Manchmal ist man der Hund, manchmal ist man der Baum.
Es war der erste Besuch dieser Art. Das erste Mal, dass sie versuchte sich der gestellten Aufgabe zu widmen. Was soll schon schief gehen? Ihre Gegner waren ja gerade Mal sechs Jahre alt. Sie hatte sich im Kopf bereits Rettungsstrategien von Keksen mit Schlafmitteln oder Milch mit Rum parat gelegt. Ob für die Knirpse, oder für sich, würde sich noch zeigen.
So ging sie am Vormittag zur Burg, so 'ordentlich' wie schon lange nicht mehr. Einer genauen Prüfung würde ihre gezeigte Sauberkeit nicht stand halten. Aber die Haare waren gebürstet, zusammen gebunden - Hände und Gesicht gewaschen. Damit war für sie der Punkt: 'Gewaschen' vollumfänglich erfüllt.
Ein Kennenlernen, sehr viel mehr hatte sie nicht im Sinn. Und nicht bewusst Unfug anstellen. Da war so ein vager Verdacht, dass ihr Gegenüber den Wildkrautzusatz in der Wasserpfeife nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen hat. Vielleicht sollte sie sich bei einem möglichen Aufeinandertreffen an ihren eigenen Reim erinnern.
"Je höher der Rang des gegenüber,
desto weiter geht der Kopf vornüber."
Kurz bevor sie ankam, legte sie noch eine kurze Pause ein. Luft holen. Was soll schon schief gehen? Kleine Gegner, Drachen, Festung.. Nichts einfacher als das.
Einatmen.....
Kein.
Unfug.
Verbeugen!
Ausatmen.....
Von Straßenkötern und Bäumen (Sprösslingen)
- Fainche Orlaith
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Von Straßenkötern und Bäumen (Sprösslingen)
Zuletzt geändert von Fainche Orlaith am Montag 13. November 2023, 14:26, insgesamt 1-mal geändert.
- Helisande von Alsted
- Beiträge: 4067
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Fainche mochte tief durchgeatmet und ihre besten verfügbaren Manieren abgerufen haben, doch das alles wurde vorerst nur von Helleth wahrgenommen. Die Amme, eine Aschenfelderin mittleren Alters, wollte gerade zur Begrüßung anheben, da kamen zwei fast Sechsjährige in den großen Saal geschossen wie der Wind von der See.
Kurzes Abbremsen, ein wohlerzogenes Nicken zu der jungen neuen Hauslehrerin hin, dann die Flucht durch unterschiedliche Ausgänge. Dabei skandierte Conrad „Wir waren es! Rikkard links!“
Der Staub der beiden Rangen hatte sich noch nicht verdichtet, da polterte schon der Burgwächter Thimoteus hinein und das nur mit einem Stiefel, der andere klebte sehr offensichtlich an der Ferse an einem kleinen Holzhocker fest. Jenen bestiefelten Hocker schwang er in der Hand wie ein Zepter der Vergeltung.
„Wo sind die beiden? WO? Sie haben den Hocker mit Knochenleim bestrichen! Gräfliche Brut!“
Helleth machte schon geübt eine hervorragend empörte Mimik zu Streich Nummer 12 - in dieser Woche - und beruhigte den Wächter, der ihr den Tathergang in farbenfrohen Worten beschrieb. Nur kurz habe er sich hingesetzt und das schmerzende Bein hochgelagert… eine alte Wunde… der Krieg… die Augen waren ihm gewiss nicht zugefallen in seiner Pause. Unterstellung!
Dann hastete er durchdrungen von Rachsucht und Vergeltung ebenfalls durch eine der Türen. Kaum war die Tür zu, da stiefelten die beiden Rittersöhne in aller Seelenruhe durch die Tür der Kapelle wieder in den Saal.
„Temoras Segen. Du bist die Dichterin, aye?“ Augenfarbe und Stimmodulation der Mutter. Der gleiche ruhige, durchdringende Blick, dezent altklug. Dunkle Haare, gesunder Hautton weit ab von Blässe.
Der blonde Junge nickte nur wortkarg vor sich hin und hatte eine etwas mürrische Mimik aufgesetzt. Die hellen Augen starrten Fainche einmal von oben bis unten an. Rikkard, ausnehmend hübsch, fast so groß wie der ein halbes Jahr ältere Conrad und offenbar eine Temperamentskopie seines Vaters.
Helleth nickte und neigte sich dem jungen Fräulein zu „Viel Glück. Ich bin in der Kemenate und übernehme Aleva.“ Ein warnender Blick zu den beiden Burschen hin. „Und ihr… Knochenleim! Das badet ihr noch aus heute. Überredet vielleicht Fräulein Fainche dazu euch bei einem Entschuldigungsbrief zu helfen.“
Zack, weg war sie.
Kurzes Abbremsen, ein wohlerzogenes Nicken zu der jungen neuen Hauslehrerin hin, dann die Flucht durch unterschiedliche Ausgänge. Dabei skandierte Conrad „Wir waren es! Rikkard links!“
Der Staub der beiden Rangen hatte sich noch nicht verdichtet, da polterte schon der Burgwächter Thimoteus hinein und das nur mit einem Stiefel, der andere klebte sehr offensichtlich an der Ferse an einem kleinen Holzhocker fest. Jenen bestiefelten Hocker schwang er in der Hand wie ein Zepter der Vergeltung.
„Wo sind die beiden? WO? Sie haben den Hocker mit Knochenleim bestrichen! Gräfliche Brut!“
Helleth machte schon geübt eine hervorragend empörte Mimik zu Streich Nummer 12 - in dieser Woche - und beruhigte den Wächter, der ihr den Tathergang in farbenfrohen Worten beschrieb. Nur kurz habe er sich hingesetzt und das schmerzende Bein hochgelagert… eine alte Wunde… der Krieg… die Augen waren ihm gewiss nicht zugefallen in seiner Pause. Unterstellung!
Dann hastete er durchdrungen von Rachsucht und Vergeltung ebenfalls durch eine der Türen. Kaum war die Tür zu, da stiefelten die beiden Rittersöhne in aller Seelenruhe durch die Tür der Kapelle wieder in den Saal.
„Temoras Segen. Du bist die Dichterin, aye?“ Augenfarbe und Stimmodulation der Mutter. Der gleiche ruhige, durchdringende Blick, dezent altklug. Dunkle Haare, gesunder Hautton weit ab von Blässe.
Der blonde Junge nickte nur wortkarg vor sich hin und hatte eine etwas mürrische Mimik aufgesetzt. Die hellen Augen starrten Fainche einmal von oben bis unten an. Rikkard, ausnehmend hübsch, fast so groß wie der ein halbes Jahr ältere Conrad und offenbar eine Temperamentskopie seines Vaters.
Helleth nickte und neigte sich dem jungen Fräulein zu „Viel Glück. Ich bin in der Kemenate und übernehme Aleva.“ Ein warnender Blick zu den beiden Burschen hin. „Und ihr… Knochenleim! Das badet ihr noch aus heute. Überredet vielleicht Fräulein Fainche dazu euch bei einem Entschuldigungsbrief zu helfen.“
Zack, weg war sie.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Mit einer gewissen Faszination betrachtete sie die beiden Mini-Ausgaben des Grafenpaars. Im Gegensatz zu den älteren Ausgaben waren die beiden Knaben irgendwie niedlich.
Sie hockte sich hin, verschränkte die Beine in einen Schneidersitz und wartete die Aufmerksamkeit der beiden Knaben ab.
