Die verratene Muse

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Linus van Sturmfang
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Die verratene Muse

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Linus saß am Fenster seines Hauses in Berchgard und schaute auf die Straße. Lautlos viel, auch an diesem Abend, der Schnee auf die Stadt. Er fühlte sich schlecht, wie ein Verräter. Vielleicht war es auch nur Einbildung gewesen? Er war durcheinander. Linus hatte sein Bürgergespräch nicht mit der Vogtin von Adoran gehalten, wie von ihr erwartet, sondern mit der Vogtin von Berchgard. Aber als er noch am selben Abend Kathrina im Hort des Wissen traf, zeigte sie nur einen kurzen Moment ihre Enttäuschung, als er ihr seinen Bürgerbrief zeigte. Das anschließende Schweigen ihrerseits tat sein Übriges. Hatte er sie etwa falsch gelesen? Waren ihre Zeichen, ihr Verhalten von ihm falsch interpretiert? Was waren sie den? Ein Barde und eine Vogtin. Sicher, Linus fand sie wunderschön, aber hatte er wirklich daran geglaubt, dass eine Beziehung möglich wäre? Dachte er wirklich, dass jemand in ihrer Position an einem dahergelaufenen Barden Gefallen finden könnte? Kathrina war seine erste Muse auf Gerimor, sie beflügelte seinen Schaffensdrang unleugbar. Aber schuldete er seiner Muse etwas? War es falsch gewesen, nicht zu ihr zu gehen? Linus raufte sich die Haare. Sie standen in keinerlei Beziehung, aber dieser Blick, dieses Schweigen. War da mehr? Hatte er etwas zerstört, was hätte wachsen können? Er betrachtete ein Geschenk für Kathrina in seiner Hand. Es war eine silberne Laute mit moosgrünen Saphiren. Wurde dieses Geschenk ihr überhaupt gerecht? Hatte er sich da in etwas hinein fantasiert? Er seufzte und sah gedankenverloren dem Schnee beim Fallen zu.
Zuletzt geändert von Linus van Sturmfang am Freitag 13. Februar 2026, 16:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Linus van Sturmfang
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Beitrag von Linus van Sturmfang »

Die Kutsche von Adoran nach Berchgard rumpelte gleichmäßig über die Straße. Linus lehnte mit seinem Kopf am Fenster und starrte heraus. Draußen sah er nur ein paar Sterne und den Mond im Himmel leuchten. Was war das heute gewesen?

Er hatte zwar eigentlich nur die Aufgabe gehabt, einen Brief von Gwenna an Kathrina zu übergeben, aber dieses Treffen nutzte Linus aus, um auch noch seine eigenen offenen Punkte zu erledigen. Zum Einen, das noch ausstehende Geschenk zum „Kleine Geschenke-Tag“ und zum Anderen hatte er ihr schon vor Wochen versprochen, ihr das Lied "Die Vogtin von Adoran" persönlich vorzutragen.

Und so ist es auch passiert.

Als Überraschung hatte Linus ein neues Lied, eigens für diesen Tag geschriebenen. Er offenbarte ihr mit dessen Hilfe seine Gefühle.
Ihr Lächeln, ihre Blicke, er wollte einfach wissen, ob es für ihn Hoffnung gab.

Linus lehnte sich in den Sitz der Kutsche zurück und seufzte, anschließend wuschelte er sich durch die Haare.

Sie selbst sagte zwar: Zwei Herzen finden immer zueinander. Unabhängig von Plänen und Anforderungen oder Ständen.

Aber was wollte sie ihm damit sagen? Und war das Küsschen auf die Wange wirklich nur ein Dankeschön für das Lied?
Sie hatte sich danach etwas geöffnet, es war allerdings nur ein Riss in ihrer edlen Schale. Sie erklärte ihm, dass sie vor langer Zeit ihr Herz verschenkt hatte ... aber nicht an wen.

Als sie Berchgard erreicht hatten, dankte er dem Kutscher und ging dann zu Fuß weiter nach Hause.
Warum war dieser Herzensbesitzer eigentlich nicht hier auf Gerimor an ihrer Seite?
Hing sie selbst etwa noch an einer alten Hoffnung fest?

