Unruhe, Schlaflosigkeit, Ungeduld... intensivere Erscheinungen... irgendwas hatte sich verändert. Doch warum? Und woher? der Berg an Briefen die es zu beantworten galt begann sich zu häufen und die Hand versagte allmählich ihren zuverlässigen Dienst einer sauberen Handschrift. So wie der Berg an unbeantworteten Briefen stieg, so stieg auch der Berg an verhunztem Pergament. Halb fertige Briefe die auf der Hälfte irgendwo anders hinführten, aber längst nicht zu dem worin der Brief hätte gipfeln müssen.
Schatten in der Nacht, Flüstern im Schlaf und Wogen von Zorn und Hass machten sich bemerkbar. "Beim Herrn, was war hier los?" kam der Nobilia immer wieder der Gedanke in den übermüdeten Geist. Sorge breitete sich dabei nicht aus, keineswegs. Das Vertrauen in die Templerschaft war groß genug, dass man sich den Umständen entsprechend darum kümmern würde, wenn Handlungsbedarf bestehen würde; gleich auf welcher Weise. Und doch, es hörte nicht auf und so, mittlerweile müde und erschöpft mit schweren Gliedern, wendete sich die Nobilia letzten Endes an die Templerschaft, jedoch wart das "Problem" nicht so schnell gelöst und so galt es in grober Robe und mit nicht mehr am Leibe im Tempel zu beten, zu meditieren und zu fasten. Ganze 24 Stunden lang. Doch gleich was es hätte bewirken sollen, die Eindrücke wurden stärker, so viel stärker und erst mit den Gebeten an den Herren wurden sie weniger.. vor allem aber das Flüstern, was ihr am Ende sehr zu schaffen gemacht hatte. Es war als zerrte jemand konstant an ihren Gliedern und unsichtbaren Bändern an ihrem Geist und so fastete sie weiter und weiter, das Gebet und die Meditation wurde jedoch dort belassen wo sie für den Moment hingehörten: In den Tempel.
Ein neuerliches Gespräch folgte, was Beunruhigenderes mit sich brachte. Ihr Verstand wurde angezweifelt, ihre Sinne, im Grunde alles. Nichts wurde außer Acht gelassen und alles mögliche als Möglichkeit in Betracht gezogen und einiges davon weckte ihren Trotz. Doch mit dem Trotz folgte auch die Ungeduld und Wut und die junge Frau musste sich gar sehr beherrschen nicht gleich einem der beiden Hohetempler eine Ohrfeige zu verpassen. Das hätte sie wahrlich auf längere Zeit bereut. Doch die Verlockung, der Drang danach war da. Die beiden vor ihr waren die personifizierte Frechheit, die ihr all die Stimmen einflüsterten. Die ihr die Schatten brachten, die...
"Gehen wir ein Stück... ich möchte etwas erproben." Jener Satz war es, der sie am Ende aus den Gedanken riss. Was nur wollte Cailen ausprobieren? Wohin der Weg führen würde, war jedoch offensichtlich: In den Alten Tempel.
Und welche Antworten sollten da zu finden sein? Die Antwort auf diese Frage war gar schnell gefunden: Das Blutbecken. Das Blutbecken, was eine verlockende Anziehungskraft ausgeübt hatte, welches sie in seine Tiefen hatte rufen wollen und nun lag es da, keineswegs ruhig und noch immer so verheißend und unberührbar...
Doch nun war es nicht mehr unberührbar, nein. Sie durfte daraus trinken. Sie hatte die Wahl: Risiko oder kein Risiko. Einsicht oder Rätselraten. Man würde sie nicht hierhergebracht haben, wenn man nicht davon ausgegangen wäre, dass sie es nicht überleben würde und gewiss nicht, wenn man davon ausgegangen wäre, dass sie kein Stillschweigen behalten könnte. Und so trank sie. Einen einzigen Schluck, so kalt und alt und feurig brennend als würde sie flüssige Lava trinken. Ein Schluck, der Körper und Geist entflammen ließ, ein Schluck der all die Empfindungen dieser Welt aus sie niederprasseln ließen, ungezügelt, unbändig und erbarmungslos. Nur schwer vernahm sie die Stimme Cailens in dem tosenden Sturm, der sie aufforderte sich zu konzentrieren und zu suchen. Schwer als würde sie einen Felsbrocken verschieben wollen war es sich konzentrieren zu wollen. Die Aussicht nicht zu überleben und dem Blutbecken als Opfer gereicht zu werden schmeckte der jungen Nobilia jedoch genauso wenig, so wenig wie die beiden Tetrarchen die Möglichkeiten bei einem Scheitern gleich neben ihr erörterten. Und so suchte sie, die Nobilia, suchte nach Antworten und Ursachen, nach irgendetwas, das ihr eine Antwort gab... und fand sie.
Es waren nur Bilder, unzusammenhängend und doch... das Gefühl welches all ihnen innewohnte verband sie miteinander wie ein unsichtbares Bild. Die Kraft ihnen irgendeinen Sinn abzugewinnen hatte sie nicht. Es kostete Kraft genug die Zunge dazu zu bewegen die Fragen Cailens zu beantworten und überhaupt genug Stimme und Luft zu sammeln in diesem wirbelnden Lavafluss, um jene Worte auch hörbar zu übermitteln. Und dann... war es vorbei. Ein Rauschen in den Ohren, Fetzen der quälenden Bilder hingen in ihrem Geiste nach als ihr mit brutaler Realität ein nasser Lappen gegen die Stirn geklatscht wurde und sie sich unvermittelt in der Pilgerstätte wiederfand. Wie war sie dorthin gekommen? Sie hatte... überlebt? Das hatte sie offenbar, doch vollkommen geschröpft an Kraft als hätte man ihr das Mark aus den Knochen gezogen. Einige Worte wurden gewechselt bis es draußen schrie. Der Clericus in seinem Wahn oder wodrin er sich befand. Abermals der Schrei nach mehr Blut und dann... Stille. Süße gnädige Stille als der Schlaf der Erschöpfung die Nobilia übermannte und ihr endlich jene Ruhe bescherte, die sie benötigte und heimlich auch begehrt hatte ohne es sich gegenüber zuzugeben.
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