<<Ich dichte nur dann, wenn ich es lustig finde. Ihr zwei kennt euch mit Knochenleim aus? Versucht es mal mit Sand und Honig zu kombinieren.>>
Grinsend ließ sie ihre Worte verklingen, ehe sie fortfuhr.
<<Ich bin Fainche und bisher habe ich noch niemals jemanden was bei gebracht. Ich werde mich also mal munter ausprobieren. Fangen wir doch mit einem kleinen Spiel an. Ich schätze Spiele sind in Ordnung und rumrennen könnt ihr Zwei auch.>>
Die Ankündigung nach Spielen und Rumrennen schien die Begeisterung der beiden fürs Erste zu sichern. Erstmal brauchte sie noch ein wenig Zeit für die Vorbereitung. Am Ende lagen in dem Raum aber zwei Reihen Blätter à 26 einzelnen Blättern, einzeln beschriftet mit je einem Buchstaben des Alphabets beschriftet.
<<Ein einfaches Spiel. Wer als erstes für jeden Buchstaben hier in der Reihe einen kleinen Gegenstand gefunden hat, der mit dem gleichen Buchstaben beginnt und dort abgelegt hat, gewinnt. Ihr kennt euch hier in der Burg ja aus und wisst wie die Dinge heißen. Dem Gewinner organisiere icht für das nächste Mal ein Stück Kuchen oder Lieblingsessen nach Wahl. >>
Es folgten noch einige Nachfragen des altklugen Burschen, ob der Möglichkeit von mehreren Namen für einen Gegenstand. Was mit einem Grinsen bestätigt wurde. Man müssen nur einen passenden Namen kennen. Der Bursche, Conrad schien noch weitere Fragen stellen zu wollen, da tobte der wortkarere Rikkard auch schon los und in dem Moment waren die Rückfragen auch vergessen und her wetzte hinterher.
Fainche hoffte, sie würden nicht auf die Idee kommen den Gegenständen eigene Namen zu geben, so dass es dann einen Batzen von Stiften namens Alfred, Bertha, Caspar und so weiter gab. Wobei, die Idee des Spiels wäre dann auch erfüllt. Mal abwarten.
Sie hockte sich hin, verschränkte die Beine in einen Schneidersitz und wartete die Aufmerksamkeit der beiden Knaben ab.
<<Ich dichte nur dann, wenn ich es lustig finde. Ihr zwei kennt euch mit Knochenleim aus? Versucht es mal mit Sand und Honig zu kombinieren.>>
Grinsend ließ sie ihre Worte verklingen, ehe sie fortfuhr.
<<Ich bin Fainche und bisher habe ich noch niemals jemanden was bei gebracht. Ich werde mich also mal munter ausprobieren. Fangen wir doch mit einem kleinen Spiel an. Ich schätze Spiele sind in Ordnung und rumrennen könnt ihr Zwei auch.>>
Die Ankündigung nach Spielen und Rumrennen schien die Begeisterung der beiden fürs Erste zu sichern. Erstmal brauchte sie noch ein wenig Zeit für die Vorbereitung. Am Ende lagen in dem Raum aber zwei Reihen Blätter à 26 einzelnen Blättern, einzeln beschriftet mit je einem Buchstaben des Alphabets beschriftet.
<<Ein einfaches Spiel. Wer als erstes für jeden Buchstaben hier in der Reihe einen kleinen Gegenstand gefunden hat, der mit dem gleichen Buchstaben beginnt und dort abgelegt hat, gewinnt. Ihr kennt euch hier in der Burg ja aus und wisst wie die Dinge heißen. Dem Gewinner organisiere icht für das nächste Mal ein Stück Kuchen oder Lieblingsessen nach Wahl. >>
Es folgten noch einige Nachfragen des altklugen Burschen, ob der Möglichkeit von mehreren Namen für einen Gegenstand. Was mit einem Grinsen bestätigt wurde. Man müssen nur einen passenden Namen kennen. Der Bursche, Conrad schien noch weitere Fragen stellen zu wollen, da tobte der wortkarere Rikkard auch schon los und in dem Moment waren die Rückfragen auch vergessen und her wetzte hinterher.
Fainche hoffte, sie würden nicht auf die Idee kommen den Gegenständen eigene Namen zu geben, so dass es dann einen Batzen von Stiften namens Alfred, Bertha, Caspar und so weiter gab. Wobei, die Idee des Spiels wäre dann auch erfüllt. Mal abwarten.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Die Zeit ihres Herumdümpelns sollte nun vorbei sein. Ganz bestimmt. Ein wenig zumindest. Es war ihr selber zuwider. Sie war die letzten Wochen und Monate derart untätig, dass man hätte meinen können, Fainche hätte sich in ein Erdloch verkrochen.
Zwar konnte man das optisch eh immer annehmen, aber das war nun etwas gänzlich anderes. So kam es zum Ende der Woche an einem recht schönen Sommertag dazu, dass sie ihre Pflichten als Hauslehrerin wieder aufnahm. Zwar wurde ihre Abwesenheit, beziehungsweise ihre Wiederkehr mit einem missbilligenden Blick von Helleth kommentiert. Wenn man aber eins als schwarzes Schaf einer ambionierten Famile auszuhalten lernt, dann waren es missbilligende Blicke. Man wuchs irgendwie damit auf.
Nach der Zeit der Pause wollte sie das Zutrauen der beiden Knaben ein wenig stärken. Es gab kam etwas unwillkommeneres als öde Lehrer. zumindest legte sie sich diese Erklärung für ihren Plan heute parat.
Nachdem sie mit den beiden ein paar grundlegende, eher trockene Übungen fürs Schreiben und ein wenig rechnen gemacht hatte, kam sie zum lustigen Teil des Vormittags.
<<Habt ihr zwei Interesse an einer kleinen Kuriosität?>>
Mit einem Grinsen, öffnete die junge Frau mit dem leicht verschmutzten Gesicht ihren Rucksack und präsentierte den Jungs eine Vielzahl von langweilig aussehenden, graubraunen Knollen. Die zuerst gespannt aussehenden Gesichter der Knaben zogen sich merklich in die Länge.
<<Soll das etwa Gemüse sein?>>
Fainche musste beim Anblick der beinahe entrüsteten Mimiken auflachen.
<<Keine Sorge, die sind nicht zum Essen für euch, die sind unsere... Hilfsmittel.>>
Sie wartete kurz, bis sich die Mimiken entspannten, dann erläuterte sie, was genau sie den beiden mitgebracht hat.
<<Das sind so genannte rote Rüben. Auch wenn ihr das jetzt nicht sehen könnt, im Inneren sind die Knollen so rot wie Blut und ziemlich saftig. Es gibt einige Handwerker, die den Saft dieser Knolle zum Färben von Stoff und sowas nutzen. Wenn man die Knolle aufschneidet und nicht aufpasst, hat man ganz, ganz rote Finger.>>
In aller Ruhe erzählte sie den beiden davon und erneut veränderte sich die Mimik der Kinder, und als es förmlich erkennbar war, dass sich ein Plan hinter ihrer Stirn bildete, fragte Fainche ganz harmlos und ruhig.
<<Was denkt ihr, kann man kurioses damit anstellen?>>
Oh, die beiden hatten Ideen. Harmlose, kindgerechte, ausgefuchste und erstaunlich kreative Ideen.
Wenig später standen sie zu Dritt im Stall - denn, wie die beiden Nachwuchsgrafen festgestellt hatten, würden die Pferde sicher gerne mal von den Knollen kosten. Mohrrüben schmeckten den Tieren ja schließlich auch. Fainche griff die Idee amüsiert auf und fütterte den beginnenden Schabernack derart an, wie sie auch vor hatten, die Pferde zu füttern.