Seine Gedanken ließen ihn eh nicht schlafen, also ging er lieber zur Schaukel nahe seines Hauses. Sanft schwang er sich leise hin und her und dachte nach.

Einen klaren Korb hatte ihm die Vogtin nicht gegeben, allerdings auch keine Hoffnungen.

Als er schließlich nach Hause ins Bett gehen wollte fiel ihm auf, dass sogar noch um diese Uhrzeit Licht in der Scriptorei Nordlicht brannte.

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Linus van Sturmfang
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Zwischen Masken und Sommerflammen

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Vorgestern war einer dieser Abende, die in ihrer Schönheit schmerzen.

Alles fing an mit dem Maskenball in Adoran. Dieser hatte etwas Magisches, Verlorenes. Jeder trug ein anderes Gesicht, und doch… erkannte man bekannte Augen, Münder, Bewegungen.

An diesem Abend hatte Sire Keylon von Salberg, Gwenna zu seiner Begleiterin erwählt. Natürlich hatte er das – sie, eine tadellose Adelige, eine sichere Wahl. Und ich?

Ich war nur ein Spielmann.
Vielleicht immer nur das.
Ein Schmetterling, der kurz von einer Blume trinken darf, ehe ihn der Wind fortträgt.

Und doch – auch wenn ich nicht den Mut gefunden hatte, Gwenna zuerst zu fragen, so hatte ich ihn wenigstens, um sie um einen Tanz zu bitten.

Nur ein Tanz.

Ein Moment, in dem sie in meinen Armen lag – leicht wie eine Melodie, kostbar wie ein Vers, der sich endlich reimt.
Ich führte – zum ersten Mal. Nur im Tanz, nur für einen Augenblick.

Danach kehrte sie zurück zu Keylon,
und ich – zurück zu meiner Rolle.

Allein.

Vielleicht war es dieser stille Stich der Einsamkeit, der mich an etwas erinnerte. Oder eher an jemanden.

Kathrina van Winterwacht. Die Vogtin von Adoran.
Meine erste Muse.

Ich suchte – ihre moosgrünen Augen, sie fehlten aber unter all den anderen Masken. Die Vogtin von Adoran war also nicht zum Ball in ihrer Stadt erschienen.

Nachdenklich ging ich nach dem Ball nach Hause.

Zwei Tage später luden die Thyren zum Elds Sigr-Fest.
Und da kam sie – diese eigensinnige, spontane Idee:
Warum frage ich Kathrina nicht einfach, ob sie mich begleitet?

Zu meiner Überraschung – und Freude – sagte sie nach kurzem Zögern ja.

Als ich sie dann am Abend abholte, sah sie…
Götter, sie sah umwerfend aus.
Und ich war plötzlich nicht mehr der Spielmann, sondern ein Mann, der einer wunderschönen Frau den Arm reicht.

Wir lachten, plauderten, sie roch nach Brombeeren.
Wie ein stiller Zauber legte sich über mich.
Und ich genoss es.
Ohne Hintergedanken.
Ohne Bühne.
An diesem Fest war ich einfach ich.
Der, der zuhört. Der, der eingeladen hatte. Und der nun mit einer Frau an seiner Seite zur Kutsche ging.

Das Fest war gut besucht – viele bekannte Gesichter wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen.

Es war Brauch, seinen Mut zu beweisen, indem man brennend von einer Klippe ins Meer sprang. Als der Moment kam und nach Freiwilligen gefragt wurde, stand ich auf.

Die Welt sollte sehen das ich mutig war.

Ich ließ mich mit Kräuter versetzten Schlamm einreiben von meinem Tyrenfreund Norwin - und dann… war ich auch schon an der Klippe.

Mit pochendem Herzen und schweißnassen Händen rannte ich los.
„Für den Mut in der Liebe!“, rief ich,
und sprang.

Durch das Feuer.
Ins Dunkel.
Schreiend.
Ins kalte Wasser.

Als ich lebend an den Strand zurückkehrte, war mir kalt bis in die Knochen.
Ich setzte mich ans große Lagerfeuer.
Und Kathrina kam zu mir.
Sie war überrascht, dass ich es gewagt hatte.
Ich lächelte zufrieden.

Kein Spiel, keine Rolle. Nur zwei Menschen, die sich am Lagerfeuer unterhielten.
Wir sprachen – mal leicht, mal tief. Und es war gut.

