Was tief in süßer Wonne
im Kern ganz klein versteckt,
das hat die Glut der Sonne
mit ihrem Licht entdeckt.
***



Obwohl es mit jeder Meile in Richtung der schwarzen Küste wieder kälter wurde, konnte sie sich nicht vom Anblick des Meeres lösen, auf dessen tanzenden Wellen weiße Gischt mit den Lichtsplittern der Abendsonne um die Wette strahlte. Mit jedem vorbeigleitenden Moment gewann die Sonne an Intensität, glitt tiefer in die Wogen und erfüllte sie mit glühendem Feuer, das sich soweit streckte, wie das Auge sehen konnte. In einem Meer aus Flammen glitt das Schiff langsam dem kohlefarbenen Gestein entgegen und rundete so das Bild des Infernos zur Vollkommenheit ab. Es fehlte nicht viel und sie konnte sich der Illusion hingeben, dort zu verbrennen.„Du wirst feststellen, dass jede Aktion eine Reaktion hervorrufen wird.
Sie ist nicht immer gleich laut oder intensiv spürbar und muss auch nicht im unmittelbaren Anschluss geschehen.
Doch glaube mir… sie erfolgt immer.“
Nun konnte man den Hafen bereits deutlich erkennen und die Umrisse der düsteren und zugleich verführerisch schönen Stadt drückten sich langsam in den Vordergrund. Und doch fiel es ihr unendlich schwer sich auf diese Sicht einzulassen, verweilten ihre Gedanken doch noch bei den bleibenden Eindrücken, die La Cabeza, exotische Perle der See, bei ihr hinterlassen hatte. Wobei es nicht so sehr um den Ort als vielmehr die Gesellschaft vor Ort war, die ihr in so mancher Hinsicht die Augen geöffnet, Erkenntnisse beschert aber auch leider neue Rätsel aufgegeben hatte. All das durch den Besuch der verspielt eingerichteten, kleinen Schneiderei, dem Blick in meerfarbene Augen und einem sehr persönlichen Zwiegespräch. In manchen Belangen waren die beiden jungen Frauen sich sehr ähnlich, konnten klare Parallelen gezogen werden und doch schieden sich die Geister bei einigen augenscheinlich kleinen, feinen Punkten oder Randnotizen.„Ich muss mich erneut wiederholen und dir erläutern, dass es sich wirklich um die Grundlagen deiner Ausbildung handelt, wenn auf Aktionen Reaktionen folgen? Wir beide sind uns aber hoffentlich einig, dass man das nicht nur auf die hohe Kunst der Alchemie anwenden kann, nicht wahr?“
Sie war der letzte Passagier der von Bord hing und hätte gerne noch etwas länger auf Deck verbracht, um sich nicht weiter in den geöffneten Rachen der schwarzen Felsformation zu wagen, in deren Maul sich die Stadt entfaltete. Hinter ihr loderte das Meer mittlerweile in Rotnuancen, die sich zwischen kräftigen, dunklen Lohen und frischem Blut befanden. Mit jedem der bedachten Schritte, die kaum mehr als ein leises, ledernes Wischen auf dem rauen Pflasterstein blieben, fühlte sie sich ein bisschen kleiner und spürte die Kälte, die sie langsam in die Arme schloss.„Mein liebes Kind, du spielst mit dem Feuer. Das ist mein Heim, mein Grund und Boden, in gewisser Weise mein Reich und hier gilt MEIN Wort. Es ist dir überlassen, wie du diese letzte Warnung nun werten möchtest. Ich kann mit jeder Antwort leben, doch kannst du mit dem Echo umgehen?“
„In diese Lage hast du dich selbst gebracht, mein liebes Kind. Spare dir weitere Verwünschungen und trockne die Tränen. Es wäre wirklich besser… für dich… wenn du ein wenig folgsamer wärst und mir besser zuhören würdest. Also, hast du mir noch irgendetwas zu sagen?"
„Ja, ich bin nicht dein ‚liebes Kind‘, du ekelhaftes Stück Dreck!“
„Hm. Sehr schön, du willst also nicht hören, sondern fühlen. Sae, ich habe das durchaus ernst gemeint, dass es für dich besser wäre, wenn du brav das machst, was ich dir sage. Mir hingegen bereitet das auf diese Weise weit… weit mehr Spaß. Aktion und Reaktion, mein liebes Kind.“

