? Vicaria, Clerica, gar Tetrarchin? Die Zeit würde es zeigen, da war sie sich sicher. Sie musste Geduld haben, vorerst...
Führung eines Schmerztagebuches
ergänzend zur Schmerzlehre vom 5. Hartung 268 durch Clerica Velvyr’tae in den Tempelgewölben des Axorns
Meine „Aufgabe“ besteht nunmehr darin, wie jeder Templer es einst durchlebt hat, mich selbst zu... filetieren wie einen Cabezianischen Regenbogenfisch und dabei herauszufinden, ob und wie ich körperlichen Schmerz aushalten kann. Ich heg' wenig Hoffnung, dass dies irgendeinen Effekt auf mich hat, immerhin wurd' ich seit meiner Kindheit vom Tempel Cantirs maßgeregelt und regelmäßig in meine Einzelteile zerlegt. Doch der Herr wird mir Seine Weisheit sicher zuteilwerden lassen.
Tag 1 - 6. Hartung 268:
Beim Aufstehen hatte ich einen ordentlichen Schädel von dem Rauschkristallnebel der letzten Nacht, bis ein heftiges Pochen in meinem Oberschenkel in den Vordergrund meines Geistes drang. Den Beginn des Tages verbrachte ich größtenteils damit zu beten und zu meditieren, da mir die morgendliche Laufrunde ob der frischen Wunde unvernünftig erschien. Abends nahm ich ein ausgiebiges Bad, was die Wunde aufweichen ließ. Im Nachgang war das eine verdammt dumme Idee, denn das zarte Fleisch an meinem Oberschenkel war danach wie ein drei Tage gammelnder Aal... doch was getan werden musste, musste getan werden. Und so stach ich mit dem Coeliumdolch der Kronritterin in die Wunde ein, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Da zappelte nichts an mir, ich empfing den Schmerz wie einen alten Bekannten. Das Blut lief wie erwartet recht schnell aus der Wunde, nachdem ich den Dolch wieder herauszog. In jenem Moment fragte ich mich, ob die bessere Wundheilung, die ein Templer durch den Segen des Herren laut Clerica Velvyr’tae wohl hat, im Laufe der Jahre zügiger vonstattengehen würd'. Für diesen Moment hatte ich nicht den Eindruck, ich blutete wie ein Schwein... die Frage nach dem Ausbluten blieb vorerst ungeklärt.
Tag 2 - 7. Hartung 268:
Die Nacht war zu unruhig... und SIE hat sich in meine Träume geschlichen, hat Besitz von mir ergriffen wie ein eklig blubberndes Gift aus dem Axorn. Gerade als ich dachte, dass sie mich streichelt, spürte ich den stechenden Schmerz eines Dolches. Doch die Ernüchterung beim Aufwachen war jene, dass sich eines der Ringglieder in mein Fleisch gebohrt hatte. Gepriesen sei Tetrarch Athes, das Schlafen in Ringrüstung werd' ich ihm heimzahlen. Nachdem ich die Wunde aus ihrer unfreiwilligen Falle befreit hatte, das übliche Prozedere... Beten, Meditieren, Kaffeetörtchen essen (gut, dass der Alatner vorbei ist!!!) und dann Karamell füttern. Der Rest des Tages war gespannte Erwartung auf den Abend, würd' es dieses Mal weh tun? Ich hegte Zweifel... doch als die Dämmerung hereinbrach, stach ich quälend langsam (um die Prozedur zu verlangsamen) in die Wunde ein, Stück für Stück glitt die kronritterliche Klinge in mein Fleisch. Wieder nichts... nur ein Gedanke: Ich würd' diesen Dolch zu gerne in die Ketzerin rammen, um zu erfahren, wie sie dies aushalten würd'. Das wäre nur gerecht, immerhin hat sie dabei zugesehen, wie mich die Ketzer brandmarkten. Träumen darf man ja noch, nicht wahr? Möge Alatar meinen Hass weiter mehren.