Spät, als die Nacht sich längst über das Land gelegt hatte, brachte ich Kathrina nach Adoran zurück.

Vor ihrer Tür wollte ich mich verabschieden.
Wie es sich gehört.

Mit einem Dank und einer kleinen Verbeugung.
Doch dann… kam sie näher.
Ein Kuss.
Leicht.
Warm.
Auf meine Wange.

Ich war… überrascht,erfreut und sprachlos.
Verbeugte mich wie ein Idiot, murmelte ein weiteres „Danke“
und ging.

Mit einem Lächeln wie ein Honigkuchenpferd.
Ich ging durch Adoran, wie in einer anderen Welt.

Erst auf dem Weg zurück nach Berchgard traf es mich wie ein Blitz:
Nach all der Zeit?!… sie? Jetzt?
Ich fuhr mir durch die Haare.

Was stimmte nicht mit mir?
Mein Herz pochte heftig.
Mein Herz gehört doch Gwenna.
Der Muse von Berchgard.
Nicht mehr der von Adoran.

Und doch…
war da dieser sanfte Kuss.
Ihr Duft.
Ihre Wärme.

Es war grausam.
Schön.
Verwirrend.

Heute werde ich nur mit meinem alten Freund Alkohol Schlaf finden.

— Linus Sturmfang

Zwei Musen. Zwei Städte.
Ein Herz.

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Linus van Sturmfang
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Ein Brief an die Vogtin von Adoran

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Verfasst in den späten Stunden bei Kerzenschein in der Villa Sturmfang. Der Brief gesiegelt mit dem Wappen der Sturmfangs liegt am nächsten Tag in des Vogtins Briefkasten.

Kathrina,
manche Abende hallen nach wie Musik in den alten Mauern meiner Villa – leise, bittersüß, kaum greifbar. Der Abend bei den Tyhren war solch einer.
Ich wollte Dir schreiben, bevor die Erinnerung sich wieder in Nebel kleidet, bevor sich meine Gedanken wie gewohnt in Lieder flüchten und in Geschichten, in denen ich mich nicht selbst zu Wort kommen lassen muss.

Doch diesmal soll es anders sein.
Danke.
Für Dein Ja zum Fest.
Für Dein Lächeln.
Für Deine Nähe, die mir mehr bedeutete, als Worte sagen können.

Du sahst aus wie der erste warme Tag nach einem langen Winter, und ich — nun, ich war nicht mehr nur der Spielmann. Ich war der Mann an Deiner Seite, wenn auch nur für einen Abend, und das genügte, um mein Herz aus dem Takt zu bringen.

Als Du Dich dann am Ende des Abends zu mir geneigt hast…
Ich war nicht vorbereitet.
Nicht auf den Kuss.
Nicht auf die Wärme.
Nicht auf das Chaos, das er in mir ausgelöst hat.

Ich weiß nicht, was er Dir bedeutete. Vielleicht war es nur ein Moment, eine Geste aus Zuneigung oder Dank. Vielleicht war es mehr. Vielleicht war es weniger.

Ich werde keine Bedeutung hineinlesen, die Du nicht gemeint hast.
Aber ich wollte Dir sagen, was er für mich war.
Ein Licht.
Ein Flackern.
Ein "Vielleicht" in einer Welt voller "Wenn" und "Aber".

Du hast mir gezeigt, dass da noch etwas ist zwischen all den Masken, dem Pflichterfüllen, dem ewigen Umherschweifen.

Ich weiß nicht, was dieser Moment für Dich bedeutet hat.

Aber ich weiß, was er mir gezeigt hat:
Dass ich Dich gern wiedersehen würde.
Nicht zwischen Pflicht und Floskeln, nicht in Eile oder unter Beobachtung.
Sondern in Ruhe. Mit Zeit. Mit einem Tisch zwischen uns, gedeckt mit gutem Essen, vielleicht etwas Musik im Hintergrund — und der Möglichkeit, einander wirklich kennenzulernen.
Sobald das Haus der Künste seine Türen öffnet, möchte ich Dich einladen.

Als Gast.
Als Gesprächspartnerin.
Als... Kathrina.

