Das Bündel an ihrer Seite, den Kurzbogen, sowie den Köcher geschultert stand Jarii am Hafen und hatte rasch eine Entscheidung zu fällen. Die stolze Albatros segelte in Kürze nach Gerimor, die Nautilus hingegen nach Süden, in die entgegen gesetzte Richtung. Jarii folgte der Spur ihrer Schwester schon eine ganze Weile und erfuhr erst am vorherigen Abend, dass eine Frau, die der Beschreibung nach ihrer Schwester aufs Haar gleichte, mit der Herbergsmutter gesprochen habe und jener von ihren etwaigen Reisezielen berichtete. Sie habe den Namen Bajard oder Silberbrücken erwähnt, doch welches nun tatsächlich ihr Ziel gewesen sei, konnte sie Jarii dann auch nicht sagen.
Jarii biss auf ihrer Unterlippe herum, sichtlich überfordert sich für das richtige Schiff entscheiden zu müssen.
Als wenn Flucht jemals eine Lösung gewesen wäre, leise ärgerte sie sich über die Entscheidung der Schwester, andererseits konnte sie es nur zu gut nachempfinden. Ihre Schwester hatte gute Gründe zu gehen, doch hätte sie nicht ohne Jarii gehen dürfen. Das hatten sie sich einst versprochen und sie würde alles tun um sie wiederzufinden.
Jarii bemerkte zwei Seemöwen die umherflatternd nach Nahrung suchten. Sie umkreisten mal das eine, mal das andere Schiff, mal tiefer mal höher fliegend. Einer Eingebung folgend beschloss Jarii eine Passage auf dem Schiff zu buchen, auf welchem sich eine Möwe als Erstes niederlassen würde und ließ die Vögel nicht mehr aus den Augen. Und tatsächlich – kaum war der Gedanke gedacht, flog eine der Möwen tiefer und schnappte sich ein Stück trockenes Brot an Deck der Albatros, nur um sich auf dem hohen Mast niederzulassen um es dort zu verspeisen.
„Also Gerimor“ entschied Jarii und ging entschlossen an Bord.
Nur wenige Stunden später hatte das Schiff abgelegt und Jarii stand an Deck, zusehend, wie der letzte Streifen Land am Horizont in der Ferne verschwand. Sie fröstelte, jedoch nicht des Wetters wegen, die Sonne schien und wärmte. Jarii zog das Schultertuch dennoch enger um sich. Nach und nach wurde ihr bewusst auf was sie sich da eingelassen hatte. Es war etwas anderes davon zu träumen und zu hoffen die Schwester wiederzufinden, als es tatsächlich in die Tat umzusetzen. Sie ballte ihre Hände zuversichtlich zu Fäusten. „Hör auf zu jammern Jarii und spiel nicht das verwöhnte kleine Kind,“ schalt sie sich selbst und atmete ein paar Mal tief durch.
Wer A sagt, muss auch B sagen? Waren das nicht stets die Worte derer die alles richtig machten?
Ihre Gedanken schweiften eine Weile zurück in die kleine Heimatstadt, zurück zu ihrem Ziehvater und den Tanten. Zurück zu dem Tag an dem ihrer Schwester eröffnet wurde, dass sie Schusters Philip zu heiraten habe. Sie sah das vor Zorn gerötete Gesicht der Schwester vor sich, Türen knallend war sie aus dem Haus gerannt und in der folgenden Nacht verschwunden.
War sie ihr womöglich gefolgt, weil sie fürchtete das gleiche Schicksal erleiden zu müssen oder war es die Sehnsucht nach ihrer Schwester? Was auch immer für Gründe vorlagen, sie war nun ebenso heimatlos. Es gab keine Umkehr, das Schiff lag im Wind und segelte seinem Ziel entgegen.
***