Tag 3 - 8. Hartung 268:
Ich wachte unter großen Schmerzen auf. Die Ringrüstung war ein garstiger Verbündeter meiner Wunde am Oberschenkel geworden. Es sah fast so aus, als würde sich mein Fleisch entzünden, doch ich darf zu keinem Heiler. Zum ersten Mal wurd' ich zornig, es kann ja wohl nicht der Sinn sein, dass die Diener des All-Einen an einer Blutvergiftung verreckten?! Mühsam stand ich auf und wusch die Wunde mit kaltem Wasser aus, während ich in den Augenwinkeln diesen verdammten Dolch der Kronritterin erblickte. Am liebsten wollt' ich ihr die Kehle damit aufschlitzen und ich merkte, wie ich meinen körperlichen Schmerz in geistigen wandelte, nur um damit all meinen Zorn zu entfachen. Die Clerica hat den Dolch wohl mit Bedacht gewählt, will sie meinen Hass gegen den Osten damit ganz bewusst schüren? Es ist eine perfide Art und Weise mich zu lenken, und doch... ich ließ es zu und gab mich diesen Gefühlen hin. Ob ich sie lenken können würde, wagte ich zu bezweifeln. Am Abend war es wieder soweit und ich stach mich erneut ab wie ein kleines Häschen, doch dieses Mal fuhr samtig beißender Schmerz in mich und ich zerrte die Klinge hastig aus meinem Oberschenkel. Keuchend ließ ich das verdammte Ding auf den Boden klirren und einige Tropfen meines Blutes spritzen dabei durch den Raum. Dazu gesellte sich schon bald ein Rinnsal aus meinem Oberschenkel, tränkte den Boden in hübschem Rot. Dabei bemerkte ich, wie meine Gedanken sich formten wie ein Fluss, und sich begannen auf die nächste Stufe zu katapultieren - Erniedrigung, Zorn, Rachsucht... und bald würde nicht viel weniger als Hass daraus gedeihen. Knurrend unter weiterem Bluten betete ich zu Alatar, er würd' mich leiten.
Tag 4 - 9. Hartung 268:
Verschwitzt und irgendwie erschöpft wachte ich auf und fasste mir an die Stirn, die Hitze darauf konnte einer Feuerbeere ernstlich Konkurrenz machen. Unter einem leisen Ächzen schälte ich mich aus der Ringrüstung und sprang in das kalte Wasser meines Bades, tauchte ganz darin ein und ließ zu, dass mich schon so kurz nach dem Aufwachen mein Zorn überflutete wie peitschende Meereswellen. Diese Gefühle wurden stärker als sie es bisher waren und ich merkte, wie mein Körper gegen die Schmerzen ankämpfte, versuchte sie wie stets umzuwandeln, damit ich meinen Nutzen daraus ziehen konnt'. Das gelang mir seit meiner Kindheit immer sehr gut, doch nun merkte ich, wie es mich überrollte und ich dem Abgrund näherkam. Es dauerte Stunden, bis ich aus dem kalten Wasser stieg und meinem Tagewerk nachging. Und dann... ein kurzer Moment der Furcht, als ich mich am Abend wieder dazu durchringen konnt' den Dolch in mein Bein zu rammen. Zum ersten Mal schrie ich dabei auf und merkte, wie meine Zähne sich qualvoll zusammenbissen. Als ich den Dolch wieder aus mir herauszog, war die Blutung viel zu stark und ich spürte, dass die Hitze in meinem Körper weiter zunahm. War das der Hass, den jene Prozedur in mir züchtete? Mein Leib war ausgezehrt, und doch brannten meine Gedanken lichterloh. Vollkommen ermattet blieb ich neben meinem Altar sitzen und irgendwann muss ich eingeschlafen sein.