Ich weiß nicht, wohin der Weg führt,
aber ich würde mich freuen, wenn er uns noch ein Stück gemeinsam gehen lässt.

Möge dieses Schreiben Dich mit dem gleichen Lächeln erreichen, das Du mir geschenkt hast.

Bis wir uns wiedersehen –
im Licht der Kerzen oder dem Klang der Laute,

Linus
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Linus van Sturmfang
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Zwischen Tee und Taktarten

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Es gibt Orte, die mehr verraten, als die Menschen, die in ihnen sitzen. Kathrinas Teestube über ihrer Schneiderei gehört dazu. Wenn der Duft von getrockneten Blättern sich mit dem feinen Geruch von Stoffen vermischt, ist es, als würde ich über den Basar in Menek`Ur laufen

Ich habe mich in den letzten Tagen öfter dort eingefunden. Nicht wegen des Tees allein – auch wenn Kathrina eine unbestreitbare Kunst darin hat, jede Tasse so zu servieren, dass man glaubt, die Zeit gehe langsamer. Nein, ich war dort, weil ich noch immer auf eine Antwort warte. Auf ein Wort. Ein Zeichen. Etwas, das mir sagt, was wirklich in diesem Kuss lag, den sie mir vor einiger Zeit auf die Wange hauchte.

Vielleicht war es nichts.
Vielleicht war es alles.

Ich hatte gehofft, zwischen den Blättern und den Gesprächen eine Tendenz zu erkennen. Ein winziges Nicken, ein Blick, ein verräterisches Lächeln, das mir mehr verrät als alle Worte. Doch zu meinem Verdruss war ich nie allein.

Denn jeden Abend, an dem ich die Stufen zur Teestube hinaufstieg, kam kurz darauf jemand dazu: mein Freund, mein Kollege, mein Bruder in der Musik – der Lange Johannes.

Beim ersten Mal hielt ich es für einen Zufall. Zwei Barden, die denselben Tee lieben, warum auch nicht? Beim zweiten Mal begann ich zu zweifeln. Zufälle häufen sich selten so.

So saß ich dort, spielte die Rolle des scherzenden, teetrinkenden Barden, der Witze macht, kleine Melodien auf den Tisch klopft und über Götter und Welt parlierte. Nach außen heiter, nach innen suchend. Kathrina schenkte Tee nach, lachte gelegentlich, doch blieb in sich – wie die Melodie eines Liedes, das nie ganz beginnt.

Und ich? Ich ließ meinen Plan schweigen. Kein Wort über den Brief.
Ich dachte mir nur: „Linus, du musst wohl ein drittes Mal kommen. Hoffen, dass der Lange Johannes dann sein Hopfengebräu in einer anderen Schenke genießt – und dir endlich die Bühne allein gehört.“

Bis dahin trinke ich Tee. Und lächle.
Denn auch das ist eine Kunst: geduldig sein, während das Herz längst tanzt.

– Linus Sturmfang

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Linus van Sturmfang
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Ein Abend in der Schneiderei

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Es war einer dieser Abende, an denen sich ein Barde fragt: Warum habe ich eigentlich zwei Taschen voller neuer Kleidung unter dem Arm?

Mein Ziel war klar: Ein Tee mit Kathrina von Winterwacht, in ihrer Teestube über der Schneiderei – ein Ort, an dem man auf ganz wundervolle Weise seinen Abend verbringen kann.
Doch als ich an die Tür klopfte, öffnete mir nicht Kathrina, sondern eine junge Frau, die sich als Alba vorstellte, Lehrling in der Schneiderei.
„Was wollt Ihr?“ fragte sie freundlich.
„Ich habe Teedurst!“, erwiderte ich.

Und so führte sie mich hinein – allerdings nicht die Stufen hinauf in die Teestube, wie ich es erwartet hatte, sondern direkt in die Schneiderei. Da hätte mir eigentlich schon etwas dämmern müssen.
Doch beim Anblick Kathrinas verschwanden alle meine Instinkte. Ach, wie wundervoll sie wieder aussah. Ich verbeugte mich elegant, wie es sich gehörte, begrüßte sie – und schon nahm der Abend seinen eigenen Lauf.