Damals hatte sie sich geweigert seine Worte zu verstehen und war regelrecht in der Kränkung aufgegangen, hatte die Taverne, in welcher sie sich eigentlich verabredet hatten, rasch verlassen, um kurz darauf vor Wut ins Kissen zu brüllen. Nicht, dass das etwas genutzt hätte – sowohl Flo als auch Pip wurden dennoch wach und sowohl Zorn als auch Scham waren nicht verraucht.„Haltet Ihr mich für eine Hure?!“
„Nein. Oh, nein nein. Abgesehen davon, dass ich dieses Gewerbe achte und Ihr diesbezüglich auch von Eurem hohen Ross herabsteigen solltet, Fräulein Appelholm, halte ich Euch lediglich für das, was Ihr seid.“
„Das da wäre?“
„Oh bitte… wollt Ihr das gerade jetzt wirklich hören? Ich könnte Euch den Abend verderben.“
„Das bezweifle ich. Also beweist mir, dass da auch Eier neben dem Hahn zu finden sind.“
„Genau das, das meine ich. Ihr seid ein zartes, hübsches Ding, das aber nicht wie andere Mädchen Eurer Kategorie dann den Anstand besitzen sich passend zu zeigen und zu verhalten.“
„Aha. Wollt Ihr mir wirklich erzählen, ich wäre sündig gekleidet?“
Er lachte und selbst jetzt konnte sie es noch hören, denn es tat weh.
„Nein, es ist nicht die Kleidung, vielmehr das darin und dahinter. Wie Ihr Euch bewegt, wie Ihr Euch umseht, wie Ihr antwortet. Alles ist eine Herausforderung, alles und nun wundert Ihr Euch, dass diese angenommen wird? Blickt Euch einmal im Raum um, Fräulein Appelholm und Ihr werdet sehen, dass es mehr als genug Spieler gibt, die bereits in Euer Spielchen eingestiegen sind.“
„Welches… Spielchen?“
„Hm, Ihr habt mein Mitleid, armes Mädchen. Ihr werdet noch gewaltig auf die Nase fallen.“



Sie sprang beinahe auf, hastete zum Beckenrand, hangelte sich wie eine Ertrinkende hinaus und hinterließ auf dem Weg zum Kleiderschrank eine triefende Spur aus Nässe. Es blieb keine Zeit, um sich lange um die entstehende Pfütze, in welcher die abgelegten Klamotten lagen, zu kümmern. Sie war bereits aus dem Raum, aus dem Haus, der Stadt, dem Reich.„Austreiben werde ich ihn dir. Deinen Hochmut, mein liebes Kind. Deinen verdammten Sturkopf geraderichten, deinen Trotz in den Boden stampfen, deinen Stolz… BRECHEN. Bis du weißt, wo dein Platz ist.“
Platz… wo dein Platz… dein Platz ist…
„Eine ausgefuchste Idee den Schnaps ins Wasser zu kippen und kaum davon zu trinken. Aber ich habe nicht darauf gewettet, dich trunken zu machen, mein liebes Kind…“
Sie hätte ihm gerne etwas an den Kopf geworfen, ein paar kühne Worte, ein verbaler Schlag mitten ins Gesicht, doch war sie verzweifelt damit beschäftigt, sich nicht die Blöße zu geben und zu weinen. Hier war es nicht das, was Gesten andeuteten, nicht das, was Bewegungen ausführten und auch nicht das, was sie ansehen, riechen, schmecken oder fühlen würde.
Nein, diese Sinneseindrücke konnte man verdrängen, beiseiteschieben und Kosten mit Nutzen abgleichen. Aber es waren immer seine Worte, die die Ohren durchbohrten, um sowohl im Verstand als auch der Seele zu rumoren. Seine hässlichen Worte, seine Lehren, Erklärungen und Verheißungen, die sie kaputt gemacht hatten.
Ich mag diese Art von… kaputt.
Es war ihr an diesem Abend vor drei Jahren bewusst geworden, wie ein dräuender Schatten Vorhersehung, der sich ihr aus der Dunkelheit des düsteren Zimmers langsam näherte:
Das Wissen, dass all ihre Pläne und innere Vorbereitung sie maximal davon abhalten würden, jetzt vor ihm loszuheulen. Sie würden sie nicht davor beschützen, dass er an ihr riss, wie an den Fäden einer Marionette, an ihr schraubte, wie an einem Uhrwerk und sie brach, wie das Blümchen, das er in ihr sah. Und gerade weil sie keines war und im Anschluss versuchte sich wieder aufzurichten, tat er es immer und immer wieder.
„Ja… jetzt verstehst du es, nicht wahr? Ich sehe es an diesem wunderschönen Blick in deinen Augen… Verzweiflung, hm? Ich werde dafür sorgen, dass du deinen Platz kennst, bis du mein bist.“
Mein… mein…. MEIN.
Es waren seine Worte, die ihr den Triumph nahmen.
Und schlimmer noch: Beim nächsten Mal, Tage, nein Wochen später, weinte sie.