Tag 5 - 10. Hartung 268:
Das grelle Licht des Winters, welches durch die Dachfenster drang, blendete meine Augen und ich wachte fiebrig auf, wenngleich ich feststellte, dass ich es nicht mehr geschafft hatte die Ringrüstung vor dem Schlafen anzuziehen. Athes muss es nicht wissen, ohnehin schien es mir so, als würde ich mein Leben bald auszuhauchen ob dieses Wundfiebers. Der Tag wurde vollkommen ohne Gebete oder Meditation verbracht, und auch sonst war da nicht viel Leben in mir gewesen. Abends beschloss ich mir einen Rum einzuverleiben, es wurden schnell mehr daraus... Die Hemmung war so gering geworden, meine Kontrolle zu bewahren, dass ich mir noch einen Rauschkristall genehmigte und wenig später stach ich mich im wilden Delirium wieder ab, wobei der Dolch dieses Mal tiefer in mein Fleisch eindrang. Kein Schrei, kein Schmerz, nur wabernder Hass, der sich in den letzten Tagen in mir allmählich aufgebaut hatte. Und er wird bald über mich hereinbrechen, und möglicherweise etwas verschlingen, das ich gut in mir verborgen halte... noch.
Tag 6 - 11. Hartung 268:
Ich bin am Ende meiner Kräfte. Die fortwährende Selbstverstümmelung entreißt mir zunehmend den Lebenswillen, doch ich weiß auch, dass Schmerz bedeutet zu leben. Mit Kräutertee halte ich mich am Leben, der Hunger ist mir vergangen (und der Schädel aus Rum und Rauschkristallen folterte mich zusätzlich). Das Einzige, was ich in meinem Fieberwahn noch zustande brachte, war den Altar anzustarren, auf dem mich eine Basaltstele mit den 10 Geboten fast höhnisch angrinste. Ich weiß, dass ich mir das einbildete, aber mein Kopf war nicht mehr klar, und so durcheinander wie ich war, war das einzige Mittel gegen diesen Zustand die Gebote rauf und runter zu rezitieren. Ich glaub' das ging Stunden so, bis ich wieder bereit war mein Werk zu vollrichten. Der Schrei, der beim Abstechen aus meiner Kehle entfloh, war so laut, dass er durch ganz Grenzwarth hallte. Es war mir egal, sollten den Letharen auf den Mauern der Zitadelle doch die Ohren schlackern, dann bekamen sie wenigstens mal keine Lustschreie von mir zu hören, sondern wirklichen Schmerz. Meine Hände zitterten als ich den Dolch aus meinem Bein zog und ich sank wie das letzte Elend am Altar herunter. Danach nur noch Schwärze aus Ohnmacht, der Abgrund... ganz sicher.
Tag 7 - 12. Hartung 268:
Was bin ich? Nichts vor Seinem Antlitz (außer ein verschwitzter, fiebriger und blutender Leib, der einfach nicht gewillt ist zu sterben... zumindest noch nicht). Langsam frag' ich mich, ob die größte Folter diese Selbstkasteiung ist, oder doch jene von anderen verwundet zu werden. Mein Körper sagt mir, dass die geistigen Schmerzen geringer sind als die körperlichen, aber mein Geist wehrt sich gegen diese Umkehrung meiner bisherigen Meinung. Ich ertrag' das, und noch viel mehr, das weiß ich. Die Templer in Cantir haben mir die Füße geschmort, wie ein Spanferkel, als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, und ich hab' es überlebt! Ich werd' das hier genauso überleben, also kämpfte ich den Tag über gegen meine Schwäche an und erinnerte mich daran, dass ich meine Grenzen überschreiten musste. Nur so... und wirklich nur so... konnte ich daran wachsen, die wahre Stärke erlangen für IHN. Fiebrig und ausgezehrt entschloss ich mich zum Tempel nach Rahal zu laufen (jaaa... oh jaa... was für ein langer Spaziergang von Grenzwarth aus, was für eine BLENDENDE Idee!). Nach einem langen Gebet zum Herrn quälte ich mich die letzten Schritte runter in die Katakomben des Tempels und verrichtete dort in der Kapelle meinen letzten Stich mit dem Dolch der Kronritterin. Garstig und mit feurig brennenden Augen starrte ich danach zum kleinen Schrein und wusste, dass mich mein Körper nicht bezwingen würd'. Nein, niemals, nicht so! Ich bin SEIN Werkzeug! Und wenn ER es will, dann erhebe ich mich zu Größerem und lass' mich von so etwas Trivialen wie körperlichem Schmerz niemals aufhalten. Niemals, unter gar keinen Umständen.