Fainche schnitt den beiden demonstrativ eine der Knollen auf und ehe die Jungs sich den roten Saft auch nur angeschaut hatten, wurde sich eine Hälfte geschnappt und einem der entspannt dastehenden Pferde zum Fressen unter die Nase gehalten.
Wenig später erfüllte leises Gekicher und Gemurmel den Stall.
<<Nicht so laut, nicht dass der Stallbursche aufmerksam wird, dass hier ein St... eine Kuriosität entsteht.>>
Fainche hatte selber ausreichend zu tun, nicht laut aufzulachen, aber die Pferde sahen einfach zu gut aus. Das sollte man vielleicht allgemein bei Schlachtrössern einführen. Die rot verschmierten Mäuler und Zähne waren durchaus furchteinflössend.
<<Oh.>>
Es war nur ein kurzer Laut, des eher ruhigeren Rikkards, der sowohl Erstaunen als auch eine gewisse Freude ausdrückte. Fainche beugte sich am Pferdehals vorbei und schaute zu dem Jungen, der gerade eine halbierte Knolle auf das helle Fell des Pferdes drückte, wo ein schöner runder, roter Kreis entstand.
<<Oh.>>
So stimmte nun auch Conrad ein, der die Idee mit der Begeisterung eines Sechsjährigen aufgriff und nun seinerseits eine frisch aufgeschnittene Knolle in das Fell des Tieres stempelte.
Fainche musste zugeben, dass rote, apfelgroße Punkte den bedrohlichen Eindruck des rot verschmierten Mauls dann doch deutlich minderte. Sie stempelten zu dritt noch ein wenig weiter, ehe sie dann ebenfalls zu dritt, eilig den Ort des Geschehens verließen, ehe sie noch jemand erwischte.
Finger waschen war vielleicht angebracht....
Zwar konnte man das optisch eh immer annehmen, aber das war nun etwas gänzlich anderes. So kam es zum Ende der Woche an einem recht schönen Sommertag dazu, dass sie ihre Pflichten als Hauslehrerin wieder aufnahm. Zwar wurde ihre Abwesenheit, beziehungsweise ihre Wiederkehr mit einem missbilligenden Blick von Helleth kommentiert. Wenn man aber eins als schwarzes Schaf einer ambionierten Famile auszuhalten lernt, dann waren es missbilligende Blicke. Man wuchs irgendwie damit auf.
Nach der Zeit der Pause wollte sie das Zutrauen der beiden Knaben ein wenig stärken. Es gab kam etwas unwillkommeneres als öde Lehrer. zumindest legte sie sich diese Erklärung für ihren Plan heute parat.
Nachdem sie mit den beiden ein paar grundlegende, eher trockene Übungen fürs Schreiben und ein wenig rechnen gemacht hatte, kam sie zum lustigen Teil des Vormittags.
<<Habt ihr zwei Interesse an einer kleinen Kuriosität?>>
Mit einem Grinsen, öffnete die junge Frau mit dem leicht verschmutzten Gesicht ihren Rucksack und präsentierte den Jungs eine Vielzahl von langweilig aussehenden, graubraunen Knollen. Die zuerst gespannt aussehenden Gesichter der Knaben zogen sich merklich in die Länge.
<<Soll das etwa Gemüse sein?>>
Fainche musste beim Anblick der beinahe entrüsteten Mimiken auflachen.
<<Keine Sorge, die sind nicht zum Essen für euch, die sind unsere... Hilfsmittel.>>
Sie wartete kurz, bis sich die Mimiken entspannten, dann erläuterte sie, was genau sie den beiden mitgebracht hat.
<<Das sind so genannte rote Rüben. Auch wenn ihr das jetzt nicht sehen könnt, im Inneren sind die Knollen so rot wie Blut und ziemlich saftig. Es gibt einige Handwerker, die den Saft dieser Knolle zum Färben von Stoff und sowas nutzen. Wenn man die Knolle aufschneidet und nicht aufpasst, hat man ganz, ganz rote Finger.>>
In aller Ruhe erzählte sie den beiden davon und erneut veränderte sich die Mimik der Kinder, und als es förmlich erkennbar war, dass sich ein Plan hinter ihrer Stirn bildete, fragte Fainche ganz harmlos und ruhig.
<<Was denkt ihr, kann man kurioses damit anstellen?>>
Oh, die beiden hatten Ideen. Harmlose, kindgerechte, ausgefuchste und erstaunlich kreative Ideen.
Wenig später standen sie zu Dritt im Stall - denn, wie die beiden Nachwuchsgrafen festgestellt hatten, würden die Pferde sicher gerne mal von den Knollen kosten. Mohrrüben schmeckten den Tieren ja schließlich auch. Fainche griff die Idee amüsiert auf und fütterte den beginnenden Schabernack derart an, wie sie auch vor hatten, die Pferde zu füttern.
Fainche schnitt den beiden demonstrativ eine der Knollen auf und ehe die Jungs sich den roten Saft auch nur angeschaut hatten, wurde sich eine Hälfte geschnappt und einem der entspannt dastehenden Pferde zum Fressen unter die Nase gehalten.
Wenig später erfüllte leises Gekicher und Gemurmel den Stall.
<<Nicht so laut, nicht dass der Stallbursche aufmerksam wird, dass hier ein St... eine Kuriosität entsteht.>>
Fainche hatte selber ausreichend zu tun, nicht laut aufzulachen, aber die Pferde sahen einfach zu gut aus. Das sollte man vielleicht allgemein bei Schlachtrössern einführen. Die rot verschmierten Mäuler und Zähne waren durchaus furchteinflössend.
<<Oh.>>
Es war nur ein kurzer Laut, des eher ruhigeren Rikkards, der sowohl Erstaunen als auch eine gewisse Freude ausdrückte. Fainche beugte sich am Pferdehals vorbei und schaute zu dem Jungen, der gerade eine halbierte Knolle auf das helle Fell des Pferdes drückte, wo ein schöner runder, roter Kreis entstand.
<<Oh.>>
So stimmte nun auch Conrad ein, der die Idee mit der Begeisterung eines Sechsjährigen aufgriff und nun seinerseits eine frisch aufgeschnittene Knolle in das Fell des Tieres stempelte.
Fainche musste zugeben, dass rote, apfelgroße Punkte den bedrohlichen Eindruck des rot verschmierten Mauls dann doch deutlich minderte. Sie stempelten zu dritt noch ein wenig weiter, ehe sie dann ebenfalls zu dritt, eilig den Ort des Geschehens verließen, ehe sie noch jemand erwischte.
Finger waschen war vielleicht angebracht....
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Die meiste Zeit liefen die Unterrichte, die Fainche mit den gräflichen Sprösslingen durchführte harmlos ab und es gab keine nennenswerten Vorfälle. Natürlich nur, solange man keinen herkömmlichen Unterricht erwartete. So waren die Jungs durchaus dabei, aus Büchern zu lesen, während sie in einem Baum hockten, oder kletterten wie Eichhörnchen darin herum, um die richtigen Buchstaben zu finden, die auf kleine Stofffetzen geschrieben in die Äste geknotet waren. Die Unterrichte waren immer mit Toben und einiger Lautstärke verbunden, dennoch meinte das als Lehrerin verkleidete Gör, dass sie mit den Lese- und Schreibkenntnissen gut vorankamen. Ein großer Vorteil bei den Unterrichten, die häufig draußen stattfanden war auch, dass die oftmals schmutzige Kleidung des Görs nicht unangenehm auffiel und mit den Wochen entwickelte sie auch ein Talent dafür den Burgbewohnern, die sich daran störten aus dem Weg zu gehen oder nur kurz unter die Augen zu treten.
