Gerimor, Insel der Möglichkeiten und Prüfungen, für Leandra zumindest der Beginn des wirklichen Lebens, das von heilenden Händen, mitfühlenden Herzen und Aufopferung für die Anderen, geschrieben wurde. Die Kranken und Verwundeten, die sie pflegte, waren wie zarte Pflanzen, die ihre Pflege und Aufmerksamkeit brauchten, um wieder zu erblühen. Zahllose Gespräche begleiteten sie dabei, denn nicht nur der Körper kann Wunden tragen, sondern auch die Seele. Es war bislang ein einfaches Leben, so wie sie es kannte. Oft dachte sie zurück, an ihre Heimat und an das, was sie verloren hat.
Die Wälder, die sie als Kind auf Drachenfels durchstreift hatte, waren wie ein Buch mit unzähligen Seiten, jede Lichtung eine neue Geschichte, jeder Pfad ein Rätsel, das gelöst werden wollte. Eine Entdeckernatur wie sie im Buch steht. Ihr lebensfroher Hund, Begleiter durch all diese Kapitel, war wie der treue Mond, der nie den Nachthimmel verlässt, bis auch er seine letzte Seite erreichte. Nur Erzählungen aus der Heimat berichteten darüber, in ihrem selbst war dies alles nur ein Schatten, ein dunkles schwarzes Loch, entrissen, gestohlen. Diese Erinnerungen waren verloren, genommen von einem herzlosen Feind – Von den unsäglichen roten Kristallen.
Seit diesem Tag erkannte sie, wie wichtig es war die Geschichte zu bewahren und zu behüten. Der Verlust machte ihr klar, dass jede Geschichte, jede Erinnerung wertvoll und schützenswert ist.
In den Jahren auf Gerimor hatte sie nicht nur geheilt, sondern auch gelernt. Gelernt, dass das Leben eine Zerbrechlichkeit in sich trägt. So führte ihr Weg sie zur Geweihtenschaft der Temora. Es war, als hätten all ihre Erfahrungen, all ihre Prüfungen, sie unweigerlich zu diesem heiligen Dienst geführt. Als Akoluthin diente sie nun der Göttin, ihre Hände nicht mehr nur zur Heilung der Körper, sondern auch zur Führung der Seelen.
Erst kürzlich führte ihre Reise sie zu den Ruinen des alten Ordens der Temora auf Gerimor. Neben ihr, die Frau, die sie unweigerlich mit ihrer verlorenen Vergangenheit in Verbindung brachte, die Kronritterin Helisande. Leandra spürte bei den Begegnungen mit ihr das stete Mitgefühl über die damalige Situation, hielt gar öfters schützend die Hand über sie. Zusammen standen sie vor den Ruinen der alten Orden der Temora Burg, während die anderen Geweihten sich um ein Mysterium auf einem Turm kümmerten und mit Kleiner Hilfe auch schließlich lösten. Den Blick gen Varuna gewandt, unterhielten sie sich kurz über diesen Ort und dass das Untote dort schon viel zu lange überdauert und das es eines Tages wieder befreit gehört. Welche Ironie, denn wenig später erlebte sie etwas so merkwürdiges, dass sie sich nach überstandener Schlacht einem Pergament widmete und sich damit ins Kloster aufmachte.
Nachbericht über Geschehnisse nach der Bergung des Artefakts aus den Ruinen der Orden der Temora Burg
Der Herrin wärmendes Licht mit euch, werte Geweihtenschaft,
während der erbitterten Schlacht gegen die Untoten, die uns aus der Richtung des alten Gutshofs vor Varuna entgegen strömten, vernahm ich plötzlich laute Geräusche, die eindeutig dem Gutshof herrührten. Es klang, als befände man sich in einer belebten Schenke – Geklapper von Geschirr, Gerappel und Musik, die die Schlachtgeräusche übertönten. Diese Klänge erregten meine Aufmerksamkeit und weckten meine Neugierde.
Je näher ich kam, desto eindeutiger wurden die Geräusche. Sie vermittelten das Bild eines lebendigen und fröhlichen Ortes, so unpassend inmitten der trostlosen und von Untoten verseuchten Ruinen. Schließlich, als wir die wandelnden Toten zurückdrängten und ich den Gutshof erreichte, erlebte ich einen flüchtigen Augenblick, der wie ein Riss im Gefüge der Zeit erschien.
Vor meinen Augen verwandelte sich der verfallene und zerstörte Gutshof. Wo zuvor Trümmer und Verfall waren, sah ich den Hof in einem prächtigen Zustand. Es war, als hätte ich einen Blick in die Vergangenheit geworfen, ein Fenster in eine längst vergangene Zeit, in der dieser Ort voller Leben und Freude war.
Dieser kurze Blick verging so schnell, wie er gekommen war, und ich stand wieder vor den trostlosen Überresten des Gutshofs. Tief bewegt und nachdenklich kehrten wir zum Kloster zurück und ich begann, Fragen zu stellen. Ich wollte wissen, ob jemand Informationen über diesen merkwürdigen Ort hatte.
Esther erzählte, dass der Gutshof einst einer Frau namens Darna gehörte, Andra erwähnte das sie Beaks erste Ausbilderin war und Raia sie auch kannte. Einige alte Schriften erwähnen sie, auch in den Chroniken fand ich einige Aufzeichnungen, die beschrieben das sie die Paladina von Hohenfels war. Im Hort liegen auch noch einige Schriften, verfasst von Darna, damals noch von Elbenau.
Etwas zieht mich unaufhörlich zu diesem Ort, und ich habe das Gefühl, dass dort eine tiefere Bedeutung verborgen liegt, die wir noch nicht erfasst haben. Ich bin fest entschlossen, weiter zu forschen und zu beten, dass Temora mir den Weg erleuchtet, damit ich das Geheimnis dieses Gutshofs und Darna ergründen kann.
Möge Temoras Licht uns auf unserem Weg führen und uns die Weisheit verleihen, die Geheimnisse der Vergangenheit zu ergründen.
Schwester Leandra
Akoluthin der Geweihtenschaft der Temora
Zuletzt geändert von Leandra Kalveron am Sonntag 9. Juni 2024, 19:25, insgesamt 1-mal geändert.
Das flackernde Licht der Kerzen warf tanzende Schatten auf die Wände, es war bereits tiefe Nacht als Leandra erneut den Abend im Hort des Wissens verbrachte. Zusammen mit Kathrina, die ihr den nötigen Rückhalt gab, dass diese Suche nicht aussichtslos ist im Ansicht der beeindruckenden Bibliothek voller uralter Schriften und Bücher. Regale die sich bis in den Turm hinauf streckten können manchmal etwas erdrückendes haben, auch wenn Leandra schon den ein oder anderen Abend dort verbrachte, gab es immer wieder Neues zu entdecken. Nach einigen Hinweisen über Hohenfels und dessen Familienhistorie blieb Leandra jedoch erneut bei einem Buch hängen, welches nur von nebensächlicher Bedeutung schien. Es waren Berichte über Varuna und die Versuche der Befreiung und Reinigung. Namen die sie noch nie hörte aber auch ausgeprägte Geschichte. Friedolin von Tannhoch, Sir Thelor, unzählige weitere Namen, der König höchst selbst der einen Angriff leitete, ein Quell des Bösen und eine Spur im östlichen Varuna, so viele Informationen, die scheinbar für die meisten in den Flüssen der Zeit verloren gegangen sind.
Immer weiter vergrub Leandra ihren Kopf in diesem Buch, während Kathrina es sich schon auf einem Stuhl bequem machte und die Müdigkeit sie schlussendlich dahinraffte. Wie schon so oft musste Leandra bei diesem Anblick Schmunzeln, die Vogtin hielt zumeist solange aus, bis sie nichts mehr gegen den Schlaf tun konnte und ihm erlag. Behutsam und fürsorglich wie immer, nahm Leandra eine Decke und legte sie sanft über die Vogtin, um sich mit dem Buch neben sie zu setzen und irgendwann im sanften Dämmerlicht des Horts des Wissens sank Leandra in einen tiefen Schlaf und ihre Gedanken wanderten in die geheimnisvolle Welt ihrer Träume.
Dort fand sie sich wieder vor dem alten Gutshof, der im Mondlicht funkelte, als wäre er aus Silber gesponnen. Der verfallene Ort, den sie in der damaligen Realität gesehen hatte, trug zeitlose Schönheit, selbst in diesem Zustand. Die gesamte Szenerie mit Sternen, dem Mond, dem Nachthimmel, schon immer war Leandra davon fasziniert, was sich auch auf ihren Kleidern stets widerspiegelte.
Der Weg zum Gutshof wandelte sich in ihren Gedanken, kräftige Buchsbäume wuchsen auf beiden Seiten des Wegs, wie Spiralen drehten sie sich einfach aus dem trostlosen Ackerland und tauchten die bläuliche, düstere Szene in saftiges Grün. Wie von einem Puppenspieler geführt, durchschritt die Geweihte diese Reihen und musste unweigerlich an die Worte von Siran denken, der davon sprach das es eine Straße gab, die sich wohl Prachtallee nannte. In ihren Träumen waren es Buchsbäume, das Symbol von Boresal, der Tapferkeit.
Die Luft war plötzlich erfüllt vom Duft blühender Blumen und das Lachen fröhlicher Menschen hallte in ihren Ohren. Sie sah Szenen vergangener Zeiten, in denen der Gutshof ein Ort der Zuflucht und des Trostes gewesen sein musste. Menschen kamen und gingen, jeder von ihnen brachte seine eigenen Geschichten und Hoffnungen mit. Inmitten dessen eine Frau, anmutig durch den Garten schreiten, ihre Augen voller Weisheit und Güte. Leandra fühlte eine tiefe Verbundenheit zu dieser Frau, als ob ihre Seelen auf einer tiefen Ebene miteinander kommunizierten. Die Fäden trugen sie unweigerlich voran, folgte dieser Frau auf dem Weg zur Tür, in der sie kurze Zeit später verschwand. Eine verschlossene Tür, ein Rätsel, eine Aufgabe. Leandra griff nach diesem rustikalen Knauf und wollte jene öffnen, doch in dem Moment, als sie die Hand danach ausstreckte zerfiel er in morsche Holzstückchen. Die morbide Fäule kehrte gänzlich zurück und all der Glanz entschwand vor ihrem Antlitz. Sie sah sich selber vor den Ruinen und bemerkte schwere, durchbohrende Blicke auf sich und unheiliges Heulen. Der Tod hat sich diesen Ort wieder einverleibt und streckte seinerseits die knochige Hand in die Richtung der Geweihten, bis sie hochschreckte und aus diesem skurilen Traum heraus gerissen wurde.
