"Bajard... ein Fischerdorf, stinkend und unsauber. Ein Hort der Ungläubigen, der Abgestoßenen und Kriminellen, eine Zuflucht für die Geachteten und magnetischer Anziehungspunkt für alle Wegeslosen."
Private Aufzeichungen Alva`s, 11. Goldblatt 250
Da war er nun, nach Jahren der Abwesenheit. Es war weit mehr als eine Dekade, als er Gerimor verließ, hadernd, auf der Suche nach seiner Schwester, die so plötzlich das Gut der van Gwinheers vor den Toren Rahals verlassen hatte mit nichts als einer kurzen Nachricht als Hinterlassenschaft.
Habe ich sie im Stich gelassen? So spricht man über Knappen, die ihrem Ritter nach dem Stich mit der Lanze im Turnier nicht aufhelfen, wenn er vom Gegner getroffen wurde.
Wurde sie getroffen, vom "Ritter" der Einsamkeit? Oder der Frage nach dem Sinn ihres Tuns?
Heute weiss ich, dass das nicht der Fall war. Es war schwach von ihr, Gerimor zu verlassen, ohne das Bestreben, die Situation zu ändern, bevor es zu spät ist.
Zielstrebig ging er durch die Gassen Bajards. Beobachtete das Treiben. Versprürte er eine geringfügige Empfindung der Verachtung, sah man ihm dies nicht an. Eine Eigenschaft, die er in all den Jahren nicht verloren hatte, obschon - oder trotz dessen - all jener Dinge, die hinter ihm lagen. Er musste feststellen, dass sich zumindest das Erscheinungsbild geändert hatte. Es war etwas sauberer in diesem Fischerdorf geworden, obschon es offensichtlich gewachsen war.Wurde sie getroffen, vom "Ritter" der Einsamkeit? Oder der Frage nach dem Sinn ihres Tuns?
Heute weiss ich, dass das nicht der Fall war. Es war schwach von ihr, Gerimor zu verlassen, ohne das Bestreben, die Situation zu ändern, bevor es zu spät ist.
Was sich nicht geändert hatte, war die Mentalität der Leute. Jeder ging seinem alltäglichen Treiben nach, nur von Tag zu Tag denkend, nicht an das Morgen, nicht an das Übermorgen und erst Recht nicht an das Ende.
Jetzt weiss ich, dass es auch schwach von mir war, Gerimor zu verlassen um meiner Schwester nachzueilen.
In Rothenfels angekommen, musste ich feststellen, dass alles anders war wie zu unserer Abreise. Vater und Mutter waren nicht mehr. Von Lyam war keine Spur. Und mit einem Hauch von Erschrecken, einem kurzen Moment der unangenehmen Überraschung, musste ich feststellen, dass auch auch die Ära der van Gwinheers beendet war - allen Familien des Blutadels wurden ihre Titel entzogen, und so auch meiner.
Heute verachte ich mich dafür.
Alva stapfte weiter durch die Gassen Bajards und suchte in seinen Erinnerungen an damals nach einem passablen Weg durch das Dorf - und dem schnellsten Weg aus diesem heraus. Der Kutscher war das Ziel.In Rothenfels angekommen, musste ich feststellen, dass alles anders war wie zu unserer Abreise. Vater und Mutter waren nicht mehr. Von Lyam war keine Spur. Und mit einem Hauch von Erschrecken, einem kurzen Moment der unangenehmen Überraschung, musste ich feststellen, dass auch auch die Ära der van Gwinheers beendet war - allen Familien des Blutadels wurden ihre Titel entzogen, und so auch meiner.
Heute verachte ich mich dafür.
Ich habe Jahre daran verschwendet, meiner Familie hinterherzueilen, oder zumindest dem, was davon übrig war. Wie der Adel wurden uns auch unsere Ländereien genommen. Aber das hat mich nach meiner anfänglichen Überraschung nur wenig beeindruckt. Ich dachte, dies sei eine Prüfung des Einen, und er wolle meine Stärke als Clericus des Tempels auf eine neuerliche Probe stellen.
Nach einer holprigen Fahrt über Stock und Stein hielt die Kutsche schließlich knarzend und quietschend. Der Ruf des Kutschers kam ruppig und mürrisch - sie waren angekommen.Als er ausstieg, sah er sein Ziel vor sich.
Wie habe ich mich geirrt. Mit fortschreitender Zeit habe ich es gespürt, die schwindende Macht, der fehlende Zuspruch für mein Tun, die Zeichen, die ER mir sandte, um meinen Weg wieder in die rechte Bahn zu lenken. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich habe es nicht verstanden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Zeichen deutlicher wurden und zugleich meine Gebete immer schwächer. ER missachtete sie. Ignorierte sie.
Und dann wusste ich - ich musste loslassen. Für Ihn.
Der schwarze Basalt der natürlichen Mauer des Berges glänzte in der winterlichen Mittagssonne und erzeugte bei Alva sofort und ohne Zaudern ein Gefühl des Stolzes. Die Stadt war nicht so wie damals, als er ging - sie war stärker, das erkannte er sofort. Zweifel gab es nicht, aber hätte es sie gegeben, wären sie bei desem Anblick verflogen. Und dann wusste ich - ich musste loslassen. Für Ihn.
Sein Schritt war zielstrebig, die Haltung gerade und der Schritt einnehmend. Gerade so, wie es früher gewesen war, als Clericus des Tempels. Wie diese Stadt, in ihren natürlichen Mauern, würde er wieder erstarken und dem Panther dienen, unabdingbar, bedingungslos.
Und vor allem - ohne die Last des Weltlichen.