Dieser Tag sollte der Vorläufer für einen nennenswerten Unterricht werden. Reitunterricht stand auf dem Plan. Allerdings war das etwas, in dem die beiden Knaben Fainche mehr als nur ein bisschen was Voraus hatten. Die beiden Jungen saßen wie festgenagelt in ihren Sätteln, während das Gör nur wie erstarrt am äußersten Rand des Platzes stand. Es war nicht so, dass sie Angst vor Pferden hatte. Sie wollte nur nicht auf ihrem Rücken sitzen und wie ein Rucksack durch die Landschaft gezerrt werden. Außerdem hatten Pferde doch schon recht viele und große Zähne und der teuflische Ausdruck in den großen, dunklen Augen blieb Fainche auch nicht verborgen. Angebunden im Stall fand sie sie harmlos, aber hier draußen… Sie hatte keine Angst. Niemals.
“Jetzt bist du auch mal dran!”
Fainche schrak zurück, als ihr Zügel in die Hand gedrückt wurden.
“Ehm, ich würde ja gerne. Aber ich muss wirklich dringend los. Ich habe etwas vergessen.”
Zwei skeptische Augenpaare starrten sie bei der lahmen Ausrede an.
“Hast du etwa Angst?”
“Nein, gar nicht. Es ist nur einfach nicht das richtige Reittier.”
“Welches wäre denn richtig?”
Es folgte eine kurze Pause, bis sich eine Idee im Kopf der jungen Frau gebildet hatte.
“Ich bringe zum nächsten Mal welche mit. Das wird bestimmt lustig.”
Es erforderte zum Glück wenig Überredungskunst, wenn die beiden Knaben einen beginnenden Unsinn witterten.
“Na gut. Aber nicht vergessen.”
Was das richtige Reittier war, sollte sich beim nächsten Unterricht wenige Tage später herausstellen, als Fainche mit den beiden an den Waldrand nahe der Burg ging und dort drei angebundene, etwas träge Schweine standen. Die Tiere fraßen genüsslich einige Äpfel und trugen ein Geschirr, das an das Halfter von Pferden erinnerte.
“Ist das dein Ernst?"
“Kann man die wirklich reiten?”
Fainche grinste stolz über ihre Idee auf.
“Der Bauer hat mir versichert, dass sie problemlos Knaben tragen können und wenn ich es nicht übertreibe, kann ich auch ein wenig mit ihnen reiten. Im Zweifel würden sie einen einfach abschütteln, wenn es ihnen zu viel wird. Und zum Glück fällt man ja nicht tief.”
Mit diesen Worten löste sie die Seile, mit denen die Tiere angebunden waren.
“Also dann, erklärt mir das mit dem Reiten mal.”
Wenig später jagten die drei im Schweinsgalopp durch das Waldstück. Wobei Fainche eindeutig die schlechteste Figur abgab und mehr als einmal vom borstigen Schweinerücken herunter rutschte. Es war ein Riesenspaß auch wenn die Tiere nach einiger Zeit schlicht keine Lust mehr hatten und zu dem Sack mit den Äpfeln zurückkehrten. Die drei Reiter konnten die Tiere auch zu keinem weiteren Galopp mehr motivieren.
“Na gut, was haltet ihr von den Reitschweinen?”
“Lustig, aber vermutlich nicht angemessen.” Kam die eher nüchterne Antwort von Rikkard.
“Ach, ich würde schon noch eine Runde reiten wollen.” Kam die etwas übermütige Antwort von Conrad.
“Aber verrate mal, warum haben die Schweine denn große Zahlen seitlich aufgemalt? Eins, Zwei und Vier?” Fainche grinste breit auf bei der Frage des Knaben.
“Das ist eine sehr gute Frage. Und denkt ihr nicht auch, dass der Stallbursche sehr viel Spaß haben wird nach Schwein Nummer 3 zu suchen, wenn wir die drei heimlich aufs Burggelände bekommen?”
Die Antwort war ein zweistimmiges Lachen.
“Das wird lustig..”
Dieser Tag sollte der Vorläufer für einen nennenswerten Unterricht werden. Reitunterricht stand auf dem Plan. Allerdings war das etwas, in dem die beiden Knaben Fainche mehr als nur ein bisschen was Voraus hatten. Die beiden Jungen saßen wie festgenagelt in ihren Sätteln, während das Gör nur wie erstarrt am äußersten Rand des Platzes stand. Es war nicht so, dass sie Angst vor Pferden hatte. Sie wollte nur nicht auf ihrem Rücken sitzen und wie ein Rucksack durch die Landschaft gezerrt werden. Außerdem hatten Pferde doch schon recht viele und große Zähne und der teuflische Ausdruck in den großen, dunklen Augen blieb Fainche auch nicht verborgen. Angebunden im Stall fand sie sie harmlos, aber hier draußen… Sie hatte keine Angst. Niemals.
“Jetzt bist du auch mal dran!”
Fainche schrak zurück, als ihr Zügel in die Hand gedrückt wurden.
“Ehm, ich würde ja gerne. Aber ich muss wirklich dringend los. Ich habe etwas vergessen.”
Zwei skeptische Augenpaare starrten sie bei der lahmen Ausrede an.
“Hast du etwa Angst?”
“Nein, gar nicht. Es ist nur einfach nicht das richtige Reittier.”
“Welches wäre denn richtig?”
Es folgte eine kurze Pause, bis sich eine Idee im Kopf der jungen Frau gebildet hatte.
“Ich bringe zum nächsten Mal welche mit. Das wird bestimmt lustig.”
Es erforderte zum Glück wenig Überredungskunst, wenn die beiden Knaben einen beginnenden Unsinn witterten.
“Na gut. Aber nicht vergessen.”
Was das richtige Reittier war, sollte sich beim nächsten Unterricht wenige Tage später herausstellen, als Fainche mit den beiden an den Waldrand nahe der Burg ging und dort drei angebundene, etwas träge Schweine standen. Die Tiere fraßen genüsslich einige Äpfel und trugen ein Geschirr, das an das Halfter von Pferden erinnerte.
“Ist das dein Ernst?"
“Kann man die wirklich reiten?”
Fainche grinste stolz über ihre Idee auf.
“Der Bauer hat mir versichert, dass sie problemlos Knaben tragen können und wenn ich es nicht übertreibe, kann ich auch ein wenig mit ihnen reiten. Im Zweifel würden sie einen einfach abschütteln, wenn es ihnen zu viel wird. Und zum Glück fällt man ja nicht tief.”
Mit diesen Worten löste sie die Seile, mit denen die Tiere angebunden waren.
“Also dann, erklärt mir das mit dem Reiten mal.”
Wenig später jagten die drei im Schweinsgalopp durch das Waldstück. Wobei Fainche eindeutig die schlechteste Figur abgab und mehr als einmal vom borstigen Schweinerücken herunter rutschte. Es war ein Riesenspaß auch wenn die Tiere nach einiger Zeit schlicht keine Lust mehr hatten und zu dem Sack mit den Äpfeln zurückkehrten. Die drei Reiter konnten die Tiere auch zu keinem weiteren Galopp mehr motivieren.
“Na gut, was haltet ihr von den Reitschweinen?”
“Lustig, aber vermutlich nicht angemessen.” Kam die eher nüchterne Antwort von Rikkard.
“Ach, ich würde schon noch eine Runde reiten wollen.” Kam die etwas übermütige Antwort von Conrad.
“Aber verrate mal, warum haben die Schweine denn große Zahlen seitlich aufgemalt? Eins, Zwei und Vier?” Fainche grinste breit auf bei der Frage des Knaben.