Noch immer saß sie im Hort und das hochschrecken schien selbst die sanftmütige Vogtin aufgeweckt zu haben. Es dauerte einige Momente bis Leandra wieder gänzlich bei sich war, diese ganzen Eindrücke, Bilder, Stimmen. Was war Realität, was Vision und was Traum? Noch immer hat sie Schwierigkeiten diese auseinander zu halten, es war immer noch befremdlich für diese sonst so einfache Frau.
Sie muss weiter fragen und forschen, um die Geheimnisse zu entschlüsseln, die sie so sehr in ihren Bann gezogen hatten. Jeder Gesprächspartner hatte seine eigene Perspektive und seine eigenen Erinnerungen beigesteuert und irgendwann wird sich das gänzliche Bild formen, was Rätsel Lösung sein wird.
Es stank ganz erbärmlich, scharf und stechend, ganz ähnlich wie verbranntes Haar. Dieser Harpienhaufen war mittlerweile nur noch ein glimmender Rauchherd und trotzdem stand Leandra ganz in der Nähe auf der Brüstung der Feste und blickte in tiefer Nachdenklichkeit in die düstere Finsternis. Irgendwo dahinten lag er, der Gutshof und auch jener Ort an denen sich die Harpien scheinbar zurück zogen, Varuna – wieder Varuna.
Die letzten Tage waren erneut von Reisen und Gesprächen durchzogen, sie vertiefte sich weiter in Gespräche und Nachforschungen, stets auf der Suche nach Hinweisen, die das komplexe Rätsel entschlüsseln könnten. Amelie konnte leider nicht viel erzählen, doch versprach sie in ihrem Kopf zu wühlen, sie erwähnte jedoch eine alte Hochzeitskarte. Diese Karte, sicher ein vergilbtes Relikt aus längst vergangenen Tagen, schlummerte wohl irgendwo tief in den Untiefen ihrer Kistenberge. Wird dies Hinweis geben? Wohl nicht, aber man wird es sehen. Nicht viel mehr Aufschluss konnte auch Ashtar geben, er war für sie meist ein Lexikon der Nostalgie, aber er beschränkte auch sein Leben wohl damals schon in der eigenen Heimat, die jedoch nicht Varuna hiess. Jedoch erinnerte sich der höfliche Einsiedler an einen Namen, der eine neue Spur sein könnte.
Während der Pilgerreise zum Schrein der Demut beschloss Leandra, die Gelegenheit zu nutzen, um mit der Kronritterin Helisande ein kurzes Gespräch zu führen, schon seit einigen Tagen wartete die junge Geweihte auf diese Gelegenheit jene abzufangen. Sie bat um ein Treffen und am nächsten Tag fanden sie sich vor dem Kloster wieder, auch wenn eine Gefahrenlage am Himmel lauerte, gab es doch Zeit für Gespräch, welches einerseits Erkenntnis brachte, anders jedoch auch tiefe Besorgnis auslöste. Helisande erzählte von den düsteren Albträumen, die sie damals heimsuchten und etwas mit Krathor zu tun hatten. Diese Träume waren so lebhaft und intensiv, dass sie Helisande das Unbehagen ansehen konnte, auch wenn die stattliche Ritterin sonst gut war alles hinter dem eisernen Blick zu verstecken. In diesen Träumen verschmolzen Darna und Helisande zu einer einzigen Person, die die Schrecken des brennenden Varuna durchlebte. Helisande warnte Leandra eindringlich, ob die Bilder die sie sah nicht auch anderen Ursprung sein könnten, als die Lichtbringerin. Sorge wuchs, je mehr sie über diese düsteren Visionen erfuhr, denn auch Leandra spürte, wie sie sich immer mehr mit Darna identifizierte, nachdem sie unzählige Schriften und Aufzeichnungen von ihr gelesen hatte. Macht sich jemand anderes, etwas Dunkles sich dieses vielleicht zunutze? War es gar nicht die Lichtbringerin, die ihr diese Eindrücke sendete, sondern etwas Düsteres?
Ein Name tauchte immer wieder in ihren Gesprächen auf: der Baron Arenvir von Tilianas. Helisande bot an, zu vermitteln und möglicherweise wertvolle Informationen von ihm zu beschaffen. Diese Aussicht weckte in Leandra eine glimmende Hoffnung, doch eine andere Theorie der Kronrittern brannte sich besonders in ihr Gedächtnis ein: der Helm, den sie in den Ruinen gefunden hatten. Könnte es sein, dass dieser Helm einst Darnas Kopf schmückte? Der Orden der Temora, so sagte man, horteten kostbare Artefakte aus einer längst vergangenen Ära. War dies vielleicht die Lösung des Rätsels, das sie so verzweifelt zu lösen suchte?
Neue Fäden, immer weitere Fäden erschlossen sich vor ihr, das Rätsel schien immer komplexer zu werden und dass sie diesen Hinweisen weiter nachgehen musste. Die Vergangenheit und die Gegenwart schienen auf mysteriöse Weise miteinander verwoben und das Geheimnis des Gutshofs und Darnas Leben warteten darauf, von ihr enthüllt zu werden. Bald wäre es auch an der Zeit mit den Eminenzen vermehrt darüber zu sprechen, denn diese neue Sorge vergrub sich immer tiefer in Leandra, das sie vielleicht doch Spielball einer anderen Kraft wird.
Die Erlebnisse mit Krathor und seinen Dienern schienen auf ihrem Weg hier auf Gerimor stets präsent zu sein. Die Rabenschreie und der dichte Nebel als sie damals eben jene Feste errichten wollten, in der sie nun so nachdenklich verweilt und die zerstörte Mauer waren noch immer Mahnmal für den Schrecken, der sie heimsuchte. Nicht ohne Grund haben sie die Feste Nebelwacht genannt, denn mit jenem Nebel kam der Schrecken und sie sollte nun die Brandmauer dagegen sein, die Bruchstuckmauer sollte sie stets daran erinnern. Dann gab es noch diese merkwürdige wolfsartige Gestalt, eine düstere Schattengestalt, die es scheinbar auf Leandra inmitten eines tosenden Kampfes abgesehen hatte und sie am Bein packte, um sie mit zu ziehen. Nur dank Andra konnte sie sich aus dem Griff des Mauls heraus winden. Dieser Schreckenswolf, wollte sie scheinbar gar nicht fressen, die Umklammerung des Mauls war zwar schmerzhaft, jedoch nicht reißerisch, wollte dieses Wesen sie damals schon entführen und diese Visionen sind ein erneuter Versuch, sie irgendwo hin zu locken?
Licht oder Schatten, Leben oder Tod, was bohrte sich wirklich in ihren Kopf?
Im Halbdunkel der Bibliothek herrschte eine erhabene Stille, nur unterbrochen vom leisen Rascheln der Seiten, die umgeblättert wurden. Der schwere Duft von altem Papier und Leder füllte den Raum, vermischt mit dem herben Aroma der Tinte, die in kunstvollen Schwüngen auf die Pergamente geflossen war. Hier, inmitten der Geschichten vergangener Zeitalter, fühlte sich jeder Atemzug an wie eine Reise durch die Epochen, getragen von den Worten der Weisen und Vorbildern längst vergangener Tage. Es war wieder der Hort, in dem Leandra stand, hinter ihr eine bekannte Stimme, die bereits befürchten musste das sich die junge Geweihte hier einquartierte.
Leandra schrieb die Titel einiger vielversprechender Werke auf und Amelie versprach, Abschriften davon anzufertigen und ihr zu geben. Dieses alte, vergilbte Tagebuch aus Varuna stach ihr dabei immer wieder ins Auge. Es hatte etwas unheilvolles, kryptisches. Wurde dieses Rätsel um jenen Mann jemals gelöst? Aber sie riss sich von diesen Gedanken immer wieder los, denn ihr Ansinnen war ein anderes.
Mit den Informationen, die sie von Helisande erhalten hatte, war Leandra schon ein ganzes Stück weitergekommen. Helisandes Erzählungen über die Albträume und die möglichen Machenschaften Krathors hatten neue Fragen aufgeworfen, andere Dinge haben aber auch einige Puzzleteile an ihren Platz fallen lassen. Nun war es an der Zeit, diese Erkenntnisse mit den anderen Geweihten zu teilen und ihre Gedanken zu ordnen. Unter ihnen befanden sich auch Beak und Raia, die den Gutshof vor Varuna gut kannten. Die Befürchtung der Albträume und das jemand anderes dahinter stecken könnte als die Tugendbringerin wurden von der Hohepriesterin als sehr unwahrscheinlich bezeichnet, welch Glück!
Beak und Raia erzählten spannende Dinge aus der Vergangenheit des Gutshofs. Ihre Geschichten waren voller lebendiger Details und Anekdoten, die das Bild eines lebendigen und bedeutungsvollen Ortes zeichneten. Während des Gesprächs sprach Raia dann etwas aus, was vielleicht die Lösung des Rätsels sein könnte. Sie sagte, dass der Gutshof und die ehemaligen Bewohner, Darna und Adrian von Hohenfels, stets leuchtende Vorbilder für gelebte Tugenden gewesen seien. Ihre strenge Hand habe immer im rechten Maß dosiert und sei von einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit und Mitgefühl geleitet gewesen. Diese Worte ließen Leandra innehalten und nachdenken. Könnte es sein, dass der Schlüssel zu den Geheimnissen des Gutshofs und der Verbindung zu Darna in den Tugenden und Temora selbst lag? Diese Werte zu vertreten und jene zu ehren, die sie lebten?
Die Worte der Hohepriesterin hallten in Leandra nach, in ihrem Geist ging sie alles noch einmal durch. Was war alles bislang passiert? Die Sonne ging hinter den Hügeln unter und tauchte die Welt in ein sanftes, goldenes Licht. Sie spürte eine seltsame Mischung aus Aufregung und Ruhe in sich, als ob sie kurz davor stand, einen wichtigen Durchbruch zu erzielen.
Sie erinnerte sich wie sie hier mit Constantin und Berenguer zusammen saßen, inmitten dieser Helm und ein prächtiger Adlerschrei der die Ankunft dieses edelmütigen Wesens ankündigte, den Greif. Sie konnte selber immer noch nicht begreifen, was dort genau geschehen ist, doch waren die Zeichen eindeutig, sie waren auf dem richtigen Weg. Das Licht bahnte sich seinen Weg zu diesem Relikt vergangener Tage und formte es zu einem Gefäß für die Tinte.