Ende des Schmerztagebuches: Nacht vom 12. auf den 13. Hartung 268 in Grenzwarth, Haus der Obskuritäten, verfasst von Tanai Tayris.
Kapitel 105 - Zwischen Gegenwart und Vergangenheit
„Ganz ruhig, du wirst ihn nicht umbringen. Du wirst niemanden umbringen. Du wirst damit nur dich in's eigene Grab bringen. Ksssccchttt, jetzt schlaf. Schlaf, du verdammtes Hurenkind, na los! Und wenn deine hübschen meergrünen Äuglein geschlossen sind, dann wirst du dieses faszinierende Moosgrün in all seinen Facetten erblicken... und die andere templerische Augenweide, die deiner jämmerlichen Vergangenheit viel zu nah gekommen ist. Ohh jaaa, warte nur ab. Irgendwann wird es wieder passieren! Hörst du! Sie werden dich in alle deine erbärmlichen Einzelteile zerlegen, und du wirst dann nur noch das brennende Bedürfnis haben davon zu laufen, so wie du es seit jeher getan hast! Renn, kleine Tanai... RENN!“ Keuchend wachte Tanai aus ihrem verstörenden Schlaf auf und starrte wieder einmal an den Baldachin ihres Bettes, während sie sich von der Geißelung des Traumes noch wand wie eine zermatschte Seeschlange, die ihr Leben gerade in den Weiten eines riesigen Ozeans aushauchte. Was sollte dieser Traum? Was sollte diese Schmach? Natürlich diente es nur einem einzigen Zweck: sie zu demütigen. So wie es immer gewesen war... doch diese Zeit war nun vorbei. Sie war auf dem besten Weg dorthin, endlich vom Herrn gewürdigt zu werden, aufzusteigen in seiner Gunst. Jaaa, ohhh jaaa... sie würde Vicaria werden, da war sie sich ganz sicher. Und wenn es nach Demian ging, dann war sie wohl zu Höherem berufen, er hatte ihr Potential schon so früh gesehen. Wenn ein Ast brach, dann entstand ein neuer Pfad. Damals, als sie die Trennung von ihrem Vicarius kaum verwunden hatte, da waren es eben jene Worte gewesen, die ihr gezeigt hatten, dass sie auf eigenen Füßen stand. Und Demian hatte Recht behalten, sie stand auf eigenen Füßen, auch wenn sie um eben diese in der letzten Nacht schwerlich gebangt hatte. Noch immer humpelte sie von der Schmerzlehre, und langsam fragte sich der Strubbelkopf, ob sie je wieder normal laufen konnte. Irgendwann, ganz sicher... es brauchte einfach noch etwas mehr Zeit. Der Unterricht indessen war eigenartig befriedigend gewesen, wenngleich dieser... nun ja... nackt im Schnee verbracht worden war, am Schrein der Blutroten Hand bei Düstersee.