“Das ist eine sehr gute Frage. Und denkt ihr nicht auch, dass der Stallbursche sehr viel Spaß haben wird nach Schwein Nummer 3 zu suchen, wenn wir die drei heimlich aufs Burggelände bekommen?”
Die Antwort war ein zweistimmiges Lachen.
“Das wird lustig..”
Zuletzt geändert von Fainche Orlaith am Samstag 9. November 2024, 20:21, insgesamt 1-mal geändert.
- Helisande von Alsted
- Beiträge: 4067
- Registriert: Mittwoch 8. Mai 2013, 05:42
"Hier stinkt es!"
"Bäh!"
"Was ein... blärch."
Diese Ausrufe der Dienstmannen und Burgwächter mehrten sich wenn sie aus der Nebentür die Burgmauer verließen. Mehrfach täglich erklang das Gezeter und irgendwann vernahm man auch ein Rumms und ein Platsch und noch ganze andere wortschatzreifende Ausdrücke für Ritterkinder. Neben allen Königsbrüdern und eingeschlichenen Spionen war das nun auch noch etwas, was die Rosthaarige ermitteln musste. Ruhe in der Burg war nötig. Und wenn am 01. Alatnar dann alle zur Beratung wegen Getares kamen, sollte es auch nicht stinken. Der gestürzte Dienstmann jedoch roch nun auch wie die Miste eines Bauernhofs und die Laune war auf dem Tiefpunkt.
Später dann im dämmrigen Licht knallte einer der Dienstmänner auf dem Burghof längs hin, weil er in ein Loch getreten war. Da war Pflaster lose, wie umgewühlt. Mit großem Misstrauen wurden beide Situationen betrachtet. Drohte hier das Schwertfluren-Schicksal?
Man legte sich auf die Lauer und dann nachts bei allgemein schlechter Beleuchtung und rabenschwarzer Stille, da wurden die Verursacher dann gestellt. Zumindest zwo davon. Zwei Schweine schienen sich im Burggarten gut satt gefressen zu haben am Ziergehölz und begannen nun den Boden zu durchwühlen um an weiteres Essbares zu gelangen.
Kaum waren die beiden Übeltäter gefasst, gestellt und dem nächsten Bauern zur Schlachtung übergeben, da vernahm sie beim Weg in die Kemenate ein Grunzen. Tiefes Einatmen und kehrt.
Kindergekicher, Eimergerappel und noch mehr Gegrunze.
Das Gekicher erstarb als die aufgebrachte Mutter dann aus dem Gebüsch hopste und die Namen der Jungen durch den Hof hallen lies.
"Conrad, Rikkard... was hat das hier... das ist ein Schwein!Noch eins!
"Aye, Mama das ist Krustenbraten, den mästen wir für Papa."
"Mästen... mit dem Gemüse, das euch Schlawiner über den Winter bringen soll."
"Es erfüllt seinen Zweck!"
Irgendwie war es ja süß... aber welches gesund und moralisch integer aufgezogene Kind nennt ein Schwein Krustenbraten?
Der dunkle und der blonde Kinderschopf senkten sich tief ab als auch das letzte Schwein seine Reise gen Schlachter antrat. Sehr offensichtlich ihre Kinder. Alsteds.
Ohne Zweifel.
"Bäh!"
"Was ein... blärch."
Diese Ausrufe der Dienstmannen und Burgwächter mehrten sich wenn sie aus der Nebentür die Burgmauer verließen. Mehrfach täglich erklang das Gezeter und irgendwann vernahm man auch ein Rumms und ein Platsch und noch ganze andere wortschatzreifende Ausdrücke für Ritterkinder. Neben allen Königsbrüdern und eingeschlichenen Spionen war das nun auch noch etwas, was die Rosthaarige ermitteln musste. Ruhe in der Burg war nötig. Und wenn am 01. Alatnar dann alle zur Beratung wegen Getares kamen, sollte es auch nicht stinken. Der gestürzte Dienstmann jedoch roch nun auch wie die Miste eines Bauernhofs und die Laune war auf dem Tiefpunkt.
Später dann im dämmrigen Licht knallte einer der Dienstmänner auf dem Burghof längs hin, weil er in ein Loch getreten war. Da war Pflaster lose, wie umgewühlt. Mit großem Misstrauen wurden beide Situationen betrachtet. Drohte hier das Schwertfluren-Schicksal?
Man legte sich auf die Lauer und dann nachts bei allgemein schlechter Beleuchtung und rabenschwarzer Stille, da wurden die Verursacher dann gestellt. Zumindest zwo davon. Zwei Schweine schienen sich im Burggarten gut satt gefressen zu haben am Ziergehölz und begannen nun den Boden zu durchwühlen um an weiteres Essbares zu gelangen.
Kaum waren die beiden Übeltäter gefasst, gestellt und dem nächsten Bauern zur Schlachtung übergeben, da vernahm sie beim Weg in die Kemenate ein Grunzen. Tiefes Einatmen und kehrt.
Kindergekicher, Eimergerappel und noch mehr Gegrunze.
Das Gekicher erstarb als die aufgebrachte Mutter dann aus dem Gebüsch hopste und die Namen der Jungen durch den Hof hallen lies.
"Conrad, Rikkard... was hat das hier... das ist ein Schwein!Noch eins!
"Aye, Mama das ist Krustenbraten, den mästen wir für Papa."
"Mästen... mit dem Gemüse, das euch Schlawiner über den Winter bringen soll."
"Es erfüllt seinen Zweck!"
Irgendwie war es ja süß... aber welches gesund und moralisch integer aufgezogene Kind nennt ein Schwein Krustenbraten?
Der dunkle und der blonde Kinderschopf senkten sich tief ab als auch das letzte Schwein seine Reise gen Schlachter antrat. Sehr offensichtlich ihre Kinder. Alsteds.
Ohne Zweifel.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Re: Von Straßenkötern und Bäumen (Sprösslingen)
Die Sonne stand tief, ihr Licht fiel in langen, goldenen Streifen über das Burggelände. Der Innenhof roch nach Herbst – feuchtes Laub, altes Holz, Pferd und irgendwo der verlockende Duft von Apfelkuchen, der aus der Küche zog. Fainche trat mit einem groben Leinensack über der Schulter aus dem Tor, die Stiefel schon leicht staubig, das Haar vom Wind zerzaust – und links und rechts von ihr zwei kleine Gestalten, die so taten, als wären sie brave Söhne einer adligen Familie.
Taten.
Der eine, dunkelhaarig, mit wachen, listigen Augen und einem Grinsen, das auf halbem Weg zwischen Unschuld und Übeltat stecken blieb. Er war der ältere der beiden, vielleicht um ein halbes Jahr, aber mit dem Auftreten eines Ritters im Miniaturformat: entschlossen, stolz, und immer auf der Suche nach dem nächsten Manöver. Neben ihm ging ein blonder Junge, groß für sein Alter und scheinbar ernst, mit dieser mürrischen Miene, die Erwachsene täuscht – weil sie nicht sehen, dass in seinem Kopf bereits der nächste Streich Form annahm.
„Also,“ begann Fainche, die Hände in die Hüften gestemmt, „wir sammeln Kastanien. Keine toten Frösche, keine Schnecken, keine toten Vögel, keine Küchenreste. Nur Kastanien.“
„Der hier ist nicht tot,“ erklärte Conrad sofort, unschuldig wie ein Engel, während er eine undefinierbare Kugel aus seinem Korb schob. „Der ist nur etwas angeschlagen, weil Rikkard fast auf ihn raufgetreten wäre.“
„Das war Forschung!“ konterte Rikkard, empört über die Unterstellung. „Ich wollte wissen, ob er schnell hüpfen kann, und ich habe ihn gar nicht getroffen."