Alles schien sich um jene güldene Flüssigkeit zu drehen, die sie damals entdeckte. Rasch rannte sie in die Archive des Klosters, kramte jenen Bericht heraus und behielt den Blick darauf.
Schwingenstein, Kloster der Lichteinigkeit, 27.Eisbruch 267
Neben nachfolgenden Bericht über die Expedition zum Schrein, habe ich noch etwas merkwürdiges am Baum des Lichts erleben können. Vielleicht ist es auch etwas ganz normales, was sich bislang meiner Kenntnis entzogen hat, so hoffe ich auf die Erfahrung und das Wissen der höheren Geweihten.
Nachdem wir von den dunklen Schergen verfolgt und angegriffen wurden, suchte ich die Nähe des Klosters, um Erholung zu suchen und die Löcher in meiner Robe notdürftig zu flicken. Ich verweilte im Kaminzimmer, doch hörte immer wieder ein Tropfgeräusch. Als ich aus dem Zimmer ging, stellte ich fest, dass dies vom Baum des Lichts ausging. Ein frischer Zweig scheint dort entsprungen zu sein, an dem goldene, dickflüssige Flüssigkeit herunter tropfte. Es schien wie Baumharz, jedoch golden glänzend und irgendwie besonders. Die Tropfen sickerten in den Boden und verschwanden dort auch vor meinen Augen.
Akoluthin der Geweihtenschaft der Temora
Die Erinnerungen daran waren noch ausgeprägt, dort an dieser Stelle an der einst das Unheil den Baum des Lichts beschädigte erwuchs dieser Zweig und diese goldene Substanz, wie Baumharz, jedoch deutlich majestätischer. Sie konnte beobachten, wie etwas neues aus dem alten, abgebrochenen Zweig entstanden ist. Das muss die Lösung sein.
Die Tinte, die sieben Tugenden und den alten Schatten durch das neue zu ersetzen, um das Andenken in ehren zu halten. Auch Leandra sollte jene Tinte nutzen, um Temoras Werk zu vollrichten, davon war sie nun felsenfest überzeugt. Direkt eilte sie zurück um einige Schreiben aufzusetzen und den Plan zu schmieden, nur um kurz danach wieder zum Baum des Lichts zurück zu kehren und sich in ein sehr tiefes Gebet zu begeben, vor ihr eine leere Schale und die Hoffnung das die Lichtbringerin sie bei diesem Vorhaben unterstützt. Aber je länger sie dort saß, desto mehr beschlich sie das Gefühl, dass dies so nicht funktionieren würde. Benötigte sie wohl noch etwas anderes?
Kleine Hinweise zu sammeln wie Brotkrümel auf einem verschlungenen Pfad, so gestaltete sich die Suche nach diesem Mann. Endlich hatte sie den Aufenthaltsort des mysteriösen Mannes gefunden, der sich auf K'awi befinden soll. Ihre Reise führte sie zu den Türen eines alten Gasthauses, wo sie in der Hoffnung, ihn anzutreffen, zögernd an ein jeder Tür anklopfte.
Die Tür öffnete sich mit einem langsamen, dramatischen Knarren und gab den Blick frei auf einen dunklen Flur. Ein leises Rascheln kündigte den Bewohner an, und zu ihrem Erstaunen und Schrecken starrte ihr ein Rabe entgegen. Doch als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte sie, dass es kein echter Rabe war, sondern ein Mann in einer kunstvollen Rabenmaske, sein Körper bedeckt von unzähligen Federn, die im flackernden Licht tanzten.
Leandra stockte der Atem. Der Anblick des Mannes, dessen Präsenz die Luft zu verdichten schien, ließ ihr Herz schneller schlagen. Zögernd begann sie zu sprechen, ihre Stimme leise und unsicher, doch wagte sie zumindest ein normales Gespräch mit ihm. Doch der Mann strahlte eine beruhigende Sicherheit aus, die ihr Mut verlieh. Sie stellte schließlich die Frage, ob man jenen Raven Vandokir kennt und ja, es dauerte zwar einen Moment, doch er war es selbst.
Seine Worte und sein ruhiges Auftreten gaben ihr Kraft. Langsam entspannte sie sich und wagte, ihre weiteren Fragen zu stellen. Sie erfuhr, dass seine Verehrung der Raben nicht aus religiösem Eifer entstand, sondern aus einer tiefen Erkenntnis, dass alle Götter ihre Bedeutung hatten und geehrt werden sollten. Es war eine Philosophie der Gleichheit und des Respekts vor dem Göttlichen in all seinen Formen. Den Raben, den mag er anscheinend so, schlaue Tiere, so seine Worte.
Raven Vandokir enthüllte schließlich, dass er ihr nicht direkt helfen konnte, doch er nannte ihr einen neuen Namen, der ihr vielleicht weiterhelfen würde: Malachai Schwarzmourne. Dieser Name ließ Leandra aufhorchen, denn sie kannte ihn. Malachai war Ravens Bruder im Geist und soll derjenige sein, der am besten über die alte Zeit Bescheid wusste.
Obwohl ihre Reise eine weitere Wendung nahm, fühlte sich Leandra erleichtert und dankbar für die Hilfe des geheimnisvollen Mannes. Sie verbrachte noch einige Zeit mit ihm, führte lange Gespräche und folgte ihm schließlich in eine alte Bibliothek, die voller Schätze und Geheimnisse schien. Trotz seiner seltsamen Eitelkeit, die sich in seiner ständigen Benutzung eines Handspiegels zeigte, war Raven wirklich freundlich und hilfsbereit. Sie versprach sich selbst, ihn bei Gelegenheit wieder aufzusuchen. In dem Gespräch ergaben sich auch weitere Informationen, die sie nicht schlecht staunen lies.
Zurück im Kloster suchte Leandra den Rat von Hochwürden Constantin. Sie zeigte ihm die leere Schale, so massiv wie ein Kessel, den sie in ihrer Hoffnung aufstellte. Der junge Priester, dessen Weisheit ihr in den letzten Tagen immer mehr ein verlässlicher Ratgeber war, wusste sofort, was zu tun war. Sie benötigten das Relikt, die heilige Schale, um die wertvollen Tropfen aufzufangen.
Gemeinsam standen sie vor dem majestätischen Baum des Lichts, Leandra mit dem Relikt in den Händen. Mit einer ruhigen Stimme begann sie, zur Herrin des Lichts zu sprechen, ihr den Plan zu erklären. Die Luft um sie herum begann sich zu bewegen, als ob die Welt selbst auf ihre Worte reagierte. Langsam, fast ehrfürchtig, fielen goldene Tropfen von den Ästen des Baumes, direkt in die Schale. Es war das Zeichen des Einverständnisses der Herrin und Leandras Gesicht strahlte vor Freude und Erleichterung.
Die Reise war noch nicht zu Ende, doch in diesem Moment fühlte sich Leandra ermutigt und voller Hoffnung, die Geweihten, die Ritter, die Wache und ihre Gemeinschaft würden sie unterstützen, die Herrin ist an ihrer Seite. Was soll da noch passieren?
Zuletzt geändert von Leandra Kalveron am Sonntag 9. Juni 2024, 19:58, insgesamt 2-mal geändert.
Endlich war es soweit. Leandra, die Geweihten, Ritterschaft und ihre Getreuen vom Pakt der Morgenröte zogen im Schutz der Abenddämmerung zu dem verfallenen Gutshof, der in geheimnisvollem Zwielicht unter dem aufgehendem Mond lag. Jeder Schritt war von einer drückenden Spannung begleitet, man wusste welche Schrecken dort auf sie lauern werden und dass diese Finsternis nicht kampflos aufgeben wird. Die Hohepriesterin Lathaia trug die heiligen Relikte mit großer Umsicht, die ganze Zeit behütet von den Augen der Klosterwächterin. Sollte etwas gänzlich unerwartetes passieren, dann galt es um jeden Preis das Gefäß mit der Tinte und der heiligen Feder der Herrin des Lichts zu beschützen.
Die dunklen Mauern des großen Saals flüsterten Geschichten vergangener Zeiten, als sie den Raum betraten und erwehrten sich gegen diese ungewöhnlichen Besucher, auch als die kläglichen Gerippe wieder zu ihrer Ruhe verfielen, bemerkte man den Schatten des Verfalls über der Gruppe lauern. Es herrschte Totenstille, sie war zu spüren in einem jeden der Anwesenden. Mit äußerster Ruhe begannen die Geweihten, das Ritual zu vollrichten, die heiligen Zeichen der sieben Tugenden auf den staubigen Boden zu zeichnen.
Die Akoluthin machte den Anfang, die Feder schwang zu den überzeugten Worten„Herrin, richte bitte deinen Blick auf uns. Die Symbole deiner Heiligen sollen diese Ort wieder zeichnen, wie es auch in alt ehrwürdigen Tagen die gelebten Tugenden es taten.“ Die prachtvolle Feder des Greifen wurde über den Boden geschwungen, zuvor eingetippt in dieses heilige, goldene Harz, filigran wurde ein Röschen gezeichnet. „Lass es erneute erblühen, das Buschwindröschen zeigt unser Mitgefühl mit all jenen, die hier Schrecken erleiden mussten.“
Danach erklang die kräftige, basshafte, männliche Stimme des Inquisitors: „Die Opferbereitschaft war eine Tugend, die die ehemaligen Bewohner dieser Mauern stets in Ehren hielten. Möge sie wieder Einzug halten in diesen verwaisten Hallen!“ Die Werkzeuge der Göttin wurden weitergereicht, sanft aber bestimmt von der Hohepriesterin, während sie einen formschönen Runden Stein zeichnete. „Mögen das Licht, welches einst jene Hallen füllte, wieder Einkehr halten. Möge das Lachen statt des Windes Klagegesang zu hören sein.“ Die Kerze in der Mitte flammte mit jeder gesprochenen Silber und jedem Zeichen immer bläulicher auf. „Lass mit dem Licht auch die Tapferkeit wieder in den Hallen erklingen, ziere seinen Eingang mit kräftigen Buchsbaum, der jeder Gefahr strotzt und standhält.“ Diese bläuliche Leuchten der Kerze durchzog den Boden, die Wände, breitete sich immer weiter aus in den düsteren Hallen aus. „Es kann keine Gerechtigkeit geben so lange diese Hallen vom Feind gehalten werden! Semborel hilf uns, damit wir dieses Unrecht aus der Welt tilgen können!“ Die morschen Dielenbretter wurden von tiefen Vibrationen durchzogen. „Ehre erfüllte einst jeden Schritt, begleitete jedes Wort hier und hat bis heute seinen Nachhall! Möge es dies weiterhin mit jener Inbrunst tun!“
Ein tiefer Lufthauch – Die Kerze wurde nicht nur erloschen, sie wurde umgestoßen mit einem dermaßen lauten Knall, welches das Blut in den Adern gefrieren lassen könnte. Dann stille – einen Moment, bis Lachen und Weinen zugleich hörbar wird. Das finstere Werk an diesem Ort bemerkte ihren Versuch und regte sich.