Rein zufällig? Oder geplant? Jedenfalls wurde ich zum Versuchskaninchen für den Lehrling erkoren. Alba begann, mich zu vermessen, während Kathrina jede Bewegung mit wachsamen Augen verfolgte. Ich konnte mir nicht verkneifen, zu bemerken, dass sie wohl so genau hinsah, damit sich die Hände des Lehrlings nicht verlaufen. Alba errötete – Ich schloss einfach die Augen um, den mahnenden Blick zu entgehen. Ich verkniff mir dann aber weitere Späße, was mir schwerfiel, aber ich hoffte, Kathrina würde es bemerken.

Dann kam der nächste Akt: Alba packte mir Kleidung zusammen. In der Umkleide entdeckte ich ihr Werk – handwerklich tadellos, keine Frage. Doch farblich? Wenn der Frühling bunt und voller Blüten ist, dann war ich in ihren Augen ein welkes Herbstblatt. Sanfte Töne hatte ich mir gewünscht, ja – aber nicht so sanft, nicht so braun, nicht so monochrom.

Als ich hinaustrat, war Alba stolz wie eine Meisterin, Kathrina schwieg feinfühlig. Ich versuchte mit einem neuen Farbwunsch, die Richtung zu ändern, doch auch dieser zweite Versuch führte zurück in dieselbe monochromie. Ich war überfordert und wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte.

Da kam Kathrina mir zu Hilfe. Sie brachte Kleidungsstücke, die nie abgeholt worden waren. „Probiert diese.“ Ich tat, wie geheißen – und siehe da: Sie passten, und mehr noch, sie standen mir wirklich gut. Kathrina erklärte Alma hier und da ein paar Kniffe – an mir, versteht sich – bis ich wieder in meine eigene Kleidung schlüpfen durfte.

Am Ende wollte ich die Szene rund machen, damit alle mit einem guten Gefühl schlafen gingen. Also fragte ich Alma: „Darf ich die Sachen behalten?“
Sie lächelte und meinte, die Schneiderei müsse ja auch von etwas leben. Ich seufzte: Natürlich, von Anfang an war es eine Falle gewesen. Beide grinsten. Und ich hatte auch noch selber auf den Auslöser bedient. Kathrina nannte es schließlich eine Spende für den Lehrling.

Also schloss ich die Augen, atmete tief ein, griff in meine Börse – und spendete dem farbarmen Lehrling etwas. Während ich die Dukaten überreichte, dachte ich schon daran, dass ich die Sachen zumindest in die Kostümkiste des Hauses der Künste legen könnte.
Zum Dank schenkte mir Kathrina die nicht abgeholten Kleidungsstücke zu den gekauften Kleidungsstücken.

So verließ ich die Schneiderei nicht nur mit einer neuen Erinnerung, sondern mit Kleidung, die aus den Händen meiner Muse stammte – und die noch immer nach ihrer Schneiderei roch.

Kein Abend mit Tee, aber mit Kathrina und Alba.
Ein Abend, der sich lohnte.

– Linus Sturmfang
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Linus van Sturmfang
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Unter den Sternen

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Der Garten des Hauses der Künste lag still da, nur das leise Rascheln der Blätter begleitete mich. Alecia hatte sich längst zurückgezogen, mir einen sanften Gruß hinterlassen – und mich mit meinen Gedanken allein gelassen. So saß ich dort, ein Glas in der Hand, und blickte hinauf zu den Sternen, als könnten sie mir heute eine Antwort geben.

Ob sie mein Schicksal kannten?
Oder lachten sie nur über meine Ungeduld.

In Berchgard war ich glücklich, das ließ sich nicht leugnen. Ich lebte zwischen Mauern, die ich mit Sinn gefüllt hatte, zwischen Liedern, Worten und Begegnungen. So oft es die Arbeit erlaubte, war ich bei Gwenna, bei dem Menschen, der mir Richtung gab. Alles schien… richtig. Geordnet. Fast vollkommen.

Und doch nagte da etwas.

Ich nahm einen Schluck, ohne recht zu wissen warum. Vielleicht, um dem Gedanken Zeit zu geben, sich zu formen. Vielleicht, um ihn zu dämpfen. Warum war Kathrina nach Berchgard gekommen? Nicht aus Pflicht, nicht aus Zufall – davon war ich überzeugt. Und diese Blicke… beim Winterfest, bei ihrem Besuch. Sie waren neu. Anders. Fragend. Als hätte sich etwas verschoben, ohne dass jemand ein Wort darüber verloren hätte.