"Was ist mit Eicheln?“
„Zählen zur Beute, wenn sie rund genug sind.“
„Und was ist mit Kuchen?“ fragte Rikkard trocken, ohne auch nur zu blinzeln.
„Den lasst ihr da, wo er hingehört,“ erwiderte Fainche prompt, „in der Küche – und nicht in euren Mäulern.“
Die Brüder tauschten diesen ganz bestimmten Blick – ein kurzes, wortloses Bündnis zwischen Komplizen, das jedes ehrbare Gemüt misstrauisch machen würde.
„Welcher Kuchen?“ fragte Conrad mit dem Ausdruck eines Kindes, das noch nie in seinem Leben gelogen hat.
„Genau der,“ brummte Fainche.
Sie hakte den Sack über die Schulter. „Wer mehr Kastanien sammelt als ich, darf mich später beim Üben abwerfen.“
Rikkard verengte die Augen. „Und wenn wir verlieren?“
„Dann muss ich wohl jemanden anderen finden. Ob Helleth oder Aleva wohl Spaß daran hätten?“
Der Gesichtsausdruck der Jungs wechselte sofort von Triumph zu Empörung – und das war der Startschuss.
Conrad rannte los, als wolle er die Welt erobern, sprang über Wurzeln, wühlte in Laubhaufen, stach sich zweimal an einer Distel, aber grinste jedes Mal, wenn er eine glänzende Kastanie fand. Rikkard folgte in gemessenem Abstand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit prüfendem Blick. „Das ist keine gute Stelle. Da hat letztens schon jemand gesammelt.“
„Ach ja?“ fragte Fainche misstrauisch.
„Ich,“ sagte Rikkard stolz – und warf, kaum dass sie hinsah, eine Eichel nach seinem Bruder.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis aus der Sammelmission eine Schlacht wurde. Conrad warf Laub wie Rauchbomben, Rikkard konterte mit gezielten Treffern, und Fainche duckte sich lachend unter einer fliegenden Kastanie weg, die nur knapp an ihrem Ohr vorbeisauste.
„Ihr sollt sammeln, nicht werfen!“ rief sie.
„Üben fürs Parieren!“ konterte Rikkard, während Conrad kicherte: „Er hat gesagt, du musst schneller werden!“
„Hat er das?“ Fainche grinste schief, griff sich selbst eine Kastanie aus dem Beutel und schleuderte sie mit geübtem Schwung zurück. Die beiden Jungs kreischten, warfen sich ins Laub und lachten so laut, dass ein paar Vögel vom nächsten Baum aufflatterten.
Nach einer halben Stunde war der Sack prall gefüllt – und Fainche ebenso: mit Laub, Dreck, und vermutlich neuen blauen Flecken. Conrad trug seinen kleinen Korb wie eine Trophäe, stolz, schmutzig, zufrieden. Rikkard marschierte daneben mit gerunzelter Stirn, als wäre das alles Teil eines größeren Plans gewesen.
Fainche seufzte, während sie den Sack zurechtrückte.
„Na schön, ihr beiden Kommandanten – Mission erfüllt.“
„Ja,“ meinte Rikkard mit ernster Miene. „Feind vollständig besiegt.“
Conrad nickte eifrig, hob eine Kastanie wie ein Banner in die Luft und grinste. „Und General Matschfuß hat überlebt!“
„Wer?“ fragte Fainche skeptisch.
„Die Kröte,“ erklärten beide im Chor.
Taten.
Der eine, dunkelhaarig, mit wachen, listigen Augen und einem Grinsen, das auf halbem Weg zwischen Unschuld und Übeltat stecken blieb. Er war der ältere der beiden, vielleicht um ein halbes Jahr, aber mit dem Auftreten eines Ritters im Miniaturformat: entschlossen, stolz, und immer auf der Suche nach dem nächsten Manöver. Neben ihm ging ein blonder Junge, groß für sein Alter und scheinbar ernst, mit dieser mürrischen Miene, die Erwachsene täuscht – weil sie nicht sehen, dass in seinem Kopf bereits der nächste Streich Form annahm.
„Also,“ begann Fainche, die Hände in die Hüften gestemmt, „wir sammeln Kastanien. Keine toten Frösche, keine Schnecken, keine toten Vögel, keine Küchenreste. Nur Kastanien.“
„Der hier ist nicht tot,“ erklärte Conrad sofort, unschuldig wie ein Engel, während er eine undefinierbare Kugel aus seinem Korb schob. „Der ist nur etwas angeschlagen, weil Rikkard fast auf ihn raufgetreten wäre.“
„Das war Forschung!“ konterte Rikkard, empört über die Unterstellung. „Ich wollte wissen, ob er schnell hüpfen kann, und ich habe ihn gar nicht getroffen."
"Was ist mit Eicheln?“
„Zählen zur Beute, wenn sie rund genug sind.“
„Und was ist mit Kuchen?“ fragte Rikkard trocken, ohne auch nur zu blinzeln.
„Den lasst ihr da, wo er hingehört,“ erwiderte Fainche prompt, „in der Küche – und nicht in euren Mäulern.“
Die Brüder tauschten diesen ganz bestimmten Blick – ein kurzes, wortloses Bündnis zwischen Komplizen, das jedes ehrbare Gemüt misstrauisch machen würde.
„Welcher Kuchen?“ fragte Conrad mit dem Ausdruck eines Kindes, das noch nie in seinem Leben gelogen hat.
„Genau der,“ brummte Fainche.
Sie hakte den Sack über die Schulter. „Wer mehr Kastanien sammelt als ich, darf mich später beim Üben abwerfen.“
Rikkard verengte die Augen. „Und wenn wir verlieren?“
„Dann muss ich wohl jemanden anderen finden. Ob Helleth oder Aleva wohl Spaß daran hätten?“
Der Gesichtsausdruck der Jungs wechselte sofort von Triumph zu Empörung – und das war der Startschuss.
Conrad rannte los, als wolle er die Welt erobern, sprang über Wurzeln, wühlte in Laubhaufen, stach sich zweimal an einer Distel, aber grinste jedes Mal, wenn er eine glänzende Kastanie fand. Rikkard folgte in gemessenem Abstand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit prüfendem Blick. „Das ist keine gute Stelle. Da hat letztens schon jemand gesammelt.“
„Ach ja?“ fragte Fainche misstrauisch.
„Ich,“ sagte Rikkard stolz – und warf, kaum dass sie hinsah, eine Eichel nach seinem Bruder.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis aus der Sammelmission eine Schlacht wurde. Conrad warf Laub wie Rauchbomben, Rikkard konterte mit gezielten Treffern, und Fainche duckte sich lachend unter einer fliegenden Kastanie weg, die nur knapp an ihrem Ohr vorbeisauste.
„Ihr sollt sammeln, nicht werfen!“ rief sie.
„Üben fürs Parieren!“ konterte Rikkard, während Conrad kicherte: „Er hat gesagt, du musst schneller werden!“
„Hat er das?“ Fainche grinste schief, griff sich selbst eine Kastanie aus dem Beutel und schleuderte sie mit geübtem Schwung zurück. Die beiden Jungs kreischten, warfen sich ins Laub und lachten so laut, dass ein paar Vögel vom nächsten Baum aufflatterten.