„Haltet Euch für einen Kampf bereit!“
Sechs Symbole gezeichnet, sie waren so nah dran. Die Werkzeuge wurden an die Akoluthin weitergereicht, ihr Herz geriet ins Pochen, die Feder abgesenkt zum Boden, bereit für die letzte Zeichnung..
Der Boden tief unter ihnen grollte, als ob die Erde selbst gegen das Ritual protestierte, Erschütterungen gingen durch das Gebäude. Personen krachten zu Boden, verstaubtes Geschirr flieg durch die Gegend, Schreie, Flüche, Hilfeschreie, Schatten lösten sich aus den Wänden und das Chaos brach aus. „Vorsicht!“ „Vorsichtzu!“
Aus den Ecken und Nischen des Saals krochen finstere Schatten hervor, gefolgt von Untoten, die mit toten Augen und klappernden Knochen auf sie zukamen. Die Akoluthin hielt die Werkzeuge, um sie herum ein tosender Kampf, heranstürmende Zwerge, weg weichende Elfen, stattliche Ritter, helfende Streiter in einem undurchsichtigen Gemenge, dazwischen die Geweihten, immer noch auf dem Boden und die Akoluthin in kurzer Schockstarre, bis vertraute Stimme sie zurück rufte.
Leandra und Raia blieben in ihrer sitzenden Position, ihre Augen geschlossen, ihre Gedanken einzig auf die Herrin gerichtet. Die Welt um sie herum schien zu verschwimmen, als sie in tiefem Gebet verblieben. „Mach weiter, Schwester!“ „Konzentriere dich auf Temora!“ „Vertraue den Streitern!“ Neue Zuversicht, die vertraute führende Stimme der Hohepriesterin.„Wie auch im Buch, werden die Geschichten überdauern! Das Licht wird immer seinen Weg finden! Unser Glaube, die Geistigkeit sie ist tief in uns Verankert und lässt uns nicht wanken! Dieser Ort wird von diesem Licht erfasst werden, denn wir stehen vereint!“Die Feder kreiste, doch krachte dann ein unbändige, riesiger Knochendrache in den Raum, zerberstet das Inventar und einige Streiter mit einem Hieb, durch die Drehung in diesem beengten Raum wurde die Akoluthin zur Seite geschleudert, ihre Zeichnung nicht vollendet. Sie klammerte sich an die heiligen Relikte, während alle anderen dieses Monstrum versuchten zu bekämpfen.
Schreie, Getose, „HELM RAIA!“, klirrender Stahl, unheiliges Gebrüll, Ein gänzliches Durcheinander, ein fiepender Lichtfuchs in einer Ecke, aber irgendwann krachte das Ungetüm danieder und auch die Schatten entschwanden. Rasch beendete die Akoluthin die Zeichnung, dabei durchging ein ohrenbetäubendes Pfeifen durch den Raum. „Die Tugenden waren prägsam an diesem Ort, sie sollen es erneut sein! Ilara, Alsamar, Fasamar, Brynn, Semborel, Amyra und Boresal! Sie sollen auf ewig ihre Bedeutung in diesen Hallen finden!“ „So sei es!“„So sei es!“ „So sei es!“„So sei es!“ Zeitgleich mit dem Einklang der Stimmen wurde das düstere Gemäuer von dem blauen Licht der Temora erfüllt und auch der letzte Schatten musste diesem strahlenden Glanz weichen.
Staub rieselte von der Decke und dann eine wahrlich merkwürdige Gestalt, dessen friedliche Aura die Luft durchdrang und die diese chaotische Szenerie noch skuriler machte, schlurfte die Treppen herunter – Roman.
Ein Raunen ging durch die versammelte Gruppe, als einige ihn scheinbar erkannten: Roman, der Gärtner vom Haus Elbenau. Sein Körper war zerfallen und doch strahlte er eine eigenartige Ruhe aus. Leandra näherte sich ihm vorsichtig und versuchte, mit ihm zu sprechen, aber aus seinem Mund kamen nur unverständliche Laute. Sie konzentrierte sich darauf, die wärmende Kraft der Temora in das Wesen zu leiten… doch es wäre zu einfach gewesen:
Ein tiefschwarzer Schatten dessen Präsenz die Temperatur im Raum sinken ließ glitt zwischen sie packte den hilflosen Roman an der Kehle und zerdrückte noch mehr seiner zerfledderten Haut. Kalursche Fäuste flogen in seine Richtung, glitten einfach durch ihn hinadurch, wuetend blickte sich dieser Schatten um.
„Wenn ihr glaubt der Hauch eines Drachen vermag so schnell zu weichen täuscht ihr euch! Ihr mögt Licht hier in diese Hallen gebracht haben doch der Hauch Kryndlagors wird - ewig - überdauern.... Verbrannt.. fuer Immer!“
Roman wurde durch den Raum geschleudert, landete krachend am Eingang, während dieser düstere Speer in die Richtung der jungen Geweihten gestoßen wurde, Kaluren versuchten noch diesen zu blocken – doch wie Geisterhand glitten sie hindurch. Leandra wurde ebenso zurück geschleudert durch diesen Speerstoß, der sie an der Schulter traf und durch das Rüstwerk glitt, als wäre es Butter. War sie verletzt? Sie wusste es nicht einmal, das Adrenalin pochte. Schallendes Gelächter, einzig vor dem Schwert des Hohepriesters wich der Schatten zurück und entschwand Richtung Varuna. Erneut ein knallen – diesmal vor der Tür. Chaos – Kampf – ein letztes Aufbegehren, doch diesmal waren sie gestärkt von ihrem vollbrachten Werk, Temoras Glanz herrschte nun in dem Gebäude.
Nur einer schlurfte immer weiter, mit ungebrochenem Willen zu einem der Beete vor dem Gutshof, wo er begann, die Erde vorzubereiten, wie in längst vergangenen Zeiten – Roman.
Leandra folgte ihm, ihr Herz schwer von Mitgefühl. Sie sah die Trauer in seinen Augen und wusste, dass er noch immer an den Erinnerungen seines früheren Lebens festhielt. Die Geweihten bemerkten, wie ihre Hände bläulich zu leuchten begannen, und kleine Samenkörner von Lavendel erschienen im strahlenden Glanz. Lavendel, die Blütenpracht, die Darna so liebte, wie Leandra es von alten Geschichten gehört hatte. Gemeinsam mit Roman begannen sie, den Lavendel zu pflanzen. Sie gingen von Beet zu Beet, ihre Bewegungen in stiller Harmonie, grotesk friedlich nach diesen erschreckenden Ereignissen.
Selbst ein Teil von Romans faulendem Körper fiel ins Beet und diente nun unfreiwillig als nährender Dünger.„Das Licht wird dir den Frieden bringen auf diesem letzten Weg, treuer Roman.“Zufrieden blickte der Gärtner über die Lavendelpflanzen, die direkt anfingen zu erwachsen, zarte Blüten streckten sich dem Himmel entgegen, als ob sie den Gärtner begrüßten. Schließlich, als der Lavendel in voller Blüte stand, zerfiel Romans Körper mit seligen Ausdruck in feinen, blauschimmernden Staub und er fand endlich die erlösende Ruhe. Zurück blieb die Erinnerung an ihn, ihr gemeinsames Werk und sein alter Strohhut, der sanft auf dem blühenden Lavendelfeld auf der Schaufel ruhte. Feiner Blütenstaub durchspülte die Anwesenden und legte sich langsam um Leandra, formte sich zu einem leichten glimmen und schließlich zu festen Gewebe, die Robe einer Diakonin. Der Duft des Lavendels erfüllte die Luft.
Erst als Leandra wieder Zuhause ankam und einfach nur glücklich vor sich her strahlte, in dem Wissen was alle Anwesenden gemeinsam leisteten, bemerkte sie ein ganz kleines Stechen an der Schulter....
Zuletzt geändert von Leandra Kalveron am Donnerstag 20. Juni 2024, 09:33, insgesamt 1-mal geändert.
Leandra stand wieder einmal am Grab von Roman, das hinter dem Gutshof lag. Der eisige Wind des Winters strich durch ihr Haar, doch sie ließ sich nicht davon abhalten, hierher zurückzukehren. Ihre Gedanken wanderten zurück zu jener schicksalhaften Nacht, als sie den Gutshof von der Dunkelheit befreiten. Besonders als dieser Schatten aufgetaucht war, ein Wesen aus purer Finsternis. Sie erinnerte sich genau, wie der Speer des Schattens durch die Luft zischte und sich mit brutaler Kraft in ihre Schulter bohrte. Die Wucht hatte sie zu Boden geschleudert, diesen Schmerz blendete sie zuerst aus, wohl dem Adrenalin geschuldet, doch war er noch lange vorhanden. Es war nicht nur der Schmerz, der ihr geblieben war. Immer wenn sie jetzt am Gutshof verweilte, legte sie unbewusst die Hand auf ihre Schulter. Es war ein Phantomschmerz, ein Echo der schrecklichen Begegnung. Sie stand nun wieder an dem stillen Flecken Erde, indem Romans sich selber in dem Beet kultiviert hat und als eine Art Dünger fungierte. Lediglich sein Hut war noch Überbleibsel dieser Erinnerung, wie der Lavendel. Der Lavendel, der durch ihre Handlungen erblühte, trotzte tapfer der Kälte. Auch ohne die leuchtenden lila Blüten war der Anblick des robusten Gewächses ein Symbol, sie haben die Dunkelheit gebannt und dies soll überdauern, wie auch all jene Erinnerungen.
Nach einer Weile seufzte Leandra tief, als wolle sie die Last ihrer Gedanken abschütteln. Sie nahm ihren Bidenhänder aus Mithrill, das an ihrem Rücken steckte, aus der Haltung. Der kühle Griff fühlte sich vertraut an, im Kampf fand sie immer die Zuversicht, um weiterzugehen. Ohne weiter zu zögern, machte sie sich auf den Weg nach Varuna.
