Die Schritte waren träge und ungleichmäßig als Sharie den Rückweg von der Hadcharimburg in die Stadt antrat. Humpelnd setze sie einen Fuß vor den anderen. Irgendwann würde sie schon wieder in der Stadt sein. Am Eingangstor traf sie nochmal auf ihre beiden Talif Kameraden, und nachdem sie mit Neriman zusammen Suleiman an die Kaserne brachte, damit sich ein Hakim aus dem Maristan seine Blessuren anschauen konnte, schleppte Sharie sich zurück in ihr Haus.
Der Abend verlief unerwartet, aber dafür hatte sie es geschafft und war nun im Orden der Hadcharim aufgenommen worden. Das war die erste Prüfung… von vielen. Wahrscheinlich sehr vielen.
Geschunden und nunmehr mit kurz geschnippeltem Haar stand die neu ernannte Talif in ihrem Bad und betrachtete sich im Spiegel. Die aufgeplatzte Unterlippe fiel ihr direkt ins Auge. Rote Striemen im Gesicht verteilt und das Knie geschwollen, und nicht mehr richtig gehen könnend. Überall an ihrem Körper Hämatome verteilt, so dass sie sich fühlte, als ob eine Herde Kadals über sie hinweg getrampelt wäre. Jeder Knochen, jede Sehne und Muskel tat ihr weh. Alles in allem machte sie einen beschissenen Eindruck. Aber wie sollte sie auch anders aussehen und sich fühlen nach diesem Kampf in der Burg. Das würde einige Tage dauern, bis sie sich davon erholt hatte.
Die Wundversorgung erfolgte dann mehr notdürftig, aber es erfüllte seinen Zweck. Die körperlichen Verletzungen würden wieder heilen. Viel schwerer wog die mentale Belastung, derer sie nun ausgesetzt war. Windelweich geprügelt, versetze sie das in Scham. Daran würde sie noch eine Weile zu knabbern haben. Sharie wusste, dass das Teil der Ausbildung ist, dennoch war es nicht so einfach, damit klarzukommen.
Die nächsten Tage gestalteten sich anstrengend. Nach der ersten Nacht fühlte sie sich am kommenden Morgen nur noch schlimmer. Nachdem sie sich aus den Kissen gewunden hatte, sollte ein warmes Bad dem geschundenen Leib etwas Milderung verschaffen. Eine ganze Weile saß sie im Wasser, und tatsächlich nach und nach merkte sie, dass es ein wenig besser wurde. Doch das geschwollene Knie und die anderen Blessuren, vor allem die Schwellungen an Lippen und Gesicht, würden sie noch ein paar Tage begleiten.
Sie musste sich auch unbedingt um ihre Haare kümmern. Schnell mit der Schere abgeschnitten standen die unterschiedlich langen Haarstummel in alle möglichen Richtungen ab. Eine komplette Rasur sollte dem Abhilfe schaffen, sodass das Haar wieder gleichmäßig nachwachsen kann. Sie hatte sich zwar in dem Moment in der Burg nichts anmerken lassen, doch innerlich zuckte Sharie zusammen, als ihr klar wurde, worauf es hinaus lief, als es hieß, dass sie den Turban abnehmen sollte. Ihre schönen langen Haare, welche schon weit bis zur Mitte ihres Rücken gewachsen waren, waren nun weg. Abgeschnitten wie bei einem Schaf das Wolle lassen musste. Wäre sie nicht so erschöpft von dem Kampf gewesen, hätte sie das sicher noch mehr mitgenommen, jedoch so hatte sie sich dem einfach ohne Regung hingegeben und wie aus der Ferne beobachtet, als ihre langen Strähnen zu Boden fielen. Eins war klar, die nächste Zeit würde der Turban ihr ständiger Begleiter sein.
Und so verstrichen einige Tage und ihr ging es nach und nach besser. Die aufgeplatzte Unterlippe und das geschwollene Knie heilten, und die vielen verstreuten Hämatome blassten nun auch langsam ab. Ihre Gedanken gingen immer wieder zu dem Abend zurück und sie ließ die Situation Revue passieren.
Hätte sie etwas anders machen wollen, wenn sie vorher genau gewusst hätte, worauf sie sich da eingelassen hatte?
Eines war klar, Sharie wusste, beim nächsten Mal würde sie mit allem rechnen, und egal wie viele Schläge sie noch kassieren würde, sie hatte sich für ihren Weg entschieden, welchen sie weiterhin beschreiten wird. Egal was noch kommen mag, sie würde an den Aufgaben und Herausforderungen wachsen und sich nicht kleinkriegen lassen! Denn eines war klar, dies war nur der Anfang von einem langen Pfad, den sie zu durchschreiten hatte.