Nach einer halben Stunde war der Sack prall gefüllt – und Fainche ebenso: mit Laub, Dreck, und vermutlich neuen blauen Flecken. Conrad trug seinen kleinen Korb wie eine Trophäe, stolz, schmutzig, zufrieden. Rikkard marschierte daneben mit gerunzelter Stirn, als wäre das alles Teil eines größeren Plans gewesen.
Fainche seufzte, während sie den Sack zurechtrückte.
„Na schön, ihr beiden Kommandanten – Mission erfüllt.“
„Ja,“ meinte Rikkard mit ernster Miene. „Feind vollständig besiegt.“
Conrad nickte eifrig, hob eine Kastanie wie ein Banner in die Luft und grinste. „Und General Matschfuß hat überlebt!“
„Wer?“ fragte Fainche skeptisch.
„Die Kröte,“ erklärten beide im Chor.
- Fainche Orlaith
- Beiträge: 91
- Registriert: Sonntag 4. Juni 2023, 16:07
Re: Von Straßenkötern und Bäumen (Sprösslingen)
Der Winter hielt das Umland fest im Griff, und Fainche begrüßte die Kälte. Sie war nützlich. Kälte ist ein hervorragendes Anästhetikum – kostenlos, effektiv und ohne den Kater am nächsten Morgen. Die schneidende Luft legte sich wie ein Druckverband um ihren Brustkorb und hielt alles zusammen, was drinnen zu zerfallen drohte. Wenn sie stillstand, spürte sie die Nachwirkungen des Gifts und das Echo der wütenden Worte an Cecilia nur gedämpft, wie Lärm aus einem Nachbarzimmer. Sie funktionierte. Das war das Wichtigste.
Sie stand im Innenhof, die Hände tief in den Taschen vergraben, die Schultern bis zu den Ohren gezogen. Ihr Blick glitt über Conrad und Rikkard, ohne wirklich an ihnen haften zu bleiben. Sie waren heute keine Kameraden im Unsinn, sondern eine Aufgabe. Eine lebende Ablenkungstherapie. „Also gut“, sagte sie. Ihre Stimme klang flach, präzise, ohne die übliche Wärme, die sie sonst für die beiden übrig hatte. „Die Lektion heute lautet: Wahrnehmung. Wenn ihr mich treffen wollt, müsst ihr schneller sein, als ihr denkt. Was – bei allem Respekt – hoffentlich machbar ist.“
Die Jungen, eingepackt wie zwei Wollkugeln, die man für den Versand zu gut gepolstert hatte, tauschten einen Blick. Sie spürten die Distanz. Conrad musterte sie forschend, Rikkard trat in seinen viel zu dicken Stiefeln von einem Fuß auf den anderen. „Einfach werfen?“, fragte Rikkard zögerlich, als witterte er eine Falle. „Einfach werfen“, bestätigte Fainche knapp. Sie nahm eine defensive Haltung ein, mechanisch, wie eine schlecht gestopfte Übungspuppe.
Die ersten Schneebälle flogen. Fainche wich aus. Ein Schritt nach links, ein Ducken, eine Drehung. Ihr Körper reagierte gut. Sie spürte keine Freude dabei, nur die trockene Befriedigung, dass ihre Reflexe noch da waren. Sie war unantastbar, hinter einer unsichtbaren Scheibe aus Eis und Gleichgültigkeit. Bis Conrad nicht auf sie zielte. Der Ältere blickte kurz nach oben, grinste mit der Unschuld eines Engels, der gerade die Hölle tapeziert, und warf mit unerwarteter Wucht gegen den tiefhängenden, schneeschweren Ast der Tanne direkt über ihr.
Es gab kein Ausweichen. Die weiße Last stürzte herab und begrub Fainche unter sich. Kälte schockte ihr System. Schnee rutschte in ihren Kragen, suchte sich zielsicher den Weg in Körperregionen, die definitiv warm bleiben sollten, und biss in die Ohren. Die perfekte Isolation war dahin. Fainche keuchte, schüttelte sich wild und starrte verdattert wie ein begossener Pudel aus ihrem weißen Gefängnis hervor. Vor ihr kugelten sich die Jungs vor Lachen. Es war ein echtes, dreckiges Lachen. Etwas in Fainches Brust knackte. Die Starre löste sich, weggespült von einem plötzlichen, heißen Anflug von Rachelust. „Na wartet“, knurrte sie, und das Knurren war echt. „Das bedeutet Krieg. Keine Gefangenen.“
Ab da bröckelte die Fassade mit jeder Minute mehr. Aus der mechanischen Übung wurde eine wilde Jagd. Fainche vergaß, was sie beschäftigte. Sie warf sich in Deckung und lachte rau auf, als ein Treffer von Rikkard sie an der Schulter erwischte. Die Bewegung pumpte Blut in ihre kalten Glieder, und mit der Wärme kehrte das Leben zurück.
„Mir ist langweilig“, verkündete Rikkard später in den grauen Himmel, als sie atemlos im Schnee lagen. Ein Satz, so gefährlich wie „Hoppla“ bei dem Basteln einer Bolzengranate. Fainche drehte den Kopf zu ihm. Ihr Gesicht glühte. Die dunklen Gedanken waren nicht weg, aber sie waren leiser, übertönt vom Pochen ihres eigenen Pulses. Sie sah den leicht abschüssigen Weg nahe der Burg an. „Wisst ihr“, sagte sie, und ihre Augen blitzten auf – nicht mehr leer, sondern mit dem alten, gefährlichen Funken. „Ich weiß was besseres als Werfen.“
Die folgende Stunde war pure, manische Energie. Sie bauten die Rennstrecke mit einer Besessenheit, die keinen Raum für Grübelei ließ. Sie schleppten Wasser, rutschten, fielen hin, standen wieder auf. Fainche war mittendrin, mehr der Anführer des Rudels als irgendjemand mit pädagogischem Verantwortungsbewusstsein. Wer braucht schon heile Knochen, wenn er Geschwindigkeit haben kann? Sie packte mit an, zog Rikkard aus einer Wehe und schob Conrad an, damit er mehr Schwung bekam. Jede Berührung, jedes gemeinsame Fluchen über einen misslungenen Rutschversuch kittete die Risse in ihr.
Als die Dämmerung kam, war Fainche erschöpft, aber sie fühlte sich ganz. „Wir müssen das tarnen“, entschied sie hastig, als sie die spiegelglatte Fläche betrachtete, die sie geschaffen hatten. „Wenn Helleth das sieht, landen wir im Ofen. Oder schlimmer: Wir müssen fegen.“ „Schnell, Schnee drauf!“, rief Conrad. In wilder Hast schoben sie den Schnee von der Bahn zur Seite, um den Weg wieder „begehbar“ aussehen zu lassen, ließen aber tückische Eisplatten frei. Um die Spur der Eisbahn zu verwischen, türmten sie den beiseite geschaufelten Schnee an den Rändern zu hohen, unordentlichen Wällen auf.
Dann das Warten hinter dem Holzstapel. Fainche kauerte eng neben den Jungs. Die Isolation vom Morgen war völlig verschwunden. Sie waren eine Einheit, eine kriminelle Vereinigung auf Kniehöhe.
Ein Stallbursche kam den Weg entlang, einen beladenen Futterkorb unter dem Arm, ein fröhliches Lied pfeifend, in törichter Unkenntnis seines Schicksals. Er sah den vermeintlich geräumten Pfad zwischen den Schneehaufen und trat zielstrebig hindurch. Genau auf den ersten Fleck. Der Effekt war grandios. Sein rechter Fuß schoss nach vorne weg, als hätte der Boden ihn persönlich beleidigt und abgestoßen. Er ruderte wild mit den Armen, der Futterkorb segelte in hohem Bogen davon – eine tragische Flugbahn für die Karotten –, und er machte einen halben Salto seitwärts. Mit einem dumpfen Wumpf schlug er in den aufgehäuften Schneewall ein, den sie aufgeschüttet hatten. Eine weiße Wolke stob auf und verschluckte ihn fast komplett.