Varuna, eine Stadt der Finsternis, erfüllt von Untoten und vergessenen Schrecken. So oft hatte Leandra diese Ruinen betreten, um die Feinde dort zu bekämpfen und doch schien die Stadt ihr jedes Mal neue Geheimnisse und 'Albträume' zu offenbaren. Während sie durch die maroden Straßen und zwischen den verwitterten Häusern schritt, schweiften ihre Gedanken ab. Sie erinnerte sich an all die Schriften, die sie über die alte Stadt gelesen hatte. Fragmente von Wissen und Andeutungen über das, was Varuna einst gewesen war, fügten sich in ihrem Kopf zu einem Bild zusammen.
Doch es war kein klares Bild, eher ein Traum, der ihr entglitt, sobald sie versuchte, ihn festzuhalten. Wie in Trance durchwanderte sie die düsteren Gassen, die Luft erfüllt von Verwesung und der bedrückenden Aura des Verlassenen. Sie hoffte stets, etwas zu finden, ein Artefakt, eine Inschrift, einen Hinweis, der das Geheimnis dieser Stadt und diesen Schrecken der sie beherrscht, lüften würde. Doch nichts Konkretes zeigte sich ihr. Der Phantomschmerz in ihrer Schulter schien in Varuna noch intensiver zu sein. Sie spürte ihn wie eine brennende Mahnung, ein unheilvolles Zeichen, dass der Ursprung dieses Schreckens irgendwo hier verborgen lag. Ihr Instinkt sagte ihr, dass der Schatten, der sie einst verwundet hatte, Teil von Varuna war und dass sie ihm eines Tages wieder gegenüberstehen würde.
Als sie durch eine besonders enge Gasse schritt, hörte sie plötzlich ein bedrohliches Donnern. Es ließ die Erde unter ihren Füßen vibrieren und hallte von den Ruinen wider. Leandras Atem stockte. Vorsichtig schlich sie weiter, die Hand fest um den Griff ihres Zweihandschwertes gelegt, bis sie um eine Ecke bog.
Dort stand es: ein höllenartiges Wesen, dessen Anblick allein einem Albtraum entsprungen sein musste, so war auch sein üblicher Name: Ein Albtraum. Der riesige Gierschlund verzog sich zu einem grässlichen Grinsen, während seine schwarz-roten Krallen den Boden zerfurchten. Die Kreatur brüllte auf, ein markerschütternder Laut, der die bedrückende Stille von Varuna durchbrach und stürmte auf sie zu.
Leandra erstarrte nur einen Augenblick, doch dann war sie wieder aus den Gedanken losgerissen. Mit einem Kampfschrei riss sie ihren Bidenhänder in die Höhe und rannte los. Sie wich den klauenartigen Händen der Bestie aus, die nach ihr griffen und schlug mit aller Kraft auf das Wesen ein. Ihre Füße trommelten auf den steinernen Boden der Gassen, während sie in die offene Weite außerhalb der Stadt stürmte, wie so oft, gejagt vom Albtraum.
Immer wieder Varuna, die normalsten Gespräche entwickelten sich irgendwann wie in Selbstständigkeit in dieses Thema. Begegnungen mit düsteren Gestalten aus dem Westen, Sichtungen die dort gemeldet wurden. Wie eine stille Flutwelle, die nie ganz verebbte, drängte das Thema immer wieder in ihr Leben zurück. Sie selber saß in diesem Schlick fest, es gab kein voran und kein zurück. Erst kürzlich kam es bei einem Gespräch mit einigen anderen erneut auf und nur zwei Tage später traf sie erneut auf Malachai, den Mann, der ihr einst mehr über Kryndlagor erzählte. Diesmal schien das Schicksal ihnen einen Wink gegeben zu haben, denn Malachai erwähnte beiläufig, dass er Fähigkeiten besaß, mit denen er Personen aufspüren konnte. Eigentlich nur ein Scherz, mit dem man ihre geliebte Vogtin von Adoran zu einem Frühsport treiben wollte. Aber für Leandra war das die perfekte Gelegenheit, um endlich einen Namen anzusprechen, der sie seit den ersten Nachforschungen, Träumen und Begegnungen in Varuna nicht mehr losgelassen hatte:
Skarten
Der Name hatte sich wie ein Schatten in ihre Gedanken gebrannt, ein Mann, der in einem alten Tagebuch erwähnt wurde und dessen Geschichten von einer düsteren Aura umgeben waren. Sie zögerte nur kurz, dann fragte sie Malachai direkt danach. Doch leider konnte auch er ihr nicht weiterhelfen. Der Name war ihm fremd und Leandra spürte, wie ihre Hoffnung einen Moment lang verblasste. Informationen über den Verfasser und seiner Verlobten könnten vielleicht mehr bringen, aber die waren Leandra schon wieder entglitten, nur dieser Skarten hämmerte sich in ihr Gedächtnis. Doch bevor das Schweigen die Oberhand gewinnen konnte, hob Malachai die Hand und ließ sie nicht weiter verzagen. Er konnte einige Antworten auf diese damaligen dunklen Machenschaften in Varuna geben und das dort Kräfte am Werk waren, doch das meiste Wissen ist wohl verloren gegangen. Aber nun sprach er von etwas sehr interessanten und Leandra beugte sich so weit herüber, das sie beinah vom Stuhl geglitten wäre. Die Bibliothek von Varuna und das sie wohl Geheimgänge hatte.
Leandra horchte auf und bevor sie antworten konnte, mischte sich Moira, die Scharfschützin ein, die bislang ruhig daneben gesessen hatte. Mit verschränkten Armen und einem wissenden Blick schlug sie vor: Warum nicht einfach einen Termin ansetzen und nachsehen? Ihre Worte klangen beinahe beiläufig, doch in Leandra keimte der Gedanke, dass daraus mehr werden könnte, ein wirklicher Plan, der die nebulöse Suche endlich in eine greifbare Richtung lenken würde.
Während der Abendhimmel sich in dunkle Purpurtöne färbte und die ersten Sterne über der Taverne in Adoran aufblitzten, wanderte Leandra durch die Gassen und zurück zum Haus der Vogtin. Vielleicht war dies der Beginn einer Expedition, einer neuen Suche, die endlich Antworten bringen würde, nicht nur zu diesem Skarten, sondern auch zu den dunklen Kräften, die immer noch in den Ruinen lauerten. Sie wusste, dass es gefährlich werden würde. Aber genau diese Gefahr ließ das Phantom in ihrer Schulter schmerzen und flüsterte ihr zu, dass sie weitermachen musste. Sie würde den Geheimnissen Varunas weiter auf den Grund gehen und vielleicht, nur vielleicht, auch den Schatten in sich selbst besiegen.
Die Botschaft des Hohepriesters Berenguer von Salberg war mit Dringlichkeit versehen gewesen. Etwas von großer Bedeutung sollte sich in der Klamm der Kaluren zutragen – ein Hinweis, eine Offenbarung, vielleicht gar die Spur zu einem heiligen Ort, der mit Temora selbst in Verbindung stand. Das Interesse von Leandra wuchs mit jedem Wort, aber als der Grund für die Messe und die Bestrebungen auftaten, regten sich Zweifel, gar Sorgen in ihrem Herzen.
In diesen dunklen Tagen, an dem Getares Wahnsinn heimlich und unbemerkt weiter überdauerte, war es gefährlich, nach Dingen zu suchen, die womöglich verborgen bleiben sollten. Wissen war eine Klinge mit zwei Schneiden, es konnte Licht spenden oder ins Verderben führen. Sie war selber auch auf der Suche, jedoch nach keinem großem Mysterium mit solch mögliche fatale Auswirkungen. Aber ist sie nur Diakonin, hatte zwar eine Stimme, doch erneut schien sie zu verblassen, wie auch bei dem Speer. Scheinbar in solchen Entscheidungen hatte ihre Meinung kaum Gewicht. Also fügte sie sich der Weisung und schloss sich der Gruppe an, die zur Klamm aufbrach. Begleitet wurden sie dort von den Bauhüttenpriestern Dorlikin und Keldion, der eine sehr Erfahren und genoss großes Ansehen, der andere zwar noch ein Jungbart, aber mit Potential. Sie waren harte Männer, gezeichnet von einem Leben in Stein und Schnee und ihre Stimmen hallten in der Kälte, als sie vorne am Altar mit dem Hohepriester der Temora zusammen sprachen und die Messe einleiteten.
Die Flammen des großen Opferfeuers loderten hoch, der Rauch stieg gen Himmel, ein Zeichen des Glaubens, der aus der Tiefe zum Bär getragen wurde. Dorlikin sprach als Erster, seine Stimme war tief und klangvoll, getragen von der Ehrfurcht seines Volkes. Lobpreisungen und Bitten folgten von den anderen Kalurenpriestern und Berenguer, in Hoffnung einen Hinweis zu erhalten, zu dem Ort, den sie suchten.
„Warum?“
Leandra trat nun ebenfalls mit voran, erhob ihre Stimme und stimmte in diese Gebete mit ein, ein weiteres Zündlein an der Waage, denn langsam schien sich etwas zu rühren. Vor dem geistigen Augen trat sich eine Feuerstelle auf, umringt von vier großen Runensteinen. Der Schnee wehte, weiste einen Weg. Eindeutig wohin sie nun gehen sollten. Der Wind wurde stärker, bissiger. Die Kälte griff nach ihren Gliedern, doch sie hielten stand. Schritt für Schritt kämpften sie sich voran, durch den tiefen Schnee, bis sie schließlich das Lagerfeuer erreichten. Die Heimat von Eisbären und frostigen Riesen, geschützt durch uralte Gesteinsformationen und tiefe Schluchten, die sich mit tückischen Pfaden wanden. Alle Augen waren auf dem Feuer gebannt, doch Leandra spürte die Kraft, die von den Runensteinen ausging. Sie fühlte sich unwiderstehlich angezogen, während die anderen noch versuchten irgendwelche Steine wegzuräumen. Sie näherte sich zögerlich, striff die Kettenhandschuhe ab und fuhr mit den Fingerkuppen an diesen uralten Gestein entlang, einfühlsam versuchte sie etwas wahrzunehmen. Das Gestein war nicht kalt. Es war warm, pulsierend, als würde es atmen. Ein Leuchten glimmte in den Runen auf, schwach zuerst, dann stärker, bis es in goldenen Linien durch den Stein floss, an den Stellen an denen ihre Fingerkuppen entlang striffen. Berenguer beobachtete sie aufmerksam. Dann nickte er feste, wohl genau wissend was zu tun ist als Leandra von ihrer Entdeckung sprach. „Lasst eure Kräfte hinein fließen!“
„Warum?“
Die Höhlen grollten, Kreaturen der eisigen Tiefe beschäftigten die Truppe, riss den ein oder anderen von seinem Posten. Was auch immer diese Steine bedeuten könnten, Leandra musste ihre Gedanken ansprachen: Was wenn dies hier mit Grund versiegelt wurde? Vielleicht beschützt es etwas? Einwände, Versuche, alle kläglich gescheitert.