Mein Herz begann schneller zu schlagen, ungebeten, verräterisch.
War das ein gutes Zeichen? Oder nur der Beweis, dass ein Mensch mehr als ein Zuhause haben kann – aber nicht immer weiß, wo er wirklich ankommen will?

Ich sah wieder zu den Sternen hinauf. Sie schwiegen.
Wie immer.

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Linus van Sturmfang
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Verführerisch. Lockend. Gefährlich?

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Adoran.

Es ist ein sonderbares Pflaster. Kaum betritt man seine Straßen, meint man, die Luft sei feiner, die Schritte bedächtiger, die Worte gewichtiger. Und doch, mein Herz schlug heute weniger für die Mauern der Stadt als für ein einziges Teehaus in einer ruhigen Seitengasse.

Ich sage mir gern, ich sei nur gekommen, um den Kopf zu lüften. Die Studien der Etikette im Lichtenreich treiben seltsame Blüten. Verbeugungen mit der richtigen Neigung, Anreden mit der korrekten Betonung, Blickwinkel, die weder zu kühn noch zu schüchtern erscheinen dürfen , bei allen Göttern, mein Schädel dröhnte wie nach einer durchgemachten Nacht.

Ein Tee, so dachte ich, feine Gesellschaft und ein kluger Geist im Gespräch, das würde mich wieder ins Gleichgewicht bringen.

Als ich läutete, im besten Teehaus Adorans, öffnete sie selbst.

Katharina von Winterwacht.

Meine erste Muse auf Gerimor. Wie oft habe ich ihren Namen in Gedanken an ein Versmaß geschmiegt, als wäre er selbst Musik?

Sie bat mich hinauf ins Teezimmer. Dieser Ort, ich schwöre, er ist ein kleines Heiligtum. Der Duft verschiedenster Teesorten liegt dort wie ein sanfter Schleier über den Sinnen: fruchtig, herb, blumig, rauchig. Die Einrichtung ist warm, beinahe vertraulich. Ein Ort, an dem Worte leichter fließen als anderswo.

Sie bereitete mir einen Pflaumentee, verfeinert mit einem Hauch frischen Pfeffers. Eine gewagte Mischung, süß und würzig zugleich. Ich kostete, hob die Braue und nickte anerkennend. Sich selbst machte sie eine Trinkschokolade, nebenbei fragte sie mich ob ich auch eine wolle.

„Nach einer solchen Pfeffersuppe,“ scherzte ich, „wäre eine Trinkschokolade genau das Richtige.“

Ihr Blick traf mich, halb tadelnd, halb belustigt. Ich musste lachen. Vielleicht zu laut.

Doch es war nicht der Tee allein, der mich aus dem Takt brachte. Ihre Augen, grün wie moosbedeckte Steine im Schatten alter Wälder, ruhten heute länger auf mir als sonst. Ungewohnt lange. Prüfend? Suchend? Oder bildete ich es mir nur ein?

Nach dem Tee zogen wir uns ins Kaminzimmer zurück. Das Feuer knackte leise, warf tanzende Schatten an die Wände. Und dort, erst dort, begann das Gespräch, das diesen Tag in mein Gedächtnis brannte.

Sie sprach offener. Behutsam, ja, beinahe vorsichtig, tastete sie sich vor. Ob ich mir nicht vorstellen könne… eines Tages… in Adoran zu leben?

In Adoran.

Meine Gedanken rasten. Was bezweckten diese Fragen? Waren es bloße Gedankenspiele oder mehr? Ich nippte an meinem Kakao, als könne ich darin eine Antwort finden.

Berchgard ist meine Heimat. Dort diene ich dem Hause Tiefenberg, dort schreibe ich Chroniken, dort baue ich am Stadtmuseum im Uhrenturm. Mein Platz ist klar. Meine Pflicht ebenso.

Und doch trafen mich ihre Worte wie der Gesang einer Serene auf offener See. Verführerisch. Lockend. Gefährlich.

Warum schlug mein Herz schneller?

Waren da Hoffnungen, die ich längst eingefroren glaubte? Träume, die ich unter Pergament und Amtsstempeln begraben hatte?

