Aeneth:
Zwei Nächte war es her, dass das schattenhafte Echo aus vergangenen Tagen, welches mehr und mehr eins mit dem letzten Kind aus dem Hause der Nacht zu werden schien, etwas aus dem Kreise der Eledhrim gestohlen hatte und das leise Klagen des Fuchses war deutlich im Lied zu vernehmen, schwang dort in einer Melancholie und offenen Trauer mit. Eine Not, welche auch die noch jungen Eleven der Zauberei vernehmen, sich jedoch keinen Reim darauf machen konnten. Den Edhil und Lindil aber spielte dieser Beiklang übel mit. Sie spürten den Schmerz des Fuchses und vor allem jene aus Ered Luin und dem Nebelwald wussten, dass ihm wieder das genommen wurde, was er in seiner goldenen Güte vor nicht ganz zwei Jahresläufen wieder geweckt und ins Leben gerufen hatte. Finsternis hatte seinen Schrein befallen und mehr als das Fehlen der Faernestor noch, war es das sich andeutende Schicksal, das sie bedrückte wie ein zu schwerer Stein auf der Brust. Sollten sie jetzt versagen…
Der schwerste und größte dieser Steine aber ruhte auf der Brust der jungen Maemagor Aeneth Eleneril, deren Beiname doch bereits eins mit dem Schicksal der Sterne war. Zufall? Vielleicht, doch meist sind Phanodains Fügungen von Bedeutung, haben Sinn und Zweck. Ob der, den sie alle „Adar“, Vater, nannten, wusste, welch schweres Los sein tapferes Kind zu tragen hatte? Ahnte er, wie sehr sie die Worte Morthalions mit denen der Gwethyl und Gwedeir verglich, abglich, auf eine innere Waage legte? Shalaryl und Nimuir, die beide nicht ganz überzeugt davon waren, dass Morthalions Anweisungen heute noch zutreffen würden und dann wiederum die ernsten, düsteren Prognosen, die der ehemalige Wächter des Wissens ihnen allen in Aussicht stellte, sollten sie die Chance nicht nutzen den verdorbenen Geist des fleischgewordenen Echos der ersten Sieben zu vernichten, ihn ein für allemal zu schlagen, zu töten – und mit ihm Findúath, der dort irgendwo noch steckte, oder?
War er überhaupt noch da? In Aeneth‘ Anwesenheit drang er noch an die Oberfläche und kämpfte noch gegen das ungleich mächtigere Echo an, doch wie lange noch? Wann würde er anfangen sie alle umzubringen? Wann würde der Geschwistermord aufs Neue beginnen? War es nicht besser, ihn rasch und möglichst schmerzlos zu erlösen? Ein gut gezielter Stich mit dem Megil…
Als die Sorgen und dieses elende Spiel der Waagschale sie zu zerbrechen drohten, da umfing sie plötzlich Wärme und eine glimmende, angenehme Woge der neuen Kraft, Zuversicht. Blinzelnd schloss sie die Augen, ließ zu, dass ihr eine weitete Vision geschenkt wurde. Bilder zogen vor ihrem Geiste vorbei und eine Stimme, bekannt, leise, fern, die ihr sanft zuraunte.
Nimuirs Stimme.
„Drei Maethyr am Firmament, drei Klingen, drei Streiche.
Der Erste stürzt das Diadem, auf dass die Freiheit wieder erwacht.
Der Zweite zerbricht den Sternenkäfig, damit ihr Licht entweiche.
Der Dritte nimmt sie mit sich, führt sie zurück an den Himmel der Nacht.
Drei Maethyr am Firmament, drei Klingen, drei Sterne.
Lausche dir selbst und zaudere nicht!
Dann, wenn die Kontrolle zerbricht
Bist du nicht allein in der Ferne.“
Dazu die Szenen, mit denen alles begann. Die Gestalt voller Kälte und grausamer Schönheit, das vertraute Gesicht des ehemaligen Lehrmeisters entstellt vom Frost, der in den Augen leuchtet. Die Ruhe vor dem Sturm, der letzte Kampf, doch nun erkannte sie ihn und sah auch, ganz tief im eisigen Blick einen letzten Funken im Lapislazuli der Seelenspiegel: Hoffnung.