Kälte hatte Tanai noch nie etwas ausgemacht, dennoch war ihre gesamte Beherrschung hier von Nöten gewesen. Sah man einmal davon ab, dass sie noch immer ihre lieben Probleme damit hatte, sich nackt vor anderen Menschen zu zeigen (und hier war sie ihrem einstigen Verlobten irgendwie dankbar, dass er an dieser Scham gearbeitet hatte), so war die Lehre über den Tempel und das Reich mit seinen Säulen für sie nichts Neues gewesen. Was aber neu war... das war die beißende Angst, die sie tief in ihrem Unterbewusstsein vergraben hatte. Jene Angst vor glühenden Kohlen. Vor dem Schmerz an ihren zarten Fußsohlen. Und doch irgendwie auch vor dem Weglaufen und all dem jugendlichen Leichtsinn des Ungehorsams... Ohhh, wie sehr hatte sich diese Lehre in ihr Fleisch gebrannt, wortwörtlich. Im zarten Alter von gerade einmal 11 Lebensjahren diese Erniedrigung zu erfahren, das hatte sie nicht umgebracht... aber es hatte sie gezeichnet, auf ewig. Und wann immer ihr freches Mundwerk zu Tage trat, da sollte sie sich besser an jene Lektion erinnern. Doch es gab Tage, an denen sie das viel zu tief vergraben hatte, während an anderen Tagen der reine Gedanke daran ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Und die Tetrarchin Aliyahna hatte es an diesem Unterrichtsabend beinahe geschafft, dass Tanai aus ihrer Haut gefahren war. Das Los war an ihr vorüber gegangen und hatte Damos getroffen. Genugtuung? Nein, Erleichterung... diese Qual nochmal zu erleben, hätte sie dem Abgrund wieder zu nahe getrieben. An das wohlbehütete Geheimnis, das einfach noch nicht bereit dafür war, dass es an die Oberfläche gelangte... es war so dunkel dort, und wenn die Welt eines Tages jenes Geheimnis zu Gesicht bekam, dann würde man vielleicht mit anderen Augen auf das kleine Raubkätzchen sehen. Doch für nun war es an der Zeit, dass sie nach dem Abschluss ihres letzten Unterrichts erst einmal eine andere Aufgabe erledigte... und sich dieser zu stellen, war weitaus der größere Kraftakt als die Lehren des Tempels des All-Einen.
Sie musste ihren Vater endlich wieder besuchen! Und der wusste zu allem Übel noch nicht einmal, dass sie den Weg einer Templerin eingeschlagen hatte. Was würde er nur darüber denken, nachdem sein eigener Vater vor dem Herrn versagt hatte? Würde er sich vor Gram in den Freitod schicken? Würde er stolz auf seine Tochter sein? Oder würde er gar vollkommen nüchtern wie ein abgestochener Aal darauf reagieren? Was auch immer es sein würde, sie musste diese Angelegenheit bald klären. Ein Besuch in Cantir wurde unvermeidbar, Lanisand rief erneut mit lockender Stimme nach ihr... Ohhh, was wäre nur aus ihr geworden, wenn sie in ihrem heimatlichen Fischerdorf geblieben wäre? Die Frage würde offenbleiben, während sich Tanai bei einem morgendlichen Kaffee ihre Gedanken darüber machte, wann sie aufbrechen würde. So bald wie möglich, dass stand außer Frage. Variun hatte die Wahrheit verdient, ungeschönt und in jedem noch so kleinen Detail. Seufzend fütterte das kleine Raubkätzchen ihre wahre Katze und strubbelte Karamell etwas am Köpfchen, dann wurde der eigene Kaffee geleert und sie wanderte in ihren Gedanken schon zum nächsten Punkt. Ein zu erbringendes Opfer, welches sie begleitet hatte auf dem Weg zur Templerin... das hatte ihr Demian vor einiger Zeit gesagt, als es um das Nachholen der verpassten Unterrichte ging, während sie am Festland bei Darean geweilt hatte. Sie wusste schon ganz genau, was dieses Opfer sein würde, und sie hatte Demian am vergangenen Abend dazu befragt. Es würde kein materielles Opfer sein, aber etwas, das sehr persönlich war... ihre Mundwinkel zuckten dezent hinauf. Es würde Schmerz bedeuten, ohne jede Frage... sehr großen Schmerz. Aber das war es wert, es war den Weg wert. Den Weg zur Tetrarchin, eines Tages... oh jaaa... “Du kannst alles schaffen, mein kleines Raubkätzchen. Du hast die Kraft dafür, den Willen, und den Mut.“ Die Stimme ihres Diebes schmeichelte ihrem Geist, während sie sich daran machte, ihrem Tagewerk nachzugehen und die Reise nach Cantir zu planen.