Ich war verwirrt , ein Zustand, der mir selten schmeichelt.

Als mein Kakao geleert war, erhob ich mich. Eine Flucht , wenngleich in höflicher Verpackung. Ich dankte ihr angemessen, wie es die gelernte Etikette verlangte. Sie begleitete mich hinab.

Ich zog meine Stiefel an und blickte auf die kleine, blonde Hochedle herab. Und wieder diese Augen. Fest. Sanft. Unausweichlich.

Sie trat näher.

Ihre Hand ruhte plötzlich auf meiner Brust, genau dort, wo mein Herz ohnehin schon rebellierte. Ein Wangenkuss zum Abschied. Zart. Flüchtig.

Und doch traf er mich mit der Wucht eines Hammers.

Was geschah hier? Warum jetzt?

Ich verabschiedete mich, gewiss nicht so gewandt, wie es einem Barden meines Ranges gebührte und trat hinaus in die Straßen Adorans.

Nun sitze ich in der Kutsche gen Berchgard. Mein Kopf lehnt an der Fensterscheibe, während die Landschaft vorüberzieht.

Wollen die Götter mich verhöhnen?

Mein Herz ist glücklich in Berchgard. Ist es das nicht? Warum also fühlt es sich an, als hätte jemand sachte daran gerührt, als prüfe man, ob es sich lösen lässt?

Ich schüttle den Kopf.

Gewiss bilde ich mir zu viel ein. Ein Blick, eine Frage, ein Kuss auf die Wange mehr nicht. Ein Barde neigt dazu, in kleinen Gesten große Balladen zu wittern.

Ich schmunzelte.

Nein. So leicht bekommt sie mich nicht aus Berchgard fort.

Doch während die Räder der Kutsche über das Pflaster rumpeln, muss ich mir eingestehen:

Ganz unberührt bin ich nicht geblieben.

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Das Fest der kleinen Schätze

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Nervös stand ich vor ihrem Teehaus, die Finger fahrig an meinem Halstuch, das ich in ihren Farben gebunden hatte. Es roch noch immer nach ihr – nach Rosen, nach Wärme, nach einer Erinnerung, die sich hartnäckig in Stoff und Herz zugleich festgesetzt hatte.
Ich war pünktlich. Nicht zu früh. Nicht zu spät.

Zumindest diesen Fehler würde ich heute nicht machen.

Heute sollte alles richtig sein.
Gerade als ich mich endlich dazu durchringen wollte, die Glocke zu betätigen, tauchte ein fremder Mann auf. Natürlich.

Er fragte, ob das Geschäft noch offen habe. Ich bestätigte es, wies jedoch darauf hin, dass die Hausherrin gleich ausgeführt werde. Ein subtiler Hinweis. Ein sehr subtiler Hinweis.
Er ließ sich nicht beirren.
Er läutete.

Cecilia öffnete. Ich stand etwas perplex daneben und wusste nicht recht, ob ich es dreist oder einfach nur schlecht getimt finden sollte – bis ich sie sah.
Kathrina.

Im Hintergrund erschien sie ganz in Weiß. Nicht schlicht, sondern leuchtend. Der Stoff ihres Kleides fiel weich wie frischer Schnee, fein bestickt, mit silbrigen Fäden, die im Licht schimmerten. Ihr Haar war kunstvoll gesteckt, einzelne Strähnen umrahmten ihr Gesicht wie gemalte Linien. Ein Hauch zarter Farbe lag auf ihren Wangen, ihre Lippen in sanftem Rosé – nicht aufdringlich, sondern betörend dezent.

Sie sah nicht aus wie eine Braut.
Sie sah aus wie ein Versprechen.

Mir blieb der Mund offen stehen – doch jahrelanges Bardentraining bewahrte mich zumindest vor dem Sabbern.

Als der Mann etwas von einer Botschaft murmelte, trat sie vor. Sicherlich hatte sie sich diesen Moment anders vorgestellt. Diese Erscheinung, dieses Bild, es war für einen einzigen Betrachter gedacht gewesen. Für mich.

Um mich weiter zu verzaubern.
Um den Pflock der Liebe noch ein Stück tiefer in mein ohnehin gefährdetes Herz zu treiben.