Mit dieser Erkenntnis bewaffnet schlug sie die Lider wieder auf.
Sie würde bereit sein!
--*--
Findúath:
Und dort draußen, im schwindenden Licht der Nacht, geborgen hinter den Trauerwolken, versunken in der Klage des Fuchses, die selbst hier noch die Sinne erreichte, saß das letzte Kind aus dem Hause der Nacht und spürte nur am Rande noch, was wirklich um ihn herum geschah.
Das Meiste nahm er wie durch eine wattige Decke wahr, es vermischten sich ansonsten Gedanken, die nur noch teilweise die eigenen waren und von einer anderen Gewalt, anderen Wünschen verstärkt oder verdreht wurden. Sein Kampfeswille drohte zum blutigen Rausch anzuschwellen, zur einer Sehnsucht Körper zu zerreißen, Schmerzen zu vergeben, Schreie zu wecken und Tod zu hinterlassen. Er ballte den geschuppten Handschuh der Rechten langsam zur Faust und verzog das Gesicht ächzend, als er spürte, wie die seltsame Kälte vom Diadem über seine Züge glitt, sie mit Eis bedeckte und Wärme stahl. Zuerst hatte die Finsternis den lebendigen Schimmer aus dem Haar gestohlen und nun machte sie sich an seiner Haut zu schaffen, veränderte ihn mit jedem Atemzug.
Wie lange konnte er die letzten Grenzen noch wahren? Wann würden ihn die Wellen der Gewalt doch von den Beinen reißen und hinwegspülen? Beim letzten Treffen wäre es beinahe geschehen. Das giftige Flüstern im Kopf war lauter, eindringlicher geworden und es lockte, wollte ihn zwingen.
Arvinul, durchbohrt von der Klinge! Blut an Lailath‘ schönen Lippen! Leere in Nirors Augen, als jedes Licht erloschen war! Ein leises, sterbendes Wimmern aus Nauriells Kehle! Alauns Kopf, der neben dem Körper lag! Shalaryl nur noch ein in sich zusammengesunkenes Bündel!
TOD UND VERDERBEN!
Doch da in der Mitte stand Aeneth, deren ausdauerndes Beharren, aufopfernder Schutz und tapferes Herz ihm immer imponiert hatten. Als Schülerin hatte sie ihn mit Stolz erfüllt und als Gil-estel, als oberster Stern der Elenothrim, folgte er ihren Anweisungen ohne Bedenken oder langes Zögern…
FOLGTE! VERGANGENHEIT, VERGESSENHEIT! ANDERE ZEIT, DAS JETZT IST NEU, BESSER!
Law, war es nicht! Es hatte einen Grund, warum ihre Stimme zu ihm drang, ihn abhielt vollkommen mit dem giftigen Eis zu verschmelzen.
UND DOCH HAST DU DIR SCHON ETWAS GENOMMEN…
Er drehte den Kopf und starrte in die Schwärze, dort wo sie ruhte.
Sie hatte das Bewusstsein verloren aber er sah ihre Züge nicht, waren sie doch dieser neuen Maske, dem Geschenk des Fuchses, welchen er einst „Adar“, Vater, nannte, verborgen. Vielleicht war es eine Gnade, die er ihren beiden gewährte. Er wusste nicht, ob er das, was er dort in ihren Zügen finden würde, ertragen hätte.
OH ABER DAS HAST DU BEREITS. SOLL ICH DICH DARAN ERINNERN?
KRISTALLKLARE ANGST, BLANKES ENTSETZEN, GEBROCHENES VERTRAUEN.
WIE SÜSS HAT ALL DAS GEMUNDET.
ERINNERE DICH.
DU WILLST MEHR DAVON, NICHT WAHR?
MEHR!
Er löste sich von seiner Position, doch nicht, um den Drängen des Giftes nachzugeben, sondern um sich ein weiteres Mal den Sternen zu widmen. Sie mussten von dort oben verschwinden und Teil der gesammelten Macht werden. Denn dann, so hoffte der Teil der Gestalt im dunkel schimmernden Gewand, der noch der Maemagor Findúath war, würde sich seine Schülerin einer letzten Schlacht stellen und das Ganze beenden.