Zögernd, mit wachsender Unsicherheit, folgte Leandra dem Hohepriester und den anderen Priestern. Sie ließ ihr inneres Licht in den Stein strömen, rief Temoras Namen in Gedanken, bat um Führung. Die anderen Priester taten das selbe, immer weiter glimmten die Runen auf. Die Gläubigen traten hinzu und sprachen ihre Gebete, unterstützten mit ihren Gedanken. Sie flüsterte beschwörend auf den Stein ein, Gebete und eine Frage, auf die sie danach auch "Antwort" bekam.
„Bitte zeige uns was hier verborgen liegt, Oh Herrin.“
Doch zuerst… ein Beben.
Es war ein mächtiges, nachhallendes Beben, das durch die Berge rollte wie ein Donner, der niemals endete, als wäre etwas uraltes geöffnet worden. Leandra riss die Hand vom Stein, als würde sie sich an einer heißen Flamme verbrennen und taumelte zurück. Es klang so wie das Beben in Varuna, wenn sich der Dämon dort regte, sogar die Richtung wirkte ungefähr die Selbe.
Die Stille nach dem Beben war unnatürlich, fast bedrückend. Es war, als hätte die Welt für einen Moment den Atem angehalten. Der Schnee, der in feinen Schwaden von den umliegenden Felswänden rieselte, war das einzige Geräusch, das noch zu hören war. Leandra wagte nicht, sich zu rühren. Das Glimmen erlosch langsam, sie spürte noch immer die Wärme, die nicht von dieser Welt zu stammen schien. Sie schloss die Augen. Ihr Herz pochte in ihrer Brust, laut und drängend, als wollte es ihr sagen, dass sie es doch aufhalten müsste, aber dies war nun zu spät.
Dann erklang die Stimme in ihrer Seele, so warm, so weich, so vertraut, eine Gegenfrage zu ihrer Frage:
„Warum?“
Leandra schnappte nach Luft. Was haben sie getan..?
Zuletzt geändert von Leandra Kalveron am Sonntag 2. Februar 2025, 03:09, insgesamt 1-mal geändert.
Die Sonne hing bereits tief am Horizont, als sich die Streiter am Fuß des Klosters der Lichteinigkeit versammelten. Dies war keine einfache Expedition – es war eine Pilgerreise des Glaubens, ein Vorstoß in eine Vergangenheit, die seit Generationen im Dunkeln lag und doch Lektionen für das Heute bereit halten soll.
Der Trupp war ein beeindruckendes Abbild der Einheit des Lichtes: Die stolzen Elfen von Ered Luin mit ihren langen Bögen und leichten Rüstungen, die schwer gerüsteten Kalurenstreitern aus der frostigen Klamm, die ernsten und disziplinierten Sonnenstreiter Menekurs, die strahlenden Geweihten und Wächter des Klosters selbst, begleitet von Kronritterin, Arcomagis, einfachen Bürgern und Soldaten des Lichtenthaler Regiments. In der Mitte stand Leandra, ihr Gewand im warmen Schein der untergehenden Sonne wie ein leuchtendes Zeichen der Hoffnung. Mit fester Stimme sprach sie von ihrem Ziel: Varuna, die einst glänzende Stadt, nun nicht mehr als eine verfallene Ruine voller Geheimnisse und Gefahren.
Auf ihrem Weg nach Varuna machten sie Halt beim Gutshof von Elbenau, wo die Segnung der Expedition vollzogen wurde. Viele Erinnerungen hafteten an Leandra, die sie auf diesem Pfad bislang begleitet hatten. Das Böse wurde hier vertrieben, der alte Glanz ist zumindest in ihren Herzen zurückgekehrt, wenn auch nicht in der maroden Fassade. Cebrail Deen Yazir, mit seinen ruhigen und weisen Worten, rief den Segen der AllMara herab. Keldion Donnerkeil, stark und standfest, bat in tiefem Ernst um die Kraft Cirmias, während Berenguer von Salberg, Hohepriester Temora, darum gebeten hat, dass das Licht die Seelen der Streiter reinen und vor dem Dunkel bewahren möge. Der Wind trug den Klang von Gebeten und feierlichen Worten über das trostlose Land, während die tapferen Männer und Frauen ihre letzten Vorbereitungen trafen.
Mit Entschlossenheit setzten sie ihren Marsch fort und betraten die Ruinen Varunas. Die Stille war gespenstisch. Verfallene Mauern ragten wie gebrochene Finger aus der Erde, während der Wind Staub und tote Blätter durch die leeren Straßen trug. Sie durchsuchten systematisch die alten Gebäude, fanden Spuren vergangenen Lebens – zerbrochenes Geschirr, vergilbte Pergamente, halbverfallene Betten, die einst Menschen behaglichen Schlaf geschenkt hatten. Begleitet wurden sie von diesem düsteren, wandernden Toten und Kreaturen der Finsternis, die unter Schwert und Glaube jedoch niedergerungen wurden. Bald doch stießen sie auf etwas anderes...
Aus einer dunklen Taverne drangen seltsame Geräusche. Als sie eintraten, fanden sie Kreaturen vor, schattenhafte Wesen, deren blutleere Augen hungrig in der Dunkelheit glommen. Merkwürdige, entstellte Kreaturen, die man normal nicht vorfand. Der Kampf heftig, das Klirren von Stahl und das Leuchten der Zauber und göttlicher Kraft erfüllten den Raum. Als der letzte Gegner zu Boden sank, trat eine unheimliche Stille ein.
Doch es war nicht vorbei. In einer Ecke, halb unter einer verfallenen Theke begraben, lag ein altes, verbranntes Skelett. Die Geweihte fühlte die Spur des Unnatürlichen, eine rastlose Seele, die noch immer an diese Welt gebunden war. Mit sanfter Stimme sprach Leandra Gebete und legte das Licht der Herrin über die Gebeine. Plötzlich begann die Luft zu flimmern, ein kaltes Leuchten formte sich und aus den sterblichen Überresten erhob sich der Geist Wilhelms, des einstigen Wirts.
Er sprach in brüchiger, aber dankbarer Stimme. Er erzählte von den letzten Stunden Varunas, von Panik, Angst und Tod. Ein Schwarzdrachenreiter, bewaffnet mit einem dunklen Knochenspeer, hatte ihm das Leben genommen, eine Gestalt, die Leandra vertraut vorkam, direkt machte sich dieser Phantomschmerz in der Schulter bemerkbar. Er wurde ebenfalls getroffen von dieser Waffe, mitten in die Brust, das Ende von Wilhelm. Noch etwas verriet Wilhelm: Ein Kalure hatte sich mit einer Schatzkiste in den Garten geflüchtet, als die Dunkelheit Varuna verschlungen hat. Leandra streckte ihr Hand aus, nachdem sie die Seelensendung bereits selber vollzogen hatte bei dem neuerlichen Verlust Lichtenthals, wusste sie genau was zutun ist. Das bläuliche Licht verwob sich immer weiter um diesen Nachhall seiner selbst und verband sich, um ihn zu begleiten, zu führen, an einem Ort wo er nun endlich Ruhe finden konnte. Arkalimon wickelte seine Gebeine sorgsam in seinen Umhang und überreichte sie an die Priesterschaft, um auch seinen weltlichen Überresten eine würdige Bestattung zu bereiten.
Der Trupp folgte der Spur, mittlerweile vernahm Leandra immer wieder eine finstere Gestalt, die sie wohl beobachtete, Unbehagen zog über die Schulter, der junge Mikh fand wohl mit Gespür eine Karte, besser gesagt erschien sie scheinbar durch seine Untersuchungen, eine Waage und ein Schwert, merkwürdig. Sie stießen danach auf eine versteckte Höhle in den Bergen. Dort, zwischen uralten Felsformationen, fanden sie nach magisch flammigen Unkrautvernichtung drei in den Stein gemeißelte Reliefs: Eines zeigte den Nilzadan und einen Tempel, ein anderes das Bündnis zwischen Zwergen und Menschen, das dritte die Blütezeit Varunas. Die Inschriften waren alt, doch einige konnten entziffert werden. Wächterin Moira von Bergfall entdeckte dazu Runensteine, welche denen nahe der Klamm ähnelten. Als die Geweihten der Eluive, Cirmias und Temora ihre Energien in die Steine leiteten, begann die Felswand zu erbeben. Mit vereinten Kräften und der Spitzhacke von Arne brachen sie das überlagernde Gestein und entdeckten einen versteckten Durchgang.
Dahinter lag ein schmaler Gang, an dessen Ende ein weiterer Kalure lag, skelettiert, eine Kiste in seinen erstarrten Händen. Doch als Florence die Kiste untersuchte, erschien ein bärischer Torwächter, ein spirituelles Wesen, das sein Urteil sprach. Sein Blick fiel auf Keldion Donnerkeil. Der Wächter nahm den Stab des toten Kaluren, reichte ihn Keldion und umhüllte ihn mit einer Robe in den Farben der Bauhütte. In diesem Moment wurde Keldion offiziell als Geselle anerkannt. Die Freude hielt jedoch nur kurz.
Der dunkle Schemen erschien erneut. Plötzlich war er da, direkt neben Leandra, sein Knochenspeer auf sie gerichtet. Moira versuchte sie zu schützen, doch die Waffe durchdrang das Schild. Leandra wurde zurückgeschleudert, die Kiste flog durch die Luft, zum Glück schirmte diese den Schlag ab nachdem sie von Florence angereicht wurde. Der Schemen wollte die Kiste ergreifen, doch etwas hinderte ihn. Die vereinte Macht des Lichts, Paladine und Geweihte, zwangen ihn in die Flucht.