Nachdem der Bote entlohnt war, war ich wieder ganz in ihrem Fokus.
Galant bot ich ihr meinen Arm an.
„Gehen wir zur Kutsche.“
Ich musste die Zeit im Auge behalten – schließlich war ich einer der Ausrichter des Festes der kleinen Schätze. Auch wenn mir manch einer das Zuspätkommen in so liebreizender Begleitung gewiss verziehen hätte.

Cecilia wich nicht von ihrer Seite – wie ein kleiner Anstandswauwau, treu und wachsam.
In der Kutsche saßen wir nebeneinander. Während unserer kurzen Gespräche musste ich immer wieder heimlich ihre Schönheit bewundern – bis mir etwas auffiel.
Um ihren Hals lag eine silberne Laute.

Meine Laute.

Die Kette, die ich ihr vor zwei Jahren geschenkt hatte, bei meinem ersten, glorreich gescheiterten Sturm auf ihr Herz.
Sie hatte sie aufbewahrt.
All die Jahre.

Ich war verblüfft. Stolz. Gerührt. Glücklich.
Doch ehe ich Worte fand, hielt die Kutsche bereits in Berchgard.
Ich half ihr hinaus und schritt, innerlich aufgeplustert wie ein Pfau, mit ihr gen Festplatz.
Dort rief die Pflicht.

Ich eröffnete das Fest, sprach ein paar Worte und sang, wie jedes Jahr, – ein kleines Lied über jene unscheinbaren Dinge, die erst im Herzen ihren Wert finden.
Der Trubel verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Das Haus der Künste hatte einen Stand angemeldet, und ich fürchtete bereits, auch diesen allein betreiben zu müssen. Doch Cecilia ließ sich überzeugen mir aus zu helfen. Zusätzlich erschien Julius unerwartet zur Unterstützung.
Als alles lief, kehrte ich zu Kathrina zurück.
Wir spielten das Spiel vom Hasenritter, der in die richtige Höhle hoppeln musste.

Wir verloren.
Jede Runde.
Aber wir lachten.

Selbst als die meisten Gäste gegangen waren und nur noch wenige im Schein der Laternen verweilten, wollte Kathrina nicht heim. Sie sprach mit vielen, einige kannte ich nicht. Nach einem längeren Gespräch über Stofftiere, zwischen ihr, Cecilia und Marlan begann es kalt zu werden.
Ich bot Kathrina meinen Mantel an.
Dankbar nahm sie ihn an.

Eigentlich wollten wir gemeinsam mit Cecilia und Marlan zurück nach Adoran fahren. Doch meine Müdigkeit war wohl deutlicher sichtbarer, als ich gehofft hatte. Kathrina schlug vor, sie nähmen die nächste Kutsche.

Und so waren wir allein.

Ich war müde, ja.
Aber glücklich.
Das Fest war gelungen.
Sie schien zufrieden.

Als wir nachts durch die Straßen Adorans gingen, fragte ich sie, ob ihr der Tag gefallen habe.
Sie bejahte und stellte die Frage zurück.
Ich blickte kurz in den Sternenhimmel.
„Es war ein guter Tag“, sagte ich.
„Warum nicht ein sehr guter?“ fragte sie.

Ich lächelte.

„Weil der Tag noch nicht zu Ende ist.“
Vor ihrer Tür standen wir wieder einmal zum Abschied.
Ich nahm sanft ihre Hände. Zart. Warm. Wirklich.
Ich dankte ihr. Bewunderte sie ein letztes Mal.
„Darf ich den Tag perfekt enden lassen?“ fragte ich leise.
Nach kurzem Zögern nickte sie.
Behutsam beugte ich mich vor – ohne Druck, ohne Hast.

Dann Schritte in der Ferne.
Sie hörte sie. Ich hörte sie.

Im letzten Moment wandte sie den Kopf leicht zur Seite.
Meine Lippen berührten ihre Wange.
Ein kurzer Kuss.

Ich ärgerte mich nicht.
Der Tag war zu schön.
Diese Frau war zu schön.
Und ich war zu müde, um mit dem Schicksal zu streiten.

Mit einer Verbeugung verabschiedete ich mich und verschwand in den nächtlichen Straßen Adorans, zurück nach Berchgard.

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