Hinter dem Holzstapel drückte Fainche ihr Gesicht in Conrads Jacke, um das Lachen zu ersticken. Ihr ganzer Körper bebte. Sie fühlte sich leicht, albern und unglaublich lebendig. Die Kälte war immer noch da, aber sie war nicht mehr in ihr. Sie war nur noch Wetter. Und hier, in diesem Versteck, zwischen kindlichem Schadenfreude-Kichern und dem Geruch von nasser Wolle, war es warm.
Sie stand im Innenhof, die Hände tief in den Taschen vergraben, die Schultern bis zu den Ohren gezogen. Ihr Blick glitt über Conrad und Rikkard, ohne wirklich an ihnen haften zu bleiben. Sie waren heute keine Kameraden im Unsinn, sondern eine Aufgabe. Eine lebende Ablenkungstherapie. „Also gut“, sagte sie. Ihre Stimme klang flach, präzise, ohne die übliche Wärme, die sie sonst für die beiden übrig hatte. „Die Lektion heute lautet: Wahrnehmung. Wenn ihr mich treffen wollt, müsst ihr schneller sein, als ihr denkt. Was – bei allem Respekt – hoffentlich machbar ist.“
Die Jungen, eingepackt wie zwei Wollkugeln, die man für den Versand zu gut gepolstert hatte, tauschten einen Blick. Sie spürten die Distanz. Conrad musterte sie forschend, Rikkard trat in seinen viel zu dicken Stiefeln von einem Fuß auf den anderen. „Einfach werfen?“, fragte Rikkard zögerlich, als witterte er eine Falle. „Einfach werfen“, bestätigte Fainche knapp. Sie nahm eine defensive Haltung ein, mechanisch, wie eine schlecht gestopfte Übungspuppe.
Die ersten Schneebälle flogen. Fainche wich aus. Ein Schritt nach links, ein Ducken, eine Drehung. Ihr Körper reagierte gut. Sie spürte keine Freude dabei, nur die trockene Befriedigung, dass ihre Reflexe noch da waren. Sie war unantastbar, hinter einer unsichtbaren Scheibe aus Eis und Gleichgültigkeit. Bis Conrad nicht auf sie zielte. Der Ältere blickte kurz nach oben, grinste mit der Unschuld eines Engels, der gerade die Hölle tapeziert, und warf mit unerwarteter Wucht gegen den tiefhängenden, schneeschweren Ast der Tanne direkt über ihr.
Es gab kein Ausweichen. Die weiße Last stürzte herab und begrub Fainche unter sich. Kälte schockte ihr System. Schnee rutschte in ihren Kragen, suchte sich zielsicher den Weg in Körperregionen, die definitiv warm bleiben sollten, und biss in die Ohren. Die perfekte Isolation war dahin. Fainche keuchte, schüttelte sich wild und starrte verdattert wie ein begossener Pudel aus ihrem weißen Gefängnis hervor. Vor ihr kugelten sich die Jungs vor Lachen. Es war ein echtes, dreckiges Lachen. Etwas in Fainches Brust knackte. Die Starre löste sich, weggespült von einem plötzlichen, heißen Anflug von Rachelust. „Na wartet“, knurrte sie, und das Knurren war echt. „Das bedeutet Krieg. Keine Gefangenen.“
Ab da bröckelte die Fassade mit jeder Minute mehr. Aus der mechanischen Übung wurde eine wilde Jagd. Fainche vergaß, was sie beschäftigte. Sie warf sich in Deckung und lachte rau auf, als ein Treffer von Rikkard sie an der Schulter erwischte. Die Bewegung pumpte Blut in ihre kalten Glieder, und mit der Wärme kehrte das Leben zurück.
„Mir ist langweilig“, verkündete Rikkard später in den grauen Himmel, als sie atemlos im Schnee lagen. Ein Satz, so gefährlich wie „Hoppla“ bei dem Basteln einer Bolzengranate. Fainche drehte den Kopf zu ihm. Ihr Gesicht glühte. Die dunklen Gedanken waren nicht weg, aber sie waren leiser, übertönt vom Pochen ihres eigenen Pulses. Sie sah den leicht abschüssigen Weg nahe der Burg an. „Wisst ihr“, sagte sie, und ihre Augen blitzten auf – nicht mehr leer, sondern mit dem alten, gefährlichen Funken. „Ich weiß was besseres als Werfen.“
Die folgende Stunde war pure, manische Energie. Sie bauten die Rennstrecke mit einer Besessenheit, die keinen Raum für Grübelei ließ. Sie schleppten Wasser, rutschten, fielen hin, standen wieder auf. Fainche war mittendrin, mehr der Anführer des Rudels als irgendjemand mit pädagogischem Verantwortungsbewusstsein. Wer braucht schon heile Knochen, wenn er Geschwindigkeit haben kann? Sie packte mit an, zog Rikkard aus einer Wehe und schob Conrad an, damit er mehr Schwung bekam. Jede Berührung, jedes gemeinsame Fluchen über einen misslungenen Rutschversuch kittete die Risse in ihr.
Als die Dämmerung kam, war Fainche erschöpft, aber sie fühlte sich ganz. „Wir müssen das tarnen“, entschied sie hastig, als sie die spiegelglatte Fläche betrachtete, die sie geschaffen hatten. „Wenn Helleth das sieht, landen wir im Ofen. Oder schlimmer: Wir müssen fegen.“ „Schnell, Schnee drauf!“, rief Conrad. In wilder Hast schoben sie den Schnee von der Bahn zur Seite, um den Weg wieder „begehbar“ aussehen zu lassen, ließen aber tückische Eisplatten frei. Um die Spur der Eisbahn zu verwischen, türmten sie den beiseite geschaufelten Schnee an den Rändern zu hohen, unordentlichen Wällen auf.
Dann das Warten hinter dem Holzstapel. Fainche kauerte eng neben den Jungs. Die Isolation vom Morgen war völlig verschwunden. Sie waren eine Einheit, eine kriminelle Vereinigung auf Kniehöhe.
Ein Stallbursche kam den Weg entlang, einen beladenen Futterkorb unter dem Arm, ein fröhliches Lied pfeifend, in törichter Unkenntnis seines Schicksals. Er sah den vermeintlich geräumten Pfad zwischen den Schneehaufen und trat zielstrebig hindurch. Genau auf den ersten Fleck. Der Effekt war grandios. Sein rechter Fuß schoss nach vorne weg, als hätte der Boden ihn persönlich beleidigt und abgestoßen. Er ruderte wild mit den Armen, der Futterkorb segelte in hohem Bogen davon – eine tragische Flugbahn für die Karotten –, und er machte einen halben Salto seitwärts. Mit einem dumpfen Wumpf schlug er in den aufgehäuften Schneewall ein, den sie aufgeschüttet hatten. Eine weiße Wolke stob auf und verschluckte ihn fast komplett.
Hinter dem Holzstapel drückte Fainche ihr Gesicht in Conrads Jacke, um das Lachen zu ersticken. Ihr ganzer Körper bebte. Sie fühlte sich leicht, albern und unglaublich lebendig. Die Kälte war immer noch da, aber sie war nicht mehr in ihr. Sie war nur noch Wetter. Und hier, in diesem Versteck, zwischen kindlichem Schadenfreude-Kichern und dem Geruch von nasser Wolle, war es warm.