Als die Kiste geöffnet wurde, kam eine Mithrilwaage zum Vorschein. Ihre Schwertklinge bildete das Zentrum des „Pendels“, ein glänzender Diamant war in ihr Heft eingefasst. Als sie aus der Kiste gehoben wurde, vernahm Leandra eine vertraute Stimme, warnend, eindringlich. Ohne zu zögern, nahm sie die Waage an sich, schirmte sie das Artefakt mit Gebeten ab. Da war er wieder, dieser Schemen, direkt über ihrer Schulter, sie merkte diesen eisigen Hauch im Nacken, er wollte sie, er gierte nach ihr, unersättlich! Mit entschlossenen Rufen zum Rückzug verließen die Streiter die Höhle. Die Waage wurde zum Baum des Lichts gebracht, wo sie sicher verwahrt wurde. Eine Entscheidung, was mit ihr zu tun sei, stand noch aus. Ihre Expedition hatte vergessenes geborgen, vielleicht neue Wahrheit ans Licht gebracht und mit ihr eine neue Bedrohung, oder besser gesagt eine alte Bedrohung die wohl noch niemand so wirklich auf dem Schirm, noch Kenntnis von hatte... Schwarzdrachenreiter.
Der Cirmiasschrein war erfüllt von einer andächtigen Stille, die nur vom leisen Knistern der Glutschalen durchbrochen wurde. Der Steinboden unter ihren Füßen war kühl, glatt und von den Spuren vergangener Generationen gezeichnet. Die unzähligen heiligen Gegenstände des Schreins schienen die Worte der Gläubigen aufzunehmen, als ob sie selbst Teil des Rituals wären. In der Mitte des Raumes, lag die Waage aus Mithrill mit dem Schwertgriff und glänzenden Diamant im Heft. Ihr Glanz war fahl im flackernden Licht, doch eine Macht ging von ihr aus, das war allen irgendwie bewusst. Leandra kniete davor, ihre Hände leicht über die glänzende Oberfläche erhoben, befüllte die Waagschalen immer weiter, während die Gläubigen und Priester ihre Gebete an Cirmias und and Temora sprachen. Sie stehen hier, vereint, wie es vorhergesehen war.
Ein feines Zittern durchlief die Waagschalen, kaum merklich, aber doch spürbar. Um sie herum standen die Kaluren, in schwere Rüstungen gehüllt, Wächter, mit polierten Schwertern, Schützen, mit befüllten Köchern. Ihre Mienen waren ernst, ihre Haltung vor diesem Artefakt ehrfürchtig. Die Luft war von dieser Hoffnung erfüllt, die sie alle in sich trugen und mit ihren Gebetsworten aussprachen. Die Energie, die in diesem Moment entstand, war greifbar, eine Brücke zwischen den Sterblichen und den göttlichen Mächten, die sie riefen. Ein Funken erwachte im Inneren des Diamanten, ein sanftes, bläuliches Leuchten, das mit jedem Herzschlag kräftiger wurde.
Alarmglocken! Verstörte Blicke, unsicheres umsehen, ein durcheinander! Rufe von gefallenen Wachen! Metallene Geräusche von gezogenen Schwertern durchdrangen die Ebene. Rasch wurde nach der Waage gegriffen, Rückzug in den Berg!
Die Bauhütte tauchte vor ihnen auf, ein Zufluchtsort, errichtet von den alten Handwerkern, die einst an den unterirdischen Heiligtümern gearbeitet hatten. Ein Ort der Sicherheit. Sie erreichten die schwere Gittertür, drängten sich hindurch und rissen sie hinter sich zu. Stille. Nur das ferne Grollen erinnerte an das Chaos, was sich tief unter ihnen scheinbar began abzuspielen.
Dann kam das Beben. Zunächst ein leises Grollen tief aus dem Inneren der Erde, das sich langsam in ein bedrohliches Zittern steigerte. Der Boden erbebte, Staub rieselte von den Wänden und das Gewicht der Zeit schien auf das uralte Gemäuer niederzudrücken. Leandra sprang auf. Ihr Blick huschte zu den anderen, die in alarmierter Stille verharrten. Die Flucht nach vorne war die Option nach warnenden, vertrauten Worten der Herrin Temora höchstselbst. Die Krieger zögerten nicht – mit geübten Bewegungen eilten sie durch die alten Gänge, folgten einem Weg, der in die Dunkelheit führte. Leandra hielt die Waage fest in ihren Händen, spürte das Gewicht der Aufgabe, die ihr auferlegt worden war. Der Gang war eng, an manchen Stellen kaum passierbar. Die Luft wurde mit jedem Schritt kälter, feuchter. Ihre Finger glitten über das raue Gestein, suchten Halt, als sich der Boden unter ihnen weiter bewegte. Steine begannen sich aus den Wänden zu lösen, Risse zogen sich durch die archaischen Reliefs. Schatten und monströse Kreaturen türmten sich in der Dunkelheit auf, der Feind aus Varuna hat scheinbar einen Durchgang gefunden, denn sie kannten diesen Ort bereits aus der ersten Expedition! Doch das Licht der Temora, wie auch das Feuer des Cirmias obsiegten durch die Hand ihrer Streiter und der Verbündeten. Schritt für Schritt drangen sie in das Innere dieses Ruinenwegkreuzes vor. Der Staub vergangener Zeitalter lag schwer in der Luft, der Boden war bedeckt mit Bruchstücken vergessener Inschriften. Ein weiterer Schacht – wohin führt dieser nur. Eine alte Mine? Eine Mine? Eine Zwergenmine! Bespickt mit Kristallen, Edelsteinen (Besonders hervorzuheben diese Brilliant Vorkommen, wie auch Mithrill und Diamantadern). Was ein Anblick aus scheinbar vergessener Zeit!
Doch sie waren nicht allein. Ein Laut durchbrach die Stille – ein tiefes, kehliges Knurren, das den Raum zu erfüllen schien. Ein Wesen aus purem Kristall schien durch diese Ansammlung von Streitern aus seinem tiefem Schlaf erwacht, seine Augen aus tiefblauem Stein funkelten in der Dunkelheit. Der Diamantwyrm. Ein uraltes Geschöpf, ein Wächter dieser Stätte, nun geweckt von den Erschütterungen und den begeisterten, teilweise gierigen Streiteraugen.
Seine schimmernden Schuppen reflektierten das Licht der Fackeln und als er sich in Bewegung setzte, erfüllte ein schneidendes Geräusch den Raum – das Mahlen von Stein auf Stein, das Brechen von Fels unter seinen massiven Klauen. Leandra wich zurück, das Herz hämmernd. Ihre Begleiter formierten sich, Klingen wurden gezogen und der Atem des Wyrms war wie ein eisiger Wind, der durch die Kammer fegte. Geschrei, Flucht, er würde alles auf seinem Weg zermalmen!
Der Kampf war unausweichlich. Die Waffen trafen auf den harten Panzer, doch der Wyrm zeigte kaum Schwäche. Funken stoben, als Stahl auf Diamant prallte und die Kreatur schleuderte mit einem Hieb ihres gewaltigen Schwanzes mehrere Kämpfer zu Boden. Leandra wusste, dass rohe Gewalt hier nicht genügen würde.
Sie hob ihre Arme, webte mit den anderen Klerikern die Schutzklänge, die sich über die Streiter ausbreiteten. In ihren Gedanken rief sie nach Führung, nach Licht, das Dunkelheit durchbrechen konnte. Funken sprühten, Klingen schlugen, Pfeile surrten, Lichtstrahlen feuerten in die Richtung des Ungetüms. Sein Brüllen war ohrenbetäubend. Die Risse in seinem kristallinen Leib vertieften sich, ein Netz aus feinen Linien zog sich über seine Oberfläche. Die Krieger nutzten den Moment. Mit vereinter Kraft brachten sie das Ungetüm zu Fall. Der Wyrm zerbrach in einem Schauer aus schimmernden Splittern. Leandra stand in der Mitte, zum Glück mit Helm, denn unter diesem Schauer aus Diamant und Brillianten hat es ihre Robe zerfetzt. Die heiß geliebte Robe, die ständig diesen Lavendelduft versprühte, Herzschmerz!
Nachdem man sich eine Pause gegönnt hat, wurde weiter untersucht. Eine Statue gefunden, eindeutig haben hier Kaluren mit Temoragläubigen zusammen gearbeitet, welch Meisterwerk, wenn auch noch nicht fertig. Fasziniert starrten die Streiter diese Statue an, bis sich der Schatten erneut regte und mit einem gezielten Stoß des Knochenspeeres die Statue in ihre Einzelteile zerlegt wurde. Nur Gelächter ihres Widersachers blieb zurück, als er direkt wieder in der Dunkelheit verschwand.
Es war eine Sackgasse, sie mussten umkehren. Doch an diesem „Wegekreuz“ bemerkten dann einige doch ein paar Dinge, mit denen man arbeiten kann. Ein alter Hebel, natürlich abgebrochen. Aber zum Glück hat man die richtigen Gefährten dabei! Danach wurden wieder die Runensteine ins Augenmerk genommen, getreu dem Motto: Was schon einmal klappte, klappt bestimmt nochmal! Und so war es auch, die Priesterschaft lies die Kräfte hineinfließen und an diesem Wegekreuz bröckelte etwas. Ein weiterer Durchgang.
Dann betraten sie einen Raum, einen sehr kleinen Raum, doch waren sie wieder in Varuna! In ihrer Mitte stand ein Altar, überwuchert von Moos und Staub, doch seine Präsenz war unbestreitbar, nicht nur durch die auffälligen Statuen. Leandra trat näher. Ihre Finger strichen über das kalte Gestein, fühlten die uralte Macht, die in diesem Ort ruhte. Die Stimme in ihrem Kopf erklang erneut, sanft, bestätigend. Dies war der Ort, den sie in ihren Träumen sah, der Ort der Bestimmung, an dem zusammengeführt werden sollte, was einst verloren ging. Die Waage fand ihren Platz auf den Händen der Statue, so wie sie es bei einem Schreinbesuch vor einigen Tagen gezeigt bekommen hat. Besiegelt wurde es mit den Gebeten und den Kräften der Priester. Leuchten, schimmern, wärmende Anziehung waren das Resultat und Leandra bemerkte, bei all diesen Wundern gar nicht das eine neue Robe sie beschmückte.
Doch dann wandelte sich diese Waage in etwas, was sie wohl baldig benötigen werden… nicht nur sie benötigen, denn jemand wollte dieses.. „Etwas“ auch unbedingt.
Der Schatten formte sich. Die Dunkelheit erwachte, erneut!
Eine Gestalt, bestehend aus purer Schwärze, erhob sich aus dem Nichts. Keine festen Konturen, die schattenhafte Hand, das Gefühl, welches direkt in die Seele kroch. Aber es musste vor dem Licht an diesem Ort weichen, wurde förmlich hinaus geschleuert!
Die Krieger draussen schwankten, ihre Klingen nutzlos gegen diese schattenhafte Gestalt des Feindes. Leandra wusste, dass hier kein Stahl helfen würde. Sie und Berenguer schlossen die Augen und sprachen Gebete. Die Stimmen der Kaluren stimmten ein. Varuna wurde erfüllt von Licht, einem gleißenden Strahlen, das selbst die tiefsten Schatten durchdrang. Die dunkle Gestalt wand sich, ihre Schreie hallten in den Ebenen wider. Dann, mit einem letzten, verzweifelten Aufbäumen, verwischte sich der Schatten um ihn und legten tatsächlich einen Mann preis, der nun am Boden lag. Dort funkelte etwas an ihm, Leandras Aufmerksamkeit verdichtete sich darauf, sie wollte es erreichen….. wollte.
Doch verdunkelte sich erneut der Himmel. Ein unheilvolles Kreischen durchschnitt die Luft, als aus den verdeckten Himmel ein Schwarzdrache herab stieg und krachend auf einem Dach landete. Sein Leib war von Düsternis gezeichnet, die Flügel entfalteten sich mit einer unheilvollen Majestät. Ein tiefes Grollen, während der Schwarzdrache sich nun auf den am Boden liegenden, ehemaligen Schatten konzentrierte. Seine Augen funkelten voller uralter Bosheit. Dies war kein einfacher Gegner – dies war eine Macht, die mehr als Sterbliche herausforderte. Leandra spürte, wie sich die Dunkelheit um sie herum zusammenzog. Ihr eigentlicher Widersacher war zwar der Reiter, doch war er nicht der Herrscher über den Schwarzdrachen, eher andersherum. Er sprang heran, mit einem einzigen, brutalen Biss riss der Drache dem zuvor Schattenhaften den Kopf ab und so verschwand auch das Funkeln. Doch bevor die Streiter irgendetwas unternehmen konnten breiteten sich die dunklen Schwingen erneut aus und entschwanden in der Tiefe der Nacht.
Aufgabe vollbracht, neue Aufgabe erschafft. Was hat es mit diesen Schwarzdrachen auf sich, was bedeutete diese Funkeln....?
Zuletzt geändert von Leandra Kalveron am Dienstag 25. Februar 2025, 00:57, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Jahr war vergangen, seit der Schwarze Drache über Varuna erschienen war und mit seinem gewaltigen Schatten die verfluchte Stadt erneut unter ein Zeichen aus Feuer und Finsternis gestellt hatte. Noch immer kehrten die Erinnerungen an jenen Tag mit beunruhigender Klarheit zu Leandra zurück, als wären sie in ihr Herz eingebrannt worden wie Runen in Stein. Das Grollen, das über die zerfallenen Dächer hallte, das Kreischen der Schwingen, die selbst den dichten Nebel über den Ruinen zerrissen und biss in den Kopf der Schattengestalt, all das war mehr gewesen als nur eine weitere Prüfung. Varuna war stets ein Ort des Grauens gewesen, durchdrungen von Untoten, von rastlosen Seelen und uralten Schatten. Doch mit dem neuerlichen Drachen hatte sich etwas anderes erhoben: etwas Majestätisches, Unnahbares, eine Macht, die nicht nur zerstören, sondern beherrschen wollte und das hat sie, bis zum Biss.
Der Gutshof von Elbenau hatte mit diesem Ereignis nichts mehr groß zu tun gehabt und dennoch fühlte es sich in Leandras Gedanken oft an, als gehörten all diese Geschehnisse zu einem großen, unsichtbaren Geflecht. Varuna. Die Schattengestalt. Der Drache. Alles schien in einer unsichtbaren Linie aufeinander zuzulaufen, auch wenn sie die Zusammenhänge nicht greifen konnte. Sie fragte sich immer häufiger, was Schwarzdrachen wirklich waren. Waren sie nur Werkzeuge finsterer Mächte? In den Chroniken wurden sie oft als Verderben beschrieben, als Verkörperung ungebändigter Zerstörung. Ein Drache war nicht nur ein Monster. Er war ein Ereignis. Ein Wendepunkt. Ein lebendiger Beweis dafür, dass es Mächte gab, die jenseits menschlicher Maßstäbe wirkten.
Wenn Leandra heute an die Schwarzdrachen dachte, die ihren Weg bislang durchkreuzt hatten, dann tat sie es mit einer ernsten, beinahe nachdenklichen Schwere. Sie erinnerte sich an das Gefühl, wie klein man unter einem solchen Wesen wurde, wie bedeutungslos selbst Mauern und Türme erschienen, wenn gewaltige Schwingen den Himmel verdunkelten. Und doch hatte sie auch erlebt, dass selbst solch ein Schrecken nicht unantastbar war. Licht war ihm entgegengetreten. Mut hatte sich erhoben. Glaube hatte standgehalten. Vielleicht war das die eigentliche Lehre gewesen: Nicht, dass Drachen fallen konnten, sondern dass selbst im Angesicht uralter Furcht das Licht und die, die es in sich tragen nicht weichen.
Das Leben jedoch wartete nicht darauf, dass man seine Gedanken ordnete. Die Monate nach Varuna waren gefüllt gewesen mit Pflichten, mit Reisen, mit Gesprächen und Gebeten. Kriege flammten auf, Schlachten wurden geschlagen, Verwundete suchten Schutz hinter den Mauern. Leandra tat, was sie immer getan hatte: Sie hörte zu, sie sprach Mut zu, bewieß selber Standfestigkeit. Sie saß an Tafeln und versprach, dass kein Opfer im Licht verloren gehe. Sie schlichtete Streitigkeiten zwischen hitzigen Gemütern, wurde selber manchmal zur Hitze und erinnerte Ritter daran, dass Verstand auch Vorzug erhalten sollte. Manchmal war sie selbst müde, doch diese Müdigkeit war ihr vertraut. Sie gehörte zum Dienst, wie das Licht zur Kerze.
Als der Winter kam, brachte er eine alte, beinahe schon belächelte Schwäche wieder mit sich. Leandra war seit jeher kälteanfällig gewesen und auch dieses Jahr zog sie sich früher als andere in die Nähe von Kaminen und Feuerstellen zurück. Doch dieser Winter war besonders hart. Die Kälte hielt länger an, biss schärfer zu, als wolle sie sich in jede Ritze des Landes graben. So verbrachte sie viele Abende zuhause oder im geschützten Kaminzimmer des Klosters, eingehüllt in Decken, das flackernde Licht vor sich, während draußen der Frost die Welt erstarren ließ.
Einsamkeit war ihr kein unbekannter Zustand. Schon immer hatte sie Phasen gekannt, in denen ihre Gedanken ihr engster Kreis waren. Bücher wurden dann zu treuen Begleitern. Pergamente zu stillen Gesprächspartnern. Besonders ihr eigenes Werk über die Krathories lag häufig aufgeschlagen vor ihr. Es war ein abgegriffenes Buch, vollgeschrieben mit Beobachtungen, Skizzen, Namen und Mutmaßungen, ein Versuch, Ordnung in das Wirken jener Diener Krathors zu bringen, deren Auftreten sich wie dunkle Fäden durch ihre letzten Jahre zog.
Seit dem Treffen mit der Schar der Dienerschaft jedoch hatten sich Zweifel eingeschlichen, sie wählte ebenso den Gutshof, merkwürdiger Zufall. Sie hatte geahnt, dass Emilia nicht allein erscheinen würde. Dass finstere Gestalten sie begleiteten, war beinahe selbstverständlich gewesen. Doch dass sie dort mit nur Krathories stand, ruhig und unerschütterlich, hatte etwas Unheimliches gehabt. Einige von ihnen erkannte Leandra wieder. Gesichter aus früheren Begegnungen. Silhouetten aus Kämpfen im Nebel. Namen aus Berichten. Doch andere waren ihr fremd. Genau das beunruhigte sie. Ihr Buch wies Lücken auf. Beschreibungen blieben unvollständig. Erinnerungen entzogen sich ihr, als würden sie im letzten Moment im Schatten verschwinden.
Mit dem Winter kamen auch vermehrte Träume. Besonders nach jenem Treffen mit der Dienerschaft Krathors suchten sie sie immer wieder heim. Sie stand in Varunas Straßen, doch die Stadt war leer. Dann verdunkelte sich der Himmel, nicht durch Wolken, sondern durch Schwingen. Der Drache zog seine Kreise über ihr, während in den Gassen die Krathories lautlos zwischen den Mauern standen. Emilia blickte sie an, nicht feindselig, nicht triumphierend, sondern mit einer Ruhe, die mehr Fragen aufwarf als jedes Drohen. In diesen Träumen vermischten sich Zeiten und Orte, als sei alles Teil eines einzigen, größeren Geschehens, dessen Zentrum sie noch nicht erkennen konnte.
An einem jener Abende saß sie wieder vor dem Kamin, das abgegriffene Buch auf ihrem Schoß. Nachdenklich klopfte sie es gegen die Lehne des Sessels, während ihr Blick durch das Fenster hinaus in die kalte Nacht wanderte. Der Schnee war geschmolzen, doch die Luft blieb schneidend. Der Himmel war grau, beinahe farblos, als warte er selbst auf einen Wandel. Sie dachte an den Frühling. An das erste Grün, das sich durch gefrorene Erde kämpfte. An das Licht, das täglich länger blieb und Schatten zurückdrängte.
Vielleicht würde mit dem Frühling auch das innere Frösteln weichen, das sie immer öfters überkam. Vielleicht würden die Träume verblassen, wenn die Tage heller wurden. Vielleicht würden sich die Lücken in ihrem Werk schließen lassen, wenn neue Begegnungen alte Fragen beantworteten.
Sie schloss das Buch schließlich und hielt es einen Moment lang fest, als könne sie so die Unruhe darin bändigen. Draußen bewegte sich nichts. Kein Laut, kein Schritt im Dunkel. Und doch spürte sie, dass unter der scheinbaren Starre etwas lauerte, etwas Geduldiges, das nicht vom Winter abhängen würde.
Der Frühling würde kommen. Das tat er immer.
Doch nicht jede Dunkelheit wich mit dem Schnee.